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Dem Glück mit dir so nah

1. KAPITEL

Es war ja nicht so, dass Blythe Broussard den Valentinstag hasste. Sie konnte nur nichts damit anfangen. Was natürlich nicht hieß, dass sie am Tag danach nicht zuschlug, wenn sie über Pralinen zum halben Preis stolperte. War ihr doch egal, in was für einer Schachtel sie steckten.

Früher hatte es mal eine Zeit gegeben, in der sie am Valentinstag voller Hoffnung aufgewacht war, wenigstens eine Karte von einem Jungen aus ihrer Klasse zu bekommen. Doch diese Erinnerungen gehörten genauso der Vergangenheit an wie die spärlichen Karten der paar Jungs, die sich nicht von einem Mädchen einschüchtern ließen, das in der vierten Klasse alle überragte – einen Makel, den Mutter Natur erst in Blythes fortgeschrittener Highschoolzeit behoben hatte.

Blythe hatte sich damals den ersten Jungen geschnappt, der ihrem Blick begegnete, ohne sich den Hals verrenken zu müssen. Und er sich sie. Wenn auch mit erheblich mehr Begeisterung als Erfahrung. Oder Stehvermögen. Als Blythe bewusst geworden war, dass ihr erstes Mal tatsächlich denkwürdig sein würde, war es leider schon zu spät gewesen, sich ihre Jungfräulichkeit zurückzuholen.

Das ganze Unglück war ausgerechnet am Valentinstag passiert. Vor exakt vierzehn Jahren, dachte Blythe missmutig, als sie auf der ausgeblichenen blauen Samtcouch in dem pseudoschicken Bridal Shoppe saß – jawohl, mit einem Extra-P und – E! –, in dem ihre Cousinen Mel und April für ihre Doppelhochzeit in vier Monaten Brautkleider anprobierten. Bei der Blythe, Gott sei ihr gnädig, nicht nur Ehrenbrautjungfer war, sondern auch noch alles organisierte. Denn wer beruflich Häuser einrichtete, war anscheinend auch qualifiziert, Hochzeiten zu planen und zu organisieren.

Als Kinder hatten die drei Cousinen die Sommerferien immer gemeinsam im Haus ihrer Großmutter in St. Mary’s Cove an der Ostküste Marylands verbracht. Sie waren damals wie Schwestern gewesen. Später hatten sie sich aus den Augen verloren, waren sich jedoch nach dem Tod ihrer Großmutter vor einem halben Jahr begegnet, um das Erbe zu regeln. Sie hatten sich auf Anhieb wieder so gut verstanden, als wären die letzten zehn Jahre nie gewesen. Blythe würde daher alles für ihre beiden Cousinen tun.

Sogar deren Hochzeiten planen.

Mels neben Blythe sitzende zehnjährige Tochter Quinn sprang plötzlich vom Sofa und lief zum Fenster. Ihre roten Locken glänzten in dem Licht der Deckenlampen. „Sieh doch nur, Blythe! Es schneit!“

Dicke, träge Schneeflocken fielen vom grauen Himmel und blieben sogar liegen, wie Blythe zu ihrer Bestürzung feststellte, als sie sich zu Quinn gesellte. Die Vorstellung, auf der Rückfahrt nach Alexandria am Rande Washington D. C.’s vereiste Brücken überqueren zu müssen, war nicht gerade verlockend.

„Du hast recht“, sagte sie und warf einen Blick auf die Zeitanzeige ihres Handys. Schon seit zwei Stunden waren sie in dem Geschäft. Hinter sich hörte sie Aprils melodiöses Kichern aus einer der Umkleidekabinen. Bitte, lieber Gott, dachte sie, als sie zu dem Sofa zurückkehrte. Lass es diesmal das richtige Kleid sein …

Auch Quinn wirkte reichlich gelangweilt. Ihre momentane Begeisterung wegen des Schnees hatte sich schon wieder gelegt. Denn leider mussten sie nicht nur auf eine, sondern auf zwei Bräute warten, die sich Hochzeitskleider aussuchten. Gähnend ließ Quinn sich wieder neben Blythe fallen, die ihr lächelnd einen Arm um die Schultern legte. „Du wolltest mitkommen, schon vergessen?“

