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Demografischer Wandel – lokal gesteuert

«Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.» (Ingeborg Bachmann 1959; Rede anlässlich des Hörspielpreises der Kriegsblinden)

«Was alle angeht, können nur alle lösen.» (Friedrich Dürrenmatt 1966; 21 Punkte zu den Physikern; in: Theater-Schriften und Reden, Arche Verlag Zürich, S. 194)

Inhaltsverzeichnis

Demografie ist wieder aktuell

Stoppt Migration den demografischen Wandel?

Alterung ist nichts für Feiglinge

Alterung und soziale Ungleichheit

Demografie und Arbeitsmarkt

Alles wird anders, nichts ist gut

Schuldesaster und andere Katastrophen

Kommunen in trügerischer Sicherheit

Abenteuer Demografie

Der demografische Wandel ist mitten in der Gesellschaft angekommen

Paradigmenwechsel

Die Zeit ewigen Wachstums ist vorbei

Das Ende der alten Lokalpolitik

Begriffsbestimmungen

Demografischer Wandel

Bevölkerungsfortschreibung

Bevölkerungsstatistik

Bevölkerungsentwicklung

Bevölkerungsbilanz

Bevölkerungsanalysen

Demografische Trends

Bevölkerungsvorausberechnung

Demografie und Infrastruktur

Essentials zur Demografie

Demografischer Wandel ist Realität

Das Ende der Gleichwertigkeit?

Schrumpfung akzeptieren, keine Babygratifikationen

Nicht abwarten: Infrastruktur optimieren

Neupositionierung der Kommunen

Zurück in die Mitte – Warenangebote sichern

Aus Verantwortung Flächen schonen

Vorrang für lokale Generationenpolitik

Partizipation und MIT-KOMM-Strategie

Jugendinteressen wahren

Politik für Ältere und Barrierefreiheit

Menschengerecht statt autogerecht

Nachhaltigkeit und Accessibility

Kooperieren statt kannibalisieren

Bildung als Schlüsselfaktor

Bürger- und Solidargemeinde

Leerstände und Neubaugebiete

Platz da ! Das Abrissprogramm

Revitalisierung im Quartier

Interkommunale Kooperation

Regionalmanagement

Sprengt alte bürokratische Ketten !

Kultur und Identität

Partizipation hat Grenzen

Was Mut macht

Das Thema Demografie ist in Illingen gesetzt

Vom Check zur Tat

Strategie statt Durchwurstelei, Mut statt Furcht

Literatur

Demografie ist wieder aktuell

Alles im Fluss - es gibt auch 2018 keine Kontinuität

Die Demografie ist wieder aktuell. Nachdem es 2016 und 2017 stiller geworden war, weil Politik und Wirtschaft durch steigende Geburtenzahlen und Zuwanderung auf Entspannung an dieser Front hofften, ist das Thema jetzt wieder auf Konferenzen und in öffentlichen Debatten zu finden. Der Geburtenzahlen sind 2017 wieder leicht gesunken. Die Hoffnung vieler Politiker, dass mit einem Babyboom alle Probleme des demografischen Wandels erledigt sind, hat sich nicht erfüllt. Die Zahl der geborenen Kinder war im Jahr 2017 mit rund 785 000 Babys um etwa 7 000 niedriger als im Jahr 2016. Dieser Rückgang geht auf die leicht gesunkene durchschnittliche Kinderzahl je Frau zurück. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, betrug im Jahr 2017 die zusammengefasste Geburtenziffer 1,57 Kinder je Frau. Im Jahr zuvor hatte sie den Wert von 1,59 erreicht. Dabei ist zu beachten, dass es von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedliche Zahlen und Entwicklungen gibt.

Spitzenreiter bei der zusammengefassten Geburtenziffer war Brandenburg mit 1,64 vor Thüringen (1,63), Sachsen und Niedersachsen (je 1,62). Am Ende liegen das Saarland und Hamburg mit jeweils 1,51 und Berlin mit 1,48. Es handelt sich dabei um statistische Größen, nicht um reale Zahlen. Deutschlandweit hat sich die Geburtenziffer von 1,39 im Jahr 2011 auf 1,57 im Jahr 2017 erhöht. Allerdings lag sie 2016 noch höher.

Wer annimmt, dass die Zuwanderung bei dieser Entwicklung eine nicht unwesentliche Rolle spielt, liegt richtig. Mit durchschnittlich 2,15 Kindern je Frau lag die Fertilität deutlich höher als bei Müttern mit deutscher Staatsangehörigkeit. Dort waren es statistisch berechnet 1,45 Kinder je Frau. Das ist ein signifikanter Unterschied.

