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Dem Tod so nah

Über die Autorin

Elizabeth Hand, geboren 1957, ist eine preisgekrönte Autorin und hat diverse Romane, Novellen und Kurzgeschichten veröffentlicht. Für ihre Fantasy erhielt sie renommierte Preise, wie den World Fantasy Award und den Nebula Award. Mit DEM TOD SO NAH legte sie ihren ersten Thriller vor, und Presse sowie Autorenkollegen überschlugen sich vor Lob. Hand lebt mit ihrer Familie an der Küste von Maine.

Ich glaubte nun zu verstehen, dass es eine gewisse Verbindung (Verknüpfung) zwischen der PHOTOGRAPHIE, der VERRÜCKTHEIT und noch etwas anderem gab, das ich nicht recht benennen konnte.

Roland Barthes: Die helle Kammer

Kunst braucht Licht
seht her was passiert wenns fehlt.

Patti Smith: sister morphine

Erster Teil

Nachbelichten

1

Es gibt immer diesen Augenblick, in dem sich alles verändert. Ein Spitzenfotograf – einer wie Diane Arbus oder ich, als ich für den Bruchteil einer Sekunde berühmt war – sieht diesen Augenblick kommen und drückt auf den Auslöser, kurz bevor die Veränderung eintritt. Wenn man den Augenblick nicht kommen sieht, weil man blinzelt oder zu betrunken ist oder gerade woandershin blickt – na ja, alles verändert sich sowieso ständig, es macht also keinen allzu großen Unterschied.

Aber man ist für den Rest seines Lebens erledigt, weil man es vergeigt hat. Vielleicht hat es keiner mitgekriegt, aber man selbst weiß es. In meinem Fall war das kein Geheimnis. Jeder wusste, dass ich es vergeigt hatte. Manche Leute können mit so einer Situation klarkommen. Ich dagegen war nie gut im Klarkommen. In meinem Leben gab es ein großes beschissenes Loch. Warum so tun, als wäre es anders?

Ich wuchs auf in Kamensic Village, in einer versteckt liegenden Gegend des Hudson Valley, wo drei Countys in einer unwirtlichen Ansammlung von historischen Hollandhäusern, Äckern, uralten Bäumen und Villen von Neureichen aneinandergrenzen. Mein Vater war, besser gesagt, er ist der Bürgermeister. Ich war ein Einzelkind und ganz schön wild, genauso wie alle privilegierten Kinder dort.

Von klein auf kam es mir so vor, als gäbe es keine Haut zwischen mir und der Welt. Ich sah Dinge, die andere nicht sahen: Hände, die durch Lücken in der Luft schlüpften wie fallende Blätter, oder zackige Umrisse von einem kahlen Zweig, nur dass da gar kein Baum stand. Und nachts im Bett hörte ich, wie eine Stimme mit sanft beharrlicher Eintönigkeit meinen Namen wiederholte. Cass. Cass. Cass. Mein Vater ging mit mir zum Arzt, und der meinte, das würde sich mit der Zeit geben. Aber das tat es nicht.

Meine Mutter war viel jünger als mein Vater, ein schönes Radcliffe-Mädchen, das er bei einem von seinem Cousin arrangierten Blind Date kennenlernte. Sie starb, als ich vier war. Sie kam mit dem Wagen, unserem alten roten Rambler Kombi, von der Straße ab und krachte am Ortsrand von Kamensic gegen einen Baum. Es passierte Ende Januar in der Abenddämmerung, und es dauerte über eine Stunde, bis irgendjemandem auffiel, dass Scheinwerfer durch die Bäume leuchteten, und er die Polizei rief. Als die endlich kam, fand man meine Mutter, gepfählt von der Lenkradsäule. Ich lag auf dem Rücksitz, von Glasscherben umgeben, aber unverletzt.

An den Unfall kann ich mich nicht mehr erinnern. Der Polizist berichtete meinem Vater, ich hätte weder geweint noch gesprochen, ich hätte nur an die Wagendecke gestarrt, und dann, nachdem er mich herausgeholt hatte, in den Nachthimmel. Heutzutage gibt es für solche Fälle Trauerbegleiter, Kinderpsychologen, Medikamente. Das irisch-katholische Denken meines Vaters ließ jedoch offene Gefühlsregungen nicht zu, obwohl er nicht religiös war. Es gab eine Totenwache, ein Begräbnis, eine Woche mit Verwandtenbesuchen und Anrufen. Dann ging er wieder zur Arbeit. Eine Haushälterin, Rosie, wurde eingestellt, die sich um mich kümmern sollte. Mein Vater redete über meine Mutter nur dann, wenn er auf sie angesprochen wurde, und in der damaligen Zeit tat man das nicht. In unserem schlichten Haus aus der Kolonialzeit beschränkte sich ihre Gegenwart auf die gerahmten Schwarz-Weiß-Fotos, die mein Vater in seinem Schlafzimmer aufgestellt hatte. Während Rosie staubsaugte und das Mittagessen kochte, saß ich oft auf seinem Bett, strich mit den Fingern über das Glas und tat so, als wäre der Staub darauf der Gesichtspuder von den Wangen meiner Mutter.

Ich war gern allein. Mit vierzehn kam ich einmal bei einem Spaziergang durch den Wald an einem Feld heraus, wo die hohen Halme an einer Stelle flach gedrückt waren, weil dort Rehe gelegen hatten. Ich blickte hinauf zum Himmel und sah die Stelle darin gespiegelt, eine schwarz-grau-gelbe Spirale drehte sich langsam im Uhrzeigersinn wie ein Wirbelsturm. Während ich hinstarrte, begann sie sich schneller zu drehen, wobei sich in der Mitte Dunkelheit sammelte, wie eine riesige Pupille, die sich stetig zusammenzuziehen schien, ohne dass sie jedoch verschwand. Erschrocken starrte ich nach oben, und nach einer Weile setzte in meinen Ohren ein ganz schwaches leises Brummen ein. Da rannte ich los. Erst in unserer Auffahrt blieb ich stehen. Als ich mich umdrehte, war das Auge immer noch am Himmel und drehte sich. Ich habe das nie jemandem erzählt, und niemand hat jemals erwähnt, er hätte es auch gesehen.

Ich war eine Einzelgängerin, aber ich hatte Freunde. Mit siebzehn hatte ich schon einen von ihnen an Heroin verloren und einen anderen an den Strick. Mein Vater wollte mich ins Internat schicken oder bei seiner Schwester außerhalb von Boston unterbringen. Doch ich protestierte so heftig dagegen, dass er die Idee schließlich aufgab. In der Schule war ich eigentlich nicht unbeliebt, doch ich schreckte vor engeren Bindungen zurück. Nach dem Tod meiner Freunde wuchs meine Gleichgültigkeit. Da meine Noten aber gut waren und ich auch sonst nicht weiter auffiel, machte sich mein Vater meinetwegen keine großen Gedanken. Unsere Beziehung war freundlich, wenn auch ein bisschen distanziert. Sorgen um mich machte sich nur meine Tante Brigid, die uns ab und zu mal besuchen kam.

Sie war wie mein Vater: stämmig, grobknochig und rothaarig. Ich hatte mehr Ähnlichkeit mit meiner Mutter auf den Fotos: groß, eckig, schmale Hüften, aschblond. Ihre weichen Gesichtszüge fielen bei mir scharfkantig aus. Spitzes Kinn, nach oben gebogene Nase, lange schmale, misstrauische graue Augen. Wenn ich ein Junge gewesen wäre, wäre ich schön gewesen. Aber als Mädchen bekam ich früh zu spüren, dass mein Aussehen die Leute verunsicherte. Mein androgynes Wesen hatte nichts Hübsches. Ich war eins achtzig groß und wirkte ein bisschen bedrohlich, hatte große Hände und Füße und lange Beine. Eine Zeit lang trainierte ich auf der Aschenbahn. Ich war eine gute Sprinterin, verbesserte meine Atem- und Lauftechnik und wurde auch oft als Staffelläuferin eingesetzt.

Aber ich gehörte nicht gern zu einer Mannschaft, also hörte ich damit auf. Ich ließ mir die Haare lang wachsen, kümmerte mich aber darüber hinaus nicht um Mode, benutzte kein Make-up, keinen Lippenstift. Ich trug die weißen Oberhemden meines Vaters über einer geflickten Bluejeans oder über einer Männerhose, die ich mir im Junior League Shop kaufte. Blickkontakt vermied ich. Ich mochte es nicht, wenn man mich ansah.