„Weil ich dachte, dass es mir Spaß machen würde. Wie lange dauert es denn, sich ein blödes weißes Kleid auszusuchen?“

Blythe lachte verständnisvoll. „Tja, das ist ein langer Prozess.“ Sie verdrängte die Erinnerungen an ihre eigene Hochzeit. Obwohl sie damals nicht viel länger für die Wahl ihres Outfits gebraucht hatte – das erste weiße Kostüm, das sie gesehen hatte, war ihrs gewesen – als für ihren Bräutigam. Hätte sie sich damit mehr Zeit gelassen, wäre sie heute vielleicht noch verheiratet.

Oder auch nicht. Auch wenn Giles nicht ganz … untalentiert gewesen war, dachte Blythe und verzog spöttisch das Gesicht. Leider hatte sein „Talent“ nicht ausgereicht, um ihre Ehe zu retten. Was sie sich beide gegenseitig eingestanden hatten, als sie vor drei Jahren die Schuld an dem Scheitern ihrer Ehe genauso fair untereinander aufgeteilt hatten wie ihre Williams-Sonoma-Kochtöpfe oder Pottery-Barn-Lampen.

Wenigstens hatten sich April und Mel, die inzwischen das Inn ihrer Großmutter leiteten, gute Männer ausgesucht – Männer nämlich, die verrückt nach ihnen, aber ansonsten nicht verrückt waren. Ihre beiden Cousinen schienen sich ihrer Entscheidung absolut sicher zu sein. Ihre Liebe strömte aus irgendeiner scheinbar nie versiegenden Quelle, die zu entdecken offenbar nur Blythe nicht vergönnt war …

„Oh, Mom!“ Quinn sprang wie von der Tarantel gestochen auf, als ihre strahlende Mutter in einem Satinkleid mit Korsage aus der Umkleidekabine kam. „Du siehst umwerfend aus!“

Das Kind hatte nicht übertrieben. Nicht nur, dass das Kleid Mels üppige Kurven an genau den richtigen Stellen betonte, es war einfach … Mel. Schlicht, aber nicht unscheinbar, elegant, aber verführerisch wie die Sünde. Genauso wie die Brünette, die es trug, und deren graugrüne Augen schelmisch unter einem dunkelbraunen Pony hervorblitzten.

„Oh, Mel …“ Blythe selbst bekam zwar Ausschlag bei der Vorstellung, wieder zu heiraten, aber sie freute sich aufrichtig für ihre Cousine. Nach zehn Jahren als alleinerziehende Mutter verdiente die Frau jemanden, der so wundervoll war wie Dr. Ryder Caldwell, den Mel schon als kleines Mädchen angehimmelt hatte. „Du siehst fantastisch in dem Kleid aus!“

Kurz darauf rauschte Blythes zweitjüngste Cousine April in einem mit Perlen bestickten trägerlosen Tüllkleid aus der Umkleidekabine, das die zierliche Figur der Rotblonden seltsamerweise nicht verschluckte.

„April!“ Mel stützte anerkennend die Hände in die Hüften. „Ich kann nur sagen – wow!“

„Du hast es erfasst“, sagte April strahlend. Sicher würde man Aprils Saum kürzen und Mels Oberteil am Busen weiten müssen, aber abgesehen davon waren die beiden Kleider perfekt. Und so unterschiedlich, dass sie einander ergänzten, anstatt sich gegenseitig auszustechen.

„Na los, her mit dem restlichen Gedöns!“, rief April und winkte die beiden schwarzgekleideten selbstgefällig lächelnden Verkäuferinnen heran. Kurz darauf hatte sie einen mit Perlen bestickten ellenbogenlangen Schleier auf dem Kopf, mit dem sie wie eine Madonna aussah, während Mel sich für einen Strauß Seidenkamelien über dem linken Ohr entschieden hatte. Und alles war herrlich und wundervoll und einfach unbeschreiblich schön.

