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Deine Lippen, deine Küsse … unwiderstehlich

1. KAPITEL

Nachdem Kimberley Blackstone die Zollabfertigung verlassen hatte, beschleunigte sie ihre Schritte und steuerte auf den Ausgang des Auckland International Airport zu. Trotz ihrer hohen Absätze erreichte sie die Ankunftshalle als Erste und vergrößerte so ihre Chancen, ein Taxi zu erwischen. Da sie versuchte, sich nach den Weihnachtsfeiertagen gedanklich wieder auf den Alltag und den ersten Arbeitstag bei House of Hammond einzustellen, hatte sie die Reporter nicht bemerkt, die am Ausgang lauerten.

Ein Blitzlichtgewitter empfing sie, und sie blieb so plötzlich stehen, dass der Louis-Vuitton-Koffer, den sie hinter sich herzog, gegen ihre Beine rammte. Autsch!

Das konnte doch nur ein Missverständnis sein, dachte Kimberley. Seit fast zehn Jahren hatten die Paparazzi sich nicht mehr für sie interessiert – seit dem Zeitpunkt, als sie sich von ihrem Vater und seinem Diamantenimperium gelöst hatte. Das war damals eine Riesensensation gewesen, denn welche Tochter hatte schon den Mut, sich von ihrem milliardenschweren Vater zu trennen und das Leben selbst in die Hand zu nehmen?

Aber es war kein Missverständnis. Es war eindeutig ihr Name, den man rief, und ihr Gesicht, das die Reporter vor die Linse kriegen wollten. Dieser Trubel um ihre Person machte ihr Angst. Gleichzeitig spürte sie aber auch eine unbändige Wut in sich aufsteigen.

Was sollte das? Was wollte man von ihr?

Kimberley sah sich um, und ihr Blick blieb auf einer großen schlanken Gestalt hängen, die auf sie zukam. Der Mann kam ihr seltsam vertraut vor, und als sie ihn genauer ansah, trafen sich ihre Blicke. Mit schnellen Schritten drängte er sich durch die Menge, und sowie er neben ihr stand, legte er den Arm um sie und zog sie schützend an sich. Das alles passierte so schnell, dass sie gar keine Zeit und Gelegenheit hatte, ihn abzuwehren.

Und ehe sie wusste, wie ihr geschah, drückte er sie an seinen schlanken muskulösen Körper. Verwirrt hob sie den Kopf und sah ihn an.

Ric Perrini.

Zehn Jahre zuvor hatte sie eine leidenschaftliche Affäre mit diesem Mann gehabt, bevor sie ihn geheiratet hatte. Ihre Ehe dauerte dann allerdings nur ganze zehn Tage, bevor sie endete. Kimberley hatte lange gebraucht, um über Ric hinwegzukommen und sich ein neues Leben aufzubauen.

Nach all dieser Zeit hätte sich sein Körper eigentlich nicht mehr so vertraut anfühlen sollen, hätten sein männlicher Duft und seine Kraft sie nicht so gefangen nehmen dürfen. Sie wusste, wie leicht sie seiner Leidenschaft verfiel, wie sehr sein Begehren ihr Verlangen herausforderte.

Typisch war auch, dass er keine Schwierigkeiten hatte, die Situation zu meistern. Die Reporter wichen ihm aus, und als er Kimberley jetzt ins Ohr flüsterte: „Mein Wagen wartet. Ist das dein ganzes Gepäck?“, erkannte sie sofort seinen tiefen verführerischen Tonfall wieder.

Sie nickte. Dennoch wäre sie am liebsten stehen geblieben und hätte ihm gesagt, er solle sich zum Teufel scheren, als er sie losließ und einfach ihren Koffer nahm.

Aber sie war nicht dumm. Sie kannte Perrini gut genug, um zu wissen, dass er mit seiner Haltung immer Erfolg hatte. Der finstere Gesichtsausdruck und sein herrisches Auftreten hielten die Reportermeute auf Abstand.

Doch sie war nicht bereit, sich widerstandslos ihrem Schicksal zu ergeben. „Ich vermute, du wirst mir sagen, was dieser ganze Zirkus hier soll“, brachte sie mühsam beherrscht hervor.

