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Deine Liebe fühlte sich an wie Hass

Inhalt
  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung/Zitat
  7. Vorwort
  8. Kapitel 1: Der Traum
  9. Kapitel 2: Charme
  10. Kapitel 3: Geringschätzung
  11. Kapitel 4: Nervenkitzel
  12. Kapitel 5: Ruchlosigkeit
  13. Kapitel 6: Verachtung
  14. Kapitel 7: Betrug
  15. Kapitel 8: Täuschung
  16. Kapitel 9: Laster
  17. Kapitel 10: Atempause
  18. Kapitel 11: Verderbtheit
  19. Kapitel 12: Rage
  20. Kapitel 13: Lust
  21. Kapitel 14: Narzissmus
  22. Kapitel 15: Falsches Spiel
  23. Kapitel 16: Kontrolle
  24. Kapitel 17: Maskerade
  25. Kapitel 18: Heimtücke
  26. Kapitel 19: Dominanz
  27. Kapitel 20: Bosheit
  28. Epilog
  29. Danksagung

Über dieses Buch

Was machst du, wenn der Mensch, dem du am meisten vertraust auf der ganzen Welt, derjenige ist, der versucht, dich zu zerstören? Nach außen ist Olivias Mutter eine nette, attraktive Frau mit einem umwerfenden Lachen. Aber allein mit ihr zu Hause, ist sie ein komplett anderer Mensch.

»Wenn andere Leute dabei waren, war meine Mutter eine nette, attraktive Frau mit einem umwerfenden Lachen. Aber allein mit mir zu Hause, war sie ein komplett anderer Mensch. Wer wird sie heute sein: Die liebevolle Mutter? Die vertrauenswürdige Lehrerin? Oder das Monster, das mein Leben zerstört?«

Solange sich Olivia erinnern kann, hat sie Angst. Ihre ganze Kindheit hindurch ist sie hinter verschlossenen Türen Gewalt und Demütigung ausgesetzt – Ihre eigene Mutter verbreitet Lügen, zerstört Freundschaften, zwingt sie zu unnötigen Diäten, entwertet alles, was sie tut. Es ist eine zutiefst toxische Beziehung – über die sie mit niemandem sprechen kann …

Über die Autorin

Olivia Rayne ist ein Pseudonym. Sie wurde Anfang der 1990-er Jahre in England geboren, lebte zeitweise in Frankreich und Deutschland und erwarb später einen Hochschulabschluss in Brighton. Heute arbeitet sie in einem Medienunternehmen in London und ist glücklich liiert. Sie liebt ihre Mutter immer noch. Aber sie hält sie auf Abstand.

O l i v i a R a y n e

M i t S. M. N e l s o n

Deine LIEBE
fühlte sich
an wie

HASS

Meine Mutter,
die Psychopathin

Aus dem Englischen von
Elisa Valérie Thieme

Für meine Großmutter, die mir half, meine Freiheit zu finden.
Für meine beste Freundin, die mir die Stärke gab,
alte Bande zu durchtrennen.
Und für meinen Freund, der mich seit jeher bedingungslos liebt.

»Wenn du es aussprichst, kann es dir nicht wehtun.«

Olivia Rayne

Vorwort

Ich habe immer gedacht, ich würde sofort merken, wenn mir ein Psychopath über den Weg liefe.

Jahrelang habe ich jedes Buch über forensische Psychologie verschlungen, das ich in die Hände bekommen konnte, und jede Dokumentation und jeden Film zu dem Thema gesehen. Die Symptome konnte ich so sicher herunterbeten wie das ABC. Ich wusste, dass die größte Waffe eines Psychopathen sein Charme ist, weil er damit sein Gegenüber umgarnt. Und mir war klar, dass das niemals bei mir funktionieren würde. Da gäbe es sicherlich etwas, das mir auffallen würde – ein unterkühltes Lächeln vielleicht oder ein stechender Blick. Irgendetwas würde meine Alarmglocken läuten lassen, schließlich hatte ich ja all die Bücher gelesen.

Tatsächlich kam es jedoch ganz anders.

Ich habe Olivia 2013 kennengelernt, als wir bei derselben Firma arbeiteten. Sie ist intelligent, humorvoll, lebendig und immer zu Scherzen aufgelegt. Vor allem ihr ansteckendes Lachen, ihre Herzlichkeit und ihre Schlagfertigkeit fielen mir auf Anhieb auf. Außerdem beeindruckte mich ihre umwerfend freundliche Mutter. Josephine wirkte extrem begeisterungsfähig, interessiert an allem und jedem in ihrem Umfeld. Sie lächelte viel, hielt Augenkontakt und wirkte sehr empathisch. Wann immer wir uns begegneten, dachte ich, was für eine anziehende Frau sie doch sei. Irgendwann fielen mir auch die Geschenke auf, die sie Olivia ins Büro schickte: Designerkleidung, zarte Goldkettchen, teures Make-up. »Du Glückliche!«, sagte ich zu meiner Freundin. »Deine Mum ist echt großzügig.« Olivia lächelte daraufhin schmallippig und erwiderte nichts.

Als wir uns nach und nach näher kennenlernten, erzählte mir Olivia schließlich mehr über ihre Mutter und all die schrecklichen Dinge, die passiert waren und immer noch passieren. Ich hörte fassungslos zu. Ihre Geschichten wirkten so abgedreht, dass ich anfangs nicht so recht wusste, wie viel ich davon glauben sollte – das war doch gewiss ein wenig übertrieben? Wie konnte eine junge Frau sich mit Anfang zwanzig in solch einer prekären Lage befinden? Sich von einer kaputten Beziehung in die nächste katapultieren, von einem Bösewicht zum anderen, so als spielte sie Fangen? Das konnte doch nicht stimmen, oder? Außerdem wirkte ihre Mutter nicht einfach nur nett, sondern ganz und gar liebenswürdig.

Aber dann erkannte ich, was sich wirklich hinter der Fassade verbarg: Olivia zeigte mir die hasserfüllten Nachrichten, die ihren Posteingang überschwemmten. Ich hörte die aggressiven Botschaften, die ihre Mutter auf der Mailbox hinterließ. Ich bekam mit, wie Josephine versuchte, ihre Tochter zu kontrollieren. Ich sah die Sabotageversuche: Einschüchterung, Manipulation, Erpressung, Bedrohung, Ausbeutung, Gaslighting, Lügen und Täuschung – Josephine setzte das komplette Arsenal an psychischem Missbrauch gegen ihre Tochter ein, und auch physischer Missbrauch war ihr durchaus ein Begriff. Das dauerhafte Nachstellen hatte heftige Auswirkungen auf Olivia: Hautirritationen, Zittern, zwanghaftes Kratzen …

Ich hätte nie gedacht, dass eine derart bezaubernde Frau zu solchen Grausamkeiten in der Lage wäre. Oder dass meine fröhliche Freundin mit dem abgedrehten Humor so ein dunkles Geheimnis verbarg. Ich stand Olivia bei, als ihre Mutter ein letztes Mal eine regelrechte Hasskampagne gegen sie startete, und befand mich letzten Endes selbst in der Schusslinie.

Olivias Geschichte ist so unglaublich, dass ich sie einfach erzählen musste. Sie erlaubte mir, einen Artikel zu veröffentlichen, aus dem später dieses Buch entstand. All die Erinnerungen abzurufen, die sie jahrelang versucht hatte zu unterdrücken, war extrem schmerzhaft. Auch die Aussagen weiterer Familienmitglieder nahmen Olivia sehr mit, und sie hatte oft gegen ein altvertrautes Schamgefühl anzukämpfen.

Manchmal habe ich mich gefragt, ob ich ihr zu viel mit dem Projekt abverlangte: Immerhin hat Olivia zweiundzwanzig Jahre Missbrauch durch die Person erdulden müssen, die ihr eigentlich am nächsten stehen sollte. Sie selbst hat jedoch nie an ihrem Entschluss gezweifelt. Olivia wollte, dass die Geschichte erzählt wird. Falls auch nur eine einzige Person es schafft, sich anschließend aus einer vergleichbaren Lage zu befreien, hat sich die Mühe gelohnt.

Schluss mit der Scham, dem Schmerz, der Angst, dem Leid: Durch den Abnabelungsprozess hat Olivia wieder Kontrolle über ihr Leben gewonnen. Ihre persönliche Geschichte ist nun für jeden einsehbar.

Ich möchte mich bei Olivia für ihren Mut bedanken, ihren Leidensweg öffentlich zu machen. Ich kenne niemanden, der so stark, humorvoll, großzügig und robust ist wie sie. Ihre unbeugsame Entschlusskraft, immer weiterzumachen und zu heilen, beeindruckt mich maßlos.

Dies hier ist Olivias Geschichte.

S. M. Nelson

1

Der Traum

In meinen Träumen sieht meine Mutter zu, wie ich ertrinke. Sie thront über mir, den Kopf leicht zur Seite geneigt, und während ich durch das Wasser nach oben blicke, schaut sie zu mir herab. Ich sehe sie wie im Nebel, unsere Blicke treffen sich.

