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Dein stummer Schrei

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. Andreea
  8. Ted
  9. Patrik
  10. Ted
  11. Patrik
  12. Andreea
  13. Ted
  14. Patrik
  15. Andreea
  16. Ted
  17. Patrik
  18. Andreea
  19. Patrik
  20. Ted
  21. Patrik
  22. Andreea
  23. Ted
  24. Patrik
  25. Andreea
  26. Patrik
  27. Ted
  28. Andreea
  29. Patrik
  30. Ted
  31. Andreea
  32. Patrik
  33. Andreea
  34. Ted
  35. Patrik
  36. Andreea
  37. Patrik
  38. Andreea
  39. Ted
  40. Patrik
  41. Andreea
  42. Patrik
  43. Ted
  44. Andreea
  45. Patrik
  46. Andreea
  47. Patrik
  48. Ted
  49. Patrik
  50. Ted
  51. Patrik
  52. Ted
  53. Patrik
  54. Ted
  55. Patrik
  56. Ted
  57. Patrik
  58. Ted
  59. Patrik
  60. Ted
  61. Patrik
  62. Ted
  63. Patrik
  64. Ted
  65. Patrik
  66. Ted
  67. Patrik
  68. Ted
  69. Patrik
  70. Andreea
  71. Epilog
  72. Fakta

Über das Buch

 

Die 16-jährige Andreea hofft auf eine bessere Zukunft, als sie aus Bukarest nach Spanien aufbricht. In Spanien erwartet sie jedoch nicht der versprochene Job als Putzhilfe, sondern ein Martyrium. Gleich nach ihrer Ankunft wird sie in einer kleinen Wohnung eingesperrt und unzählige Male vergewaltigt. Als sie nach einigen Wochen wie eine Ware nach Schweden weitergereicht wird, entschließt sie sich, ihrer Hölle ein Ende zu setzen und nie mehr zuzulassen, dass man ihr Gewalt antut. Sie greift zur Waffe …

Über die Autorin

 

Sara Larsson, geboren 1973, lebt in Stockholm. Sie hat zunächst Ingenieurswissenschaften, dann Journalistik und Jura studiert. Sie arbeitet momentan als Beraterin, vor allem in Schulen und sozialen Einrichtungen. Die erste Lüge ist ihr Debüt, für das sie in Schweden viele begeisterte Rezensionen von den Literaturkritikern und Lesern bekommen hat. Sie stand mit diesem aufrüttelnden Spannungsroman auf der Top-10-Bestsellerliste in Schweden.

Sara Larsson

DEIN
STUMMER
SCHREI

Thriller

Aus dem Schwedischen
von Corinna Roßbach

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Prolog

 

Andreea schlägt die Autotür zu und zieht den Mantel enger um ihren Körper. Vor ihr erhebt sich das Hotelgebäude aus rot gestrichenem Holz, dahinter breitet sich eine Wiesenlandschaft aus, die in der dunklen Nacht nur zu erahnen ist. Und dann die Sterne. Sie hat seit Jahren keine Sterne mehr gesehen. Jetzt funkeln sie am ganzen Himmel.

Sie wartet, bis Razvan weggefahren ist, tippt dann den Code ein und betritt das Haus durch die Hintertür. Sie folgt seinen Anweisungen, geht die Treppe hinauf und betritt einen langen Flur. Vor der ersten Türe auf der rechten Seite des Gangs bleibt sie stehen. SUITE steht auf dem angelaufenen Metallschild. Durch die Tür sind Männerstimmen und das Klirren von Gläsern zu hören. Sie schiebt die Hand in die Tasche, holt das Springmesser hervor und lässt es aufschnappen. Der Stahl fühlt sich kalt an in ihrer Hand. Sie steckt das Messer zurück in die Tasche, ohne es zu schließen. Dann hebt sie die Hand und klopft an.

Die Gespräche verstummen, werden ersetzt von Gemurmel und vereinzeltem Lachen. Sie öffnet und tritt ein. Die Suite ist riesig. Halb leere Flaschen unterschiedlichster Marken auf dem Tisch zeugen davon, dass die Party schon länger im Gange ist.

Fünf Männer im Anzug blicken sie an. Einer sieht ein wenig verlegen aus, ein anderer lacht. Ein weiterer hat Schwierigkeiten, das Gleichgewicht zu halten.

Andreea bleibt mitten im Raum stehen. Bewegt sich nicht und sagt nichts. Einer der Männer kommt einen Schritt auf sie zu und streckt seine Hand aus. Schnell weicht Andreea zurück.

»Stopp!«, sagt sie. Der Mann erstarrt mitten in der Bewegung.

Sie lässt ihren Blick über die Männer schweifen und sieht, dass sie anfangen nervös zu werden. Niemand sagt etwas.

»Ich bin sechzehn Jahre alt.«

Ein paar Männer blicken betreten zu Boden.

»Ich bin Hunderte Male vergewaltigt worden.«

Bevor sie reagieren können, zieht sie das Messer aus der Tasche und hält es sich an den Hals. Sie spürt, wie die Hauptschlagader pulsiert. Ihr Herz schlägt schneller wegen des Adrenalins.

Sie hält das Messer ganz still. Die Männer stehen da wie erstarrt. Die Tabletten, die sie zusammen mit dem Alkohol eingenommen hat, helfen ihr, sich darauf zu konzentrieren, was sie tun soll. Und keine Angst zu haben.

»Ich habe nicht vor, jemals wieder vergewaltigt zu werden.«

Dann schließt sie die Augen und setzt den Schnitt.

ANDREEA

Madrid, Februar 2015

Der Regen prasselt hernieder und macht es nahezu unmöglich, etwas durch die schmutzigen Seitenfenster zu sehen. Alles scheint genauso grau wie zu Hause. Andreea beißt auf den Nagel ihres Zeigefingers und verzieht das Gesicht, als sie den bitteren Nagellack auf ihrer Zunge schmeckt. Draußen rauscht die mehrspurige Autobahn vorbei. Je weiter der Morgen vorangeschritten ist, desto mehr Autos sind es geworden.

Sie sinkt in den Sitz zurück. Ihr Körper schmerzt vor Müdigkeit nach der langen Busreise von Bukarest nach Spanien. Die grellen Leuchtstoffröhren unter der Decke haben die ganze Nacht gebrannt und es unmöglich gemacht zu schlafen. Außerdem hat sie Angst gehabt, dass niemand sie bei ihrer Ankunft abholen würde, weil es ein Missverständnis gegeben haben könnte zwischen Cosmina und deren Cousin Razvan, der Andreea einen Job versprochen hat. Doch als der Busfahrer sie an einer Haltestelle am Straßenrand abgesetzt hat, hat dort tatsächlich ein Mann auf sie gewartet. Er hat ihren Koffer in den Kofferraum seines alten, ramponierten Volkswagens geworfen und ihr befohlen, auf der Rückbank Platz zu nehmen. Anschließend ist die lange Reise weiter gegangen.

Sie rutscht auf ihrem Sitz hin und her. Es riecht nach Rauch und etwas anderem, Säuerlichem, vielleicht Schweiß. Die Polster sind voller Flecken und haben Löcher. Obwohl Cosminas Cousin inzwischen ein Restaurant in Spanien betreibt, scheint er sich kein schickeres Auto als in Rumänien leisten zu können.

Sie begegnet seinem Blick im Rückspiegel. Er sieht aus, als sei er zwischen vierzig und fünfzig. Sein lichtes Haar trägt er zurückgekämmt, das Kinn ist glatt rasiert. Die beigefarbene Daunenjacke, die er vorhin an der Bushaltestelle trug, hat er neben sich auf den Beifahrersitz geworfen. Seine Finger, die das Lenkrad locker umfassen, sind kurz und dick. Am rechten Ringfinger prangt ein breiter Goldring. Er sieht kein bisschen so aus, wie Andreea ihn sich vorgestellt hat, im Gegenteil. Dieser Mann sieht aus wie all die anderen armen Rumänen.

»Wie heißt du?«

Seine durchdringende Stimme unterbricht ihre Gedanken.

»Andreea.«

Er nickt nur kurz und setzt die Fahrt schweigend fort. Sie kaut ein wenig auf ihrem Nagel herum. Der Lack, von ihr am Sonntag sorgfältig aufgetragen, hat sich beinahe vollständig gelöst. Sie hätte sich über Cosminas Ratschlag hinwegsetzen und den Nagellack trotzdem einpacken sollen. Nimm nicht so viel billiges rumänisches Zeug mit, hatte Cosmina gesagt, wenn du dein eigenes Geld verdienst, kannst du dir in Madrid alles neu kaufen. Aber dieses Geld hat sie noch nicht, und nun wird sie an ihrem ersten Arbeitstag mit abgeblättertem Nagellack erscheinen. Das ist kein gutes Gefühl.

Es wird langsam hell draußen, aber es ist ein eintöniges graues Licht. Die schlanken, hoch aufragenden Zypressen, die die Straße bisher gesäumt haben, sind inzwischen von Gebäuden abgelöst worden. Das muss bedeuten, dass sie sich Madrid nähern.

Sie wünschte, Iosif könnte sie jetzt sehen. Sie würde ihm zeigen, wie sehr er sich damals geirrt hat. Als sie von zu Hause abgehauen ist, hat er ihr hinterher geschrien, dass aus ihr niemals etwas werden würde. Dass sie schon bald angekrochen kommen und ihn anflehen würde, wieder nach Hause kommen zu dürfen. Das hätte sie auch beinahe getan. Im letzten Monat, wo sie auf Treppenabsätzen und Parkbänken geschlafen hatte, hatte sie mehrfach überlegt, nach Hause zurückzukehren. Doch dann war Cosmina aufgetaucht und hatte ihr Kost und Logis angeboten, wenn sie als Gegenleistung für sie putzte. Und jetzt sitzt sie hier, in einem Auto in Spanien, auf dem Weg zu ihrem ersten selbst verdienten Geld, während sich Iosif zu Hause in seinem Elend zu Tode säuft. Gott, wie sehr sie sich wünscht, er könnte sie jetzt sehen.

Der Mann fährt von der Autobahn ab und hält an einem Einkaufszentrum.

»Du brauchst Arbeitskleidung. Warte hier, ich bin gleich wieder da.«

Er stellt den Motor ab, steigt aus und schließt die Tür, bevor sie darauf antworten kann. Ein Klicken sagt ihr, dass er das Auto von außen verriegelt hat. Warum tut er das? Glaubt er, sie würde abhauen? Aus reiner Neugier versucht sie, die Tür zu öffnen, doch sie ist verschlossen. Sie atmet ein paar Mal tief durch. Redet sich selbst ein, dass alles so ist, wie es sein soll. Dass der einzige Grund für ihre Unsicherheit die Tatsache ist, dass sie noch nie im Ausland gewesen ist und niemanden in Madrid kennt.

Als der Mann wieder zurückkommt, wirft er eine Tüte mit Kleidung zu ihr auf den Rücksitz.

»Hier.«

Sie blickt vorsichtig hinein und wundert sich, als sie rote Spitzenunterwäsche entdeckt, die zuoberst liegt. Winzige String-Tangas mit dazu passendem BH. Verwirrt schaut sie den Mann auf dem Fahrersitz an. Doch der hat das Auto schon wieder gestartet und blickt stur geradeaus auf die Straße.