Was man zu Blythes Entsetzen vom Wetter nicht behaupten konnte. Als die beiden Bräute nämlich wieder ihre normalen Sachen trugen, tobte draußen ein Schneesturm, gegen den auch Aprils schicker Lexus nicht ankommen würde.

So viel zu Blythes Vorsatz, nach D. C. zurückzufahren. Oder überhaupt irgendwohin. Bei dieser Erkenntnis bekam sie prompt Kopfschmerzen.

Ihre Cousinen waren auch nicht gerade begeistert. Sie hatten nämlich große Pläne für den Abend. Schließlich war Valentinstag.

„Kannst du bei diesem Wetter überhaupt fahren?“, fragte Mel ihre jüngere Cousine.

April schüttelte den Kopf. Zitternd vor Kälte griff sie nach ihrem Handy. „Auf der anderen Straßenseite ist ein großer Supermarkt“, sagte sie. Der Laden war im dichten Schneetreiben kaum zu erkennen. „Falls wir hier festsitzen, wird man uns zumindest nicht verhungert in unserem Wagen finden.“ April war wie immer ganz Optimistin.

„Und was ist mit euren Gästen im Inn?“, fragte Blythe.

„Im Februar? Keine Sorge, in den nächsten beiden Wochen haben wir keine Buchungen …“ April hob einen Zeigefinger. Anscheinend hatte der Mensch abgehoben, den sie erreichen wollte. „Hey, Schatz“, flötete sie. Offensichtlich sprach sie mit ihrem Verlobten Patrick. „Es schneit hier gerade ziemlich heftig. Sieht so aus, als würden wir hier festsitzen …“

Auf der anderen Seite von Blythe führte Mel praktisch dasselbe Gespräch mit ihrem Schatz. Blythe hörte also stereo. Sie selbst hatte natürlich niemanden, den sie anrufen könnte. Kein Mensch machte sich Sorgen um sie oder würde enttäuscht sein, wenn sie abends nicht nach Hause kam. Niemand hatte auch nur eine Ahnung, dass sie in der Einkaufszeile einer Kleinstadt festsaß.

Meistens fand Blythe es herrlich, niemandem über ihr Kommen und Gehen Rechenschaft ablegen zu müssen. Aber heute Abend …

Na ja, vielleicht hatte das etwas mit dem plötzlichen Fallen des Barometers zu tun.

„Okay, ich buche uns zwei Zimmer“, sagte April mit leuch­tenden Augen, nachdem sie aufgelegt hatte. „Lass uns rasch etwas zu essen einkaufen. Ich werde dafür sorgen, dass wir ein Zimmer mit Kühlschrank bekommen.“

Und schon ging sie los. Sie stapfte so unerschrocken durch den Schneesturm wie eine Pionierin des 19. Jahrhunderts.

Niemand kann uns vorwerfen, Feiglinge zu sein, dachte Blythe, als sie sich beeilte, mit ihren lachend über den Parkplatz schlitternden Cousinen Schritt zu halten.

„Oh mein Gott“, japste Quinn, als sie sich dem Supermarkt näherten, in dem sich die Menschen untergestellt hatten, als sei der Sturm ein Vorbote des Weltuntergangs. „Seht mal, da sind Jack und sein Vater!“

Jack war Quinns guter Kumpel Jack Phillips, der ein paar Häuser vom Inn entfernt wohnte, und Jacks Dad war Blythes schlimmster Albtraum. Oder ihre kühnste Fantasie – je nachdem, in welche Richtung ihre nächtlichen Träume gingen.

Als wären dieser Tag oder ihre Kopfschmerzen nicht auch so schon schlimm genug.

Oh ja, Blythe kannte Wes Phillips mit seinen Grübchen und seinem umwerfenden Politikergrinsen. Letzterem hatte der neue Kongressabgeordnete es vermutlich zu verdanken, dass er bei der letzten Wahl zweiundsechzig Prozent der Stimmen gewonnen hatte, dabei war er parteilos.