Sie betrachtet mich mit vagem Interesse, ganz so, als studierte sie ein Gemälde, von dem sie sich noch nicht ganz sicher sei, ob es gefalle. Sie beobachtet, wie mir Luftbläschen immer hektischer entweichen und an die Oberfläche steigen. Sie sieht, wie Wellen die Wasseroberfläche aufwühlen, dort, wo ich verzweifelt um mein Leben kämpfe. Sie ist Zeuge, wie ich langsam nach unten sinke, wie meine Augen blind werden und ich mich wie in Zeitlupe auf den Bauch drehe.

Regungslos steht sie da, winkt nur sacht durch die kühle Luft, als ich den Fluss hinabgetragen werde. Jede Handbewegung scheint zu sagen: »Auf Wiedersehen, Olivia. Vergiss deine Mutter nicht.«

Ich wache immer erst ganz zum Schluss auf, wenn ich im Dunkel ersticke. Dann weiß ich, dass es vorbei ist. Ich gebe mir Mühe, erleichtert zu sein – es war nur ein Traum –, aber wenn ich mich erneut hinlege und die Augen schließe, kommt die Angst und lässt sich wartend neben dem Bett nieder. Sie brennt wie ein Papierschnitt und tut gleichzeitig weh wie Bauchkrämpfe oder der dumpfe Schmerz eines gelblichen Blutergusses. Wenn ich gerade das Gefühl habe, dass es besser wird, kommt der Schmerz zurück und ringt mich nieder, bis ich vor Erschöpfung zittere. Er zerschmettert mich in viele kleine Stücke.

Was auch immer passiert ist, ist meine Schuld. Ich muss etwas falsch gemacht haben, etwas Schlimmes, das ich nicht einmal erkennen kann. Etwas, das mich unter Wasser zieht. In meinem Magen macht sich ein Gefühl der Selbstverachtung breit: Schuld, Entsetzen, Scham und Erniedrigung. Ich weiß nicht, woher all das kommt. Ich weiß nicht, was ich getan habe.

Was habe ich getan?

Psychopathie-Merkmal Nr. 1: Oberflächlicher Charme

Psychopathen sind außerordentlich charismatisch. Sie sind unterhaltsam, wortgewandt und schlagfertig. Ihre lässige Ausstrahlung ist sehr einnehmend. Sie werden häufig als anziehend und verführerisch beschrieben. Ihre Schmeicheleien und ihr vermeintliches Einfühlungsvermögen wirken entwaffnend und werden oft gezielt als Köder eingesetzt. Sie sind ausgezeichnete Gesprächspartner und können auch die unglaublichsten Geschichten authentisch vermitteln.

2

Charme

»Psychopathen sind außerordentlich charismatisch, anziehend und einnehmend.«

Falls Sie meine Mutter kennenlernen würden, würden Sie sie bestimmt mögen. Das tat jeder – zumindest anfangs. Es braucht ein wenig, bis man erkennt, was sich hinter der charmanten Maske verbirgt. Sie trug sie wie einen Panzer, der so mächtig und wirksam war, dass die Annahme, etwas stimme nicht, einem geradezu absurd erschien. Nach außen hin wirkte sie seriös, erfolgreich und großzügig. Sie arbeitete jahrelang als Kunstlehrerin und unterrichtete entweder in der Schule oder privat bei uns zu Hause. Wenn ihre Schüler zu uns kamen, lauschte ich manchmal an der Tür und presste mein Ohr, so fest ich mich traute, dagegen. Die ruhige, geduldige Art, in der Mutter mit den Kindern sprach, war mir fremd.

Abends sah sie die Arbeiten ihrer Schüler durch, betrachtete ihre Zeichnungen und Malereien und seufzte tief. Manchmal konnte ich sehen, dass sie beeindruckt war: Sie sagte zwar nichts, aber ich erkannte an ihren hochgezogenen Augenbrauen, dass ihr gefiel, was sie da sah. Wenn sie etwas nicht mochte, sprach sie es laut aus. »Seht euch das an!«, hieß es dann. »Was für ein Haufen Scheiße! Wie komme ich nur dazu, mir so einen Mist anzuschauen? Gott, steh mir bei!«

Wenn der Schüler das nächste Mal zu uns kam, begrüßte sie ihn herzlich und sagte so etwas wie »Tolles Bild« – und klang ganz und gar aufrichtig dabei. Ich beobachtete die Kinder durch das Treppengeländer hindurch und fragte mich, ob sie vielleicht spürten, dass ihre Bilder noch am Vorabend heftig verspottet worden waren. Doch das schien nie der Fall zu sein. Wenn ihre Eltern kamen, um sie abzuholen, überlegte ich wieder, ob sie vielleicht etwas merkten. Doch auch ihnen schien nichts aufzufallen. Sie sagten: »Josephine, wir sind so dankbar für alles, was Sie für Annabelle getan haben. Sie freut sich jede Woche darauf, zu Ihnen zu kommen.« Meine Mutter senkte dann den Blick, so als wäre sie angesichts des Lobes beschämt, und erwiderte mit einer weichen, zurückhaltenden Stimme: »Sie müssen sich nicht bedanken, das Vergnügen ist ganz meinerseits.«

Sie konnte jemandem direkt in die Augen sehen und ihm das Gefühl vermitteln, dass sie ihn vollkommen verstand: Sie sah ihn so, wie er war. Aber da war noch mehr: Wenn man in ihre großen ernsten Augen blickte, hatte man den Eindruck, man selbst würde sie ebenfalls verstehen.

Sie hatte wunderschöne Augen. Die Farbe war nicht das Besondere – sie waren stahlgrau –, sondern der Ausdruck. Mittels eines einzigen kurzen Blicks übermittelte sie die verschiedensten Emotionen. Sie sah jemanden an, vorwurfsvoll oder ausgelassen fröhlich, ernst oder amüsiert, und sogleich fühlte man sich entsprechend. Ganz so, als hätte sie ihrem Gegenüber eine Laune eingehämmert. Aber das geschah bloß ab und an. Nur, wenn sie wollte, dass man etwas Bestimmtes fühlte. Es kam auch vor, dass ich in ihre Augen sah und nichts als Leere erkannte. Ein dunkles Vakuum, das mich anstarrte.

Meine Mutter konnte ein Zimmer betreten und innerhalb kürzester Zeit mit jedem Anwesenden vertraulich plaudern und im vollen Zentrum ihrer Aufmerksamkeit stehen. Meine ganze Kindheit hindurch gab es ein wiederkehrendes Muster von extrem engen, extrem intensiven Freundschaften. Sie hielten jedoch nie länger als ein oder zwei Jahre: Entweder stellte meine Mutter dann etwas so Krasses an, dass die andere Person nie wieder mit ihr sprach, oder sie durchtrennte das Band der Freundschaft selbst, streifte es ab und warf es fort, so als hätte es nie etwas bedeutet.

Trotzdem hatte sie ein Talent, schnell enge Bindungen zu anderen aufzubauen. Es war ganz so, als würde sie deren tiefste Sorgen und Nöte erkennen und alles tun, um ihnen zu helfen. Wenn ihr Gegenüber sprach, tätschelte Mutter sanft dessen Arm, legte beruhigend eine Hand auf den Rücken oder zog besorgt die Augenbrauen zusammen. Sie wusste immer genau, was sie sagen musste, welche Knöpfe sie zu drücken hatte, nach welcher Form von Wertschätzung sich die Leute sehnten, und verhielt sich entsprechend.

Auch mir wurde diese Behandlung zuteil: Mutter überschüttete mich mit Komplimenten und Geschenken und gab mir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Im nächsten Moment riss sie alles wieder fort. Ihre Antennen für Empfindlichkeiten waren unglaublich. Sobald sie ein Gespür für die Schwachpunkte ihres Gegenübers hatte, zerstörte sie es.

