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Dem siebten Himmel so nah

1. KAPITEL

Eigentlich war nichts dagegen einzuwenden, den Tag unter einem blau-weiß-gestreiften Sonnenschirm auf einer kleinen griechischen Insel zu verbringen. Serena Comino jedoch saß bereits seit fünf Monaten jeden Tag unter diesem einen Sonnenschirm am Strand, wo sie Vespas an Touristen vermietete, und inzwischen hatte sie wirklich genug davon.

Die zugegeben prächtige Aussicht war immer dieselbe. Zwar kamen mit jeder Fähre neue Touristen, doch sie wollten immer das Gleiche: baden, am Strand liegen, eine Vespa mieten, essen …

Jeden Tag.

Seit fünf Monaten.

In einem Monat würde sie nach Australien zurückkehren. Nach Australien, ja, aber nicht zurück in den Schoß ihrer Familie! Serena schaukelte mit dem klapprigen Regiestuhl so hin und her, dass er nur noch auf den hinteren Beinen stand, und blickte durch ihre Sonnenbrille in den strahlend blauen Himmel. Vielleicht hatte sich in den letzten fünf Minuten ja doch etwas getan. Eine vorüberziehende Wolke, ein Vogel, ein Flugzeug.

Superman.

Nichts dergleichen.

„Und wem verdanke ich das?“, murmelte sie.

„Deinem Vater“, ertönte eine amüsierte Stimme aus der Richtung des Ziegenpfades hinter ihr. Der alte Pfad schlängelte sich vom Dorfrand durch die Hügel, vorbei an dem weiß getünchten Häuschen ihrer Großeltern, bis zur Straße hinter Serena und den Vespas.

„Traurig, aber wahr.“ Sie wandte leicht den Kopf und schenkte Nico, ihrem Cousin väterlicherseits, also griechischerseits, ein Lächeln. Sie und Nico standen vorübergehend im Dienst ihrer zweiundachtzigjährigen Großeltern. Die brauchten allerdings keine Pflege, denn sie waren bemerkenswert fit. Nein, Serena und ihr Cousin waren hier, um die Geschäfte weiterzuführen, die Pappou um keinen Preis aufgeben wollte. Nicos Arbeitstag begann um vier Uhr morgens auf dem Fischkutter und endete gegen Mittag. Serenas begann um neun, endete um fünf oder sechs, und hatte nichts mit Fisch zu tun. Sie hatte noch Glück gehabt. „Ist es schon Mittag?“

„Wenn du eine Uhr tragen würdest, wüsstest du es.“

„Ich kann keine Uhr mehr tragen“, erwiderte sie. „Früher, als ich ein Leben hatte, mich mit Leuten traf, Dinge zu erledigen hatte, da habe ich eine Uhr getragen. Jetzt wäre es einfach zu deprimierend. Was gibt’s zu essen?“

„Griechischen Salat, Calamari und Gigias Pistazien-Baklava.“

Es sprach also doch etwas für kleine griechische Inseln.

Serena schwang nach vorne, sodass die Vorderbeine ihres Stuhls hart auf den Boden prallten, und drehte sich verwundert um, weil Nico sich nicht wie sonst auf den Stuhl neben ihr setzte.

Er war nicht allein. Neben ihm stand ein hoch gewachsener Mann mit pechschwarzem Haar, Adonis-Körper und unwiderstehlichem Lächeln. Serena betrachtete den Fremden eingehend. Kein Superman, befand sie. Superman war glatt rasiert und adrett. Brav.

Dieser Mann war Superman in verrucht.

„Fliegen Sie?“, fragte sie ihn.

„Ja.“

„Ich wusste es doch. Frauen spüren so etwas.“

„Wovon redet sie?“, sagte er zu Nico. Er hatte eine wunderbare Stimme. Tief. Träumerisch. Belustigt. Australisch.

„Ist doch egal“, entgegnete sie. „Was macht das schon?“ Sie lächelte ihn herausfordernd an. Im Gegenzug nahm er seine Pilotenbrille ab und enthüllte Augen so blau wie der Himmel über ihnen. Beeindruckend. Sie blickte ihn über den Rand ihrer Sonnenbrille hinweg an, um zu prüfen, ob es an den getönten Gläsern lag.

Nein.

