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Dem Highlander zu Willen

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1. KAPITEL

Schottland, 1730

Solange sie sich erinnern konnte, hatte Larena Campbell ein geradezu übersinnliches Gespür für aufziehende Gefahren besessen. Sie konnte sie regelrecht in der Luft spüren, wie einen sanften Windhauch, der ihr über das Gesicht strich. Dennoch hatte sie merkwürdigerweise an jenem Tag, der ihr Leben für immer verändern sollte, nichts Bedrohliches wahrgenommen. Sie hatte die Gefahr nicht gespürt, nachdem sie fast schon den ganzen Tag unterwegs gewesen war, bis zu dem Moment, da es zu spät war.

Stattdessen war sie mehrere Male im Sattel beinahe eingeschlafen während ihres Ritts durch die Glens mit ihrem saftigen Grün und den kleinen Bächen, in denen glasklares Wasser plätscherte. Wiederholt war ihr der Kopf auf die Brust gesackt, während ihr Pferd Rupert gemächlich dahintrottete und sie sanft hin und her schaukelte.

Möglicherweise war es die Hitze gewesen, die ihre Sinne betäubt hatte. Für August war es ungewöhnlich schwül. Nicht der kleinste Lufthauch ging. Es war stickig und bedrückend still, unterbrochen nur von dem unablässigen Zirpen der Insekten in der Moorheide, und Larena hatte das Gefühl, dass sie völlig willenlos in der sommerlichen Hitze schwebte. Weit, weit von all ihren Sorgen und ihrem Kummer.

Vielleicht lag es auch einfach daran, dass sie nicht auf der Hut war. Schließlich ritt sie in Begleitung einer Eskorte aus gut trainierten und disziplinierten englischen Soldaten, die imponierende, scharlachrote Uniformen trugen. Sie waren beauftragt worden, Larena heil und gesund zu ihrem Zuhause nach Burg Leathan zu geleiten.

Doch auch dies konnte nicht der Grund sein. Schließlich durfte sie nicht einfach annehmen, dass sie sich bei irgendjemandem sicher und geschützt fühlen konnte, nicht unter diesen Umständen.

Dennoch war es nicht ihre Schuld, was als Nächstes geschah. Ihr war versichert worden, dass die Soldaten fachkundig und gut ausgebildet in der Kriegskunst waren und auch wussten, wie man die Aufständischen bekämpft. Außerdem waren sie ausgeruht – ein nicht zu unterschätzender Vorteil in Situationen wie diesen. Im Gegensatz zu Larena, die seit einer Woche kaum ein Auge zugemacht hatte. Wie hätte sie das auch tun können? Wo es ihr doch vorkam, als hätte man sie direkt in das Feuer der Hölle hineingestoßen.

Sie blinzelte mehrmals, während sie sich daran erinnerte, wie der schreckliche Lärm des Kampfes geklungen hatte – die donnernden Hufe der Reiter und das Gewehrfeuer, Stahl, der klirrend auf Stahl traf, die grauenhaften Schreie der Sterbenden, überall Tod und Gewalt. Im Nachhinein hatte sich gezeigt, dass es für alle besser gewesen wäre, wenn sich ihr Vater einfach den Engländern ergeben hätte. Doch er war ein stolzer und mutiger Laird. Er hatte sein Bestes gegeben, den Angriff abzuwehren, aber es war sinnlos gewesen. Nun saß er als Gefangener im Kerker seiner eigenen Burg und wurde verräterischer Aktivitäten für die Jakobiter beschuldigt. Die Burg war beschlagnahmt worden und diente nun als englische Garnisonsfestung.

Das war der Grund für ihren Schlafmangel in den vergangenen sechs Tagen. Hatte sie sich doch in der Nacht davongemacht und war wild entschlossen nach Fort William geritten, um dort den Vertreter der Krone zu treffen, mit dem sie eine persönliche Beziehung verband.

Bei ihm hatte sie um das Leben ihres Vaters gefleht.

Zu ihrer großen Überraschung war von diesem Augenblick an alles wie ein Traum verlaufen. Der Vertreter der Krone hatte sie mit Verständnis und Mitgefühl angehört. Nun kehrte sie zurück mit einer Abteilung englischer Soldaten, im Gepäck das offizielle Begnadigungsschreibens im Namen des Königs.

Heilige Maria und Joseph. Es wäre alles so perfekt gewesen, wäre ihr nur das Glück treu geblieben. Doch in dem Moment, als sie und ihre Eskorte in den dichten Wald hineinritten, schien die ganze Welt in einem furchtbaren Kugelhagel zu explodieren.

Und das war erst der Beginn.

2. KAPITEL

Sie waren wie aus dem Nichts erschienen – schottische Rebellen, die unbedingt Ärger suchten. Die Aufständischen waren zu einem echten Problem geworden, seit der berüchtigte Schlächter der Highlands, wie er genannt wurde, spurlos verschwunden war. Der Schlächter, ein furchtloser Hüne von einem Krieger, kämpfte für die Sache der Jakobiter und für Schottlands Freiheit und hatte schon etliche Lager der englischen Rotröcke überfallen. Seine Angriffe erfolgten stets ohne Vorwarnung im Schutze der Nacht. Es hieß, er käme wie ein Phantom aus dem Nebel, um seine abscheulichen Mordtaten zu begehen. Dabei sollte den Gerüchten nach das Blut von seiner glänzenden Streitaxt nur so herabtropfen und seine Augen vor Hass wie die Feuer der Hölle lodern. Auf jeden Fall versetzte er die englischen Soldaten diesseits und jenseits der schottischen Grenze in Angst und Schrecken. Eine Zeitlang reichte alleine der bloße Namen des Schlächters, um die königlichen Truppen im Norden zu entmutigen.

Bis heute waren viele überzeugt, dass der Schlächter nichts als eine Legende war. Andere glaubten jedoch, es gäbe ihn wirklich. Auch wenn er jetzt vermutlich tot war.

Dennoch hatten sich in den vergangenen Monaten neue Banden von Marodeuren gebildet und für Unruhen in den gesamten Highlands gesorgt. Den Gerüchten zufolge hatten sie zum Schwert gegriffen, um das zu vollenden, was der Schlächter begonnen hatte. Was nicht allzu viel Gutes bedeutete – zumindest in den Augen der englischen Armee.

Als der erste Schuss an Larenas Schulter vorbeipfiff, machte ihr Herz einen Satz. All ihr Blut stieg ihr in den Kopf, doch sie neigte nicht zur Panik. Da sie mit drei großen Brüdern aufgewachsen war –, die alle drei Krieger geworden waren – war sie für eine Frau recht standfest. Und was noch wichtiger war – sie wusste, wie man mit Pfeil und Bogen umging, besser als so manch anderer.

