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Dem Ungeist widerstehen

Ignatianische Impulse

Herausgegeben von Stefan Kiechle SJ, Willi Lambert SJ

und Martin Müller SJ

Band 61

Ignatianische Impulse gründen in der Spiritualität des Ignatius von Loyola. Diese wird heute von vielen Menschen neu entdeckt.

Ignatianische Impulse greifen aktuelle und existentielle Fragen wie auch umstrittene Themen auf. Weltoffen und konkret, lebensnah und nach vorne gerichtet, gut lesbar und persönlich anregend sprechen sie suchende Menschen an und helfen ihnen, das alltägliche Leben spirituell zu deuten und zu gestalten.

Ignatianische Impulse werden begleitet durch den Jesuitenorden, der von Ignatius gegründet wurde. Ihre Themen orientieren sich an dem, was Jesuiten heute als ihre Leitlinien gewählt haben: Christlicher Glaube – soziale Gerechtigkeit – interreligiöser Dialog – moderne Kultur.

Inhalt

Als Vorwort – ein Vorgespräch

Vom Erzählen zum Buch

Ein Wort zum Stil

Das Besondere

Im »Turm des Widerstands«

1. Warum ich schreibe

Ist nicht schon genug geschrieben?

2. Worauf es ankommt: den »Vorkrieg« erkennen

Früherkennung der Anfänge

Damals und jetzt – Tritt auf, »gelegen oder ungelegen!«

3. Als junger Mensch im Dritten Reich

Wie die Juden in mein Blickfeld kamen

An der Oberrealschule: »Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen«

Nationalsozialismus – Eltern, Umgebung und Kirche

Verurteilung durch ein Nazi-Gericht

Im »Himmelfahrtskommando« beim Konzentrationslager Dachau

4. Die Befreiung und das »umgedrehte amerikanische KZ«

Amerikanische Truppen befreien das KZ Dachau

Fürstenfeldbruck – Grausamkeit und Banalität des Bösen

Gefühllosigkeit, um zu überleben

Am Rand von Verhungern und Verdursten

Der Umschwung über Nacht

Ulm – Im Hass stecken bleiben?

Heilbronn – Schikane, Macht und Selbstbestätigung

Kein Blutgruppenzeichen der SS – die Entlassung

5. Daheim und frei und vieles so anders

In welchem Zuhause »wieder daheim«?

Schule und Schulkampf

6. Mein Weg in den Jesuitenorden

Die Eltern – Harte Arbeit, stiller Glaube, Menschlichkeit

Impulse durch den Bund Neudeutschland

Gern für andere da

Sehnsucht nach unbegrenzter Lebensweise

Im Gespräch mit Tante und Provinzial

7. Im Noviziat

Eingesperrt und doch frei

Den Krieg noch in den Knochen

Mehr Einführung ins Ordensleben als Vergangenheitsbewältigung

Der »Ordo solitus« – Alltag wie gewöhnlich

8. Die Rolle der Kirche – damals und später

9. Nahe am Menschen – Leben in der Gegenwart

Anteilnahme – Einfühlen – Sympathie

Für-Sprecher sein

Urlauberseelsorge – Leben zur Sprache bringen

10. Handeln bei Gegenwind – als Provinzial in Konflikten

Minderheiten und Mehrheiten – Konflikt und Konsens

Radikalenerlass und Tendenzschutzparagraph – zwischen allen Stühlen

Umgang mit »schwierigen Mitbrüdern«

Der schwierige Mitbruder Klein

11. Auf dem Weg des Evangeliums

12. Und wo bleibt der Gott der Liebe?

Fragen – Aufschreie – Gebete

Unfassbares Lieben – Zeugnisse

Der Blick auf das Kreuz

Den Teufelskreis durchbrechen

Jesus ja und Kirche nein? – das »Trotzdem der Liebe«

Hand in Hand und Ja zum Ja

Als Vorwort – ein Vorgespräch

Vom Erzählen zum Buch

Lieber »Klino« – so nennen wir Mitbrüder dich; deine Besucher nennen dich »Pater Klein«. Ich erlaube mir, etwas ungewöhnlich, dich direkt anzusprechen, statt ein Vorwort zu schreiben. Warum? Weil das vorliegende Buch entstanden ist aus Gesprächen. Es fing damit an, dass du Erfahrungen, die du als junger Kerl während der Nazizeit machen musstest, gelegentlich angesprochen hast. Und irgendwann, bei mehrmaligem Nachfragen, hast du mehr davon erzählt; einmal auch bei einem öffentlichen Abend im Rahmen des FORUM DER JESUITEN an St. Michael in München. Dann hast du während eines Besuchs auf dem Gelände des Konzentrationslagers in Dachau Zeugnis gegeben. Es ist dies ein Ort der organisierten Unmenschlichkeit, an den du als 16-Jähriger wegen Widerständigkeit gegen den Nationalsozialismus in ein sogenanntes Himmelfahrtskommando zwangsverpflichtet wurdest. Dann erzähltest du von deiner Zeit in einer Art »amerikanischem KZ« und was dich dort an die Grenzen menschlicher Abgründigkeiten führte.