„Rena, das ist Pete Bennett. Pete, meine Cousine Serena. Sie hat ein gutes Herz. Zum Kummer meiner Familie ist der Rest reine Sünde.“

„Serena.“ Pete Bennetts Lächeln war lasziv, sehr lasziv, sein Blick abschätzend, aber nicht unverschämt. Superman für böse Mädchen. So jemand kannte die Frauen. Wusste, wie man sie umwarb, wie man sie verführte. Das war ein Pluspunkt. „Interessante Kombination.“

Serenas Lächeln wurde breiter. „So sagt man.“

Seufzend schob Nico die Lunchbox in Serenas Blickfeld, und als auch das ihre Aufmerksamkeit nicht von dem reizenden Pete Bennett ablenken konnte, verstellte er ihr die Sicht.

„Vielen Dank“, sagte sie murrend und griff nach ihrem Essen.

„Aber gern!“ Alles an ihm, sein Blick und sein Tonfall, warnten sie, mit fremden Männern zu flirten, selbst wenn er sie ihr selbst vorgestellt hatte.

Nico war ein echter Grieche, der die Frauen seiner Familie beschützte. Serena war halb Australierin und in Melbourne aufgewachsen, und der Beschützerinstinkt ihres Cousins amüsierte zu gleichen Teilen, wie er sie nervte. „Tja …“ Der Pilot war wohl kaum zum Vergnügen hier, sondern geschäftlich. Sie stellte die Lunchbox neben den Stuhl und stand auf. „Möchten Sie eine Vespa mieten, Pete Bennett?“ Er sah aus wie ein Mann, der Geschwindigkeit liebte. Nicht dass ein 50-Kubikzentimeter-Zweitakter in dieser Hinsicht viel zu bieten hatte. „Ich könnte Ihnen den zweitschnellsten Roller der Insel anbieten.“

„Was ist mit dem schnellsten?“

„Den fahre ich.“

„Er ist nicht an Motorrollern interessiert“, sagte Nico.

„Sondern?“

Pete Bennett beantwortete die Frage selbst. „Ich brauche ein Zimmer.“

„Tomas’ Zimmer“, ergänzte Nico.

Tomas war der Charter-Hubschrauberpilot, der immer im Gästezimmer hinter dem Haus ihrer Großeltern schlief, wenn seine Passagiere auf der Insel übernachten wollten. „Ich habe den Hubschrauber heute Morgen in aller Frühe landen sehen, und er immer noch da“, erklärte Serena. „Vielleicht braucht Tomas das Zimmer.“

„Wohl kaum. Tomas liegt mit doppeltem Beinbruch im Krankenhaus“, sagte Pete. „Ich bin seine Vertretung.“

„Ach.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Dann können Sie wirklich fliegen. In fünfundvierzig Minuten nach Athen. In fünf Stunden nach Rom. Ich bin beeindruckt. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“

„Hab ich doch“, sagte er. Dann wandte er sich zu Nico:

„Wie lang ist sie schon hier?“ „Viel zu lange.“ Ihr Cousin musterte sie mit zusammen gekniffenen Augen. „Sie sollte sich öfter in den Schatten setzen.“

Pete Bennetts Mundwinkel zuckten, und Serena bedachte die beiden Männer ihrerseits mit einem funkelndem Blick. „Der Schatten hat ungefähr die Größe einer Briefmarke. Die Insel hat die Größe eines Briefumschlags. Sie möchte ich sehen, wenn Sie fünf Monate hier sitzen müssten.“

„Ich habe dir angeboten zu tauschen“, sagte Nico. „Ich habe dir angeboten, dass wir uns abwechseln. Ab und zu ein Tag auf dem Boot, aber nein …“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Sie ist die Tochter eines Melbourner Fischhändlers, deren Familie drei Trawler, sechs Läden und zwei Restaurants besitzt, und mag keinen Fisch.“

„Sie essen keinen Fisch?“, fragte Pete Bennett.

„Unsinn“, sagte sie. „Ich mag ihn nur nicht fangen und zubereiten, das ist alles. Ihn ausnehmen, wiegen, entgräten und dergleichen. Essen tu ich ihn gern. Hier gibt es oft Fisch.“ Doch zurück zum Geschäftlichen. „Sie wollen also denselben Deal wie Tomas?“

„Natürlich nur, wenn es Ihnen recht ist“, sagte er. „Nico wollte Sie erst fragen.“

„Es ist mir recht.“ Serena warf ihrem Cousin einen kurzen Seitenblick zu. „Du hättest mich nicht fragen brauchen.“

„Er ist viel jünger als Tomas“, sagte Nico achselzuckend.

