Logo weiterlesen.de
Deine Küsse – heißer als Feuer

Tessa Radley

Deine Küsse – heißer als Feuer

1. KAPITEL

Alles lief wie am Schnürchen.

Na ja, fast alles, musste Guy Jarrod zugeben, als er den weiten gepflasterten Platz betrat, der das Herzstück des luxuriösen Resorts Jarrod Ridge bildete. Das Jarrod Ridge war eine der berühmtesten Ferienanlagen in Aspen, Colorado.

An diesem Morgen hatte Erica Prentice, seine erst kürzlich entdeckte Halbschwester, der Familie beim Frühstück eine schlechte Nachricht überbringen müssen, die ihm sofort den Appetit verdorben hatte. Ausgerechnet Art Lloyd, einer der Redner auf der Food and Wine Gala, hatte am Vortag wegen einer schweren Grippe absagen müssen. Ersatz für Art zu finden würde nicht einfach sein, da musste er sich etwas einfallen lassen. Doch davon abgesehen konnte es nicht besser laufen. Die Vorbereitungen für das jährliche Weinfestival waren so gut wie abgeschlossen, und unter den schneeweißen Zeltdächern rund um den Platz war schon viel los. Das Ganze bot einen beeindruckenden Anblick.

Selbst mein alter Herr würde das zugeben müssen, dachte Guy versonnen, und das Herz wurde ihm schwer. Sein Vater Don Jarrod war kürzlich verstorben, und so ganz hatte Guy sich immer noch nicht mit seinem Tod abgefunden. Das Jarrod Ridge war Dons Lebenswerk, und seine Kinder hatten sich schweren Herzens bereit erklärt, es fortzuführen.

Als ihn ein großer Schatten streifte, blickte Guy hoch. Ein bunter Fesselballon glitt über ihn hinweg. Neben Gavin, einem der jüngeren Brüder, stand Erica im Korb und wies begeistert auf irgendetwas, das Guy nicht sehen konnte. Stattdessen blieb sein Blick auf dem großen weißen Zelt hängen, in dem bereits eine vorgezogene Weinauktion stattfand, deren Erlös einem wohltätigen Zweck zugutekommen sollte. Neben dem Zelt stand sein Zwillingsbruder Blake und unterhielt sich mit …

Ja, mit wem? Als die Menschenmenge sich weiterschob und kurz eine Lücke entstand, erstarrte Guy und riss die Augen auf. Das konnte doch nicht wahr sein. Jetzt waren Blake und seine Gesprächspartnerin wieder verdeckt, dann wieder zu sehen … Tatsächlich, Guy hatte sich nicht geirrt. Die Blondine mit der aufreizend weiblichen Figur war ihm nur allzu vertraut. Aber was machte sie hier, neunhundert Meilen von Kalifornien entfernt?

Als sie sich während des Gesprächs die Sonnenbrille ins Haar schob und so ihre rosige Wange sichtbar wurde, biss Guy die Zähne zusammen. Wie oft hatte er diese weiche Wange gestreichelt, hatte die vollen Lippen geküsst, bis sich die zierliche Frau an ihn gedrängt und erregt aufgestöhnt hatte!

Wie gut er sich daran erinnerte – an dieses leise, aufreizende Stöhnen –, das ihn verrückt machte vor Verlangen.

Was, zum Teufel, hatte Avery Lancaster jetzt hier zu suchen und so Dringendes mit seinem Bruder zu besprechen?

Ohne nachzudenken, ging Guy mit langen Schritten auf die beiden zu und baute sich vor der Blondine auf, die ihm kaum bis zur Schulter reichte. Als habe sie gespürt, wer da auf sie zukam, wandte sie sich zu ihm um und sah ihn mit ihren großen blauen Augen an. Sofort überlief es ihn wieder heiß, und ihm stockte der Atem. Diese Reaktion kannte er nur zu gut, aber etwas war anders. Hatte er sich früher in dieser Situation unbesiegbar gefühlt, sozusagen wie eine Art Supermann, so war er jetzt unsicher.

Aber auch Avery wirkte nicht so gelassen wie sonst. „Guy …“, sagte sie leise.