Sekunden später erwischte es den ranghöchsten Offizier, der eine Kugel direkt zwischen die Augen bekam. Wie ein gefällter Baum kippte er aus dem Sattel. Dann brach auf einmal lautes Geschrei aus. Die Soldaten griffen hastig nach ihren Waffen, als ein Haufen grölender Kerle in Kilts, Äxte und Schwerter schwingend, aus dem Unterholz herausstürmte.

Larena stieß ihrem Pferd die Fersen in die Flanken, lenkte es zu den Bäumen, sprang ab und zog ihren Bogen aus der Satteltasche. Sie suchte sich einen Standplatz, nahm die Grundhaltung ein, langte über ihre Schulter und zog einen Pfeil aus dem Köcher. Alle Geräusche schienen zu verstummen, als sie die Finger an die Sehne legte, den Pfeil ausrichtete und ihr Ziel anvisierte – einen der Aufständischen, der gerade einem ihrer Beschützer einen tödlichen Hieb versetzen wollte.

Sie ließ die Sehne los, und der Pfeil schnellte zischend davon.

Mit tödlicher Präzision traf er sein Ziel. Die Augen des Rebellen weiteten sich, als er auf den Pfeil, der aus seiner Brust ragte, starrte. Dann ließ er sein Schwert fallen und brach zusammen.

Während sich der englische Soldat erhob und sein Gewehr nachlud, schoss Larena drei weitere Pfeile in kurzer Folge ab. Mittlerweile hatte sich das Geschehen zu einem furchtbaren Gemetzel entwickelt. Die Soldaten waren aus ihren Sätteln gesprungen und lieferten sich nun Schwertkämpfe mit den Rebellen, Mann gegen Mann.

Nein, das konnte alles nicht wahr sein.

Larena ging durch den Kopf, wie ihr Vater am Galgen hängen würde, wenn ihre Begleiter sie nicht rechtzeitig zur Burg bringen würden. Hastig griff sie nach einem weiteren Pfeil, legte an und schoss, um dem Gefecht so schnell wie möglich ein Ende zu setzen.

Wieder donnerte ein Schuss, und Rupert hinter ihr scheute. Er stellte sich auf die Hinterbeine und wieherte panisch. Dabei stieß er Larena, die soeben ihr nächstes Ziel anvisiert hatte, gegen die Schulter. Der Schuss ging daneben, der Pfeil bohrte sich in einen Baumstamm.

„Ganz ruhig.“ Sie versuchte nach Ruperts Halfter zu greifen. Er durfte ihr nicht davonlaufen. Schließlich befand sich das Begnadigungsschreiben des Königs in der Satteltasche.

Doch es hatte keinen Zweck – das Pferd galoppierte in den Wald hinein.

„Nicht, Rupert“, schrie sie. „Komm her!“

Sie rannte ihm nach, kam jedoch nur wenige Schritte weit, bevor ein weiterer Schuss abgefeuert wurde und sich ein glühender Schmerz in ihrem Kopf ausbreitete. Sie verzog das Gesicht und hielt sich die Hand an die Schläfe. Ihre Handfläche war voller Blut.

Ihr wurde schlecht, und sie versuchte, gegen die aufkommende Taubheit anzukämpfen. Als sie ins Stolpern kam, wollte sie sich noch an einem Ast festzuhalten, doch ihre Knie gaben nach. Der Bogen glitt ihr aus der Hand, und das Nächste, das sie mitbekam, war, dass sie eine steile Böschung hinabstürzte. Äste und Zweige knickten krachend ab, Blattwerk zerschrammte ihre Hände, als sie versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Ihre Beine strampelten in der Luft. Dann verfing sie sich in einer Gruppe junger Bäume und prallte schließlich vor Schmerzen stöhnend auf dem bemoosten Waldboden auf.

Mit einem Mal schien die Welt stillzustehen. Alles war ruhig, bis auf das Geschnatter eines Eichhörnchens irgendwo in den Baumwipfeln. Larena konnte nichts tun, als auf dem Rücken zu liegen, auf das sich im Wind wiegende Blätterdach über ihr zu starren und einem plätschernden Bach zu lauschen, während ihr der Schmerz durch sämtliche Knochen jagte.

Steh auf, Larena. Du schaffst es.

Leider hörte ihr Körper nicht auf sie.

Von dem Scharmützel war nichts mehr zu hören. War der Kampf zu Ende? Und wer hatte gewonnen, fragte sie sich matt. Vielleicht würde man jetzt nach ihr suchen kommen.

So lag sie eine ganze Weile zwischen den Bäumen da und dachte über ihre missliche Lage nach, bis ihr allmählich die Sinne schwanden. Sie konnte kaum noch die Augen offen halten.

So sollte es nicht enden, dachte sie betrübt.

Sie war doch schon so weit gekommen.

Verzeih mir, Vater. Ich hätte dich so gern gerettet.

Schließlich ließ sie zu, dass ihr die Augen zufielen. Sie fragte sich, ob all die Geschichten, die sie über den Tod gehört hatte, wohl wahr wären. Würde sie ein helles Licht sehen? Würde es ihr die Schmerzen nehmen? Und würde ihre Mutter dort auf sie warten?

3. KAPITEL

Darach MacDonald lehnte sich entspannt im Sattel zurück. Er musste über den seltsamen Traum nachdenken, den er an diesem Morgen gehabt hatte. Er hatte geträumt, er wäre ein Falke, der hoch über den Bergen schwebte, auf seinem Flug nach Hause.

Als er dann aufgestanden war und seine Waffen für den Tag vorbereitet hatte, lag irgendetwas in der Luft. Er hatte nicht genau sagen können, was es war, doch er hatte das Gefühl, dass sich an diesem Tag alles in seinem Leben verändern würde.

War der Traum eine Vorsehung? Oder hatte er nichts zu bedeuten, hatte ihn nur an seine Schuld erinnert?

Wie auch immer, die Überraschung war dennoch nicht geringer, als er Stunden später mit seinem Bruder Logan den Wald durchstreifte und in einiger Entfernung Schüsse vernahm.

Darach hielt sein Pferd an und wandte sich an Logan, der neben ihm ritt.

„Hast du das gehört?“

„Aye, habe ich“, erwiderte Logan und blieb ebenfalls stehen.

Schweigend saßen sie auf ihren Pferden. Die Luft stand still, und es war unangenehm feucht und stickig. Plötzlich jedoch kam eine Brise auf, die die Baumwipfel rauschen ließ. Darach schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und genoss den erfrischenden Windhauch, während er aufmerksam lauschte.

Ein paar Momente lang geschah gar nichts, dann hörte man aus weiter Ferne noch einen Schuss, gefolgt von wütendem Gebrüll.

„Hört sich nach einer üblen Keilerei an“, meinte Logan.