Allerdings.

„Und Single“, sagte Nico.

Serena spitzte die Lippen. Das wurde ja immer besser.

„Es könnte Gerede geben. Schließlich sind unsere Großeltern verreist, und ich breche morgens sehr früh auf“, fuhr Nico fort.

Da hatte er nicht unrecht. Der ganze Klatsch und Tratsch auf der Insel waren ihr zutiefst zuwider. Seit sie hier war, hatte sie sich nichts zu Schulden kommen lassen, und dennoch wurde alles, was sie tat oder nicht tat, so kritisch beäugt, als bestehe die Gefahr, dass sie jeden Moment Amok liefe. „Lass sie reden.“ Forschend musterte sie Pete. „Angesichts Ihrer Jugend und meiner gefährdeten Ehre sollten wir den Deal allerdings ein wenig abwandeln. Normalerweise mache ich Tomas’ Bett. Sie können Ihres selbst machen.“

„Oh, wie grausam.“ Pete Bennett wandte sich kopfschüttelnd an Nico. „Hast du nicht gesagt, sie hätte ein gutes Herz.“

„Ich habe gelogen“, murmelte Nico. „Sieh es als Warnung. Frauen sind grausam, grausam wie das Meer und noch gnadenloser. Sie sind alle Sirenen, die unschuldige Männer ins Verderben locken.“

Das war sonst gar nicht Nicos Art. Eigentlich war er ein lieber Kerl, der die Frauen verehrte. Der gute Nico. Nachdenklich musterte Serena ihren Cousin. Eigentlich sah er aus wie immer. Dieselben braunen Augen, dasselbe markante, hübsche Gesicht, derselbe muskulöse Körper. Nur die heimliche Traurigkeit in seinem Blick schien noch tiefer als sonst. „Du hast dich wieder mit Chloe gestritten“, folgerte sie. Chloe führte das größte Hotel der Insel und war der einzige Störfaktor in Nicos ansonsten friedlichem Inseldasein.

„Hast du mich etwa streiten hören?“, wandte Nico sich an Pete.

„Nein“, sagte Pete kopfschüttelnd. „Hab ich nicht.“

„Oje“, sagte sie. „Und worüber genau habt ihr euch nicht gestritten?“

Nico runzelte die Stirn. „Das Übliche.“

Es ging also um Chloes Neffen Sam. Ein brisantes Thema. „Ist es schlimm?“

Nico ließ den Blick über das Meer schweifen. „Der Wind nimmt zu. Ich werde heute Nachmittag wohl mit dem Katamaran raussegeln. Wartet nicht mit dem Abendessen auf mich.“

Also war es schlimm. „Ich hebe dir etwas auf“, sagte sie. „Und vergiss nicht, was zu essen, wenn du nach Hause kommst.“

Diesmal erwiderte Nico ihren Blick, und ein Lächeln umspielte seinen Mund. „Morgen besorge ich dir einen neuen Sonnenschirm. Einen größeren.“

Sie wusste, dass sie sich auf ihn verlassen konnte. „Und was ist mit unserem Piloten? Soll ich ihn bekochen oder ins Dorf schicken?“ Tomas aß immer mit bei ihnen. Vielleicht hatte Pete der Pilot andere Pläne.

„Ich vertraue ihm.“ Nico warf Pete einen warnenden Blick zu. „Ein Gentleman würde meine Gastfreundschaft nicht ausnutzen.“

„Sind Sie denn ein Gentleman, Pete Bennett?“, wandte Serena sich an ihr Gegenüber.

„Ich kann einer sein“, sagte er, wieder mit diesem lasziven Grinsen, das ihr den Atem verschlug.

„Ich werde mich dezent kleiden“, scherzte sie. Ob Gentleman oder nicht, sie freute sich auf das Essen mit ihm.

„Da bin ich Ihnen wirklich dankbar“, murmelte er.