„Nicht solange der Zirkus in Hörweite ist.“

Perrini fuhr den Fotografen dicht vor ihnen so heftig an, dass der erschreckt zur Seite sprang. Dann zerrte er Kimberley eilig weiter. Und obgleich sie sich ärgerte, dass er auf sie keine Rücksicht nahm, musste sie ihm recht geben. In dieser Situation konnte sie nicht erwarten, dass er lange Erklärungen abgab. Aber im Auto dann …

Den anfänglichen Schock hatte sie überwunden, allmählich funktionierte ihr Verstand wieder. Für das Ganze konnte nur ihr Vater verantwortlich sein. Es handelte sich sicher nur um einen Publicitygag, der mit seinem Unternehmen Blackstone Diamonds zu tun hatte.

Sie wusste, dass ihr Vater aus Sydney nach Neuseeland kommen wollte, um bei der Eröffnung der neuesten Boutique seiner exklusiven Juwelierladenkette anwesend zu sein. Die breite Schaufensterfront grenzte leider direkt an den Laden des Konkurrenzunternehmens, für das Kimberley arbeitete. Das war natürlich kein Zufall, dachte sie verbittert, genauso wie es kein Zufall war, dass Ric Perrini sie hier in Auckland abfing und zu seinem Wagen zerrte.

Perrini war Blackstones rechte Hand, stellvertretender Generaldirektor des Unternehmens und Chef der Abteilung Bergbau. Ihm unterstanden Diamantenminen in aller Welt. Die Hochzeit mit der Tochter des Chefs hatte sich für ihn bezahlt gemacht. Sicher hatte ihr Vater ihn geschickt. Die Frage war nur, warum?

Bei seinem letzten Besuch in Auckland hatte ihr Vater versucht, sie zu überreden, wieder in den Schoß des Familienunternehmens zurückzukehren. Er hatte ihr wieder denselben Job angeboten, den sie damals zusammen mit ihrer Ehe aufgegeben hatte. Das Treffen hatte böse geendet. Harte Worte waren gefallen, und Howard hatte gedroht, sie aus seinem Testament zu streichen, wenn sie nicht tat, was er wollte.

Zwei Monate später lebte Kimberley immer noch in Auckland und arbeitete für Howards Erzkonkurrenten, das House of Hammond. Sie hatte seit dem letzten Treffen kein Wort mehr mit Howard gewechselt, was Kimberley nicht überraschte. Wenn ihr Vater sagte, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben wollte, dann konnte sie sich darauf verlassen.

Warum also hatte er seinen Vertrauten Ric Perrini geschickt? Und warum hatte er ihr die Medienmeute auf den Hals gehetzt? Was erhoffte er sich von der Publicity? Wollte er ihr wieder einmal beweisen, dass er Macht über sie hatte?

Sie war verwirrt und wütend, als sie endlich den Wagen erreichten. Der Fahrer verstaute ihren Koffer, und Perrini schob sie auf den Rücksitz. Die Tür schloss sich hinter ihr, endlich war Kimberley vor den Kameras der Reporter sicher.

Perrini war neben dem Wagen stehen geblieben und hob jetzt die Hände, als wollte er um Ruhe bitten. Was er sagte, konnte sie leider nicht verstehen. Sie konnte nur sehen, dass die Journalisten ihm wie gebannt zuhörten.

Sie musste endlich wissen, was Sache war, und tippte dem Fahrer auf die Schulter. „Können Sie bitte die Zentralverriegelung lösen? Ich muss unbedingt aussteigen.“ Doch der Mann tat so, als hätte er sie nicht gehört, und sah betont gelangweilt aus dem Fenster.

„Man hat mich gekidnappt! Machen Sie sofort die Tür auf, oder ich werde dafür sorgen, dass Sie …“

Bevor sie den Satz beenden konnte, wurde die Tür aufgerissen, und Ric schob sich schnell neben sie. Und obgleich sie ihm im Terminal sehr viel näher gewesen war, als er sie schützend in die Arme genommen hatte, fühlte sie seine körperliche Anwesenheit hier in dem geschlossenen Raum besonders deutlich. Schnell rutschte sie auf dem silbergrauen Ledersitz in die andere Ecke und befestigte den Sicherheitsgurt. Der Wagen fuhr an.