Du weißt, was uns dann zur Bitte geführt hat, ob du nicht etwas schreiben würdest für unsere Reihe der »Ignatianischen Impulse«. Es war hauptsächlich die Überraschung, dass du nicht nur von den Stätten und Episoden des Grauens gesprochen hast, sondern auch davon, dass du dort bleibende Lektionen für dein Leben gelernt hast. Wem solche Erinnerungen nicht nur Alpträume verursachen, sondern Impuls zum Leben sind, der darf sich wohl beschenkt, ja begnadet wissen. Und du lässt uns an diesem Geschenk teilhaben.

Das Buch ist aus Gesprächen entstanden, und die schönste Belohnung für deine Bemühung wäre für dich, wenn es zu Gesprächen anregen würde. Und wenn die Gesprächsteilnehmer dann die beiden Worte unseres Ordensgründers Ignatius von Loyola (1491–1556) im Ohr hätten: »Die Liebe besteht im Mitteilen von beiden Seiten« und: »Man soll die Liebe mehr in die Werke als in die Worte legen!« – Bei allem Zögern, du bist in deinem Leben immer auch ein offener und öffentlicher Mensch gewesen. Und heute noch kann keiner an deiner Zimmertür vorbeigehen, ohne das Wort von Martin Luther King zu lesen: »Wenn alle dem Grundsatz gehorchen ›Auge um Auge‹, dann sind bald alle blind.«

Ein Wort zum Stil

Die Veröffentlichung ist entstanden aus Tonbandaufnahmen und gibt den unmittelbaren Erzählstil mündlicher Mitteilung wieder. Es liegt nicht alles wohlgeordnet auf einer geraden Zeitschiene, sondern es ist manches eingeflochten aus der Gegenwart oder Vergangenheit, was dir beim Erzählen aus deinem Herzen und deiner Erinnerung in den Sinn kam. Man könnte wohl auch sagen: Der Stil ist wie dein Leben, d.h. gemischt aus Erleben, Assoziationen, Gedanken, Appellen, Fragen, Reflexionen, Erkenntnissen, Stoßseufzern, Gebetsfetzen. Es ist weder eine Autobiographie noch eine soziologische oder psychologische Analyse. Es spiegelt Wertebewusstsein, ist aber kein Lehrbuch der Moral. Kritisch den Menschen, der Gesellschaft, der Kirche, dem Jesuitenorden und deinem eigenen Ringen gegenüber. Kurz, ich meine: Es ist ziemlich wie du. Es ist du.

Das Besondere

Nicht nur du, lieber Klino, hast dich und uns gefragt: »Warum dieses Buch?« Vielleicht macht die Antwort auch den Lesenden das Eigene der Veröffentlichung etwas deutlicher:

Du erzählst nicht aus der Erwachsenenperspektive, sondern aus der Erlebniswelt eines jungen Menschen, eines Schülers in der Zeit des sogenannten Dritten Reiches; für nicht wenige wird es neu sein, über die Erfahrung eines »amerikanischen KZ« zu lesen; wie du zu den Jesuiten kamst – das war kein gewöhnlicher Weg; dass die Schreckenszeit für dich nicht nur die Erfahrung von Grausamkeit, sondern auch ein Lerngeschehen von Mitmenschlichkeit wurde, weckt Staunen; wie deine Menschenliebe und deine Seel-Sorge als Prediger, als Provinzial des Ordens, als Zuhörer und Ratgeber aus so dunklem Boden sich noch nähren kann, lässt dankbar staunen; und wie du die Fragen nach Gottes Liebe und dem Leid der Menschen präsent sein lässt ...! An diesen Besonderheiten teilnehmen zu dürfen, dafür sind Menschen, die dich schon gehört haben und lesen werden, dankbar. Vielleicht deine Mitbrüder auf besondere Weise. Wir könnten ermutigt werden, unsere Vergangenheit mit ihren Vorbildern und ebenso auch mit ihrer Schuldgeschichte noch mehr wahrzunehmen, nicht als Blockierung von Zukunft, sondern als tiefere Offenheit.