»Sie sieht aus wie eine Vogelscheuche«, sagte Brigid einmal, als ich sechzehn war. Sie und ihr Mann waren nach langer Zeit einmal wieder in Kamensic zu Besuch. »Sieh sie dir doch mal an.«

»Ich finde, sie sieht gut aus«, entgegnete mein Vater milde. »Sie ist eben gebaut wie ihre Mutter.«

»Sie sieht aus wie eine Drogensüchtige«, blaffte Brigid. Sie reagierte empfindlich, wenn es um ihr Gewicht ging. »Da, wo wir wohnen, schwirren so welche ständig herum.«

Ich zeigte zum Vogelhäuschen an unserem Waldrand. »Was du nicht sagst. Bei uns schwirren nur Meisen herum«, warf ich ein und zog mich in mein Zimmer zurück.

Mehrere Monate später hatte ich einen Traum. Ich kniete auf dem Feld, wo ich das Auge gesehen hatte. Vor mir erschien ein Mann mit grün gesprenkelten Augen und mit einem spöttischen, seltsam mitleidigen Lächeln. Während ich zu ihm aufblickte, streckte er die Hände aus und berührte mich mit den Fingerspitzen an der Stirn.

Es gab einen grellen Blitz. Ich fiel vornüber, schreckensstarr, und erwachte in meinem Bett mit einem Klingeln im Ohr. Es war der Morgen meines siebzehnten Geburtstags. Mein Vater schenkte mir einen Fotoapparat. Am Frühstückstisch drehte ich ihn in den Händen und dachte an den Traum. Ich betrachtete mein Gesicht in der Linse, es sah verzerrt aus, wie etwas, das kaputt war. Wie ein Auge, das mich anstarrte.

An der Highschool belegte ich einen Einführungskurs in Fotografie, und man ermutigte mich, noch einen zweiten zu belegen.

Doch das tat ich nicht. Was ich wissen musste, lernte ich schnell. Ich mochte es, ein Objektiv mit großer Brennweite zu benutzen. Ich mochte grobkörnige Schwarz-Weiß-Filme. Es machte mir Spaß, in Kleinstarbeit mein Fotopapier selbst herzustellen und den Film im Fotolabor der Schule zu entwickeln. Es gefiel mir, wie sich das Papier im Flüssigkeitsbad anfühlte, zuerst weich und nass, dann wie es auf magische Art trocknete und sich in etwas anderes verwandelte, das glatt, fest und glänzend war, wobei als Nebenprodukt der chemischen Prozesse und der Zeit die Bilder entstanden.

Mir war es egal, ob sie überbelichtet oder unterbelichtet waren, und es war mir erst recht egal, ob sie scharf waren. Ich mochte Dinge, die sich nicht bewegten, tote Bäume, Steine. Ich mochte tote Dinge. Die weichen Federkiele eines Fasanenflügels, Mäuseschädel, geborgen aus den unverdauten Nahrungsresten einer Eule, den Thorax einer Heuschrecke, blitzblank gefressen von winzigen grünen Käfern. Ich machte gern Porträts von meinen schlafenden Freunden. Schon immer habe ich Leute gern schlafen sehen. Wenn ich als Babysitter arbeitete, ging ich immer ins Zimmer der Kinder, wenn sie im Bett lagen, stand da und lauschte, wie sie atmeten, bis meine Augen sich an den weichen Schein des Nachtlichts oder des Mondes gewöhnt hatten. Ich sah ihnen gern beim Atmen zu.

Mit siebzehn verliebte ich mich in einen Jungen aus dem Nachbardorf. Er war ein Jahr jünger als ich, exzentrisch, rothaarig, mit tief in den Höhlen liegenden giftgrünen Augen, ein Musiker und ein Junkie. Ich fuhr per Anhalter hinüber und setzte mich auf die Treppe vor der Bibliothek, die gegenüber dem großen viktorianischen Haus lag, in dem er wohnte, und wartete stundenlang, in der Hoffnung, ihn zu sehen, aber auch um seine Welt in mich aufzunehmen und das Kommen und Gehen seiner jüngeren Geschwister, der Eltern, seiner Hunde und seiner Freunde zu beobachten. Ich wollte die Welt, die er kannte, mit seinen Junkieaugen sehen, den Flieder riechen, der vor seinem Fenster blühte.

Eines Tages kam seine Schwester heraus und sagte: »Mein Bruder ist drinnen. Er wartet auf dich.«

Ich ging hinüber. Außer ihm war keiner zu Hause. Wir krochen unter den Steinway-Flügel im Wohnzimmer, und ich blies ihm einen. Hinterher saßen wir zusammen auf der Veranda, und er rauchte eine Zigarette nach der anderen. So ging das zwischen uns, bis ich die Highschool verließ. Einmal brachen wir nachts in die Dorfapotheke ein und klauten Flaschen mit Tuinal und Quaaludes, bis der Alarm losging. Dann rannten wir atemlos lachend zu ihm nach Hause, wo er sich schlafend stellte und ich mich im Schrank versteckte. Wir wurden nicht geschnappt, aber ich hatte zu große Angst, um es noch einmal zu tun.

Ich sah gern zu, wie er schlief, und ich sah gern zu, wie er einnickte. Ich fotografierte ihn und ließ die Aufnahmen drüben in Mount Kisco entwickeln. Nachts in meinem Zimmer betrachtete ich ihn auf den Fotos – wie er die Augen geschlossen hatte, eine brennende Zigarette in der Hand – und masturbierte. Ich sagte ihm, ich würde alles für ihn tun. Ein paar Jahre später wurde er erwischt, als er in einen Drugstore im Putnam County einbrach. Seine Eltern zahlten die Kaution, und er schrieb mir verzweifelt und einsam, während er auf das Urteil wartete. Ich schrieb nicht zurück. Seine Familie zog nach Westen um. Was aus ihm wurde, weiß ich nicht.

1975 machte ich den Highschool-Abschluss und fing an der NYU an, mit dem vagen Plan, Fotojournalistin zu werden. Das änderte sich an dem Abend, als ich ins Kenny’s Castaways ging, um die New York Dolls zu hören. Die Dolls kreuzten nicht auf, dafür aber jemand anderes, ein dünnes Mädchen, das zehn Jahre älter war als ich und das das genervte Publikum zwischen skandierten Poesieausbrüchen anschrie, während ein langer komischer Typ mit einer E-Gitarre herumfuchtelte.

»… wenn ein Gott mich flachlegt, wenn ein Gott mich …«

Danach ging ich nicht mehr zu den Vorlesungen. Ich ließ mich mit einem Mädchen namens Jean ein, das im Max’s Kansas City kellnerte. Ein paar Monate lang hielt sie mich aus, und wir wohnten in einer schrecklichen Bude im vierten Stock eines Hauses ohne Aufzug an der Hudson Street. Die Toilette mündete in ein Loch im Boden. In der Küche gab es eine frei stehende Badewanne. Wir legten ein Sperrholzbrett über die Wanne und darauf eine Matratze, die wir auf der Straße hatten mitgehen lassen. Ich verschwieg meinem Vater, dass die Uni mich rausgeworfen hatte. Mit seinen Schecks kaufte ich Filme und Speed, Black Beauty, Crystal Meth. Es herrschte ein besonderes Licht auf der Straße, ein Licht wie gesprungenes Glas, so hell und schartig, dass es mir in den Augen und auf der Haut wehtat. Ich ging meistens zum Max’s, um mich mit Jeannie zu treffen, wenn sie Schluss hatte, und fotografierte die Leute, die hinter dem Laden herumhingen. Manche von denen würde man heute noch wiedererkennen. Die meisten nicht, obwohl sie damals für kurze Zeit berühmt waren, so wie ich später mal. Die meisten sind inzwischen tot.

Ein paar von denen waren damals schon tot. Ich machte einen ganzen Film von einem toten Jungen, der am frühen Morgen in der Gasse eine Überdosis genommen hatte. Keiner wollte den Notarzt rufen, schließlich war er schon tot, und wozu die Bullen holen? Also stand ich da draußen im pissgelben Licht der Straßenlaterne, und machte Nahaufnahmen. Es war mir zu heikel, den Film in den gewohnten Laden zu bringen. Ich ließ ihn von einem Freund an der Uni entwickeln.