Wütend drehte sie sich zu ihrem Nachbarn um. „Du hast mich hier in dem Wagen eingesperrt, während du mit den Journalisten sprachst. Warum?“

In aller Seelenruhe befestigte auch er den Sicherheitsgurt, dann sah er sie an. Zum ersten Mal wurden sie nicht unterbrochen oder abgelenkt, und für den Bruchteil einer Sekunde ließ sie sich von seinen erstaunlich blauen Augen gefangen nehmen. Sofort erwachten vergessen geglaubte Erinnerungen in ihr.

„Du kannst sicher sein“, sagte er grimmig, „dass ich nicht hier wäre, wenn es nicht wirklich wichtig wäre.“

„Wichtig für wen? Für meinen Vater?“

Schweigend blickte er sie an. Er wirkte verärgert.

„Hat er geglaubt, dass du mich umstimmen könntest?“ Ihre Stimme klang kalt, obwohl sie immer wütender wurde. „In diesem Fall hat er sich aber gründlich …“

„Er hat mich nicht geschickt, Kim.“

Der kurze Satz schockte Kim mehr als eine lange Erklärung. Was war los? Sie blickte ihn aufmerksam an, seine Haltung verriet nichts. Allerdings wirkte er nicht so arrogant wie sonst, sondern ausgesprochen ernst. Er sah sie nicht an, und wieder ging ihr durch den Kopf, was für ein beeindruckendes Profil er hatte.

Aber darum ging es jetzt nicht. Er war angespannt, als würde es ihm schwerfallen, ihr das zu sagen, was er ihr sagen musste.

Kimberley wurde es eiskalt ums Herz. Irgendetwas war geschehen, und es war nichts Gutes.

„Was ist denn los?“, fragte sie und presste ihre Finger gegen die weiche Lederhandtasche, die auf ihrem Schoß lag. „Wenn Vater dich nicht geschickt hat, warum bist du dann gekommen?“

„Howard ist gestern Abend aus Sydney abgeflogen. Und heute Morgen hat man deinen Bruder angerufen und ihm mitgeteilt, dass das Flugzeug leider nicht in Auckland angekommen ist.“

„Nicht angekommen ist?“ Sie schüttelte ungläubig den Kopf. „Das gibt es doch gar nicht. Was ist denn passiert?“

„Das wissen wir noch nicht. Zwanzig Minuten nach dem Start in Sydney verschwand das Flugzeug von dem Radarschirm.“ Er blickte sie an, dann senkte er den Kopf. „Es tut mir so leid, Kim“, sagte er leise.

Nein. Das konnte nicht sein. Ausgerechnet ihr Vater, der mit all seiner Macht und Energie unsterblich zu sein schien, sollte tot sein? Und sollte seinen größten Triumph nicht mehr miterleben, nämlich seinem ärgsten Konkurrenten dessen Terrain streitig zu machen? „Er wollte doch zur Eröffnung des neuen Juweliergeschäfts in der Queen Street kommen“, sagte sie tonlos.

„Ja. Er hatte eigentlich um halb acht fliegen wollen, aber der Flug verzögerte sich. Er hatte noch im Büro zu tun.“

So war es immer gewesen. Schon in Kimberleys Kindheit hatte er nie Zeit für sie und ihren Bruder gehabt, weil das Geschäft immer vorging. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals anders als in einem dreiteiligen Anzug gesehen zu haben. Der Beruf war alles, was ihn interessierte. Diamanten, Verträge und weltweite Publicity, dafür lebte er.

