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Dem Glück so nah

Über die Autorin

Louise Walters wurde 1967 in Banbury, England, geboren. Sie lebt mit ihrem Ehemann und ihren fünf Kindern in Northamptonshire. Dem Glück so nah ist ihr erster Roman.

Mehr Informationen zur Autorin finden Sie unter: www.louisewalterswriter.blogspot.de

Louise Walters

Dem Glück so nah

Roman

Aus dem Englischen von
Gabi Reichart-Schmitz

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1. Kapitel

8. Februar 1941

Meine liebe Dorothea,

zu Zeiten des Krieges geraten die Menschen bisweilen in einen Zustand der Verzweiflung. Sie stehen förmlich neben sich. Ich liebe Dich wirklich – es tut mir leid, dass ich das jetzt erst eingestehe. Du liebst mich. Ich werde nie vergessen, wie Du meinen Kopf und meinen Nacken gestreichelt hast, als Du glaubtest, ich schliefe. Eine Berührung der Liebe, kaum noch vorstellbar. Niemand wird mich je wieder so berühren. Das weiß ich mit Sicherheit. Jetzt muss ich mit dem Schmerz fertigwerden.

Verzeih mir, Dorothea, dass ich Dir nicht verzeihen kann. Was Du vorhast, was Du diesem Kind und seiner Mutter antust, ist falsch. Es ist deplatziert, so wie ich es bin, der ich gezwungen war, mein Heimatland zu verlassen, in das ich vielleicht nie wieder zurückkehren kann. Auch Du kannst nie wieder zurück, wenn Du an Deinem Vorhaben festhältst. Du wirst daran festhalten. Allerdings könntest Du das Ganze jetzt noch rückgängig machen, aber ich weiß, dass Du das nicht tun wirst. Deine Seele kann nicht mehr heimkehren von dem, was Du tust. Bitte glaub mir. Indem Du den einen in den Arm nimmst, verlierst Du zwangsläufig einen anderen. Ich halte das nicht aus, und Du weißt, warum nicht.

Ich schreibe Dir diese Worte nicht gern. Um ehrlich zu sein, ich weine gerade. Wenn dieser Krieg irgendwann einmal zu Ende geht – irgendwann wird es so weit sein –, hätten wir uns ein gemeinsames Leben aufbauen können. Es ist zu meinem einzigen großen Traum geworden, mein Leben mit Dir zu verbringen. Als ich nach unserer ersten Begegnung auf dem Fahrrad davonfuhr, war mir bereits klar, dass Du mir so wichtig bist wie Wasser. Ich wusste, Du bist für alle Zeit, selbst wenn uns keine Zeit bleibt. Schon nach wenigen Minuten dachte ich daran, Dich zu heiraten. Aber es geht nicht. Du bist eine achtbare Frau, doch das, was Du tust, ist alles andere als ehrenhaft. Obwohl Du Dir so viel Mühe gibst, gut zu sein, betrügst Du Dich jetzt selbst und öffnest der Schande Tür und Tor. Es fällt mir schwer, es ausdrücken, aber Du verstehst mich bestimmt. Meine wunderschöne Dorothea, trotz allem muss unsere Freundschaft hier enden. Ich wünsche Dir alle Freude dieser Welt.

Dein Jan Pietrykowksi

(Ich fand diesen Brief in einer Ausgabe aus dem Jahr 1910 von The Infant’s Progress: From the Valley of Destruction to Everlasting Glory. Ich legte das Buch auf Philips Schreibtisch, damit er einen Preis festsetzte. Schließlich wanderte es in das Regal für antiquarische Bücher, mit dem bescheidenen Preis von fünfzehn Pfund ausgezeichnet.)

Ich reinige Bücher. Ich staube die Buchrücken und die Seiten ab, manchmal jede einzeln – eine mühevolle Arbeit, die Hustenreiz verursacht. In den Büchern finde ich versteckte Dinge: getrocknete Blüten, Haarsträhnen, Eintrittskarten, Etiketten, Quittungen, Rechnungen, Fotos, Ansichtskarten, alle Arten von Karten. Ich finde Briefe, unveröffentlichte Werke von ganz normalen Menschen; Menschen, die Kummer haben; Menschen, die nicht gebildet sind und selten schreiben. Die Briefe sind mal holprig formuliert, mal wortgewandt verfasst, es handelt sich um Liebesbriefe, alltägliche Briefe, geheime Briefe oder banale Briefe, die von Obst oder Babys oder Tennisspielen erzählen, von Menschen geschrieben, die beispielsweise Marjorie oder Jean heißen. Meinem Chef, Philip, sind derartige Fundstücke gleichgültig, weil er schon so daran gewöhnt ist. Was immer er findet, er gibt es an mich weiter, damit ich einen Blick darauf werfe. Dabei erinnert er mich regelmäßig daran, dass ich nicht alles aufbewahren kann. Und natürlich hat er recht. Dennoch bringe ich es nicht über mich, diese Schnipsel und Momentaufnahmen eines Lebens, die einmal so viel bedeutet haben (oder es immer noch tun), zu vernichten.

Vor elf Jahren bin ich als Kundin in die Buchhandlung »The Old and New Bookshop« spaziert und am Folgetag als erste Angestellte des Ladens dorthin zurückgekehrt. Ruhig und ohne lange zu überlegen hatte Philip, der Eigentümer und Geschäftsführer, mich gebeten, für ihn zu arbeiten. Er meinte, wir würden bald in ein neues Jahrtausend eintreten, und das sei der richtige Zeitpunkt für Veränderungen – der richtige Zeitpunkt, um im wahrsten Sinne des Wortes eine Bilanz zu ziehen. Er schätzte es sehr, dass ich Bücher liebte, und er bewunderte meine Fähigkeit, mit Menschen umzugehen. Wie er behauptete, fand er selbst andere Menschen »schwierig«.

»Sie sind oft ziemlich verdorben, nicht wahr?«, sagte er, und ich pflichtete ihm halbherzig bei.

Einmal verkündete er auch: »Bücher erzählen noch viele andere Geschichten außer denen, die darin abgedruckt sind.«

Ob ich das wüsste? Ja, das tat ich. Bücher verströmen Gerüche, sie ächzen, sie sprechen. Man hält ein lebendiges, atmendes, flüsterndes Ding in der Hand – ein Buch.

Am Tag, an dem ich meine Arbeit in seinem Buchladen aufnahm, riet Philip mir: »Lesen Sie die Bücher sorgfältig, riechen Sie sie, hören Sie ihnen zu. Dann werden Sie belohnt.«

Ich mache die Regale sauber. Ich sorge dafür, dass sie nicht zu vollgestellt sind. Ich führe jedes Jahr eine Inventur durch, immer im Mai, wenn die blühenden Bäume ihre Blütenblätter fallenlassen und die Sonne durch die bodentiefen Fenster des großen Raumes im hinteren Bereich des Ladens scheint, wo wir die gebrauchten Sachbücher und die gebundenen Romane ausstellen. Die Wärme der Frühlingssonne legt sich wie ein riesiger, beruhigender Arm um meinen Rücken, während die Schwalben über dem Garten hin und her schießen, schrille Schreie ausstoßen und sich an Fliegen laben. Morgens koche ich Kaffee, nachmittags brühe ich Tee auf. Ich nehme an den Vorstellungsgesprächen für neues Personal teil: Die achtzehnjährige Sophie, die die Zeit zwischen Schule und Studium bei uns überbrücken wollte, ist immer noch bei uns; ihr Überbrückungsjahr hat sich auf unbestimmte Zeit ausgedehnt. In jüngerer Zeit kam Jenna, die innerhalb von zwei Wochen nach Arbeitseintritt Philips Geliebte wurde. Mit Jenna gab es eigentlich kein richtiges Vorstellungsgespräch. Genau wie ich betrat sie »The Old and New Bookshop« als Kundin; wie ich wurde auch sie in ein Gespräch verwickelt und erhielt ein Stellenangebot.