Ihre Stimme war sanft, aber ihre Worte waren scharf wie ein Messer. Sie liebte Kosenamen, und ich war entweder ihr Liebling, ihr Schatz, ihr Engelsgesicht oder eine verdammte Schlampe, eine dumme Hure, ein bedauernswerter Fehler. Ich war ihr Herz, ihre Blume, die Liebe ihres Lebens, aber auch eine Nutte, eine Perverse, Ungeziefer, das es zu vernichten galt. Mal war ich eine Woche lang ihre beste Freundin, der sie das Malen beibrachte, Geschichten vorlas und für die sie sündhaft teures Backzubehör für gemeinsame Küchenexperimente kaufte, und schon eine Woche später sprach sie nicht einmal mehr mit mir. Ich folgte ihr wie ein Hündchen, bettelte um Aufklärung. »Du weißt, was du getan hast«, meinte sie dann mit einem schiefen Lächeln. »Mehr habe ich dir nicht zu sagen.«

Von außen betrachtet wirkte sie herrlich unbeschwert. Sie wirbelte durch ein Zimmer, gefolgt von einer Parfümwolke, warf den Kopf in den Nacken und lachte. Ihre Lachen war wunderbar, und das wusste sie auch. Wann immer sie mit anderen Erwachsenen zusammen war, lachte sie besonders viel. Insbesondere, wenn Männer dabei waren. Dann warf sie den Kopf zurück, offenbarte ihren langen, eleganten Hals, legte eine Hand an ihre Kehle und fuhr langsam mit den Fingern hinab, bis sie den Ausschnitt ihres Oberteils streifte. Dabei sah sie auf ihre Hand und schob scheinbar leicht verunsichert ihr Haar hinters Ohr. Anschließend blickte sie durch ihre Wimpern hindurch nach oben und lächelte ihr betörtes Gegenüber an. Ab und an entwich ein lautes Seufzen ihren leicht geöffneten roten Lippen. Als ich noch klein war, kam mir das immer wie ein Zauberbann vor. Wie dämlich die Männer doch waren, nur durch ein Lachen, einen Blick und ein wenig Halsstreicheln zur Beute zu werden. Wie lustig, dass sie sich als etwas Besonderes fühlten. Wie einfach gestrickt sie sein mussten, diese Inszenierung nicht zu durchschauen …

Mutter hatte damals auch wunderschönes Haar, dicht, golden und gelockt. Bei der Arbeit trug sie es zu einem Zopf geflochten, ansonsten fiel es ihr in üppigen Wellen über den Rücken. Ich habe sie immer um ihr Haar beneidet. Manchmal durfte ich ihre Locken streicheln und mit den Fingern einzelne Stränge nachzeichnen. »Meine kleine Schlange«, sagte ich dann und tat so, als lebte das Haar. Dann drehte sie sich blitzschnell um, umfasste ihre Haarspitzen und pikste damit meinen Nacken. »Pass bloß auf, dass sie dich nicht beißt!«, rief sie, und ich kicherte nervös.

Jeden Abend bürstete sie ihr Haar, bis es leise knisterte. Sie war so ungemein lebendig, pulsierte geradezu vor Energie und schien ebenfalls zu knistern, als wäre sie elektrisch aufgeladen – eine Spannung, die sie niemals abgeben konnte. Neben ihr fühlte ich mich grau und lahm; zweidimensional und zusammengepresst, wie ein vertrocknetes Blümchen.

Mutter liebte Blumen – unsere einzige Gemeinsamkeit, die ich mag –, und unser Haus war immer voll davon. »Wenn du eine Blume wärst, dann wärst du ein Fingerhut«, sagte ich einmal, als ich ungefähr zwölf Jahre alt war. Sie arrangierte gerade einen Strauß, den sie anschließend in einem Stillleben verewigen wollte. Sie sah auf, überrascht, aber offenbar auch erfreut.

»Wieso ein Fingerhut?«

»Weil er wunderschön, aufregend und exotisch ist«, antwortete ich. Ich wusste genau, wie viel sie sich darauf einbildete, aufregend und exotisch zu sein. Sie war immerhin eine Französin und ganz anders als wir langweiligen Briten. Im Gegensatz zu uns war sie spontan, lustig und ein absoluter Freigeist.

»Außerdem ist er tödlich«, sagte sie. Dann lachte sie auf. »Das ist ein guter Vergleich, mein Schatz.«

»Was für eine Blume wäre ich?«, fragte ich. Es freute mich, dass ihr mein Spiel gefiel. Sie dachte einen Moment lang nach und legte den Kopf schief. Dann lächelte sie.

»Du wärst ein Löwenzahn. Aber einer, bei dem nur noch die Samen da sind, und nicht, wenn er gelb blüht.«

»Warum das denn?« Das war bestimmt nicht die Blume, die ich sein wollte. Ich mochte Pfingstrosen: strahlend, wunderschön und vielleicht ein bisschen rundlich, aber innen weich und zart.

»Weil die langweilig, wenig schön und schwach sind. Man kann sie mit einem einzigen Atemzug wegpusten.« Sie sah mich belustigt an. »Ach, Olivia. Ist doch nur Spaß! Sei doch nicht immer so empfindlich, ich albere nur ein bisschen herum.«

Ich sah in ihre grauen Augen und wünschte mir, ich könnte ihre Gedanken lesen. Es war, als blickte ich auf die Oberfläche eines dunklen schlammigen Sees; ich wollte erkennen, was sich am Grund befand, hatte jedoch Angst, das Wasser zu berühren und etwas in der Tiefe zu stören.

***

Mutter war in Frankreich aufgewachsen und mit siebzehn Jahren nach England gekommen – beziehungsweise: von ihren Eltern »rausgeworfen worden«. Das stellte sich später jedoch als Lüge heraus. Es war der erste von zahllosen Umzügen; sie war impulsiv und rastlos, süchtig nach Neuem. Als ich noch klein war, zogen wir planlos von einem Ort zum anderen: von England nach Martinique, von Deutschland nach Monaco. Vor meinem sechzehnten Lebensjahr hatte ich in vier verschiedenen Ländern und neun Unterkünften gelebt sowie acht Schulen besucht. Immer wieder wurde Mutter unruhig und pflanzte uns um. »Mir ist langweilig«, sagte sie dann. »Es ist Zeit zu gehen. Ich brauche einen Neustart. Mal was anderes.«

Als Siebzehnjährige war sie der Liebe wegen umgezogen (behauptete sie zumindest). Sie hatte sich in einen verheirateten Mann verliebt und war ihm nach England gefolgt. Schon nach kurzer Zeit versuchte er, die Liaison zu beenden. Daraufhin stellte sie ihm nach, positionierte sich gut sichtbar vor seinem Haus und schrie und heulte, während er sich hinter geschlossenen Gardinen verkroch. »Er hatte irrsinnige Angst«, erzählte sie mir einmal kichernd. »Wirklich irrsinnige Angst.« Selbst als Kind fand ich es seltsam, dass sie darüber lachte.

Ein paar Jahre später lernte sie meinen Vater auf einer Feier kennen. Der große dunkelhaarige Unbekannte mit dem sanften Lächeln fiel Josephine sofort auf. Man sagt ja, dass Gegensätze sich anziehen, und im Falle meiner Eltern stimmt das definitiv. Mein Vater war schon immer introvertiert. Selbst als Kind blieb er gern für sich und spielte allein im Sandkasten, während seine drei Brüder sich miteinander beschäftigten. Er war so zurückhaltend, dass seine Geschwister ihn reihum ärgerten, nur um zu sehen, wie lange es dauern würde, eine Reaktion aus ihm herauszukitzeln. Irgendwann wurde sein Gesicht ganz rot, und seine kleinen Hände ballten sich zu Fäustchen. Doch mehr Zorn traute sich der kleine Clive nie zu zeigen. So ein mildes Temperament ist niedlich im Kindesalter; einem erwachsenen Mann hingegen steht es nicht unbedingt so gut.

Als meine Eltern sich kennenlernten, war meine Mutter »der Mittelpunkt der Party«. Wenn mein Vater jemanden kennt, ist er durchaus gesprächig. Aber er war schon immer schüchtern, und es faszinierte ihn, wie meine Mutter nach und nach die Leute für sich einnahm. Sie kannte kaum jemanden, stand jedoch schnell im Zentrum der Aufmerksamkeit – dort, wo sie hingehörte. Sie sprühte vor Energie und zog die anderen an wie das Licht die Motten. Sie war lauter als alle anderen, lebendiger und lustiger. Mutter schlug vor, am nächsten Abend für ihn zu kochen. »Niemand kocht so gut wie ich«, behauptete sie. Mehr hat es nicht gebraucht – Clive war in ihre Falle getappt.

Er war nicht der Einzige, der meine Mutter absolut umwerfend fand. Als mein Vater sie seiner Familie vorstellte, klopften ihm seine Brüder auf den Rücken und sagten: »Da hast du aber ganz schön nach oben gegriffen! Wie hast du das nur angestellt, Clive?« Seine Freunde luden ihn öfter ein, baten, er solle unbedingt Josephine mitbringen, und mein Vater war unfassbar stolz auf seine einnehmende Partnerin. Es freute ihn, wie sehr alle sie mochten. Als ich fünf Jahre später zur Welt kam, wiederholte sich das Ganze: Jeder machte ihr Komplimente, was für eine tolle Mutter sie doch sei. Sie, die attraktive, lustige Frau mit dem herrlichen glockenhellen Lachen.

Manchmal war sie freundlicher, als ich zu hoffen gewagt hatte; oft war sie grausamer, als ich es mir je hätte ausmalen können. Ihr Verhalten war nicht konsequent, es gab kein Muster, an dem ich mich hätte orientieren können. Ich war durchweg angespannt. Wenn sie nett war, fühlte ich mich beschämt. Offensichtlich lag das Problem bei mir. Waren meine Zweifel an ihr berechtigt? Oder war ich paranoid und gemein, ihr etwas zu unterstellen? Sie liebte mich doch offensichtlich.