„Aye“, erwiderte Darach und packte die Zügel. „Das kommt vom alten Kutschpfad her, da drüben. Wir sehen am besten mal nach.“ Es war ihre Pflicht, als Scouts ihres Lairds, Angus, dem Löwen von Burg Kinloch, dessen Land zu kontrollieren. Die meisten Tage verliefen langweilig, denn es ereignete sich nichts auf ihren täglichen Patrouillenritten. Schließlich herrschte Frieden, und auf dem Land um Kinloch herum war noch nie viel passiert.

Aber heute war irgendetwas anders.

Sie brachten ihre Pferde in den Galopp und ritten etwa eine halbe Meile quer durch den Wald, um zu dem alten Weg zu gelangen. Als sie ihn erreichten, waren keine weiteren Schüsse mehr zu hören. Im Wald war es wieder still geworden.

„Wo lang jetzt?“, fragte Logan, als sie auf dem Pfad anhielten. Nervös tänzelten die Pferde auf der Stelle. „Ich kann nichts mehr hören.“

Darach blickte erst in Richtung Norden, dann nach Süden. Einen Moment verharrten sie, um zu lauschen, wo das Scharmützel stattfand. Dann auf einmal war wieder etwas zu hören – zunächst leise, dann zunehmend lauter.

Darach hob die Hand.

„Hörst du das?“

„Aye.“

Es war das Geräusch herandonnernder Pferdehufe. Sie drehten sich in dem Moment um, als ein reiterloses, schwarzes Pferd um die Kurve galoppiert kam und auf sie zuraste, als wenn ihm der Teufel auf den Fersen wäre.

Beim Anblick von Darach und Logan auf dem Weg, kam das gehetzte Tier schlitternd zum Stehen und bäumte sich auf.

„Hey.“ Darach sprang aus dem Sattel und ergriff die losen Zügel. „Ganz ruhig, Soldat. Beruhig dich. Du hast es überstanden.“

Der Wallach stampfte auf und wieherte verängstigt, warf den Kopf herum und versuchte zu fliehen, doch Darach hatte die Lederzügel fest im Griff.

„Alles gut“, sagte er beruhigend. „Brauchst keine Angst zu haben. Bei uns bist du in Sicherheit.“

Das Tier beruhigte sich allmählich. Darach bemerkte die leeren Satteltaschen, die das Pferd mit sich trug.

„Zumindest kennen wir jetzt die Richtung“, meinte Logan und zeigte gen Süden.

„Aye.“ Darach nahm ein Seil aus seiner eigenen Satteltasche und knüpfte eine Schlinge, um den Wallach hinter ihnen her zu führen. „Vielleicht finden wir ja heraus, wem du gehörst“, sagte er zu dem Tier. „Was hältst du davon?“

Das Pferd warf den Kopf nach hinten und wieherte leise.

Darach tätschelte ihm den Nacken, bevor er sich in den Sattel seines eigenen Pferds schwang. Einen Moment später waren sie auf dem Weg, um nachzusehen, was passiert war.

„Was hier wohl los war?“, fragte Logan, als sie abstiegen und über das Schlachtfeld gingen. Ein paar treue Pferde waren, scheinbar unbeeindruckt von dem Blutbad, in der Nähe des Weges zurückgeblieben und knabberten an einigen Büschen. „Rotröcke und Schotten. Kennst du den Clan-Tartan?“

Darach kniete sich hin, um sich einen der getöteten Highlander näher anzusehen. Der Tote war höchstens achtzehn, ein Pfeil ragte ihm aus der Brust.

„Ein MacDuff“, sagte Darach. „Vermutlich wollten die ihren Spaß haben und dem Schlächter nacheifern. Angus wird nicht gerade erfreut sein, dass sie solchen Ärger machen.“

„Und die Rotröcke?“, fragte Logan, während er sich bückte, um ein Messer aus dem Bein eines Soldaten zu ziehen. Er wischte die Klinge an der Hose des Toten ab und steckte das Messer in seinen eigenen Gürtel. „Die sind ziemlich weit weg von Fort William. Meinst du, da ist was im Gange?“

„Was sollte das sein?“, fragte Darach missmutig, als er sich erhob. Immer noch starrte er das Gesicht des toten MacDuffs an.

Logan machte ein wissendes Gesicht.

„Du weißt genau, wovon ich spreche.“

Seufzend stieg Darach über die Leiche des englischen Soldaten. Er bemerkte, dass dieser keine Gelegenheit gehabt hatte, sein Schwert oder seine Pistole zu ziehen. Er war geradewegs zwischen die Augen getroffen worden.

„Noch ein Aufstand der Jakobiter?“, fragte Darach. „Aye, könnte sein. Es könnte aber auch das Werk einiger Heißsporne sein, die sich damit brüsten wollten.“ Er blieb stehen und sah sich um. „Was nicht klar ist, ist, ob jemand überlebt hat oder nicht. Niemandem hier, weder den Engländern noch unseren Leuten, hat man die Waffen weggenommen.“

„Stimmt, das ist seltsam“, meinte Logan. „Vielleicht hat ja nur einer überlebt. Und der ist verletzt. Der konnte dann nichts mehr einsammeln.“

Darach musterte den Rand des Wegs auf beiden Seiten, ob es irgendwelche Hinweise dafür gab. Sein Blick fiel auf eine Reihe abgebrochener Zweige, die in das dichte Unterholz führte.

„Bleib hier bei den Pferden“, sagte er, zog sein Schwert und ging in den Wald hinein. „Und halt die Ohren offen.“

„Aber immer“, antwortete Logan.

Mit vorsichtigen Bewegungen folgte Darach der Schneise, bis er zu einer Stelle kam, an der offensichtlich ein Pferd den Farn niedergetrampelt hatte. Er kniete sich hin und sah sich die Hufspuren in dem weichen Boden genauer an. Da waren noch andere Spuren. Er berührte einen Abdruck, der aussah, als ob er von einem Stiefel mit einem kleinen Absatz stammen würde, einem Damenstiefel.

Merkwürdig, für eine Abteilung englischer Soldaten in der Wildnis der Highlands.

Er erhob sich und setzte seinen Weg vorsichtig durch das Unterholz fort. Nach wenigen Schritten fand er einen Bogen, der auf dem Boden lag. Er bückte sich und hob ihn auf, um ihn zu begutachten. Kein Zweifel, das war schottische Wertarbeit. Doch wo steckte der Bogenschütze, fragte er sich.

Er lauschte einen Moment lang, dann hörte er das Plätschern von Wasser, sah sich um und entdeckte einen kleinen Bach, der unterhalb eines steilen Abhangs dahinfloss.

Und verdammt noch mal. Da unten lag ja eine Frau am Ufer.