Es gibt niemanden, der mehr Leidenschaft für Bücher empfindet, für das gedruckte Wort, als meinen Chef Philip Old. Seine Liebe zu Büchern treibt ihn an, seine Beziehung zu dem Buch um seiner selbst willen. Er liebt es wegen seines Geruchs, seines Alters, seiner Herkunft, wegen der Art, wie es sich anfühlt. Sein Laden ist groß, er hat hohe Decken, geflieste Böden und ein Gewirr von Räumen – insgesamt sechs, dazu kommt ein Lager im ersten Stock. Alles wirkt großzügig und hell. Wir verkaufen neue Bücher, alte Bücher, antiquarische Bücher, Kinderbücher, Regale über Regale über Regale von Büchern, die die zahlreichen Wände dieser geräumigen, lichten Kathedrale bedecken. Das Gebäude liegt etwas zurückgesetzt von dem belebten Marktplatz. Wir haben einen gepflegten, hübschen Garten, in dem Lavendel und Rosmarin den gepflasterten Pfad säumen, der zu der großen Eichentür des Ladens führt. Im Sommer flattert an dem schmiedeeisernen Zaun eine Kette mit Wimpeln, die ein Kunde freundlicherweise für uns gefertigt hat. Außerdem gibt es ein handgemaltes Schild mit der Aufschrift:

Willkommen in

The Old and New Bookshop
Heute geöffnet von 9 Uhr bis 17 Uhr.
Wir laden Sie herzlich zum Stöbern ein.

Aus unternehmerischer Sicht kann »The Old and New Bookshop« eigentlich keinen Gewinn machen. Natürlich haben wir eine Gruppe treuer Stammkunden – das haben solche Läden immer –, aber eben nur eine kleine Gruppe. Also muss es irgendwo Geld geben, das das Geschäft über Wasser hält und das es ermöglicht, Philips Wohnung im zweiten Stock so geschmackvoll auszustatten. Ich habe mich nie danach erkundigt. Philip spricht nicht über Geld, so wie er sich auch nie über sein Privatleben äußert.

Ich selbst habe meinen Teil an romantischen Abenteuern, wenn man das so nennen kann, gehabt. Zumindest gab es entsprechende Angebote. Ein junger Mann, jünger als ich, der Mitglied der etwas seltsamen Gruppe ist, die regelmäßig samstags in den Laden kommt (und anscheinend der Zeit mindestens ein Jahrzehnt hinterherhinkt, denn er trägt immer einen schwarz-lila Jogginganzug), wollte mir bereits mehrmals seine Faxnummer aufdrängen. Ein anderer Mann (mit rotem Gesicht, aber nicht ganz unattraktiv) hat mir vor Kurzem gestanden, ich sei die »bestaussehende« Frau, die er »seit Monaten« gesehen habe. Das war schlicht und einfach gelogen, und die wirklich hübsche Jenna, die ganz in der Nähe stand und vorgab, Regale aufzuräumen, kicherte. Ich warf ihr einen Blick zu, den sie ungerührt erwiderte. Und dann, vor einem Jahr, der Schulleiter einer örtlichen Grundschule (in unserer Stadt gibt es drei davon), ein Stammkunde mit der Gewohnheit, seine Einkäufe samt und sonders dem Schulkonto anzulasten. Nachdem ich ihn bedient und ihm seine elegante »The Old and New«-Papiertüte gereicht hatte, blieb er stehen und zögerte. Schließlich räusperte er sich und lud mich für einen Donnerstagabend zum Essen ein, falls mir das passte. Falls ich Zeit hätte. Er besaß ein charmantes Lächeln und dickes, schwarzes Haar, das vermutlich gefärbt war.

An diesem Vormittag brachte mein Vater ein paar Bücher vorbei, alte Bücher, die meiner Babunia gehörten, meiner Großmutter. Sie wohnt schon seit zwei Jahren in einem Pflegeheim, aber wir haben lange gebraucht, bis wir es übers Herz brachten, ihre Habseligkeiten durchzusehen. Dabei besitzt sie nicht einmal viele Dinge. Gott sei Dank ist Babunia keine große Sammlerin. Allerdings ist mein Vater derzeit nicht so belastbar. Natürlich bin ich ihre Bücher schon durchgegangen und habe einige für mich selbst aussortiert, Bücher, an die ich mich aus meiner Kindheit erinnere. Als sie sich bereiterklärte, ins Heim zu ziehen, sagte sie, ich könne alles behalten, was ich haben wollte. Sie hätte nun keine Verwendung mehr für ihre Bücher und ihre Nähutensilien. Das war ein unbeschreiblich trauriger Augenblick. Dennoch blieb niemandem von uns eine andere Möglichkeit. Dad schaffte es einfach nicht mehr, sich um sie zu kümmern. Ich bot an, meine Arbeitszeit in der Buchhandlung zu reduzieren, doch davon wollte niemand etwas wissen.

Als ich meinen Vater den Pfad entlangkommen sah, winkte ich ihm zu, aber er sah mich nicht. Daraufhin lief ich zu der schweren Tür und öffnete sie für ihn.

Er erklärte, er habe rund zwanzig Bücher mitgebracht, die er in einen alten, abgenutzten Koffer gepackt hatte.

»Der hat auch ihr gehört«, sagte Dad. »Behalte ihn, wenn du möchtest, Roberta.«

Ich werde ihn tatsächlich behalten, denn ich liebe alte Koffer. Und ich weiß auch bereits, was ich damit anfangen werde.

»Wie fühlst du dich heute?«, erkundigte ich mich und musterte ihn forschend.

Seit einiger Zeit schon war er ständig blass, geradezu grau im Gesicht. Aber er verriet nie, wie es ihm ging. Auch jetzt zuckte er bloß mit den Schultern, und diese unbestimmte Geste bedeutete in etwa: »Nun ja … du weißt schon.« Vor einigen Wochen war es ihm besser gegangen. Aber jetzt war es anders. Die plötzliche Veränderung, die diesmal eingetreten war, erschreckte uns beide.

Philip kam aus seinem Arbeitszimmer und schüttelte meinem Vater die Hand. Sie waren sich vorher schon begegnet – zweimal – und hatten mir beide anvertraut, dass sie den anderen für einen »Gentleman« hielten. Philip bestand darauf, meinem Vater die Bücher zu bezahlen; mein Vater wollte sie ihm schenken. Am Ende akzeptierte Dad einen Kompromiss von zwanzig Pfund. Er blieb auf eine Tasse Tee und saß im Garten hinter dem Haus in der blassen Frühlingssonne. Dann schlurfte er davon – von seinem weit ausgreifenden, schwungvollen Gang war nichts mehr übrig. Ich gab mir Mühe, darüber hinwegzusehen.

Ich räumte den Koffer aus. An seiner Innenseite befand sich ein altes, zerschlissenes Namensschild, auf dem stand: »Mrs. D. Sinclair«. Während ich die Bücher durchsah und säuberte, fragte ich mich, wer das wohl war, diese Mrs. D. Sinclair. Dad hatte gesagt, es sei Babunias Koffer, aber vorher musste er dieser Mrs. Sinclair gehört haben. Meine Großmutter war immer sparsam gewesen und hatte Dinge lieber repariert als weggeworfen. Sie war zufrieden damit, gebrauchte Sachen zu benutzen. Dad sagt, dass sie diese Gewohnheit während des Krieges und in der Zeit danach angenommen hat, »weil jeder das so machte«. Damals war das nicht bloß eine Mode gewesen.

Als ich The Infant’s Progress: From the Valley of Destruction to Everlasting Glory abstaubte (ich konnte mich nicht erinnern, dieses Buch jemals bei meiner Großmutter gesehen zu haben), flatterten zwei sauber gefaltete Papierbögen heraus. Ein Brief! Es gab keinen Umschlag, was ich wie immer bedauerte. Ich faltete die Blätter auseinander. Der an Dorothea, meine Großmutter, adressierte Brief war mit blassblauer Tinte in einer kleinen, ordentlichen Handschrift geschrieben. Das Papier war von einem noch helleren Blau, brüchig und trocken wie der Flügel eines schon lange verendeten Insekts. Die Ränder waren vergilbt, und entlang der Faltkante befanden sich winzige Löcher. Natürlich fragte ich mich, ob ich den Brief überhaupt lesen sollte. Doch meine Neugier gewann die Oberhand. Ich konnte nicht widerstehen.