Seit eineinhalb Monaten, genauer gesagt seit neunundvierzig Tagen, hatte er sie nicht mehr gesehen. Und er musste sich eingestehen, dass sie nichts von ihrer Wirkung auf ihn verloren hatte, auch wenn er in der Zwischenzeit versucht hatte, sich von dem Gegenteil zu überzeugen. Keiner Frau gestand er diese Macht über sich zu.

Doch er hatte sich geirrt. Als er sie ansah, war alles wieder da – die Sehnsucht, ihre helle glatte Haut zu streicheln, ihr die dünnen Träger des leichten Sommerkleids über die Schultern zu streifen und diesen Mund zu küssen …

„Avery …“ Mehr brachte auch er nicht heraus.

Überrascht sah Blake ihn an. „Ihr kennt euch?“

„Ja, wir haben damals gemeinsam die Weinkarte für mein New Yorker Restaurant zusammengestellt, fürs Baratin.“ Er warf Avery einen warnenden Blick zu, und sie hatte verstanden. Sie würde ihm nicht widersprechen, diese Verräterin. Es schien Ewigkeiten her zu sein, dass sie wie ein Wirbelwind in sein Leben getreten war und alles durcheinandergebracht hatte. In Wirklichkeit waren sie sich erst vor gut zwei Monaten das erste Mal begegnet. Vierzehn Stunden später hatte sie bereits in seinem Bett gelegen. Am nächsten Tag hatte sie ihr Hotel verlassen und war zu ihm in sein Apartment gezogen. Zwei Wochen darauf war sie spurlos verschwunden.

Doch anstatt jetzt darauf einzugehen und zu betonen, wie fabelhaft sie beim Baratin zusammengearbeitet hatten, wandte sie sich zu Blake um und strahlte ihn an.

Nur über meine Leiche. Guy presste kurz die Lippen aufeinander. Wollte sie sich jetzt etwa an seinen Bruder heranmachen? Das kam überhaupt nicht infrage. Ein Jarrod auf ihrer Abschussliste war genug.

Blake lächelte geschmeichelt. „Ich weiß, du hast mir erzählt, dass du noch einen Sommelier einstellen wolltest, Guy. Aber du hast nicht erwähnt, um was für eine entzückende Person es sich dabei handelt.“ Während er das sagte, ließ er die Augen nicht von Avery, die ihn weiterhin anlächelte und ihm kurz die Hand auf den Arm legte.

„Sie sind ein Schmeichler.“ Sie lachte leise.

Guy runzelte drohend die Stirn. Wenn sie nicht sofort aufhörte, mit Blake zu flirten, würde er sie zwingen, ihre Sachen zu packen und wieder nach Kalifornien zurückzukehren. Es reichte vollkommen, dass sie bereits einen Jarrod unglücklich gemacht hatte.

Schnell zog sie die Hand zurück und strich sich die Haare aus der Stirn. Bei dieser Bewegung spannte sich der dünne Stoff über ihren Brüsten, und Guy hielt den Atem an. Es machte ihn wütend, dass er ihren Reizen gegenüber nicht immun war, und er zwang sich, den Blick von ihr abzuwenden. Leider musste er dabei feststellen, dass sein attraktiver Bruder sie weiterhin wohlgefällig und sehr interessiert betrachtete.

Verdammt.

„Sie müssen Brüder sein“, sagte sie leicht atemlos. Auch jetzt ging Guy ihre Stimme unter die Haut. Er unterdrückte einen unwilligen Laut, als Blake sofort antwortete: „Guy ist mein Zwillingsbruder.“

„Deshalb waren Sie mir gleich so vertraut und …“

„Wir sind aber keine eineiigen Zwillinge“, unterbrach Guy sie brüsk, der es kaum aushielt, dass sie den Bruder wie ein saftiges Stück Fleisch musterte.