Darüber wird auch politisch sehr intensiv diskutiert.

Es geht um Themen wie Obergrenzen, die die CSU und insbesondere ihr Vorsitzender Horst Seehofer immer wieder gebetsmühlenartig gefordert hatten und die von BILD, WELT, Focus und anderen Medien im Wortsinn multi-medial verviefältigt, dramatisiert und zugespitzt wurden, es geht um Leistungsfähigkeit des Systems, Integrationsbereitschaft, aber auch um Identität.

«Können die Deutschen zur Minderheit im eigenen Land werden?», lautet eine dieser Fragen. Sie gleicht der subtilen Unterstellung von den bald oder irgendwann aussterbenden Deutschen, die schon Birg 2000 in seinem unnachahmlichen Alarmismus gestellt hatte. Frank Schirrmacher und Thilo Sarrazin hatten den Ball aufgenommen. Vor allem in der rechtsnationalen AfD und ihren Anhängern wird der Popanz der angeblichen Überfremdung aufgebaut.

Emotionen waren dem konservativen Teil der Union offenkundig wichtiger als Fakten und rechtliche Zulässigkeit (Grundgesetz, internationale Abkommen).

Der Anteil der ausländischen Bevölkerung lag am 31. Dezember 2017 bei 12,8 Prozent. In absoluten Zahlen waren dies 10,6 Millionen der 82,7 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner der Bundesrepublik Deutschland. Dieser Anteil hatte sich von 1996 bis 2012 nur wenig verändert. In dieser Zeit schwankte er stets zwischen 8,1 und 8,9 Prozent. 2014 stieg er erstmals über die 10-Prozent-Marke, erreichte am Jahresende 2016 insgesamt 12,1 Prozent und wurde Ende 2017 mit 12,8 Prozent errechnet.

Daran lässt sich leicht ablesen, dass die deutsche Bevölkerung mit 87,2 Prozent eine überwältigende Mehrheit der Gesamtbevölkerung darstellt. Das spricht klar gegen die Vermutung, dass die Deutschen zur Minderheit im eigenen Land werden. Die entsprechende Frage und die darin implizierte Bedrohung erscheinen abwegig.

Allerdings hat die Zuwanderungsdynamik in der zweiten Dekade der 2000er Jahre erheblich zugenommen. 3,7 Millionen Menschen sind seit 2014 nach Deutschland eingewandert. Das waren pro Jahr rund 615.000 Menschen. Die Spitzenwerte wurden 2014 und 2015 mit 955.000 und 931.0 Zuwanderern erreicht. 2017 ging die Zahl auf 585.0 zurück. Sie lag aber immer noch mehr als doppelt so hoch wie in den Jahren zuvor. Man muss dies aufmerksam beobachten. Der Blick in die fernere Zukunft ist aber allenfalls ein Blick in die Glaskugel der Wahrsagerinnen.

Seriöse Wissenschaftler können keine langfristigen Prognosen über den künftigen Ausländer-Anteil in Deutschland abgeben, da die Variablen dies nicht zulassen. Es gibt auch nicht die eine statistische Größe für ganz Deutschland. Sie schwankt je nach Region und Stadtgröße gewaltig. Es gibt tatsächlich Großstadt-Kieze, in denen die Deutschen zur Minderheit im eigenen Land werden können. Von den 10,6 Millionen Ausländern in Deutschland sind rund 84 Prozent zugewandert und 16 Prozent in Deutschland geboren. Fakt ist, dass sich die Zuwanderung nach 2012 deutlich beschleunigt hat. Bei ungebremster Dynamik könnten sich die Anteile in den nächsten vier Jahrzehnten deutlich verschieben.

Nach den Änderungen der Zuwanderungsgesetze hat sich die Lage allerdings weitgehend normalisiert. Die Gefahr der Ungleichgewichte besteht allerdings in Großstädten wie Berlin, die wie Magneten wirken. Hier ist auch eine hohe demographische Dynamik zu erkennen. Trotzdem ist nicht zu erwarten, dass die Deutschen zur Minderheit im eigenen Land werden.

Wer politisch wirksam reagieren will, muss das jetzige System durch ein qualifiziertes quotiertes Einwanderungsrecht ablösen, das allen verfassungsrechtlichen Voraussetzungen entspricht. Auch wenn die Deutschen auf lange Sicht nicht zur Minderheit im eigenen Land werden, gibt es doch Alarmsignale in deutschen Großstadtvierteln, in denen deutsche Kinder in den jeweiligen Grundschulen in der Minderheit sind.

