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Deine Liebe heilt mein Herz

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1. KAPITEL

Rosa Baranski saß barfuß auf der Arbeitsplatte in ihrer Küche. Während sie darauf wartete, dass der Kaffee durchlief, starrte sie den Fußboden an. Die Steinfliesen waren ihr zuwider. Trotz der Fußbodenheizung wurden sie nie richtig warm. Der kalte Boden erinnerte sie an die Heime, in denen sie aufgewachsen war.

Es waren keine schönen Erinnerungen. Vierzig lärmende Kinder, ständig wechselndes Pflegepersonal, Aufenthaltsräume und Schlafsäle, gefliest mit kaltem Stein. Und was für Rosa das Schlimmste gewesen war: Nie und nirgends konnte man allein sein. Wie hatte sie sich damals nach einem eigenen Zimmer gesehnt!

Zwanzig Jahre waren seither vergangen, und jetzt hatte sie ein ganzes Haus für sich. Aber mittlerweile wusste sie, dass Stille noch schlimmer sein kann und Einsamkeit die Seele krank macht.

Anders als damals, als sie zum ersten Mal davon träumte, zu fliehen, gab es heute niemanden mehr, der sie davon abhalten konnte. Sie war eine erwachsene Frau. Nur mit Nico musste sie vorher reden. Sosehr ihr auch davor graute, sie schuldete ihm eine Erklärung. Sang- und klanglos zu verschwinden wäre unfair.

Sie zog das Handy aus der Gesäßtasche und las wohl zum hundertsten Mal die SMS ihres Bruders. Warum löschte sie die Nachricht nicht endlich, deren knapper, höflicher Text sie so verletzte?

Sie zuckte zusammen, als Autoreifen auf der Kieseinfahrt knirschten, und schaute aus dem Küchenfenster. Ein schwarzer Maserati fuhr hinunter in die Garage.

Nicolai war von der Geschäftsreise zurück.

Ihr Magen verkrampfte sich, die Handflächen wurden feucht. Wie damals, dachte sie beklommen, vor unserer ersten Begegnung.

Wie damals wünschte sie, sie hätte es hinter sich.

Damals war vor siebzehn Monaten gewesen, als sie mit fünf weiteren Kandidatinnen im Vorzimmer seines Büros auf ein Vorstellungsgespräch gewartet hatte. Nicolai Baranski, Besitzer und Präsident von Baranski Mining, suchte eine Vertretung für seine Assistentin, die seit ein paar Tagen im Mutterschaftsurlaub war. Er hatte den Ruf eines schwierigen Vorgesetzten mit ungewöhnlich hohen Ansprüchen. Offenbar zu Recht – Rosa fiel auf, dass die Vorzimmerdame vor jedem Anklopfen an seiner Tür tief Luft holte. Und alle Bewerberinnen verließen sein Büro gleichermaßen eingeschüchtert und erleichtert. Eine von ihnen hatte Tränen in den Augen. Als man Rosa aufrief, als Letzte, war sie ein Nervenbündel.

Ihre Überraschung hätte kaum größer sein können.

Statt des erwarteten Ungeheuers sah sie sich einem ausgesprochen attraktiven Mann mit sehr breiten Schultern und leicht zerzaustem schwarzem Haar gegenüber, der sie aus erstaunlich grünen Augen eingehend musterte und höflich bat, Platz zu nehmen. Darauf stellte er ihr in schnellem Russisch mehrere Fragen, auf die sie ihm fehlerfrei und flüssig antwortete.

„In Ihrem Lebenslauf steht, Sie haben in Russland studiert und anschließend für ein Unternehmen in Sankt Petersburg gearbeitet, bevor Sie nach London zurückgekommen sind.“

„Das ist richtig.“

Er sah auf. „Ihre Referenzen sind ausgezeichnet. Warum streben Sie einen Jobwechsel an?“

„Meine Aufstiegschancen dort sind ungewiss. Ich habe meine Kündigung schon eingereicht.“

„Hmm … Haben Sie sich noch bei anderen Unternehmen beworben?“

„Nein, nur bei Ihrem. Ihr Angebot war das interessanteste.“

„Ist Ihnen klar, dass der Posten mit häufigen Reisen verbunden ist?“

„Das war einer der Gründe, weshalb ich mich beworben habe.“ Je öfter, umso besser. Natürlich verschwieg sie das. Sie trennte ihr Privatleben stets strikt von ihrem Beruf.

