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Liselotte Pulver

Dem Leben ins Gesicht gelacht

Gespräche mit Olaf Köhne und Peter Käfferlein

Biographie

Hoffmann und Campe

Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?

(Matthäus 16, 26)

Vorwort
Auf ein Eiskonfekt mit Lilo Pulver

»Was macht eigentlich Lilo Pulver?«, fragen uns Freunde, Kollegen und Familie, als wir davon berichten, dass wir nach Bern fahren, um Liselotte Pulver in ihrer Schweizer Heimat zu treffen.

Seit Jahren lebt sie, einer der größten Stars des deutschen Kinos – mit dem wohl berühmtesten Lachen überhaupt –, sehr zurückgezogen in Bern und zeigt sich nur noch selten in der Öffentlichkeit. Wie also stellen wir es an, die lebende Legende dafür zu gewinnen, an diesem Buch mitzuwirken?

Durch unsere Arbeit beim Fernsehen kennen wir Lilo Pulver schon lange, doch letzten Endes ist es auch Corinne Pulver, ihre Schwester, die uns den Weg ebnet und ein Treffen möglich macht. Es werden Termine vereinbart – und wieder verschoben. Und das nicht nur einmal. Lilo Pulver ist, wie sie uns später auch lachend gestehen wird, berühmt-berüchtigt dafür, sich nicht entscheiden oder festlegen zu können.

Doch schließlich ist es so weit: An einem regnerischen Nachmittag treffen wir uns in einer noblen Altersresidenz am Rande Berns, die mittlerweile ihr Lebensmittelpunkt ist. Wir erleben eine blendend aussehende, vor Charme und Witz sprühende Liselotte Pulver. Warum bloß, fragen wir uns, macht sie sich so rar?

Es folgen unvergessliche Nachmittage mit Lilo Pulver. Für ganze Generationen war und ist sie Vorbild und Idol. Sie, in die als Piroschka manch einer sich unsterblich verliebte; die in Kohlhiesels Töchter so herrlich davon sang, dass jedes Töpfchen sein Deckelchen findet; die für Billy Wilder als Monroe-Parodie in der Ost-West-Satire Eins, zwei, drei einen legendären Tanz auf einem Tisch hinlegte; die als die Lilo aus der Sesamstraße plötzlich zur Heldin von Kindern wurde; die immer ein Star zum Anfassen war und gleichzeitig glamourös und unerreichbar, sie entführt uns in ihre Welt, in ihre große Zeit und in ihr Heute.

Bei Kaffee und Schweizer Eiskonfekt sprechen wir über galoppierende Kühe und rosarote Wolken, über beste Freunde und die wahre Liebe, über die Tragik des Lebens und über den Hang zum Perfektionismus, den sich Lilo Pulver übrigens bis heute bewahrt hat.

 

Bern, im Frühjahr 2016

Peter Käfferlein und Olaf Köhne

Galoppierende Kühe oder Humor ist die Rettung

Sie wollen also von mir wissen, was mich zum Lachen bringt, worüber ich so richtig herzhaft lachen kann? Das kann ich Ihnen sagen: Es sind die kleinen und unscheinbaren Momente im Alltag, die es überall zu entdecken gibt, wenn man nur richtig hinschaut, die mich amüsieren. Ich hatte immer einen ganz guten Blick für Dinge, die eine gewisse Komik haben. Ein Beispiel: Ich lache über galoppierende Kühe!

(Und in diesem Moment erschallt es – das berühmte, das ansteckende, das einzigartige Lilo-Pulver-Lachen!)

Ja, da wundern Sie sich jetzt vielleicht! Aber ich kann Ihnen das mit den Kühen ganz schnell erklären: Ich gehe jeden Tag spazieren, das ist ein festes Ritual für mich. Bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit drehe ich meine Runden. Und wenn ich auf einer Weide beobachte, wie eine ganze Herde von Kühen ins Galoppieren kommt, wenn man ihnen zum Beispiel Futter oder Wasser bringt, dann sieht das einfach irrsinnig komisch aus. Ich bin mir sicher, das ist Ihnen auch schon einmal aufgefallen. Kühe können nicht galoppieren, tun’s trotzdem und wirken dabei so herrlich ungeschickt! Und wenn ich das beobachte, muss ich einfach lachen.