„Wir essen um sieben“, sagte sie, als zwei mögliche Kunden in der Ferne auftauchten und auf sie zukamen. „Die Küchentür liegt auf der anderen Seite des Hofes, genau gegenüber von Ihrem Zimmer. Der Picknicktisch im Hof ist das Esszimmer.“ Sie lächelte ihm zum Abschied zu, und während sie den Touristen entgegenging, versuchte sie herauszufinden, woher sie kamen. Ihre Markensandalen in Mercedes-Qualität verrieten sie. „Sicher Deutsche“, murmelte sie.

„Holländer“, hörte sie Superman hinter sich.

Sie würden es gleich wissen. „Yassou, guten Tag, goedendag“, begrüßte sie das Pärchen aufgeräumt.

„Goedendag“, erwiderten die beiden, Holländer durch und durch bis zu den deutschen Sandalen.

Mist.

Pete Bennett richtete sich in der Einliegerwohnung hinter dem Häuschen mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes ein, der viel unterwegs war und keinen festen Wohnsitz hatte.

Australien war sein Zuhause, keine Frage. Dort war er geboren und aufgewachsen. Mit Australien verbanden ihn seine Erinnerungen, gute, schlechte und tragische. Doch er hätte nie zugegeben, dass die Erinnerungen ihn aus Australien vertrieben hatten.

Er sprach lieber von Abenteuerlust.

Pete wusch den Schmutz des Tages unter einer lauwarm tröpfelnden Dusche ab und zog lässige Khaki-Hosen und ein weißes T-Shirt an. Wenn diese anbetungswürdige Frau sich dezent kleidete, konnte er das auch. Außerdem hatte er sowieso nichts anderes dabei. Er sah auf die Uhr – kurz vor sieben –, schnappte sich das feuchte Handtuch vom Bett und trat nach draußen, wo zwischen zwei Stangen eine Wäscheleine gespannt war.

Eine Bewegung am Rand des grasbewachsenen Hofes verriet ihm, dass er nicht allein war. Ein kleiner Junge mit schwarzem Haar, großen Augen und einem schmalen, ausgemergelten Gesicht stand in der hintersten Ecke des Gartens. Derselbe Junge, den Nico vorhin am Hafen unter seine Fittiche genommen hatte, ehe die aufgebrachte Chloe aufgetaucht war. „Nico ist nicht hier“, sagte er zu dem Jungen.

„Macht nichts“, sagte der Junge achselzuckend und schob die Hände in die Taschen seiner zerschlissenen Badeshorts. „Ich habe Sie gesucht.“

Pete warf das Handtuch über die Leine und befestigte es mit einer Wäscheklammer, während er sich fragte, was der Kleine ausgerechnet von ihm wollte. Früher oder später würde er schon damit herausrücken. Oder er würde einfach wieder dorthin verschwinden, wo er hergekommen war. „Du hast mich gefunden.“

„Sie haben ja gesehen, was vorhin los war“, sagte der Junge nach einer verlegenen Pause. „Ich dachte, vielleicht können Sie mal mit meiner Tante reden.“ Das Wort Tante klang aus seinem Mund, als verübelte er ihr das Verwandtschaftsverhältnis mit jeder Faser seines Körpers. „Sie wissen schon …“, fuhr das Kind fort, als er schwieg. „Chloe. Es ist doch nichts Schlimmes dabei, dass ich beim Fischen mithelfen möchte. Sie sollte sich freuen, dass ich selbst Geld verdienen will.“

„Wie alt bist du, Junge?“

Das Kind runzelte die Stirn. „Elf.“

Er war klein für einen Elfjährigen. Doch die Augen waren älter. Pete dachte an die temperamentvolle Chloe, die den armen Nico am Nachmittag zur Schnecke gemacht hatte, nachdem sie Zeugin davon geworden war, wie der Jungen beim Entladen des Tagesfangs half. Er erinnerte sich, wie stoisch Nico geschwiegen, wie verschwörerisch er dem Jungen zugezwinkert hatte. „Warum sollte deine Tante auf mich hören?“ Und warum machte sie ihm Vorschriften und nicht seine Eltern? „Ich bin ein Fremder.“

Das Kind zuckte mit den Schultern. „Warum nicht?“

„Warum bittest du nicht Nico, mit ihr zu reden. Er kennt dich. Er kennt dich und deine Tante.“ Und die Hintergründe. „Ich nehme an, du willst auf Nicos Boot arbeiten?“

Der Junge nickte. „Sie hört nicht auf Nico. Sie meckert nur mit ihm rum.“

Das hatte er gesehen.