„Auch, wenn Sie manchmal innerhalb von vierundzwanzig Stunden abreisen müssen?“

„Das spielt keine Rolle.“

„Sie sollten wissen, dass ich im Büro nicht auf die Uhr schaue, Miss Carter.“

„Das ist mir bekannt, Mr Baranski. Sie zahlen nicht umsonst ein hervorragendes Gehalt.“

Er musterte sie nachdenklich, bevor er ein Schriftstück aus der Schreibtischschublade nahm und ihr zuschob. „Bitte übersetzen Sie das für mich.“

Sie warf einen Blick auf das Dokument – es war in Russisch –, bat um Bleistift und Papier und machte sich an die Arbeit. Als sie fertig war, reichte sie ihm das Blatt.

In den Sessel zurückgelehnt, überflog er den Text, dann sah er auf. „Wann können Sie anfangen?“

Rosa atmete tief durch und zog nervös ihren schwarzen Pferdeschwanz stramm. Wenn sie in ihrem Leben etwas gelernt hatte, dann, dass es am besten war, eine schwierige Aufgabe so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Sie fragte sich, wie Nico ihre Mitteilung aufnehmen würde.

Sie glitt von der Granitplatte, als sie hörte, wie er die Verbindungstür zwischen der Garage und der Villa öffnete und gleich darauf wieder zuschlug. Die Kälte der Fliesen an ihren nackten Füßen ließ sie zusammenzucken. Rasch schob sie ihr Handy zurück in die Hosentasche und füllte ihren Becher mit frischem, heißem Kaffee. Vielleicht blieb er wie üblich gleich im Arbeitszimmer und sah seine Post durch.

Diesmal nicht. Schritte näherten sich, und gleich darauf stand er in der Küchentür.

„Hallo, Rosa.“

„Hi, Nico.“ Sie lächelte, in der stillen Hoffnung, dass er ihre Nervosität nicht bemerken würde. Trotz des langen Flugs sah er aus wie aus dem Ei gepellt – blütenweißes Hemd, rosa und silber gestreifte Seidenkrawatte, dunkelgraue Designerhosen. Dagegen fiel ihr Aufzug aus einem verwaschenen T-Shirt und einer ausgebeulten Jogginghose dramatisch ab. „War die Reise ein Erfolg?“

„Durchwachsen.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bin noch am Überlegen, ob ich mich an der Mine beteiligen soll oder nicht.“

Was bedeutet, dass nichts daraus wird. „Möchtest du einen Kaffee?“

„Gern.“ Er sah sich um. „Wo ist Gloria?“ Gloria war ihre Haushälterin.

Rosa nahm einen weiteren Becher aus dem Küchenschrank. „Zu Hause. Ihr Enkel hat die Masern, und sie wollte ihre Tochter entlasten. Ich habe ihr das Wochenende freigegeben.“

Nico krauste die Stirn. „Warum?“

„Weil sie sich ihretwegen Sorgen macht.“ Sie schenkte ihm Kaffee ein und gab einen Schuss Milch hinzu. Ein paar Tropfen landeten auf der Arbeitsfläche, die sie zerstreut mit dem Handgelenk wegwischte.

„Ihre Tochter ist eine erwachsene Frau.“

„Man kann sich doch um sein Kind sorgen, auch wenn es schon erwachsen ist.“ Nicht jede Mutter steckt ihre Tochter ins Heim. So wie ihre es getan hatte, als Rosa fünf Jahre alt gewesen war.

Sie reichte ihm den Becher. „Davon ganz abgesehen muss ich mit dir sprechen, und es wäre mir lieber, wenn niemand zuhört.“

„Schön, aber zuerst möchte ich dir etwas geben.“ Er reichte ihr ein kleines Päckchen mit einer Riesenschleife. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.“

Rosa fiel aus allen Wolken. Ein Geschenk? Nico machte nie Geschenke. Zögernd sah sie auf. „Vielen Dank.“

„Gern geschehen. Tut mir leid, dass ich nicht da war.“

„Das … macht nichts.“ Ihr Geburtstag war vor zwei Tagen gewesen. „Geschäfte haben Vorrang.“ Besonders für ihn, sein ganzes Leben bestand nur aus Geschäften. Dazu gehörte auch die Ehe mit ihr. Aber das hatte sie von vornherein gewusst, und es war für sie kein Problem gewesen. Wie hätte sie ahnen können, dass es eins werden würde?