Es ist auch wichtig zu wissen, dass die statistischen Zahlen der Zuwanderung anders als die Bevölkerungszahlen mit Vorsicht zu genießen sind.

Einerseits gibt es gravierende Abweichungen zwischen der Bevölkerungsfortschreibung, deren Grundlage der Mikrozensus ist, und dem Ausländerzentralregister. Andererseits stehen der Zuwanderung auch Abwanderungen und Abschiebungen gegenüber. 2017 sind rund 416 000 Personen mehr nach Deutschland zugezogen als aus Deutschland fortzogen. 2016 hatte der Wanderungsüberschuss mit dem Ausland rund 500 000 Personen betragen. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, gab es 2017 insgesamt 1 551 000 Zuzüge und 1 135 000 Fortzüge über die Grenzen Deutschlands. 2016 waren es 1 865 000 Zuzüge und 1 365 000 Fortzüge gewesen.

Darüber hinaus gab es administrative Probleme, die das Statistische Bundesamt so beschreibt: „Die Ergebnisse der Wanderungsstatistik und als Folge die Entwicklung des Bevölkerungsstandes ab Berichtsjahr 2016 sind aufgrund methodischer Änderungen, technischer Weiterentwicklungen der Datenlieferungen aus dem Meldewesen an die Statistik sowie der Umstellung auf ein neues statistisches Aufbereitungsverfahren nur bedingt mit den Vorjahreswerten vergleichbar. Einschränkungen in der Genauigkeit der Ergebnisse 2016 und der unterjährigen Ergebnisse 2017 können zum einen aus Problemen bei der melderechtlichen Erfassung von Schutzsuchenden resultieren, zum anderen aus Folgeproblemen der technischen Umstellungen der Datenlieferungen aus dem Meldewesen und aus in der statistischen Aufbereitung festgestellten Unstimmigkeiten resultieren. Diese Probleme sind in den Jahresendergebnissen 2017 weitgehend bereinigt.

Stoppt Migration
den demografischen Wandel?

Enttäuschte Hoffnungen – neue Probleme

Seit 18 Jahren wird lamentiert, der demografische Wandel lasse Deutschland schrumpfen und vergreisen. Es war Herwig Birg (2000), der mit seinem Alarmismus («Sterben die Deutschen aus?») die Debatte angeheizt hatte. Frank Schirrmacher «Methusalem-Komplott» und Thilo Sarrazins Traktat «Deutschland schafft sich ab» haben ihren Teil dazu beigetragen, die hysterische Grundstimmung noch zu steigern. Von verschwörungsneurotischen Pamphleten war die Rede. Schirrmacher kam darüber hinaus mit einem Schuss rassismusähnlicher Polemik daher, als er die «gewaltige Jugendwelle der muslimischen Ländern» als Bedrohung für das alternde Deutschland heraufbeschwor.

Seither sind hunderte Monografien und Beiträge erschienen, in denen die demografische Krise analysiert wird. Die Zahl der Leerstände werde massiv zunehmen, die Bevölkerungszahl sinke, Deutschland verliere seine Konkurrenzfähigkeit. Durch Facharbeitermangel entstehe der Wirtschaft ein Schaden von 8 Milliarden Euro, so der Ingenieursverband VDI schon 2011. Mittlerweile ist der Facharbeitermangel zu einem großen Problem gewachsen.

Mit der so genannten Flüchtlingskrise ist zwar einiges anders geworden, aber der Grundtenor bleibt. Der Alarmismus hat sich auf das Thema Migration verschoben, ist heftiger und drastischer geworden, man diskutiert nicht mehr über Leerstände, sondern über «Obergrenzen» der Zuwanderung, «Kontingente», über angebliche Bedrohungen und tatsächliche Belastungen, über Wohnungsknappheit und Kommunalfinanzprobleme. Der Bevölkerungsrückgang ist gestoppt, Deutschland kann gar Zuwächse verzeichnen. Doch damit ist der demografische Wandel nicht gestoppt. Es haben sich nur Teilaspekte verändert. Alterung der Republik und Heterogenisierung sowie regionale Leerstände bleiben als Problem erhalten.