Seitdem habe ich diesen Brief viele Male gelesen, und ich werde immer noch nicht klug daraus. Zuerst hatte ich das seltsame Bedürfnis, mich hinzusetzen. Also nahm ich auf dem quietschenden Schemel Platz. Meine Hände zitterten, während ich langsam las und versuchte, jedes Wort zu verstehen.

Dorothea Pietrykowksi ist meine Großmutter. Jan Pietrykowksi ist mein Großvater, den ich nie kennengelernt habe. Auch mein Vater kannte ihn nicht. Das sind die unbestreitbaren Tatsachen.

Aber dieser Brief ergibt keinen Sinn.

Erstens waren meine Großeltern glücklich – wenn auch nur kurz – verheiratet, doch in diesem Schreiben erklärt er offenbar, dass er sie nicht heiraten kann. Zweitens ist der Brief auf das Jahr 1941 datiert. Der polnische Staffelkapitän Jan Pietrykowksi, mein Großvater, ist jedoch im November 1940 während eines Bombenangriffs der deutschen Luftwaffe bei der Verteidigung Londons gestorben.

2. Kapitel

Dorothy Sinclair schwitzte in ihrem Waschhaus, in dem die Luft feucht von Dampf war. Ihr Gesicht war so nass, dass sie sich wiederholt mit dem Handrücken über die Stirn fuhr. Das Kopftuch war schon lange heruntergerutscht. Da sie sich nicht die Mühe gemacht hatte, es erneut zu binden, klebten die Haare ihr im Gesicht wie die räuberischen Tentakel einer lebendigen Kreatur. An diesem Tag war es wichtig, sich beschäftigt zu halten.

In dem Kupferbottich in der dunklen Ecke zischte und blubberte es wie in einem Hexenkessel. Aggies und Ninas Kleidung wurde darin gekocht. Ihre Uniformen waren beinahe täglich voller Schlamm und Flecken. Doch Dorothy wusste, dass es das Mindeste war, was sie tun konnte: ihre Mädchen einmal pro Woche mit einem Stapel sauberer, gestärkter und gebügelter Wäsche zu versorgen. Und trotz der Unannehmlichkeiten liebte sie diese Arbeit – auf ihre eigene Weise. Das Waschen der Kleider, Strümpfe und Unterwäsche, der Strickjacken, Kniebundhosen und Hemden der Mädchen, außerdem der gesamten Wäsche von oben aus dem Gutshaus, war mehr als bloß Hausarbeit: Es war jetzt ihr Broterwerb. Schrubben, Wäsche eintauchen, Schwitzen, Rühren, all diese Tätigkeiten hatten ihren ganz eigenen Rhythmus und verliehen ihrem Tag einen Sinn. Gerade war sie mit dem Auswringen der Wäschestücke beschäftigt. Und danach kam das größte Vergnügen, Dorothys Lieblingsaufgabe: die Kleidungs- und Wäschestücke auf die Leinen zu hängen. Sie liebte es zuzusehen, wie die Bettlaken und Kissenbezüge sich bauschten und wie triumphierende Engelsflügel im Luftzug flatterten.

Es war wichtig, sich an diesem Tag zu beschäftigen. An … diesem … Tag.

Sie durfte nicht nachdenken. Über nichts. Seit jenem Tag war sie versiert darin, sich keine Gedanken zu machen. Oftmals dachte sie jetzt in Bildern. Sprache war nicht neutral und nicht eindeutig. Sie schenkte Worten kein Vertrauen mehr. Dennoch konnte sie nicht ganz auf sie verzichten. Sie schrieb gerne, also versuchte sie zu schreiben. Das tat sie heimlich, wenn sie allein war, und benutzte dazu ihr Notizbuch. Da sie nicht zeichnen konnte, musste sie auf Worte zurückgreifen. Dabei hoffte sie, ihre Gedanken in so etwas wie Gedichten festzuhalten. Doch es war sehr schwierig, etwas zu schreiben, was Hand und Fuß hatte und sich auch noch gut anhörte.

Plötzlich blickte sie von ihrer Wäsche auf. Sie lauschte und starrte auf die offen stehende Tür, durch die der Dampf kaum zu entweichen schien. Irgendetwas stimmte nicht. Seit … seit sie Sidney … verloren hatte, verfügte sie über eine Art sechsten Sinn, der beinahe einem Geruchssinn glich. Nun atmete sie die Luft nicht mehr ein, sondern »schnupperte« sie. Sie ließ Ninas Kniebundhosen einfach auf dem Waschbrett liegen, wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab und ging zur Tür des Waschhauses. Draußen wurde sie vom Sonnenlicht und den Reihen aus weißen Laken, Kissenbezügen und Tischdecken geblendet. Instinktiv kniff sie die Augen zusammen und blinzelte in den unschuldig blauen Himmel. Kleine Wölkchen zogen schnell dahin – wie vergessliche Kinder, die zum Essen nach Hause rannten.

Nun hörte sie ein leises Summen, ein tiefes Brummen, in das sich ein Zischen und Knurren mischte, ähnlich den Geräuschen, die ein Hund von sich gibt, der sich bedroht fühlt. Fast sofort sah sie das Flugzeug, eine Hurricane, am Himmel. Sank sie nicht etwas zu rasch? Dorothy hatte noch nie gesehen, dass ein Jagdflugzeug so schnell zum Landeanflug ansetzte. Ihr Herz begann zu rasen, das Blut stieg ihr in den Kopf, und die Kehle wurde ihr eng. Spielte der Pilot ein Spiel? Dorothy starrte die Maschine an. Nein, das war kein Spiel. Der Mann steckte in Schwierigkeiten, und er war nicht der Einzige.

»Bitte nicht«, sagte sie laut, während sie den Pfad aus roten Ziegeln entlanglief. Hühner stoben vor ihr auseinander und gackerten verärgert, weil sie sich der Katastrophe, die sich über ihnen zusammenbraute, nicht bewusst waren. Als Dorothy das hintere Tor erreichte, öffnete sie es und trat hinaus auf das Große Feld, von dem sie sich gerne vorstellte, es wäre so riesig wie eine arabische Wüste. Immer schon hatte sie gefürchtet, dass so etwas einmal geschehen könnte. Sie hatte die Piloten gesehen, so junge Männer, sorglos und leichtsinnig, wie sie Loopings machten und eine Schau abzogen. Es war nur eine Frage der Zeit, das hatte sie immer schon gedacht, und nun war diese Zeit offenbar gekommen. Warum löste er nicht den Schleudersitz aus? Die havarierte Hurricane schlingerte auf Dorothy zu und schaukelte heftig wie ein kaputtes Pendel. Entsetzt warf Dorothy einen Blick zurück auf ihr Cottage. Als sie sich erneut dem Flugzeug zuwandte, stellte sie erleichtert fest, dass es die Richtung geändert hatte und statt auf ihr Häuschen auf das riesige, leere Feld zusteuerte. Wie hypnotisiert lief sie durch die schwankenden Gerstenhalme, die gegen ihre bloßen Beine schlugen und dabei leicht kratzten. Es war ein Gefühl, das sie normalerweise liebte.

Das Flugzeug war jetzt ganz nahe und stand unmittelbar vor der unvermeidlichen, kaum kontrollierbaren Landung. Es befand sich dicht über dem Boden und ihr und der sich wiegenden Gerste. Jetzt schoss es über ihren Kopf hinweg wie ein gigantischer Vogel und warf kurzzeitig einen Schatten auf sie.

»Dorothy!«

Es war Aggie, die da rief, aus großer Entfernung, wie Dorothy glaubte. Sie sah zwei hellbraune Hemdblusen über das Große Feld näher kommen. Die Mädchen rannten auf sie zu. Dorothy ignorierte Aggies schrille Schreie einfach.

Es war gut. Es war passend, auf den Tag genau ein Jahr seit Sidney. Ihr armer, verlorener Sidney. Sie sollte zu ihm gehen, wirklich, und sie konnte es, und ganz kurz wunderte sie sich, dass sie nicht schon früher auf diese Idee gekommen war. Entschlossen watete sie durch das Getreide und marschierte auf die Hurricane zu, die ihren Kampf inzwischen aufgegeben hatte. Mit einem Donnerschlag schlug die Maschine in einer Wolke aus beißendem, schwarzem Rauch auf dem Boden auf und zerschellte mit einem scheußlichen, dumpfen Aufprall.