Auf die Idee zu heiraten war Nico in Kalifornien verfallen, am Ende einer Geschäftsreise. Nach einer anstrengenden Woche mit Besichtigungen und Verhandlungen zum Ankauf einer Mine hatte er das ganze Team ins Restaurant eingeladen, um den erfolgreichen Abschluss zu feiern.

Sie und er waren als Letzte gegangen, und als er sie auf einen Drink in die Strandbar einlud, stimmte sie zu. Es war, wenn man so wollte, ihr erstes Date.

Sie fanden einen Ecktisch auf der Terrasse, direkt am Wasser. Nico bestellte eine Flasche Wodka und zwei Gläser, und nachdem der Kellner gegangen war, schenkte er ein.

„Auf Rosa Carter“, sagte er und hob sein Glas.

„Auf mich?“

„Die beste Assistentin, die ich je hatte.“

Bei dem unerwarteten Kompliment wurde sie rot. „Ich mache nur meinen Job, Mr Baranski.“

„Bitte nennen Sie mich Nico. Und was den Job betrifft, Sie machen ihn nicht nur, Sie machen ihn hervorragend. Jeder beneidet mich um Sie.“

Bevor sie etwas erwidern konnte, summte ihr Handy, bereits zum fünften oder sechsten Mal an diesem Abend.

„Wer schickt Ihnen denn andauernd eine SMS?“, fragte er leicht irritiert.

„Mein Exfreund“, erwiderte sie, während sie die Nachricht beantwortete.

„Ihr Ex? Was will er dann noch von Ihnen?“

„Das ist … äh … privat.“

Er lehnte sich vor. „Niemand hört uns zu, Rosa, also erzählen Sie! Wir sind nicht im Konferenzsaal.“

So klingt es aber, ging es ihr durch den Kopf, dann seufzte sie. „Vor der Abreise habe ich das Türschloss meiner Wohnung auswechseln lassen, weil ich es satt habe, dass er weiterhin kommt und geht, wie es ihm gefällt. Und das passt ihm nicht.“

Nico runzelte die Stirn. „Bedroht er Sie?“

„Nein, wenigstens nicht körperlich. Er will sich nur nicht damit abfinden, dass ich Schluss gemacht habe. Er glaubt, wenn er hartnäckig genug ist, ändere ich früher oder später meine Meinung.“ Sie straffte die Schultern. „Natürlich täuscht er sich, und irgendwann wird er das auch kapieren.“

„Wann haben Sie sich von ihm getrennt?“

„Vor zwei Monaten.“

„Offenbar hat er eine lange Leitung.“

Wie zum Beweis summte das Handy erneut.

Bevor sie die SMS lesen konnte, beugte er sich vor und nahm ihr das Telefon aus der Hand. „Sie ermutigen ihn bloß, wenn Sie jedes Mal antworten.“

„Wenn ich das nicht tue, hört er erst recht nicht auf.“

Im gleichen Moment summte sein Smartphone. Er warf einen Blick aufs Display und schaltete aus. „Wie lange waren Sie mit Ihrem Exfreund zusammen?“

„Drei Jahre.“

„Mit Sophie …“, er deutete auf sein Mobiltelefon, bevor er es in die Hosentasche steckte, „… war ich ganze zwei Mal aus, als sie anfing, von einer festen Beziehung zu sprechen. Es ist immer das Gleiche. Frauen wollen Verbindlichkeiten.“

„Sie sind eben ein guter Fang“, spottete sie und nahm ihm ihr eigenes Handy aus der Hand. „Wie alt sind Sie? Fünfunddreißig?“

„Sechsunddreißig.“

„Genau im richtigen Alter also. Sie macht sich halt Hoffnungen.“ Rosa schaute aufs Display und las die Nachricht.