Jetzt wandte sie sich ihm wieder zu und blickte ihn ausdruckslos an. „Wie komisch, ich wusste gar nicht, dass du einen Bruder hast, geschweige denn einen Zwillingsbruder. Und dass du einer der Jarrods aus Aspen bist.“

Komisch? Sie hatten eine Affäre gehabt, eine leidenschaftliche und glühende Liaison, an der aber auch rein gar nichts komisch gewesen war. Nach sehr kurzer Zeit war Avery verschwunden. Warum hätte er ihr etwas von seinem Privatleben erzählen sollen? „Dann weißt du es jetzt. Und da du an den Jarrods interessiert zu sein scheinst, ich habe noch zwei weitere Brüder. Nur zu deiner Information.“

Ihr Lächeln wirkte leicht gezwungen, als sie jetzt den Blick senkte und schwieg. Recht so, sie hatte allen Grund, beunruhigt zu sein. Es sei denn, sie war dumm und wusste nicht, was Sache war. Aber das sah ihr nicht ähnlich, im Gegenteil. Er war damals derjenige gewesen, der sich von ihr hatte an der Nase herumführen lassen.

Wenn er nur daran dachte, wie er sich um sie bemüht hatte! Was war er nur für ein Idiot gewesen. Wie sorgfältig hatte er ihren Geburtstag geplant. Ein ganz besonderes Essen in seinem Restaurant, Blumen, Wein, Champagner, siebenundzwanzig weiße Kerzen, für jedes Lebensjahr eine. Und dann hatte er dagesessen und gewartet und gewartet.

Und während er gewartet hatte, bereit, ihr sein Herz zu öffnen, wie er es noch keiner Frau gegenüber getan hatte, hatte sie Jeffrey Morse verführt.

Eine Woche lang hatte er nicht schlafen können, war gedemütigt und zutiefst enttäuscht gewesen. Und auch jetzt nach fast zwei Monaten hatte er sich noch nicht vollständig von diesem Schlag erholt. Sicher, wenn Avery gewusst hätte, dass er einer der wohlhabenden Jarrods aus Aspen war, hätte sie sich sicher nicht mit seinem Geschäftspartner Jeff eingelassen, obgleich auch Jeff nicht gerade arm war. Aber sie hatten einfach nie Zeit gehabt, über ihr Privatleben zu sprechen. Entweder hatten sie über ihre Berufe und besonders über Weine diskutiert, oder sie waren miteinander ins Bett gegangen. Mittlerweile war Guy froh darüber, denn ihm war klar geworden, dass sie sich offenbar nur einen reichen Mann angeln wollte.

Nun, hier würde sie kein Glück haben, dafür würde er sorgen. „Weshalb bist du eigentlich gekommen?“, fragte er kalt.

Kaum hatte er das gesagt, ärgerte er sich schon wieder über seine Dummheit. Ihm sollte doch vollkommen gleichgültig sein, dass und warum sie hier war. Was auch immer sie als Erklärung vorbringen würde, er wusste, dass sie auf der Jagd nach einem reichen Mann war und nur deshalb zu diesem Festival gekommen war, auf dem sich die Reichen und Berühmten trafen. Denn Jeff hatte sich ziemlich bald von ihr getrennt, da er dem Freund gegenüber ein schlechtes Gewissen gehabt hatte. Im Grunde sollte Guy dankbar sein, dass er ihre wahren Absichten noch rechtzeitig erkannt hatte.

Und doch empfand er etwas ganz anderes als Dankbarkeit, als Avery sich jetzt die Lippen befeuchtete. Nicht aus Nervosität, das sah er genau, sondern als verführerische Geste. Und leider hatte das genau die Wirkung auf ihn, die sie beabsichtigte. Er war nicht in der Lage, seinen Blick von ihrem Mund zu lösen, und wenn man ihn mit der Waffe bedroht hätte. Leise fluchte er. Der arme Jeff … Er hatte keine Chance gehabt, als Avery es auf ihn abgesehen hatte. Er durfte dem Freund nicht böse sein.

Aber diesmal würde sie ihr Ziel nicht erreichen. Falls sie sich Blake als nächstes Opfer ausgesucht hatte, hatte sie sich geschnitten. Mit geballten Fäusten beugte Guy sich vor. Doch als er Luft holte, um sie zurechtzuweisen, nahm er den Duft dieses verführerischen Parfums wahr, das sie immer benutzt hatte. Verdammt, warum hatte er sich nicht besser im Griff! Schließlich sagte er nichts, sondern sah sie nur finster an.