»Dorothy? Reiche bitte Mrs. Lane die Teetasse. Dorothy, gib diese hier Mrs. Hubbard. Und Dorothy, jetzt kannst du die Platte mit dem Früchtekuchen anbieten. Dorothy, halte dich gerade. Ach du lieber Himmel, Kind.«

Dorothy hasste ihr neues weißes Kleid, das steif gestärkt war und am Hals scheuerte. Ihre Mutter, Mrs. Ruth Honour, musterte sie mit ihrer üblichen Mischung aus Stolz und Ablehnung, während Dorothy brav tat, was man ihr aufgetragen hatte, und die Kuchenplatte herumreichte. Mrs. Lane und Mrs. Hubbard lächelten ihr freundlich zu, doch Dorothy wich ihren Blicken aus, um das Mitleid in ihren Augen nicht zu sehen. Sie wollte nicht bemitleidet werden. Außerdem fragte sie sich, warum sie sie überhaupt bemitleideten. Es musste etwas mit Mummy zu tun haben. Oder höchstwahrscheinlich mit dem Tod ihres Vaters. Da die Trauerzeit vorüber war, trugen Mutter und Tochter kein Schwarz mehr. Aber man erwartete von ihrer Mutter, dass sie einsam war, oder nicht?

Dorothy stand ganz still und beobachtete, wie ihre Mutter und ihre tratschenden Freundinnen an ihren Kuchen knabberten und ihren Tee tranken. Es war ein heißer Tag, und ihr Kleid war so unbequem; Dorothy sehnte sich danach, draußen zu sein, am fernen Ende des Gartens unter dem knorrigen Apfelbaum. Sie wollte barfuß im Gras sitzen, vor sich hinsingen oder im Geiste großartige Gedichte schreiben und von der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft träumen. In ihrer Fantasie besaß sie sechs Geschwister namens Alice, Sarah, Peter, Gilbert, Henry und Victoria. Sie wusste, dass ihre Brüder und Schwestern jetzt auf sie warten würden – im kühlen Gras, auf dem Baum, und sie würden sich unterhalten und sich gegenseitig necken.

Während sie zusah, wie der Kuchen in den schwatzhaften Mündern der drei Frauen verschwand, begann Dorothy zu schwanken. Die Kehle wurde ihr eng, ihr Herz raste. Dann spürte sie, wie sie fiel und die Kontrolle verlor. Schließlich landete sie mit Getöse auf dem Teetablett. Die rosengemusterten Tassen und Untertassen zerbrachen, und Tee spritzte über ihr neues, steifes weißes Kleid und den Teppich.

»Dorothy? Dorothy? Oh, du ungeschicktes Kind!«

Sie spürte, wie etwas Heißes und Scharfkantiges sie am Bauch traf. Etwas anderes, heiß und weich und nass, schlug ihr ins Gesicht. Überall um sie herum war beißender Qualm, schwarz und erstickend.

»Dorothy! Komm zurück!« Aggies Stimme klang jetzt näher.

Dorothy sah die Mädchen auf der anderen Seite des brennenden Wracks schweben, wie helle Signalfeuer in trügerischem Nebel. »Ich will zu ihm«, murmelte Dorothy, doch niemand hörte sie. Sie rieb sich den Nacken. Das neue weiße Kleid war zu steif und zu rau.

Ihre Mutter starrte sie an.

Dorothy taumelte, dann fiel sie. Ihr weißes Kleid war voller Blut, und in ihrem Kopf drehte sich alles vor Scham. Das Meer aus Gerste federte ihren Sturz ab.

Man würde immer sagen, dass Dorothy Sinclair eine Heldin war, die versucht hatte, den jungen Hurricane-Piloten zu retten, der an jenem heißen Nachmittag Ende Mai des Jahres 1940 auf dem Großen Feld abstürzte und den Tod fand. Eine mutige und unerschrockene Frau, die keinen Gedanken an ihre eigene Sicherheit verschwendet hatte. Eine Frau, die anderen als Vorbild hingestellt wurde, die Art Frau, die Großbritannien in jenen schwarzen Zeiten der Furcht brauchte.

Dorothy wusste es besser.

Dennoch ließ sie zu, dass die Leute es glaubten, schließlich schadete sie niemandem damit.

Mrs. Compton besuchte sie später am Nachmittag, nachdem Dr. Soames Dorothys Wunden verbunden hatte. Sie waren zwar schmerzhaft, zum Glück aber nur oberflächlich: eine Schnittverletzung am Bauch und Verbrennungen im Gesicht. Zweifellos hatten ihre Ohnmacht und der Sturz in das Gerstenfeld sie vor schlimmeren Verletzungen bewahrt. Der Arzt attestierte ihr, dass sie eine tapfere Lady sei.

Mrs. Compton besaß die nervtötende Eigenschaft, Dorothy zu beschämen. Wusste sie es? Dorothy hielt es für möglich. Mrs. Compton war eine Hexe, das war Dorothy klar. Schwach lächelte sie die ältere Frau an. Dabei fiel ihr ein dünnes weißes Haar auf, das aus einem Muttermal auf ihrer linken Wange wuchs. Oder sie glaubte zumindest, ein Haar zu sehen. Vielleicht gab es nicht einmal ein Muttermal? Dorothy hatte Schwierigkeiten, die Menschen deutlich zu sehen, die Wirklichkeit zu erkennen.

»Ich weiß nicht«, sagte Mrs. Compton, »was sind das nur für Zustände!«

»Ich dachte bloß …«

»Ich weiß, meine Liebe. Ich weiß. Es ist ein Jammer.«

»Sie räumen schon den ganzen Nachmittag dort draußen auf.« Dorothy deutete mit einem Kopfnicken auf das Große Feld mit seinen schwankenden Gerstenhalmen.

»Ich glaube, sie sind fast fertig. Machen Sie sich keine Gedanken darüber. Sie haben getan, was Sie konnten. Vielleicht sogar mehr, als Sie sollten.«

»Es war doch nichts.«

Schweigend tranken sie ihren Tee. Die Uhr auf dem Kaminsims tickte. Aus der Ferne waren durch das geöffnete Fenster Männerstimmen zu hören, die Stimmen der Männer, die auf dem Großen Feld Leichenteile und Metall wegräumten. Erinnerte Mrs. Compton sich an die Rolle, die sie in dem Drama vor einem Jahr gespielt hatte? War sie sich dieses traurigsten aller Geburtstage bewusst? Dorothy bezweifelte es. Noch ein Grund mehr, der Frau zu misstrauen. Noch ein Grund mehr, sie sich bäuchlings auf einem blutigen Block liegend vorzustellen, das hässliche Gesicht verzerrt vor Angst und um ihr Leben flehend, während Dorothy eine riesige Axt hob und ihr befahl …

»Er war Pole«, sagte Mrs. Compton.

»Ich habe schon gehört, dass sie eingetroffen sind. Vor einigen Wochen, nicht wahr?«

»Ja, genau. Es heißt, die Polen hassen die Nazis noch mehr als wir.« Mrs. Compton trank mit einem leisen Schlürfen ihren Tee aus und stellte die Tasse mit der Untertasse sorgfältig auf dem Tablett ab. Dann legte sie die Hände gefaltet in den Schoß und musterte Dorothy aufmerksam. Dorothy hingegen ließ den Blick zum Fenster schweifen und sah zu, wie sich Männerköpfe auf und nieder bewegten, während die Weißdornhecke ihre Körper verbarg.

Dorothy dachte an den polnischen Piloten, tot, verbrannt und verstümmelt. Teile von ihm hatten sie im Gesicht getroffen. Sie berührte ihre Wange und fühlte den Verband – sie sah bestimmt furchtbar aus.

»Und wie geht es Ihnen sonst so?«, fragte Mrs. Compton und beugte sich vor.

»Ich bin wohlauf«, erwiderte Dorothy, erhob sich und blickte aus dem Küchenfenster. Eine Henne scharrte in der Erde und zog einen Wurm heraus. Ungerührt betrachtete Dorothy den vergeblichen Kampf des Wurms.