»Das ist pervers, Cass«, sagte er, als ich die Bilder abholte. Er wich meinem Blick aus. »Du bist krank.«

Ich fand die Aufnahmen schön. Durch die lange Belichtung und das wenige Licht sah die Haut des Jungen aus wie weiches weißes Papier, wie unbedrucktes Zeitungspapier. Der Kopf war ein wenig nach oben gedreht, die Augen standen halb offen. Man konnte nicht erkennen, ob er gerade aufwachte oder ob er tot war. Eine Hand lag gespreizt auf der Brust. Seine nackte Armbeuge war entstellt von kleinen schwarzen Strahlenkränzen. Eine weiße Linie verlief von der Oberlippe zur Spitze eines entblößten Eckzahns. Ich nannte das Foto »Psychopomp«. Ich hielt es für aussagekräftig genug, um damit ein Portfolio zu beginnen, und so machte ich die Aufnahmen, aus denen später mein Buch Dead Girls wurde.

Die Leute fragten mich oft, wie es gewesen sei, diese Aufnahmen zu machen.

»Was glauben Sie denn, wie das ist?«, fuhr ich den Typen von Interview an. »Was glauben Sie denn, wie es sich anfühlt, und wann, glauben Sie, hört es auf?«

Er kapierte es nicht. Niemand kapierte es. Ich kann es riechen, wenn jemand in seinem Innern verwundet ist. Manche dünsten das aus wie Pheromone. Das sind die Leute, die ich fotografiere. Ich kann sagen, wo sie gewesen sind, was sie zerstört hat, sogar wenn sie schon tot sind. Das ist wie Schweiß oder Samen oder Asche, und es ist nicht nur ein Geschmack oder ein Geruch: Es wird auf den Fotos sichtbar, wenn man weiß, wie man das Licht einfangen muss. Es zeigt sich auf den Gesichtern, genauso wie man erraten kann, was ein Schlafender träumt, ob er glücklich ist oder voller Angst oder erregt. Ich weiß nicht, warum mich das anzieht. Vielleicht weil ich davon träume, diesen Körper zu verlassen, wie andere vom Fliegen träumen. Nicht um zu einem sonnigen Strand oder einem Hotelzimmer zu fliegen, sondern um wirklich zu entkommen, um einen Körper zu verlassen und in einen anderen einzuziehen. Wie diese Wespen, die ihre Eier in einen Käfer legen, sodass die Larven darin heranwachsen, den Käfer auffressen und als neue Wespen schlüpfen.

Das klingt gruselig, aber mir hat immer die Vorstellung gefallen, zu verschwinden und etwas Neues zu werden. Das war natürlich, bevor ich verschwunden bin.

Ein Foto zu machen fühlt sich manchmal so an. Wenn ich es gut mache, kommt es mir vor, als stünde ich nicht mit dem Fotoapparat da und blickte durch den Sucher auf jemanden, sondern als sickerte ich ein in die fremde Haut, wie Regen in trockenen Sand.

Manchmal passiert es beim Sex. Einmal nahm ich einen sechzehnjährigen Jungen mit in die Wohnung. Ich hatte ihn in einem Klub aufgerissen: dunkle Augen, dunkle Locken, ein schiefer Schneidezahn, kleine verschorfte Stellen an der Innenseite des Arms, wo er Heroin drückte, weil er noch Schiss hatte, die Vene zu nehmen.

Der Zahn hatte es mir angetan. Es tut mir immer noch leid, dass ich den Jungen nicht fotografiert habe. Er war schön, eins von diesen Pasolini-Kids, die das Licht absorbieren und einen damit anstrahlen und blenden. Ich ließ meinen Fotoapparat am Boden liegen und fickte ihn bloß, und zwar mehr als ein Mal. Danach lag ich fast die ganze Nacht wach und sah ihm beim Schlafen zu. Als er am Morgen aufwachte, sah er mich an, und ich sah, was mit ihm los war. Der Tod seiner Mutter, die kleine Wohnung in Queens, wo er mit seinem Vater und seiner Schwester lebte, der Job nach der Schule in der Tierhandlung, wo er Aquarien reinigte, Vogelfutter dosierte – das erzählte er mir alles, aber ich wusste es schon, ich konnte das Licht aus seinen Augen sickern sehen. Ich wollte ihn fotografieren, kriegte aber plötzlich Panik. Ich gab ihm einen Kaffee und Geld fürs Taxi und schob ihn buchstäblich zur Tür hinaus. Er sah geknickt und verwirrt aus, aber damit konnte ich leben. Womit ich nicht klarkam, war das Wissen, dass er dem Tod schon so nah war. Er hatte sich nur deshalb lebendig gefühlt, weil er mich fickte.

Das versuchte ich Jeannie zu erklären. Sie sah mich an, als hätte ich ihr ins Gesicht gespuckt.

»Du bist verrückt, Cass. Du bist irgendwie nihilistisch. Dir gefällt es, jemanden zu vernichten.«

»Ach? Und ist das was Schlimmes?«

Sie fand das nicht komisch. Kurz danach machte sie mit mir Schluss und bekam einen Job in einem Massagesalon. Mir war’s egal. Ich blieb in der Wohnung. Inzwischen war ich mit einem reichen Mädchen vom Sarah Lawrence zusammen, die gern mit mir zusammen einen auf arm machte. Am Ende des Schuljahrs trennte sie sich von mir. Bis dahin hatte auch mein Vater herausgefunden, was lief – dass ich von der Uni geflogen war und seine Schecks für Drogen ausgab. Er blieb überraschend ruhig. Er machte mir klar, dass er mir keinen einzigen Dollar mehr geben würde, erst wenn ich wieder im Gleis war und selbst genug Geld fürs Studium verdiente, aber er sagte mir auch, dass ich zu Hause immer willkommen sei. Ich dankte ihm und meldete mich in unregelmäßigen Abständen, meistens per Postkarte.

Ich begann mit Selbstporträts, Schwarz-Weiß-Fotos, für die ich mich anzog wie Frauen auf berühmten Gemälden und dann genauso posierte. Ich nannte die Strecke Dead Girls und überredete eine Freundin, die Aufnahmen mit meiner billigen Konica zu machen. Ich trieb als Ophelia in einem Secondhandbrautkleid und mit Bändern im Haar in einer Badewanne irgendwo in einer Mietskaserne. Das Wasser hatte schwarze Schlieren, weil die Bänder Farbe abgaben, und dadurch sah es so aus, als strömte Blut aus meinem Kleid. Ich war eine der Frauen in Whistlers Symphony in White No 3, trug eine lange Perücke, und meine Hände ruhten auf einer Kehrschaufel. Als tote Heilige Eulalia von Waterhouse lag ich mit Perücke und oben ohne in einer Gasse in der Bowery. Tauben pickten um meine Füße herum Vogelfutter auf, das ich hingestreut hatte. Für Munchs Am nächsten Tag lag ich auf meinem Sperrholzbett zwischen leeren Weinflaschen. Eine ähnliche Anordnung benutzte ich für Walter Sickerts The Camden Town Murder.

Das dauerte fünf Monate. Ich besorgte mir einen Job in einem Alki-Schnapsladen an der Bowery, um über die Runden zu kommen. Als ich fertig war, hatte ich dreiundzwanzig Fotos, genug für eine Ausstellung.

Mein zentrales Bild war abgeleitet von Redons Lithografie La Tentation de Saint Antoine, ein lebensgroßes menschliches Skelett, ein Plastikmodell, das ein Freund für mich im Kunstseminar der NYU ausgeliehen hatte. Ich drapierte ein weißes Laken darum und posierte nackt daneben, eine Hand um die Skelettfinger gelegt. Ich stellte den Verschluss so ein, dass das Bild stark unterbelichtet und unscharf war und man fast nichts darauf erkennen konnte. Man sah nur das Skelett, das nach vorn aus dem Bild zu fallen schien, und daneben schwebte eine geisterhafte Arabeske aus Brüsten und einem Gesicht, das an einen Schädel erinnerte: meinem Gesicht. Ich übersetzte die Bildunterschrift. Tod: Ich bin es, der eine ernste Frau aus dir macht; komm, umarmen wir uns.

Dieses Bild fügte ich meiner Fotomappe hinzu, außerdem einige Porträts von Jeannie und ihren Freunden in der Wohnung und im Hinterzimmer des Max’s. Die Aufnahmen waren hart und überbelichtet, hatten aber eine unheimliche Ausstrahlung, die hauptsächlich von Jeannie mit den zerrissenen Netzstrümpfen und dem verschmierten Augen-Make-up, ihren auf dem Boden liegenden Arbeiten und dem grellen Licht einer nackten Hundert-Watt-Birne erzeugt wurde.