Nadine Körner-Blätgen und Gabriele Sturm haben im rahmen der innerstädtischen Raumbeobachtungen nachgewiesen, dass die Zuwanderung die gesamte demografische Struktur der Stadtbevölkerung beeinflusst. Berlin, München, Hamburg, Frankfurt am Main, Köln, Leipzig, Dresden, Stuttgart, Düsseldorf und Münster gehören zu den besonders stark wachsenden Großstädten. Sie gelten als «junge Schwarmstädte» (empirica 2015).

Nach den offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) dürfte sich die Einwohnerzahl Deutschlands 2015 von knapp 81,2 Millionen am Jahresanfang auf mindestens 81,9 Millionen Menschen am Jahresende erhöht haben. Im Jahr 2017 nahm nach Ergebnissen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) die Gesamtbevölkerung Deutschlands im Vergleich zum Vorjahr um 270.700 Personen (+0,3 %) zu und lag zum 31.12.2017 bei 82,8 Millionen. Damit wurde eine erste Schätzung des Statistischen Bundesamtes vom 16. Januar 2018 bestätigt.

Im Jahr 2017 ist die steigende Einwohnerzahl ausschließlich darauf zurückzuführen, dass 405.000 Personen mehr zuwanderten als abwanderten (Wanderungsüberschuss 2016: +500.000 Personen). Gleichzeitig starben 147.000 Personen mehr als geboren wurden (Geburtendefizit 2016: -119.000 Personen). Infolgedessen fiel das Bevölkerungswachstum insgesamt geringer aus als in den beiden Vorjahren (2016: +346.000 oder +0,4 %; 2015: +978.000 oder + 1,2 %).

In den meisten Bundesländern nahm die Einwohnerzahl zu, absolut gesehen am stärksten in Baden-Württemberg (+71.500), gefolgt von Bayern (+66.500) und Berlin (+38.700). Prozentual gesehen hatten Berlin und Hamburg den höchsten Zuwachs (jeweils +1,1 %). In Sachsen-Anhalt (-13.200 oder -0,6 %), Thüringen (-6.900 oder -0,3 %) und im Saarland (-2.500 oder -0,2 %) gab es hingegen einen Bevölkerungsrückgang. In Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern blieb die Einwohnerzahl nahezu unverändert.

Insgesamt nahm die Bevölkerung im früheren Bundesgebiet (ohne Berlin) um 242.800 Personen zu (+0,4 %), während sie in den neuen Bundesländern (ohne Berlin) um circa 10.700 Personen (-0,1 %) leicht zurückging.

Ende 2017 lebten rund 9,7 Millionen ausländische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger in Deutschland (+5,0 % gegenüber dem Vorjahr) sowie 73,1 Millionen Deutsche (-0,3 % gegenüber dem Vorjahr). Der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung erhöhte sich von 11,2 % im Jahr 2016 auf 11,7 % im Jahr 2017.

Die Zahl der geborenen Kinder war im Jahr 2017 mit rund 785.000 Babys um etwa 7.000 niedriger als im Jahr 2016. Dieser Rückgang geht auf die leicht gesunkene durchschnittliche Kinderzahl je Frau zurück. Laut Destatis betrug im Jahr 2017 die zusammengefasste Geburtenziffer 1,57 Kinder je Frau. Im Jahr zuvor hatte sie den Wert von 1,59 erreicht.

Der Saldo aus Zuzügen aus dem Ausland und Fortzügen ins Ausland konnte bereits in den Jahren 2011 bis 2016 das Geburtendefizit mehr als nur kompensieren.

Der demografische Wandel ist nicht auf die absolute Bevölkerungszahl und die Fertilität zu reduzieren. Auch der Blick auf andere politische Demografie-Folgen ist von großem Interesse. Frevel hat darauf schon 2003 hingewiesen.

Die Zuwanderung sorgt zwar für eine wieder steigende Bevölkerungszahl. Damit steigt aber auch die Auslastung der Kitas und Schulen, was zu neuem Investitionsbedarf in Kinderbetreuung und Bildungspolitik führt. (Körner-Blätgen & Sturm 2016, 21). Mehr noch zwingt die Zuwanderung Bund, Länder und Gemeinden, Geld für Integration, Bildung, Wohnraumversorgung, Soziales und Arbeitsmarkt auszugeben. Diese Ressourcen sind bisher nicht vorhanden. Die Kommunen klagen über unzureichende Ausstattung und fordern die Einhaltung des Konnexitätsprinzips. Das klingt nicht nur plausibel, es ist auch verfassungsrechtlich geboten.