Ihre Finger gleiten über den Stahlbügel des kleinen BHs. Die Röte schießt ihr in die Wangen, als sie sich vorstellt, wie der Mann in der Wäscheabteilung gewesen ist, um Unterwäsche für sie zu kaufen. Mit wenig Stoff und vielen Spitzen. Und in Rot, der gleichen Farbe, die ihre glühenden Wangen gerade überzieht.

»Danke.«

Sie versucht zu lächeln, um die Stimmung im Auto zu verbessern, doch er lächelt nicht zurück. Die Stille verunsichert sie immer mehr. Warum erzählt er nicht von dem Restaurant, in dem sie arbeiten soll, oder irgendeine lustige Geschichte aus Madrid? Was auch immer, Hauptsache, er beendet das Schweigen.

»Bist du Cosminas Cousin?«, fragt sie, obwohl sie es schon weiß.

Der Mann nickt und murmelt etwas, dann ist es wieder still.

Auf seinem Kragen hat sich eine dünne Schicht aus Haarschuppen gebildet. Genau wie bei Großvater. Er hatte auch Schuppen, die in seinem pechschwarzen Haar nicht zu übersehen waren. Andreea erinnert sich, wie ihre Großmutter immer eine Tinktur aus Zitronenschalen und Wasser hergestellt hatte, die Großvater in die Kopfhaut einmassieren sollte. Großmutter behauptete, dass die Säure die Hefepilze in den Schuppen bekämpfen würde. Andreea weiß nicht, ob Großvater daran glaubte, aber er tat trotzdem immer, was Großmutter sagte.

»Den Pass.«

Andreea blickt erschrocken auf. Der Mann wirf ihr durch den Rückspiegel einen auffordernden Blick zu und streckt seine Hand nach hinten.

»Was?«

»Gib mir deinen Pass.«

Es klingt wie ein Befehl, und er hält ihr die Hand immer noch hin. Andreea drückt sich tiefer in den Sitz, damit er sie nicht berührt. Ihr Herz schlägt schneller. Warum möchte er ihn haben?

»Gib ihn mir.«

Verwirrt kramt Andreea in ihrer Jackentasche und zieht den Ausweis hervor, der nicht ihrer ist. Sie hat ihn sich von einem achtzehnjährigen Mädchen geliehen. Widerwillig reicht sie dem Mann den Pass. Sie fühlt sich unbehaglich dabei, so als wäre der Pass das einzig Sichere hier in der Fremde.

Der Mann blickt kurz darauf und steckt ihn dann in die Innentasche seines Jacketts.

»Wir sind gleich bei der Wohnung, in der du unterkommen wirst«, sagt er. »Im Kühlschrank ist Pizza, die kannst du dir warm machen. Nimm eine Dusche, und mach dich hübsch. Ich komme in ein paar Stunden zurück, dann geht’s zur Arbeit.«

»Aber …«, fängt sie an, verstummt dann aber wieder. Es macht keinen guten Eindruck, wenn man sich sofort beklagt, kaum dass man eine Anstellung hat. Aber sie ist so müde, dass sie sich nicht vorstellen kann, heute noch irgendwelchen Arbeitsanweisungen folgen zu können. Andererseits, je schneller sie in die Gänge kommt, desto schneller wird sie das Geld zusammenhaben, um zurück nach Rumänien zu fahren. Damit tröstet sie sich.

»Wir sind da.«

Der Mann hat auf einem Parkplatz vor einem gigantischen Wohnkomplex aus grauem Beton geparkt. Solche Gebäude kennt sie aus Bukarest. Sie hatte auf etwas mehr Farbe in Madrid gehofft. Aber jetzt, im Februar, ist es wahrscheinlich überall grau. Die Balkone scheinen hauptsächlich als Abstellfläche genutzt zu werden.

Sie dreht den Kopf und sieht einen kleinen Marktplatz direkt dahinter. Der Springbrunnen in der Mitte ist trocken, sie erkennt eine Pizzeria und ein Lebensmittelgeschäft. Ein Schild neben der Pizzeria erregt ihre Aufmerksamkeit. METRO steht in weißen Buchstaben auf einem dunkelblauen Viereck, das wiederum auf einer roten Raute ruht. Der Mann bemerkt ihren fragenden Blick.

»U-Bahn«, erklärt er und zeigt auf das Schild. »Aber die wirst du nicht nehmen müssen. Ich fahre dich überallhin.«

Er stellt den Motor ab und steigt aus dem Auto, geht hinüber auf ihre Seite und öffnet die Tür. Sie erinnert sich, dass er die Kindersicherung aktiviert hatte, als ob sie ein Kleinkind wäre. Vorsichtig stellt sie die Füße auf den Boden, macht zögernd einen ersten Schritt. Keine Menschenseele ist zu sehen, weder auf der Straße noch auf einem der Balkone. Alles ist wie ausgestorben, ganz anders als in Bukarest. Dort sind immer Menschen unterwegs, zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Der Mann holt einen Schlüsselbund hervor. Es rasselt laut, so viele Schlüssel hängen daran. Sie bemerkt die Farbkappen, die ihn offenbar erinnern sollen, welcher Schlüssel zu welcher Tür passt. Er wählt den grün markierten und schließt die Haustür auf. Dann legt er den Arm um ihre Schultern und führt sie ins Haus. Der Schweißgeruch wird stärker, jetzt, wo er ihr so nahe ist. Sie windet sich aus seinem Griff, als sie im Treppenhaus angelangt sind.

»Komm jetzt«, sagt er barsch und hält ihr die Aufzugtür auf. Andreea errötet und geht schnell hinein. Sagt zu sich selbst, dass sie sich dankbar zeigen muss. Dieser Mann hat ihr einen Job besorgt, obwohl er sie überhaupt nicht kennt und keine Verpflichtung dazu hatte.

Er drückt auf die Taste in den dritten Stock. Andreea merkt es sich. Dieses Haus wird wohl eine Zeitlang ihr Zuhause sein. Nachdem sie aus dem Aufzug gestiegen sind, schließt der Mann eine der Türen auf. Sie ist in beißendem Orange gestrichen. Zögernd tritt Andreea ein. Sie hat eine Menge Fragen, traut sich aber nicht, eine zu stellen. Schließlich fasst sie sich ein Herz.

»Wo ist das Restaurant?«

Irritiert blickt er sie an.

»Darüber musst du dir jetzt nicht den Kopf zerbrechen.«

Andreea nickt, tröstet sich damit, dass sie es schon früh genug erfahren wird. Gleich heute Abend, wenn sie ihn richtig verstanden hat.

Die Wohnung ist klein. Am Ende des kleinen Flurs erkennt sie ein Wohnzimmer mit dunkelrotem Sofa und braunen Gardinen, rechts liegt die Küche. Der Mann öffnet die Tür auf der linken Seite und führt Andreea in ein stickiges, schäbiges Schlafzimmer. Durch die schmutzigen Fensterscheiben wirkt der Raum dunkler, als er eigentlich ist. Andreea beschließt, sie zu putzen, sobald der Mann die Wohnung verlassen hat. Wenn sie hier wohnen soll, möchte sie es sich auch behaglich machen. So behaglich, wie es geht, jedenfalls. Sie betrachtet die Tapete, die sich an einigen Stellen bereits gelöst hat, und den schmutzigen Linoleumboden. Bonbonpapiere liegen hier und da herum. An der Wand steht ein ungemachtes Einzelbett aus grauem Metall, auf dem Fußboden liegen zwei Matratzen. Beide sehen aus, als seien sie kürzlich benutzt worden.

»Du teilst dir das Zimmer mit einigen anderen«, erklärt der Mann, als er Andreeas erstaunte Miene sieht. Sie fragt sich, wer ihre Zimmergenossen wohl sind. Hoffentlich ein paar Mädchen in ihrem Alter.

Der Mann stellt den Koffer und die Tüte mit den neuen Kleidern ab und fordert Andreea auf, ihm zu folgen, damit er ihr das Badezimmer zeigen kann: ein kleiner Raum mit gekachelter Duschkabine, einer Toilette und einem Waschbecken, alles im selben hellblauen Farbton. Andreea lässt Wasser über ihre Hände laufen, schließt die Augen und spürt, wie der Schmutz von ihr abrinnt.

»Komm, ich zeige dir die Küche.«

Der Mann sieht ungeduldig aus. Andreea seufzt und stellt den Wasserhahn wieder ab. Sie folgt ihm in den nächsten Raum.

Die Küche ist klein und wird von einem runden, weißen Tisch mit vier Plastikstühlen dominiert. Die Sitzgruppe ist wie die übrige Einrichtung alt und abgenutzt. Die Spüle sieht rissig aus, und in einem der Schränke fehlt eine Schublade. Der Mann öffnet den Kühlschrank und zeigt ihr die Pizzakartons.

»Nimm dir irgendeine«, sagt er. »Musst sie nur im Ofen aufbacken.«

»Danke.«

Sie überlegt, was sie noch sagen könnte, doch die Schweigsamkeit des Mannes verunsichert sie, und ihr fällt nichts ein. Er verschränkt die Arme vor der Brust und mustert sie stirnrunzelnd von Kopf bis Fuß.

»Okay, dusch und schminke dich, ich komme nachher wieder.«

Sie nickt wieder, spürt Tränen in sich aufsteigen, zwinkert sie aber schnell weg. Die ganze Umgebung kommt ihr sonderbar vor. Überhaupt nicht so, wie Cosmina es beschrieben hatte, als sie Andreea versichert hatte, dass es eine Chance sei, die nie wiederkäme, und dass sie dankbar sein solle, ausgewählt worden zu sein.

»Gut, dann fahre ich jetzt.«

Der Mann betrachtet sie wieder von oben bis unten mit diesem zweifelnden Blick, dann geht er. Sie hört das Geräusch eines Schlüssels, der umgedreht wird. Hat er sie wieder eingeschlossen? Sie geht zur Wohnungstür und drückt den Griff herunter. Die Tür lässt sich nicht öffnen. Andreea blickt sich um, sucht auf dem Flurtischchen und an der Garderobe, aber nirgends findet sie Schlüssel.

Zurück im Schlafzimmer lässt sie sich auf das Bett fallen. Obwohl sie seit dem Morgen nichts mehr gegessen hat, verspürt sie keinen Hunger, nur eine leichte Übelkeit. Sie schließt die Augen und versucht, an Ionela zu denken, ihre beste Freundin in Bukarest. Ionela hatte die Lippen zu einem schmalen Strich zusammengekniffen, als Andreea sie tags zuvor besucht hatte, um sich zu verabschieden. Natürlich war sie böse, dass Andreea wegfahren würde und nicht sie. Aber Andreea hatte sie so lange gekitzelt, bis Ionela lachen musste, und ihr ins Ohr geflüstert, dass sie bald wieder zurück sein würde. Daraufhin waren Ionela Tränen in die Augen gestiegen. Sie hatte sie schnell weggewischt. Aber Andreea hatte es gesehen, und ihr war warm ums Herz geworden. Die Freundin würde da sein, wenn sie wieder nach Hause kam. Allein das ließ sie die Einsamkeit hier leichter ertragen.

TED

Stockholm, Mai 2016

Der Schweiß läuft ihm von der Stirn, als er schließlich über ihrem Rücken zusammensackt und wartet, bis sein Herz wieder in normalem Takt schlägt. Das Mädchen rührt sich nicht.