Es ist nicht so, dass ich dann lauthals lachend an der Weide stehe, sodass die Leute mich für verrückt halten würden, aber ich lache still in mich hinein. Ich habe immer für mein Leben gern gelacht, das muss wohl angeboren sein. Lauthals zu lachen hat etwas ungemein Befreiendes, Belebendes – und am allerschönsten ist es, gemeinsam zu lachen.

Wann wurde eigentlich Ihr Lachen zu Ihrem Markenzeichen, an das jeder sofort denkt, der Ihren Namen hört?

Das war nicht meine Idee. Mein Lachen hat irgendwann jemand herausgestellt, dann schrieb die Presse darüber und erklärte es zu meinem sogenannten »Markenzeichen«, eben weil ich wirklich viel und gern gelacht habe. Und zwar mit und ohne Grund! So hat es sich jedenfalls eingebürgert. Ich möchte mich aber gar nicht beschweren. Da nun jeder Schauspieler irgendein Markenzeichen haben muss, ist das Lachen doch ein sehr schönes – und viel besser, als wäre man fürs Granteln berühmt. Wobei ich übrigens nicht der Meinung bin, dass ich mehr und lauter lache als andere Menschen.

Humor spielte bei uns Pulvers immer eine große Rolle. Es wurde viel gelacht zu Hause in Bern. Als wir noch Kinder waren, meine beiden älteren Geschwister und ich, ging es am Tisch oft hoch her. Meinem Vater wurde das manchmal fast ein bisschen zu viel, wenn er nach einem anstrengenden Arbeitstag seine Ruhe haben oder im Radio die Nachrichten hören wollte. Da musste er schon das eine oder andere Mal auf den Tisch hauen. Bei uns war immer was los.

Und später, am Theater und beim Film, hat sich das fortgesetzt. Ich war häufig für allerlei Unsinn hinter den Kulissen verantwortlich, gerade und vor allem an sehr langen Drehtagen, wenn es dauerte und dauerte, bis endlich eingeleuchtet war und wir eine Szene probieren konnten. Und in der Zwischenzeit haben wir, die Kollegen, die Regisseure, uns Geschichten erzählt und amüsiert. Ganz zu Anfang meiner Schauspielkarriere, im Jahr 1949, kam es zu folgender Situation: Man hatte mich zu einem Vorsprechen ans Schauspielhaus Zürich eingeladen, immerhin eine der bedeutendsten deutschsprachigen Bühnen. Das Vorsprechen war erfolgreich, und ich wurde auf Anhieb engagiert, gleich für zwei Rollen im Faust II. Für den Euphorion und für einen Wagenlenker. Beides waren Knabenrollen.

Dieses Engagement war für mich nicht nur eine riesige Chance, sondern auch eine enorme Herausforderung, die ich erst einmal schaffen musste. Dem Ensemble gehörten damals große Schauspieler wie Will Quadflieg und Gustav Knuth an – allein diese Namen haben einem eine gehörige Portion Respekt eingeflößt. Die Regie bei Faust II führte der legendäre Leonard Steckel, auch Stecki genannt, mit dem ich später noch mehrfach gearbeitet habe und den ich sehr mochte. Er wurde gleichermaßen geachtet und verehrt wie auch gefürchtet – wegen seiner impulsiven Art und seiner berüchtigten cholerischen Ausbrüche. Bei den Proben hat Steckel manchmal an uns Darstellern so heftig herumkorrigiert, als ritte ihn der Teufel. Nichts war ihm recht, und ich – noch ganz jung und unerfahren – hatte manchmal ein wenig Mühe damit, seine Korrekturen und Vorstellungen bei den Theaterproben immer sofort umzusetzen. Und da passierte es einmal, dass Steckel während der Probe aus dem Zuschauerraum des Schauspielhauses zu mir hinauf auf die Bühne brüllte: »Nun merken Sie sich das endlich mal, Sie Arschloch! Es ist ein Wahnsinn, dass man Sie genommen hat!«

Daraufhin herrschte erst einmal ein betretenes Schweigen im ganzen Saal und niemand traute sich, einen Mucks zu machen. Ich aber marschierte bis zur Rampe der Bühne und sagte seelenruhig zu Steckel: »Zu meinem Arschloch können Sie ruhig du sagen!«

Können Sie sich das vorstellen? Der Steckel hat einen so heftigen Lachanfall bekommen, dass er fast vom Stuhl gefallen wäre. Dabei hatte ich das überhaupt nicht als Witz gemeint, mir war das in diesem Moment einfach spontan eingefallen. Aber diese Geschichte ist nur ein Beispiel, wie man mit Lachen ernste Situationen entspannen kann.