Ob die Flüchtlinge ihren Aufenthaltsort auf Dauer in den jeweiligen Bundesländern und Gemeinden behalten werden, ist ungewiss. Fluktuation ist jetzt schon überall in der Republik feststellbar. Sie wird vermutlich noch zunehmen, wenn es keine Residenzpflicht geben wird. Die Ausdifferenzierung der Lebensstile und die hohe Attraktivität und Mobilität in den großen Schwarmstädten führt dazu, dass das Zusammenleben schwieriger wird.

Die wachsende ethnische Heterogenität hat Auswirkungen auf das Alltagsleben. Was «für die einen anziehend wirkt», bereitet «den anderen Unbehagen» (Körner-Blätgen & Sturm, 21). So werden die Großstädte «einerseits zur Ideenschmiede für Innovationen verschiedenster Art und andererseits zum Unsicherheit verbreitenden Dschungel» (Körner-Blätgen & Sturm, 21). Sozialwissenschaftler verlangen deshalb mehr Kommunikation (Bereitschaft und Fähigkeit), «Zeit, zuzuhören und verstehen zu wollen» (Körner-Blätgen & Sturm, 21), die Aufwertung des soziokulturellen Potenzials gegenüber dem ökonomischen Potenzial, um Fairness und Gleichwertigkeit zu erreichen, sowie «sozialpolitische Instrumente, die eine Spaltung der Stadtgesellschaft verhindern» (Körner-Blätgen & Sturm, 21).

Das klingt normativ unproblematisch, ist aber im Alltag schwierig. Das führt wiederum zu Konfliktpotenzial.

Darum müssen sich die Kommunen kümmern. Sie stehen nahezu allein auf weiter Flur, können es sich aber nicht leisten, die Fragen zu vernachlässigen.

Das bedeutet, dass Menschen mit Migrationshintergrund eine zunehmende Rolle auf lokale Policies haben werden (König 2011). Erhöhte Zuwanderung erfordert einen Paradigmenwechsel mit deutlich verstärkten Integrationsbemühungen. Die jetzigen Aktivitäten reichen bei weitem nicht aus. Das Problem ist derzeit ungelöst.

Den demografischen Wandel kann Zuwanderung nicht stoppen, sondern allenfalls in Teilbereichen abmildern, während an anderer Stelle neue, zum Teil massive Probleme virulent werden. Parteien wie die AfD haben die Zuwanderung als Vehikel genutzt, um die Gesellschaft zu radikalisie-ren. Die Politik der CSU war Wasser auf die Mühlen der Radikalen, die sich durch CSU-Chef Seehofer offenkundig noch ermuntert fühlten. Das hatte gravierende Auswirkungen. In Teilen Deutschlands muss man Sorgen um die Demokratie und das Gemeinwesen haben, weil Politiker Fremdenfeindlichkeit schüren, um Wählerstimmen zu fangen.

Das sind Rattenfängermethoden.

Zwischenfazit:

Migration kann den demografischen Wandel nicht stoppen. Der Bevölkerungsrückgang ist zwar gestoppt, Deutschland kann gar Zuwächse verzeichnen. Doch damit ist aber der demografische Wandel nicht gestoppt. Es haben sich nur Teilaspekte verändert. Alterung der Republik und Heteroge-nisierung sowie regionale Leerstände bleiben als Problem erhalten.

Literatur

BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (Hrsg.), 2015b: Informationen aus der vergleichenden Stadtbeobachtung: Internationale Migration in Großstädte. BBSR-Analysen KOMPAKT 11/2015. Bonn.

Birg, Herwig (2000): Sterben die Deutschen aus? Interview mit Spiegel online am 6.1.2000.

Frevel, Bernhard (Hrsg.) (2003): Herausforderung demografischer Wandel. Perspektiven der Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Frevel, Bernhard (Hrsg.) (2013): Herausforderung demografischer Wandel. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Heimann, Karsten (2014): «Demografischer Wandel setzt uns unter Druck“. In: VDI Nachrichten 2014, Ausg. 22 v. 30.5. 2014.

Initiative Fachkräfte (o.J.): Der Demografische Wandel und der Fachkräftemangel – Eine besondere Herausforderung für Deutschland. https://www.inifa.de/demografischewandel/

König, Armin (2016): Demografischer Wandel – lokal gesteuert: Ein Erfahrungsbericht. Tredition.

König, Armin (2014): Demografie kompakt. Illingen: Edition Kerpen.

König, Armin (2011). Bürger und Demographie: Partizipative Entwicklungsplanung für Gemeinden im demografischen Wandel. Merzig: Gollenstein.