Es schadete nicht, dass ein paar andere Gestalten, die im Hintergrund herumlungerten, allmählich bekannt wurden. Im letzten Januar hatte ich in der ganzen Stadt Handzettel an Telefonmasten kleben sehen: Punk is coming. Bald danach kaufte ich die erste Ausgabe für fünfzig Cent im Bleecker Bob’s. Einen Monat später kam die erste Ausgabe des New York Rocker heraus, und die kaufte ich auch. Wenn meine Nachtschicht im Schnapsladen zu Ende war, ging ich oft rüber ins CBGB’s, um mich volllaufen zu lassen und zu tanzen. Ich nahm den Fotoapparat mit und knipste, was es zu sehen gab, Speed, Heroin, Sex, abgebrochene Zähne, zerschlagene Flaschen, Klappmesser, Leute, die lachten, während ihnen oder anderen das Blut übers Gesicht rann. Manchen passte es nicht, dass ich sie beim Sex oder beim Schuss aufnahm. Aber ich wurde immer besser darin, mich zu wehren und abzuhauen. Ich fing an, spitze schwarze Cowboystiefel zu tragen, in denen man schlecht tanzen konnte, aber wenn jemand aggressiv wurde, konnte ich ihm damit einen fiesen Tritt verpassen und war schon weg, bevor er in die Knie ging. Ich stand auf den Rausch aus Wut und Adrenalin, das war für mich wie Sex.

»Scary Neary!«, rief Jeannie, wenn sie mich kommen sah. Allmählich gewöhnten sich die Leute an mich. Und andere fingen auch an zu fotografieren. Punk und New York Rocker hatten die Szene zwar nicht aus der Taufe gehoben, aber sie gaben ihr einen Namen, und wir alle wussten, wo sie existierte.

Inzwischen hatte ich in den Fotografenkreisen der Stadt ein paar Kontakte geknüpft. Ich brachte meine Fotos zur Lumen Gallery in der Innenstadt. Der Galerist erklärte sich bereit, mir eine kleine Ausstellung im hinteren Raum zu ermöglichen. Drei Jahre vorher hatte Robert Mapplethorpe unter Warhol-Anhängern und ein paar vorausschauenden Kunstwelttypen erste Anhänger gewonnen. Dasselbe passierte jetzt mit der Downtown-Szene. Ich verschickte hundert fotokopierte Einladungen an alle, die ich vage kannte, und verteilte noch mal hundert in den Klubs, in denen ich verkehrte. Ich ließ die Musiker wissen, dass sie auf den Fotos zu sehen waren. Dann kaufte ich mir eine Flasche Taittinger Brut, ließ mich volllaufen und ging zu meiner Vernissage.

Es war der richtige Ort zur richtigen Zeit. Dead Girls schloss die Lücke zwischen zwei Lagern: Fotografie und Punk: Der verträumte Kitsch meiner Selbstporträts verschmolz mit dem Schock, Jeannie eindösen und den Leadsänger von Anubis Uprising auf ihr Gesicht masturbieren zu sehen. Ich konnte die Aufregung hören, als ich in den Ausstellungsraum der Lumen Gallery wankte.

Es war ein voller Erfolg, und ich war noch keine zwanzig Jahre alt.

Eine Woche nach der Vernissage fragte die Schlagzeile der Voice: »Wer sind die geheimnisvollen Mädchen? Cassandra Nearys Punk-Provokationen«. Sie nahmen einen Ausschnitt aus der Heiligen Eulalia, in dem meine nackten Füße, die Tauben und das Schild mit »Canal Street« zu sehen waren. Es sah aus wie ein Tatortfoto. Das war gar nicht schlecht, denn in der gewöhnlichen Presse warf man mir alles vor von Pornografie bis Drogenhandel.

Doch das war mir egal. Im CBGB’s war ich hinter meinem Fotoapparat sicher. Ich mochte das Ritual des Entwickelns, hatte instinktiv ein Gefühl dafür, spürte, wie lange ein Bild braucht, um vom Negativ aufs Emulsionspapier überzugehen. Ich spielte gern mit den Negativen, beeinflusste Licht, Schatten und Zeit, bis die Welt genau richtig aussah, bis alles genau so war, wie ich es haben wollte.

Am besten fand ich das Alleinsein in der Dunkelkammer bei der düsteren Infrarotlampe, das grelle Aufflammen, wenn ich das Licht wieder einschaltete und das Ergebnis auf dem Schwarz-Weiß-Abzug zu sehen war: ein Körper, ein Auge, eine Zunge, eine Möse, ein Schwanz, eine Hand, ein Baum, betrunkene Kids, die mit schreckgeweiteten Augen, als hätten sie einen Geist mit einer Knarre gesehen, durch eine Seitenstraße rasten, das Gesicht eines Alkis, der über einer Flasche Manischewitz eingepennt war.

Dafür lebte ich, für das Alleinsein mit diesen Dingen, für das Wissen, ich hatte sie gesehen und fotografiert, vor allem aber für das Gefühl, dass ich sie tatsächlich erschaffen hatte und dass es sie ohne mich nie gegeben hätte. Das ist mit nichts zu vergleichen, nicht mit Sex, Drogen, Saufen oder Sonnenaufgängen an den schönsten Plätzen. Nichts ist so gut wie das Wissen, dass man so etwas Wirklichkeit werden lassen kann. Ich kam mir vor wie Gott.

Zu der Zeit las ich viel Mist über handwerkliches Können und Technik, aber von Fantasie war nie die Rede. Ich wusste, ich hatte ein Auge, die Gabe, zu erkennen, wo die rissigen Ränder der Welt abblätterten und etwas anderes hindurchschien. Bei der ganzen Downtown-Szene ging es zumindest eine Zeit lang darum, dass die Leute unter den ausgefransten Rand griffen und ihn anhoben, um zu sehen, was darunterlag. Um zu sehen, was übrig bliebe, wenn alles weggerissen würde.

Meine Geschichte kam in den Nachrichten. Dann interviewte mich das Sunday Times Magazine für einen ganz kurzen Beitrag. Sie brachten die Fotos meiner Dead Girls und zeigten mich Zigarette rauchend in einer zerschlissenen schwarzen Jeans, mit roten Leinentretern, einem MC5-T-Shirt voller Brandlöcher und einem schmutzig-blonden Haarkranz um mein blasses, ungeschminktes Gesicht. Ich sah aus wie der Albtraum einer Mutter, wenn die Tochter abends nicht nach Hause gekommen ist.

Ich machte mir sogar Gedanken, was mein Vater wohl davon hielt. Nachdem das Interview abgedruckt worden war, rief er mich an. Er sagte deutlich, er hätte kein Interesse, sich die Ausstellung anzusehen – was für uns beide eine Erleichterung war –, wollte sich aber auch vergewissern, dass ich rechtlich keine Probleme hatte.

»Sollte mal was sein, ruf Ken Wilburn drüben in Queens an«, sagte er und gab mir die Nummer. »Er vertritt ein paar Leute, die werden dir helfen, wenn du in Schwierigkeiten kommst. Ich weiß ja nicht, wie du mit diesem Zeug Geld verdienen kannst, Cass, aber ich bete zu Gott, dass du welches verdienst. Besonders, wenn du Wilburn mal brauchst.«

Ich brauchte Wilburn nie anzurufen. Aber meine Fotos brachten mir auch nicht viel ein. Der Times-Artikel erfüllte seinen Zweck, und alle Fotos wurden verkauft. Aber ich hatte den Preis nur bei fünfundsiebzig Mäusen pro Abzug angesetzt. Die meisten kaufte Jeannie – Gott weiß, woher sie das Geld nahm –, aber die wurden ein halbes Jahr später vernichtet, als ihre Wohnung unter Wasser stand. Die Freundin von Anubis Uprising kaufte das Foto, auf dem ihr Freund zusammen mit Jeannie rummachte, dann zündete sie es in der Galerie mit dem Feuerzeug an und schrie »Scheißfotze!«, bis jemand sie rauswarf. John Holstrom kaufte ein Foto, bei dem Johnny Thunders in einer Ecke zu sehen war.

Und das letzte Foto ging an Sam Wagstaff, woraufhin ich einen Buchvertrag bekam. Bei der Vernissage hatte ich eine Literaturagentin kennengelernt, eine kleine rothaarige Frau in einem roten Latexmini namens Linda Kalman.