(Wieder lacht sie herzhaft.)

Ich habe es immer wahnsinnig genossen, wenn man über mich gelacht hat. Wenn im Theater brüllendes Gelächter losbrach, war das das Größte! Denn eines habe ich im Leben gelernt:

Humor ist die Rettung! Er ist der Rettungsanker für alles!

Man kann mit Humor auch tragische Momente überwinden, denn zum Glück ist es uns Menschen angeboren und steckt in uns allen, dass uns Humor und Lachen helfen, in schwierigen Zeiten die Kurve zu kriegen. Humor ist … wenn man trotzdem lacht – in diesem schlichten Satz steckt eine Menge Wahrheit. Ich glaube nicht, dass es Menschen gibt, die gar keinen Sinn für Humor haben. Wenn man etwas Witziges sagt, dann müssen sie alle lachen. Oder zumindest schmunzeln. Dass jemand dann ein böses Gesicht macht, ist mir nie untergekommen. Aber am liebsten sind mir diejenigen, die auf eine Pointe schlagfertig antworten können.

Auch ich habe mich in Zeiten persönlicher Krisen von meinen Problemen gerne ablenken lassen, indem ich mir zum Beispiel im Kino einen verrückten Film anschaute und dabei die Sorgen für eine Zeitlang vergessen und einfach wieder lachen konnte. Es braucht gar nicht viel dazu. Herrlich amüsieren konnte ich mich immer über die Filme von Louis de Funès, ich liebte diesen großartigen Schauspieler und Komödianten! Beinahe hätte ich einmal einen Film mit ihm gedreht: Ende der sechziger Jahre bekam ich das Angebot für eine Rolle im Gendarm von St. Tropez. Ich hätte die Ehefrau von de Funès spielen sollen. Doch ich lehnte damals ab, was ich hinterher sehr bedauert habe. Aber ich hatte keine Zeit, und hinzu kam, dass der Film ausgerechnet im Juni gedreht werden sollte, in dem Monat, in dem ich am schlimmsten unter meinem Heuschnupfen litt. Immerhin habe ich Louis de Funès einmal kurz getroffen, wir wurden einander in einem Atelier in Paris vorgestellt, wo ich zu tun hatte.

Stan Laurel und Oliver Hardy, Dick & Doof, fand ich auch immer zum Totlachen. Deren Humor liebe ich bis heute! Da kann es meinetwegen gar nicht wild genug zugehen. Oder Bud Abbott und Lou Costello, ein amerikanisches Komiker-Duo, das in den vierziger und fünfziger Jahren große Erfolge feierte. Auch den Humor von Clowns und ihre Kunst, ihn vorzutragen, mag ich sehr. Eine Reihe sehr berühmter Clowns kommt ja aus der Schweiz.

Von den heutigen Komödianten oder Comedians kenne ich nur wenige, was vor allem damit zu tun hat, dass ich kaum fernsehe. Wenn ich abends alleine bin, dann bin ich mit mir selbst beschäftigt, ich schreibe oder ich lese – der Fernseher jedenfalls bleibt meistens aus.

Umzug nach Bern: Es freut mich, wenn die Menschen mich erkennen

Zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass ich mich dazu entschlossen habe, in eine Berner Altersresidenz zu ziehen. Ich werde oft gefragt, was mein Beweggrund dafür war, da ich doch gesund und fit bin und das wunderschöne Haus in Perroy besitze, direkt am Genfer See. Die Antwort ist eine ganz einfache, unemotionale und vernunftorientierte: Ich betrachte den Umzug nach Bern als eine Altersvorsorge, denn ich wollte mir eine Rückzugsmöglichkeit schaffen, einen Ort, wo ich auf niemanden angewiesen bin und weiterhin selbständig leben kann. Ich bin auch nicht die Erste in meiner Familie, die in dieser Einrichtung lebt. Schon meine Großmutter und auch mein Vater wohnten hier, nicht in demselben Gebäude, sondern im Hauptsitz unten in der Berner Innenstadt, nahe dem Hauptbahnhof. Es ist also auch eine Familientradition, hier seinen Lebensabend zu verbringen.