„Logan!“, rief er über seine Schulter und ließ den Bogen fallen. „Ich habe hier eine Frau gefunden!“

Er grub die Absätze seiner Stiefel in den weichen Boden, um langsam hinabzusteigen, dennoch schlitterte er den Abhang größtenteils hinunter.

Er eilte zu der Frau, beugte sich über sie und sah, dass sie am Kopf eine heftige Verletzung davongetragen hatte. Ihr flachsblondes Haar war verklebt mit geronnenem, dunklem Blut. Er musterte die Wunde genauer und vermutete, dass es eine Schussverletzung war.

Ob sie wohl Engländerin war, fragte er sich, während er zwei Finger an die Seite ihres Halses legte, um ihren Puls zu suchen.

Er betrachtete ihr Gesicht genauer – ihre leichten Sommersprossen, die kleine, leicht aufwärts gebogene Nase, die vollen Lippen – zweifelsohne war sie eine Schönheit. Rasch tastete er mit den Fingerspitzen weiter an ihrem Hals, bis er endlich ihren Puls spüren konnte.

Darach wandte sich um und sah zu Logan, der oben an der Kante des Abhangs stand.

„Sie ist am Leben“, rief er ihm zu.

„Pass auf“, schrie Logan in dem Moment.

Zu spät! Ein Schmerz schoss ihm durch den Hinterkopf bis hinunter in den Rücken. Er sah Sterne, dann kippte er nach vorne auf Hände und Knie.

Mit einer schnellen Bewegung rollte er sich auf den Rücken. Die Frau stand über ihm, einen großen Stein in den Händen. Mit mörderischem Blick holte sie mit den Armen weit aus, um ihm das Gesicht zu zerschmettern.

4. KAPITEL

Er stieß einen stöhnenden Laut aus, packte ihre zierlichen Handgelenke und rang ihr den Stein aus den Händen. Blitzschnell warf er den wild gewordenen Teufelsbraten auf den Rücken und drückte ihre Hände über ihrem Kopf auf den Boden.

„Lass mich“, schrie sie, strampelte mit den Beinen und versuchte von ihm loszukommen.

„Das werde ich nicht tun, Mädchen. Nicht bevor du dich entschuldigt hast.“

„Wofür denn?“ Ihre grünen Augen funkelten ihn wütend an.

„Dafür, dass du mir gerade eben auf den Kopf gehauen hast. Wird eine ganz schöne Beule geben.“

Sie grummelte verärgert und zappelte weiter, wobei sie die Beine wie ein bockendes Fohlen hochwarf. Um sie zu beruhigen, setzte sich Darach auf sie drauf und hielt sie weiterhin fest.

Logan kam den Abhang heruntergestolpert und schlenderte zu ihnen herüber. Scheinbar unbeeindruckt von dem Gerangel zog er einen Apfel aus seiner Felltasche und biss hinein, während er zusah, wie sich die junge Frau wand und aufbäumte.

„Wer ist die denn?“, fragte er beiläufig beim Kauen.

„Das geht dich einen Dreck an“, schrie sie, doch verriet ihr Dialekt, dass sie aus Schottland stammen musste.

Logan beugte sich über ihr Gesicht.

„Du befindest dich auf dem Land der MacDonalds, Mädchen. Daher geht es uns schon etwas an.“ Er biss erneut von seinem Apfel ab.

„Geh runter von mir“, zischte sie und grummelte vor sich hin, bis sie schließlich aufhörte sich zu wehren.

Einen kurzen Moment lang schien Darachs Verstand auszusetzen, als ihm klar wurde, wie sich seine und ihre Hüften aneinander rieben. Er hatte schon ganz vergessen, wann er zum letzten Mal eine Frau in seinem Bett gehabt hatte, und diese hier war mit Abstand die hübscheste, die er je getroffen hatte.

„Schon besser, Mädchen“, sagte er und verdrängte seine konfusen Gedanken über die Frau, die gerade versucht hatte, ihm den Schädel einzuschlagen. „Du hast was abgekriegt. Besser, du überanstrengst dich nicht.“

Sie setzte sich auf, schloss die Augen und musste erst einmal zu Atem kommen. Darach nutzte den Moment, um sie genauer in Augenschein zu nehmen.

Sie war jung und hatte eine zierliche Figur, beinahe wie ein Kind, wäre da nicht ihr üppiger Busen gewesen, der dafür sorgte, dass sein Puls etwas schneller ging. Über einem einfachen weißen Leinenhemd und einem dunklen Kleid trug sie ein blaues Mieder. Sie hatte nichts mit einem Karomuster an, weshalb er zunächst geglaubt hatte, sie wäre Engländerin.

Das Mädchen atmete nun ruhig und tief, was seine Aufmerksamkeit erneut auf ihren Busen lenkte, wo sein Blick verweilte. Dann ließ er seine Augen zu ihren erröteten Wangen wandern, den weichen, leicht geöffneten Lippen und dem zerzausten, blutverschmierten Haar, das ihr beinahe bis zu den Hüften reichte.

„Sag uns, woher du kommst, Mädchen“, forderte er sie auf. „Wie bist du in die Reiberei mit den Rotröcken geraten?“

Sie runzelte die Stirn, als ob die Frage sie verwirren würde, dann blinzelte sie ein paar Mal.

„Ich fühle mich nicht sehr gut.“

Er sah sie besorgt an, als ihr Blick auf einmal leer und starr wurde. Dann bäumte sie sich für einen Moment auf, als wäre sie von einer Art Dämon besessen, und wurde schließlich ohnmächtig.

Darach ließ ihre Handgelenke los, beugte sich vor und schlug ihr leicht auf die Wangen.

„Mädchen, geht’s dir gut? Aufwachen. Wach auf!“

„Lebt sie noch?“, fragte Logan, warf den Apfel beiseite und kniete sich neben sie.

Darach tastete an ihrem Hals nach dem Puls. „Aye, aber sie ist nicht gerade in guter Verfassung. Wir sollten sie auf die Burg bringen. Angus wird sicher wissen wollen, was hier passiert ist. Und sie ist die Einzige, die das beantworten kann.“

Logan zog die Augenbrauen hoch und sah ihn besorgt an.

„Und wenn sie nicht die Einzige ist?“

„Aye“, sagte Darach langsam und dachte darüber nach. Dann stand er auf und schaute um sich. Alles war ruhig.

Er musterte den steilen Abhang.

„Viel kann sie nicht wiegen. Ich werde sie tragen. Du gehst schon vor und sammelst so viele Waffen von den Toten ein, wie du kannst. Durchsuch auch die Satteltaschen von allen Pferden. Und schau bei den Soldaten nach. Vielleicht finden wir irgendeinen Hinweis.“

Logan nickte und kletterte die Böschung hoch, während Darach die ohnmächtige Schönheit, die zu seinen Füßen lag, betrachtete.