»Das ist sehr interessant«, meinte sie, während sie »Psychopomp« betrachtete. Sie war älter als die meisten Besucher, Mitte dreißig, trug teuren Goldschmuck und Stiefel mit Stilettoabsätzen. Ich krallte sie mir, um mich mit ihr unters gemeine Volk zu mischen. Sie warf einen Blick auf die übrigen Gäste, die Weißwein aus Plastikbechern tranken, und auf Jeannie und deren Freunde, die johlten, weil eine Journalistin sich Notizen machte. »Wissen Sie, wer die Künstlerin ist?«

Ich ließ die Zigarette fallen und trat sie aus. »Das bin ich.« – »Ach wirklich?« Ihre Augen verengten sich. Sie bedachte mich mit einem kleinen Lächeln, dann streckte sie die Hand aus. »Linda Kalman. Ich arbeite gerade an einem Buch mit Chris Makos. Kennen Sie ihn?«

»Ja«, log ich und schüttelte ihr die Hand, die klein und kühl war und schwer von den Goldringen. »Cass Neary.«

»Cass. Haben Sie einen Galeristen?«

»Nein.«

»Hm.« Sie blickte mich von der Seite an und öffnete ihre kleine rote Unterarmtasche. »Gut. Hier. Nehmen Sie meine Karte. Rufen Sie mich an. Geben Sie mir Bescheid, wer Ihre Fotos kauft. Und viel Glück.«

Wie sich herausstellte, nahm sie Kontakt mit mir auf, nachdem sie den Beitrag im New York Rocker gelesen hatte.

»Also.« Ich hörte sie durch die Leitung gierig an einer Zigarette ziehen. »Haben Sie schon Fotografien verkauft? Wissen Sie, wer sie gekauft hat?«

Als ich Wagstaff nannte, sog sie die Luft zischend ein. »Sam Wagstaff?«

»Ja.«

»Sie wissen, wer das ist?«

»Ja.« Ein einflussreicher Sammler und Kurator. Und Mapplethorpes Liebhaber, aber einem Gerücht zufolge hatten sie gerade Streit.

»Also, Cass. Haben Sie Interesse, ein Buch zusammenzustellen? Ich kenne nämlich eine Verlegerin, die sich sehr dafür interessiert, was zurzeit in der Downtown-Szene los ist. Sie kann jemanden besorgen, der eine Einführung schreibt; ich glaube, sie sagte, Macey Claire-Marsden von der Eastman Foundation würde das tun. Das bringt zwar nicht das große Geld, aber es wäre eine gute Publicity für Sie.«

Sie schien zu überlegen. »Ich finde, Sie sollten das tun. Das sage ich nicht nur meinetwegen. So eine Gelegenheit bekommt man nicht oft, Cass. Jedenfalls nicht, wenn man noch so jung ist wie Sie. Das sollten Sie nicht vermasseln.«

»Ich muss darüber nachdenken.« Ich sagte nichts, legte auch nicht auf, sondern zählte bis fünf. »Ja, okay. Klar. Ich mache es.«

Aber wissen Sie was? Ich hab’s trotzdem vermasselt.

2

Ein Jahr danach erschien Dead Girls und bekam eine gute Presse. Gute Rezensionen, gute Berichterstattung, und die erste Auflage wurde komplett verkauft, was bei einem Bildband für fünfzig Dollar von einer unbekannten zwanzigjährigen Fotografin ziemlich beachtlich war. Das war damals, als man Bücher von Helmut Newton und David Hamilton in den Schaufenstern von Brentano’s und Rizzoli Books sah.

Und man sah auch Dead Girls. Ich wurde in Interview und im Web rezensiert. Es sprach sich herum, dass ich witzig sei, dadurch kam ich ins Radio und hatte sogar einen kurzen Auftritt in der Merv Griffin Show.

Aber ich habe es granatenmäßig verbockt. Ich kam betrunken zu den Interviews, habe die Leute beleidigt, habe die Frauen angebaggert, die mit mir reden sollten, und die waren sauer und die Typen auch. Ein Journalist bezeichnete mich als lesbische Fotografin, und ich stauchte ihn deswegen zusammen, als ich ihm ein paar Tage später am Abend begegnete. Ich war keine Lesbe. Ich war nicht hetero. Wenn es um Beziehungen geht, hat jeder die gleiche Chance, sich von mir kaputt machen zu lassen. Ich fickte jeden, der wollte. Frauen schienen mich besser auszuhalten als Männer. Jedenfalls eine Weile. Die Soho Weekly News brachte in einem Artikel, wie heruntergekommen ich war, und zitierte großzügig aus dem Interview, das ich gegeben hatte. Ich hielt mich für einen Rockstar, für einen Iggy Pop, aber bei mir wollte keiner zahlen, nur um zuzusehen, wie ich von der Bühne falle.

Dead Girls bekam keine zweite Auflage. Ich versuchte, ein neues Portfolio zusammenzustellen, ein zweites Buch herauszubringen, aber da war Runway Books schon nicht mehr interessiert. Auch nicht die Lumen Gallery oder sonst jemand. Der Punk hatte den Höhepunkt überschritten. Die Gewalt in der Szene schreckte die Leute in der Branche ab. Sie nahmen nicht einmal mehr das Wort »Punk« in den Mund. Sie pappten Aufkleber auf neue LPs und Singles mit der Aufschrift »Power Pop Music«. Farfisa-Orgeln dämpften die Gitarren. Die Jugendlichen trugen schmale Krawatten, und überall sah man Wrap-around-Sonnenbrillen. Die Szene wurde größer, hipper, implodierte und explodierte. Es gab Prominente und Prominentenselbstmorde und Prominentenfotografen, die die Prominenten in die Presse brachten. Als ich ein zerrissenes T-Shirt für fünfundsiebzig Dollar in einer Fiorucci-Boutique und draußen an einer Parkuhr zwei Minipudel mit schwarzem Lederband angebunden sah, wusste ich, das war’s jetzt.

Die kurze hässliche Glanzzeit des Punk war vorbei. Und meine auch.

Ich trieb mich in der Stadt herum und wusste nichts mit mir anzufangen. Man sah mich, man erkannte mich, das dürre Mädchen mit den fransigen blonden Haaren und den abgekauten Fingernägeln, mit quer gestreiftem Seemannsshirt und zittrigen Händen. Aber keiner wollte an mich erinnert werden, und nach ein paar Jahren erinnerte sich niemand mehr.

Ich hatte noch die Wohnung in der Hudson Street. Ich bekam einen Job im Lager vom Strand Bookstore. Das zeigte jedem, dass ich tatsächlich erledigt war.

Noch etwas ist damals passiert. An meinem dreiundzwanzigsten Geburtstag war ich auf der Bowery und verließ das CBGB’s wie immer spät. Und wie immer war ich betrunken. Ich war barfuß – ich hatte getanzt und die Schuhe drinnen gelassen, obwohl es Ende Oktober war und das Straßenpflaster kalt. Ich war allein. Plötzlich fuhr ein Wagen bei einer kaputten Laterne an den Straßenrand. Jemand rief mehrmals leise und eindringlich meinen Namen. Später reimte ich mir zusammen, dass er wohl »Miss, Miss!« gerufen haben muss.

Ich aber hörte: »Cass, Cass!«

Ich blieb stehen und drehte mich um. Die Wagentür war schon offen. Er hatte ein Messer. Es ging ganz schnell.

Viel ist mir nicht mehr im Gedächtnis geblieben. Oder nein, ich weiß noch eine ganze Menge, aber alles ist total durcheinander, wie die weggeworfenen Bilder vor einer Passfotokabine.

Ich sehe: ein unbebautes Grundstück. Mich auf Knien. Eine Schnittwunde an der nackten Ferse, weil ich in eine Scherbe getreten bin. Blut über meinem Schambein. Blut und Samen an meinem Oberschenkel. Rissigen Asphalt, über den ich renne. Einen Mann, der den Kopf aus dem Wagenfenster steckt. Mich, schreiend mitten auf der Straße. Einen Streifenwagen.

Ich sehe diese Dinge, erinnere mich aber eigentlich nicht daran. Ich erinnere mich, wie ich über dem freien Grundstück schwebe und auf zwei dunkle Gestalten blicke, eine, die sich bewegt, und eine, die stillhält. Ich erinnere mich an einen Wagen. Und an ein Messer.

Man fragte mich, ob ich mich gewehrt hätte.

Ich habe mich nicht gewehrt. Ich konnte weder ihn noch den Wagen beschreiben. Mein Kopf war leer. Ich rede nicht viel darüber. Es ist passiert. Ich leugne es nicht. Ich schäme mich nicht.

Aber ich weiß, wie die andere Fotostrecke aussähe. Die betrunkene junge Frau, der Ledermini, das enge T-Shirt, kein BH, keine Schuhe, auf dieser Straße um vier Uhr früh Ende Oktober, eine bisexuelle Punkerin, die Fotos von toten Typen gemacht hat. Ich habe mich nicht gewehrt. Seitdem zählen für mich nur diese fünf Worte. Ich habe mich nicht gewehrt.