Im »Turm des Widerstands«

Lieber Klino! Ab und zu, meistens am Donnerstagabend, sitzen wir Mitbrüder in der »Turmbibliothek« zusammen. Der Ort hat Geschichte. Helmuth James Graf von Moltke und unser Mitbruder Alfred Delp hatten sich hier getroffen – 30 Meter gegenüber das Polizeipräsidium, das 2012 eine beachtenswerte Ausstellung zum Thema »Die Münchner Polizei und der Nationalsozialismus« organisiert hat. Bei der Veröffentlichung des Buches von Antonia Leugers, »Jesuiten in Hitlers Wehrmacht. Kriegslegitimation und Kriegserfahrung«, für das die Provinz die Archive geöffnet hatte, war die Autorin und Direktorin des Dokumentationszentrums über den Nationalsozialismus bei uns eingeladen. Pater Rupert Mayer hat in den Räumen unserer Kommunität gelebt und einmal dafür gekämpft, dass der Obere ein Bild von Hitler abgehängt hat, und der die Kommunität wohl auch zittern ließ, nach welcher Predigt nicht nur er eingesperrt, sondern die ganze Gemeinschaft aufgehoben würde. – Ich denke, wir leben an diesem Ort in Dankbarkeit, aber auch mit einer ermutigenden Verpflichtung, die oft eine Gewissensfrage an uns ist. – Wenn du in Gesprächen so betonst, dass die Erkenntnis des »Vorkriegs« ein großes Lernergebnis sei, kann man im Blick auf unsere Zeitsituation oft denken: Wir sind schon im Krieg, in vielen Kriegen. Und die Schatten scheinen immer dunkler und bedrohlicher zu werden. Kann noch eine Wende, eine Abwendung geschehen? Wie jemand die Frage auch beantwortet. Eines sagt uns das Evangelium Jesu sicher: »Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter!« (Lk 21,18). Und: Es gibt keine Zeit, in der Menschlichkeit unmöglich wäre, vor allem wenn Menschen sich zusammentun. Es ist jede Zeit eine Zeit zur Umkehr. Es ist immer Zeit zum Lieben. Wen? Und in welchem Geist? Jeden, und zwar grenzübergreifend! Wie es ein weiteres Blatt an deiner Zimmertür verkündet: »Dein Christus ist ein Jude, dein Auto ein Japaner, deine Pizza italienisch, deine Demokratie griechisch, dein Kaffee brasilianisch, dein Urlaub türkisch, deine Zahlen arabisch, deine Schrift lateinisch, dein Nachbar nur ein Ausländer.«

Danke, Klino!

Willi Lambert SJ

1. Warum ich schreibe

Ist nicht schon genug geschrieben?

Wie kam es dazu, dass ich trotz anfänglicher Bedenken bereit war, meine Erlebnisse niederzuschreiben? – Mein Widerstand und Zögern, über meine Erfahrungen und Erlebnisse unter dem Hitlerregime zu berichten, sind darin begründet, dass ich keinen Grund dafür erkennen konnte. Ich war der Ansicht, dass schon genug über die Erfahrungen von Menschen im Widerstand gegen Hitler von den Betroffenen selbst oder über sie geschrieben worden ist. Man denke nur an Menschen wie die Mitglieder des Kreisauer Kreises oder Dietrich Bonhoeffer, die Gruppe der Weißen Rose, die im KZ Auschwitz ermordete Jüdin und Karmelitin Edith Stein, Franz Jägerstätter und viele andere mehr, die ihren Widerstand mit ihrem Leben bezahlt haben. Eigentlich ist alles gesagt, um zu verstehen, was da geschehen ist und was daraus gelernt werden sollte, damit es nicht wieder geschieht. Was sollten da noch meine sowohl in der zeitlichen Dauer wie in der Intensität der Auseinandersetzungen mit dem Hitlerregime und deren Folgen nicht vergleichbaren Erlebnisse?

Ich habe also keinen Grund gesehen, meine Erfahrungen mitzuteilen: Ich habe nicht oft darüber geredet, aber sie haben mich geprägt. Ich habe sicher ganz viele Dinge getan, die ich sonst wohl nicht getan hätte – weil ich etwas Negatives gar nicht als solches erkannt oder weil ich aus Angst vor den Folgen geschwiegen hätte. Schließlich aber sah ich, dass es in meinem Beitrag nicht um eine geistige Auseinandersetzung und Beurteilung der Nazizeit und ihrer Ideologie geht. Es soll einfach mein persönliches Erleben möglichst konkret erzählt werden, damit die Lebendigkeit dieser Erfahrungen für den Leser nicht durch grundsätzliche bzw. abstrakte Erörterungen verlorengeht.

Eine gewisse Besonderheit meiner Erfahrungen ist wohl, dass ich nicht nur ein Zeitzeuge der Nazidiktatur bin, sondern auch ein Zeitzeuge dafür, dass ein und derselbe Mensch sogar in der Behandlung durch einander feindlich gegenüberstehende Mächte ein Opfer werden kann: Zuerst erlebte ich meine Verurteilung durch ein Nazigericht; dann die irrtümliche Einstufung als ein Lageraufseher im Konzentrationslager Dachau durch einrückende amerikanische Truppen; anschließend die Erfahrung von Rache und Vergeltung und in ein »umgedrehtes KZ« der Amerikaner eingesperrt zu sein. Diese mussten mich und andere Gefangene dann ihrerseits auf Transporten in ein anderes Lager mit vorgehaltener Waffe und durch Warnschüsse vor »Fremd- und Zwangsarbeitern«

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