Manchmal drehte ich mich um und sah, dass sie mich beobachtete. Ihr Gesichtsausdruck brachte mich oft aus der Fassung: Sie sah nicht weg, selbst wenn unsere Blicke sich trafen, und starrte mich offen an. Ihre Augen funkelten, ihr Mund war zu einer schmalen Linie zusammengepresst. Ab und an ertappte ich sie mit einem Gesichtsausdruck, der sich nur als Hass beschreiben lässt. Die Art von Hass, der das Gesicht zu einer Fratze verzerrt. Wenn sie meinen Blick bemerkte, kam sie zu mir, umfasste mein Gesicht, küsste meine Stirn und sagte: »Meine wunderbare Tochter, ich liebe dich so sehr.«

Hatte sie mich gewollt? Liebte sie mich? Manchmal glaubte ich, dass sie das tat.

Wir hatten ein Mixtape im Auto, das wir auf langen Fahrten abspielten. Ich kannte die Kassette in- und auswendig und weiß immer noch, welche Lieder in welcher Reihenfolge darauf waren. Wenn der Eurythmics-Song There Must Be An Angel (Playing With My Heart) lief, drehte Mutter die Lautstärke voll auf und sang so laut wie möglich mit. Sobald der Refrain einsetzte, drehte sie sich zu mir um, lächelte, legte eine Hand auf mein Knie und sang für mich. Es klang so, als käme es von Herzen, als wäre jedes Wort speziell für mich geschrieben worden. Immer wenn sie angel sang, drückte sie mein Knie. Daran denke ich gern zurück, obschon ich mich immer fragte: »Wie lange noch? Wie lange bin ich noch ihr Engel, bis sie mich wieder eine Schlampe nennt? Wie lange noch, bis sie mich wieder hasst?« Ich wollte ihr jedes Wort glauben, aber ich kannte sie ja auch. So war das immer: Ich wurde umgarnt, bis ich mich entspannte, mir wurde ein Gefühl von Liebe geschenkt – und dann wurde mir alles wieder genommen. Für sie war es nur ein Spiel.

Wenn wir zusammen waren, spürte ich eine leise Angst. Meistens war es jedoch noch schlimmer, vor allem, wenn sie liebevoll und freundlich war. Dann bekam ich Magenschmerzen, konnte kaum noch atmen und fürchtete mich vor ihrem unausweichlichen Sinneswandel. Im Auto bemühte ich mich, locker zu wirken. Aber ich sah, wie sie mich im Rückspiegel fixierte, und fragte mich: Wirke ich nicht dankbar genug? Oder weniger glücklich, als ich sein sollte? Soll ich ihr lieber sagen, wie gern ich sie singen höre?

Selbst jetzt überkommt mich noch immer ein düsteres Gefühl, wenn irgendwo There Must Be An Angel gespielt wird. Es ist ein Song, der automatisch zum Mitsingen verführt. Wenn meine Freunde fröhlich mit einstimmen, lächle ich und drehe nervös die Finger ineinander. Ich schließe die Augen und lehne mich nach hinten, so als würde ich das Lied genießen. Doch hinter meinen Augenlidern sehe ich mich wieder im Auto und spüre, wie Panik in mir aufsteigt. Die Liedzeilen kreisen durch meine Gedanken, das Gesicht meiner Mutter steigt vor meinem inneren Auge auf, mein Herz pocht wie verrückt, mein Magen zieht sich zusammen.

Ich höre, wie sie über Glück singt. Darüber, dass sich niemand je so gefühlt hat. Dass ich ihr Engel bin. Dann sehe ich ihre Augen im Rückspiegel und erkenne die Wahrheit: Sie spielt mit meinem Herzen.

***

Meine Mutter ist eine Psychopathin. Laut Lehrbuch mangelt es ihr an Gewissen sowie Reue und Empathie gegenüber anderen. Hinter ihrer charmanten Maske ist sie hinterlistig, manipulativ, narzisstisch und abgestumpft. Sie war eine ganz bestimmte Person in der Öffentlichkeit und eine völlig andere hinter verschlossenen Türen. Je nach Stimmung und Situation trug sie ein neues Gesicht zur Schau und schlüpfte so mühelos in ihre Rollen wie ein erfahrener Schauspieler. Wer wird sie heute sein? Die liebevolle Mutter? Das Krebsopfer? Der Erzfeind, der mein Leben zerstört?

Die meisten Leute, die Josephine Lacroix kannten – die charmante, lustige Josephine Lacroix –, hatten keine Ahnung, wozu sie in der Lage war. Selbst die Menschen in ihrem nächsten Umfeld, selbst meine Großeltern, sahen nie das volle Ausmaß. Ihre schlimmsten Momente standen den besten gegenüber, in denen sie schlichtweg brillant war: spontan, witzig, kokett, aufregend.

Ich habe viele Jahre lang versucht, ihr Verhalten zu erklären, und Ausreden dafür gefunden: Sie ist krank, gestresst, ich war frech, vielleicht habe ich mich nicht genug um sie bemüht, mit acht Jahren habe ich doch mal diese Sache angestellt … Mein schlechtes Gewissen plagte mich ganz fürchterlich. Manchmal kam ich mir so vor, als würde ich durch einen endlosen, gewundenen, düsteren Tunnel rennen: Jedes Mal, wenn ich das Licht erblickte, verschluckten mich erneut die dunklen Tiefen.

Im Nachhinein ist es unglaublich, wie geschickt sie sich anstellte. Alles, was ich über die Liebe wusste – oder zu wissen glaubte –, war verzerrt. Ich dachte lange, dass Kontrolle und Manipulation ein normaler Bestandteil von Beziehungen seien. Sie benutzte mich nach Lust und Laune, zog mich in ihren Bannkreis, nur um mich wieder wegzustoßen. Ich war ihr komplett ausgeliefert und kehrte immer wieder zu ihr zurück. Mir war einfach nicht bewusst, dass es auch anders sein könnte. Wie auch? Es war ja sicher gar nicht so schlimm. Immerhin war mein Vater dabei. Er sah alles, wusste alles – und tat nichts.

Sie hatte ein untrügliches Gespür dafür, wie sie mit mir spielen konnte. Und das tat sie, zweiundzwanzig Jahre lang. Zweiundzwanzig Jahre lang konnte ich die Wahrheit nicht erkennen, sogar wenn ich sie direkt vor der Nase hatte. Zweiundzwanzig Jahre lang floss mir Selbsthass wie Blut durch die Adern. Der Schaden, den sie mir zufügte, verdrehte mich, verzerrte meine Wahrnehmung und ließ Narben zurück.

Ich muss meine Geschichte selbst erzählen, und zwar so, wie sie sich zugetragen hat, und nicht so, wie meine Mutter sie darstellt. Zeit tröstet, heilt jedoch nicht. Es geht mir besser, das stimmt, aber der Schaden kann nicht wiedergutgemacht werden. Er ist immer noch da, schmerzt unter der Oberfläche, wie ein Stacheldraht, der mich zu lange verletzt hat. Auch wenn ich mich aus seinen Fängen befreit habe, hat er doch für immer Spuren auf meiner Haut hinterlassen.

Psychopathie-Merkmal Nr. 2: Gefühlskälte

Psychopathen blenden die Emotionen anderer aus und sind zu nahezu keiner Empathie fähig. Menschen werden als Objekte betrachtet und entsprechend zweckdienlich benutzt. Psychopathen können sich nicht in die Lage einer anderen Person hineinversetzen. Fremdes Leid ist ihnen gleichgültig, Schwäche und Verletzbarkeit werden verachtet. Für einen Psychopathen sind andere Menschen Wegwerfartikel; Familienmitglieder haben den Status von Besitztümern.

3

Geringschätzung

»Psychopathen sind zu nahezu keiner Empathie fähig.«

Eingerahmt an einer Wand im Haus meiner Mutter hängt ein Foto – oder zumindest hing es dort. Vermutlich hat sie es inzwischen verbrannt, so wie all die anderen Dinge, die sie eines Tages in die Flammen warf. Ich habe es oft betrachtet und als Beweis ihrer Liebe gesehen. Es zeigt uns so glücklich, Mutter und mich, kuschelnd auf dem Sofa. Man sehe sich nur ihren Arm um meine Schultern an, ihr stolzes, breites Lächeln, die Art, wie ihr Kopf sachte auf meinem ruht. Wie hätte sie mich nicht lieben können? Seht mich an, mich mit den großen, strahlenden Augen, der unbeschwerten Freude. Natürlich wurde ich geliebt. Natürlich hat meine Mutter mich geliebt.

Inzwischen ist es seltsam, an dieses Foto zu denken. Daran, wie irreführend Bilder sein können – und zur gleichen Zeit auch so verlockend. Ich wollte derart verzweifelt an die Liebe meiner Mutter glauben, dass ich alte Fotos von uns analysierte und versuchte, mich genau an den Moment zu erinnern, in dem sie geknipst wurden. Den Moment, in dem meine Mutter mich geliebt hatte. Tatsächlich geliebt hatte. Es war ein wenig so, als verhöhnte ich mich damit selbst. Das Anstarren der alten Aufnahmen hatte etwas Voyeuristisches, so als sähe ich etwas an, das nicht für meine Augen bestimmt war. Etwas Verbotenes. Ich hielt die Bilder ganz nah vor mein Gesicht und hoffte, dass ein wenig Liebe und Zufriedenheit vom Papier auf mich abstrahlen würden. Im Rückblick wirkt das natürlich albern, aber über viele Jahre hinweg fühlte es sich nicht so an.

Mutter – oder damals noch Maman – liebte es, fotografiert zu werden. Wenn ich nur mit meinem Vater abgelichtet werden wollte, weigerte sie sich. »Lass uns lieber ein Foto von uns allen zusammen machen«, sagte sie dann. »Möchtest du etwa kein Bild mit Maman?« Natürlich willigte ich ein, und sie zog mich an sich, schlang einen Arm um meine Schultern und lächelte ihr breites Grinsen.

Unsere fröhlichen Fotos waren der Beweis, dass wir eine intakte Familie waren. Ein greifbarer, unbestreitbarer Beweis, den sie wie einen Schild oder manchmal auch wie eine Waffe einsetzte. Nach einem Streit holte sie gern die Bilder hervor, bevor sie mir »vergab«. Sie wedelte vor meinem Gesicht damit herum und fragte: »Erinnerst du dich? Erinnerst du dich noch an diesen Tag? Sieh nur, wie glücklich wir waren und wie lieb du damals warst. Was ist nur mit meiner lieben Tochter passiert? Was hast du mit ihr angestellt?«

Ich sah mir die Fotos an und versuchte mich zu erinnern. Es waren fröhliche Aufnahmen: Wir sahen glücklich aus. Wir waren glücklich. Ja, das waren wir …

»Erinnerst du dich an den Tag? Weißt du noch, wie besonders er war? Und wie glücklich wir waren? Erinnerst du dich daran, wie wir in der kleinen Bucht schwimmen waren und Sandburgen gebaut haben? Erinnerst du dich, dass du dich schlecht gefühlt hast und ich mich um dich gekümmert habe? Erinnerst du dich? Weißt du noch?«

Ich wollte mich unbedingt erinnern. Ich strengte mich an, schloss die Augen und ballte die Hände zu Fäusten, während die Worte meiner Mutter wie Trommelschläge auf mich einprasselten. Erinnerst du dich? Erinnerst du dich?

Ich versuche es. Ich versuche es.

Und dann, plötzlich, kehrten die Erinnerungen mit einem Schlag zurück: Ich bin noch klein, wir sind am Strand. Ich blicke ins grelle Sonnenlicht, auf meiner Haut kleben Sonnencreme und Sand, meine Lippen sind rau und salzig, mein Haar fühlt sich struppig an. Mutter trocknet mich ab. Das Handtuch ist weich, ihre Arme schlingen sich um mich. Es weht ein heftiger Wind, sie hält mich eng an sich gepresst. Durch meine inzwischen geschlossenen Augenlider sehe ich die Sonne orangefarben leuchten.

Die Erinnerungen waren so klar, warum hatte ich sie nicht gleich präsent gehabt?

»Ja, jetzt weiß ich es wieder. Ich kann mich an alles erinnern.«

Und dann kam der Spruch, den sie am allerliebsten hatte. Der, mit dem jeder große Streit für beendet erklärt wurde: »Ich bin verdammt noch mal die beste Mutter der Welt, richtig? Bin ich nicht einfach die beste?«

Dann wartete sie auf meine Antwort. Die Worte hingen zwischen uns. Stille machte sich breit, wurde unerträglich durch den ungesagten Satz, der mir in der Kehle stecken blieb.

»Ich bin doch die beste, oder?«

Leise flüsternd antwortete ich: »Ja, du bist die beste Mutter der Welt.«

***

Natürlich konnte ich mich nicht wirklich an diese Szene am Strand erinnern. Ich bin mir sicher, dass die Realität ganz anders war als meine verzweifelten Visionen. Aber ich wollte mich unbedingt an eine glückliche Kindheit entsinnen, und die Fotos nährten meine Fantasie. Ich sah die jüngeren Versionen meiner selbst und wünschte mir, ich könnte die Zeit zurückdrehen bis zu dem Moment, als ich noch nicht alles durch meine durchtriebene, fordernde Art ruiniert hatte. Warum nur hatte ich es verderben müssen? Was stimmte nicht mit mir? Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Sieh nur, welche Orte wir besucht haben, was wir Tolles unternommen haben, was ich alles geschenkt bekam – mir fehlte es an nichts … Oder?

Ich glaubte ihr, wenn sie mir die Schuld an allem gab, mich dafür verantwortlich machte, die schönen Erinnerungen an all die glücklichen Jahre ruiniert zu haben. Ich glaubte, dass sie tatsächlich glücklich gewesen waren. Sicherlich beeinflussten die Fotos mein Denken, und inzwischen vermute ich, dass meine Mutter deswegen so gern Bilder machte. Sie waren ihre »Beweise«: »Sieh nur, wie glücklich wir waren, Olivia. Sieh nur, was du alles kaputt gemacht hast. Schau an, was du getan hast …«

Ich sammelte Erinnerungsfetzen wie kleine Schätze und bastelte ein Mosaik daraus. Ich setzte Erlebnisse neu zusammen und glaubte, sie hätten sich wirklich so zugetragen. Lange wollte ich die Realität nicht wahrhaben. Wie hätte ich auch annehmen können, dass etwas nicht stimmte, solange ich die Fotografien nicht als Inszenierungen verstand? Wie hätte ich erkennen können, dass nicht ich das Problem war, sondern sie? Es war leichter zu glauben, dass etwas mit mir nicht stimmte, als mit ihr. Das wollte ich einfach nicht denken – die Vorstellung schmerzte zu sehr.

Letzten Endes musste ich mich der Gedanken entledigen, dass es einmal bessere Zeiten gegeben hatte, dass meine Kindheit glücklich gewesen war und ich irgendwann alles verdorben hatte. Meine Mutter war schließlich schon immer so gewesen, oder? Sie konnte es nur gut verbergen. Doch das fiel mir erst sehr, sehr spät auf. Erst nachdem ich abgehauen war und meine Großmutter meinem Drängen nachgab, mir all das, was sie jahrelang für sich behalten hatte, preiszugeben. Meine arme Granny, die mich doch nur beschützen wollte. Sie hatte sich auf die Zunge gebissen aus Angst, meine Mutter würde mich wieder fortbringen – oder vor dem, was sie sonst tun würde. Meine Großeltern – die Eltern meines Vaters – waren die einzigen Menschen in meinem Leben, die das wahre Wesen meiner Mutter erkannten, sich nie von ihr täuschen ließen. Als Granny mir von früher erzählte, brach alles Mögliche über mich herein, das ich versucht hatte zu verdrängen. Mein mühsam errichtetes Konstrukt fiel in sich zusammen.

»Erinnerst du dich noch an Weihnachten 1995?«, fragte sie mich. »Wahrscheinlich eher nicht, du warst ja erst drei. In dem Jahr wart ihr alle zu Besuch: ihr drei, dein Cousin und deine Cousinen, dein Onkel und deine Tante. Nachdem ihr abgereist seid, haben dein Großvater und ich nie wieder über diese Tage gesprochen. Das hätten wir nicht übers Herz gebracht.«

Sie redete langsam; einerseits, um sich zu sammeln, aber auch, um die richtigen Worte zu finden. Es fiel ihr nicht leicht, ich war nicht die Einzige, die etwas unterdrückt hatte.

»Wir wollten nicht wahrhaben, was da vor sich ging. Wir dachten, es wären einfach … kleine Episoden. Einzelne Vorfälle, verstehst du? Dein Vater hat sie jedenfalls immer so genannt. Damals haben wir auch nur einige solcher Momente miterlebt.« Granny hielt inne, sah mich an und seufzte. »Sie konnte so nett sein – zu dir, aber auch zu uns. Dein Großvater hat sie von Anfang an nicht besonders gemocht, das wusste sie. Aber ich schon. Ich dachte, sie wäre ein bisschen seltsam, dass sie manchmal etwas komisch reagierte, aber dass sie ansonsten … ein guter Mensch wäre. Ich habe sie ein paarmal beiseitegenommen und gesagt, dass sie vielleicht ein wenig zu streng mit dir sei. Dass du ein sensibles Kind wärst und nicht so tough wie sie. Dass du mehr Zuwendung und Verständnis brauchtest. Jedes Mal, wenn ich sie darauf angesprochen habe, hat sie schnell das Thema gewechselt. Sie hat gegrinst, gelacht und über etwas anderes geredet. Manchmal hat sie mich auch verletzt angesehen und gesagt: ›Jean, wie kannst du so etwas nur behaupten? Du siehst Olivia lediglich von ihrer besten Seite. Sie ist ein schwieriges Kind, oft wütend und aggressiv. Man muss jetzt mit ihr streng sein, solange sie noch jung ist. Wo soll das alles sonst noch hinführen?‹ Das geschah alles vor dem Weihnachtsfest. Danach …« Granny unterbrach sich, sie hatte Tränen in den Augen. »Es war schrecklich, einfach schrecklich.«