„Art hat mich geschickt.“

„Art? Wieso denn das?“

„Weißt du das nicht?“, mischte Blake sich jetzt wieder ein. „Avery ist doch Arts Nichte … Auch wenn die beiden sich überhaupt nicht ähnlich sehen.“

Avery warf Blake ein warmes Lächeln zu. Wahrscheinlich hat sie dabei auch noch mit den Wimpern geklimpert, ging es Guy durch den Kopf. Raffiniertes Weib! Am liebsten hätte er sich zwischen sie und seinen Bruder gestellt. Doch er riss sich zusammen. „Du bist Art Lloyds Nichte?“

Sie nickte. „Ja. Du weißt doch sicher, dass er auf der Gala einen Vortrag halten sollte. Aber er hat eine schwere Grippe. Und da er sowieso schon unter Asthma leidet, hat der Arzt ihm verboten zu fliegen.“

Sie schien sich ernsthaft Sorgen um den Onkel zu machen. Erstaunlich. Solche Gefühle hatte er ihr gar nicht zugetraut. „Das tut mir leid. Denn Art mag ich sehr.“

Sie zuckte zusammen, denn es war mehr als deutlich, dass er sie ablehnte. Dann straffte sie die Schultern und blickte Guy direkt in die Augen, während sie mit ihrer rauen Schlafzimmerstimme entgegnete: „Und ich bin gekommen, um an seiner Stelle zu sprechen.“

Auch das noch!

Die Cocktailparty am Freitagabend, mit der die Food and Wine Gala jedes Jahr eröffnet wurde, war in vollem Gange. Die Gäste drängten sich in dem großen weißen Zelt, sodass das Bedienungspersonal Mühe hatte, sich mit den Tabletts einen Weg zu bahnen, auf denen sie auserlesene Vorspeisen und Kelche mit perlendem Champagner balancierten.

„Erica hat sich selbst übertroffen“, musste Guy zugeben und musterte die Menge, die sich nicht gescheut hatte, die saftigen Eintrittspreise zu bezahlen, und die sich blendend zu unterhalten schien. Alle wollten bei der Eröffnungsparty dabei sein.

„Es ist ja wohl eher das Essen, das die Leute anzieht. Und dafür bist du doch zuständig“, meinte Blake.

„Danke für das Kompliment.“ Guy neigte lächelnd den Kopf. „Weshalb auch immer, es ist gut, dass alle Karten weggegangen sind. Je mehr Menschen heute Abend da sind, desto ausführlicher wird die Presse über das Festival berichten. Und wir können mit vielen Besuchern rechnen. Das ist auch eine gute Werbung fürs Jarrod Ridge.“

„Für die PR-Abteilung ist Erica sicher ein Gewinn“, gab Blake zu. „Aber ich war immer sicher, dass die Karten komplett weggehen und keine mehr an die örtlichen Geschäftsleute abgegeben werden können, wie Erica vorgeschlagen hatte.“

„Dennoch, es hätte uns bestimmt viel Anerkennung hier bei den Ortsansässigen eingebracht“, gab Guy zu bedenken, obwohl er Ericas Vorschlag genauso wie Blake abgelehnt hatte. Tief in sich ahnte Guy, dass das nicht aus rein wirtschaftlichen Überlegungen geschehen war. Vielmehr hatte er sich irgendwie noch nicht damit abgefunden, dass plötzlich diese Halbschwester aus einer unehelichen Beziehung des Vaters aufgetaucht war. Da er sich dieser Haltung insgeheim aber schämte, verdrängte er den Gedanken schnell wieder.

„Wie auch immer“, meinte Blake abschließend, „die ganze Sache wäre auch viel zu groß geworden, und das wäre auf Kosten der Exklusivität gegangen.“

„Vielleicht hätten wir die Anzahl der Redner beschränken sollen, die ja alle nicht bezahlen mussten.“ Guy blickte missmutig auf die junge blonde Frau, die ein paar Meter neben ihm stand und schuld daran war, dass er seinen mühsam erworbenen Seelenfrieden wieder verloren hatte. Avery plauderte lächelnd mit den Gästen und schien sich pudelwohl zu fühlen. Im Gegensatz zu Guy, der alles andere als entspannt war.