„Da kann sie lange warten.“ Er hob sein Glas und leerte es in einem Zug, dann deutete er auf ihres. „Jetzt sind Sie dran. Und wenn Sie das Telefon nicht endlich abstellen, werfe ich es ins Meer.“

„Wohl kaum“, murmelte sie geistesabwesend, während sie überlegte, was sie Stephen antworten sollte, damit er sie endlich in Ruhe ließ.

Nico beugte sich vor, griff nach dem Telefon und warf es in hohem Bogen über die Reling ins dunkle Wasser.

Ungläubig starrte Rosa ihn an. Herausfordernd sah er zurück. Kein Bedauern lag in seinen attraktiven Zügen, eher eine fast gleichgültige Entspanntheit. Der Mann hat vielleicht Nerven!

Sie ahnte noch nicht, dass sie zwölf Stunden später seine Frau sein würde.

Rosa schob die Erinnerung beiseite und schenkte sich noch einen Kaffee ein. Den Becher in einer Hand, Nicos Geschenk in der anderen, setzte sie sich an die Frühstückstheke und begutachtete das hübsch eingewickelte Päckchen.

Während sie sich daran machte, Glanzpapier und Seidenband zu entfernen, nahm er ihr gegenüber auf einem der Hocker Platz. Das kurze Haar war noch zerzauster als üblich, und der blauschwarze Bartschatten verlieh ihm ein leicht verwegenes Aussehen.

Eine Schachtel mit dem Namen eines exklusiven französischen Parfums kam zum Vorschein. Rosa drehte sie um und entdeckte einen Aufkleber mit dem Hinweis Duty-free.

Am liebsten hätte sie laut gelacht. Doch sie wusste, wie empfindlich er war. Seine Gabe erinnerte sie an das T-Shirt, das eines der Mädchen im Heim ständig getragen hatte. Mit einem Schriftzug quer über der Brust: „Mein Vater war in Florida, und alles, was er mir mitgebracht hat, ist dieses lausige T-Shirt.“

Nico war eine Woche lang in Marokko gewesen, und alles, was er ihr mitgebracht hatte – als Geburtstagsgeschenk! –, war eine Flasche Parfum, die er noch schnell im Flugzeug gekauft hatte.

Und trotzdem. Dass er überhaupt etwas für sie mitgebracht hatte, berührte sie.

„Ist es nach deinem Geschmack?“, fragte er erwartungsvoll.

Sie nickte. „Ich danke dir, es ist toll.“

„Und wie hast du deinen Geburtstag verbracht?“

Warum musste er davon anfangen? Sie erinnerte sich, wie sie sich gefühlt hatte, als er gegen Mittag angerufen und ihr mitgeteilt hatte, dass er erst zwei Tage später als geplant in London sein würde.

Es war nicht das erste Mal, dass er sie kurzfristig versetzte, und sie wurde das Gefühl nicht los, dass er es absichtlich tat. Vielleicht wollte er sich dafür rächen, dass sie vor fünf Monaten gegen seinen Willen den Posten als seine Assistentin gekündigt hatte. Seitdem sahen sie sich nur selten. Früher hatte sie ihn bei jeder Geschäftsreise begleitet. Dass sie jetzt die meiste Zeit allein zu Hause saß, war ihre Entscheidung gewesen. Aber dass er sie an ihrem Geburtstag allein gelassen hatte, trotz des Versprechens, rechtzeitig zurückzufliegen, verzieh sie ihm nicht.

„Stephen hat mich ins Restaurant eingeladen“, erwiderte sie auf seine Frage.

„Stephen? Dein Exfreund?“

Rosa hätte schwören können, dass ein Schatten seine Züge verdunkelte. Überrascht blinzelte sie – und sah, dass sie sich geirrt hatte. Nicos Gesicht war wie immer.

Sie nickte stumm.

„Ich vermute, die Blumen im Salon sind von ihm.“

„Ja. Sind sie nicht wunderschön?“ Sie trank einen Schluck Kaffee.