Es gab keinen Auslöser für den Umzug nach Bern, sondern es war ein langsamer Prozess, und die Idee dazu entstand nach und nach, als ich nach dem Tod meines Mannes allein war. Mein Sohn war schon lange von zu Hause fortgezogen und heiratete, war beruflich viel in der Welt unterwegs – und ich musste mich schrittweise neu organisieren. Ein solch großes Haus wie das in Perroy, das mit viel Arbeit verbunden war, konnte und wollte ich nicht mehr alleine bewohnen.

Innerhalb meiner Altersresidenz bin ich im Laufe der vergangenen zehn Jahre immer wieder umgezogen und habe die verschiedenen Wohnungsgrößen ausgetestet, aber in dem Apartment, in dem ich jetzt bin, werde ich wohl bleiben. Hier fühle ich mich wohl.

Man sieht Sie fast nie auf Veranstaltungen … Warum haben Sie sich in den vergangenen Jahren so sehr aus der Öffentlichkeit zurückgezogen?

Habe ich das? Dass ich hier in Bern sehr zurückgezogen lebe, kann ich so nicht bestätigen. Tatsache ist, dass ich meinen Beruf nicht mehr ausübe. Und kaum zu öffentlichen Veranstaltungen gehe. Zu Galas und Preisverleihungen werde ich zwar regelmäßig eingeladen, aber ich sage fast immer ab. Ich habe das alles gehabt, und es ist mir mittlerweile zu anstrengend. Denn es ist schließlich nicht allein damit getan, zu einer Veranstaltung zu fahren – vorher muss ich zum Friseur und zum Schminken, und die Garderobe muss auswählt werden. Und dann steht man auf einer Party herum, wo man am Ende vielleicht niemanden kennt. Kollegen von früher zu treffen, ist hübsch, aber der Aufwand ist sehr groß. Jeder guckt kritisch hin: »Wie sieht sie jetzt aus? Wie ist sie frisiert? Was hat sie an …?«

Von Rückzug kann auch nicht die Rede sein, weil die Presse längst herausbekommen hat, wo ich wohne. Alle paar Wochen stehen Journalisten vor der Tür, die mit mir sprechen möchten, und manchmal – selten! – gebe ich ihnen ein Interview. Und den Fotografen sage ich, sie mögen doch freundlicherweise etwas Abstand halten, alles etwas kleiner zeigen, wenn sie mich fotografieren wollen. So alt bin ich dann auch nicht, dass das nicht mehr geht. Mit über achtzig kann man schon von weitem noch ein Bild machen lassen. Wenn ich auf der Straße gelegentlich von Fremden angesprochen werde, fragen die meisten von ihnen nach einem Autogramm, sie grüßen freundlich, möchten mit mir ein paar Worte wechseln, mir die Hand geben. Es freut mich, wenn die Menschen mich erkennen. Und dann bekomme ich immer noch einiges an Fanpost, zum Teil sind es seitenlange Briefe, in denen Menschen mir ihre ganze Familiengeschichte und ihre Probleme anvertrauen. Ich habe gerade noch eine ganze Kiste voller Post, die ich beantworten müsste. Wenn Sie die sehen würden, dann würden Sie sagen, das kann man ja kaum bewältigen. Auch ohne jeden Tag vor der Kamera zu stehen, ist mein Tag ausgefüllt. Wenn ich eines praktisch nicht kenne, dann ist es Langeweile!

Wer meint, in meiner Altersresidenz sei ich der Paradiesvogel, der täuscht sich. Ich tauche hier unter, bin ein Teil der Gesellschaft. Es gibt immer wieder Mitbewohner und Angehörige, die mich auf meinen Beruf ansprechen, denn hier lebt schließlich die Generation, die alle meine Filme seit den fünfziger Jahren gesehen hat, aber es hält sich in Grenzen. Ich bin hier wirklich nichts Besonderes.

Wie erleben Sie die traurigen Momente, die das Leben in einem Altenheim mit sich bringt?