„Wieso? Dad hat die Redner des Festivals immer zu der Eröffnungsparty eingeladen. Mom hatte damals mit dieser Tradition begonnen.“

Das stimmte, musste Guy zugeben. Aber Dons Nachkommen hatten sich doch auch sonst nicht um die Wünsche des Alten geschert, sondern waren ihre eigenen Wege gegangen. Warum war auf einmal wichtig, was Donald Jarrod wollte? Zumal der Mann tot war? Aber am heutigen Abend wollte Guy keinen Streit mit seinem Zwillingsbruder anfangen. Vor allem nicht, da Avery in der Nähe stand, die ihm mit einem kurzen Nicken zu verstehen gegeben hatte, dass sie ihn sehr wohl sah. Unwillkürlich trat Guy dichter an den Bruder heran, als wolle er ihn vor Averys gefährlichem Einfluss schützen. Ganz sicher würde sie versuchen, sich an Blake heranzumachen. Und so atemberaubend, wie sie in diesem Kleid aussah, würde ihr das bestimmt nicht schwerfallen. Wann immer sie den Kopf bewegte, funkelten die Diamantstecker in ihren Ohren. Selbst inmitten dieser erlesenen Gästeschar erregte sie Aufsehen.

Doch nachdem sie den Brüdern ein kurzes Lächeln geschenkt hatte, schien sie an Blake nicht mehr interessiert zu sein. Kein Wunder, denn vor ihr war ein großer schlanker Mann aufgetaucht, auf den sie jetzt strahlend zuging und den sie mit einem Kuss auf die Wange begrüßte. Guy grinste sarkastisch. Typisch Avery. Schon hatte sie ein neues Opfer gefunden.

„Wer ist denn der Mann da neben Avery Lancaster?“, fragte er den Bruder, der normalerweise jeden kannte, der Rang und Namen hatte.

„Irgendwie kommt er mir bekannt vor“, meinte Blake und runzelte die Stirn. Dann schnippte er mit den Fingern. „Ich hab’s! Das ist ein Winzer. Aus Kalifornien, glaube ich. Ich komme momentan nicht auf seinen Namen.“

„Kannst du dich an den Namen des Weinguts erinnern? Wie sind seine Weine? Eher mittelmäßig?“ Aus irgendeinem Grund wollte Guy gern etwas an dem Fremden auszusetzen haben, der so dicht vor Avery stand.

„Das kann ich dir im Augenblick nicht sagen. Aber der Name wird mir schon wieder einfallen. Warum?“

Guy zögerte kurz. Zuzugeben, dass er an dem Fremden einen Fehler finden wollte, war dann doch zu peinlich. „Es ist immer gut zu wissen, wer die besten Weine macht.“

„Stimmt.“ Blake nickte. „Das sind wir unserem Ruf schuldig.“

In diesem Augenblick warf Avery den Kopf zurück, sodass die Ohrringe glitzerten, und lachte laut über irgendetwas, das der Kalifornier gesagt hatte. Guy ärgerte sich. Aber warum eigentlich? Er sollte doch froh sein, dieser geldgierigen Person rechtzeitig entkommen zu sein. Normalerweise machte es ihm überhaupt nichts aus, wenn eine Beziehung zu Ende ging, ja, meist blieb er mit seinen früheren Geliebten sogar noch befreundet. Aber dieses Mal war es anders.

Als Blake ihn irgendetwas fragte, nickte er zustimmend, ohne eigentlich begriffen zu haben, worum es ging. So sehr war er mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Auch wenn Avery der Meinung war, sie hätten nichts mehr miteinander zu tun, für ihn war noch eine Rechnung offen. Schließlich hatte sie ihn ohne Erklärung verlassen, um seinen Freund und Geschäftspartner Jeff zu verführen. Das musste sie ihm erklären, darauf würde er bestehen. Denn Guy Jarrod ließ man nicht einfach fallen wie eine heiße Kartoffel, das würde er ihr klarmachen.

Erica trat auf die beiden Brüder zu, und Guy machte einen Schritt zur Seite, um Avery weiterhin beobachten zu können, die jetzt ein Glas Champagner vom Kellner entgegennahm, ohne allerdings einen Schluck zu trinken. Dann wandte sie sich plötzlich zu Guy um, der sich ertappt fühlte und schnell so tat, als sei er in ein intensives Gespräch mit Erica vertieft. Die sah ihn verblüfft an, und auch Blake wusste nicht, was er davon halten sollte. Denn dass Guy der neuen Halbschwester gegenüber seine Vorbehalte hatte, war beiden klar.