»Gut. Das ist gut.«

Mrs. Comptons Stimme klang skeptisch. Schließlich warf sie einen Blick auf die Uhr und sagte, dass sie nun gehen müsse. Eine junge Frau im Nachbardorf erwartete ihr erstes Baby und lag seit halb fünf Uhr morgens in den Wehen. Vielleicht würden dort jetzt Mrs. Comptons Dienste gebraucht.

Dorothy starrte sie an.

Mrs. Compton begab sich zur Tür und hob den Riegel an. Doch dann drehte sie sich noch einmal zu Dorothy um, die regungslos mit dem Rücken zum Fenster stand.

»Es tut mir leid, Dorothy. Ich hätte daran denken müssen. Es braucht Zeit, wissen Sie. Es war etwa um diese Zeit im vergangenen Jahr, wenn ich mich recht erinnere, nicht wahr? Ich bin jederzeit bereit, mit Ihnen darüber zu reden, und ich höre auch gerne zu. Sie müssen es nicht ignorieren. Ich weiß, das Leben geht weiter und wir fechten unsere Kämpfe aus, aber manche Dinge verfolgen uns, Dorothy.«

Damit verließ Mrs. Compton den Raum und schloss die Tür. Dorothy blickte ihr nach.

Wie konnte diese Frau es wagen!

Sie nahm die Teetasse, die Mrs. Compton so ungezwungen geleert hatte, und warf sie, bevor sie begriff, was sie da tat, mit einer schnellen und heftigen Bewegung gegen die Tür. Der Lärm überraschte sie. Als sie die Scherben zusammenkehrte, schmerzte die Stelle, an der das heiße Metall ihre Haut durchbohrt hatte.

Alice, Sarah, Peter, Gilbert, Henry und Victoria wohnten, lebten und atmeten in Dorothys einsamer Fantasiewelt. Das Problem war, dass ihr nie recht klar war, wie sie, Dorothy, in diese Familie von Mädchen mit langen, blonden Haaren und starken, robusten Jungen, die mit Schleudern und Ringen spielten, hineinpasste. Alle sechs Kinder besaßen leuchtend blaue Augen und lange Wimpern. In ihrer Fantasie waren alle mit einer vollkommenen Kindheit gesegnet. War sie die älteste Schwester? Streng, ernst, stark, herrisch? Oder befand sie sich irgendwo in der Mitte, vergessen, unbeachtet und unwichtig? Vielleicht war sie auch das Nesthäkchen, das mit seinen langen, zerzausten braunen Haaren und grünen Augen aus der Reihe fiel. Ein Engelchen mit dicken Beinchen. Oh nein, das ging ganz und gar nicht. Die kleine Victoria musste die Jüngste sein – sie war das Engelchen mit ihren rosa Wangen, den blonden Locken und den großen blauen Augen. Vielleicht war Dorothy die zweitjüngste Schwester? Sie durfte mit Victorias Puppen und dem winzigen schwarzen Puppenwagen spielen. Ja, dort passte sie hinein – es gab zwei große Schwestern, die sie trösteten, wenn sie hinfiel, sie wieder auf die Beine stellten und ihr den Staub von den Kleidern klopften. Das Alter ihrer Brüder war unklar, doch sie alle waren groß und grobschlächtig. Von Dorothy nahmen sie kaum Notiz.

Der erste Mann, der ihr Beachtung schenkte – viele Jahre, nachdem ihre erfundenen Brüder und Schwestern aufgehört hatten, sich in ihrer Sehnsucht zu tummeln –, heiratete sie. Die Brautwerbung war nur kurz; ihre Mutter hatte ihre Pläne missbilligt und verkündet: »Wenn du diesen … Mann … heiratest, spreche ich nie wieder mit dir.«

Dorothy lernte ihn im Jahr 1934 anlässlich einer Beerdigung kennen. Ihre Tante Jane, eine eindrucksvolle Zweiundachtzigjährige, war in jenem Sommer verstorben. Dorothy war Tante Jane nur selten begegnet, seit ihrer Kindheit überhaupt nicht mehr. Sie kannte sie nur als Mutters rebellische ältere Schwester, die unter ihrem Stand geheiratet hatte und von Oxford weggezogen war, um im fernen Norden in Lincolnshire zu leben. Als Dorothys Mutter die Nachricht vom Tod ihrer Schwester erhielt, hatte sie die Lippen gespitzt und die Stirn gerunzelt.

»Jetzt müssen wir in diese furchtbare Grafschaft reisen. Pack auf jeden Fall meinen Pelz ein, Dorothy. Ich habe nicht vor, mir auf einem Friedhof in Lincolnshire den Tod zu holen, nicht wegen meiner Schwester oder sonst jemandem.«

»Mutter, es ist August, und es ist ziemlich warm. Sogar in Lincolnshire.«

Natürlich packte Dorothy den Pelz ein – neben vielen anderen Dingen. Während der Zugfahrt schaute Dorothy meistens aus dem Fenster, während sie versuchte, die ständigen Forderungen ihrer Mutter zu ignorieren. Die Felder waren in diesem strahlenden August golden, und sie beobachtete viele Männer bei der Arbeit; sie sah Traktoren und Wagen und Pferde und Erntearbeiten. Diese Art von Leben wirkte auf Dorothy beneidenswert: Die Menschen arbeiteten draußen an der frischen Luft, auf dem Land, auf goldenen Feldern, in der goldenen Sonne, mit goldener Haut.

Als sie Albert Sinclair begegnete, einem gut aussehenden Mann vom Land, erzählte er ihr von seinem Leben auf dem Bauernhof. Sie war eine aufmerksame Zuhörerin. Dann wollte sie wissen, warum er diese Beerdigung besuchte.

»Meine Schwester war Miss Janes Putzfrau, und ich habe gelegentlich Arbeiten für sie erledigt, wie die Dachrinnen gereinigt oder Blätter zusammengekehrt. Sie war eine sehr nette Frau, Miss Jane. Eine richtige Lady. Aber es heißt, dass ihre Familie sie nicht mochte. Aber weiß der Himmel, warum das so war, denn man konnte sich keinen netteren Menschen vorstellen.«

»›Ihre Familie‹, das waren meine Mutter und ich.«

»Oh, es tut mir leid. Ich wollte nicht …«

»Es muss Ihnen nicht leidtun. Meine Mutter hat sie enterbt. Früher oder später enterbt sie jeden.«

Zwei Wochen später, nachdem sie nach Oxford zurückgekehrt waren, enterbte Ruth ihre einzige Tochter, als sie erfuhr, dass sie vorhatte, diesen Albert – »Bert?« – Sinclair zu heiraten. Dorothy war froh darüber, und wenn das bedeutete, dass sie wie ihre Tante Jane enden würde – das heißt, verlassen und vergessen –, freute es sie umso mehr. Sie verließ Oxford mit dem Zug, diesmal allein, mit einer Reisetasche voller »Habseligkeiten«. Die letzten Ermahnungen ihrer Mutter klangen ihr noch in den Ohren: »Das wirst du noch bereuen! Es führt zu nichts! Er ist nicht gut genug für dich!« Auf diese Weise befreite Dorothy sich auf einen Schlag von ihrer ausgedehnten und bedauerlichen Kindheit.

Dorothy blieb Jungfrau bis zu ihrer Hochzeitsnacht am zwölften November 1934. Es war ihr vierunddreißigster Geburtstag. Albert, der ihr immer noch sehr fremd war, versuchte sanft und behutsam vorzugehen, doch er war so eifrig und so kraftstrotzend, dass er ihr dennoch ein wenig wehtat. Dorothy gab sich Mühe, sich nichts anmerken zu lassen, doch er war schließlich nicht dumm. Als er sie um Verzeihung bat, nahm sie seine Entschuldigung an. Natürlich wurde es besser. Er war ein kräftiger Mann, stark, muskulös und mit lederner Haut. Bald liebte Dorothy das Gefühl seiner Umarmung, seine Wärme und seine Kraft. Vier Monate nach der Hochzeit war sie bereits schwanger, doch leider verlor sie das Baby schon früh.