Immerhin war sein politisches Programm genauso überzeugend wie sein Aussehen, das musste Blythe widerstrebend zugeben. Neben den Grübchen hatte er nämlich ehrlich dreinblickende haselnussbraune Augen mit sexy Fältchen und ein Kinn, das Michelangelo zum Weinen bringen würde. Außerdem war er groß. Groß genug zumindest, um trotz ihrer zehn Zentimeter hohen Absätze auf Höhe seiner verdammten Schlafzimmeraugen zu sein.

Aber …

Da zwischen ihnen aus unendlich vielen Gründen nie etwas laufen würde, konnte Wes Phillips seine Augen, sein Kinn und seine Grübchen für sich behalten, vielen Dank auch. Blythe würde sich mit dem einen oder anderen erotischen Traum zufriedengeben, und ihr Leben war perfekt.

„Hey, was treiben Sie denn bei diesem Wetter draußen?“

„Wir … wir haben Brautkleider gekauft“, antwortete Mel nach kurzem Zögern.

Wes’ Lächeln erstarb für einen flüchtigen Moment. Nur ganz kurz, aber unübersehbar, wenn man darauf achtete. Mels bevorstehende Hochzeit erinnerte ihn vermutlich an den Tod seiner Frau vor zwei Jahren bei demselben Unfall, bei dem auch Ryders Verlobte Deanna ums Leben gekommen war. Mels Rückkehr nach St. Mary’s hatte Ryders Wunden offensichtlich geheilt, während Wes nach wie vor trauerte.

Grund Nummer eins, warum Blythe seine Grübchen ignorierte.

Grund Nummer zwei war Wes’ Sohn, der sich gerade mit Quinn unterhielt. Blythe hatte den Elfjährigen in den letzten Monaten oft genug beobachten können, um einen umfassenden Eindruck von ihm zu gewinnen.

Der in der schrecklichen Phase zwischen Kindheit und Pubertät steckende Junge zeigte alle Symptome einer Krise – eine tiefe Unzufriedenheit, die Blythe nur allzu vertraut war. Und auf die sie seinen Vater gern hingewiesen hätte, wenn sie nicht solche Hemmungen hätte, sich ungefragt in fremde Angelegenheiten einzumischen. Oder schlimmer noch, ihm damit womöglich den Eindruck zu vermitteln, dass sie ihm irgendwie näherkommen wollte.

Denn – und das war Grund Nummer drei, der Hauptgrund – so etwas führte erfahrungsgemäß nur zu einem gebrochenen Herzen, Verwirrung und Reue.

Doch die gute Nachricht war, dass sie aus der Vergangenheit gelernt hatte. Zum Beispiel, dass sie allein psychisch viel stabiler und umgänglicher war als in einer Beziehung. Außerdem würde sie nachts nie wieder um die Bettdecke kämpfen müssen!

„Und was hat Sie vor die Tür gelockt?“, fragte Mel zurück.

Wes’ Lächeln vertiefte sich wieder. „Das Übliche“, antwortete er und hüllte sich tiefer in seinen olivgrünen Parka. „Mich mit Wählern treffen und mir ihre Vorwürfe anhören. Sie beruhigen, ohne Versprechungen zu machen, die ich nicht halten kann.“

Ach ja, dann gab es da noch das Problem, dass Wes Politiker war. In Anbetracht der anderen Gründe fast nebensächlich, aber ein weiterer Grund, dass Blythe ignorierte, wie gut Wes in diesem Augenblick aussah. Politiker lebten nämlich nur für ihren Job. Wenn sie nicht gerade in Washington waren, verbrachten sie ihre Zeit mit Reisen, Meetings und Händeschütteln. Vorausgesetzt, man gehörte zu den gewissenhaften Politikern, und Wes schien ehrlich und anständig zu sein. Etwas, das man ihm allerdings hoch anrechnen musste …

Mel sah sich suchend um. „Keine Entourage diesmal?“, fragte sie.

Wes lachte. „Heute nicht. Manchmal setze ich mich einfach spontan ins Auto, fahre los und halte dort an, wo es mich überkommt.“ Seine Grübchen vertieften sich, als er seinem Sohn zulächelte. „Außerdem haben Jack und ich so wenigstens mal die Gelegenheit, Zeit miteinander zu verbringen und uns gegenseitig auf dem Laufenden zu halten.“

Wes’ Sohn erwiderte den Blick seines Vaters missmutig. Es war nicht das erste Mal, dass Blythe so etwas beobachtete. Der Junge hatte den Verlust seiner Mutter offensichtlich noch nicht überwunden, aber sein Vater merkte nichts davon. Manchmal hätte sie Wes Phillips am liebsten eine Kopfnuss verpasst, damit er endlich aufwachte.

Aber das Ganze ging sie nichts an. Und der Junge war auch nicht gerade vernachlässigt – Wes’ Eltern wohnten nämlich bei ihrem Sohn, um sich um ihren Enkel kümmern zu können, und schienen die hingebungsvollsten Großeltern zu sein, die man sich vorstellen konnte. Dennoch war es offensichtlich, dass der Junge seinen Vater vermisste. Und dass er es hasste, ihn mit der gesamten Ostküste teilen zu müssen. Da Blythe von ihren Eltern genauso behandelt worden war, blutete ihr das Herz.

Was bedeutete, dass sie Jacks Vater noch nicht mal annähernd an sich heranlassen würde, Grübchen hin oder her!

Blythe Broussards Anblick verschlug Wes wie immer den Atem. Ob er allmählich den Verstand verlor? Unglaublich, wie scharf diese Frau ihn machte. Verrückt, unerklärlich und sehr unpassend, da er absolut keine Zeit für so etwas hatte. Selbst wenn er wollte, was nicht der Fall war … oder?

Doch da stand sie, und er konnte den Blick einfach nicht von ihr losreißen. Mann, sie sah ihn aus großen dunkelblauen, irgendwie vorwurfsvollen Augen in einem blassen, scharf geschnittenen Gesicht an. Ihr Haar war fast so kurz wie seins und sehr blond, und ihr Mund von jenem Dunkelrot, das nur wenige Frauen tragen konnten, ohne makaber auszusehen.

Dabei war sie noch nicht mal besonders hübsch, zumindest nicht auf konventionelle Art. Mit anderen Worten, ganz anders als Kym. Trotzdem brachte sie sein Blut in Wallung.

Er riss den Blick von ihr los und drehte sich wieder zu Mel um, die so klein und kurvig war wie Blythe groß und … nicht kurvig. „Wollen Sie jetzt zurück nach St. Mary’s?“

Mel schnaubte verächtlich. „Bei dem Wetter?“

Wes mochte Mel und war froh, dass ihre Tochter Quinn und Jack sich angefreundet hatten. Er freute sich auch, dass es Ryder gelungen war, Deannas Tod zu überwinden. Wirklich. Aber Ryder hatte sie auch nicht zwanzig Jahre lang gekannt und geliebt … so wie er Kym.

„Nein, wir haben gerade beschlossen, über Nacht im Hotel auf der anderen Straßenseite zu bleiben“, erklärte Mel. „Und Sie?“

„Jetzt, wo Sie es sagen … Ich bin auch nicht gerade versessen, bei diesem Wetter ins Auto zu steigen. Hey, Jack!“, rief Wes seinem Sohn zu, der zusammen mit Quinn Schneeflocken mit der Zunge auffing. „Hättest du etwas dagegen, hier zu übernachten?“

Der Junge drehte sich überrascht um. „Beim Chinesen?“

„Nein, im Hotel da drüben.“

Als Wes Blythes Blick begegnete, stockte ihm wieder der Atem. Nicht, dass er daran zweifelte, dass die Anziehung zwischen ihnen rein sexuell war. Trotzdem, nach all den Monaten, in denen er sich wie unter Einfluss eines Betäubungsmittels gefühlt hatte …

Es musste am Wetter liegen. Oder an der Anspannung nach der ganzen anstrengenden Konversation mit seinen Wählern heute Nachmittag. Immerhin wusste er jetzt wieder, warum er beschlossen hatte, in die Politik zu gehen. Und dort zu bleiben, sogar nach …

Wes konzentrierte sich wieder auf Mel. „Ist dort zufällig noch ein Zimmer frei?“

„Mal sehen, ob April ein drittes Zimmer buchen kann.“ Mel zog ihr Handy aus der Tasche.

Wes sah, dass Blythe einer aus dem Supermarkt kommenden Familie Platz machte. Lächelnd beobachtete sie die drei kleinen Kinder, die wie schneebedeckte Flöhe herumsprangen. Als sie Wes’ Blick begegnete, knipste sie ihr Lächeln aus und wandte sich ab.

Okay, vielleicht hatten seine seltsamen körperlichen Reaktionen doch weniger mit Sex als mit Abneigung zu tun. Zumindest auf ihrer Seite.

So etwas kam vor. Er war schließlich Politiker, auch wenn sich diese Bezeichnung irgendwie unpassend anfühlte, so wie ein Paar neuer unbequemer Schuhe. Viele Menschen mochten ihn nicht, und sei es auch nur, weil ihre Visionen nicht mit seinen übereinstimmten. Das war bei seinem Job einfach so. Und weiß Gott kein Grund, sich zu ärgern, auch wenn sein Wahlkampfmanager und die Hälfte seines Personals ihm einzureden versuchten, dass er viel zu nett war.

Was soll’s, dachte er, als Mel ihm mit erhobenem Daumen signalisierte, dass es noch ein Zimmer gab, und mit den Kindern im Supermarkt verschwand. Wes’ Job brachte zwar gewisse Opfer mit sich, aber deshalb würde er noch lange nicht seine Integrität opfern. Für nichts und niemanden. Er hatte aus ganz bestimmten Gründen beschlossen, in die Politik zu gehen. Gründe, die manche Menschen vielleicht für idealistisch oder sogar naiv hielten, aber er stand dazu.

„Wollen Sie nicht mit reinkommen?“, rief er Blythe zu.

Sie drehte sich zu ihm um und zuckte die Achseln. „Nein, Mel wird schon das Richtige besorgen.“

Wes nickte. Er fühlte sich irgendwie unsicher. Normalerweise fiel es ihm leicht, sich zu artikulieren und Menschen für sich einzunehmen. Doch seit er Kym in der neunten Klasse um ein Date gebeten hatte, hatte er sich nicht mehr so auf den Mund gefallen gefühlt.

Nicht, dass diese Situation auch nur annähernd mit der von damals vergleichbar war.

Er ging zu Blythe, um sich ein Bild zu machen, was es da so Interessantes auf dem Parkplatz zu sehen gab. Verstohlen musterte er ihr Profil und ihre grimmig aufeinandergepressten Lippen.

„Der Wetterbericht hat leichten Schneefall angekündigt“, bemerkte sie trocken.

Wes richtete den Blick wieder auf den Parkplatz und schob die Hände in seine Jackentaschen. „Tja, wann kann man sich schon mal auf den Wetterbericht verlassen?“ Er räusperte sich verlegen. „Und? Haben Ihre Cousinen passende Kleider gefunden?“

„Was? Oh ja, das haben sie.“

„Hochzeiten“, sagte er kopfschüttelnd.

„Haben Sie damals groß gefeiert?“

Er schnaubte. „Und ob. Allerdings kann ich mich kaum noch dran erinnern.“ Er lächelte.

„Waren Sie zu betrunken?“

Wes war überrascht, dass sie ihn neckte – falls sie es wirklich tat. „Nein, ich hatte viel zu große Angst. Nicht, dass ich nicht heiraten wollte – ich hätte Kym schon mit achtzehn geheiratet, sofern das möglich gewesen wäre –, aber es als so weit war, bekam ich plötzlich Panik. Sie wissen schon – was mache ich hier eigentlich? Was ist, wenn es nicht funktioniert? Solche Gedanken eben. Doch dann schritt sie den Gang zum Altar entlang, und ich sah nur noch ihr Lächeln …“

Wehmütig schüttelte er den Kopf. „Für den Rest des Abends habe ich alles andere ausgeblendet. Ihr Lächeln hat mich gerettet.“