»Alles in Ordnung?«, fragt er, während er sich aufrichtet und nach seiner Hose greift, die er nachlässig auf den Boden geworfen hat. Das Kondom ist von seinem schlaffen Penis gerutscht und liegt zerknüllt auf dem Laken.

Er blickt sich im weiß gestrichenen, sterilen Schlafzimmer um und bereut inzwischen, dass er sie in dieser Wohnung besucht und nicht extra für ein komfortableres Hotelzimmer bezahlt hat. Doch in letzter Zeit haben sich diese »Treffen« gehäuft, was zur Folge hatte, dass er, der sich normalerweise nicht darum kümmert, wie viel etwas kostet, angefangen hat, über den Preis nachzudenken. Deswegen bucht er jetzt auch nur noch ausländische Mädchen, die sind meistens billiger. Außerdem sind die meisten Escort-Damen nicht aus Schweden.

Sie antwortet immer noch nicht. Er streicht ihr übers Haar. Ihr Schweigen und ihr unbeweglicher Körper stören ihn. Er mag es nicht, wenn sie unbeteiligt, oder noch schlimmer – wenn sie traurig sind.

»Bist du okay?«, fragt er erneut, diesmal etwas eindringlicher. Sie bleibt stumm und drückt ihr Gesicht noch tiefer ins Kissen. Ted seufzt irritiert.

»Also … dein Geld hast du bekommen«, sagt er und zuckt die Schultern.

Endlich hebt sie den Kopf und blickt ihn an. Das dunkle Haar fällt strähnig über ihre Schultern. Es sieht aus, als hätte sie es schon eine Weile nicht mehr gewaschen. Ansonsten ist sie hübsch, sieht jünger aus als die in der Annonce angegebenen dreiundzwanzig Jahre. Sie zieht die Mundwinkel nach oben. Es sieht aus wie ein Lächeln, doch er könnte schwören, dass es nicht echt ist.

»Alles gut«, antwortet sie jetzt. Ihre Mundwinkel wandern noch ein Stück weiter nach oben.

Dieses Mal interpretiert er es als echtes Lächeln.

»Fein.«

Er zieht die Hose an und lächelt zurück. Es soll schelmisch wirken.

»Es war wirklich gut.«

Sie nickt.

»Fand ich auch.«

Er zweifelt daran, dass sie die Wahrheit sagt, beschließt aber, das Thema nicht weiter zu verfolgen und von hier zu verschwinden. Er zieht sich den Pullover über, merkt, dass er ihn falsch herum angezogen hat, und flucht verärgert. Jetzt sieht er zum ersten Mal ein echtes Lächeln auf dem Gesicht des Mädchens. Ganz kurz glitzert es in ihren Augen, als er den Pullover wieder auszieht. Vielsagend zieht er eine Augenbraue nach oben, während er ihn umdreht und von Neuem überzieht.

Bevor er das Schlafzimmer verlässt, will er die Lüftungsanlage einschalten, deren Regler sich direkt neben der Tür befindet. Zu seiner Verwunderung läuft sie bereits auf der höchsten Stufe. Trotzdem ist es extrem stickig im Zimmer.

»Du solltest die Lüftung reparieren lassen«, sagt er und nickt in ihre Richtung. Aus den Augenwinkeln sieht er, wie sie das Geld vom Nachttisch nimmt und in die Schublade legt. Schnell rechnet er im Kopf aus, was sie verdient. Fünfzehnhundert Kronen für eine halbe Stunde, das macht Zehntausendfünfhundert pro Woche, wenn sie täglich einen Kunden hat. Schwarz. Das ist ganz schön viel Geld. Wenn sie zwei Kunden pro Tag hat, erreicht sie glatt seinen Einkommensbereich. Nicht, dass er mit ihr tauschen würde, aber trotzdem …

Er lässt das Rechnen und geht in den Flur zur Garderobe. Es ist höchste Zeit, ins Büro zurückzukehren. Am Nachmittag hat er ein Meeting, anschließend muss er zwei Angebote prüfen, bevor er in den Flieger zurück nach Göteborg steigt.

Sein schwarzer Mantel hängt an einem Kleiderbügel. Er legt ihn sich über den Arm, öffnet die Tür und tritt hinaus ins Treppenhaus. Ein kurzer Blick auf die Uhr sagt ihm, dass er spät dran ist. In zwanzig Minuten beginnt bereits das Meeting. Schnell läuft er die Treppen hinunter. Normalerweise quetscht er solche Treffen nicht in seine Mittagspause, doch diesmal dauert die Dienstreise nur einen Tag, und wenn sich einmal die Gelegenheit ergibt … Irritierend findet er nur, dass sie so ungewöhnlich apathisch wirkte, obwohl sie auf der Escort-Seite so gute Bewertungen bekommen hat.

Vor dem Haus rennt er beinahe einen Mann mittleren Alters um, der auf der obersten Treppenstufe sitzt. Der Mann erhebt sich schnell, als Ted die Außentreppe hinuntereilt, und hält die Haustür fest, bevor sie wieder ins Schloss fällt. Sie mustern einander kurz, bevor der Mann im Haus verschwindet. Ein Nachbar, oder der nächste Kunde? Wie immer spürt Ted ein Unbehagen bei dem Gedanken, dass er nicht der Einzige ist, der Escort-Mädchen aufsucht. Im Grunde ist es ganz schön eklig, ein Mädchen zu bumsen, das kurz vorher von jemand anderem durchgefickt wurde.

Draußen nieselt es. Er hält sich den Mantel über den Kopf und läuft zum Parkplatz, wo sein Mietwagen steht, ein BMW. Sobald er in Reichweite ist, öffnet er mit der Fernbedienung die Zentralverriegelung des Wagens. Kurz danach lässt er sich in den Fahrersitz fallen. Während er das Viertel mitsamt dem Haus und der Wohnung hinter sich lässt, spürt er langsam die Entspannung. Ein Ventil, denkt er. Diese Besuche sind wirklich eine Oase in seinem sonst so eng getakteten Alltag, zu dem ein spannender, wenn auch fordernder Job fünfhundert Kilometer weg von Zuhause gehört und ein Familienleben, das mehr Zeit in Anspruch nimmt, als er eigentlich hat. Alex taucht vor seinem inneren Auge auf. Wie sie ihn am Morgen angesehen hatte, als er ihr eröffnet hatte, dass er zum zweiten Mal in dieser Woche gezwungen sei, nach Stockholm zu fahren. Schnell schiebt er die Erinnerung beiseite. Schuldgefühle machen die Situation nicht besser. Schließlich hatte ihn seine Frau damals in dem Beschluss bestärkt, den lukrativen Job als Verkaufschef in Stockholm anzunehmen, obwohl auch ihr klar gewesen war, dass er dann häufig unterwegs sein würde.

Er greift in seine Hosentasche, um sein Handy hervorzuholen und einen Kollegen anzurufen. Besser, er teilt ihnen sofort mit, dass er sich etwas verspätet und sie das Meeting ohne ihn beginnen sollen. Bevor er unter Leute geht, will er sich noch waschen. Er befürchtet, dass ihn gewisse Düfte sonst entlarven könnten. Doch seine Hosentasche ist leer. Er greift in die andere, aber auch dort findet er das Handy nicht. Er erstarrt. Nicht, weil das Handy weg, sondern weil er gezwungen ist zurückzufahren, um es zu holen. In einem letzten Versuch durchsucht er mit einer Hand auch die Manteltaschen, obwohl er weiß, dass er es nie dort hineinsteckt. Mit der anderen Hand steuert er den Wagen. Sein Blick ist fest auf die Straße gerichtet. So ein Mist. Er schlägt mit der flachen Hand so fest aufs Lenkrad, dass es schmerzt. Dann blinkt er und macht trotz durchgezogener Linie einen U-Turn. Das Meeting heute kann er definitiv vergessen. Doch mit etwas Glück schafft er es noch, die Kollegen anzurufen und es zu verschieben.

Er tritt das Gaspedal durch und beschleunigt auf hundert Stundenkilometer, obwohl nur siebzig erlaubt sind. Er erreicht den Parkplatz, kurz bevor das Meeting beginnen soll. Der Regen hat nachgelassen, der Himmel ist jedoch noch immer wolkenverhangen, als er hinüber zum Haus hastet. Er blickt hinauf zum dritten Stock, registriert hinter den Fenstern aber keine Bewegung, keine Umrisse von Personen. Er erinnert sich an den Mann, der auf der Treppe gesessen hatte. Wenn es ein Kunde war, müsste er jetzt in der Wohnung sein.

Im Treppenhaus hört er von oben Stimmen. Je höher der Aufzug kommt, desto lauter werden sie. Vor der Wohnungstür gibt es keinen Zweifel mehr: Die Stimmen kommen von hier. Sie klingen hitzig, vor allem die männliche. Aber auch die Frau spricht mit lauter Stimme, als sie in einer Sprache antwortet, die Ted nicht versteht. Unschlüssig steht er vor der Tür, durch die er die Wohnung erst vor zwanzig Minuten zuvor verlassen hat. Er sollte klingeln, kann sich aber nicht dazu durchringen.

Schließlich drückt er doch auf den Klingelknopf. Das durchdringende Schellen hallt durchs Treppenhaus, aber niemand öffnet. Drinnen ist es still geworden. Noch einmal klingelt er, diesmal länger. Nach einer Weile sind Schritte zu vernehmen, die sich der Tür nähern. Den Mann, der ihm öffnet, erkennt Ted sofort wieder.

»Was willst du?«

Er sieht irritiert aus. In der Hand hält er ein Handy. Ted versucht, an ihm vorbei in die Wohnung zu blicken, und ist kurz davor zu fragen, was hier vor sich geht. Doch etwas an der Erscheinung des Mannes hält ihn zurück.

»Entschuldigung, aber ich glaube, ich habe mein Handy hier vergessen.«

Ted streckt seine Hand aus, und nach kurzem Zögern gibt der Mann ihm sein iPhone.

»Danke«, sagt Ted und dreht sich um, um zu gehen.

Aus der Wohnung ist kein Laut zu vernehmen. Hätte er kurz vorher nicht die Stimme der Frau gehört, hätte er gedacht, sie sei nicht mehr da.

»Wenn du sie noch einmal treffen möchtest, schicke eine SMS«, ruft ihm der Mann nach. »Sie wird dir einen guten Preis machen.«

Der Zuhälter also. Kein Kunde. Ted schluckt. Natürlich begreift er, dass die Mädchen einen Zuhälter brauchen. Sie sind nicht aus Schweden. Wahrscheinlich sind sie illegal eingereist und deshalb kaum in der Lage, sich selbst eine Wohnung in Stockholm zu beschaffen. Er verdrängt diese Tatsache lieber.

Unten im Erdgeschoss gelingt es ihm zunächst nicht, die schwere Außentür zu öffnen. Eine ganze Weile hantiert er daran herum, bis er endlich wieder draußen an der frischen Luft ist. Gierig atmet er ein paar Mal ein und aus, bevor er das Handy hervorholt und eine kurze SMS an einen der Verkäufer schickt. Er teilt ihm mit, dass er wegen eines Verkehrsunfalls im Stau steht, und bittet ihn, das Meeting zu leiten. Dann eilt er zum zweiten Mal für heute über den Parkplatz zum Auto. Mit etwas Glück ist er im Büro, bevor das Meeting zu Ende ist.