Es folgte eine weitere Schwangerschaft, und noch eine.

Nach knapp vier Jahren Ehe und fünf Fehlgeburten gab Dorothy auf. Ihre Sehnsucht nach einem Kind machte unmöglichen, unerträglichen Träumen und trauriger Resignation Platz. Sie war nur die Frau eines Landarbeiters, erfahren im Backen und Waschen und Nähen, kümmerte sich um ein kleines Gemüsebeet und versorgte die Hühner. Von ihrer Mutter hörte sie nichts, und nach einigen Briefen, in denen Dorothy steif von ihrem Mann, ihrem neuen Leben und ihren Schwangerschaften berichtete, brach sie den Kontakt ab. Es hätte genauso gut ihre Mutter sein können, die tot auf dem Friedhof von Lodderston lag, und nicht Tante Jane.

Im August 1938 wurde Dorothy zum sechsten Mal schwanger. Zu jener Zeit begann sie damit, Gedichte zu schreiben. Anfangs zögerte sie noch und war unsicher, wie sie irgendwelche Worte von Bedeutung zu Papier bringen konnte. Doch sie versuchte es einfach und schrieb tagsüber, wenn sie allein war, während sie zu Mittag aß oder ihren Nachmittagstee trank. Das Notizbuch versteckte sie hinter den Töpfen und Pfannen ganz hinten im Schrank. Sie verbarg es in der Tischschublade oder unter dem Bett. Sie suchte sich Plätze, an denen Albert es nicht finden konnte.

Diese Schwangerschaft ging über die ersten beiden Monate hinaus. Ihr war übel, und zwar zu jeder Tageszeit. Ihre Brüste schmerzten, und ständig brach sie ohne Vorwarnung in Tränen aus. Mrs. Compton, Leichenfrau und ortsansässige Hebamme, stattete Dorothy einen Besuch ab, als sie im vierten Monat schwanger war, und musterte kritisch ihren wachsenden Bauch.

»Wird es ein Junge, was meinen Sie?«, fragte sie.

»Ich habe keine Ahnung«, antwortete Dorothy.

Schon damals fand sie die Frau unerträglich.

»Und wie fühlen Sie sich?«

»Besser, danke. Nun, da ich mich nicht mehr übergeben muss.«

Mrs. Compton nickte auf eine Art und Weise, die sie wohl für verständnisvoll hielt. Dorothy wendete den Blick von der älteren Frau ab. Sie hasste sie. Sie konnte diesen Gesichtsausdruck nicht ertragen, der spöttisch wirkte, obwohl er Mitgefühl ausdrücken sollte. Mrs. Compton, die Ende fünfzig oder Anfang sechzig war, hatte selbst sechs Kinder zur Welt gebracht, von denen fünf das Erwachsenenalter erreicht hatten. Ihr ältester Sohn war im Weltkrieg ums Leben gekommen. Ihre drei Töchter, fett und fruchtbar, und ihr jüngerer Sohn lebten im Dorf und hatten allesamt andere Dorfbewohner geheiratet. Und alle trugen in regelmäßigen Abständen dazu bei, Mrs. Comptons wachsende Armee von Enkelkindern zu vergrößern.

Dorothy glaubte tatsächlich, dass ihr Baby ein Junge war. Sie hatte sogar schon einen Namen für ihn: Sidney. Doch das vertraute sie Mrs. Compton nicht an. Albert – ein hart arbeitender und inzwischen sehr trinkfester Mann, der sein gutes Aussehen nach und nach einbüßte – hatte bereits verkündet, sie könne dem Baby jeden beliebigen Namen geben, solange er nicht »albern« sei. Sidney traf auf seine Zustimmung. Also sollte das Baby Sidney heißen. Albert war erleichtert, dass seine Frau ihm schließlich doch noch ein Kind schenken würde. Die Männer auf dem Gut, im Dorf und im Pub hatten schon oft genug über seine kinderlose Ehe gespottet. Irgendetwas mache er offenbar nicht richtig. Wusste er nicht, wohin er ihn stecken musste? Die Sticheleien waren ihm unter die Haut gegangen und hatten dafür gesorgt, dass er sich von seiner Frau abwendete; er hatte nur noch ein hartes Gesicht, einen breiten Rücken, Schulterzucken und zornige Blicke für sie übrig. Doch endlich konnte Albert auf den runden, festen Bauch seiner Frau und ihr breites Lächeln stolz sein. Er fand sie wunderschön, sie wurde zu der Frau, die er sich wünschte.

Als Dorothy im fünften Monat schwanger war, fuhr sie mit dem Bus nach Lincoln, um Sachen für das Baby einzukaufen. Dabei fühlte sie sich wie eine verlorene Tochter, die nach Hause zurückkehrt. Sie erstand einen Koffer, um sämtliche Kleidungsstücke darin zu verstauen, die sie nähen und stricken wollte. Er war nicht groß, rund fünfundvierzig Zentimeter breit, dreiunddreißig Zentimeter hoch und nur zwanzig Zentimeter tief. Er war rostbraun und hatte einen dunkelbraunen Griff aus Kunststoff und zwei kleine Schnappschlösser mit einem spielzeugähnlichen Schlüssel. Innen war das Gepäckstück mit einem Papierfutter in blassem Karomuster ausgelegt, und es gab ein kleines Klebeetikett, auf das sie ihren Namen schreiben konnte. Also schrieb sie

Mrs. D. Sinclair

in ihrer großzügigen, geschwungenen Handschrift. Dann leckte sie das Etikett an und klebte es auf die Innenseite des Koffers.

Da sie nun schon einmal in der Stadt war, kaufte sie Stoff und Wolle und ergänzte ihren Vorrat an Nähgarn und Nadeln. Jetzt war die richtige Zeit dafür. Das Gerede über einen drohenden Krieg hatte für sie keine Bedeutung. Es schien so unwirklich, die Ereignisse undurchsichtig, alles passierte in weiter Entfernung, und vielleicht passierte es auch gar nicht. Sie war schwanger, die Übelkeit war vergangen, und ihre Energie war zurückgekehrt. Alles andere interessierte sie nicht. Das Baby würde Jäckchen, Pullover, Mäntelchen, Schühchen, Decken und Tücher benötigen. Und es würde eine glückliche, strahlende Mutter brauchen, kompetent, kreativ und fürsorglich.

Der Koffer passte perfekt unter das Bett. Dorothy machte sich sofort an die Arbeit, ihn zu füllen. Innerhalb einiger Wochen, in denen sie wie im Rausch arbeitete, hatte sie zwei Kittelchen aus weichem Baumwollbatist, drei Strickjäckchen mit passenden Mützchen und Schühchen, eine Decke aus weicher, heller Lammwolle und ein weißes Taufkleidchen angefertigt. Sie zeigte die Früchte ihrer Arbeit niemandem, nicht einmal Albert. Er bemerkte bloß ihre fleißig klappernden Stricknadeln, ihr Stirnrunzeln und ihre Seufzer und ihren gelegentlichen Ärger sowie das zufriedene Lächeln, wenn ihr die Arbeit gut von der Hand ging. Beinahe jeden Abend nähte und strickte sie nahezu schweigend im Licht der Öllampe, während er die Zeitung las und über den Krieg sprach, der, wie er meinte, unausweichlich war. Sie hörte kaum zu, so sehr war sie mit der näher rückenden Geburt und der Mutterschaft beschäftigt, die endlich doch noch in Reichweite gekommen war. Jeder Nadelstich brachte sie diesem Moment näher, diesem neuen und geheimnisvollen Daseinszustand. Jeder Stich war eine Bestätigung dafür, dass es dieses Baby in ihrem Bauch tatsächlich gab. Jeder Stich brachte sie jenem Tag näher, an dem sie ihre Jugendzeit endlich und unwiderruflich hinter sich lassen würde. Jede Hoffnung, die sie je gehegt hatte, legte sie in das Klappern der Stricknadeln und in jeden Stich. Die zukünftige Mutter strotzte vor Elan und Lebenskraft.