Sie werden sich fragen, wie man damit lebt. Das kann ich Ihnen sagen. Es ist, als hätte man sich eine Rasierklinge zwischen die Zähne geklemmt: Bewegt man den Mund und die Zunge zu viel, lächelt oder redet oder küsst man, dann schneidet man sich. Man kann ertrinken, wenn man so viel Blut schluckt. Man kann dabei ganz elend verbluten.

3

Danach machte ich dicht. Ich brachte mein Leben nicht in Ordnung, aber ich tat so, als wäre ich ein ganz normaler Mensch, ging pünktlich zur Arbeit, verpulverte meinen Lohn in Klubs, Bars und Buchläden. Mein Umgang mit den meisten Leuten war immer nur flüchtig gewesen, und so nahm niemand Notiz davon, dass ich irgendwann nicht einmal mehr eine oberflächliche emotionale Bindung suchte. Ich bemühte mich nicht um einen besseren Job und bemühte mich auch nur wenig um einen höflichen Ton gegenüber den Kunden im Strand Bookstore. Ich tat nichts, um zur Lagerleiterin aufzusteigen. Ich ging zur Arbeit, riss Pakete auf, sortierte Bücher. Ich klaute auch welche, bis mir die Ladendetektive auf die Schliche kamen. Nach ein paar Jahren ließ ich mir ein Tattoo stechen, das das vernarbte Gewebe über dem Schambein in ein ausgefranstes rotes Banner einbezog, auf dem stand: Nicht totzukriegen. Ich machte Fotos, ging zu Downtown-Gigs und verkaufte meine Arbeiten ab und zu an die Soho Weekly News oder an den Rolling Stone. Als keiner die Bilder mehr kaufen wollte, gab ich sie an ein D. C.-Fanzine namens Vintage Violence im Tausch gegen Ausgaben, die ich für einen Dollar das Stück verkaufte.

Ich fotografierte weiterhin Dinge, die mich bewegten, also meistens welche, die sich nicht bewegten. Platt gefahrene Tauben im Rinnstein; eine angespülte Leiche am Ufer des East River, deren Haut in dem schwarzen Morast aussah wie knittriger, weicher grauer Flanell; die schlafende Stripperin eines Broadwayklubs, deren entblößte Brust aussah wie ein roter Ballon, weil das Silikon unter der Haut ausgetreten war. Ich bildete mir etwas darauf ein, mein Können so sehr geschärft zu haben, dass ich einen Stachel ins Auge des Betrachters treiben konnte. Man könnte meinen, der Hang der Achtziger zu Dekadenz und Tabubruch hätte für solche Fotos ein Publikum hervorgebracht, aber sie wurden immer wieder abgelehnt: zu grausig, zu sehr wie Mapplethorpe, Weegee, Nan Goldins Ballad of Sexual Dependency, dann wieder viel zu eigenständig.

»Das ist zu grob«, gab Linda mir zu verstehen, als ich nach sechs Jahren endlich wieder ein neues Portfolio zusammengestellt und genügend Bilder für ein Buch hatte. »Das ist so, als wäre man im Kopf eines anderen.«

Ich sah sie erstaunt an, die Nachmittagssonne in ihrem Uptown-Büro, ihren Goldschmuck und die Armani-Jacke. »Das ist im Kopf eines anderen, Linda. In meinem Kopf.«

Sie schob mir die Mappe wieder zu. »Ich weiß. Vielleicht sollten Sie sie jemand anderem zeigen, Cass.«

Ich ging. Jemand anderer wollte mich nicht.

Zwanzig Jahre vergingen. Ich beteiligte mich an mehreren Gruppenausstellungen in Kleingalerien. Ab und zu kaufte jemand meine Fotos, und die Dead Girls wurden gelegentlich erwähnt, meistens als Fußnote zu Arbeiten von Cindy Sherman. Als die Digitalkameras aufkamen, machte ich den Wechsel nicht mit. Es wäre nicht schwierig gewesen, denn Licht ist Licht, man muss nur wissen, wie man es einfängt, wo die Schattenlinie verlaufen soll, wann der Moment kommt, wo jemand die Augen öffnet und man nicht sicher sein kann, ob derjenige tot ist oder ob er schläft. Ich hätte meine alte Konica wegwerfen können, genau wie ich mir einen anderen Job hätte besorgen oder bessere Klamotten hätte kaufen oder mich auf jemanden hätte einlassen können.

Über eines sollten Sie sich klar sein: Ich hätte mich ändern können. Aber ich wollte es nicht. Ich fickte mit Leuten, die mir in den Klubs begegneten, mit Männern und Frauen. Nichts war von Dauer. Das alles hinterließ Spuren auf meinem Gesicht, trotzdem sah ich noch ziemlich gut aus, aber ich war eine üble Trinkerin. Irgendwann konnte ich, wenn ich ein Café im East Village betrat, sehen, wie sich jeder hinter einer Zeitung oder einem Laptop versteckte.

Trotzdem fing ich 1998 eine Beziehung mit einer verheirateten Frau an, Christine Conti, einer Professorin mit dem Fachgebiet Französische Nouvelle Vague. Sie war dünn, dunkelhaarig, chic, sehr gefühlvoll, eine trockene Alkoholikerin mit Problemen. Sexuell passten wir gut zusammen, auch wenn wir oft stritten. Nach einer Weile stritten wir nur noch. Ich trank zu viel. Schließlich verließ Christine ihren Mann und nahm sich eine eigene Wohnung in der Nähe vom Battery Park. Aber auch da funktionierte es nicht mit uns, nicht so richtig jedenfalls. Sie meinte, ich wäre kein wirklich ausgeglichener Mensch. Ich weigerte mich, mit dem Trinken aufzuhören. Ich weigerte mich, zu AA-Treffen zu gehen. Sie weigerte sich, mit mir Schluss zu machen.

Dann schlug ich sie. Sie sagte, sie würde nicht die Polizei rufen, wenn ich verspräche, eine Therapie zu machen. Ich erwiderte, dass sie vielleicht eine bräuchte, weil sie mit mir zusammenblieb. Aber ich war einverstanden. Wir gingen zu einem psychologischen Berater. Ich saß da, während Christine mit Begriffen wie rücksichtslos, gleichgültig, zwanghaft um sich warf. Der Berater antwortete darauf mit dissoziative Amnesie, Entpersonalisierung, affektive Störung. Er schickte mich zu einer Psychiaterin, die mir Lithium und Antidepressiva verschrieb.

Ich nahm die Pillen eine Woche lang und fühlte mich, als hätte ich den Kopf voll Strychnin. Ich lehnte es ab, sie weiter zu nehmen. Die Ärztin schlug andere Medikamente vor, aber ich ging nicht wieder hin.

»Ausgeglichener wird meine Persönlichkeit dadurch nicht«, sagte ich zu Christine. »Also gewöhn dich dran, oder zieh Leine.«

Christine blieb mit mir zusammen, aus welchen Gründen auch immer.

Wir stritten nicht mehr so viel, aber ich trank weiter. Meine wenigen Freunde führten nicht so eine Randexistenz wie ich. Vermutlich hielten sie Kontakt, weil sie in mir das Abbild der trostlosen Boheme sahen, die sie aufgegeben hatten, während ich noch dieselbe alte Musik hörte, verkatert zur Arbeit ging, in meiner verlotterten mietpreisgebundenen Wohnung auf einer Sperrholzplatte mit Schaumstoffmatratze schlief.

Schließlich hatte sogar Christine genug. Mit der Zeit traf ich mich nicht einmal mehr mit den wenigen übrig gebliebenen Freunden. Ich ging nicht mehr in die Klubs, um Livemusik zu hören. Ich verschoss immer weniger Filme und verlor die wenigen Kontakte zur schrumpfenden Rockpresse, die ich noch behalten hatte. Wenn mein Geld für die Fotobände, die ich haben wollte, nicht reichte, klaute ich sie im Strand Bookstore.

Dann starb Christine. Sie hatte mich sehr früh an dem Morgen angerufen und eine Nachricht hinterlassen, sie würde sich oben im World Trade Center mit jemandem zum Lunch treffen. Ob ich vorher mit ihr einen Kaffee trinken wolle. Wir könnten noch einmal über alles reden. Das wäre vielleicht ganz gut. Es wäre lange her. Vielleicht wäre sie gerade dabei, über einiges hinwegzukommen. Vielleicht hätte ich mich auch geändert.

Ich hatte mich nicht geändert. Zumindest nicht genug. Ich löschte die Nachricht und rief nicht zurück. Ein paar Stunden später heulten die Sirenen, Rauch war zu sehen. Der Himmel war milchig-blau. Das Telefon klingelte. Phil Cohen kreischte mir von Hoboken drüben ins Ohr.