PATRIK

Stockholm, Juni 2016

Gut, aber ich verstehe Sie nicht ganz. Was hatten Sie denn auf der Malmskillnadsgatan zu erledigen?«

Patrik lehnt sich auf der dunkelblauen Lederbank des zivilen Polizeibusses zurück und versucht, seine Irritation zu verbergen. Er parkt in einer Seitenstraße von Stockholms berüchtigtstem Straßenstrich und betrachtet den Mann neben sich auf dem Sitz, sieht, wie dieser den Blick hinaus auf die dunkle Straße wandern lässt, als suche er etwas.

»Wenn Sie nicht vorhatten, die Dienste einer Prostituierten in Anspruch zu nehmen?«

Der Mann wendet sich Patrik zu, scheint aber noch nicht richtig begriffen zu haben, wo er sich befindet.

»Das kann ich leider nicht sagen«, sagt er.

Patrik verkneift sich die Antwort, die ihm auf der Zunge liegt. Er ist Therapeut, seine Aufgabe ist es, die Freier dabei zu unterstützen, aufzuhören, und nicht, sich darüber aufzuregen, wenn sie lügen.

Der Mann schaut wieder hinaus auf die Straße. Sein Kopf wandert hin und her, als er die Umgebung absucht.

»Was, glauben Sie, macht die Polizei mit ihr?«, fragt er.

Er sieht Patrik an, seine Stirn liegt in Falten. Das ist nichts Ungewöhnliches. Die Freier sind immer nervös, manche geraten sogar in Panik, wenn sie von der Polizei festgenommen werden. Erst dann scheint ihnen aufzugehen, dass sie gerade ein Verbrechen begangen haben. Doch Patrik wird das Gefühl nicht los, dass dieser Mann anders ist als die anderen.

»Ich weiß es nicht.«

Patrik geht davon aus, dass der Mann von dem Mädchen spricht, das eben in sein Auto gestiegen ist. Laut Polizei heißt sie Nadia. Mehr weiß er nicht über sie. Außer, dass sie kein Schwedisch spricht.

»Wahrscheinlich wird sie verhört. Sie wurden wegen des Versuchs, Sex zu kaufen, verhaftet. Sie ist eine Zeugin. Die Beamten möchten natürlich, dass sie ihnen erzählt, warum Sie sie gebeten haben, in Ihr Auto zu steigen.«

Patrik weiß, dass er Sarkasmus vermeiden sollte. Das ist nicht sonderlich hilfreich vor einer geplanten Therapie, doch er kann es nicht lassen.

»Wenn Sie Glück haben, sagt sie dasselbe wie Sie, nämlich, dass Sie nicht darum gebeten haben, mit ihr Sex haben zu dürfen, sondern nur darum, ein bisschen mit ihr zu reden.«

Der Mann bemerkt die Ironie nicht.

»Und was tun sie danach? Wenn sie sie verhört haben, was tun sie dann?«

Patrik seufzt.

»Ich weiß es nicht, ich bin kein Polizist. Aber ich vermute, dass sie sie gehen lassen, sie hat ja nichts verbrochen. Es sei denn, sie vermuten, dass sie Opfer von Menschenhandel ist.«

Er sieht sich nach Amira, der Sozialarbeiterin, um, die heute Abend mit dabei ist, doch sie ist nirgends zu entdecken.

»In dem Fall würden wir ihr Hilfe anbieten und sie eventuell dazu animieren, Anzeige zu erstatten.«

Er betrachtet den Mann, den ihm die Polizei als Johan Lindén vorgestellt hat. Er hat eine olivfarbene Haut, grün-braune Augen, hohe Wangenknochen und dichtes, dunkles Haar, das Patrik noch vor einem Jahr grün vor Neid hätte werden lassen. Inzwischen hat er sich mit der Tatsache abgefunden, dass er die Gene seines Vaters geerbt hat und noch vor seinem fünfzigsten Geburtstag eine Glatze haben wird.

»Und wenn sie es nicht tun möchte?«

Johan Lindéns Frage reißt Patrik aus seinen Gedanken.

»Was nicht tun?«

»Wenn sie niemanden anzeigen möchte, was werden sie mit ihr machen?«

»Keine Ahnung. Wie gesagt, wahrscheinlich wird die Polizei sie laufen lassen müssen. Vielleicht bezahlt ihr das Sozialamt ein Ticket zurück in die Heimat. Sie spricht ja kein Schwedisch, und ohne Einkommen darf sie nicht länger als drei Monate im Land bleiben.«

Er merkt selbst, dass er ungeduldig klingt, doch langsam möchte er zu seinem eigentlichen Anliegen kommen und Johan Lindén das Angebot einer Gesprächstherapie machen, damit dieser seine Sexsucht in den Griff bekommen kann.

»Verdammte Scheiße.«

Der Mann spuckt die beiden Worte aus. Leise. Patrik hat ihn kaum verstanden.

»Wie bitte, was haben Sie gesagt?«

Johan Lindén antwortet nicht. Er ballt seine Hände zu Fäusten und öffnet sie wieder, während sein Blick hin und her irrt, als suche er nach etwas oder jemandem. Offensichtlich ist er nervös, aber seine Unruhe entspringt nicht der üblichen Angst davor, im Strafregister zu landen, oder vor den Reaktionen der Familie und Arbeitgeber. Sie scheint eine andere Ursache zu haben.

»Erzählen Sie mir doch, warum Sie sie zu sich ins Auto geholt haben. Ich glaube, das würde Ihnen helfen«, versucht es Patrik mit milder Stimme. »Es sieht nicht gut für Sie aus, das Risiko, verurteilt zu werden, ist ziemlich hoch.«

Das entspricht nicht der Wahrheit. Die Wahrscheinlichkeit, für den Kauf von sexuellen Dienstleistungen verurteilt zu werden, ist äußerst gering, wenn man nicht gerade auf frischer Tat – also mit heruntergelassener Hose bei der Geldübergabe – ertappt wird. Aber das weiß Johan Lindén vielleicht nicht.

»Das ist mir egal.«

Johan Lindén klingt müde.

»Ich kann Ihnen nicht erzählen, was ich hier getan habe. Das Einzige, was ich sagen kann, ist, dass ich nicht vorhatte, ihr zu schaden.«

Patrik blickt ihn forschend an.

»Sie sah sehr jung aus, sind Sie sich dessen bewusst?«

»In allerhöchstem Maße.«

Johan Lindén sieht Patrik ins Gesicht.

»Das war einer der Gründe, warum ich gerade sie ausgewählt habe.«

Patrik zuckt innerlich zusammen.

»Aber bevor Sie irgendwelche voreiligen Schlüsse ziehen«, Johan Lindén hebt abwehrend die Hand, »möchte ich erneut erklären, dass meine Absichten keineswegs sexueller Natur waren. Im Gegenteil. Ich wollte ihr helfen.«

»Trotzdem haben Sie ihr Geld gegeben?«

Patriks Mund spuckt die Frage aus, in seiner Stimme liegt Abscheu. Er lässt den Blick über die edlen Markenjeans und das graphitgraue T-Shirt des Mannes gleiten, das ebenfalls von einer teuren Nobelmarke stammt. Dieser Freier kommt nicht aus der untersten Schicht der Gesellschaft. Deswegen ist seine Anwesenheit auf der Malmskillnadsgatan auch umso erstaunlicher.

»Ohne das Geld wäre sie nicht in mein Auto gestiegen, es war also notwendig.«

Patrik ist sprachlos. Er denkt ernsthaft darüber nach, seine Tätigkeit so bald wie möglich aufzugeben, sie einem Kollegen zu überlassen, der noch nicht kapituliert hat vor all den menschlichen Abgründen und Widerwärtigkeiten. Der immer noch daran glaubt, etwas verändern zu können.

»Okay«, sagt er müde. »Es ist nicht meine Aufgabe, das zu entscheiden.« Er wirft einen Blick hinüber zu dem Polizisten auf dem Fahrersitz, der wie gebannt auf sein Handy starrt. »Aber diese Straße raubt einem schnell alle Illusionen.«

Eine blondierte Frau zwischen dreißig und vierzig wankt auf den Bus zu. Der viel zu enge Ledermini ist hochgerutscht und offenbart zwei kaputte Nylonstrümpfe. Sie winkt mit der Hand in ihre Richtung, geht aber weiter, als sie keine Reaktion erhält.

»Das verstehe ich«, sagt Johan Lindén trocken.

Er ist Patriks Blick gefolgt. Sie sehen beide zu, wie die volltrunkene Frau von einem Auto gestoppt wird. Nach kurzer Verhandlung öffnet sich die Tür, und sie steigt ein. Das wird wohl für beide kein besonderes Vergnügen, bedenkt man den Zustand, in dem sie sich befindet.

»Was machen Sie dann hier?« Johan Lindén wendet sich wieder an Patrik. »Wenn Sie kein Polizist sind?«

»Ich bin Therapeut.«

Patrik wischt sich über die Stirn, auf der sich in der Wärme des Wagens Schweißperlen gebildet haben.

»Ich arbeite beim Sozialamt in der Abteilung, die reuigen Sexkäufern Gesprächstherapien anbietet.«

Er bemerkt ein kurzes Stirnrunzeln bei Johan Lindén, das aber ebenso schnell wieder verschwindet, wie es gekommen ist.

»Normalerweise sitze ich in unserem Büro am Sankt Eriksplan, aber einen Abend in der Woche begleite ich die Polizei auf ihren Streifenfahrten. Deswegen bin ich heute hier.«

Patrik holt eine Visitenkarte mit seinem Namen, den Kontaktdaten der Beratungsstelle und einer Schweigepflichtserklärung hervor. Er reicht sie Johan Lindén.

»Wenn Sie doch einmal das Bedürfnis verspüren sollten, darüber zu sprechen, können Sie mich gerne anrufen.«

Vorsichtig versucht er ein Lächeln. Johan Lindén lächelt nicht zurück.

»Danke«, sagt er kurz und nimmt die Visitenkarte. Er studiert sie im schwachen Schein der Straßenlaterne. Doch plötzlich scheint er zu stutzen.

»Patrik Hägenbaum?«, fragt er.

Seine Stimme klingt merkwürdig angespannt.

Patrik nickt.

»Ja, mein Großvater hat diesen Namen angenommen, nachdem er einige Jahre in Berlin gelebt hatte. Er wollte einen deutschen Namen haben.«

Johan Lindén unterbricht ihn.

»Gibt es viele, die so heißen?«

»Ich glaube nicht«, antwortet Patrik zögernd. Er versteht nicht, worauf Johan Lindén hinauswill. »Soviel ich weiß, bin ich der Einzige.«

Johan Lindén scheint nur mit einem Ohr zuzuhören, seine Stirn liegt in Falten.

»Merkwürdig«, sagt er. »Ich glaube, jemand hat Ihren Namen erwähnt, als ich im Frühjahr in Rumänien war.«

Patrik öffnet den Mund, bringt jedoch keinen Laut heraus. Er verschränkt seine Hände auf dem Schoß, spürt, wie sich der Nagel seines rechten Ringfingers in die Innenfläche der linken Hand bohrt.

»In Rumänien?«, presst er schließlich mühsam hervor.

Wegen der Pause zwischen den beiden Wörtern klingt die Frage zerhackt.

»Ja, aber natürlich kann ich mich irren.«

Patrik kann Johan Lindéns Gesichtsausdruck nicht deuten.