Sie hatte Kampfgeist, das musste man ihr lassen. Aber wer war sie nur? Und welche Rolle hatte sie bei dem Überfall gespielt?

Doch er konnte es sich im Moment nicht leisten, über das Wer und Warum nachzudenken. Er bückte sich, schob den Arm unter ihren Rücken und schulterte sie wie einen Sack Korn.

Ein paar Augenblicke später hatte er keuchend und schwitzend fast die Kante der Böschung erreicht, als Logans Kopf über ihm erschien.

„Vielleicht sollte ich besser warten, bis du es nach hier oben geschafft hast, ehe ich dir es sage“, meinte er.

Darach hielt sich mit einer Hand an einem kleinen Baum fest und schnappte nach Luft. Er konnte den Busen des Mädchens fühlen, der gegen seine Wange drückte.

„Spuck’s schon aus, Logan.“

Sein Bruder zögerte.

„Die Frau, die du da hochschleppst, ist eine Campbell.“

Eine Campbell?

Darach erstarrte, dann rückte er die bewusstlose Frau auf seiner Schulter etwas zurecht.

„Erzähl mir nicht, dass sie aus Leathan stammt.“

Logan verzog das Gesicht.

„Tut mir leid, Bruder. Aber so sieht es so. Offenbar waren sie auf dem Weg dorthin. Aber da ist noch was.“

„Noch was?“ Darach rührte sich nicht von der Stelle.

„Sie ist die Tochter des Clan-Chiefs.“

Auf einmal schien jeder Muskel in Darachs Körper unter dem Gewicht der Frau, die er über der Schulter trug, zu brennen. Er musste an den Traum denken, den er an diesem Morgen gehabt hatte. Vielleicht war es tatsächlich eine Vorsehung gewesen.

Aber was auch immer sie bedeuten würde, er wollte um nichts in der Welt etwas damit zu tun haben.

„Sie ist die Tochter von Fitzroy Campbell?“

Die Erkenntnis versetzte ihm einen Stich. Eben noch war er von ihrer Anmut wie verzaubert gewesen. Und er hatte es reizvoll gefunden, wie kampflustig sie gewesen war, als sie ihm den Stein an den Kopf hauen wollte. Wie beherzt sie sich gegen ihn gewehrt hatte, sich unter ihm gewunden und sich aufgebäumt hatte. Sie war nur halb so groß wie er, und er hatte dreimal so viel Kraft wie sie, aber dennoch war sie furchtlos und unverzagt gewesen.

Und nun lief ihm ein kleiner Schauer über den Rücken. Denn sie war eine Campbell.

Und schlimmer, sie war Fitzroys Tochter.

So jung und von solch verlockender Schönheit …

Mann … Verdammt noch mal.

Er sah über seine Schulter zum Bach hinunter. Vielleicht wären er und Logan besser dran, wenn er sie jetzt einfach fallen lassen würde, und sie niemals wieder ein weiteres Wort darüber verlieren würden.

5. KAPITEL

Viele Stunden später erwachte Larena aus einem trüben Dämmerzustand. Sie spürte einen kühlen Lappen auf ihrer Stirn. In ihrem Kopf dröhnte es erbarmungslos wie ein Hammer auf dem Amboss. Sie war verwirrt, hatte keine Ahnung, wo sie sich befand oder welcher Tag es war.

Sie kämpfte damit, ihre Lider zu öffnen. Es fiel ihr ungeheuer schwer, aber nach ein paar Mal Blinzeln gelang es ihr, und sie starrte direkt in die Augen eines Mannes.

Eines Schotten im Kilt, mit mitfühlend grünen Augen und langem, blonden Haar, das er mit einem Lederband zusammengebunden hatte.

Larena versuchte zu sprechen, zu fragen, wo sie war, doch gelang es ihr nicht, Worte zu formen. Ihr Verstand war wie benebelt.

„Wieder da?“ Der Schotte sprach leise im flackernden Schein der Kerzen. „Du wirst schon wieder munter werden, Mädchen.“

Wo bin ich?

Der Highlander tunkte den Lappen in eine Porzellanschüssel neben dem Bett und wrang ihn aus. Geschwächt lauschte sie dem Geräusch der Tropfen, die in die Schüssel fielen. Dann wischte er sachte über ihre Wangen und betupfte ihre ausgetrockneten, aufgesprungenen Lippen. Larena konnte ihn nur hilflos und verwirrt anblinzeln.

Ein metallisches Rasseln schreckte sie hoch. Das Geräusch eines Türriegels gab ihr zu verstehen, dass man sie irgendwo eingesperrt hatte.

Trotz wachsender Panik lag sie ganz ruhig da und blickte sich im Raum um. Er war klein, spärlich möbliert und fensterlos. Ein halbes Dutzend Kerzen brannte auf einem Kandelaber neben ihrem Bett. Die Wände waren aus groben Steinen.

Die Tür ging auf, und ein weiterer Schotte kam herein. Seine Schritte klangen fest und entschlossen auf dem Steinboden. Er hatte dickes, dunkles, lockiges Haar und Augen so schwarz wie die Nacht. Der Schotte beugte sich über das Bett und starrte sie bedrohlich an.

Hinter ihm wurde die Tür knallend zugeschlagen. Es klang so, als habe man sie hier für alle Zeit eingesperrt. Der dunkelhaarige Schotte hakte einen Daumen in den ledernen Schwertgürtel, der quer über seine breite Brust ging.

„Dein Name, Mädchen“, fragte er.

Immer noch unsicher, ob sie etwas herausbringen konnte, blinzelte Larena ihn an. Sie konnte seine starken Arme und seine gefährlich großen Hände sehen. Vermutlich war der Rest seines Körpers unter dem weiten weißen Leinenhemd und dem Kilt ebenso muskulös.

Ein Krieger, so viel war sicher, gebaut wie ein eisenbeschlagener Rammbock. Sie wandte sich nun seinem Gesicht zu, das sie erschreckend attraktiv fand. Klare Gesichtszüge, ein männliches Kinn. Und dennoch war da eine Sanftheit in seinem Gesicht … Vor allem in seinen vollen Lippen. Lippen, die ihr merkwürdigerweise vertraut vorkamen, als ob sie sie in einem Traum schon einmal gesehen hätte.

„Ich habe dir eine Frage gestellt.“ Er hob eine Augenbraue. „Kannst du dich daran erinnern, dass du mir auf den Kopf geschlagen hast?“

Auf einmal setzte ihre Erinnerung wieder ein … Wie sie auf dem Weg überfallen worden waren, wie ihre englischen Begleiter getötet wurden und wie Rupert davongaloppierte mit dem königlichen Begnadigungsschreiben, mit dem sie das Leben ihres Vaters retten wollte.