»Siehst du das, Cassandra, siehst du das?«

Ich blickte aus dem Fenster.

»Ach du Scheiße«, schrie ich und warf das Telefon hin.

Als ich den Kopf nach draußen steckte, sah ich, dass Asche und Papier auf die Hudson Street regneten, und es stank nach Kerosin. Die Leute starrten mit offenem Mund nach oben, wie wenn man Schneeflocken mit der Zunge fangen will. Sie schrien.

Es war wie in einem Glas, das gerade zersplittert: Um mich herum ging alles zu Bruch. Christine war längst tot, nur wusste ich das da noch nicht. Ich wusste nicht, dass sie trotzdem früher hingegangen war, weil sie dachte, ich würde vielleicht doch aufkreuzen. Weil sie dachte, ich könnte mich geändert haben. Wäre doch möglich.

Ich sah zum Himmel hoch, wo ein weißer Kondensstreifen in dem Regen aus schwarzem Sand, Glas und Glutasche verschwamm. Ein verkohltes Stück Papier fiel auf meinen Handrücken und blieb feucht und warm kleben. Ich pellte es ab und ging damit ins Zimmer, um zu lesen, was darauf stand.

Denn als wir zuerst

Ich strich den Fetzen auf meiner Handfläche glatt, dann nahm ich ihn auf die Zunge. Er schmeckte nach Kerosin, nach verbranntem Metall. Ich schluckte ihn hinunter. Im nächsten Moment musste ich ordentlich kotzen.

Keiner rief mich an wegen einer Trauerfeier für sie. Aber ich wäre sowieso nicht hingegangen.

Der Krieg begann. Ich trank noch mehr als zuvor. Eine Zeit lang sah ich in der Innenstadt Flugblätter mit ihrem Gesicht. Ihr Exmann und ihre Eltern hatten sie aufgehängt. Jedes Mal, wenn ich eines sah, wollte ich schreien. Ich wollte jemanden umbringen. Schließlich fing ich an, sie abzureißen, ohne Rücksicht auf die wütenden Blicke der Passanten. Manchmal schrie ich tatsächlich, wenn ich allein in meiner Wohnung war. Sie war weg, alles war vorbei, ich war machtlos, alle waren machtlos. Wieso war ich eigentlich der Einzige, der das verdammt noch mal kapierte?

Das tote Licht, das sich im Winter spätnachmittags einstellt, bei dem alles aussieht wie vereist – dieses Licht fühlte ich auf mir mitten im Sommer, und es blendete mich mitten in der Nacht. Ein paar Monate lang bekam ich Kopfschmerzen, einen grellen Schmerz im rechten Auge, als hätte sich ein Funken in die Netzhaut gebrannt. Der Augenarzt fand nichts, aber ich spürte es, das Loch, das ein geschmolzener Draht hinterlassen hatte, ein glühendes Aschekorn. Ich sah mir das Auge im Spiegel an, suchte nach einer Narbe oder einem Kratzer in der Hornhaut, aber da war nichts. Es kam so weit, dass ich drei Bourbon kippen musste, um den Mut aufzubringen, meinen Fotoapparat in die Hand zu nehmen.

Ich versuchte, meine enge Beziehung zu Christine zu vergessen und jede andere auch. Wie es in dem Lied so schön heißt: Man kann eine Erinnerung nicht in den Arm nehmen. Ich war achtundvierzig, und mein Leben war seit Jahrzehnten vorbei. Da sprach Phil Cohen mich wegen Aphrodite Kamestos an.

4

Phil, ein ehemaliger Musik-Promoter, war ein alter Kumpel aus dem East Village, der jetzt in Hoboken wohnte. Er arbeitete freischaffend für verschiedene Zeitschriften und Websites und schrieb außerdem einen Blog namens Early Death. Der Aufstieg von Hip-Hop und Crap Pop hatte dafür gesorgt, dass seine Jobs längst nicht mehr so sicher waren wie früher, aber seine frühere Abhängigkeit von Speed hatte ihm bewundernswerte Arbeitsgewohnheiten beschert, und er besorgte mir immer noch Meth oder Black Beauty, wenn ich was brauchte. Er schlief wenig, schrieb zwanghaft. Und er hielt auf Teufel komm raus Kontakt mit jedem, der ihn mit Arbeit, Klatsch, Sex oder Diättipps versorgen konnte. Würde die Stadt von einer Atombombe platt gemacht, würde Phil auf der Straße in der Asche kritzeln und anderen Überlebenden in Hoboken Rauchzeichen schicken. Er sah aus wie Don Knotts als Mister Limpet, nur nicht ganz so gut.

Doch Phil hatte für mich immer die Augen offen gehalten, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Ich lief ihm an einem regnerischen Oktobervormittag vor einem Café in die Arme.

»Hey hey hey. Cassandra Android, wie geht’s denn so?«

»Phil. Es tut verdammt gut, am Leben zu sein.«

»Freut mich zu hören. Hey, hör mal – ich wollte dich gerade anrufen. Hast du ’nen Augenblick Zeit?«

Wir quetschten uns hinter einen Fenstertisch. Ich schlürfte meinen Kaffee und starrte ihn an. Vor ein paar Monaten hatte sich Phil den Kopf rasiert, aber sofort erkannt, dass das ein Fehler war, und sich die Haare wieder wachsen lassen. Darum sah er jetzt aus wie ein von Munch gemalter Kresse-Igel.

»Also, was gibt’s?«, fragte ich.

»Ich glaube, ich hab einen Auftrag für dich. Ich kenne da einen Typen, der ist Redakteur bei Mojo. Das ist eine Londoner Musikzeitschrift. Er will eine Story mit Fotos bringen. Ich dachte an dich, Cass. Ist genau das Richtige für dich, eine echte Scary-Neary-Story.«

»Ich kenne die Zeitschrift. Genau das Richtige für mich? So was wie: unterbeschäftigte Lesben und die Frauen, die so welche hassen?«

»So ungefähr! Hast es wieder mal erfasst. Kennst du Aphrodite Kamestos?«

Ich trank einen Schluck Kaffee. »Ob ich sie kenne oder ob ich weiß, wer das ist?«

»Sowohl als auch.« Phil guckte erstaunt. »Du kennst sie nicht gerade gut, hm? Nein, natürlich nicht«, sagte er und redete hastig weiter. »Dieser Redakteur, ich habe ihm gerade erzählt, dass ich mal bei ihr da oben im Norden war. Wilde Gegend. Er will einen Beitrag über sie.«

»Lebt sie denn überhaupt noch? Die muss doch an die Hundert sein.«

»Nein. Vielleicht siebzig. Hat sich aber gut gehalten. Sie hat ein Haus in Maine, auf einer Insel. Anfang der Achtziger war ich mal da. Kannte einen Typen, der sie kannte. Echt wilde Gegend. Also hab ich dem Redakteur gesagt, ich hätte einen Kontakt und könnte wahrscheinlich jemanden dafür bekommen. Die Bezahlung ist ziemlich gut. Und du würdest in Pfund bezahlt – guter Wechselkurs.«

»Warum machst du es dann nicht selbst?«

Phil guckte gekränkt. »Ich will dir einen Gefallen tun!«

»Na klar. Einen Phil-Cohen-Gefallen – hatte ich fast vergessen.«

»Ich hab dich bei dem Typen in den höchsten Tönen gelobt, Cass. Du wärst die einzig Richtige für den Job, hab ich gesagt.«

»Warum denn das?« Ich trank meinen Kaffee aus und warf den Becher in einen Mülleimer. »Noch mal: Warum machst du es nicht selbst?«

»Ich bin kein Fotograf!«

»Warum schickt der Typ keinen von seinen eigenen Leuten hin?«

»Weil Aphrodite jemanden wollte, von dem die noch nie gehört hatten. Als ich Kontakt mit ihr aufgenommen habe, meinte sie, sie will keinen bekannten Namen. Sie ist verrückt oder paranoid oder so was. Sie will jemand Unbekanntes.«

Er knetete mit Daumen und Zeigefinger seine Unterlippe. Ich fing an zu lachen.