Nach Fertigstellung wurde jedes Kleidungsstück gewaschen und, falls nötig, gestärkt und gebügelt. Nacheinander legte sie ihre handgearbeiteten Schätze in den Koffer, sehr behutsam, als wäre jeder Gegenstand das Baby selbst. Dann nahm sie ihr Notizbuch aus dem Küchenschrank und versteckte es tief unter den Babykleidern im Koffer. Das war jetzt ihr neues Versteck, ihr eigener Bereich – geheim, persönlich, unantastbar. Zwischen den Gegenständen verteilte sie getrockneten Lavendel, den sie im Garten geerntet hatte – vorgeblich, um die Motten von der Wolle fernzuhalten, doch in Wirklichkeit, weil sie den klaren, süß-säuerlichen Duft des Lavendels liebte, den zuverlässigsten Geruch auf der Welt. Als die Geburt kurz bevorstand, war die Babyausstattung fertig, und Großzügigkeit hatte in ihrer Ehe Einzug gehalten. Albert hatte gespart und kaufte einen großen schwarzen Kinderwagen. Außerdem arbeitete er nach seinen langen Arbeitstagen auf der Farm in seinem Schuppen weiter und baute eine Wiege. Abends bestand er darauf, dass seine Frau die Füße hochlegte, und brachte ihr Tee, den er eigenhändig zubereitet hatte.

Und der Koffer lag unter dem Bett und wartete darauf, dass jemand die Schätze herausnahm, dass der Deckel mit Schwung aufgeklappt wurde und eifrige, zitternde Hände nach dem Inhalt griffen. Wenn sie die Hand ausstreckte, konnte sie ihn berühren, diesen Traum, der kein Traum mehr war. Diesmal war er robust und groß und unauslöschlich. Falls ihr Herz von einer Vorahnung ergriffen wurde, so konnte Dorothy sich dessen später nicht entsinnen. Sie erinnerte sich lediglich an die Vorfreude, die quälende, überaus heftige Sehnsucht danach, dass das Geheimnis der Mutterschaft endlich beginnen möge.

Denn ganz bestimmt würde es beginnen.

3. Kapitel

Silver-Cross-Kinderwagen: £ 150,00
Deckengarnitur mit Waffelmuster für Kinderbett: £ 5,50
Lakengarnitur für Kinderbett: £ 5,00
Gesamt: £ 160,50
Betrag dankend erhalten

(Handgeschriebene Quittung des inzwischen nicht mehr existierenden Second-Hand-Ladens für Babyzubehör namens Bibs ’n’ Blankets, gefunden in einer Dean-Ausgabe von Betty und ihre Schwestern von Louisa M. Alcott. Auf dem intakten Schutzumschlag ist Jo March als absolute Schönheit dargestellt. Die Ausgabe ist recht hübsch und findet sich im Second-Hand-Bereich des Raums für Kinderbücher wieder, ausgepreist mit 2,50 Pfund.)

Philip wohnt über der Buchhandlung. In den elf Jahren, die ich inzwischen bei ihm arbeite, ist dies heute mein dritter Besuch in seiner Wohnung. Beim ersten Mal hatte ich geholfen, eine kleine Party vorzubereiten, die wir zur Eröffnung des großen Verkaufsraums für neue Bücher gaben. Philip hatte einen fertig vorbereiteten Imbiss bei Waitrose gekauft: Appetithäppchen, Dips, Käse, Cracker, Weintrauben, Wein. Er brauchte Unterstützung, um das Essen nach unten in den Laden zu tragen, wo wir alles auf dem großen runden Eichentisch im Foyer arrangierten. An jenem Tag öffneten wir die Fenstertüren weit und luden unsere Kunden ein, draußen im Garten Platz zu nehmen. Das war meine Idee gewesen, und obwohl Philip sich anfangs skeptisch zeigte, war er bereit, es auszuprobieren. Inzwischen ist es eine Art Tradition geworden, die unsere Kunden genießen.

Das zweite Mal betrat ich die Wohnung im letzten Winter, um nach Philip zu sehen, nachdem er sich eine heftige Grippe eingefangen hatte. Die Erkrankung war nicht wirklich schlimm, aber er fühlte sich »beschissen«. Hustend und mit rotem Gesicht hatte er sich auf seinem kirschroten Ledersofa unter einer Decke zusammengerollt, trank heißen Grog und sah sich Judge Judy an. Er erklärte, er sei zu krank, um vom Fernsehprogramm gelangweilt zu sein, zu krank, um umzuschalten. Und am schlimmsten war, dass er nicht lesen konnte, weil ihm »die Augen brannten wie die Hölle«. Allerdings gefiel ihm Judge Judy sogar. Ein heimliches Laster, sagte er. Bitte nicht weitererzählen. Und dann fügte er noch etwas ziemlich Seltsames hinzu.

»Weißt du, Roberta, ich habe dich nur eingestellt, weil du mir aufrichtig zugestimmt hast, als ich sagte, dass die meisten Menschen verdorben und schwierig seien. Weißt du noch?«

Das war zwar übertrieben, aber ich erinnerte mich tatsächlich daran. Ich erinnerte mich, dass ich gedacht hatte, er sei ein Mensch, mit dem ich zusammenarbeiten könnte. Doch als er jetzt hier wie ein Häufchen Elend auf dem Sofa lag, seine Tasse heißen Grog umklammerte und sich offenbar höllisch schlecht fühlte, war ich erstaunt, dass er sich genauso deutlich an unser »Einstellungsgespräch« erinnerte wie ich.

Jenna. Sie ist … eine Überraschung. Sophie und ich beobachten das Liebespaar mit einer Mischung aus Erheiterung und Verblüffung. Philip? Jenna? Philip und Jenna? Einige Kunden sind genauso verdutzt. Das hält nicht lange, flüstern manche. Sie ist nicht sein Typ. Er spielt nicht in ihrer Liga. Sie ist nicht in seiner Liga, sagen andere.

Man muss wissen, dass Philip nicht einfach nur der Typ Mann ist, der eine Brille trägt und auf Bücher versessen ist. Er ist ein wenig lässig, liebt Jeans und weite Hemden, und sein mattbraunes Haar ringelt sich in seinem Nacken. Wenn man genauer hinsieht, stellt man fest, dass er eigentlich sogar ziemlich gut aussieht. Und Jenna ist nett und sehr hübsch, das lässt sich nicht leugnen. Ich kann die gegenseitige Anziehung verstehen. Mittlerweile ist ein halbes Jahr seit ihrem ersten Zusammentreffen vergangen, und allen Erwartungen zum Trotz sind sie immer noch zusammen und igeln sich in Philips geschmackvoll eingerichteter Wohnung ein.

Jenna hat modische blonde Locken und blaue Augen. Sie ist der Typ Frau, den alle heterosexuellen Männer zwischen zwölf und hundert auf der Straße anstarren – immer und überall. Und dennoch versteckt sie sich hier in der Buchhandlung vor der Welt als Freundin des etwas sarkastischen Besitzers, der die Vierzig sicher schon überschritten hat. Sophie und ich vermuten, dass sie kleine Schäferstündchen im Laden abhalten. Wenn sie zusammen arbeiten und sich etwa im Hinterzimmer zwischen den Second-Hand-Romanen verstecken, fahren die beiden ganz offensichtlich auseinander, wenn ich auftauche. Meine Wangen brennen vor Verwirrung, wenn ich eine Entschuldigung stammele. Jenna wirft mir einen ihrer Blicke zu – halb amüsiert, halb vorwurfsvoll. Während ich mich zurückziehe, wage ich es nicht, Philip anzusehen. Ich bin mir nie ganz sicher, wer von uns dreien sich am meisten genieren sollte.

Wenigstens liest Jenna nun mehr. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass sie vor ihrer Anstellung in »The Old and New Bookshop« viel gelesen hat. Sie ist einfach nicht so versessen auf Bücher. Täglich packt sie die Lieferungen aus und hakt, während sie sich auf die Unterlippe beißt, die einzelnen Bücher auf dem Lieferschein ab. Sie überprüft, ob alle angekommen sind, und stellt sie sorgfältig in die Regale. Die von Kunden bestellten Exemplare verstaut sie unter dem Ladentisch. Bei ihrer Arbeit konzentriert sie sich wie ein kleines Mädchen, das einen neuen Trick mit seinem Springseil einübt. Relativ oft bittet sie um Hilfe, und Sophie und ich unterstützen sie geduldig. Wir alle müssen lernen, und gemeinsam bilden wir ein gutes Team. Ich weiß, dass Philip stolz auf uns ist.