Körner-Blätgen, Nadine, & Sturm, Gabriele (2016): Wandel demografischer Strukturen in deutschen Großstädten (Informationen aus der vergleichenden Stadtbeobachtung). Bonn, 2016, 24 S., (BBSR-Analysen KOMPAKT). Array.

Körner-Blätgen, Nadine; Sturm, Gabriele, 2015: Deutsche Großstädte im Netz internationaler Wanderungen. Stadtforschung und Statistik, 28. Jg. (2), S. 2-7.

Kolb, Holger (2003): Migration. Einwanderungspolitik und demografische Entwicklung. In: Frevel, Bernhard (Hrsg.): Herausforderung demografischer Wandel. Perspektiven der Gesellschaft. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. S. 42-56.

Koppel, Oliver/Plünnecke, Axel (2010): Fachkräftemangel in Deutschland : bildungsökonomische Analyse, politische Handlungsempfehlungen, Wachstums- und Fiskaleffekte. Köln: DIW.

Schirrmacher, Frank (2004): Das Methusalem-Komplott. München: Blessing.

Alterung ist nichts für Feiglinge

Ein Berg von Problemen – überforderte Gesellschaft

Zu den schwierigsten Themen neben der Migration gehört die Alterung der Bevölkerung. Die Zahl der alten und sehr alten Menschen nimmt weiter zu. So zählt die rheinlandpfälzische Landeshauptstadt Mainz mittlerweile mehr als 10.000 Menschen, die älter als 80 Jahre sind. Die Tendenz ist weiter steigend. Das macht deutlich, dass auch in Zeiten der Migration Demografie ein Megathema ist, denn auf die kollektive Alterung der Bevölkerung (Naegele 2010, 98) sind weder die Städte und Gemeinden in der Kommunalpolitik noch die Institutionen der Gesundheits- und Rentenpolitik ausreichend vorbereitet. Ein neues Zauberwort ist Resilienz. Es bezeichnet die Fähigkeit, nach Niederlagen neu anzufangen, nach Tiefschlägen weiterzumachen und sich nicht unterkriegen zu lassen. Sabine Wadenpohl plädiert dafür, «Strategien zu entwickeln, die geeignet sind, Widerstandsfähigkeit, Wohlbefinden und Gesundheit zu fördern» (2016, 73). Sie geht davon aus, dass die Anzahl demenziell erkrankter Menschen in den nächsten Jahren weiter ansteigen wird – eine Prognose, die auch in den Gesundheitsministerien der Länder und des Bundes geteilt wird.

«Dass die pflegenden Angehörigen älter werden, was bedeutet, dass die ‹pflegenden Kinder› zur Gruppe der ‹jungen Alten› gehören, und Menschen im (hohen) Alter die Betreuung und Pflege ihrer demenziell erkrankten Partner und Partnerinnen übernehmen» (Wadenpohl 2005), ist mittlerweile in vielen deutschen Kommunen festzustellen. Dies wirkt sich auch auf die Berufstätigkeit aus: Unternehmen der freien Wirtschaft, Selbstständige und Öffentlicher Dienst registrieren immer häufiger, dass insbesondere Mitarbeiterinnen Aufgaben der innerfamiliären Pflege übernehmen und damit in Stresssituationen geraten, denen sie nicht immer gewachsen sind. Andererseits stellt die Resilienzforschung fest, «dass alte und hochaltrige Menschen trotz vielfältiger Einschränkungen ein erstaunlich hohes Maß an Wohlbefinden und Zufriedenheit aufweisen.» (Wadenpohl 2005)

Von ganz besonderer Bedeutung sind die Person-Umwelt-Beziehungen sowie der kommunikative Austausch im unmittelbaren Bezugsfeld.

«Das unmittelbare Wohnumfeld wird umso bedeutsamer, je stärker andere räumliche Kontexte wegfallen oder brüchig werden. Durch die mit dem Alter zunehmende Begrenzung der Aktions- und Handlungsspielräume werden alternde Menschen immer stärker auf ihren sozialen Nahraum verwiesen, der zum zentralen Ort der Lebensgestaltung wird. Er erhält damit wachsende Bedeutung für Wohlbefinden, Lebensqualität und Teilhabe.» (Kricheldorff & Oswald 2015, 399)

Über soziale Netzwerke und neue Gemeinschaftsformen können «sorgende Kommunen und lokale Verantwortungsgemeinschaften« (Kricheldorff, Klott & Tonello 2015) dazu beitragen, nicht nur das gute Zusammenleben im Quartier zu garantieren, ...

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