Lieber Gott. Ihr Vater …

Ihr Herz hämmerte auf einmal vor Sorge. Sie versuchte sich auf einen Ellbogen aufzustützen, aber ihr wurde schwindelig vor Augen.

Der blonde Highlander fasste sie an den Schultern und bettete sie wieder auf die mit Heu ausgestopfte Matratze.

„Noch nicht, Mädchen. Du bist noch nicht kräftig genug.“

„Wo bin ich?“

„Auf Burg Kinloch“, sagte der Dunkelhaarige.

Ernüchterung machte sich in ihr breit.

„Kinloch … Bin ich etwa eine Gefangene? Ihr habt kein Recht dazu.“

„Und ob wir das haben“, erwiderte er mit rauer Stimme. „Du bist doch eine Campbell, oder etwa nicht?“

„Schon, aber …“

„Kein Aber, Mädchen. Der MacDonald-Clan von Kinloch liegt seit Langem mit dem Campbell-Clan von Leathan im Streit. Das weißt du, und das weiß ich. Was ich nicht weiß, ist, was du dir dabei gedacht hast, unser Land zu betreten, und auch noch in Begleitung englischer Soldaten.“

Sie bemühte sich angestrengt nachzudenken, doch ihr Verstand war immer noch ein einziges Durcheinander. Sie bedeckte die Augen mit der Hand.

„Mir war nicht bewusst, dass wir das Land der MacDonalds betreten haben.“ Die heiße Schwüle und der Mangel an Schlaf hatten ihr ordentlich zugesetzt. „Bitte nehmt meine Entschuldigung an, aber lasst mich gehen. Ich muss wirklich nach Hause.“

„Wozu die Eile?“, fragte der Dunkelhaarige. Die Feindseligkeit in seinen Augen und der bedrohliche, misstrauische Unterton in seiner tiefen Stimme reichten aus, um ihrem Herz einen Stich zu versetzen.

Sie versuchte erneut, sich aufzurichten. Diesmal hielt sie der Blonde nicht davon ab. Doch erhob er sich jetzt von seinem Hocker am Fußende des Bettes und stellte sich neben den größeren Mann.

Seite an Seite, einer dunkelhaarig, einer blond, waren sie ein angsterregender Anblick.

Larena setzte ihre nackten Füße auf den Boden.

„Ich muss gehen. Ich habe schon viel zu viel Zeit verloren. Mein Gott, welcher Tag ist heute überhaupt?“

Weil ihr schlecht wurde, gelang es ihr nicht, sich aufzurichten. Sie klammerte sich an die Matratze und wartete darauf, dass die Übelkeit verging, weil sie nicht sicher war, ob sie aufstehen konnte, ohne gleich vornüber zu fallen.

„Du gehst nirgendwo hin, Mädchen“, meinte der Dunkelhaarige. „Nicht, bis du uns erzählt hast, was du bei den Rotröcken gemacht hast und warum die jetzt alle tot auf unserem Land herumliegen.“

Sie verzog den Mund.

„Das fragt ihr mich? Ihr habt uns doch überfallen.“

Ihre beiden Entführer schauten sich verblüfft an.

„Nee, Mädel“, meinte der Blonde. „Damit haben wir nichts zu schaffen. Kannst von Glück reden, dass wir dich gefunden haben. Sonst würdest du immer noch da draußen herumliegen. Und vermutlich tot sein.“

Larena sah sie aufmerksam an.

„Dann habt ihr uns also nicht angegriffen?“

„Nein.“

Immer noch nicht überzeugt, ob sie ihnen Glauben schenken sollte, seufzte sie und versuchte ruhig zu bleiben. Wenn sie von hier friedlich wegkommen wollte, musste sie freundlich bleiben.

„Nun, dann bitte ich um Verzeihung für das Missverständnis und danke euch vielmals für eure Hilfe. Aber ich muss wirklich gehen. Und ich brauche mein Pferd.“ Erst jetzt fiel ihr wieder ein, dass Rupert während des Scharmützels durchgegangen und im Wald verschwunden war.

Niedergeschlagen hielt sie sich die Hand vor die Stirn.

„Bitte sagt mir, dass ihr mein Pferd gefunden habt.“

„Warum spielt das eine Rolle, Mädchen?“ Der dunkelhaarige Highlander runzelte die Stirn.

Sie hob den Kopf.

„Weil er ein bedeutsames Schreiben bei sich hat. Wenn ihr es nicht gefunden habt, dann muss ich gehen und nach ihm suchen.“ Keiner der Männer sagte etwas, sodass sie fortfuhr. „Während des Angriffs hat es gescheut und ist mir weggelaufen. Ich wollte es wieder einfangen, da bin ich den Abhang runtergestürzt. Bitte, es geht um Leben und Tod. Wenn ich mein Pferd nicht wiederfinde und umgehend nach Hause zurückkehre …“

Der Dunkelhaarige griff in die Felltasche seines Kilts und zog ein zusammengerolltes Papier hervor.

„Ist es das, wonach du suchst?“

Larena starrte ihn mit aufgerissenen Augen an, sprang auf die Füße und versuchte, ihm das Dokument aus der Hand zu reißen.

Er hielt es über seinen Kopf.

„Ganz ruhig“, sagte er und warf ihr einen warnenden Blick zu. „Zunächst einmal erzählst du uns, worum es geht und wer du bist, Mädchen. Vor allem, ob dein Name wirklich Campbell ist. Dann überlegen wir uns, ob du gehen darfst.“

Ohne zu zögern, antwortete sie.

„Ich werde euch alles sagen, was ihr wissen wollt. Ehrlich, ich verspreche euch alles, was ihr wollt, wirklich alles, wenn ihr mir versprecht, dass ich das Dokument zurückbekomme.“

Sein Gesicht bekam einen lustvollen Ausdruck. Er kam einen Schritt näher und drückte sie gegen die Bettkante.

„Was für ein verlockendes Angebot, Mädchen. Ich könnte mir so manche interessanten Dinge vorstellen, mit denen du solch ein Versprechen einhalten könntest. Aber ich muss höflich ablehnen. Zunächst einmal musst du jetzt mit mir kommen.“

Für Sekunden schien ihr Herz stillzustehen, bis Larenas benebelter Verstand kapierte, was seine zweideutige Antwort meinte. Zu sehr hatten seine körperliche Nähe, seine massive, maskuline Statur und sein sinnlicher Duft sie benommen gemacht.

Er packte sie am Ellbogen mit seiner großen Hand, was sie umgehend aus der Benommenheit riss.

„Wo willst du mit mir hin?“, wollte sie wissen, als er sie zur Tür führte.

Er hämmerte drei Mal mit der Faust dagegen. Der Riegel wurde hochgehoben und die schwere Eichentür geöffnet.