„Doch. Der Raum wirkt entschieden freundlicher.“ Es klang gleichgültig. „Hast du mit ihm geschlafen?“

Sie hob das Kinn. „Ja.“

Er schwieg. Der Ausdruck in seinen Augen war unergründlich, die Miene teilnahmslos. Sosehr sie auch danach suchte, sie fand nicht das geringste Anzeichen innerer Bewegung, weder Wut noch Enttäuschung. Nichts. Hatte sie wirklich etwas anderes erwartet? Für Emotionen jeder Art war in ihrer Ehe kein Platz. Sie gehörten nicht zu den Abmachungen.

Was nicht bedeutete, dass das Zusammenleben mit ihm keine guten Seiten gehabt hatte, besonders während der Zeit, als sie noch seine Assistentin gewesen war. Im Büro, auf Geschäftsreisen oder bei gesellschaftlichen Anlässen harmonierten sie hervorragend. Ihre Interessen waren die gleichen, und sie besaßen den gleichen Sinn für Humor. Sie erinnerte sich an den Abend auf der Wohltätigkeits-Auktion, als der Versteigerer einen großen Klecks Creme am Ohr hatte. Sie und Nico hatten sich nicht getraut, einander anzusehen, weil beide nur mühsam die Fassung bewahren konnten. Sie hatte sich verbunden gefühlt mit ihm in diesem unbedeutenden Moment, beglückend verbunden. Aber nach der Kündigung waren solche Augenblicke immer seltener geworden, bis sie schließlich ganz aufhörten. Sie hatte sich gesagt, dass es ihr nicht wichtig sei, aber das stimmte nicht. Seine Gleichgültigkeit schmerzte sie immer mehr.

„Das freut mich“, erwiderte er schließlich. „Nichts spricht dagegen, dass du dir einen Liebhaber nimmst. Vermutlich hättest du das schon längst tun sollen. Allerdings finde ich es ironisch, dass es ausgerechnet der Mann sein muss, den du dir durch unsere Heirat vom Hals schaffen wolltest.“

Dieser Aspekt war ihr nicht entgangen. Und hätte Stephen an ihrem Geburtstag nur zehn Minuten früher angerufen, wäre der Abend anders verlaufen.

Aber kurz vorher hatte Nico ihr am Telefon mitgeteilt, dass er nicht kommen würde. Wie erstarrt hatte sie dagestanden mit dem Telefon in der Hand, in ihrem neuen Kleid, geschminkt und frisiert für das Dinner. Und anschließend hatte sie auch noch den Fehler begangen, die SMS ihres Bruders erneut zu lesen.

Es war einer der einsamsten Augenblicke ihres Lebens gewesen.

Dann hatte Stephen angerufen, um ihr zu gratulieren. Und statt sofort aufzulegen hatte sie sich von ihm zum Essen einladen lassen. Alles war ihr besser erschienen, als den Abend allein daheim zu bleiben, in diesem Kleid, das sie tags zuvor für diesen Anlass gekauft hatte.

„Nico, ich …“

„Lass uns im Salon weiterreden, dort ist es bequemer. Außerdem hätte ich nichts gegen einen Drink. Der Tag war lang und ermüdend.“

„Wie du möchtest …“ In Anbetracht dessen, was sie ihm zu sagen hatte, war sie einer kleinen Stärkung ebenfalls nicht abgeneigt.

Sie folgte ihm, und während er zwei Gläser Wodka einschenkte, setzte sie sich in eine Ecke des breiten Ledersofas und zog die Beine hoch.

Er stellte die Gläser auf den Couchtisch und ließ sich in einen Sessel fallen.

Rosa beugte sich vor und griff nach ihrem Glas. Ganz offensichtlich war heute ein Tag für Ironie. Wodka war am Zustandekommen ihrer Ehe nicht schuldlos gewesen, und nun leitete er das Ende ein. Sie nahm einen kräftigen Schluck, spürte, wie die klare Flüssigkeit heiß und betäubend ihre Kehle herunterrann, und lehnte sich zurück.

„Was ich dir sagen wollte …“ Sie holte tief Luft, dann platzte sie heraus: „Nico, dies hier funktioniert einfach nicht.“

„Was funktioniert nicht?“

„Du und ich. Unsere Ehe.“ Sie zuckte mit den Schultern, ratlos, kläglich. „Ich will nicht mehr. Lass es uns beenden.“

2. KAPITEL

Nico lehnte sich vor und stützte die Arme auf die Schenkel. Das Glas Wodka in der Hand, musterte er Rosa schweigend.