Im Laufe der zehn Jahre, die ich nun hier wohne, habe ich mich mit einigen der Bewohner angefreundet. Aber viele von ihnen sind leider schon gestorben. Es ist schwierig, dann wieder neue Freunde zu gewinnen. In einem Altenheim leben nun einmal alte Menschen, viele von ihnen krank und gebrechlich. Wenn ich für einige Zeit unterwegs gewesen bin, zu Hause in Perroy, und dann wiederkam, waren sie nicht mehr da. Solche Erfahrungen haben mir zu schaffen gemacht, gerade am Anfang, als ich einzogen bin und alles neu war für mich.

Auch ich mache mir natürlich meine Gedanken darüber, was passiert, wenn ich krank werde – und welche Krankheit könnte das sein? Ich habe keine Angst vor Demenz oder Parkinson, diese Leiden sind in unserer Familie zum Glück nie vorgekommen. Was natürlich aber keine Garantie ist. Ich versuche, den Gedanken an Krankheiten ein bisschen beiseite zu schieben. Ich erlebe hier Fälle, die wirklich tragisch sind, Menschen, denen man ansieht, wie krank sie sind, die gelähmt sind, die dement sind. Aber ich kann und will das nicht auf mich beziehen, und ich schaffe das auch auf meine Weise gut.

Es gibt einen regelrechten Sterbe-Tourismus in die Schweiz. Wie ist Ihre Haltung zur Sterbehilfe?

Verständnis habe ich nicht dafür! Das scheint mir so ein Sich-aus-dem-Leben-Schleichen, wofür ich kein Verständnis aufbringen kann. Meine Haltung ist ganz klar: Man muss, auch wenn man alt und krank ist, das Beste aus seiner Situation machen. Natürlich ist mir bewusst, dass es Momente im Leben gibt, in denen das nicht einfach ist – wenn Menschen sehr krank sind, wenn sie Schmerzen haben und Leiden ertragen müssen. Ich will mir kein Urteil über andere anmaßen, wie es ist, wenn man sehr krank ist und den Gedanken oder Wunsch hat, früher sterben zu wollen. Aber dennoch nein, es ist nicht vorgesehen, dass man sich umbringt. Zum Teil hat meine Einstellung auch mit der Religion zu tun und dass jeder Mensch mit seinem Schicksal leben muss und es auch meistens kann, zumindest muss man es versuchen.

Sind Sie sehr gläubig?

Ich bin ein religiöser Mensch, unsere Familie ist protestantisch, aber ich praktiziere meinen Glauben nicht streng oder täglich, indem ich in den Gottesdienst gehe. Ich bete jeden Abend und versuche vor allem, human zu leben – und irgendwie vertretbar! Manchmal muss man mit sich kämpfen, denn es kann mühsam sein, immer anständig zu leben. Ich spreche davon, anständig zu sein in jeder Beziehung! Das ist mir nicht immer gelungen, weil es über meine Kräfte gegangen wäre. Denn in manchen Situationen im Leben meldet sich der Selbsterhaltungstrieb und man tut Dinge einfach, um zu überleben.

Villa am Genfer See, 1970

Scope Lausanne, Yves Debraine

Ein Haus am See seit über fünfzig Jahren

Heimat und Zuhause ist für mich noch immer unser Haus am Genfer See. Wir haben es 1962 gekauft, als ich gerade mein erstes Kind, unseren Sohn Marc-Tell, erwartete. Mein Mann Helmut und ich wollten uns ein neues gemeinsames Heim schaffen, da unser altes Haus in Nyon, was unweit von Perroy liegt, zu klein wurde. Nachdem wir das Haus in Perroy erworben hatten, richteten wir alles neu ein und veränderten vieles nach unseren Bedürfnissen. Anfangs war es nur ein kleines Häuschen, das wir im Laufe der Jahre haben umbauen lassen. Für dieses Geld hätte man glatt noch ein zweites Haus kaufen oder gleich ganz neu bauen können.

In der Altersresidenz in Bern habe ich anfangs nur ein paar Wochen im Jahr verbracht, dann wurden die Phasen länger und länger. Ich pendelte zwischen Bern und Perroy, bin immer selbst mit meinem Auto hin- und hergefahren. In Perroy habe ich dann meine Garderobe gewechselt, je nach Jahreszeit, blieb ein paar Wochen dort und kam wieder zurück nach Bern. Mein Aufenthaltsort ist also eine Frage der Garderobe: In Bern ist nicht genügend Platz für all meine Sachen. So mache ich regelmäßig meine kleinen Umzüge – mit Koffern, Schachteln und Taschen voller Kleider und Schuhe.