„Sie dagegen … Sie sind neutral.“

„Stimmt genau.“

„Vielleicht hört sie auf einen Außenstehenden.“

Pete fuhr sich mit der Hand über den Nacken und hoffte, der Himmel würde ihm einen Hinweis darauf geben, wie er sich am besten verhalten sollte. Der Junge erinnerte ihn an seinen kleinen Bruder nach dem Tod ihrer Mutter. Er hatte dieselbe Mischung aus Trotz und Verletzlichkeit ausgestrahlt, und das rührte Pete und weckte Erinnerungen, die er am liebsten vergessen hätte. „So wie ich es sehe, solltest du erst noch ein paar Jahre zur Schule gehen.“

Der Junge blickte finster drein.

„Vielleicht kannst du deiner Tante vorschlagen, dass du in deiner Freizeit auf dem Boot helfen darfst. Du bist doch nicht auf den Kopf gefallen.“

„Vielleicht.“

„Sag ihr, du gehst nächste Woche brav zur Schule – kein Schwänzen zur Mittagszeit, wenn die Boote einlaufen –, wenn sie dich nächstes Wochenende für Nico arbeiten lässt. Wenn er damit einverstanden ist. Du sagst deiner Tante, du hättest noch nicht mit ihm darüber geredet, kapiert? So hältst du seinen Kopf aus der Schlinge.“

„Kapiert“, sagte der Junge.

„Andererseits kann Nico wahrscheinlich auf sich selbst aufpassen, also mach dir keinen Kopf, wenn sie glaubt, das sei auf seinem Mist gewachsen. Er wird es genießen, ihr zu erzählen, dass er nichts damit zu tun hat.“ So. Er hatte getan, was er konnte. Mehr als er je vorgehabt hatte.

„Tja, also …“ Der Junge blickte verlegen zur Seite. „Vielen Dank.“

„Gern geschehen.“

Pete sah dem Jungen nach, als er den felsigen Hang zum Dorf hinab verschwand. „Hey Junge …“ Der Junge kam schlitternd zum Stehen und sah sich um. Zögernd, misstrauisch und so verdammt verletzlich, dass es Pete schier das Herz brach. „Ich bin in den nächsten Wochen öfter hier. Lass mich wissen, wie es läuft.“

Der Junge nickte, dann war er verschwunden.

Pete war noch einige Schritte von seiner Unterkunft entfernt, als er Serenas Blick auf sich spürte. Noch einen Schritt später entdeckte er sie in der Küchentür, halb verborgen von der Fliegentür. „Sie können jetzt rauskommen“, sagte er und reckte den Kopf in ihre Richtung. „Sie hätten uns ruhig Gesellschaft leisten können.“

„Was? Und Ihre gute Arbeit zunichte machen? Auf keinen Fall!“ Lächelnd und ohne einen Anflug von Schuldbewusstsein trat sie aus der Küche, die pure Versuchung, von den Spitzen ihrer nackten Füße über den weißen Volantrock, das ärmellose rosa Stretchtop, das mehr zarte Haut entblößte aus bedeckte, bis zur schokoladenfarbenen Lockenpracht, die ihr bis zur Taille reichte. Pete Bennett kannte viele Frauen, sehr viele Frauen. Schöne, geistreiche, intelligente Frauen, doch keine hatte je einen derart ungetrübten Sexappeal und so eine schwindelerregende Wirkung auf ihn gehabt wie die hübsche Brünette, die vor ihm stand. Sie flanierte – es gab kein anderes Wort dafür – zu einem kleinen silbernen Wasserhahn im Garten und begann Wasser in den darunter stehenden Eimer zu füllen, ehe sie ihm durch ihre langen, dunklen Wimpern einen Seitenblick zuwarf. „Er heißt Sam.“

Pete nickte. „Und wo ist sein Vater?“

„Auf seiner Geburtsurkunde steht: Vater unbekannt.“

„Und seine Mutter?“

„Sie starb vor einem Jahr in einem Wohnheim in Athen an Hepatitis C. Soweit wir wissen, hat Sam sich ganz allein um sie gekümmert.“

Das war hart. Verdammt hart für ein Kind. „Ist diese Chloe, die ihn heute Nachmittag am Hafen abgeholt hat, seine richtige Tante?“

„Ja.“

„Und wo war sie, als ihre Schwester krank wurde?“

„Sie klingen ziemlich voreingenommen.“

„Vielleicht bin ich das“, sagte er sanft. Kein Wunder, bei der Geschichte.