Heute ist es in Philips Wohnung dunkel und still. Und es ist Jenna, die mich hereinbittet. Zwar berührt sie mich nicht, aber dennoch drängt sie mich förmlich, einzutreten. Während sie die große Tiffany-Leuchte neben dem kirschroten Ledersofa einschaltet, erkundigt sie sich, ob ich etwas trinken möchte. Als ich ablehne, schenkt sie sich einen Gin Tonic ein. Sie ist heute nicht bei der Arbeit erschienen, weil sie sich unwohl fühlt. Mir fällt auf, wie ungezwungen sie sich in der Wohnung bewegt, Philips Sachen anfasst, sich seinen Gin einschenkt. In dieser friedlichen Umgebung wirkt Jenna wie ein aufgeregter Zaunkönig. Irgendwie tut sie mir leid, auch wenn ich nicht recht verstehe, warum eigentlich.

Da stimmt etwas nicht.

Ich fühle mich wie ein Eindringling in Philips Terrain. Er besucht eine Buchmesse – er ist den ganzen Tag unterwegs – und hat Jenna erklärt, dass sie nicht vor halb neun Uhr abends mit ihm zu rechnen braucht. Es ist zwei Uhr, und die Vorhänge sind immer noch fest zugezogen, eine leere Kaffeetasse und ein Teller voller Krümel stehen auf dem Couchtisch. Ein Hauch von Nachlässigkeit liegt in der Luft, den Philip normalerweise nicht tolerieren würde.

»Prost«, sagte Jenna und trinkt zügig. Weil ich nicht weiß, was ich sagen soll und worum es überhaupt geht, lächele ich sie an.

»Roberta, ich bin in Schwierigkeiten«, verkündet sie schließlich.

»Welche Art von Schwierigkeiten?«

»Altmodische Schwierigkeiten. Du weißt schon. ›In Schwierigkeiten‹.«

Und dann bricht sie in Tränen aus und verbirgt das Gesicht hinter ihren Händen und dem leeren Glas. Ich stehe auf, gehe zu ihr, streiche ihr über den Arm und gebe tröstende Laute von mir, unsicher, was ich jetzt sagen soll.

Als die Tränen schließlich versiegen, zieht Jenna eine Packung Papiertücher aus der Ablage unter dem großen, runden Rauchglastisch hervor.

»Was hältst du jetzt von mir?«, will Jenna wissen, während sie sich ein weiteres Glas vollschenkt, das sie etwas langsamer austrinkt. Ihre blassen Hände zittern ein wenig.

»Ich verurteile dich nicht, Jenna«, sage ich. »Um Himmels willen, du bist eine erwachsene Frau, und Philip ist ein erwachsener Mann. Es ist nichts Ungewöhnliches, oder? Vielleicht ist es ja … unerwartet, aber … ihr werdet eine Lösung finden. Was sagt Philip denn dazu?«

Entgeistert sieht sie mich an.

»Oh.« Ich betrachte den Fußboden, die zugezogenen Vorhänge, den großen Spiegel mit dem vergoldeten Rahmen über dem offenen Kamin.

»Ich weiß es seit einer Woche. Ich war ständig müde, und als meine Periode überfällig war, habe ich einen Test gemacht. Es war die Hölle, Roberta, wirklich. Weißt du, ich will keine Kinder, ich wollte noch nie welche. Und ich werde auch in Zukunft keine haben wollen. Obwohl ich immer so aufgepasst habe, ist es jetzt passiert … Es ist eine Katastrophe.«

»Ich finde, du solltest diese Unterhaltung mit Philip führen«, erwidere ich und ärgere mich, weil ich mich so prüde anhöre.

»Und warum, zum Teufel?«

»Weil … weil ich nichts damit zu tun habe. Es ist Philips Baby.«

»Nein. Ich glaube nicht … Ich meine, ich bin nicht sicher.«

Als eine Welle der Erleichterung über mir zusammenschlägt, bin ich verwirrt und habe sofort ein schlechtes Gewissen. Es ist nicht sein Baby. Vielleicht ist es nicht sein Baby. Es ist in Ordnung. Das Baby ist von einem anderen Mann. Aber von wem ist es dann? Hat sie …?

Ich bin kein mutiger Mensch, ich scheue Konflikte jeglicher Art. Also bleibe ich schweigend sitzen und bin ratlos, was ich zu der zitternden Frau vor mir sagen soll. Ich bringe es nicht über mich, an Philip zu denken – meiner Einschätzung nach ist er der Letzte, der ein falsches Spiel spielen würde. Oh, arme Jenna. Beim besten Willen kann ich mir nicht vorstellen, wie sie sich fühlen muss … Was für ein Schlamassel.

Sie ist wirklich unglaublich hübsch. Eine richtige Schönheit. Und wie alle anderen, Philip eingeschlossen, habe ich eine Schwäche für Schönheit. Man fühlt sich automatisch davon angezogen und merkt es gar nicht. Und ich kann es Philip nicht verdenken, dass … Es ist verständlich. Schließlich ist er kein Mönch, und er sollte auch nicht wie einer leben. Und natürlich geht mich das auch nichts an, denn ich bin bloß eine Angestellte, nichts weiter, auch wenn ich gerne davon ausgehe, dass Philip mich möglicherweise locker als »Freundin« bezeichnen würde.

Jenna seufzt und stellt ihr leeres Glas ab. »Was denkst du?«, will sie wissen.

»Oh, nichts Besonderes«, entgegne ich. Ich bin so nutzlos, vor allem in brisanten Momenten, und das hier ist einer davon.

Eine echte Krise.

Jenna lässt sich zurücksinken und weint ungefähr eine Minute lang, danach putzt sie sich dramatisch die Nase. Als ich über die kirschroten Polster rutsche, um mich neben sie zu setzen, lehnt sie sich an meine Schulter.

Vorsichtig tätschele ich ihr das Knie und reibe ihr den Rücken. »Alles wird gut, Jenna«, murmele ich.

Es gibt eine Klinik. Eine Freundin von ihr … Wie auch immer, es gibt eine Klinik. Morgen früh hat sie einen Termin, und man wird sich darum kümmern. Sie wird diesen Schlamassel beseitigen. Philip wird es nie erfahren. Gott sei Dank ist er morgen wieder auf dieser Buchmesse. Niemals darf er etwas davon mitbekommen, nie. Sie liebt ihn, sie liebt ihn wirklich. Aber jetzt hat sie einen Fehler begangen. Machen wir nicht alle mal Fehler, Roberta? Ein alter Freund, der sie zurückhaben will, sie hat ihm das Herz gebrochen … Irgendwie hatte sie Mitleid mit ihm, für einen Moment. Wie blöd.

»Hattest du je eine Abtreibung?«, fragt sie mich.

»Nein«, antworte ich nach einer klitzekleinen Pause.

»Ich möchte nicht allein hingehen. In die Klinik, meine ich.«

»Ich verstehe.«

»Kommst du mit mir? Bitte.«

»Ja. Natürlich begleite ich dich.«

»Ich kann sonst keinen fragen. Es gibt niemanden.«

»Ich komme mit dir.«

»Ich will Sophie nicht fragen.«

»Ich weiß.«

Die beiden sind im ähnlichen Alter, in den Zwanzigern, beide sind sehr direkt und kompromisslos. Frauen, denen man neuneinhalb von zehn Punkten geben würde. Sophie hat kastanienbraunes Haar, schokoladenfarbene Traumaugen, eine straffe Figur und ist gebräunt und ziemlich hübsch. Zwischen ihnen herrscht Konkurrenz, es gibt geflüsterte Eifersüchteleien – nichts Offenkundiges, nichts Gemeines, aber es ist da. Ich genieße es, der Rivalität von außen als Unbeteiligte zuzusehen – ich, die ich gut zehn Jahre älter und eine solide Sieben-Punkte-Frau bin. An guten Tagen. An sehr guten Tagen.

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