In Zukunft werde ich wahrscheinlich immer weniger Zeit am Genfer See verbringen, weil mein Sohn Marc-Tell im letzten Jahr sein Elternhaus übernommen hat und mit seiner Frau Kerstin dort eingezogen ist – und mit meinem Enkel Pascal, der aber nur wenig dort ist, weil er zurzeit studiert.

Das Haus zu verkaufen, in dem ich so viele wunderbare Jahre mit meinem Mann gelebt habe und in dem unsere Kinder aufgewachsen sind, wäre mir überaus schwer gefallen. Ich hätte das wohl nicht übers Herz gebracht! Die Vorstellung, dass Fremde in unserem Heim leben … nein, ich wollte es unbedingt für meinen Sohn erhalten. Umso glücklicher bin ich, dass das geklappt hat. Und vor allem, dass ich weiterhin eine kleine Wohnung im Haus habe und hinfahren kann, wann immer mir der Sinn danach steht.

In Perroy finden auch weiterhin unsere Familientreffen statt – mit Sohn, Schwiegertochter und Enkel; nur meine Schwester kommt nicht mehr so häufig, da sie nicht mehr viel reist, und mein Bruder ist leider kürzlich verstorben.

Von Winnetou, Wilhelm Busch und Goethe: Denn ich wollte immer eine Tragödin sein

Das Tagebuchschreiben hat mich mein Leben lang begleitet. Bis heute.

All meine Erinnerungen – meine Tagebücher, Drehbücher, Fotos, auch große Teile meiner Filmgarderoben – habe ich vor Jahren schon dem Deutschen Filminstitut in Frankfurt zur Archivierung und Aufbewahrung übergeben. Jahrzehntelang habe ich alles gesammelt – jeder Zeitungsartikel und jede Filmkritik wurden fein säuberlich ausgeschnitten und in Alben geklebt. Das musste alles seine Ordnung haben. Ich kann gar nicht sagen, wie wahnsinnig viel Material das ist.

Dadurch dass ich alles dem Filmmuseum gab, wollte ich verhindern, dass, wenn irgendwann womöglich doch einmal fremde Menschen in mein Haus am Genfer See einziehen, vieles weggeworfen und die mir wichtigen – und vielleicht für die Nachwelt interessanten – Dokumente und Erinnerungsstücke für immer verschwinden. Außerdem brauchen mein Sohn und seine Familie den Platz für sich. Und trotzdem steht dort noch so viel von mir herum. Allein die vielen Bücher, die ich in Bern nicht unterbringen kann …

Auch meine Tagebücher lagern also jetzt im Archiv des Filminstituts. Bevor ich mich von ihnen trennte, habe ich sie bearbeitet, unter dem Gesichtspunkt, was ich später einmal veröffentlicht sehen möchte und was für immer privat bleiben soll. Manche besonders missglückten Textpassagen habe ich extra stehen lassen, weil sie so komisch klingen.

Als ich vor Jahren meine Tagebücher erstmals wieder herausgekramt und darin gelesen habe, war das dramatisch: meine ganzen »Liebeskümmer«! Die habe ich bis ins letzte Detail geschildert. Was im Nachhinein natürlich unwichtig und lächerlich klingt. Aber geschrieben habe ich alles im Ernst – und es war irrsinnig komisch, das Geschriebene aus Kindheit und Jugend mit dem Abstand einer Erwachsenen zu lesen.

 

Seit ich zwölf Jahre alt bin, vertraue ich mich meinem Tagebuch an. Nicht regelmäßig, zwischendurch habe ich monatelang pausieren müssen, wenn mir wegen der Arbeit die Zeit zum Schreiben fehlte, später habe ich aber alles wieder aufgeholt. Heute ist es noch so, dass ich jeden Abend meine Gedanken über die Erlebnisse des Tages notiere, hauptsächlich handelt es sich um sehr private Angelegenheiten, aber auch um aktuelle Themen, mit denen sich jeder beschäftigt. Ich schreibe über Alltagsdinge und die ernsteren Fragen, über die ich nachdenke und die mich intensiv beschäftigen – was im Leben auch manchmal schiefgegangen ist und aus welchen Gründen, und wie ich damit zurande kam. Das Schreiben ist für mich eine Art Abreaktion vom Alltag. An manchen Tagen gibt es fast nichts zu schreiben, an anderen Tagen wiederum sehr viel.