Mein Magen zog sich ängstlich zusammen, weil ich mich nur undeutlich an jenes Weihnachten erinnerte. Soweit ich mich entsinnen konnte, war es eine schöne Feier gewesen. Ich sah deutlich das Foto vor mir, das wir damals aufgenommen hatten. Jahrelang hatte es an prominenter Stelle an unserem Kühlschrank geklebt, sodass man immer darauf sah, wenn man etwas zu essen oder zu trinken holte. Eine Ecke war leicht umgeknickt, und ich versuchte jedes Mal, das Bild zu glätten, es zu schützen und diesen wichtigen Beweis zu erhalten. Wir waren glücklich gewesen, ich war geliebt worden …

Auf dem Foto sind mein Cousin, meine Cousinen, meine Großeltern, meine Mutter und ich abgebildet. Wir befinden uns im Wohnzimmer. Ich sitze auf der Couch, meine Mutter kniet dahinter und umarmt mich. Ihr Kinn ruht auf meinem Kopf, ihr lockiges Haar bedeckt meine Schultern, und sie strahlt in die Kamera, hinter der sich mein Vater befindet. Meine Hände sind ineinander verschränkt, meine Augen glänzen, meine Wangen sind gerötet, und mein kleiner rundlicher Bauch zeichnet sich stramm unter meinem Samtkleidchen ab. Vor uns liegen zerrissenes Geschenkpapier, Puzzlestücke, Spiele und neue Bücher auf dem Teppich. Auf dem Wohnzimmertisch stehen halb leere Weingläser, Schokolade und ein großer Teller voll Weihnachtsgebäck. Wir sehen satt und zufrieden aus.

Beim Betrachten des Bildes hatte ich immer konkrete Erinnerungen vor Augen: Fangen spielen im Wohnzimmer, aus der Puste sein vor lauter Aufregung, Kekse futtern bis zum Umfallen, von meinen vor Lachen quietschenden Cousinen in den Bauch gepikt werden … All das war mir deutlich im Gedächtnis geblieben, ich erinnerte mich daran.

Doch tat ich das wirklich? Oder hatte mich das Foto dazu inspiriert?

An eine Sache konnte ich mich allerdings ganz deutlich entsinnen: meine Mutter, die sanft meine Stirn streichelt. Was war noch hängen geblieben?

»Kannst du dich wirklich an nichts anderes erinnern?«, fragte Granny, und ich schüttelte den Kopf. Ein vages Bild meiner Mutter schwebte mir vor Augen, aber das schob ich schnell fort.

Was steckte dahinter?

Zunächst nur unscharfe Dunkelheit, doch als ich weiter in meinen Erinnerungen grub, kehrten noch mehr Bildfetzen zurück: ein Boden – ein kalter Boden. Schmerz. Hitze. Und da war noch etwas: eine Tür? Eine Silhouette? Doch das Bild war sehr verschwommen und machte mich nervös.

Was war das nur?

Ich konnte mich nicht erinnern. Ich wusste nicht mehr, was passiert war.

»Erzähl mir alles.«

Und das tat Granny. Während sie sprach, setzten sich meine Erinnerungsfetzen zu einem neuen Bild zusammen, und meine mühsam konstruierten Szenen stürzten krachend zusammen.

Es ist dunkel, Schlafenszeit. Ich bin im Badezimmer eingesperrt und liege auf dem kalten Fliesenboden. Ich weine und bettele Maman an, mich herauszulassen. Vor Verzweiflung rüttle ich an der Badezimmertür, flehe und weine so sehr, dass ich kaum noch Luft bekomme.

Bitte, Maman, bitte, lass mich raus. Bitte, öffne die Tür. Mir ist übel. Ich habe Angst. Ich habe solche Angst, Maman. Maman! Sie steht vor der Tür – ihre Silhouette zeichnet sich hinter der trüben Scheibe ab – und schweigt. Sie reagiert nicht.

Mir ist heiß, ich bin müde, mein Kopf tut weh. Ich presse die Wange gegen den kalten Boden, um mich ein wenig abzukühlen. Ich lege mich mit dem Gesicht nach unten hin, winkle die Arme weit ab und wende die Fußsohlen nach oben. Schluchzer bahnen sich hicksend ihren Weg durch meine Brust, aber meine Mutter kommt nicht herein. Ich rufe nach ihr, immer und immer wieder. Ich weiß, dass sie mich hört, weil ich sehe, wie ihr Schatten sich mir zuwendet. Doch sie schweigt.

Folgendes erzählte Granny mir über jenes Weihnachtsfest, das ich meinte, so klar vor Augen zu haben.

Es war der Weihnachtsmorgen. Granny kam ins Wohnzimmer, wo ich mit Mutter und Vater übernachtet hatte. Sie trug ein Tablett: Kaffee für die Erwachsenen, warme Milch für mich. Meine Eltern saßen entspannt auf der Ausziehcouch, meine Mutter lächelte.

»Guten Morgen, Jean«, grüßte sie gut gelaunt. »Fröhliche Weihnachten!«

»Fröhliche Weihnachten, Josephine«, erwiderte Granny. »Fröhliche Weihnachten, Clive!« Sie sah sich um, hielt nach mir Ausschau. »Wo ist Olivia?«

»Oh …«, sagte meine Mutter und hielt inne. »Sie ist im Bad«, fügte sie schließlich hinzu, nahm einen Becher und nippte vorsichtig an ihrem Kaffee. Granny drehte sich zur Badezimmertür um, die ans Wohnzimmer angrenzte. Ihr altes Bücherregal aus schwerem Mahagoni war wie ein Bollwerk davorgeschoben worden. Sie sah meine Eltern an. Mein Vater starrte konzentriert in seinen Kaffeebecher, Mutter beobachtete Granny mit entspannter Gelassenheit.

»Warum ist sie im Badezimmer?«, fragte Granny. Sie erinnerte sich auch später noch daran, dass ihre Stimme gezittert hatte. Weshalb, weiß sie nicht mehr genau. Mutter seufzte und schüttelte den Kopf, so als bereitete ihr etwas Schmerzen.

»Sie hat ihren Vater und mich bis in die Puppen wachgehalten. Sie hat einfach nicht aufgehört zu weinen. Ein klarer Schrei nach Aufmerksamkeit. Also haben wir die kleine Diva schlussendlich ins Bad gesperrt.«

Granny sah von Mutter zu Vater hinüber und wieder zurück. »Aber sie ist doch erst drei, Josephine. Drei.«

»Ich weiß, wie alt meine Tochter ist, danke«, entgegnete Mutter kühl, stand auf und strich über ihr Haar.

»Aber sie ist doch noch ein kleines Mädchen.«

Mutter antwortete nicht, doch als Granny sich in Richtung Badezimmer wandte, sagte sie laut: »Wenn jemand sie herauslässt, dann bin ich das! Sie ist meine Tochter.«

Mutter ging in großen Schritten zum Badezimmer, schob das Regal beiseite und öffnete die Tür. Granny starrte ihren Sohn an – meinen Vater. Er starrte noch immer in seinen Kaffeebecher.

»Kann ich dich wieder herauslassen?«, rief meine Mutter ins Badezimmer. »Benimmst du dich jetzt?«

Granny hörte mein Schniefen, dann sah sie, wie ich mit gerötetem Gesicht, klebrig und verheult, aus dem Badezimmer wankte.

»Es tut mir leid, Maman«, sagte ich und brach in Tränen aus. Mutter kniete sich auf den Boden, zog mich in ihre Arme, und ich schluchzte an ihrer Brust. Granny stand daneben und beobachtete ungläubig das Geschehen.

»Sie war die ganze Nacht da drin?«, fragte sie schließlich.

»Nicht die ganze Nacht«, antwortete Mutter. »Wofür hältst du mich denn?«

Etwas zog sich in Grannys Brust zusammen, doch sie rang sich ein Lächeln ab und sagte: »Fröhliche Weihnachten, Olivia! Komm, wir waschen dich, und dann frühstücken wir zusammen, ja?«

Sie nahm meine Hand und zog mich mit sich in ihr eigenes Badezimmer, wo sie mein heißes Gesicht wusch und mein zerzaustes Haar bürstete. Nach dem Frühstück trafen meine Tante, mein Onkel, mein Cousin und meine Cousinen ein, und Granny beobachtete, wie ich mit ihnen spielte und wild und fröhlich durch das Wohnzimmer sprang – so, als hätte man ein gefangenes Tier endlich befreit. Nach einer Weile fielen ihr mein stark gerötetes Gesicht und die glänzenden Augen auf. Ich stieß immer wieder an diverse Möbelstücke und hörte nicht, als sie mich rief. Vorsichtig legte sie ihre kühlen Hände auf meine Stirn, runzelte die Augenbrauen und streichelte meine Wange.

»Du glühst ja richtig«, stellte sie fest. »Mein armer Spatz. Ich dachte, du würdest vor Freude strahlen. Josephine …«, sie rief nach meiner Mutter, die mit meinem Cousin Jack auf der Couch saß und ihm vorlas. »Ich glaube, Olivia hat Fieber. Komm mal bitte und fühl ihre Stirn.«

Mutter seufzte und rollte mit den Augen, so als wäre Granny einfach nur lästig. Sie reichte Jack das Buch, warf ihm ein entschuldigendes Lächeln zu, tätschelte seinen Kopf und kam zu uns herüber. Dann lehnte sie sich vor, legte ihre Finger an meine Stirn und ließ sie sanft über mein Gesicht gleiten, so als liebte sie mich aufrichtig.