„Ich bringe dich zum Laird von Kinloch“, antwortete er.

Du lieber Gott.

„Du willst mich einfach so an Angus den Löwen ausliefern?“

Sie hatte von ihm gehört. Angus war der furchterregendste und mitleidloseste Laird der ganzen Highlands. Es wurde sogar gemutmaßt, er wäre in Wirklichkeit der berüchtigte Schlächter.

„Ich habe nicht vor, dich einfach so auszuliefern, Mädchen“, antwortete ihr Entführer. „Nein, ich werde dabei sein und schön zuhören, was dein süßer, kleiner Campbell-Mund so alles ausplaudert.“

Mit diesen Worten stieß er sie vorwärts in den von Fackeln erleuchteten Gang, während der Blonde zurückblieb.

6. KAPITEL

Larena hatte so manche schrecklichen und grausigen Geschichten über Angus den Löwen gehört. Vor rund einem Jahrzehnt hatte er Burg Kinloch von seinen Feinden, den MacEwens, zurückerobert und wieder zum Sitz der MacDonalds gemacht. Zuvor war die Festung durch einen königlichen Freibrief den MacEwens zugefallen, als Dank, dass ihr Clan der Krone diente.

Als Angus damals durch das Burgtor stürmte, um gewaltsam seine Ansprüche geltend zu machen, wollte sich nicht einmal die englische Armee erheben und mit dem mächtigen schottischen Löwen anlegen. Das Ergebnis war, dass die MacEwens genötigt wurden, ihrem Bezwinger die Bündnistreue zu schwören, worauf Angus die Tochter des im Kampf gefallenen Anführers der MacEwens zur Frau genommen hatte.

So war es bis zum heutigen Tag – die Clane MacDonald und MacEwens durch Krieg und Heirat miteinander vereint.

In den vergangenen Jahren wünschte sich der Große Löwe jedoch Frieden für seinen Clan. Zumindest hoffte Larena inständig darauf. Ihr Vater sprach nur selten von den MacDonalds, denn früher einmal hatte es eine Blutfehde zwischen ihnen gegeben, auch wenn das Massaker von Glencoe nun schon viele Jahre her war.

„Nur keine Scheu, Mädchen“, sagte der Krieger hinter ihr, während er mit ihr die Wendeltreppe des Nordturms hinaufstieg, wo Angus auf sie wartete. „Er möchte nur wissen, was auf Burg Leathan vor sich geht und warum der Hals deines Vaters demnächst in einer Schlinge steckt.“

Bei der grausamen Bemerkung über ihren Vater lief es ihr eiskalt über den Rücken.

„Wie grässlich von dir, so etwas zu sagen.“

„Ich spreche, wie es mir gefällt, Mädchen“, sagte er, als sie das Ende der Treppe erreichten. „Schließlich ist er ein Campbell. Genau wie du.“

Bei der Vorstellung, gleich Angus MacDonald zu treffen, schien ihr das Blut in den Adern zu gerinnen. Zusammen gingen sie durch einen gewölbten Gang in eine Halle, die eine Reihe bleiverglaster Fenster hatte. Larena musste sich die Hand vor die Augen halten, so sehr blendete sie das Licht der untergehenden Sonne. Ein riesiger Wandteppich bedeckte eine der runden Wände, aber ansonsten war der Raum spärlich eingerichtet.

Beim Anblick des großen Kriegers, der von ihr stand, musste sie tief Luft holen. Er hatte ihr den Rücken zugewandt und goss an einer Anrichte Whisky in drei Gläser. Sein helles, silberblondes Haar hing lose über seine Schultern und reichte ihm fast an die Taille. In seinem Gürtel steckte ein gewaltiges Breitschwert.

Das war der Mann, vor dem ihr Vater sie schon als Kind gewarnt hatte.

Er hat kein Herz, kennt keine Gnade. Er verachtet alle Campbells und möchte uns am liebsten tot sehen. Bleib bloß weg von Kinloch, Larena. Setze niemals einen Fuß auf ihr Land …

Den Gerüchten nach war der Löwe ein schreckenerregendes Ungeheuer, von Kriegsnarben entstellt und mit Augen, die glühten wie die des Teufels.

Doch als er sich zu ihr umdrehte und sie mit seinen hellblauen Augen ansah, verschlug es ihr den Atem – nicht nur, weil sie furchtbar nervös war, sondern auch weil er keineswegs hässlich oder entstellt war. Tatsächlich war er zu ihrem Erstaunen ein attraktiver Mann.

Mit einem Whiskyglas in jeder Hand kam er gemächlich zu ihr herübergeschlendert, bot ihr eins an und sagte freundlich: „Willkommen, Larena Campbell.“

Als sie ihn ihren Namen aussprechen hörte, verlor sie ihre ohnehin angegriffenen Nerven und wich zurück, bis sie an die Wand hinter ihr stieß. Nur, dass es gar keine Wand hinter ihr war, sondern der dunkelhaarige Highlander, der sie in diesen Raum gebracht hatte.

Sie merkte, dass sie rot wurde, räusperte sich und warf einen Blick über ihre Schulter.

„Nimm schon, Mädchen“, sagte der Dunkelhaarige mit seiner tiefen, samtigen Stimme. „Du siehst aus, als könntest du einen Whisky vertragen.“

Sie musste schlucken, dann riss sie sich zusammen, trat einen Schritt vor und nahm das angebotene Glas.

„Danke sehr.“

Der Löwe reichte das andere Glas dem Dunkelhaarigen, dann betrachtete er sie neugierig, während sie das Glas zum Mund führte und vorsichtig daran nippte. Insgeheim hoffte sie, man würde sie nicht vergiften.

Doch vielleicht war es wirklich Gift, denn es brannte wie Feuer in ihrer Kehle. Sie musste sich extrem zusammennehmen, um nicht zu husten und alles wieder auszuspucken. Noch nie hatte sie dergleichen gekostet.

Allmählich gewann sie die Fassung zurück und erwiderte den Blick des Löwen.

„Also …“, sagte er, während er zu der Anrichte zurückging, um das dritte Glas zu holen. „Darach hat mir berichtet, du bist in eine kleine Auseinandersetzung mit ein paar Rotröcken hier in der Nähe geraten.“

Larena blickte erneut kurz über die Schulter, und ihr wurde bewusst, dass das wohl der Name des dunkelhaarigen Highlanders war. Darach.

„So war es nicht“, erklärte sie und wandte sich wieder dem Löwen zu. „Wenn Ihr erlaubt, erzähle ich Euch die ganze Geschichte.“

Angus hob den Arm, als ob er ein Orchester dirigieren wollte.