»Jemand Unbekanntes? Das hat sie gesagt? Ich brauche jemand total Unbekanntes – ach ja, nehmen wir doch Cassandra Neary!«

»Mehr oder weniger.«

»Scheiße.«

Ich saß da und sagte nichts. Ein paar Augenblicke später zuckte Phil mit den Schultern. »Wirklich, ich wollte dir bloß ein bisschen unter die Arme greifen. Ich meine, sie hat eigens nach dir gefragt, Gott weiß, warum. Aber es könnte ein interessanter Gig werden. Weißt du, es heißt doch, wenn man das Land auf die Seite kippt, rollt alles, was lose ist, nach Kalifornien? Na ja, es ist so, als hätten sie es in die andere Richtung gekippt, denn alles, was dann noch lose ist, rollt nach Maine. Jedenfalls in diesen Teil von Maine – der andere ist wie Massachusetts. Und diese Inseln – Cass, es wird dir da gefallen. Da oben hast du das neue schräge Amerika. Du solltest drüber nachdenken. Wirklich.«

Ich seufzte. »Na gut. Ich überleg’s mir.«

Phil nahm sein Handy heraus und schaute auf das Display. »Du hast, äh, fünf Minuten.«

»Wie bitte?«

»Ich hab dem Typen gesagt, ich rufe um drei an – um drei Londoner Zeit. Fünf Stunden Unterschied. Und jetzt ist es gleich zehn.«

»Aber ich kann doch nicht – ich meine, du konntest doch gar nicht wissen, dass wir uns hier über den Weg laufen.«

»Wusste ich auch nicht. Ich wollte dich gerade anrufen – hey, ich schwöre!«

»Aber – Mensch, Phil. Hat der Redakteur ihr etwa schon gesagt, dass ich komme?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Aber ich. Hör zu, denk nicht drüber nach, okay? Sag einfach Ja. Ich kann das arrangieren. Du hast doch einen Führerschein, oder? Eine Kreditkarte? Du kannst einen Wagen mieten und hinfahren.«

»Ja.« Nachdenklich blickte ich auf die Straße. Der Regen hatte Herbstlaub und verwehte Zeitungsblätter in einen grauen Brei verwandelt. »Scheiße. Können die mir einen Vorschuss geben?«

Phil guckte, als hätte ich von ihm verlangt, ein Baby zu grillen.

»Gibt es auch Geld, wenn sie den Artikel nicht bringen?«

»Ich versuche, das auszuhandeln. Wenn das nicht klappt, Cass, bezahle ich dich aus meiner eigenen Tasche. Wie wär’s damit?«

»Erklär mir noch mal, warum du das tust.«

Phil strich sich über den Stoppelkopf. »Oh Mann, Cass, du bist dermaßen lahmarschig, weißt du das? Ich dachte wirklich, das wäre ein klasse Gig für dich. Die legendäre Aphrodite Kamestos, die halb legendäre Cassandra Neary – du könntest sie halt näher kennenlernen. Ich habe ihr Haus gesehen, habe ein paar Tage da verbracht. Die Trostlosigkeit, auf die du stehst, tja, da oben hast du sie. Lauter Felsen und Meer und Himmel.« Er seufzte. »Und außerdem, ich weiß nicht, sie hatte irgendwas an sich. Sie hat mich an dich erinnert. Verstehst du?«

»An die vergessene Cassandra Neary«, sagte ich. »An die Cassandra Neary, die es verdammt noch mal nie gegeben hat.«

»Vergiss es.« Er starrte mich an, dann sagte er: »Inzwischen müsste ich es eigentlich besser wissen. Da will man dir einen Scheißgefallen tun …« Er nahm sein Handy. »Ich such mir jemand anderen.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich mach’s ja, ich mach’s ja. Ich brauche das Geld. Muss mal raus aus der Stadt.« Ich blickte wieder nach draußen. »Rufst du mich an, oder wie läuft das?«

Er klappte sein Handy auf. »Ich sag dem Typen Bescheid. Dann rufe ich den anderen Kerl in Maine an, damit der jemanden engagiert, der dich im Boot rüberbringt. Danach rufe ich dich an.«

»Klingt ziemlich kompliziert.« Ich stand auf. »Dann warte ich wohl auf deinen Anruf und dann auf einen Kerl, der irgendwas tun soll.«

Phil nickte. »Super. Hey, willst du dich nicht bedanken?«

»Ich bedanke mich, wenn ich die Kohle habe, wie wär’s damit? Dann lade ich dich zum Essen ein.«

Ich beugte mich zu ihm hinunter und gab ihm einen Kuss auf seinen Stoppelkopf.

»Danke, Phil«, sagte ich und ging nach Hause.

5

Sie werden denken, ich wollte raus aus der Stadt, um der Trauer oder den Schuldgefühlen oder der Angst zu entfliehen. Das sind die typischen Gründe, weshalb Leute damals abhauten, und viele flüchteten genau in die Gegend, in die ich unterwegs war.

Aber die Wahrheit ist: Als Christine mich an dem Morgen anrief, hatten wir fast zwei Jahre nicht mehr miteinander gesprochen. Sie könnte den Klang meiner Stimme nicht mehr ertragen, hatte sie zuletzt gesagt. Es wäre so, als würde man mit einer Toten reden. Oder nein, sagte sie dann, es wäre wie bei dem Spitznamen, den Phil Cohen mir verpasst hatte: Es wäre so, als würde man mit einem Androiden reden, einem, der die menschliche Sprache und menschliche Emotionen nachahmt, aber nicht lebendig ist.

»Das Schreckliche ist, dass ich dich wirklich geliebt habe, Cass.« Ich hörte das Surren ihrer Klimaanlage und den Straßenverkehr im Hintergrund. »Und ich liebe dich noch immer.«

Ich sagte nichts. Mir war klar, sie wollte von mir hören, dass ich sie auch liebe. Sie gab mir die Chance, sie zu retten – mich zu retten, hätte sie gesagt –, aber ich konnte nicht lügen. Ich kann in solchen Dingen nicht lügen. Das ist keine Tugend. Das ist ein Makel, genauso wie es keine Gabe ist, sondern etwas Schreckliches, dass ich die wahre Welt sehe. Schon mein Leben lang rechne ich immer mit dem Schlimmsten, ich weiß, dass es passieren wird, und ich sehe, wie es passiert. Die Leute dachten immer, dass ich es sogar herbeiführe, um es dann zu fotografieren und herumzuzeigen.

Die Leute denken, sie wollen die Wahrheit. Aber in Wirklichkeit wollen sie beruhigt werden, dass der ganze Horror nur anderswo ist, im Fernsehen, im Computer, in einem anderen Teil der Welt. Niemand will auf die verkohlten Überreste einer menschlichen Leiche blicken, die direkt vor ihm liegt. Niemand will auf unverhülltes Leid, Entsetzen und Trauer blicken. Ich selbst will das auch nicht, aber ich leugne nicht, dass ich es tue, und ich leugne nicht, dass die Ergebnisse, meine Fotos, verstörend sind. Ich kann nicht wegsehen.

Nach Christines Tod sah die ganze Welt aus wie in meinen Träumen, in meinen Fotografien. Eines Morgens wurde ich wach, blickte aus dem Fenster und sah meinen Albtraum aufsteigen wie die Sonne über dem Fluss, strahlend, blendend. Und ich wurde davon geblendet, weil ich selbst da nicht wegsehen konnte.

6

Ich hatte im Strand noch Resturlaub, also sagte ich Bescheid, dass ich ein paar Wochen wegfahren würde. Sie waren überrascht, wirkten aber auch erleichtert, weil ich endlich etwas Normales tat – es war das erste Mal in fünf Jahren, dass ich mir freinahm. In den letzten Tagen dort hatte ich hauptsächlich im Magazin gestöbert, um etwas über Kamestos zu finden.

Es war nichts dabei außer jenem Kultfoto von ihr in einem Aperture-Band über Fotografen des 20. Jahrhunderts, ein Schwarz-Weiß-Porträt, das ihr Mann gemacht hatte, der Dichter Stephen Haselton, kurz nach ihrer Hochzeit. Ich wusste, es gab noch andere Bilder: eine Bleistiftzeichnung von Jean Cocteau, die auf der Schutzhülle der Originalausgabe von Mors abgedruckt war, und eine Skizze von Brion Gysin, die aussah wie Jean Marats Totenmaske.

Ich hoffte, dass ich bei Google mehr finden würde. Im Netz gab es einiges, einschließlich Susan Sontags Ablehnung von Mors, aber wenig konkrete Informationen, bis auf eine Kurzbiografie auf RealArtists.com. Trotz ihres Namens war Aphrodite Kamestos genauso amerikanisch wie ich, aufgewachsen in Chicago als Kind von Griechen der zweiten Generation. Keine Details über ihre Kindheit und nur eine flüchtige Erwähnung ihrer Ehe mit Haselton. Es gab noch ein paar andere Fotos von ihr im Netz, aber keines war so gut wie das, das ihr Mann aufgenommen hatte.

Ich kenne niemanden, der weniger wie eine Aphrodite aussah als sie.

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