„Ich mag es, wenn ein Mann Gefühle zeigt.“

„Wir wollen doch nicht übertreiben“, sagte er trocken. Serena drehte den Wasserhahn zu, nahm den Eimer und schlenderte zu einem Kräuterbeet neben der Küchentür. „Chloe war hier und hat das Hotel geführt. Sie hatte seit anderthalb Jahren nichts von ihrer Schwester gehört.“

„Dann standen sie sich wohl nicht sehr nahe.“

„Sie sind schon wieder voreingenommen“, erwiderte sie.

„Na ja.“

„Aber das gefällt mir an Ihnen.“ Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Wo war ich stehen geblieben?“

„Bei Tante Chloe.“

„Ach ja. Laut Chloe verschwand ihre Schwester vor etwa zwölf Jahren nach Athen. Von den Eltern verstoßen und im dritten Monat schwanger. Da war sie sechzehn. Chloe war damals dreizehn und versuchte zu vermitteln. Vergeblich. Ihre Eltern blieben hart, und ihre Schwester wollte weder Chloes Mitleid noch ihre Ersparnisse. Die Familie zerbrach.“

„Wie kam der Junge hierher?“

„Chloes Schwester hatte sie als nächste Verwandte angegeben.“ Serena zuckte die Schultern. „Chloe liebt Sam, aber sie wird nicht mit ihm fertig. Sein Leben lang wurde Sam zurückgewiesen, er ist voller Misstrauen gegen die ganze Welt. Er hat einen starken Unabhängigkeitsdrang. Sie dagegen ist überbesorgt. Sie will ihn auf keinen Fall enttäuschen. Die beiden geraten ständig aneinander.“

„Und was hat Nico damit zu tun?“

Serena kicherte. Während sie den Kräutern Wasser gab, hellte ihre Miene sich auf. „Der ist zwischen die Fronten geraten: zwischen einen Jungen, der unbedingt erwachsen werden will, und eine Frau, in die er über beide Ohren verliebt ist.“

Pete fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar. „Kein Wunder, dass er segeln gegangen ist.“

„Sie unterschätzen meinen Cousin. Ich wette, noch bevor der Sommer zu Ende ist, gehören die Herzen der beiden ihm.“

„Das wäre schön.“ Und sie war es auch. „Verraten Sie mir, was Sie heute tragen würden, wenn es sich nicht um ein rein platonisches Abendessen handelte?“

„Auf jeden Fall Lippenstift.“

Den brauchte sie nicht.

„Und wahrscheinlich ein Kleid.“

„Schulterfrei?“

Unbedingt.

„Kurz?“

„Nein. Eher etwas Längeres. Bis kurz übers Knie. Ein edles Kleid.“

„Welche Farbe?“

„Für Sie? Blau. Damit Sie bei meinem Anblick an etwas denken, das Sie lieben. Den Himmel.“

„Sie sind gut“, sagte er bewundernd.

„O ja, das bin ich.“ Und ihr Lächeln gab ihr recht. „Und Sie? Wohin hätten Sie mich ausgeführt, wenn es sich nicht um ein rein platonisches Abendessen handeln würde?“

„Wohin ich Sie ausführen würde?“ Da brauchte er nicht lange überlegen. „Zum Trevi-Brunnen in Rom. Ich würde Ihnen ein Eis kaufen und Ihnen einen glänzenden Penny geben, damit Sie ihn in den Brunnen werfen und sich etwas wünschen können. Und dann würden wir spontan in eine kleine Trattoria oder ein elegantes Restaurant gehen und alle im Raum, mich selbst eingeschlossen, würden Gott von ganzem Herzen für bildschöne Sirenen in himmelblauen Kleidern danken.“

„Sie sind aber auch nicht schlecht“, erklärte sie sehnsüchtig.

„Danke. Man tut, was man kann.“

„Das kann man wohl sagen“, murmelte sie und stellte den Eimer zurück unter den Wasserhahn. „Sie interessieren mich. So viel steht fest. Nur eines verstehe ich nicht ganz. Etwas, das nicht zu Ihrem sorglosen und äußerst anziehenden Image passt.“ Sie sah ihn neugierig an. „Was Sie zu Sam gesagt haben … Wie Sie zugehört und ihm geholfen haben … Wie Sie ihn gebeten haben, wiederzukommen.“ Sie drehte sich um und ging zurück zur Tür, mit einem Hüftschwung, der ihn völlig aus dem Konzept brachte. „Das war nett.“

2. KAPITEL

NETT? Nett? Man hatte Pete Bennett schon so einiges vorgeworfen, besonders die Frauen, die ebenso schnell kamen, wie sie wieder gingen, aber nett war noch nicht dabei gewesen. Es hörte sich irgendwie nicht nach einem Kompliment an. Na ja, er konnte schon gelegentlich nett sein. Daran war ja auch nichts auszusetzen. Aber irgendwie klang nett zu sehr nach ernsten Absichten. Und die hatte er keinesfalls.

Nein. Er musste dieser anbetungswürdigen Frau unbedingt jegliche Illusion nehmen, dass er nett sei. Er lockerte die Schultern, um sich von dem Zauber zu befreien, in den sie ihn versetzt hatte und der ihm noch immer die Sinne vernebelte, und folgte ihr in die Küche.

Die Küche bestand aus Kühlschrank, Spüle, einer Regalwand voll frischer Lebensmittel und einem kleinen Tisch. Schlicht, gemütlich und – wie Serena fand – ganz dem Essen gewidmet. Sie hatte vorhin ein großzügig mit Knoblauch und Oregano gewürztes Hühnchen in den Ofen geschoben, sowie ein halbes Dutzend Kartoffeln mit Salzkruste. Ein knuspriges Brot und ein Salat standen auf dem Tisch bereit. Serena stammte aus einer Familie von Köchen, Gastronomen und Feinschmeckern. Kochen war zwar nicht ihre Leidenschaft, aber in ihrer Familie galt es als unentschuldbar, wenn jemand nicht gut kochen konnte.

Pete war ihr in die Küche gefolgt und lehnte im Türrahmen. Nach dem gefährlichen Glitzern in seinen Augen zu urteilen, hatte er seine Nettigkeiten für heute aufgebraucht. Und das war Serena nur recht. Nett war sicher ein Pluspunkt, aber sexy, amüsant und kurzweilig reichten ihr völlig.

„Vielleicht finden Sie mich neugierig“, sagte er, „aber wenn Sie keine Lust haben, Vespas zu vermieten, warum tun Sie es dann?“

„Für die Familie“, murmelte sie, nahm ein Stück Feta aus dem Kühlschrank und legte es neben ein höllisch scharf aussehendes Küchenmesser auf den Tisch. „Alle Enkelkinder absolvieren hier eine sechsmonatige Schicht. Jetzt bin ich eben dran.“

„Was passiert, wenn alle Enkelkinder durch sind? Geht es dann wieder von vorn los?“

„Rein theoretisch sind dann die Urenkel an der Reihe. Bedauerlicherweise ist der älteste derzeit sechs, und Nico und ich sind die letzten Enkelkinder. Ich glaube, alle haben gehofft, dass wenigsten einer von uns sich in die Lebensart hier verlieben und für immer bleiben würde. Vielleicht ja Nico“, sagte sie nachdenklich.

„Sie nicht?“

„Nein. Noch ein Monat, dann bin ich weg.“

„Wohin?“

„Nun ja, das richtet sich nach den Jobs.“ Und ihren Chancen, diese zu ergattern. „Ich bin Fotografin. Studiert habe ich aber Sprachen und im Nebenfach Politik.“

Er schien nicht überrascht. Wegen ihres hübschen Gesichts glaubte man leicht, sie stehe auf der anderen Seite der Kamera. Und so mancher fand, bei ihrem Körper sei Köpfchen überflüssig. „Im Moment arbeite ich an einer Postkarten-Serie für die griechische Tourismusbehörde, aber wenn ich meine Pflicht hier getan habe, würde ich gern als Fotojournalistin für eine ...

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