„Bitte, tu dir keinen Zwang an.“

Auch wenn er augenscheinlich offen und herzlich war, so kam er Larena doch gefährlich und unberechenbar vor. Ein Mann, dessen Laune im Nu umschlagen konnte. In einem Moment reichte er ihr noch einen Whisky, im nächsten brach er ihr schon die Finger.

Sie holte tief Luft, um ihre Nerven zu beruhigen, dann leerte sie das Glas in einem einzigen Schluck und verzog dabei qualvoll ihr Gesicht.

„Ist der heftig“, krächzte sie.

„Aye, das ist Moncrieffe. Der beste Whisky, den die Highlands zu bieten haben.“

Sie kämpfte darum, wieder zu Atem zu kommen, und ließ zu, dass Angus ihr das leere Glas aus der zitternden Hand nahm und sie am Ellbogen zu einem Stuhl führte.

„Wieso setzt du nicht hin, Mädchen?“, sagte er. „Du siehst ein wenig blass aus.“

So fühlte sie sich auch. Ganz abgesehen davon, dass sie von der blutigen Schramme an ihrem Kopf und dem starken Whisky benommen und überhaupt müde und erschöpft war. Und abgesehen davon, dass sie sich Sorgen um ihr Leben machte und um das ihres Vaters.

Sie merkte, dass Darach in ihrer Nähe blieb, als sie in dem Sessel Platz nahm. Angus zog sich einen Stuhl heran und setzte sich direkt vor sie.

„Geht es wieder?“, fragte er.

Sie nickte, aber immer noch hämmerte ihr das Herz in der Brust.

„Jetzt erzähl mir alles“, sagte Angus aufmunternd, was in ihr die Hoffnung weckte, dass er Verständnis für sie haben würde.

„Vielleicht wird es Euch überraschen zu hören, aber ich hatte mit dem Überfall auf die Rotröcke nichts zu tun. Immerhin habe ich es abbekommen. Ich habe keine Ahnung, wer dafür verantwortlich war. Ihr müsst wissen … Die englischen Soldaten waren meine Eskorte auf dem Weg zurück nach Burg Leathan.“

„Um die Begnadigung des Königs zu überbringen, durch die das Leben deines Vater gerettet wird?“, wollte Angus wissen.

„Aye.“

Er musterte sie aufmerksam.

„Sag mir, Larena, wie kam das alles zustande?“

Sie atmete tief durch.

„Ich bin den ganzen Weg nach Fort William geritten, um dort den Vertreter der Krone zu treffen und bei ihm um Gnade für meinen Vater zu bitten. Ich hatte sehr viel Glück, und er hat sie mir gewährt. Aus dem Grunde muss ich auch so schnell wie möglich aufbrechen und nach Hause zurück.“

„Um deinen Vater vor dem Scharfrichter zu bewahren“, fügte Angus hinzu.

„Ganz genau.“

„Aber warum sollte dein Vater denn hingerichtet werden?“, fragte er. „Das interessiert mich am meisten. Ich hatte nämlich den Eindruck, dass die Campbells König George ganz schön in den Hintern kriechen.“

Jede andere Frau wäre bei Angus’ derben Worten schockiert gewesen. Doch Larena war mit großen Brüdern aufgewachsen, die in ihrer Jugend recht ungehobelt gewesen waren. Tatsächlich war sie ebenso wissbegierig – wie auch verwirrt –, was die Beweggründe ihres Vaters für sein Verhalten betraf.

„Offenbar vertritt mein Vater nicht mehr die gleichen politischen Einstellungen wie unser alter Clan-Chief.“

Auch wenn sie Angus ansah, war ihr bewusst, dass Darach um sie herumtigerte und sie genau musterte. Sie hob den Kopf und war fast gelähmt von der Intensität seiner Blicke.

„Meinst du euren vorherigen Chief, Ronald Campbell?“, fragte Angus. „Er hat das Haus Hannover unterstützt, soweit ich mich erinnere. Und er war König George treu ergeben.“

„Aye“, antwortete sie. „Aber als er starb, stellte sich heraus, dass er keinen Erben hatte. Mein Vater nahm daher seinen Platz ein und begann heimlich die Sache der Jakobiter zu unterstützen, um das Haus Stuart wieder zurück auf den Thron zu bringen.“ Sie senkte den Kopf und betrachtete ihre Hände. „Ich glaube, er war dabei, eine Armee aufzustellen.“

Angus und Darach sahen sie verwundert an.

Der Löwe lehnte sich vor.

„Du erzählt mir, dass dein Vater, Fitzroy Campbell, ein Jakobiter ist? Großer Gott, dann wird mir alles klar.“

Angus sah zu Darach hoch, der neben ihm stand.

„Was hältst du davon, Darach? Schockierend, oder?“

„Ziemlich“, antwortete er und nahm einen großen Schluck Whisky, der stark in seinem Mund brannte. Oder war es eher die Abscheu über das, was er soeben erfahren hatte?

Larena seufzt laut.

„Glaubt mir, ich war genauso entsetzt wie Ihr. Vor allem, als englische Soldaten dann bei uns die Tür eintraten, um meinen Vater zu verhaften. Ich gebe Euch mein Wort, dass ich nichts von seiner Verschwörung gegen den König wusste. Daher bin ich auch, so schnell es ging, nach Fort William geritten, um für ihn um Gnade zu ersuchen.“

Darach verzog ungläubig das Gesicht.

„Und wieso wurde er einfach so begnadigt? Wie in Gottes Namen hast du den Vertreter der Krone überredet, deinem Vater Pardon zu gewähren?“ Er hielt inne, dann wanderte sein Blick über ihren Körper. „Hast du etwa mit ihm …?“

„Nein, das habe ich nicht“, rief sie empört. „Und diese Unterstellung ist eine Beleidigung.“

Angus stieß Darach an.

„Schau nur, was du angerichtet hat. Jetzt kompromittierst du das arme Ding auch noch. Nach allem, was sie durchgemacht hat. Du entschuldigst dich auf der Stelle bei ihr.“

„Entschuldigung“, murmelte Darach zögernd und nahm noch einen Schluck aus dem Glas.

Larena richtete sich im Sessel auf.

„Wenn Ihr es genau wissen wollt, es gibt eine Beziehung mit dem Vertreter der Krone, Lord Rutherford. Ich habe gedacht, vielleicht liegt ihm etwas an Burg Leathan und er würde mir helfen.“

Angus legte den Kopf schief.

„Warum sollte Rutherford denn etwas an Leathan liegen?“

„Das ist eine komplizierte Sache. Bitte, wenn Ihr mir einfach die Begnadigung zurückgeben und mich freilassen würdet, könnte ich sie noch rechtzeitig überbringen.“

Die beiden Highlander sahen sich stumm an. Dann schüttelte Angus den Kopf.

„Tut mir leid, Mädchen.

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