Neben dem Schreiben habe ich immer schon wahnsinnig viel gelesen. Früher habe ich am liebsten nichts anderes getan, als mich ganze Tage in meine Bücher zu versenken. Das fing schon in der Kindheit an. Es gab ja nicht viel andere Abwechslung. Fernsehen hatten wir nicht, und um ins Kino zu gehen, war ich zu klein. Also habe ich gelesen.

 

Mein Vater mochte die Geschichten von Wilhelm Busch sehr, und wir Kinder haben ihm, wenn er sich nachmittags ausruhte, daraus vorgelesen. Dann lag ich unter Vaters Schreibtisch und habe ihm die Erlebnisse von Max und Moritz und all diesen wunderbaren Figuren vorgetragen. Die komischsten Sachen mochte ich, wie immer, am liebsten. Zwangsläufig am besten gefiel mir die Fromme Helene! Auch, weil ich manchmal selber so aussah. Auf dem Kopf trug sie diesen Dutt, und sie stellte immer irgendwelche Streiche an. Wie ich! Eine phantastische Karikatur von Wilhelm Busch. Mein Mann hat mich später auch so genannt: Fromme Helene. Aus diesen Kindheitstagen und den Erinnerungen an Wilhelm Busch rührt immer noch meine Liebe zu Karikaturen.

 

Nach Karl May war ich als Kind regelrecht süchtig. Anstatt für die Schule zu lernen, habe ich Karl May gelesen, und wenn mein Bruder kam, um zu kontrollieren, ob ich meine Schularbeiten machte, fand er mich mit einem Buch auf den Knien. Old Shatterhand, Old Firehand, Old Surehand – die mochte ich, sie waren die Helden meiner Kindheit. Viele Jahre später erhielt ich einmal das Angebot, in einem Karl-May-Film mitzuspielen, und musste leider wegen anderer Engagements ablehnen. Für die Nscho-tschi oder die Apanatschi wäre ich eh zu blond gewesen!

Auch die Klassiker, von den Griechen bis Goethe, habe ich in jungen Jahren verschlungen, in einem Alter, als ich viel zu jung war, um diese Werke wirklich zu verstehen. Als ich sie mir später erneut vornahm – die Ilias und die Odyssee – haben sie mich auch deswegen fasziniert, weil ich sie am liebsten alle selbst spielen wollte. Diese Werke sind unglaublich gut geschrieben und dabei sehr spannend. Von den griechischen Stücken habe ich später keines auf die Bühne gebracht, aber viele andere Klassiker wie Faust II, Das Käthchen von Heilbronn oder auch Kabale und Liebe.

Heute lese ich am allerliebsten Sachbücher und Biographien. Die Lebensgeschichten von herausragenden Persönlichkeiten interessieren mich. Als Nächstes will ich die Autobiographie von Peter Ustinov lesen. Ich kannte ihn ein wenig, denn er wohnte in der Nähe, in einem Nachbardorf am Genfer See. Wir sahen uns ab und an. Zwar haben wir nie zusammen einen Film gedreht, aber er moderierte einmal eine Fernsehsendung, an der ich mitwirkte. Ustinov war eine Ausnahmeerscheinung!

Sind Sie eigentlich einmal an einer Rolle gescheitert?

Nein, das ist mir zum Glück nie passiert. Vielleicht war ich manchmal weniger gut, aber »geschafft« habe ich eine Rolle immer. Ich habe nie in diesen Kategorien was ist schwierig, was ist leicht gedacht. So habe ich meine Arbeit nie empfunden. Manche sagen ja, einen Film zu drehen sei leichter als auf einer Bühne vor Publikum zu spielen. So aber lassen sich Theaterarbeit und Filmarbeit nicht gegeneinander ausspielen. Es sind zwei ganz unterschiedliche Beschäftigungen. Nein, alle Rollen, ob Theater oder Kino, waren auf ihre Weise schwierig. Leicht gepackt habe ich die kleineren, also die Nebenrollen. Wenn ich aber einen Hauptpart übernahm, war er immer eine wirkliche Herausforderung. Es hat Rollen gegeben, die zu mir passten, und andere, die mir nicht ganz auf den Leib geschrieben waren. Ich habe Rollen gespielt, für die ich falsch besetzt war, und trotzdem habe ich sie übernommen, vor allem dann, wenn es Angebote für ernste Rollen waren. Anstatt besser in einer guten Komödie zu spielen.