Die Stille zerrte an ihren Nerven. Warum sagte er nichts?

„Heißt das, du bist wieder mit Stephen zusammen?“, fragte er schließlich.

„Nein …“

„Ich dachte, du hast mit ihm Schluss gemacht.“

„Das habe ich. Zwischen ihm und mir ist nichts mehr.“

„Er ließ dich nicht in Ruhe“, fuhr er fort, als hätte sie nichts gesagt. „Als wir heirateten, warst du drauf und dran, Anzeige gegen ihn zu erstatten.“

„Ich weiß.“ Rosa schloss die Augen. Sie hatte kein Verlangen, ihm zu erklären, wie miserabel und von allen verlassen sie sich an ihrem Geburtstag gefühlt hatte. So, als ob es keinen einzigen Menschen auf dieser Welt interessierte, ob sie da war oder nicht. „Mit Stephen zu schlafen, war ein Fehler, der sich nicht wiederholen wird.“ Mehr als ein Fehler, eine Katastrophe. Aber etwas hatte sie daraus gelernt: Sie hätte Nico nie heiraten dürfen.

„Gibt es jemand anderen?“

„Nein, niemand.“

„Warum willst du dann, dass wir uns trennen?“

Im Stillen wünschte sie, er würde sie nicht so ansehen. Ihr war, als versuchte er, ihr Gehirn bis in den hintersten Winkel zu durchleuchten. Wenn sie nur wüsste, was in ihm vorging!

„Weil ich keinen Sinn darin sehe, weiter zusammenzuleben.“ Sie griff nach einem Kissen und presste es an sich, als könne sie so den Aufruhr in ihrem Inneren beschwichtigen. „Wir waren uns von Anfang an einig, dass jeder Schluss machen kann, wenn er das möchte. Ohne Aufheben oder große Erklärung.“ Sie sah auf. „Ich verlange die Scheidung, Nico.“

Er rührte sich nicht, sah sie nur an, bevor sein Blick auf den Goldreif an ihrer linken Hand fiel – ein Ring, den er ihr an den Finger gesteckt hatte. „Ich weiß, was vereinbart war, Rosa. Trotzdem interessiert es mich, weshalb du plötzlich von Scheidung redest. Nenn mir wenigstens einen stichhaltigen Grund.“

„Es gibt nicht nur einen, da sind …“ Sie verstummte und strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. „Als wir geheiratet haben, waren wir beide der Ansicht, dass eine offene Ehe für uns ideal wäre. Keine emotionalen Komplikationen, keine falschen Versprechungen, keine enttäuschten Erwartungen …“ Sie holte tief Atem. „Ich … ich weiß selbst nicht genau, was ich erwartet habe. Aber eins weiß ich, Nicolai – dass ich mir unser Zusammensein anders vorgestellt habe. So wie jetzt kann ich nicht weiterleben. Ich brauche mehr.“

Er hob das Glas an die Lippen und trank einen Schluck. Dass sie seinen vollen Vornamen benutzte und Englisch sprach, bewies, dass es ihr ernst war. Rosa liebte seine Muttersprache. Wenn sie unter sich waren, sprachen sie fast nur Russisch. Und Nicolai hatte sie ihn seit dem Ehegelöbnis vor elf Monaten nicht mehr genannt.

Er stellte das Glas auf den Tisch und betrachtete sie nachdenklich. Rosa und Wodka hatten etwas gemeinsam: Beide waren klar, unverfälscht, natürlich. Und beide hatten Biss. Rosa sagte stets, was sie dachte, auf eine zurückhaltende Weise, aber ohne Angst. Ihre Offenheit war eine der Eigenschaften, die ihm gefielen. Einer der Gründe, weshalb er sie eingestellt und später geheiratet hatte.

Bei dem Einstellungsgespräch war sie die einzige unter den Kandidatinnen der Personalagentur gewesen, die den Eindruck gemacht hatte, dass sie seinen Ansprüchen gerecht werden würde. Und er hatte sich nicht getäuscht.