»Es war eine Frau, die ich in Bukarest getroffen habe. Sie hat Ihren Namen erwähnt, oder zumindest einen, der sehr ähnlich klang, nachdem sie erfahren hatte, dass ich Schwede bin.«

Erneut liest er den Text auf der Karte durch. Dreht sie um, als erwarte er weitere Informationen auf der Rückseite.

»Sie behauptete, sie hätte einen Schweden getroffen, der so hieß. Vor vielen Jahren.«

Wieder öffnet Patrik den Mund, und wieder bringt er kein Wort heraus.

»Ich erinnere mich daran, weil ich fand, dass der Name deutsch klang«, fährt Johan Lindén fort, der scheinbar nicht zur Kenntnis nimmt, wie Patrik nach Worten ringt »Ich habe ihr auch gesagt, dass sie sich vermutlich im Hinblick auf die Nationalität geirrt habe. Aber sie bestand darauf, dass es ein Schwede gewesen sei. Und dann wollte sie wissen, ob wir uns kennen würden, wo wir doch aus demselben Land kommen.«

Johan lächelt.

»Sie kann nicht viel über Schweden gewusst haben«, fügt er hinzu.

Patriks Lippen weigern sich, die Frage zu formulieren, die ihm auf der Zunge liegt. Viorica, schießt es ihm durch den Kopf. Obwohl mehr als zwanzig Jahre vergangen sind, erinnert er sich noch an ihren Namen.

Johan Lindén fällt seine Reaktion auf.

»Kennen Sie jemanden in Rumänien?«, fragt er.

Patrik schüttelt den Kopf. Ich kenne sie ja nicht, denkt er. Ich habe sie nur dieses eine Mal getroffen.

»Dann habe ich mich sicher geirrt.«

Johan Lindén zuckt die Schultern.

»Sie kann ebenso gut Peter Hägendaz oder Patrik Hagenbaur gesagt haben.«

»Wie war noch mal ihr Name?«

Patrik muss sich zu diesen Worten zwingen, es war, als müssten sie sich erst durch das Dickicht verdrängter Erinnerungen kämpfen.

»Wir haben uns einander nicht vorgestellt. Die Situation war ein wenig speziell und verlangte … ein gewisses Maß an Anonymität.«

Stimmengewirr von draußen unterbricht sie. Patrik sieht, wie Linus, der Chef der Polizeieinheit für Prostitution, mit einem Mann mittleren Alters im Schlepptau zum Bus herüberkommt. Ein weiterer Polizist folgt ihnen. Der Festgenommene lässt den Kopf hängen und wirkt, als sei jede Kraft aus ihm gewichen. Für Patrik ist es an der Zeit, dem nächsten Sexkäufer sein Angebot zu unterbreiten, und für Johan Lindén, erneut verhört zu werden. Gesteht er, wird er noch heute Abend zu ein paar symbolischen Tagessätzen verdonnert werden, und niemand wird jemals erfahren, was passiert ist. Wenn er die Tat weiterhin leugnet, ja, auch dann ist es höchst zweifelhaft, ob Linus ihn weiter festhalten kann. Er wurde nicht mit heruntergelassener Hose erwischt.

»Ich möchte mehr über diese Frau erfahren«, sagt Patrik leise.

Die beiden Polizisten und der Festgenommene haben den Bus fast erreicht.

Johan Lindén antwortet nicht.

»Kann ich Sie anrufen?«

Er hört selbst, dass er fast verzweifelt klingt. Johan Lindén darf das Auto nicht verlassen, ohne dass sie vereinbart haben, wann und wo sie sich erneut treffen werden.

»Sie kennen die beiden, oder?«, fragt Johan Lindén und zeigt auf Linus und dessen Kollegen. Patrik nickt.

»Ja, warum?«

Seine Handflächen sind vor Stress ganz feucht. In ein paar Sekunden sind sie hier, und die Gelegenheit ist vorbei.

»Wenn Sie herausfinden, was mit dem Mädchen geschehen wird, das ich aufgesammelt habe«, sagt Johan langsam, »was sie mit ihr getan haben und wohin sie nach dem Verhör gebracht wird, dann werde ich Ihnen alles erzählen, was ich über diese Frau weiß.«

Er lehnt sich im Sitz zurück. Patrik schüttelt energisch den Kopf.

»Ich weiß nicht … Ich meine, ich darf das nicht«, beginnt er.

Johan Lindén kümmert sich nicht um die Einwände.

»Okay?«, fragt er.

Bevor Patrik antworten kann, wird die Autotür aufgerissen. Linus steht vor dem Wagen, den verhafteten Sexkäufer fest im Griff.

»Patrik, hier ist ein Mann, der mit dir sprechen möchte.«

Er nickt in Richtung des Mannes, der immer noch mit hängendem Kopf dasteht.

»Selbstverständlich«, sagt er mit schwacher Stimme.

Linus blickt ihn kurz an. Sie kennen sich seit Langem und merken sofort, wenn beim jeweils anderen etwas nicht in Ordnung ist. Doch jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um nachzuhaken.

»Und Sie kommen mit uns.«

Linus wendet sich an Johan Lindén.

»Natürlich.«

Johan erhebt sich aus dem Sitz. Patrik zögert ganz kurz, dann hält er Johan am Arm fest, bevor dieser ausgestiegen ist, und zwingt ihn, sich umzudrehen.

»Ich werde tun, was ich kann«, sagt er leise. Er überlegt, welcher Art von Dienstvergehen er sich gerade schuldig macht. »Ich werde tun, was ich kann, aber ich kann nichts versprechen.«

TED

Stockholm, Juni 2016

Ich habe doch gesagt, dass ich unterwegs bin!«

Ted klemmt sich das Handy zwischen Ohr und Schulter, während er sich die Hose zuknöpft. Teufel auch, sie sitzt inzwischen wirklich etwas eng. Natürlich liegt es an den Stockholm-Reisen. Zu wenig Sport und zu viel Essen, das ist Gift für die Taille, und weil er keine zwanzig mehr ist, geht es auch immer schneller. Er wird etwas dagegen unternehmen müssen.

»Ich habe gerade noch einen Kundentermin. Aber in zwanzig Minuten bin ich wieder im Büro!«

Er zieht drei Fünfhundertkronenscheine aus der Tasche, wirft sie auf den Nachttisch und schenkt dem Mädchen ein kurzes Lächeln. Eine völlig neue Bezahlvariante, die er bisher noch nicht getestet hat. Mit zunehmendem Ärger hört er dem Kollegen am anderen Ende der Leitung zu, der für einen ihrer größeren Kunden aus dem Bankensektor zuständig ist.

»Was meinst du damit?«

Teds Stimme wird lauter.

»Im Vertrag steht eindeutig, dass bei Verspätung keine Geldstrafe fällig wird!«

Verdammte Swedbank, immer versuchen sie es mit diesem Geldstrafen-Ding.

»Sag ihnen, sie sollen sich den Vertrag noch einmal durchlesen«, sagt er genervt und knöpft alle Hemdknöpfe außer dem obersten zu. »Und sag ihnen auch, dass ich sie vom Flughafen aus anrufe. Mein Flieger geht um drei.«

Er macht das Handy aus und steckt es in die Tasche, danach zieht er einen rosa Pullover über sein weißes Hemd. Alex hatte eine ironische Bemerkung gemacht, dass er aufpassen solle, nicht für schwul gehalten zu werden, ein Seitenhieb auf die Zeit, in der Ted sehr genau darauf geachtet hatte, nichts für die Jungs zu kaufen, das auch nur annähernd rosa oder rot war.

Er zieht den Gürtel durch die Schlaufen und wendet sich wieder dem Mädchen zu, das noch immer im Bett liegt. Er lässt seinen Blick über ihren wohlgeformten Körper schweifen. Ihre Brüste sind groß, genau wie er es mag, und ihre Haut ist weich wie ein Babypopo. Sie sieht ihn an und setzt sich auf, das Laken eng um den Körper geschlungen.

»Willst du mich noch einmal treffen?«

Die Frage bewirkt ein sofortiges Schwinden seines Interesses. Er kann es nicht leiden, wenn sie klammern. Lieber hat er es, wenn sie selbstsicher und ein wenig patzig sind.

»Ich weiß nicht«, antwortet er kurz. »Vielleicht.«

Ihre Augen verdunkeln sich. Wahrscheinlich hatte sie auf einen neuen Stammkunden gehofft. Bei ihm ist es genau umgekehrt. Der Reiz beim Sexkauf besteht für ihn darin, jedes Mal eine neue Frau ausprobieren zu können. Inzwischen auch immer jüngere, denkt er. Dieses Mädchen hier war laut Anzeige zwanzig, doch er ist sich nicht sicher, ob das der Wahrheit entspricht.

»Mach’s gut«, sagt er und hebt das Jackett vom Boden auf. In der Tasche vibriert sein Handy, doch er ignoriert es. Sein Flugzeug geht schon in anderthalb Stunden, die Zeit ist knapp.

Im Flur stehen seine schwarzen Schuhe auf einer Fußmatte, ansonsten ist der Flur leer. Das hätte Alex mit ihrem minimalistischen Geschmack bestimmt gut gefallen, denkt er nicht ohne eine gewisse Ironie. Vorige Woche hatte er zu Hause sowohl Jacke als auch Schuhe vergeblich gesucht, da sie offensichtlich aussortiert worden waren.

Draußen vor der Wohnungstür zieht er den Pullover sofort wieder aus. Der Sommer ist diese Woche ganz plötzlich gekommen, in den Nachrichten war die Rede von tropischen Nächten. Das Auto hat er am Straßenrand geparkt. Er setzt sich hinters Steuer und kratzt sich im Schritt. Auch wenn er jedes Mal ein Kondom benutzt, juckt oder brennt es manchmal. Wahrscheinlich ist es pure Einbildung, denn er nimmt es damit wirklich genau. Schließlich wäre es wirklich extrem unangenehm, wenn er Alex mit irgendetwas anstecken würde.

Bevor er den Motor startet, zieht er sein Handy aus der Tasche und liest die SMS. Sie ist von Erik, der fragt, ob Ted Zeit für ein Treffen hat, bevor er zurück nach Göteborg fliegt. Ted seufzt. Wie immer, wenn Erik sich meldet, verspürt er eine Mischung aus Schuld und Irritation. Sein ältester Sohn hat ein besonderes Talent, genau diese Gefühle bei ihm hervorzurufen. Erik ist achtzehn, seine Mutter war Teds Jugendliebe.

Er tippt eine Antwort an Erik, schreibt, dass es ihm leidtue, aber er ihn diesmal leider nicht treffen könne, da Alex Wert darauf legen würde, dass er freitags rechtzeitig heimkäme. Ted schließt mit der Versicherung, es nächste Woche zu versuchen, wenn er wieder in Stockholm sei. Dann schaltet er das Handy aus und fährt los.

***

»Ted, kommst du? Das Essen ist fertig.«

Alex’ Stimme aus dem Erdgeschoss lässt Ted erstaunt auf die Uhr blicken. Schon viertel nach sechs. Wie ist das möglich?