Schnell warf Guy wieder einen Blick auf Avery. Sie hatte das Glas unberührt auf einem Tischchen hinter sich abgestellt und unterhielt sich immer noch lebhaft mit dem Fremden aus Kalifornien. Dass sie ihm wiederholt kurz die Hand auf den Arm legte, versetzte Guy einen Stich. Diese Geste wirkte sehr vertraut. Vielleicht kannte sie den Mann gut, vielleicht war er sogar ein früherer Geliebter von ihr, mit dem sie bereits Kontakt gehabt hatte, als sie noch mit Guy zusammen gewesen war?

„Geht’s dir nicht gut, Guy?“

Er zuckte zusammen. Erica sah ihn besorgt an. Und als er sich nach dem Bruder umsah, sagte sie schnell: „Blake holt mir ein Glas Wasser. Mir ist heiß, und ich habe Durst. Das ist ein anstrengender Tag heute.“

Guy erschrak. Wie hatte es sein können, dass er weder Ericas Unwohlsein noch Blakes Abwesenheit bemerkt hatte? War sein Interesse an Avery ihm so deutlich anzumerken, dass es selbst Erica aufgefallen war?

„Wer ist diese Frau?“, fragte sie da auch schon.

„Ist nicht wichtig!“, stieß er abweisend hervor.

„Aber Guy, ich will dir doch nur helfen. Du wirkst irgendwie … unglücklich.“

Unglücklich? Wieso das denn? „Keineswegs. Mir geht’s gut.“

Und als Erica zweifelnd den Kopf wiegte, fügte er hinzu: „Doch, wirklich. Es ist alles okay.“

„Na gut, schon verstanden.“ Lächelnd legte sie ihm die Hand auf den Arm.

Er war erleichtert. „Danke.“ Es wurde wirklich Zeit, dass er seine Vorbehalte gegenüber dem neuen Familienmitglied ablegte. Doch bevor er ihr noch ein Kompliment wegen der Organisation der Party machen konnte, sah er aus dem Augenwinkel, wie Avery gemeinsam mit dem Fremden dem Ausgang zustrebte. Guy war empört. Hatte sie etwa vor, hier vor seinen Augen ihr neues Opfer abzuschleppen? Das kam überhaupt nicht infrage. Doch dann trat ein bekannter Restaurantkritiker auf die beiden zu und verwickelte den Kalifornier in ein Gespräch.

Diese Gelegenheit nutzte Guy. „Entschuldige, Erica“, murmelte er und ging zu Avery hinüber. Erica beobachtete amüsiert, wie er sich zwischen die junge Frau und den Fremden drängte und sie zur Seite zog.

„Ich muss mit dir sprechen, Avery.“

„Guy! Was soll das?“

Mit einer Geste, die auf Außenstehende liebevoll gewirkt hätte, legte er den Arm um sie und flüsterte ihr ins Ohr: „Ich kann dir nur raten, jetzt keine Szene zu machen!“

„Szene? Wer macht hier eine Szene? Ich doch nicht!“ Vergeblich versuchte sie, sich aus seiner Umarmung zu befreien. „Lass mich los!“

Als er ihren vertrauten Duft wahrnahm, wurde er fast verrückt vor plötzlichem Verlangen. Aber er nahm sich zusammen. „Pst, sei ruhig. Ich will dich doch nicht entführen.“

Da war Avery gar nicht so sicher.

Als sie ihm einen schnellen Blick von der Seite her zuwarf, erschrak sie. So entschlossen, ja, beinah rücksichtslos hatte sie ihn noch nie erlebt. Sein Arm fühlte sich an wie eine eiserne Klammer, und obgleich sie versuchte, ihn abzuschütteln, war sie sich seiner erregenden Nähe nur allzu bewusst. Dass es zu dieser Konfrontation kommen würde, war ihr klar gewesen. Sowie er erfuhr, dass sie an Stelle des Onkels eine Rede halten würde, würde er sie stellen.