Ihr Russisch war einwandfrei, ihr Organisationstalent phänomenal. Ohne mit der Wimper zu zucken, würde er ihr die Leitung eines Staatsbegräbnisses anvertrauen. Sie hatte sich in Rekordzeit eingearbeitet, und nach ein paar Tagen war es ihm vorgekommen, als wäre sie schon jahrelang auf dem Posten.

Rosa war die ideale Assistentin gewesen, konzentriert, gewissenhaft, stets professionell gekleidet und diskret zurechtgemacht. Sie schaute nie auf die Uhr, flirtete weder mit ihm noch den übrigen Mitarbeitern. Und wenn sie ein Privatleben hatte, ließ sie am Arbeitsplatz nichts davon verlauten.

Dass er sie heiraten würde, hätte er sich allerdings nicht träumen lassen. Er eignete sich nicht zum Ehemann, das wusste er schon lange. Aber dann war er es doch geworden.

Begonnen hatte alles mit einer Besprechung fünf Monate nach Rosas Einstellung. Er und sein Finanzdirektor Sergej, ein ehemaliger Studienfreund, saßen in seinem Büro und sprachen über die bevorstehende Geschäftsreise nach Kalifornien, als Rosa nach kurzem Anklopfen eintrat. Nico wusste sofort, dass es um etwas Wichtiges ging, denn normalerweise unterbrach sie keine Besprechungen.

„Es gibt da ein kleines Problem“, sagte sie. „Die Zahlen in Bezug auf die Förderung stimmen nicht überein.“

Sie legte ein Schriftstück vor ihn auf den Schreibtisch und deutete auf eine mit rosa Leuchtstift markierte Stelle. Die fragliche Ziffer variierte vom korrekten Betrag um weniger als ein Achtelprozent. Doch finanziell bedeutete die Abweichung den Verlust von über einer Million Pfund.

Er selbst und mindestens zehn weitere Augenpaare hatten das Dokument überprüft, und niemandem außer ihr war die Diskrepanz aufgefallen.

Sie einigten sich auf die notwendigen Korrekturen, und Rosa kehrte an ihren Schreibtisch zurück, um sie in die Tat umzusetzen. Damit war die Sache erledigt.

„Deine Assistentin ist wirklich klasse“, meinte Sergej, als sie wieder allein waren. „Ich hätte nichts dagegen, sie in meiner Abteilung zu haben, wenn Madeline vom Mutterschaftsurlaub zurückkommt.“

Nico zuckte mit den Schultern. „Wir werden sehen.“ Er selbst überlegte schon längst, wie er es anstellen könnte, Rosa permanent als seine Assistentin zu beschäftigen, ohne sich von Madeline eine Klage beim Arbeitsgericht einzuhandeln.

„Ist sie eigentlich verheiratet?“, fragte Sergej beiläufig. „Ich finde, sie wäre genau die richtige Frau für dich.“

„Wärst du nicht mein bester Freund, würde ich dich für diese unangebrachte Einmischung in mein Privatleben fristlos entlassen“, bemerkte Nico trocken. „Abgesehen davon sind Ehefrauen nur im Weg.“

„Da bin ich anderer Meinung“, widersprach Sergej. „Im Ernst, Nico, ihr ergänzt euch großartig. Rosa hat die gleiche Coolness wie du. Und gerade bei deinen Vorhaben im mittleren Osten wäre es für dich entschieden von Vorteil, verheiratet zu sein – in gesellschaftlicher Hinsicht. Es wirkt seriöser. Außerdem …“, er grinste, „… kein Mann hat das Recht, sein Leben lang die Vorteile eines Junggesellendaseins zu genießen.“

Zwei Tage darauf flog Nico mit einer kleinen Truppe von Mitarbeitern, zu der auch Rosa gehörte, nach Kalifornien. Nach einem Abschiedsdinner mit dem ganzen Team lud er sie spontan noch zu einem Drink ein. Und während sie in der Strandbar saßen, Wodka tranken und sich unterhielten, fielen ihm Sergejs Worte wieder ein. Vielleicht hatte sein Freund gar nicht so unrecht: Bei der Arbeit verstanden sich Rosa und er ausgezeichnet.

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