»Ich komme sofort. Ich muss nur noch die Mail abschicken.«

Schnell schreibt er ein paar Zeilen an den Anwalt. Das Schreiben hatte er als Grund dafür angegeben, dass er sich gleich nach der Ankunft zu Hause in Örgryte ins Schlafzimmer zurückgezogen hatte. Natürlich war Alex darüber nicht begeistert gewesen, auch wenn Ted ihr erklärt hatte, dass er das Problem mit der Swedbank klären musste, bevor das Wochenende beginnen konnte. Dass er auf der Escort-Seite gelandet war, lag am Internet-Browser. Die Seite hatte sich einfach geöffnet, auch wenn das eigentlich nicht hätte passieren dürfen. Anstatt sie sofort wieder zu schließen, war er an den neuen Anzeigen hängen geblieben. Hübsche Mädchen. Sahen frisch aus. Er klickte einige an, betrachtete die Bilder, las die Kurzprofile. Eigentlich hätte er nicht schon wieder ein Mädchen buchen sollen, er hatte es aber trotzdem getan. Es war wie eine Sucht.

Er schickt die Mail an den Anwalt ab und kontrolliert zweimal, ob die Internet-Chronik auch gelöscht ist. Dann schaltet er den Computer aus und erhebt sich. Ein Husten aus dem Gitterbett lässt ihn innehalten. Emil ist aufgewacht. Er liegt da und schaut ihn an. Ted fühlt sich ertappt, obwohl sein jüngster Sohn, ihr zwei Monate alter Nachzügler, unmöglich begriffen haben konnte, was sich vor seinen Augen abgespielt hat. Ted geht zu ihm. Seine Schritte sind auf dem neu verlegten Teppich nicht zu hören.

»Na, mein Kleiner«, sagt er und beugt sich über das Bett, in dem er selbst als Kind schon gelegen hat. Die weiße Farbe blättert ab, und auf dem Holz sind eine Menge Bissspuren zu sehen.

»Willst du auf meinen Arm?«

Er ist gerade dabei, ihn hochzuheben, als Alex ins Zimmer tritt. Sie steht da, das Haar zu einem losen Zopf gebunden, und sieht ihn fragend an.

»Hast du nicht gehört, dass ich gerufen habe?«, fragt sie irritiert.

Doch dann blickt sie auf das Bündel in Teds Armen und ihr Ärger verschwindet.

»Hallo, mein Süßer, bist du wach geworden?«

Vorsichtig streichelt sie über die weiche Babywange. Schäkert ein bisschen mit Emil, bis er lächelt.

»Reicht es nicht, dass du an hundertfünfzig Tagen im Jahr weg bist wegen des Jobs? Musst du dann auch noch am Computer sitzen, wenn du mal zu Hause bist?«

Alex hat sich wieder Ted zugewandt. Er sieht den Zorn in ihren Augen. Seit ihr drittes Kind auf der Welt ist, ist ihr Zorn stetig gewachsen.

»Es tut mir wirklich leid, Liebling.«

Er blickt Alex flehend an.

»Ich kann nichts dafür, dass wir ausgerechnet an einem Freitag kurz davor sind, uns eine saftige Strafzahlung einzuhandeln.«

Nie hätte er gedacht, dass er einmal ein so guter Lügner werden würde. Das ahnte noch keiner damals, als er während der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland mit seinen Kumpels ein Bordell besucht hatte. In dieser kleinen Box an der Linienstraße in Dortmund, wo er das erste Mal Sex mit einer Prostituierten gehabt hatte, war ihm beinahe schlecht geworden vor Schuldgefühlen. Aber jetzt schaut er Alex tief in ihre samtbraunen Augen, entschuldigt die Stunde im Schlafzimmer mit der Mail an den Anwalt und spürt nichts. Absolut nichts.

»Bald sind Ferien«, fügt er hinzu. »Da haben wir unendlich viel Zeit füreinander.«

Alex murmelt irgendetwas. Sie sieht nicht überzeugt aus, aber ihre Augen blitzen nicht mehr so gefährlich.

»Bis dahin ist es noch einen Monat hin«, sagt sie.

Ted atmet auf. Für diesen Moment hat sie das Kriegsbeil begraben.

»Außerdem haben wir noch nichts geplant.« Sie geht zum Schreibtisch und legt gedankenverloren ihre Hand auf den Computermonitor. Ted erstarrt.

»Stimmt. Aber wir fahren doch wie immer zu deinen Eltern nach Schonen«, sagt er. Er möchte zugewandt klingen, merkt aber, dass es sich mechanisch anhört.

»Und sonst?«

»Ich weiß nicht«, sagt er. »Vielleicht mieten wir etwas in den Schären. Oder lieber eine Woche Frankreich? Was meinst du?«

Er legt seine Hand auf ihren Arm. Warm und weich fühlt er sich an. Alex zuckt mit den Schultern und antwortet nicht. Ted betrachtet sie. Keine Frage, sie hat wirklich einiges wegen seines Jobs in Kauf nehmen müssen, auch wenn sie sich darüber einig waren, dass er ihn annehmen sollte.

»Komm jetzt essen, bevor es kalt wird«, unterbricht Alex seine Gedanken und nimmt ihm Emil aus dem Arm.

»Sind wir nur zu dritt?«

»Ja. Lukas isst bei einem Freund, und William wollte zur Rock-Gruppe im Jugendzentrum.«

Ted wirft noch einmal einen Blick auf den Computer, registriert, dass der Bildschirm ausgeschaltet ist, und folgt Alex die Treppe hinunter.

In der Küche duftet es verlockend nach Curry und Kokosmilch, das Wasser läuft ihm im Mund zusammen. Er füllt eine Karaffe mit Wasser und setzt sich an den Tisch.

»Es ist übrigens heute ein Brief für dich gekommen.«

Alex streckt sich nach einem großen, violetten Briefumschlag, der auf der Arbeitsplatte liegt, und platziert ihn auf Teds Teller. Er starrt den Brief an und wundert sich, dass er ihm noch nicht aufgefallen ist.

»Ungewöhnliche Farbe, wenn du mich fragst«, bemerkt Alex. »Und kein Absender.«

Er blickt sie an. Sie wartet darauf, dass er ihn öffnet. Er bekommt selten Post, wenn überhaupt, dann von der Bank. Er wiegt den Umschlag in der Hand. Vielleicht lässt ihn die handgeschriebene Adresse zögern – oder die innere Stimme, die ihm rät, diesen Brief nicht hier und jetzt zu öffnen.

»Ach, ich lese ihn später«, sagt er und setzt sich an den Küchentisch.

Er weicht Alex’ Blick aus.

»Jetzt essen wir.«

PATRIK

Stockholm, Juni 2016

Patrik wälzt sich im Bett herum, das Laken wickelt sich um seine Beine. Er versucht, sich davon zu befreien, ohne aufstehen zu müssen. Dreht sich zu Jonna und legt den Arm um sie, rollt in seiner Unruhe wieder von ihr weg bis an die Bettkante, wo er ihre Wärme nicht mehr spürt. Vor drei Stunden ist er von der Malmskillnadsgatan nach Hause gekommen, und beinahe ebenso lange hat er hellwach im Bett gelegen. Bald wird sich Jonna aus dem Bett schleichen, in der festen Überzeugung, dass sowohl Patrik als auch die Mädchen noch ein paar Stunden weiterschlafen werden. Doch Patrik bezweifelt, dass er heute noch mal einschlafen wird. Das Gespräch mit Johan Lindén lässt ihn nicht los. Auf seine Fragen gibt es keine Antworten. Im Gegenteil, immer neue Fragen tauchen auf, und Erinnerungen werden wach, die er seit vielen Jahren erfolgreich verdrängt hat.

Zart fährt er mit dem Finger über Jonnas rote Locken, sie murmelt etwas im Schlaf. Sie weiß fast alles über ihn, sogar, dass er einmal vor einer Entscheidung gestanden hat, bei der beide Alternativen gleich unmöglich erschienen. Aber sie weiß nicht alle Details über Patriks Entschluss, seine eigene Sicherheit über die eines rumänischen Mädchens zu stellen. Gewisse Dinge hat er für sich behalten.

Er startet einen letzten Versuch, sich zu entspannen und zur Ruhe zu kommen, aber es nützt nichts. Schließlich gibt er auf und akzeptiert, dass die Gedanken ihn nicht loslassen werden. Auf Zehenspitzen schleicht er aus dem Schlafzimmer und zieht sich seinen Morgenrock über, der an der Badezimmertür hängt.

Die Treppe knarrt, als er seinen Fuß auf die oberste Stufe setzt. Er müsste dringend etwas gegen dieses Knarren unternehmen, das hat er schon oft vorgehabt, aber bisher ist er nicht dazu gekommen.

Licht durchflutet das Erdgeschoss. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel. Der Juni ist der hellste Monat des Jahres. Patrik spürt, wie sein Magen knurrt, und legt die Hand auf seinen Bauch. Er verspürt ein Verlangen nach Fett und Salz, wie immer, wenn er unruhig oder nervös ist. Dank des nächtlichen Treffens mit Johan Lindén ist das Verlangen stärker als gewöhnlich.

Er öffnet die Tür des Vorratsschrankes und geht die Regale durch. Nicht eine einzige Chipstüte, obwohl Jonna gestern Abend allein mit den Mädchen war. Noch nicht einmal Erdnüsse. Schließlich greift er sich eine halbvolle Tüte mit Nachos und isst eine Handvoll, während er einen Blick auf das Thermometer außen am Fenster wirft. Bereits achtzehn Grad.

Er stopft sich eine weitere Handvoll Nachos in den Mund, spürt, wie der Hunger einem ersten wohltuenden Gefühl der Sättigung weicht, und geht zur Kaffeemaschine. Er füllt Wasser für drei Tassen ein, entschließt sich dann aber, die Anzahl zu verdoppeln. Jonna wird sich freuen, wenn sie später herunterkommt und Kaffee da ist.

Während der Kaffee durchläuft, holt er die Tageszeitung aus dem Briefkasten und setzt sich an den Küchentisch. Nachdem er zum dritten Mal denselben Text gelesen hat, ohne den Inhalt zu verstehen, faltet er die Zeitung wieder zusammen. Er denkt an die Worte, die gestern im Polizeibus so leicht über Johan Lindéns Lippen gekommen sind:

»Ich glaube, jemand hat Ihren Namen erwähnt, als ich im Frühjahr in Rumänien war.«

Natürlich kann Johan Lindén sich verhört haben. Er selbst zog das in Erwägung, aber in jedem Fall war es ein äußerst unbehaglicher und merkwürdiger Zufall.

Patrik steht auf, um der Katze die Terrassentür zu öffnen. Sie streicht ihm um die Beine und maunzt herzzerreißend. Er füllt ihren Fressnapf, und sie gibt Ruhe. Er betrachtet sie, wie sie sich mit der Eleganz einer Society-Lady das Trockenfutter Stück für Stück einverleibt.

War es nur geschickte Schauspielerei, oder war Johan Lindén ernsthaft beunruhigt gewesen, was mit dem jungen Mädchen passieren würde, das er dafür bezahlt hatte, in sein Auto zu steigen? Und war es in dem Fall wichtig, dass es gerade sie war, oder fuhr er jeden Freitag herum und bot Frauen vom Straßenstrich seine Unterstützung an?

Patrik zupft ein paar welke Blätter von der Orchidee, die auf der Fensterbank um ihr Überleben kämpft, und greift über den Tisch nach dem Tablet, das Sasha dort hat liegen lassen. Er tippt Johan Lindén in die Google-Suchleiste ein. Sein erster Gedanke, dass Johan Lindén Journalist oder sogar irgendeine Art Aktivist sein könnte, erweist sich bald als falsch. Auf einer Wirtschaftsseite erfährt er, dass Lindén ausgebildeter Diplom-Kaufmann und zudem Gründer und Eigentümer eines multinationalen Unternehmens namens Acrea ist. Acrea bietet Internet-Lösungen für Kunden in allen Größenordnungen und Branchen an. Das Unternehmen macht einen Umsatz von 200 Millionen Kronen im Jahr und unterhält Büros in allen skandinavischen Ländern. Insgesamt arbeiten 150 Beschäftigte für Acrea. Es läuft offensichtlich gut für Lindén, der die Firma laut Webseite vor zehn Jahren zusammen mit drei Kommilitonen von der Handelshochschule gegründet hat.

Patrik stopft die letzten Nachos in sich hinein, obwohl ihm bereits schlecht ist, und betrachtet ein Foto von Lindén. Er sieht gut darauf aus und hat ein warmes, wenn auch ein wenig routiniert wirkendes Lächeln auf den Lippen. Vielleicht ist er doch etwas jünger, als er ihm heute Nacht erschien.

»Bist du schon wach?«

Jonna steht auf der Treppe, nur mit Höschen und T-Shirt bekleidet. Verwundert blickt sie ihn an.

»Ja, ich konnte nicht schlafen.«

Patrik erhebt sich und geht zur Kaffeemaschine.

»Ich habe schon welchen gemacht. Möchtest du eine Tasse?«

»Ja, gerne!«

Er holt noch eine Tasse aus dem Schrank und spürt Jonnas Arme um seine Taille.

»Warum konntest du nicht schlafen?«

Er stellt die Tasse ab und dreht sich zu ihr um.

»Ich weiß es nicht«, sagt er mit belegter Stimme und legt die Arme um ihre Hüften. »Es ist jedes Mal schwer, abzuschalten, nach diesen Nächten auf der Malmskillnadsgatan.«

Er löst sich aus der Umarmung und gibt Jonna ihren Kaffee.

»Und dann war da ein Freier, den sie festgenommen haben … Der geht mir nicht mehr aus dem Kopf.«

Er öffnet den Kühlschrank, holt Milch heraus und lässt sich am Küchentisch nieder. Jonna runzelt die Stirn, als sie die leere Nachos-Tüte sieht. Patrik tut so, als würde er es nicht bemerken.

»Um diesen Mann hier geht es«, sagt er und zeigt ihr das Tablet mit Johan Lindéns Foto.

»Stellvertretender Geschäftsführer bei Acrea«, liest Jonna laut vor. »Sieht aus wie eine moderne Werbeagentur. Ist es nicht eher ungewöhnlich, dass so ein Mann zu Straßen-Prostituierten geht, anstatt sich jemand aufs Hotelzimmer zu bestellen?«

»Ja, definitiv!«

Patrik nimmt das Tablet an sich. Bei Jonna vergisst er immer wieder, dass er eigentlich an die Schweigepflicht gebunden ist.

»Die Sache ist die, dass ich ihm glaube.«

Kurz erzählt er, wie hartnäckig Johan Lindén immer wieder betont hat, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, die sexuellen Dienste des jungen Mädchens in Anspruch zu nehmen.

»Und das hast du ihm geglaubt?«

Jonna blickt Patrik skeptisch an.

»Ja. Ich kann dir nicht sagen warum, aber ich hatte das Gefühl, dass er die Wahrheit sagt. Er war irgendwie gar nicht nervös, und das sind die Freier sonst immer. Im Gegenteil, es schien ihm egal zu sein, dass man ihn verhaftet hatte. Das Einzige, was ihn zu interessieren schien, war, was mit dem Mädchen passieren würde.«

Jonna blickt ihn über den Rand ihrer Kaffeetasse hinweg an.

»Vielleicht ist er ein guter Schauspieler«, sagt sie.

»Den Gedanken hatte ich auch schon. Aber ich durchschaue es normalerweise, wenn sie lügen«, sagt er und wischt sich den Mund ab. »Dieser Mann war kein Lügner.«

Jonna steht mit der Kaffeetasse in der Hand auf.

»Ruf Linus an und frage ihn, wie es gelaufen ist. Vielleicht hat er im Verhör mehr erzählt. Ansonsten musst du wohl mit der Ungewissheit leben.«

Die Terrassentür quietscht ein wenig, als Jonna sie öffnet.

»Ich gehe nach draußen und setze mich in die Sonne. Kommst du mit?«

»Klar, ich komme gleich. Ich will nur noch kurz schauen, ob ich im Netz noch mehr über ihn herausbekommen kann.«

Er knüllt die leere Nachos-Tüte zusammen und zielt in Richtung Arbeitsplatte. Sie landet in der Spüle.

»Übrigens, habt ihr gestern Abend gar nichts Leckeres für mich übrig gelassen?«

Jonna wirft ihm einen tadelnden Blick zu.

»Haben die Nachos denn nicht gereicht?«, fragt sie leicht amüsiert.

Patrik schüttelt den Kopf.

»Ich glaube, Sasha hat dir ein Schälchen Schokoladenpudding aufgehoben.«

Sie nimmt den Kulturteil der Zeitung und ihre Tasse und geht nach draußen. Patrik sieht zu, wie sie sich in der Laube niederlässt, und holt sich dann den Nachtisch. Der Pudding ist über Nacht ein bisschen eingetrocknet und jetzt eher von zäher, klumpiger Konsistenz. Aber das stört Patrik nicht, er isst ihn trotzdem.

Mit dem Löffel im Mund scrollt er durch die Suchresultate. Das meiste handelt von Johan Lindéns Geschäftstätigkeit. Es gibt Interviews mit ihm in einigen Branchenmagazinen sowie diverse Erwähnungen in dem wichtigsten Wirtschaftsjournal, Dagens Industri. Patrik findet jedoch nichts, das erklären könnte, warum er an einem Juniabend in die Malmskillnadsgatan gefahren ist und ein Mädchen, das kein Wort Schwedisch spricht, in seinem Auto mitgenommen hat. Wenn es denn nicht aus dem Grund war, dass er Sex kaufen wollte.

Auf der Webseite von Acrea findet Patrik Lindéns Telefonnummer. Er speichert sie in seinem Handy. Vielleicht sollte er ihn gleich einmal anrufen. Doch dann fällt ihm ein, dass er Lindén ja Informationen versprochen hatte. Schnell schreibt er eine SMS an Linus:

Wie lief es noch mit Johan Lindén? Hat er gestanden? Und was ist mit dem Mädchen, das er in seinem Wagen hatte, Nadia? Habt ihr sie mit auf die Wache genommen?

Er hat ein schlechtes Gewissen, weil er Linus gegenüber nicht mit offenen Karten spielt, aber er muss es ganz einfach wissen. Nach einer Minute kommt die Antwort:

Lindén hat weiter alles geleugnet, also haben wir ihn laufen lassen. Es gab nicht genug Beweise, um ihn dazubehalten. Aber das Mädchen sah sehr jung aus, Amira hat sie mit zur Notfallstelle des Sozialdienstes genommen. Aber sie hatte wohl Papiere, mit denen sie ihre Volljährigkeit nachweisen konnte.

Deshalb hatte Patrik die Sozialarbeiterin nicht mehr gesehen. Sie war schon mit Nadia losgefahren gewesen.

Ok. Und was haben sie auf der Notfallstelle entschieden?

Ein Nachtfalter, der noch nicht gemerkt hat, dass Morgen ist, flattert verwirrt um die Tischlampe. Patrik rollt die Zeitung zusammen und zielt in Richtung des Insekts.

Weiß ich leider nicht, habe seitdem nicht mit Amira gesprochen. Vermute, sie haben sie gehen lassen.

Der Nachtfalter taumelt geradezu manisch um die Lampe. Patrik schlägt zu, verpasst ihn aber um Haaresbreite, das Tier flattert weiter. Wo sie jetzt wohl ist, fragt er sich, während seine Übelkeit stärker wird. Irgendwo versteckt in einer Stockholmer Wohnung? Oder wieder auf der Straße? Er tippt Johan Lindéns Nummer ein.

Sie haben den Anschluss von Johan Lindén bei Acrea erreicht. Ich kann Ihren Anruf leider nicht entgegennehmen …

Er schaltet das Handy aus, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Der Brechreiz wird stärker. Zweimal schluckt er, doch es hilft nichts. Die Übelkeit geht nicht weg. Er schaut durch das Fenster nach Jonna. Sie sitzt draußen, liest Zeitung und blickt nicht in seine Richtung. Er steht auf und geht zur Toilette. Zum ersten Mal seit mehreren Jahren steckt er sich den Finger in den Hals und bricht.

ANDREEA

Madrid, Februar 2015

Wie geht es dir?«

Eine Hand berührt sie vorsichtig an der Schulter. Sofort macht sich der Schmerz wieder bemerkbar. Andreea versucht wimmernd, sich auf die Seite zu drehen.

»Bist du wach?«

Die Hand schüttelt sie jetzt ein wenig. Andreea versucht, die Augen zu öffnen, es gelingt ihr aber nur mit dem linken. Das rechte Augenlid ist zugeschwollen und scheint an der Augenbraue zu kleben. Ihre Muskeln weigern sich, die Befehle des Gehirns auszuführen. Sie blinzelt. Im grellen Licht erkennt sie die Umrisse einer Person, die neben der Matratze kniet. Sie dreht sich, um besser sehen zu können, und schreit laut auf, als der Schmerz sie mit voller Wucht trifft.

»Wir dachten, du würdest erst heute kommen. Dann hätten wir dich vorgewarnt.«

»Wer bist du?«

Andreea presst die Worte mühsam hervor.

»Elena. Ich wohne auch hier.«

Ihre Umrisse werden deutlicher, als Andreea es endlich schafft, beide Augen zu öffnen. Die junge Frau, die sie geweckt hat, sieht ein paar Jahre älter aus als sie selbst. Sie hat schulterlanges Haar, das so häufig blondiert worden ist, dass die Spitzen gespalten sind und abgeschnitten werden müssten. Ihre Wimpern sind mit dicker, schwarzer Mascara getuscht, und ein viel zu großes T-Shirt fällt über ihre nackten Beine. Ihre langen, spitzen Fingernägel sind leuchtend rot lackiert.

»Hast du Schmerzen?«

Sie betrachtet Andreeas Körper. Erst jetzt sieht Andreea die blauen Flecken auf Bauch, Armen und Beinen. Als der dritte Mann in sie eingedrungen ist, hat es sich angefühlt, als würde sie jemand mit dem Messer aufschneiden, aber sie hat nicht geschrien, sondern nur fest ins Betttuch gebissen, während ihr Gesicht so fest auf die Matratze gedrückt wurde, dass ihr fast der Atem wegblieb.

»Wer sind die Männer?«

Ihr Herz schlägt schneller vor Angst, als die Erinnerung zurückkehrt.

