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Dem großen Glück so nah

1. KAPITEL

Was hatte sie sich da nur vorgenommen?

Molly Stewart Bailey konnte das Gefühl der Übelkeit, das sie plötzlich erfasste, keinen Moment länger ignorieren und fuhr auf die Standspur der Autobahn. Schnell sah sie nach, ob die plötzliche Bewegung ihren Sohn Trent geweckt hatte, der auf dem Rücksitz eingeschlafen war und dessen Kopf dabei nach vorne gesunken war. Eine Sekunde lang dachte Molly daran, aus dem Auto zu steigen und Trent bequemer hinzusetzen.

Sie verwarf den Gedanken, da der Verkehr in einem irrsinnigen Tempo an ihr vorbeisauste, und in ihrem verzweifelten Zustand bestand die Gefahr, dass sie dabei überfahren wurde. Aber sie hielt kurz inne und betrachtete ihren Sohn, der ihr mit seinem dunkelbraunen Haar, den dunkelblauen Augen und den fein geschnittenen Zügen sehr ähnlich sah.

Ein Freund hatte Molly einmal gesagt, dass sie zu den wenigen Menschen auf der Welt gehörte, in deren Gesicht alles an seinem richtigen Platz war. Normalerweise musste sie lächeln, wenn sie daran dachte.

Heute war das nicht so. Sie war viel zu durcheinander, und vielleicht war es deshalb im Moment so schwer für sie, sich auf etwas anderes als ihr Kind zu konzentrieren.

Das Einzige, was er von seinem Vater hatte …

Molly wehrte den Gedanken hastig ab. Jetzt war wirklich der ungünstigste Moment, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Es kostete sie sowieso schon sehr viel Überwindung und allen Mut, den sie aufbringen konnte, um das zu tun, was sie tun musste. Aber sie hatte keine andere Wahl, und ihre Entscheidung würde Folgen für Molly haben – Folgen, die ihr ganzes Leben verändern würden, und leider nicht zum Besseren.

Aus eben diesem Grund musste sie unter allen Umständen vorsichtig sein und ihr Geheimnis schützen.

Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie so ihre Gedanken ordnen, und fuhr wieder auf die Autobahn. Bald stellte sie fest, dass sie der Ranch der Cavanaughs schon sehr viel näher war, als sie vermutet hatte. Wieder stieg Übelkeit in ihr auf. Ihren Schwur, nie wieder in den Osten von Texas zu fahren, geschweige denn zu diesem ganz speziellen Ort, hatte sie brechen müssen.

Aber wer hätte denn ahnen können, dass ihre Mutter unglücklich fallen und sich so sehr den Rücken verletzen würde, dass sie jetzt ans Bett gefesselt war? Molly unterdrückte einen Seufzer und konzentrierte sich auf ihre Umgebung. Sie konnte allerdings nicht verhindern, ständig daran zu denken, dass sie ihrem Ziel immer näher kam. Nichts konnte sie vergessen lassen, dass sie nach fast fünf Jahren Warren Cavanaugh wiedersehen würde. Molly schauderte. Sie musste ihre Gefühle in den Griff bekommen, sonst würde sie die kommenden Wochen niemals überstehen.

Molly packte das Steuer mit festerem Griff und nahm die letzte Kurve, bevor sie von der Autobahn herunterfuhr und in die lange Schotterstraße bog, die zum Ranchhaus auf dem Gipfel des Hügels führte. Dort angekommen, stellte sie den Motor ab und atmete einige Male tief ein, um ihre Nerven zu beruhigen. Obwohl sie gewusst hatte, dass es nicht leicht werden würde, hatte sie es sich nicht so schwierig vorgestellt. Sie hatte das Gefühl, sie würde bei der leisesten Berührung in die Luft gehen.

Dabei sah ihr das gar nicht ähnlich. Als qualifizierte Krankenschwester war sie eigentlich stolz darauf, selbst in den heikelsten Momenten die Nerven bewahren zu können, weil ihr Beruf es von ihr verlangte. Aber jetzt ging es nicht um ihren Job, sondern um eine sehr persönliche Angelegenheit. Sie würde in kurzer Zeit dem Mann gegenüberstehen, von dem sie gehofft hatte, ihn in ihrem ganzen Leben nie wiederzusehen – dem Mann, der ihr ohne die geringsten Gewissensbisse das Herz gebrochen hatte.