»Sie kommt mir nicht besonders warm vor«, sagte sie. »Wahrscheinlich ist sie einfach ein bisschen aufgedreht. All die Geschenke und die ganzen Kekse waren wohl zu viel.«

Aber Granny spürte, dass etwas nicht stimmte. Sie nahm mich noch einmal mit in ihr Bad, fort von dem Spaß und den Spielen im Wohnzimmer, und zog mich behutsam aus. Dann kühlte sie mein fiebriges Gesicht und meinen erhitzten Körper mit einem nassen Handtuch und strich mir den verschwitzten Pony aus den Augen.

Sie konnte damals nicht ahnen, dass ich noch nie so berührt worden war: so zärtlich, wohlwollend und mütterlich. Wenn ich brav gewesen war, umarmte und küsste mich Mutter – insbesondere vor Freunden oder Familienmitgliedern –, aber es lag immer etwas Ungeduldiges in ihren Gesten, etwas Hartes, Ablehnendes, das den Wunsch ausdrückte, ich möge sie möglichst schnell wieder loslassen. Auch eine Schwere schwang mit, so als wäre es eine ermüdende, überflüssige Bürde, die sie nicht abstreifen konnte.

Meine Temperatur blieb erhöht, und je mehr Zeit verging, desto verzweifelter wurde ich. Erst als ich zitternd und wimmernd auf dem Boden lag, erkannte auch Mutter, dass etwas nicht stimmte. »Ruft den Arzt!«, befahl sie huldvoll, nachdem sie mich eingehend begutachtet hatte.

Als der Doktor eintraf, lag ich mit einem nassen Waschlappen auf der Stirn auf dem Sofa. Er untersuchte mich rasch und mitfühlend.

»Olivia hatte eine schlimme Ohrenentzündung«, meinte er zu Mutter, stand auf und lächelte mir zu. »Deshalb ist die Temperatur so hoch. Sie hat starke Schmerzen und wird heute Nacht vermutlich nicht gut schlafen können. Morgen sollte es aber wieder besser sein. Ich verschreibe ihr für alle Fälle noch ein Antibiotikum.«

Granny erinnert sich an die folgende Szene noch so, als wäre es erst gestern geschehen. Mutter lehnte sich über mich, strich mir zärtlich über das Gesicht und sagte: »Oh nein! Olivia, mein Schatz! Meine süße kleine Olive!« Ihre Stimme zitterte, so als würde sie jeden Moment in Tränen ausbrechen. Doch als Granny ihr Gesicht sah, war ihre Miene ungerührt. Mutter sah mich an, blinzelte langsam, erst einmal, dann noch ein zweites Mal. »Du armes kleines Ding!«, sagte sie. »Du warst so tapfer, mein wunderbares, süßes Mädchen!« Ihre Stimme zitterte erneut – so als müsste sie jeden Moment weinen –, aber ihr Gesicht war weiterhin eine seltsam starre Maske.

Etwas durchzuckte Granny, doch als sie versuchte, das gerade Gesehene zu verarbeiten, übermannte sie die Wut. »Tja, ich denke mal, jetzt wissen wir, warum sie letzte Nacht nicht schlafen konnte«, sagte sie. »Und weshalb sie geweint hat. Das arme Mädchen hat Liebe und Aufmerksamkeit gebraucht und nicht …«

»Wir sind alle keine Gedankenleser, Jean«, erwiderte Mutter wegwerfend. »Wenn Olivia uns nicht sagt, was los ist, können wir es nicht wissen, oder?« Sie führte den Arzt galant aus dem Zimmer. »Vielen Dank, dass Sie gekommen sind«, sagte sie und bedachte ihn mit ihrem bezaubernden Lächeln. »Das wissen wir wirklich zu schätzen, vor allem an Weihnachten.«

Nachdem der Arzt fort war, begann Flüssigkeit aus meinem Ohr zu sickern, und ich schrie und weinte vor Schmerz. Granny verabreichte mir Paracetamol für Kleinkinder, doch das schien nicht anzuschlagen. Also lag ich von Schluchzern geschüttelt auf dem Sofa. Granny wiegte mich sanft in ihren Armen, mein Großvater sang »Funkel, funkel, kleiner Stern« in seinem beruhigenden Bariton, und mein Vater kam immer wieder vorbei, brachte mir etwas zu trinken und tätschelte meinen Kopf.

Schließlich stolzierte auch meine Mutter ins Zimmer. Als sie näher trat, krümmte sich mein ganzer Körper. »Nein!«, schrie ich. »Nein, nein!« Ich verbarg mein Gesicht in Grannys Schoß und hielt mich an ihren Armen fest. Mutter rollte die Augen und warf sich einen Schal um den Hals.

»Ich muss an die frische Luft«, sagte sie. »Es ist Weihnachten. Ich brauche auch mal ein bisschen Zeit für mich.«

Nachdem sie gegangen war, ließ sich mein Vater vorsichtig neben mir nieder und löste mich aus Grannys Armen. Was er als Nächstes sagte, brach ihr das Herz.

»Ist schon in Ordnung, Livvy«, murmelte er, während er meinen Rücken kraulte. »Alles ist in Ordnung, meine kleine Olive. Maman ist weg. Du bist jetzt in Sicherheit, Maman ist weg.«

***

Wie konnte ich das nur vergessen haben? Wie war es möglich, dass ich mich nicht mehr daran erinnerte, wie sie mich im Badezimmer eingesperrt hatte, aber noch wusste, dass sie mein Gesicht gestreichelt hatte? Das stimmte schließlich auch: Sie hatte mich gestreichelt. Beides stimmte.

Ich fühlte mich plötzlich von meinem geliebten Foto betrogen. Dem Foto am Kühlschrank, das ich so oft versucht hatte zu glätten. Erst da erkannte ich, dass es nicht darauf ankam, was auf dem Bild zu sehen war. Es kam darauf an, was man nicht sah.

Auf dem Foto war nicht abgebildet, dass ich über Nacht in ein kaltes Badezimmer eingesperrt worden war und versucht hatte, mein glühend heißes Gesicht an den Fliesen zu kühlen. Man sah keine Mutter, die ihr fiebriges dreijähriges Kind weggesperrt und gezwungen hatte, auf dem harten Boden zu schlafen. An dem fröhlichen Grinsen meiner Mutter hätte niemand ablesen können, dass sie mir an dem Tag die natürlichste mütterliche Fürsorge verweigerte.

Wenn ich jetzt die Augen schließe, kann ich sie sehen, wie sie dort an der Tür steht und meinen Schreien mit einem starren Gesichtsausdruck lauscht: gefühllos, unnahbar, entrückt, unzugänglich.

Psychopathie-Merkmal Nr. 3: Stimulationsbedürfnis

Psychopathen haben einen extremen Erlebnishunger. Sie sind ständig auf der Suche nach neuen Reizen und führen mit Vorliebe ein risikofreudiges Leben am Rande des Abgrunds. Das andauernde Verlangen nach Stimulation kann zu zahlreichen Ortswechseln führen. Psychopathen langweilen sich schnell und beschäftigen sich ungern mit Dingen, die sie als banal, eintönig oder mühsam empfinden.

4

Nervenkitzel

»Psychopaten haben einen extremen Erlebnishunger.«

Meine Mutter hatte viele Schwächen, aber langweilig zu sein gehörte nicht dazu. Sobald die Aussicht auf ein wenig Spaß und Aufregung bestand, war sie mit von der Partie. Sie frönte ihrer Abenteuerlust ohne jede Angst und war stolz darauf. Sobald ich nur das kleinste bisschen zögerte oder eingeschüchtert war, verspottete sie mich: »Du fürchtest dich«, stellte sie fest. »Du bist ein dummes, ängstliches kleines Mädchen.« Dies gehörte zu den häufigsten Sticheleien.

Ihr machte nichts Angst. Weder das Unbekannte noch die Reaktionen anderer Leute oder mögliche Folgen ihres Tuns. Sie war kaltschnäuzig und draufgängerisch, kam mit jeder erdenklichen Konsequenz zurecht. Das war belebend und beängstigend zugleich, das Beste und Schlimmste an ihr. Ihre Energie und Lebenslust waren so mitreißend, dass es schwierig war, ihren Plan, mir nichts, dir nichts nach Martinique zu ziehen, nicht gutzuheißen. Ich war damals sechs Jahre alt. Den meisten Menschen käme bestimmt nicht in den Sinn, spontan auf eine tropische Insel umzusiedeln, die man noch nie zuvor besucht hatte. Für Mutter war es nicht mehr, als würde sie sich für eine zweite Tasse Tee entscheiden.

Wir saßen gerade um den Esstisch beim Frühstück zusammen. Es hatte keine Vorwarnung gegeben, keinerlei Gespräche oder gemeinsame Überlegungen: Mutter verkündete schlicht, wir würden nach Martinique ziehen. Ich höre immer noch das plötzliche Klirren von Metall auf Porzellan, als mein Vater das Messer fallen ließ und sie anstarrte.

»Was? Wieso? Warum nach Martinique?«, fragte er vollkommen verdutzt.

Ich sah von einem zum anderen, hielt die Luft an und überlegte, wo Martinique wohl liegen mochte.

»Wieso nicht?« Mutter zuckte mit den Schultern. »Es ist heiß, sonnig, man spricht dort Französisch. Warum also nicht?«

»Weil wir kein Französisch sprechen«, sagte Vater und deutete auf sich und mich, so als hätte sie etwas Entscheidendes vergessen.

Sie zuckte mit einer Schulter, elegant, herablassend.

»Aber ich

Dann sah sie zu mir herüber. »Und Olivia spricht es auch gut genug, oder? Und bald noch besser.« Sie lehnte sich nach vorn. »Hast du Lust auf ein Abenteuer, mein Blümchen? Möchtest du in der Karibik leben? In der Karibik, Olivia! Du wirst es dort lieben, das weiß ich.«

»Ich glaube, darüber sollten wir später noch einmal ausführlicher sprechen«, meinte mein Vater zögernd.

Mutter lächelte. »Ach, Clive! Ich habe schon alles organisiert. Wir gehen auf jeden Fall. Ihr müsst euch jetzt nur noch auf den Umzug freuen. Man lebt doch nur einmal! Wovor hast du Angst? Das Leben ist kurz, und ich möchte es genießen. Ich will, dass unsere Tochter etwas von der Welt sieht. Sie soll nicht bloß in einem winzigen englischen Haus vor sich hin vegetieren. Möchtest du denn nicht das Gleiche wie ich?«

Ich erinnere mich noch daran, wie mein Vater leicht aufgebracht war und nach Worten rang. Damit hatte er jedoch nie Erfolg. Sie sah ihn fast schon mitleidig an und zwinkerte mir zu. Ein warmes Gefühl überkam mich, und ich fühlte mich wie ihre Verbündete. Als mein Vater kurz darauf das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen, stützte sie ihr Gesicht auf den Händen ab und sah zu mir herüber.

»Du möchtest doch auch nach Martinique, oder, Süße?«

Ich nickte zustimmend. »Hier ist es viel zu kalt«, sagte ich. »Ich möchte irgendwohin, wo es warm ist.«

Das war gelogen. Ich habe die empfindliche Haut meines Vaters geerbt: Ich bin blass wie eine Lilie, verbrenne eher, als dass ich bräune, und wenn es richtig heiß wird, fühle ich mich träge und nutzlos. Mutter wurde immer goldbraun in der Sonne, ihre Haut war glatt und glänzte, und sie lachte darüber, wie sehr wir unter der Hitze zu leiden hatten. »Oje, eure arme englische Haut!«, rief sie dann und warf uns Sonnencreme zu. »Vielleicht solltet ihr lieber reingehen. Oder euch zumindest ein Handtuch auf den Kopf legen.« Dann lachte sie laut auf, so als hätte sie gerade etwas Lustiges gesagt. Trotz ihrer Sticheleien achtete sie jedoch immer darauf, dass ich keinen Sonnenbrand bekam. An heißen Tagen ließ sich mich nie ohne eine schützende Schicht Sonnencreme aus dem Haus, die sie sorgsam auftrug. Ganz so, als verletzte sie die Vorstellung, ich könne verbrennen.

Während wir an jenem Morgen noch am Frühstückstisch saßen, lächelte sie mich an. »Es ist nicht nur das Wetter. Es ist einfach …« Sie seufzte und sah sich Hilfe suchend um. »Mir ist so langweilig«, sagte sie. »So furchtbar langweilig.« Sie zog das Wort in die Länge und stieß mich dabei an. »Es ist öde hier und Zeit für was Neues. Du wirst Martinique lieben, das weiß ich.«

***

Also zogen wir nach Martinique. Als ich das Flugzeug an der Hand meines Vaters verließ, begrüßte mich eine Wand aus Hitze, wie ich sie vorher noch nie erlebt hatte. Schweigend fuhren wir zu unserem neuen Haus, das keiner zuvor gesehen hatte. Mutter hatte es anhand einer Broschüre ausgewählt und uns versprochen, dass wir es lieben würden. »Warte ab, bis du den Garten siehst«, hatte sie grinsend zu mir gesagt.

Ich saß auf der Rückbank und war umgeben von Koffern, Schachteln und unseren Mänteln, die wir nach der Landung schnell ausgezogen hatten. Ich erinnere mich noch daran, wie ich die Hinterköpfe meiner Eltern betrachtete, während wir über die gewundenen Straßen dieses unbekannten Landes fuhren. Alles schien heller und leuchtender als zu Hause: Der Himmel war blauer, die Bäume grüner, und als ich den weiten Horizont über den Köpfen meiner Eltern sah, spürte ich, dass dies der Beginn von etwas Neuem war.

Als wir bei unserem Zuhause ankamen – groß, weiß, eckig, abgeschieden –, wartete ich nicht darauf, herumgeführt zu werden. Ich wollte nicht einmal mein Zimmer sehen. Stattdessen rannte ich um das Haus herum, stand einfach dort im Grünen und besah unsere neue Bleibe.

Ein langer, schmaler Garten gehörte zum Haus, der nach Norden hinausging. In einiger Entfernung konnte ich Berggipfel, dunkelgrüne Regenwaldschleifen, sandige Strände und die Hauptstadt Fort-de-France erkennen. Alles war vom glitzernden türkisfarbenen Meer umgeben.

Unser Zuhause wurde durch keinen Zaun von dem Land abgetrennt, das zur Küste hin abfiel. Hinter dem gepflegten Rasen standen baumhohe Farne in tausend verschiedenen Grünschattierungen. Ich hatte noch nie zuvor so viele schöne Blumen gesehen und überlegte bereits, dass ich Sträuße für Mutter pflücken würde, die sie dann malen und im Haus aufstellen würde. Hinter den Blumen befanden sich Mango- und Papayabäume. Auch hier stellte ich mir vor, wie ich Früchte ernten und Mutter bringen würde … Und wie sehr sie sich darüber freuen würde. Hier könnte ich Abenteuer erleben und wie ein unerschrockener Forscher in meinem eigenen geheimen Garten buddeln. Vielleicht würde ich sogar eine bislang unbekannte Vogelspezies, eine fremde Eidechse oder ein neues Insekt entdecken.

Im hinteren Teil des Gartens befand sich inmitten der Farne ein felsiger Weg. Ich ging näher heran und sah, dass er den Abhang hinab zur Küste führte, wo das seichte Wasser der Bucht glitzerte. Meine kühnsten Träume wurden von dem Anblick noch übertroffen. Es fühlte sich unglaublich an. Vater kam zu mir und folgte meinem Blick.

»Wir können nachher dort unten schwimmen gehen«, sagte er und nickte in Richtung der Bucht. »Sieht so aus, als könnte man dort gut üben.« Ich war so überwältigt, dass ich nicht zu antworten vermochte. Ich schlang die Arme um ihn und drückte ihn fest, wobei ich mich fühlte, als würde ich jeden Moment vor lauter Glück explodieren. Ich sah mich bereits mit meinen neuen Freunden unten in der Bucht planschen, lachen, spielen und über den Strand rennen. Danach würden wir über den Felsweg nach oben steigen und Früchte pflücken, saftige Mangos essen und aus frischen Kokosnüssen trinken. Hier schien alles möglich: vor Freiheit bersten, einen Höhenflug wagen … Die Zeit schien sich unendlich vor mir auszubreiten, voller Sonnenschein, Möglichkeiten, Freiheit und Freude.

***

Mutter fand nahezu sofort eine neue Arbeitsstelle. Sie hatte von England aus ein Treffen in einem Atelier vereinbart und bekam schon eine Woche nach unserer Ankunft den Auftrag, mehrere Gemälde anzufertigen. Für meinen Vater war es nicht ganz so einfach – er war Erdkundelehrer, aber keine der internationalen Schulen hatte eine Stelle zu besetzen. Da er kein Französisch sprach, war er stark eingeschränkt und vom sozialen Leben ausgeschlossen. Daher verbrachte er die ersten Monate fast ausnahmslos zu Hause oder spielte mit mir, sobald ich von der Schule kam.

»Bist du hier glücklich?«, fragte er oft. »Möchtest du bleiben?«

Ich sagte ihm, dass ich glücklich sei und bleiben wolle. Ich hatte zwar noch keine Freundschaften an der internationalen Schule geschlossen (obwohl die anderen Kinder nett waren), aber ich liebte es, draußen zu sein, durch den Farnwald zu rennen, im Sand zu graben und die Mangobäume zu schütteln. Doch am allermeisten liebte ich es, so viel Zeit mit meinem Vater zu verbringen.

Wir gingen fast jeden Tag in der kleinen Bucht schwimmen, und ich wurde so gut, dass ich ins schulische Schwimmteam aufgenommen wurde. Ich bekam meine eigene Badekappe, auf der in roten Lettern Olivia prangte.

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