Mitten in der Nacht sind sie zu ihr gekommen. Sie hat vollständig bekleidet auf einer der Matratzen gelegen und geschlafen, als das Geräusch des sich öffnenden Türschlosses sie weckt. Bis sie begriffen hat, wo sie sich befand, sind die drei Männer bereits im Schlafzimmer. Einen von ihnen erkennt sie wieder. Es ist Cosminas Cousin, der sie heute früh hergefahren hat. Die anderen zwei hat sie noch nie zuvor gesehen. Sie wirken betrunken, und etwas in ihren Augen macht ihr Angst. Sie kauert sich auf der Matratze zusammen, doch einer der Männer packt sie an den Haaren, zieht fest daran und zwingt sie so, sich aufzurichten. Sein spitzes Gesicht erinnert sie an einen Iltis. Als er sie ansieht, grinst er, doch in seinem Ausdruck liegt nichts Freundliches. Sein Gesicht ist die triumphierende Fratze eines Raubtieres, das mit seiner Beute spielt. Sie weiß sofort, dass er gefährlich ist. Sie kennt Männer wie ihn. Auf Bukarests Straßen kamen sie mit dem Auto angerollt, verringerten das Tempo, wenn sie sie und ihren Hunger bemerkten, boten Essen an gegen einen Blow-Job. Versuchten, sie zu zwingen, wenn sie ablehnte. Diese Männer haben kein Herz.

Der Mann, der sie an den Haaren gezogen hat, nennt sie eine Hure. Sagt, dass sie ihnen zu Diensten sein wird. Verlangt Dinge, die sie nie zuvor getan hat. Sie schüttelt den Kopf, sagt, dass alles ein Missverständnis sei, dass sie in einem Restaurant arbeiten solle. Da tritt er sie mit dem Knie in den Bauch, fest und schonungslos. Dann wiederholt er: Du bist eine Hure, verstehst du? Sie protestiert erneut. Diesmal tritt er sie mehrere Male hintereinander, ohne etwas zu sagen. Sie versucht, ihren Körper mit den Armen zu schützen, doch es ist vergebens. Jeder Protest ihrerseits führt zu neuen, immer brutaleren Schlägen. Er sieht aus, als genieße er es. Jedenfalls blitzen seine Augen jedes Mal, wenn sie schreit. Er nennt sie weiter eine Hure, ein Luder, eine Schlampe. Zum Schluss wimmert sie nur noch: »Nein!« Als sie nach Luft schnappt, verlangt er, dass sie ihm nachsprechen soll.

Ich bin eine Hure.

Sie weigert sich. Er tritt sie wieder. Aus ihren Lungen zischt es, als sie auf die Matratze sinkt. Dann tut sie, was er gesagt hat. Sie presst die Worte hervor, sie bekommt kaum Luft.

Ich bin eine Hure.

Sie blickt auf Cosminas Cousin. Nennt ihn beim Namen. Razvan. Flüstert, er solle den anderen erklären, dass es ein Irrtum sei. Dass sie als Kellnerin arbeiten solle. Deswegen sei sie nach Madrid gekommen. Doch Razvan wendet sich ab, antwortet nicht. Da verstummt sie.

Nachdem der dritte Mann ihr das Höschen heruntergerissen und seinen Penis von hinten in sie hineingestoßen hat, ist sie nur noch Schmerz. Sie weiß nicht mehr, wie oft sie vergewaltigt worden ist, fünfmal, vielleicht zehnmal. Irgendwann hat sie aufgehört, Widerstand zu leisten. Ins Dunkel gestarrt und sie machen lassen. Als sie fertig sind, ist ihr Gesicht von eingetrocknetem Sperma verklebt, das Laken verschmiert, ihr ganzer Körper wund.

»Jetzt zweifelst du wohl nicht länger daran, dass du eine Hure bist.«

Wie durch einen Nebel hört sie, wie sie lachen. Sie versteht nicht, warum und was so lustig ist.

»Sei dankbar, dass deine Fotze zu etwas taugt«, fährt der Iltis fort. »In ein paar Jahren will sie keiner mehr haben, und dann bist du nichts mehr.«

Sie antwortet nicht, liegt nur da auf der Matratze. Die Finger ihrer Hand sind gespreizt, als greife sie nach etwas. Oder jemandem. Aber niemand ist da.

Bevor sie gehen, sagen sie ihr, dass sie sie töten werden, falls sie versucht, abzuhauen. Und wenn sie zur Polizei geht, werden sie ihre kleine Schwester vergewaltigen. Bei ihrer Ankunft in Rumänien werden sie bereits da sein. Wenn sie aus dem Bus steigt, werden sie dort schon auf sie warten. Sie wird ihnen niemals entkommen. Aber erst, als er eine Adresse in Bukarest erwähnt, versteht sie, dass er es wirklich ernst meint. Dort ist sie aufgewachsen. Und dort wohnt immer noch ihre elfjährige Schwester Florina. Sie zweifelt nicht daran, dass sie ihr dasselbe antun würden. Das darf niemals geschehen.

Als sie die Tür ins Schloss fallen hört, kommen die Tränen. Sie tun weh, schlimmer als die schmerzenden Muskeln und ihre Scham, aus der es noch immer blutet. Weil du nicht zufrieden warst, flüstert eine strenge Stimme in ihrem Kopf. Weil du ein besseres Leben wolltest. Das kommt davon.

Elena blickt sie forschend an und sammelt Andreeas Höschen auf, die auf dem Boden verstreut liegen.

»Haben sie dir gesagt, wer sie sind?«, fragt sie und legt die Höschen ans Fußende der Matratze.

Andreea schüttelt den Kopf. Sie erinnert sich, wie die Männer sie gezwungen haben, ihren Penis in den Mund zu nehmen, an den üblen Uringeschmack, den Brechreiz, als sie ihn immer tiefer hineindrückten. Wie sie die Hände um ihren Hals hielten, als sie vor Schmerzen schrie.

»Es sind unsere Zuhälter.«

Als Andreea sie verständnislos ansieht, seufzt Elena.

»Du bist hier, um als Hure zu arbeiten, um zu ficken, wenn du verstehst, was das bedeutet.«

Elena schüttelt den Kopf, sodass eine Strähne ihres blondierten Haares über ihren Mund fällt. Andreea weiß, was ficken bedeutet. Sie weiß auch, was eine Hure ist. Das Unbegreifliche liegt nicht in den Worten.

»Das kann nicht sein«, sagt sie leise. Sie lässt den Blick durch das schmutzige Zimmer, über die fleckigen Matratzen wandern. »Ich soll als Kellnerin arbeiten.«

Sie sucht in Elenas Gesicht nach etwas, das ihre Aussage bestätigt und alles als ein großes Missverständnis entlarvt. Doch das Einzige, was sie entdecken kann, ist Mitleid. Das ist beinahe das Schlimmste von allem.

»Wirklich!«

Andreea atmet heftig, obwohl Elena nicht widersprochen hat.

»Frag diesen Mann mit den dünnen Haaren, Razvan. Er weiß, dass es stimmt.«

Elena antwortet nicht, sondern nimmt Andreeas Hand und streichelt mit dem Daumen über die dünnen Adern, die durch die helle Haut des Handrückens scheinen.

»Es ist kein Irrtum«, sagt sie schließlich, als die Stille kaum mehr zu ertragen ist. »Wir wussten, dass du kommen würdest. Du wirst nicht in einem Restaurant arbeiten. Wie alt bist du eigentlich?«

»Sechzehn.«

Andreea blickt hinunter auf ihre Hände.

»In einer Woche«, fügt sie hinzu.

Elena streichelt ihr über die Wange.

»Bist du noch nie mit einem Mann zusammen gewesen?«

Erinnerungsfetzen flattern an ihrem inneren Auge vorbei. Sie antwortet nicht.

»Es muss furchtbar wehgetan haben«, sagt Elena mitleidig. »Aber es wird besser, glaube mir.«

»Warum haben sie das gemacht«, flüstert Andreea. »Was habe ich ihnen getan?«

Elena lässt ihre Hand los und zuckt mit den Schultern.

»Keine Ahnung«, sagt sie. »Aber ich vermute, dass du nicht gefügig genug warst. Dann sind sie immer besonders brutal. Oder sie wollten dir klarmachen, was du zu erwarten hast, wenn du nicht tust, was sie sagen.«

Sie hebt das T-Shirt und zeigt Andreea ihren Bauch.

»Das haben sie mir letzte Woche verpasst.«

Sie zeigt einen großen blauen Fleck an der Seite, der schon beginnt, gelb zu werden. Es sieht aus, als täte es weh.

»Weil ich meine Tage hatte und mich geweigert habe, in den Park zu fahren.«

Sie lässt das Shirt wieder herunter.

»Marcel versucht eigentlich, sichtbare Verletzungen zu vermeiden. Denn das mögen die Kunden nicht. Aber er kann sehr wütend werden, das hast du wahrscheinlich bemerkt.«

Marcel, das muss der Iltis sein, der Schlimmste von allen. Andreea blickt wie hypnotisiert auf Elenas Bauch, wo der blaue Fleck wieder unter dem T-Shirt verschwunden ist.

»Er sagt, wir sollen Tampons in die Muschi stecken, wenn wir bluten«, fährt Elena fort. »Aber am ersten Tag funktioniert das bei mir nicht. Da fließt es nur so aus mir heraus.«

Sie deckt Andreeas übel zugerichteten Körper mit einem Laken zu.

»Aber wenn man tut, was sie einem sagen, und gefügig ist, dann kommt man klar.«

Sie zupft das Laken zurecht.

»Nicht immer, aber meistens.«

Andreea hört das leise Rauschen eines Wasserhahns, der aufgedreht wird, und dreht den Kopf zur Seite. Ihr Herz schlägt ihr bis zum Hals, als sie nach einem Ort sucht, an dem sie sich verstecken kann.

»Das ist Renata«, erklärt Elena, als sie Andreeas Angst bemerkt. »Sie wohnt auch hier.«

Andreea atmet auf und sinkt zurück auf die Matratze. Elena zieht eine Packung Zigaretten hervor und hält sie Andreea hin. Andreea schüttelt den Kopf.

»Wie seid ihr hier gelandet?«, fragt sie.

Sie betrachtet Elenas lange, rote Nägel, als diese eine Zigarette aus dem Paket fischt.

»Warum wolltet ihr Huren werden?«

Elena lacht kurz und bitter auf.

»Wolltet?! Wer hat gesagt, dass wir Huren werden wollten?«

Sie klemmt sich die Zigarette zwischen die Lippen.

»Wir wurden verkauft.«

Sie nickt in Richtung des Wohnzimmers, obwohl die Männer nicht mehr da sind.

»Und jetzt müssen wir die Schulden abarbeiten. Genau wie du.«

Sie nimmt ein Feuerzeug vom Nachttisch und zündet die Zigarette an.

»Was sagst du da? Verkauft? Wer sollte mich denn verkauft haben?«

»Das weiß ich nicht.«

Elena zuckt die Schultern, als interessiere sie die Antwort nicht im Geringsten.

»Deine Eltern, deine Geschwister oder vielleicht dein Freund? Denk mal nach, gab es nicht jemanden, der Geld bekommen hat, bevor du herkamst?«

Andreea schüttelt den Kopf, als sie versucht, sich an die letzten Tage in Bukarest zu erinnern. Alles ist ganz schnell gegangen. Sie war vielleicht einen Monat bei Cosmina gewesen, als diese das erste Mal von einem Cousin erzählt hatte, der in Spanien sein Glück gemacht hatte. Aus dem Nichts hatte er ein Restaurant eröffnet, das inzwischen sehr gut etabliert war; mehrere bekannte Schauspieler hatten bereits dort gespeist.

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