„Hör schon auf, Molly!“, ermahnte sie sich laut und sah dann im Rückspiegel nach Trent. Er schlief immer noch ruhig. Molly runzelte bekümmert die Stirn. In einigen Augenblicken würde sie ihn wachrütteln müssen, was weder ihm noch ihr besonders gefallen würde. Wenn er geweckt wurde, neigte er dazu, ziemlich quengelig zu sein.

Wenn er dann allerdings sah, dass er auf einer Ranch war, würde er sich hoffentlich schnell versöhnen lassen. Molly hatte ihm von den Pferden und Rindern erzählt, die er dort täglich zu sehen bekommen würde. Sie hatte ihm sogar ein neues Paar Cowboystiefel und einen Cowboyhut gekauft, um den Besuch bei seiner Großmutter entsprechend zu würdigen.

Trent hatte darauf bestanden, heute sein neues Outfit zu tragen. Molly musste lächeln, wenn sie daran dachte, wie er mit einem glücklichen Grinsen im Gesicht im Haus herumstolziert war und jede Gelegenheit genutzt hatte, sich im Spiegel zu bewundern.

Ihr Lächeln verschwand genauso schnell, wie es gekommen war, und sie seufzte wieder. Sie hatte genau vor Warrens Haus geparkt, und einen Moment lang war die Versuchung groß, den Rückwärtsgang einzulegen und sich aus dem Staub zu machen, solange noch Zeit war. Aus den Augen, aus dem Sinn. Aber hier ging es nicht um ihre Wünsche. Molly musste an den sehnsüchtigen Ton in der Stimme ihrer Mutter denken. Bei diesem Besuch ging es um ihre Mutter, die im Moment auf die Hilfe ihrer Tochter angewiesen war.

Solange sie das nicht vergaß, würde alles in Ordnung sein. Molly schuldete ihrer Mutter sehr viel mehr, als sie ihr jemals zurückzahlen könnte. Sie hatte ihr beigestanden, obwohl Molly sie über sehr viele Dinge, die in den letzten Jahren in ihrem Leben geschehen waren, im Dunkeln gelassen hatte. Zwar hatte sie gute Gründe dafür gehabt, aber …

„Mommy.“

Molly drehte sich zu ihrem Sohn um und lächelte, dankbar dass er sie aus ihren Gedanken gerissen hatte. „Es wurde ja auch langsam Zeit, dass du aufwachtest.“

„Wann kann ich die Kühe und Pferde sehen?“, fragte Trent prompt.

Molly lachte. „Eins nach dem anderen, junger Mann, okay? Zuerst gehen wir zu Grandma, und dann besuchen wir die Tiere.“

„Grandma bringt mich hin.“

Molly ging um den Wagen herum, um Trent aus seinem Kindersitz zu helfen. „Denk daran, Liebling, dass Grandma nichts tun kann. Sie muss im Bett liegen, weil ihr der Rücken wehtut.“

Trent sprang aus dem Wagen und sah sich neugierig um. Und auch Molly nahm erst jetzt bewusst die Umgebung wahr, den gepflegten Rasen vor dem Ranchhaus, die sanften Hügel in der Nähe, wo man die Tiere neben einem in der Sonne blau funkelnden Teich grasen sehen konnte.

„Mommy, guck mal, da hinten sind viele Kühe.“

„Ja, mein Schatz“, antwortete Molly geistesabwesend, nahm Trent bei den Schultern und drehte ihn sanft zum Haupthaus um und zum Seiteneingang, der zu der kleinen Wohnung ihrer Mutter führte. Maxines Schlaf- und Wohnzimmer waren zwar Teil des Haupthauses, aber Warren war so freundlich gewesen, einen Privateingang für Maxine hinzuzufügen, und besonders heute war Molly ihm sehr dankbar dafür.

Innerlich angespannt, wie sie war, würde sie Warren nicht gern begegnen. Zuerst wollte sie ihre Mutter sehen und sich mit eigenen Augen davon überzeugen, wie schwer ihre Verletzung war. Was danach geschah, konnte sie nicht mehr kontrollieren, und sie nahm sich vor, alles einfach zu nehmen, wie es kam, wie schmerzhaft oder beunruhigend es auch sein mochte.

„Mom, wir sind da!“, rief sie, klopfte an die Tür und öffnete sie.

Maxine Stewart saß gegen ein großes Kissen gelehnt in ihrem Bett und strahlte, als sie ihren Besuch sah. Sofort streckte sie die Arme nach Trent aus, der zögernd stehen blieb.

„Schon gut, Liebling, geh ruhig zu Grandma und umarme sie.“

„Ich möchte, dass du mich ganz fest an dich drückst, mein kleiner Schatz“, sagte Maxine liebevoll. „Deine Grandma hat so lange auf diesen Tag gewartet.“

Trent zögerte immer noch, aber dann ging er doch langsam zu seiner Großmutter und ließ zu, dass sie die Arme um ihn legte und ihn fest an sich drückte. Schließlich hielt sie ihn leicht von sich ab und sah ihn mit tränenfeuchten Augen an. „Was für ein großer Junge du geworden bist.“

„Wenn ich wieder Geburtstag hab, bin ich fünf“, sagte Trent stolz.

Maxine zwinkerte ihm zu. „Das habe ich nicht vergessen. Ich habe sogar schon ein Geschenk für dich besorgt.“

„Wow!“, stieß Trent hervor.

„Freu dich nicht zu früh“, warf Molly ein. „Du bist erst viereinhalb, das heißt, es dauert noch eine Weile, bevor du Geburtstag hast.“

„Kann ich mein Geschenk jetzt schon haben?“

Molly lachte und zerzauste ihm das Haar. „Auf keinen Fall, mein Süßer.“ Jetzt war sie an der Reihe, ihre Mutter an sich zu drücken.

Maxines immer noch attraktives Gesicht kam ihr erschöpft vor, und sie hatte dunkle Schatten unter den Augen. Ihre Mutter erschien Molly so zerbrechlich, dass sie einen Moment erschrak. Sie kannte Maxine nicht anders als gesund und schön.

Aber die Schmerzen, die sie durchgemacht hatte, hatten ihre Spuren hinterlassen. Und den Röntgenaufnahmen zufolge, die der Arzt Molly geschickt hatte, würde sie diese Schmerzen auch nicht allzu bald loswerden.

„Mom, wie geht es dir wirklich?“, fragte sie ernst.

„Gut.“

Molly verdrehte die Augen. „Denk bitte daran, mit wem du sprichst, ja?“

Maxine verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Ich weiß, mit einer Krankenschwester.“

„Genau, ein Grund mehr, ehrlich zu sein.“

„Na schön. Mein Rücken tut verflixt weh“, gab Maxine bedrückt zu und warf Trent einen Blick zu, der damit beschäftigt war, im Zimmer herumzugehen und alles Mögliche in die Hand zu nehmen und zu untersuchen.

„Deswegen bin ich ja hier.“

„Hoffentlich nicht für lange.“ Maxine seufzte tief. „Du kannst nicht so lange von deiner Arbeit fortbleiben. Ich würde mich noch schlimmer fühlen, wenn du meinetwegen deinen Job verlieren würdest.“

„Mach dir darüber keine Sorgen, Mom“, sagte Molly und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Mein Boss ist ein großartiger Mann. Außerdem steht mir noch eine Menge Urlaub zu. Ganze vier Wochen.“

„Trotzdem …“

„Es ist alles in Ordnung, glaub mir. Ich werde nichts tun, was meinen Job in Gefahr bringen könnte.“

Maxine nickte, offensichtlich erleichtert. „Das freut mich zu hören.“ Sie lächelte. „Es ist schön, dich und Trent wiederzusehen. Euch hier zu haben tut mir so gut.“ Maxine sah ihren Enkelsohn an, und ihr Lächeln vertiefte sich. „Er ist so groß geworden, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe.“

„Er wächst viel zu schnell“, erwiderte Molly mit belegter Stimme. „Er ist nicht mehr mein kleines Baby.“