„Als ich dich auf dem Flugplatz sah, umringt von Reportern, Fotografen und TV-Crews, habe ich gedacht, es hätte mit der Geschäftseröffnung zu tun. Du weißt, Vater scheute in dem Punkt vor nichts zurück.“ Das Herz wurde ihr schwer. „Aber sie sind gekommen, weil sie es wussten.“

Während sie ihren letzten Strandspaziergang genoss, sich ein allerletztes Frühstück mit Papayas und Mangos schmecken ließ und später im Flugzeug mit dem jungen Mann flirtete, der neben ihr saß, war ihr Vater … „Und ich hatte keine Ahnung“, stieß sie stockend hervor. Trotz der Entfremdung in den letzten zehn Jahren, trotz all der berechtigten Vorwürfe, die sie dem Vater machte, hatte sie ihn bewundert, vor allem als Kind und Jugendliche. Sie erinnerte sich noch gut, dass ihr Bruder und sie immer um seine Gunst gebuhlt hatten. Er hatte großen Einfluss auf sie gehabt, auf ihre Entscheidungen in Bezug auf ihren Beruf und darauf, was sie für wichtig hielt. Natürlich hatte sie in den letzten Jahren manches in Frage gestellt und war insgesamt kritischer ihm gegenüber geworden, aber er war doch immer noch ihr Vater. „Woher wussten die Reporter denn so gut Bescheid?“

Ric zuckte mit den Achseln. „Über deinen Vater? Keine Ahnung. Und woher sie wussten, mit welchem Flug du kommst, ist mir auch ein Rätsel.“

„Und woher wusstest du es?“

„Ich habe bei dir im Büro angerufen. Aber der Kerl da in deiner Firma, dieser Lionel, wollte mir nicht gleich sagen, wann du ankommst.“ Er hatte kostbare Zeit verloren, bis er die Information endlich aus dem Mann herausgepresst hatte. Und auf der ganzen Fahrt zum Flughafen stand er unter dem Druck, eventuell zu spät zu kommen. Denn die Reporter fanden immer einen Weg, an Informationen heranzukommen. Und wenn Kimberley nun von ihnen erfuhr, dass … Schrecklicher Gedanke!

Es wunderte ihn nicht, dass Lionel so zurückhaltend war. Denn die beiden Unternehmen waren erbitterte Konkurrenten, obgleich die Gründer sogar miteinander verwandt waren. Howard Blackstone und Oliver Hammond waren Schwäger, und der Kampf zwischen beiden Häusern, der nun schon dreißig Jahre dauerte, hatte auch auf die nächste Generation abgefärbt. Dass Kimberley die Position als Assistentin bei ihrem Cousin Matt Hammond angenommen hatte, hatte die Beziehungen nicht gerade verbessert.

„Ich kann verstehen, dass Lionel nicht gleich bereit war, mit der Information herauszurücken“, sagte Kimberley, als habe sie gerade Rics Gedanken gelesen.

Ihre Stimme klang kalt und überheblich, und Ric musste sich zusammennehmen, um nicht heftig zu kontern. Was hatte er erwartet? Sie waren erst zehn Minuten zusammen, und schon waren sie kurz davor, sich zu streiten. Aber so war es immer gewesen. Auch in guten Zeiten hatten beide immer Schwierigkeiten gehabt, ihr Temperament zu zügeln.

Müde lehnte er den Kopf gegen das Polster. Er kannte keine Frau, die schwieriger war als Kimberley. Allerdings auch keine, die ihn mehr reizte und die ihm mehr Freude und Befriedigung schenkte als sie.

Als er telefonisch von der vermissten Maschine hörte, war ihm gleich klar gewesen, dass er nach Auckland fliegen musste. Sosehr ihm auch widerstrebte, ihr diese Nachricht überbringen zu müssen, so sehr freute er sich, dass sie auf diese Weise gezwungen war, nach Sydney zurückzukommen. Sie gehörte zu Blackstone.

Er sah sie an. Sie benutzte immer noch dieses leichte Parfüm, das nach Sommerblumen duftete und ihn nur zu eindeutig an frühere Zeiten erinnerte.

Und sie gehörte in sein Bett.

„Du musst heute Morgen schon sehr früh geflogen sein“, sagte sie.