Denn ich wollte immer eine Tragödin sein! Ich wollte die Leute zum Weinen bringen. Wenn ich früher im Schauspielhaus auf der Bühne stand, war es für mich ein Kriterium, ob die Zuschauer ihre Taschentücher herausholten. Dabei wollten die Leute am liebsten lachen, wenn sie mich gesehen haben.

Die Eltern: Das Maß aller Dinge

Meine Eltern waren das Maß aller Dinge. Sie sahen gut aus, sie waren klug, sie waren künstlerisch begabt. Meine Mutter Germaine hat gesungen, mein Vater Fritz Eugen hat gemalt. Beide waren sie meine Vorbilder.

Vater ist nur 74 Jahre alt geworden. Meine Mutter wurde stolze 96. Sie lebte zuletzt viele Jahre lang bei meiner Schwester Corinne und wurde mit viel Liebe gepflegt und behütet. Weshalb sie auch so alt werden konnte. Dennoch dachten wir, sie würde für immer bei uns sein, denn sie war stets für uns da gewesen – um zu reden, zu helfen, um sich unsere Sorgen und Nöte anzuhören. Als unsere Mutter 1997 starb, waren ihre letzten Worte »Löht mi jetz«. Ihr Tod war ein solch großer Verlust. Keiner kann eine Mutter ersetzen.

Ja, unsere Eltern waren für mich das Maß aller Dinge, und als ein solches empfinde ich auch meinen Bruder Buebi und meine Schwester Corinne.

Bei der Erziehung ihrer drei Kinder legten unsere Eltern großen Wert auf Ehrlichkeit, darauf, dass wir niemals lügen. Auch Fleiß und gute Noten in der Schule waren meinen Eltern wichtig, denn sie wollten, dass etwas »aus uns wurde«, wie man sagt. Wir sollten weiterkommen im Leben, etwas aus unserem Leben machen, wofür unsere Eltern die besten Voraussetzungen schaffen wollten. Corinne, Buebi Emanuel und ich mussten immer anständig angezogen sein. Aber im Großen und Ganzen haben unsere Eltern uns viele Freiheiten gelassen. Sie haben uns nicht in dem Sinne streng erzogen.

Ein wichtiges Ritual, das eingehalten werden musste, war jeden Abend das gemeinsame Familienessen. Papa ging morgens ins Büro, Mama versorgte den Haushalt oder ging in ihre Singstunde, wir Kinder waren in der Schule – und gemeinsam trafen wir uns alle beim Essen im Haus am Malerweg.

 

Unsere Familie – Vaters Seite und Mutters Seite – war eine sehr große und verzweigte. Alle Mitglieder zu benennen würde zu weit führen. Aber wir hatten keinen engen Kontakt zu all den Verwandten. Mein Vater wuchs mit zwei Schwestern bei seiner Mutter auf, da sein Vater schon früh gestorben war, genauso wie der Vater meiner Mutter. Sie wiederum hatte fünf Geschwister, die alle bei Pflegeeltern aufwuchsen – die genauen Gründe dafür kenne ich nicht. Mama kam in die Familie des Chefarztes des Inselspitals, sie hatte es also gut getroffen, es war eine gutsituierte Familie. Dennoch hat es sie sicherlich auch geprägt, ein Pflegekind gewesen zu sein.

Die verschiedenen Tanten – sowohl väterlicher- als auch mütterlicherseits – waren bei uns Kindern sehr beliebt, denn bei ihnen durften wir manchmal übernachten. Und was uns besonders gefiel: Die Schwester meiner Mutter hatte zwei Söhne, und mit diesen beiden Cousins stellten wir ständig irgendwelchen Unfug an, wenn wir bei ihnen zu Besuch waren. Die beiden Schwestern meines Vaters sahen wir zwar weniger häufig, doch bei unserer Großmutter väterlicherseits verbrachten wir jedes Jahr die großen Ferien.

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