„Natürlich ist er das noch“, widersprach Maxine. „Er wird immer dein Baby sein, so wie du immer meins sein wirst.“

Tränen stiegen Molly in die Augen, aber sie blinzelte hastig, damit ihre Mutter sie nicht sah. „Erzähl schon. Wie läuft es hier?“

„Meinst du meine Arbeit?“

Molly sah sie erschrocken an. „Eigentlich nicht. Ich dachte nicht, dass es da irgendwelche Probleme geben könnte.“

„Ich hoffe, du hast recht. Warren hat mir vor ein paar Monaten erlaubt, eine Halbtagskraft einzustellen, was ganz gut ist, denn jetzt macht sie so ziemlich die ganze Arbeit. Ich gebe ihr nur die Anweisungen.“

„Also funktioniert es ganz gut mit ihr?“

„Doch, sicher. Aber das Haus ist ein Vollzeitjob, besonders jetzt, wo Warren daran denkt, in die Politik einzusteigen.“

Warren war der letzte Mensch, über den Molly reden wollte. Am liebsten wäre es ihr, wenn sie nie wieder etwas über ihn hören müsste, nur dass sie sich da unter den gegebenen Umständen wohl zu viele Hoffnungen machte.

„Ich habe nur ein wenig Angst wegen meiner Arbeit“, gab Maxine zu, „weil es mir einfach nicht besser gehen will.“

„Ach, komm, Mom. Warren wird dich nicht wegschicken. Das weißt du doch.“

„Mag sein, aber du weißt ja, wie leicht es ist, sich das Schlimmste einzubilden.“ Maxine seufzte wieder.

„Das kommt davon, dass du gezwungen bist, im Bett zu liegen, ohne dich mit irgendetwas ablenken zu können.“ Molly zwinkerte ihr lächelnd zu. „Jetzt sind Trent und ich da, also wird sich das ändern, das kann ich dir versprechen.“ Sie sah sich nach ihrem Sohn um, aber der hatte inzwischen unauffällig das Zimmer verlassen.

„Hast du Trent hinausgehen sehen?“, fragte Molly ihre Mutter und versuchte, ruhig zu bleiben. Was konnte ihm hier schließlich schon passieren?

„Nein. Weit kann er allerdings nicht gegangen sein.“

In diesem Moment bemerkte Molly, dass die Tür, die zum Hauptgebäude führte, offen stand. „Ich komme gleich zurück“, sagte sie noch hastig zu Maxine, lief aus dem Zimmer und war schon bald im Wohnzimmer des Haupthauses. „Trent Bailey, wo bist du?“

„Wer ist Trent?“

Molly blieb abrupt stehen, so unerwartet sah sie sich Warren Cavanaugh gegenüber. Eine kleine Ewigkeit, wie ihr schien, sagte keiner von beiden ein Wort. Sie sahen sich nur fassungslos an, und je länger das Schweigen zwischen ihnen anhielt, desto mehr wuchs die Spannung.

„Hallo, Warren“, sagte Molly schließlich mit rauer Stimme.

„Was tust du hier?“, fragte er in unterkühltem Ton, ohne ihre Begrüßung zu erwidern.

„Das ist doch wohl offensichtlich.“

„Maxine hat mir nicht gesagt, dass du kommst.“ Jetzt war sein Ton mehr als unterkühlt, und Molly hatte auch nicht den Eindruck, als würde sich das jemals ändern.

„Jetzt siehst du ja, dass ich da bin.“

Wieder herrschte kurz eisige Stille.

„Wer ist Trent?“

„Mein Sohn.“

Warren senkte einen Moment den Blick, als wollte er nicht, dass Molly den Ausdruck in seinen Augen lesen konnte, und presste die Lippen fest zusammen. „Wie schön für dich“, sagte er schließlich trocken und betrachtete Molly mit einem unverschämten Lächeln.

Sie war kurz davor, ihn zu beschimpfen, aber in diesem Moment kam Trent ins Zimmer gelaufen, direkt auf seine Mutter zu.

„Mommy, ich wollte mir die Kühe angucken.“

Molly umarmte ihn. Als er sich zu winden begann, hielt sie ihn noch fester. Als hätte Trent verstanden, dass seine Mutter es ernst meinte, hörte er auf, sich zu wehren, und sah Warren mit offener Neugier an.

„Trent“, sagte Molly leise, „das ist Mr. Cavanaugh.“

Warren nickte dem Kleinen nur knapp zu und wandte sich sofort wieder an Molly. „Ich möchte allein mit dir reden.“

Molly unterdrückte eine patzige Antwort und sagte zu Trent: „Geh wieder zu Grandma zurück, Liebling. Und lass sie nicht wieder allein. Ich bin gleich wieder da, okay?“

„Okay“, antwortete Trent und sauste genauso schnell in den Flur hinaus, wie er hereingekommen war.

„Wie alt ist er?“

Molly sah ihn verblüfft an. Sie glaubte, nicht recht gehört zu haben. Diese Frage hatte sie nicht erwartet. „Knapp vier“, log sie mit einer Unbefangenheit, die sie selbst erstaunte.

„Ein hübsches Kind.“

„Danke.“

Die Spannung zwischen ihnen nahm weiter zu, bis Molly glaubte, es keine Sekunde länger aushalten zu können. Sie spürte, dass Warren sich ähnlich fühlen musste, weil seine Miene immer finsterer wurde.

„Wie lange hast du vor zu bleiben?“, fragte er, und ein kleiner Muskel in seiner rechten Wange begann, sich fast unmerklich zu bewegen, wie immer, wenn Warren wütend oder beunruhigt war.

„Ich weiß nicht genau“, antwortete sie. „Vielleicht eine Woche, vielleicht länger. Ich bin nicht sicher. Hast du etwas gegen meine Anwesenheit hier?“

„Nicht im Geringsten“, versicherte er unwirsch.

„Aber?“

„Aber geh mir aus dem Weg“, erklärte er, bevor er sich umdrehte und Molly einfach stehen ließ.

Mollys Ankunft hatte Warren völlig unvorbereitet getroffen.

Das war sein Zuhause, verdammt noch mal, und er hatte zu entscheiden, wer hier wohnte und wer nicht. Zumindest hatte er das bis jetzt gedacht. Er stieß einen leisen Fluch aus und fuhr sich mit der Hand über das unrasierte Kinn. Er stand auf der Veranda vor seinem Zimmer und betrachtete gedankenverloren den Sonnenuntergang.

Ein Blick auf seine Armbanduhr zeigte ihm, dass es noch nicht ganz fünf Uhr war. Er liebte den Oktober, wenn das Laub der Bäume die Farbe wechselte. Was er allerdings nicht mochte, war die Tatsache, dass er am Ende des Tages um eine ganze Stunde Licht betrogen wurde, das wertvollste Gut für einen Rancher wie ihn.

Heute war das aber nicht der Grund, weswegen er schlechter Laune war, sondern Molly.

Sie war wieder da. Das hätte er nie für möglich gehalten. Sie war in seinem Haus, und er konnte nichts dagegen tun, es sei denn, er ging so weit, sie und den Jungen hinauszuwerfen. Warren fluchte wieder leise, aber es half auch jetzt nicht, seine wachsende Unruhe zu verscheuchen.

All die Jahre hatte Maxine ihre Tochter immer während ihres Urlaubs besucht, und Warren hatte gehofft, dass das so bleiben würde. Aber jetzt musste Maxine wegen ihres Unfalls im Bett liegen bleiben, also war Mollys Anwesenheit eigentlich nur die logische Folge. Trotzdem war er jetzt überrascht.

Er hasste Überraschungen, und ganz besonders Überraschungen dieser Art. Molly so plötzlich gegenüberzustehen war ein unglaublicher Schock für ihn gewesen, von dem er sich noch nicht erholt hatte.

Und dann war da noch der Junge.

Warren rieb sich den Nacken, um die angespannten Muskeln zu lockern. Er würde erst dann wieder ruhig sein, wenn beide fort waren, und am liebsten hätte er sie aufgefordert, genau das zu tun. Aber das konnte er natürlich nicht. Einige Tage würde er Mollys Anwesenheit wohl oder übel akzeptieren müssen.

Wenn Molly tat, worum er sie gebeten hatte, und ihm aus dem Weg ging, würde es halb so schlimm sein. Wenn nicht … Das wollte er sich lieber gar nicht erst vorstellen, weil die Folgen unerträglich wären.

Er wünschte nur, sie würde nicht immer noch so gut aussehen wie früher. Ach, wem wollte er etwas vormachen? Sie war noch viel schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Und es war kaum ein Tag vergangen, an dem ihn nicht irgendetwas an sie erinnert hatte. Und jedes Mal beschleunigte sich sein Pulsschlag, aber Warren hatte gelernt, die Gedanken an Molly rasch zu verscheuchen und sich auf Wichtigeres zu konzentrieren.

Nur dass das jetzt nicht möglich war. Solange sie hier auf seiner Ranch war, würden sie früher oder später aufeinandertreffen, sogar wenn sie versuchte, ihm aus dem Weg zu gehen. Ebenso wenig konnte er dem Jungen ständig ausweichen. Das war eine Tatsache, und es nützte nichts, sich etwas anderes einreden zu wollen. Es musste ihm nur etwas einfallen, wie er die Situation trotzdem im Griff behalten konnte.

Der Junge sah genauso aus wie seine Mutter. Molly trug ihr dunkles Haar modisch kurz, wodurch die blauen Augen noch betont wurden. Auch ihre raue, sinnliche Stimme hatte sich nicht verändert. Er hatte sie früher immer aufregend gefunden, und das war zu seinem Leidwesen immer noch so.

Er wusste, dass Molly siebenundzwanzig war, doch mit ihrem glatten Teint wirkte sie eher wie eine Zwanzigjährige. Nur ihr Körper zeigte, dass sie ein wenig reifer sein musste. Molly besaß eine hinreißende Figur, und Warren fand, dass sie mit den volleren Brüsten und den runderen Hüften weiblicher aussah als früher.

Wahrscheinlich lag das daran, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hatte, jedenfalls war sie sogar noch schöner und aufregender als früher. Warren gab es nicht gern zu, aber er müsste schon tot sein, um es nicht zu merken.

Andererseits hatte er sich oft gewünscht, er wäre tot. Und das war Mollys Schuld.

Nachdem sie ihn ohne ein Wort der Erklärung verlassen hatte, war etwas in seinem Inneren zerbrochen. Molly hatte ihn zutiefst verletzt, und er glaubte nicht, dass er fähig war, je wieder etwas für eine Frau zu empfinden.

Ja, sie war schuld an seinem trostlosen Zustand, und er verabscheute sie dafür.

Zumindest redete er sich das ständig ein. Die wenigen Minuten in ihrer Nähe hatten allerdings schon ausgereicht, um diese mühsam aufrechterhaltene Fassade ins Wanken zu bringen. Er musste sich zwingen, nicht zu vergessen, was für eine Lügnerin sie in Wirklichkeit war.

Der Gedanke daran stellte sein Selbstbewusstsein wieder her. Warren hatte Kathy, die Halbtagskraft, gebeten, Molly und ihren Sohn in einem Zimmer nicht weit von seinen eigenen Räumen unterzubringen, und hatte anfangs befürchtet, dass das kein besonders guter Einfall von ihm gewesen war. Aber dann hatte er sich gesagt, dass es ihm doch vollkommen gleichgültig sein konnte, wo Molly schlief.

So lange würde sie außerdem gar nicht auf der Ranch bleiben, also war es nicht so wichtig, wo sie untergebracht war. Warren wusste, dass sie als Krankenschwester in einer exklusiven Gemeinschaftspraxis in Houston arbeitete. Maxine hatte ihm ständig davon erzählt, bis sie merkte, dass er kein Interesse daran hatte, Neuigkeiten über ihre Tochter zu erfahren.

Er fragte sich oft, was Molly ihrer Mutter über ihre Beziehung mit ihm verraten hatte, und konnte sich gut vorstellen, dass sie die arme Frau nach Strich und Faden belogen hatte, was seine Wut nur noch verstärkte. Aber das war gut so, denn je wütender er war, desto geringer war die Gefahr, dass er wieder auf sie hereinfiel.

Zum Teufel mit Molly!

Plötzlich hörte Warren ein Telefon klingeln. Es kam ihm weit weg vor, und erst beim dritten Klingelton wurde ihm bewusst, dass es sein Handy war. Ohne auf das Display zu schauen, meldete er sich ungeduldig: „Cavanaugh.“

„Oje, du klingst, als wärst du ziemlich schlechter Laune.“

„Hallo, Olivia.“

Ihm entging nicht ihr gereizter Seufzer. „Mehr hast du nicht zu sagen?“

„Was wolltest du denn hören?“

„‚Hallo, Liebling‘ wäre kein schlechter Anfang.“

Er antwortete nicht. Erstens hatte er sie noch nie Liebling genannt und hatte auch nicht die Absicht, jetzt damit anzufangen. Und zweitens hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Er war sehr schlechter Laune, und jetzt war nicht der Zeitpunkt, Olivia zu erklären, warum. Warren hatte im Moment einfach nicht die Kraft für das Streitgespräch, das beginnen würde, wenn er ihr sagte, dass Molly wieder da war und auch noch auf der Ranch wohnte.

Außerdem ging es Olivia gar nichts an.

„Okay, du hast gewonnen“, sagte sie leichthin. „Dann lasse ich dich also schmollen oder was zum Kuckuck es ist, was du gerade tust.“

„Wolltest du etwas Bestimmtes?“, fragte er kühl, obwohl er wusste, dass er ziemlich unfair war.

„Wann holst du mich ab?“

Er überlegte einen Moment. „Wieso?“

„Ach, Warren“, sagte Olivia, ohne sich die Mühe zu geben, ihren Ärger zu verbergen. „Weißt du nicht mehr, dass du versprochen hast, heute Abend mit mir essen zu gehen?“

„Oh. Stimmt.“

„Du hattest es vergessen, habe ich recht?“

Es stimmte, aber das würde er nicht zugeben. „Ich bin gegen sieben bei dir.“

Noch ein Seufzer von Olivia. „Weißt du, Warren, ich glaube, manchmal gefällst du dir zu sehr in der Rolle des Mistkerls.“

Er tat ihr nicht den Gefallen, sich zu ärgern.

„Und da wir gerade von Abendessen reden“, fügte sie hinzu, „vergiss nicht die Party morgen Abend bei mir zu Hause. Es geht schließlich darum, deine politische Zukunft vorzubereiten.“

„Ich habe es nicht vergessen, Olivia. Meine Eltern kommen und bringen einen potenziellen Geldgeber mit“, fuhr er fort.

„Wenigstens das hast du nicht vergessen“, sagte sie noch trocken und legte auf.

Damit hatte er es geschafft, gleich zwei Frauen an einem Tag zu verärgern. Er fragte sich, ob seine Mutter die Dritte im Bunde sein würde. Höchstwahrscheinlich, dachte er trocken. Normalerweise waren sie beide nie über irgendetwas einer Meinung. Das würde sich erst dann ändern, wenn sie aufhören würde, sein Leben organisieren zu wollen. Zum Glück hatte er wenigstens ein recht gutes Verhältnis zu seinem Vater, wenn er ihn auch nicht verstehen konnte.

Um allerdings fair zu sein, ging es seinen Eltern mit ihm wahrscheinlich nicht anders. Warren wusste nur, dass sie sich wünschten, er würde sich in Olivia Blackburn verlieben. Nein, sie erwarteten sogar von ihm, dass er sie heiratete, und etwas Schlimmeres hätten sie gar nicht tun können. Warren ließ sich nicht vorschreiben, was er zu denken oder zu fühlen hatte, und er liebte Olivia nun mal nicht. Er hatte ein einziges Mal den Fehler begangen, sich in eine Frau zu verlieben. Diesen Fehler würde er nicht noch einmal begehen.

Das Problem war nur, dass er etwas wollte, was Olivia gehörte. Sie war Erbin eines Landstreifens, der an seine Ranch grenzte. Mit Olivias Land hätte er genügend Platz für seine Rinder und könnte sich außerdem den Traum einer Pferdezucht erfüllen.

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