„Ich war auf dem Flug von der Janderra-Mine zurück nach Sydney, als Ryans Anruf mich erreichte. Da es eine eilige Sache war, hatte ich den Firmenjet genommen.“

„Ach so, dann warst du also mit dem Flugzeug unterwegs, als Ryan dich anrief. Deshalb konntest du so schnell kommen.“

Sie blickte ihn mit ihren jadegrünen Augen an, und ihm krampfte sich das Herz zusammen. Ihre Augen hatten ihn immer am meisten beeindruckt, nicht nur, weil sie mit den schwarzen dichten Wimpern und den feinen dunklen Augenbrauen besonders schön waren, sondern weil sie am ehesten etwas von Kimberley Blackstone preisgaben. Er hatte gelernt, in ihren Augen zu lesen.

Nicht, dass Kimberley jemals Schwäche zeigen würde. Dazu war sie zu sehr die Tochter ihres Vaters. Auch jetzt versuchte sie mit Erfolg, Haltung zu bewahren, aber es fiel ihr nicht ganz leicht, das war ihr anzumerken.

„Dass ich gerade mit dem Flugzeug unterwegs war, hatte nichts damit zu tun“, meinte er. „Ich wäre sowieso gekommen.“

„Um mir zu sagen, dass mein Vater tot …“

„Um dich nach Hause zu bringen.“

„Nach Sydney?“ Sie lachte kurz auf. „Das ist schon lange nicht mehr mein Zuhause.“

„Ich weiß.“

Nachdem sie sich von ihm getrennt hatte, hatte er sie erst einmal in Ruhe gelassen. Sie sollte Zeit haben, über ihre ewigen Streitereien nachzudenken, und endlich zu dem Schluss kommen, dass sie zusammengehörten. Doch als er sie nach vier Monaten, die ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen waren, besuchte, musste er feststellen, dass sie sich nicht verändert hatte. Immer noch machte sie ihm heftige Vorwürfe und war fest davon überzeugt, dass ihre Ehe ein riesengroßer Fehler gewesen war. Sie hatte ein neues Zuhause in Neuseeland gefunden und wohnte in Auckland.

Und Matt Hammond war ihr Chef und ihr Beschützer.

All das war Ric noch so gegenwärtig wie am ersten Tag, und bei dem Gedanken daran verdüsterte sich seine Miene. Ein kurzer Blick, und sie wusste, was ihm durch den Kopf ging. Sie selbst erinnerte sich nur zu gut an ihre letzte heftige Auseinandersetzung in ihrem Büro bei Hammond. Ihre Augen funkelten gefährlich, und eine leichte Röte überzog ihre hohen Wangenknochen.

„Du hast gesagt, du würdest mich in Ruhe lassen.“

Das hatte er auch getan, bis heute. Er war zu stolz gewesen, um hinter ihr herzulaufen. Aber dies war jetzt eine andere Situation. „Dass ich gekommen bin, hat nichts mit dir und mir zu tun“, sagte er kühl. „Hier geht es um deinen Vater und deine Familie.“

Sie blickte zur Seite und verkniff sich, ihn darauf hinzuweisen, dass auch die Hammonds ihre Familie waren. Ihre Mutter Ursula, die starb, als Kimberley gerade zwei Jahre alt war, war die Schwester von Oliver Hammond. Da Kimberley von ihrem Vater sehr beeinflusst war, hatte sie gegen die Hammonds immer große Vorbehalte gehabt und hatte Onkel und Tante in Neuseeland und ihre beiden adoptierten Söhne Matt und Jarrod aus tiefster Seele abgelehnt.

Aber als sie nach der Trennung von Ric und ihrem Vater einen neuen Job suchte, hatten die Hammonds sie mit offenen Armen aufgenommen. Matt hatte sich als treuer Freund erwiesen, wenn auch seine Frau Marise immer etwas eifersüchtig war. Doch Matt hatte darauf bestanden, dass Kimberley die Patentante seines kleinen Sohns Blake wurde.

In den letzten zehn Jahren waren die Hammonds für sie zu ihrer Familie geworden, und sie fühlte sich dort mehr zu Hause, als sie es jemals in Sydney bei den Blackstones getan hatte. Aber das hatte sie natürlich nie verlauten lassen. Seit Matt ihr den Job und ein Zuhause angeboten hatte, war Ric extrem schlecht auf ihn zu sprechen. Und wenn Kimberley seinen Gesichtsausdruck jetzt richtig deutete, dann hatte sich daran nichts geändert.

Dass ich gekommen bin, hat nichts mit dir und mir zu tun. Hier geht es um deinen Vater und deine Familie.

Wie recht er hatte, und das nicht nur in einer Hinsicht.

Ihre Beziehung hatte nie nur mit ihm und ihr zu tun gehabt. Genau das war das Problem. Sie waren sich das erste Mal bei Blackstone Diamonds begegnet und waren sich nähergekommen, als sie gemeinsam die Verkaufsstrategie für den Einzelhandel entwickelten. Sie hatte ihr Modell dann dem Vorstand vorgestellt, und als es akzeptiert wurde, hatten sie ihren Erfolg gefeiert und das erste Mal miteinander geschlafen.

Doch Perrini wollte mehr. Um das zu erreichen, hatte er sie geheiratet, und sein stolzer Schwiegervater hatte ihm alles überlassen, was der junge ehrgeizige Marketingexperte forderte: Macht, Prestige und Zugang zu Sydneys feiner Gesellschaft.

Auch die Einrichtung der Einzelhandelsläden war ihm übertragen worden, eine Aufgabe, die Kimberley versprochen worden war und für die sie sich bereits extrem eingesetzt hatte. Als sie sich beklagte, schlug sich Perrini auf die Seite ihres Vaters, der behauptete, sie wäre einer solchen Aufgabe nicht gewachsen.

Mit der Zeit hatte sie eingesehen, dass die Einschätzung vielleicht nicht ganz falsch gewesen war. Aber mit einundzwanzig war sie leidenschaftlich in Ric verliebt gewesen und empfand seine Haltung nur als Verrat, als Beweis dafür, dass er sie nicht liebte. Er war hinter ihr her gewesen und hatte sie geheiratet, aber nur, weil er ehrgeizig war und Karriere machen wollte.

Jetzt war er gekommen, um sie wieder mit ihrer Familie in Sydney zusammenzubringen. Aber war das wirklich der Grund?

Je länger sie schweigend durch die Stadt fuhren, desto klarer wurde ihr, dass seine Motive unwichtig waren. Allmählich wurde ihr bewusst, was er gesagt hatte und was diese Nachricht für sie bedeutete.

Dass ich gekommen bin, hat nichts mit dir und mir zu tun. Hier geht es um deinen Vater und deine Familie.

Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Perrini die Beine lang ausgestreckt hatte. Es war nett von ihm gewesen, dass er sie vor den Presseleuten in Schutz genommen hatte, dachte sie, verbot sich diesen Gedanken aber ganz schnell. Sie brauchte seinen Trost nicht, nicht mehr. Das Beste war, möglichst schnell nach Sydney zu fliegen, um bei ihrer Familie zu sein, wenn die Nachricht über das Schicksal des Vaters eintraf.

Wenn sie daran dachte, dass sie bald ihren Bruder Ryan und auch Tante Sonya wiedersehen würde, die versucht hatte, ihr die Mutter zu ersetzen, wurde ihr warm ums Herz. Aber sie durfte ihren Gefühlen nicht freien Lauf lassen. Irgendwann würde sie auch Gelegenheit haben zu weinen, aber keinesfalls in Gegenwart von Ric Perrini.

„Hier wohnst du?“

Neugierig sah Ric an dem hübschen Stadthaus empor, während der Fahrer am Straßenrand einparkte. Kimberley nickte. Da er dem Fahrer die Adresse gegeben hatte, ohne sie vorher gefragt zu haben, wusste er wohl Bescheid. Irgendwie machte es sie nervös, dass er jetzt ihr Heim betreten sollte.

Dies war ihr Zuhause, in dem sie sich wohl und sicher fühlte und sich nach einem hektischen Tag in der Firma entspannen konnte. Der Gedanke, dass Ric nun dieses Refugium betrat, behagte ihr ganz und gar nicht.

Aber natürlich musste sie ihn hereinbitten, wenn er schon extra gekommen war, um sie nach Sydney zu begleiten. „Möchtest du hereinkommen?“, fragte sie schnell, bevor sie es sich anders überlegte. „Ich brauche nicht lange, muss nur ein paar Sachen zusammenpacken, meine Pflanzen wässern und kurz im Büro Bescheid sagen.“

Er hob überrascht die dunklen Augenbrauen. „Dann kommst du wirklich mit?“

„Ja, selbstverständlich. Hast du daran gezweifelt?“

„Bei dir kann man nie sicher sein.“

„So?“ Kimberley lachte kurz auf, und sekundenlang sahen sie sich schweigend in die Augen. Dann lächelte Ric, und für einen kurzen Moment stand ein Ausdruck in seinen Augen, den sie aus ihren ersten verliebten Zeiten kannte. Kimberleys Herzschlag beschleunigte sich, gleichzeitig verachtete sie sich dafür.

„Dann will ich mich mal beeilen“, sagte sie schnell und legte die Hand auf den Griff der Wagentür. In diesem Augenblick klingelte Rics Handy. Doch sie kümmerte sich nicht darum, ließ sich von dem Fahrer das Gepäck herauftragen und suchte in ihrer Tasche nach den Schlüsseln und ihrem Handy. Während sie aufschloss und den Fahrer hereinwinkte, rief sie das Büro an und meldete sich für die kommende Woche ab.

Auch Matt sollte sie anrufen, damit er als ihr Freund und Chef Bescheid wusste. Doch sie hatte kaum seine Nummer gewählt, als sich eine kräftige Hand um ihr Handgelenk schloss. Es war Ric.

„Willst du etwa deinen Boss anrufen?“

Seine Stimme klang gepresst, und Kimberley wurde wütend. Was sollte das? Natürlich musste sie Matt anrufen. „Tut mir leid, Ric, wenn du immer noch nicht begreifen kannst, dass ich nicht mit meinem Boss …“

„Wenn ich keine anderen Sorgen hätte, Kim, wäre ich glücklich.“

Der Anruf. Natürlich. Er hatte neue Informationen über das Flugzeug und ihren Vater.

Ihr Herz krampfte sich zusammen, aber sie ließ sich nichts anmerken, sondern sah ihn nur mit großen Augen an.

„Sie haben Wrackteile des Flugzeugs gefunden“, sagte er leise und bestätigte damit ihre schlimmsten Befürchtungen. „Dicht an der Küste.“

Nur Wrackteile des Flugzeugs? „Also keine Menschen? Keine … Toten?“

„Doch. Sie haben eine Person gefunden. Lebend. Eine Frau.“

Sie schluchzte kurz auf, und ihr ganzer Körper wurde plötzlich von einem Zittern erfasst, das sie nicht kontrollieren konnte. Ric legte den Arm um sie.

„Wer ist es?“, flüsterte sie. „Tante Sonya war doch hoffentlich nicht auch im Flugzeug?“

„Nein. Es ist nicht deine Tante. Ryan meint, es sei möglich, dass es sich um Marise Hammond handelt. Die Frau deines Chefs.“

2. KAPITEL

Marise Hammond war möglicherweise in Howard Blackstones Maschine gewesen?

„Wie kann das sein?“ Sicher, Marise war den letzten Monat über in Australien gewesen. Ihre Mutter war gestorben, und so gab es einiges zu regeln. Und sie war eine etwas kapriziöse Person und sehr egoistisch, aber deshalb hätte sie doch nie zugestimmt, mit dem schlimmsten Feind ihres Mannes nach Hause zu fliegen.

Auch Ric konnte sich diesen Umstand nicht erklären. Er berichtete, dass Howard noch nicht gefunden worden war und die Polizei ihnen auch keine allzu großen Hoffnungen machte.

Was genau das bedeutete, wurde Kimberley bewusst, als sie ihren Koffer packte. Was sollte sie mitnehmen? Musste sie mit Howards Tod rechnen?

Schnell verwarf sie diesen Gedanken wieder. Sie musste positiv denken. Noch gab es Hoffnung.

Als sie ihr Gesicht im Spiegel sah, erschrak sie. Sie sah blass und elend aus, was durch ihr dunkles Haar, das sie schnell zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, noch unterstrichen ...

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