Wieder folgte eine lange Gesprächspause. „Es tut mir leid“, sagte Blythe irgendwann steif. „Nicht das mit der Hochzeit, sondern …“

„Ich weiß, was Sie meinen. Danke.“

Blythe schlang die Arme um sich selbst. „Sieht so aus, als würden wir heute Nacht alle aufeinander hocken.“

„Ich würde mir deswegen nicht allzu große Sorgen machen“, antwortete Wes, der lächerlicherweise gekränkt war. „Wahrscheinlich liegen unsere Zimmer noch nicht mal im selben Stockwerk.“

Er hörte sie tief aufseufzen. „Sorry, ich wollte nicht unhöflich klingen.

In diesem Augenblick platzten Mel und die Kinder mit vollen Einkaufstüten beladen aus dem Supermarkt und stapften über den Parkplatz.

„Wir sollten ihnen vielleicht folgen“, schlug Wes vor und wollte Blythes Ellenbogen nehmen, doch sie wich seiner Berührung aus. Was ihn nicht überraschte.

Die Arme noch immer um sich geschlungen, trat sie vorsichtig in den inzwischen ziemlich hohen Schnee, ihren hochhackigen Stiefeln vollkommen hilflos ausgeliefert. Vor ihnen schlitterte Mel, die viel vernünftigere Schuhe trug, genauso lachend durch den Schnee wie die Kinder.

Kein Wunder, dass Ryder ihretwegen seine Trauer überwunden hatte. Mel war genau die Frau, die Ryder gebraucht hatte.

Zu seiner Bestürzung wurde Wes bewusst, dass er neidisch auf die zweite Chance seines Freundes war. Er selbst bezweifelte, jemals eine zu bekommen. Denn obwohl alle – seine Eltern, sein Manager, sogar sein Zahnarzt – ihn drängten, wieder zu heiraten, würde er nie jemanden wie Kym finden.

Als er ein Kreischen hörte, wirbelte er herum und sah Blythe mit rudernden Armen rückwärts im Schnee landen. Dabei fluchte sie laut.

Grinsend hielt er ihr eine Hand hin.

Blythes Kopf pulsierte schmerzhaft, als sie auf Wes’ ausgestreckte Hand starrte. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, seine Hilfe abzulehnen, aber leider war Anmut noch nie ihre Stärke gewesen. Wenn sie allein versuchte, sich im zehn Zentimeter hohen Schnee aufzurappeln, würde sie vermutlich aussehen wie eine betrunkene Giraffe.

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte Wes, als er sie hochzog.

„Ja, ja, alles gut“, grummelte sie und versuchte, sich den Schnee vom Po zu klopfen. „Auch wenn meine Würde ganz schön gelitten hat.“

„Ich habe schon seit Jahren keine Würde mehr. Man kann auch ohne leben.“

Blythe erwiderte seinen belustigten Blick. Verdammt, sie hatte schon wieder Schmetterlinge im Bauch. „Danke“, sagte sie seufzend.

„Gern geschehen.“ Wes hob wieder einen Ellenbogen. Und eine Augenbraue. Widerwillig – äußerst widerwillig – akzeptierte Blythe seinen Arm. Trotz des erheblichen Risikos, wieder hinzufallen und ihn dabei mit zu Boden zu reißen. Natürlich rutschte sie aus, kaum dass ihr dieser Gedanke durch den Kopf schoss, doch der Mann schwankte nicht einmal. Im Gegenteil, er fasste sie mühelos um die Taille und zog sie an sich. Wie ein Fels in der Brandung.

„Dann hassen Sie mich also doch nicht?“, fragte er.

Aufmerksam war er auch noch.

Blythe knickte schon wieder um und stieß einen lauten Fluch aus.

Wes lachte. Und hielt sie wieder fest.

„Das ist keine Absicht, ehrlich nicht“, stieß sie hervor.

„Habe ich auch nicht angenommen. Nicht einmal Sie hätten dieses Aufeinandertreffen verschiedener Umstände herbeiführen können.“

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