Wenn sie gewusst hätte, dass Guy zu den Jarrods in Aspen gehörte, hätte sie alles getan, was in ihrer Macht stand, um einem Besuch aus dem Weg zu gehen. Noch am Nachmittag hatte sie versucht, Matt zu überreden, hatte ihn geradezu angefleht, an ihrer Stelle den Vortrag zu halten, auch wenn sie so ihr Versprechen dem Onkel gegenüber brechen würde. Aber Matt musste am folgenden Tag schon wieder zurück in Kalifornien sein, sodass sie bleiben musste.

Wieder sah sie Guy an, und wieder schlug ihr Herz schneller. Schon aus der Entfernung sah er ausgesprochen gut aus, aber von Nahem war er einfach umwerfend. In dem maßgeschneiderten Smoking und mit seinen breiten Schultern und den schmalen Hüften wirkte er sehr beeindruckend, und das schneeweiße Smokinghemd unterstrich noch die markanten Gesichtszüge mit der kräftig gebräunten Haut.

Warum konnte sie ihn nur nicht hassen? Verdient hätte er es allemal.

Auf keinen Fall durfte er merken, welche Wirkung er auf sie hatte. Und so hob sie mit einem arroganten Lächeln die Augenbrauen. „Dann willst du mit mir sprechen? Worüber denn?“

Guy antwortete nicht sofort, sondern ließ sie erst los, als er sich unbeobachtet glaubte. „Du hast vor, an Arts Stelle zu sprechen?“

„Ja. Passt dir das nicht?“

Natürlich passte ihm das nicht, das hatte er sehr deutlich gezeigt. Aber warum eigentlich nicht? Na, das würde sie sicher noch früh genug erfahren. Sie lächelte ihn nur freundlich an, während sie sich ein Glas Champagner nahm, das ein Kellner ihr anbot. Ihr zitterten jedoch die Hände. Und um das zu verbergen, hob sie das Glas an den Mund und trank einen Schluck. Hm, das tat gut … Kurz schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war Guys Blick direkt auf ihren Mund gerichtet. Dann sah er ihr in die Augen, und sie wusste genau, was ihm durch den Kopf ging. Dass er ihr früher immer ein Glas Champagner eingeschenkt hatte, nachdem sie sich …

Nein, nein, sie wollte nicht mehr an diese Begegnungen denken, an die vielen Gläser, die sie dann doch nicht ausgetrunken hatten, weil die Leidenschaft sie wieder übermannt hatte! Schnell senkte sie den Blick und musterte die kleinen Knöpfe an seinem Smokinghemd. Wie oft hatte sie ihm das Hemd hastig aufgeknöpft, wenn sie nach Hause gekommen waren … Oh, nein!

Ihr Blick fiel auf sein Kinn, dann auf den Mund …

„Du hörst mir ja gar nicht zu.“

„Natürlich höre ich dir zu.“ Hoffentlich wollte er jetzt nicht wissen, was er zuletzt gesagt hatte.

„Gib zu, es interessiert dich überhaupt nicht.“

Du interessierst mich nicht“, stieß sie leise hervor. Wenn sie sich doch nur selbst davon überzeugen könnte!

Doch als er die schönen Lippen zu einem schmalen Strich zusammenpresste, schlug ihr Herz wieder schneller. Hinzu kam, dass er so vertraut roch, nach dieser Sandelholzseife, die er immer benutzte, und nach … Mann. Dennoch durfte sie nicht vergessen, dass er ein übler Schuft war. Dem sie um jeden Preis aus dem Weg gehen musste.

„Das ist wieder mal typisch!“ Er lachte verächtlich. „Dass Frauen aber auch nie die Gefühle aus dem Spiel lassen können, wenn es um den Job geht.“

„Das stimmt doch gar nicht! Ich …“ Sie stockte. Vielleicht hatte er doch recht. Sie hätte nicht zu betonen brauchen, dass sie nicht an ihm interessiert war. „Tut mir leid, das hätte ich nicht sagen sollen.“ Vor allem da ihre Reaktion sehr deutlich gemacht hatte, dass es eine Lüge gewesen war.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Deine Küsse - heißer als Feuer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen