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Dein letztes Foto

PROLOG

„Bist du verrückt? Du tust mir weh!“ Das Mädchen schlug wütend um sich. „Wenn das ein Scherz sein soll, dann ist das ein sehr schlechter … Argh!“

„Das ist kein Witz!“, erwiderte der junge Mann und schloss seine Hände fest um ihren Hals. „Das ist dein Ende, Bitch!

Das Mädchen sah den Jungen ungläubig an. Als sie keine Luft mehr bekam und ihr klar wurde, dass er sie wirklich umbringen wollte, starrte sie ihn trotzig an. Tränen schossen ihr in die Augen, und sie begann verzweifelnd zappelnd, um ihr Leben zu kämpfen. Vergeblich.

Er war viel größer und stärker als sie. Ihr Schicksal war besiegelt. Und ihr Ende kam schnell. Viel schneller, als er es erwartet hatte. Das Zappeln hörte nach knapp zwei Minuten auf. Das Licht in ihren Augen erlosch. Ihre Pupillen wurden starr. Ihr Blick brach. Er hielt ihren schmalen Hals selbst dann noch in seinem eisernen Griff, als ihr Körper zusammensackte.

Schließlich hob er sie in seine Arme und betrachtete sie ein letztes Mal. Er seufzte erleichtert: „Endlich bist du da, wo du hingehörst: in der Hölle!“ Dann warf er ihren Körper so weit wie möglich ins Meer hinaus.

1. KAPITEL

„Cheese! Bitte lächeln!“ Sadie zoomte mit ihrer Digitalkamera auf ihre Freundinnen Hailey und Leona. „Rückt in die Mitte des Strandtuchs! So ist gut.“ Sadie betätigte den Auslöser und checkte das Foto im Display. „Ihr seht toll aus! Ich mach noch ein Bild, diesmal von Leonas Drachen-Tattoo.“

„Och nö! Ich hab keine Lust mehr.“ Leona ließ sich bäuchlings in den Sand fallen und versteckte ihren tätowierten Arm im Schatten des Sonnenschirms. „Du hast schon so viele Aufnahmen von uns geschossen. Ich möchte jetzt in der Sonne liegen.“

„Na gut.“ Sadie richtete ihre Kamera aufs Meer und schoss Bilder von den Möwen, die am hellblauen Himmel kreisten.

„Was hast du am Wochenende gemacht, Sadie?“ Leona setzte sich wieder auf und rieb ihre Arme mit Sonnencreme ein. „Hailey und ich haben dich beim Billardspielen vermisst.“

„Ich war tanzen und habe zwei Jungs kennengelernt.“ Sadie ließ die Kamera sinken und lächelte. „Sie heißen Alex und Billy, sind Zwillinge und stehen beide auf mich.“

„Wie machst du das?“, maulte Hailey und bewarf Sadie mit einer Handvoll Sand. „Ich lerne nicht mal einen süßen Typen kennen. Und du? Gleich zwei! Und dann auch noch Zwillinge. Jedes Mädchen wünscht sich so was! Vermutlich sehen sie auch noch richtig gut aus.“

„Die Antwort lautet: bombastisch!“, erwiderte Sadie und strich die Sandkörner mit einer lässigen Handbewegung von ihrem sonnengebräunten Bauch.

Bombastisch? Das sind ja ganz neue Töne! Die Typen scheinen dir echt zu gefallen, sonst redest du nie so begeistert von Jungs“, bemerkte Leona. „Aber Optik ist eine Frage des Geschmacks. Und was soll bitte schön Wunschvorstellung bedeuten? Wenn’s eineiige Zwillinge sind, sehen sie identisch aus. Dann ist es völlig egal, welchen von beiden du nimmst. Oder ist das so eine erotische Fantasie? Du liegst mit den Jungs im Bett. Einer vorne, einer hinten … und beide haben das gleiche Gesicht, den gleichen Body. Ich weiß nicht. Ich finde die Vorstellung gruselig.“ Sie schüttelte sich.

„Du hast immer was zu nörgeln!“ Hailey bewarf nun Leona mit Sand. „Und du bist furchtbar unromantisch. Zwillinge – das ist, als gäbe es einen wirklich tollen Jungen zweimal. Nur dass jedes Exemplar vom Charakter her völlig unterschiedlich ist. Somit liegt die Trefferquote, dass er zu dir passt, doppelt so hoch. Das ist super!“

„Du hast Ideen!“ Leona verdrehte die Augen. „Und hör auf, mit Sand zu schmeißen! Bist du fünf Jahre alt oder was? Sieh mal, was du gemacht hast!“ Sie rieb vorsichtig die Sandkörner von ihren frisch eingeölten Armen.

„Sehen die Zwillinge identisch aus?“, fragte Hailey neugierig und ließ Leona vor sich hin grummeln, während sie Klümpchen aus Sand und Creme von ihrer Haut entfernte.

Identisch wäre zu viel gesagt“, erwiderte Sadie. „Aber es gibt eine starke Ähnlichkeit. Sie sind sehr groß und durchtrainiert, haben beide hellblonde Haare, Mund und Nase stimmen auch überein. Aber Alex’ Gesichtszüge sind härter. Billy ist jungenhafter. Und was ich richtig geil finde: Alex hat blaue Augen und Billy grüne. Daran kann man sie auf jeden Fall unterscheiden.“

„Blaue und grüne Augen – das klingt sexy!“, schwärmte Hailey und ignorierte Leonas verzweifelte Seufzer wegen ihres Hangs zu schnulzigen Love Storys. „Wo hast du Alex und Billy kennengelernt?“

„Auf der Party des Footballteams“, erklärte Sadie.

„Urgh!“ Leona gab würgende Laute von sich. „Ich hasse die Typen vom Footballteam! Ich verstehe nicht, wie du freiwillig auf eine Party gehen kannst, die Obermachos wie Quarterback Andrew und sein Kumpel Ethan schmeißen. Ihr wisst, Ethan nennt sich ‚The Viking‘, der Wikinger! Schlimmer geht’s wirklich nicht mehr. Die denken, sie wären Gottes Geschenk an die Frauenwelt. Ich hab gehört, sie füllen neuerdings Mädchen mit Alkohol ab, um sie leichter ins Bett zu kriegen.“

„Reg dich ab!“, unterbrach Hailey Leonas Schmäh-Attacke auf die Mitglieder des Footballteams vom Faverau-College. „Wir reden nicht von Ethan und Andrew, sondern von Billy und Alex. Also …“ Sie wandte sich wieder an Sadie. „Ich will jedes Detail hören.“

„Nur um das vorab zu klären: Alex spielt Eishockey und Billy Basketball. Mit Football haben sie nichts am Hut. Sie sind nur zur Party ins ‚Old Vic‘ gegangen wie außer ihnen und mir noch etwa dreihundert andere Leute“, wandte Sadie ein. „Die Musik war genial: Hip-Hop und R&B. Ich hab Stunden getanzt. Irgendwann bekam ich furchtbar Durst. Aber ich hab’s nicht geschafft, zur Bar zu kommen. So voll war es. Ich muss verzweifelt oder verschwitzt oder beides ausgesehen haben. Keine Ahnung. Jedenfalls standen plötzlich diese Wahnsinns-Zwillinge vor mir und hielten jeder ein Getränk für mich in der Hand. Billy hatte mir eine Cola besorgt und Alex ein Bier. Sie zogen sich gegenseitig auf und meinten: ‚Wenn sie mein Getränk nimmt, mag sie mich lieber als dich.‘“

„Total albern! Seit wann stehst du auf so eine kindische Anmache?“, warf Leona ein, hielt aber sofort den Mund, als Hailey ihr mit einer Handvoll Sand drohte.

„Es war albern, aber auch süß“, erwiderte Sadie. „Und da ich beide sehr niedlich fand, hab ich beides genommen, Cola und Bier. Die Zwillinge haben sich durch die Menge gekämpft und uns einen Tisch an der Tanzfläche besorgt, der gerade frei wurde. Von dort hatten wir den besten Blick aufs Geschehen. Als ich Bier und Cola ausgetrunken hatte, meinte Alex, wir sollten was Richtiges trinken, und hat Champagner geordert.“

„Champagner?“, unterbrach Leona sie. „Woher hat er denn so viel Geld? Ich wette, von Daddy! Wie heißen die Zwillinge mit Nachnamen?“

„Cole“, antwortete Sadie.

„Cole wie in ‚Jacob Cole Zementfabrik‘?“, hakte Hailey nach.

Sadie nickte. „Das Unternehmen gehört ihrem Vater.“

„Dann wundert mich nichts mehr“, winkte Leona ab. „Höchstens dass Alex nicht gleich zwei oder drei Flaschen Schampus hat springen lassen. Schließlich gehören die Coles zur reichen Crème de la Crème in unserer Stadt.“

„Reich ist übertrieben“, warf Sadie ein. „Wohlhabend.“

„Hast du ein Glück!“, seufzte Hailey erneut. „Ich fasse zusammen: zwei Verehrer, beide gut aussehend und auch noch reich … äh, wohlhabend.“

„Und wenn schon. Das bedeutet rein gar nichts“, bemerkte Leona nüchtern. „Sie können trotzdem Idioten sein.“

„Das habe ich eine Weile auch befürchtet“, gab Sadie zu. „Denn als Alex Champagner bestellte, pflaumte Billy ihn an: ‚Willst du sie damit beeindrucken und mir ausspannen? Schaffst du nicht! Ich bin der Frauenschwarm.‘ Worauf Alex erwiderte: ‚Träum weiter! Ich bin drei Minuten vor dir geboren – und als Älterer habe ich das Vorrecht auf schöne Frauen!‘ Ich fand diesen Wettstreit affig. Außerdem schien es ihnen nicht um mich zu gehen, sondern darum, wer siegt.“

„Und? Wer hat gewonnen?“ Hailey platzte fast vor Neugier.

„Keiner. Ich will erst wissen, ob sie wirklich Interesse an mir haben. Und deshalb habe ich so getan, als wäre ich unnahbar.“

„Sehr gut!“, pflichtete Leona ihr bei. „Ich dachte schon, unsere ewige Jungfrau wäre wegen ein bisschen Schampus schwach geworden. Wann folgt die Fortsetzung?“

„Was heißt denn hier ewige Jungfrau?“, meinte Sadie empört. „Ich habe Sex!“

„Ja, ja“, winkte Leona ab. „Deine halbherzigen Affären gelten nicht. Außerdem sind sie viel zu lange her. Du warst weder verliebt noch scharf auf die Typen. Deshalb hast du sie auch ratzfatz abserviert. Und seitdem durchwanderst du das Tal der sexuellen Ödnis.“ Sie kicherte.

„Du bist unmöglich!“, maulte Sadie. „Ich werf mich nun mal nicht jedem an den Hals!“

„Aber den Zwillingen“, ärgerte Leona sie weiter. „Also gibt es nun eine Fortsetzung oder nicht?“

„Allerdings! Billy hat mich zum Abendessen eingeladen.“

„Oh, eine Oase ist in Sicht! Sadie wird flachgelegt!“, jubelte Leona.

„Also echt! Nun hör auf!“, fauchte Sadie. „Ich weißt, dass die meisten Jungs denken, sie laden ein Mädchen zum Dinner ein und bekommen Sex zum Dessert. Aber ich glaube nicht, dass Billy so drauf ist.“

„Ha, ha!“ Leona grinste spöttisch.

Sadie und Hailey wechselten einen kurzen Blick. Dann bewarfen sie Leona gleichzeitig mit Sand.

„Spinnt ihr?“ Leona schoss wie angestochen hoch und musterte angeekelt den Sand, der erneut auf ihrer eingeölten Haut klebte. „Ich hasse es, wenn Sand und Sonnencreme sich mischen und ich diese Pampe an den Armen habe!“

„Bei deiner frechen Klappe war eine Sanddusche längst überfällig!“ Sadie grinste zufrieden.

„Außerdem hassen wir es, dass du immer alles schlechtmachen musst“, meinte Hailey. „Nur weil du letztes Semester auf den Blender Ethan reingefallen bist …“

„Stopp!“, fiel Leona ihr ins Wort. „Verdirb mir nicht den schönen Tag, indem du mich an den größten Fehler meines Lebens erinnerst. Immerhin habe ich nicht mit ihm geschlafen. Zum Glück, so ein Kotzbrocken! Und da wir gerade beim Thema sind: Ich finde, Sadie, du brauchst dringend mal wieder Sex. Aber ich möchte nicht, dass du auf einen Aufreißer reinfällst. Weil du zu den Mädchen gehörst, die nicht für reine Bett-Abenteuer gemacht sind. Du brauchst einen Kerl fürs Herz. Dann klappt es auch in der Kiste.“

„Du kennst mich besser als ich mich selbst?“, konterte Sadie.

„In dem Fall schon“, beharrte Leona auf ihrer Meinung.

„Irrtum! Ich will mich endlich richtig verlieben. Und die Zwillinge sind die ersten Jungs nach langer, langer Zeit, die als geeignete Kandidaten infrage kommen. Deshalb habe ich Billys Dinner-Einladung in ein Frühstücksdate umgewandelt; nicht dass er denkt, es geht um schnellen Sex.“

„Schlaues Mädchen! Ich bin beeindruckt“, meinte Leona zufrieden.

„Und es kommt noch besser: Als Alex hörte, dass ich mich mit seinem Bruder verabredet habe, hat er mich am selben Tag zum Konzert der Subways eingeladen.“

„Wie geil ist das denn?!“, stieß Hailey hervor. „Du gehst morgens mit dem ersten Bruder frühstücken und abends mit dem zweiten ins Konzert?“

„Ich bezeichne das als neue Variante des Doppel-Dates.“ Sadie kicherte.

„Echt effektiv“, stellte Leona fest. „Dann weißt du binnen eines Tages, welchen von den Brüdern du noch mal treffen willst oder ob du beide in die Wüste schickst. Und dass du zu den Subways gehst, macht mich echt neidisch. Das Konzert ist seit Wochen ausverkauft.“

„Ich weiß.“ Sadie grinste. „Alex wollte ursprünglich mit Billy hingehen. Aber jetzt hat er dessen Eintrittskarte mir geschenkt. Billy war echt sauer. Zu Recht. Ich wollte die Einladung ablehnen. Aber beide waren dagegen.“

„Die kämpfen mit harten Bandagen um dich“, bemerkte Leona.

„Klingt ganz so, als wäre es kein Wettstreit unter Brüdern, sondern echtes Interesse“, fügte Hailey hinzu.

„Hm … Ich weiß noch nicht, was ich davon halten soll“, gab Sadie zu. „Auf jeden Fall fühle ich mich sehr geschmeichelt.“ Sie nahm ihre Kamera, stand auf und klopfte Sandkörner von ihrem runden kleinen Po. Dann zoomte sie mit der Kamera auf eine Möwe und schoss eine Reihe Fotos, wie der Vogel sich im Sturzflug in die Wellen stürzte und mit einem Fisch im Schnabel wieder auftauchte und davonflog.

„Was sagt denn Ryan zu deinen neuen Verehrern?“, fragte Leona.

„Ryan weiß noch nichts. Ich habe zuletzt vor der Party mit ihm telefoniert“, erwiderte Sadie und fotografierte ein junges Paar, das eng umschlungen an einem Fels lehnte.

Sadie hielt gerne Momentaufnahmen, die Emotionen oder – wie sie stets sagte – ‚das wahre Leben‘ zeigten, fest. Und da sie für viele Bilder den Zoom einsetzte, gelangen ihr auch so intime Aufnahmen wie die des Pärchens, ohne dass die Fotografierten sie und ihre Kamera bemerkten und womöglich unnatürlich posierten oder gar lospöbelten.

Sadie betrachtete die Aufnahme zufrieden im Display. Die Frau besaß auffällig rot gefärbte Haare und trug limonengrüne Sandalen, was einen tollen Kontrast zum Grafitgrau der Felsen, der schlichten hellgrauen Collegejacke ihres Freundes und seiner schwarzen Baseballkappe bildete. Die beiden boten ein Supermotiv, und Sadie richtete erneut die Kamera auf sie und schoss eine Reihe Bilder. Bis plötzlich Leona vor die Kameralinse sprang und eine Fratze zog.

„Verdammt! Leona, was soll das?“, ärgerte Sadie sich über das vermasselte Foto.

„Huhu! Ich rede mit dir!“, tönte Leona. „Wann hast du vor, Ryan von deinen Flirts zu erzählen?“

„Gar nicht!“, erwiderte Sadie genervt. „Ryan interessiert sich nicht für meine Männerbekanntschaften. Er ist mein Kumpel, mehr nicht.“

„Glaubst du“, wandte Leona ein.

„Geht deine Besserwisserei schon wieder los?“ Hailey war inzwischen auch vom Strandtuch aufgestanden und kniff Leona in die Seite.

„Aua!“ Leona schlug nach ihr. „Was habt ihr heute bloß gegen mich? Ich sag nur meine Meinung! Und ich denke, dass Ryan in Sadie verknallt ist. Aber sie das nicht wahrhaben will.“

„Blödsinn!“, konterte Sadie und fotografierte ihre balgenden Freundinnen. „Ryan und ich kennen uns seit der Highschool. Es hat nie zwischen uns geknistert. Unser Verhältnis ist wie Bruder und Schwester.“

„Er braucht keine Schwester. Er hat schon eine“, warf Leona ein.

„Ja, aber die ist verrückt“, sagte Hailey.

„Chrissie ist nicht verrückt!“, erklärte Sadie verärgert und ließ die Kamera sinken. „Sie ist nur … anstrengend.“

„Du bist zu nett, Sadie“, meinte Leona. „Fakt ist: Chrissie macht nur Ärger und ist eine Ultrazicke. Wenn sie nicht so tolle lange blonde Haare hätte, würden all die Typen, die ihr hinterherrennen, ganz schnell die Finger von ihr lassen.“

„Das stimmt so nicht! Du kennst sie gar nicht“, verteidigte Sadie die Schwester ihres Kumpels.

„Ich möchte sie auch nicht kennenlernen. Deine Geschichten über sie reichen mir“, erwiderte Leona. „Mein Eindruck steht fest: Bei Christine ist die Optik hui und der Charakter pfui! Aber egal, um sie geht es nicht, sondern um Ryan und dich. Hatte er jemals eine Freundin, seitdem ihr befreundet seid?“

„Hm, Affären … nichts Längeres. Er ist halt wählerisch, so wie ich.“

„Ja, ja. Sahen die Mädchen dir ähnlich?“, forschte Leona weiter nach.

„Äh, nein … ja … Eine hatte eine gewisse Ähnlichkeit mit mir“, stotterte Sadie. „Nun hör mal auf, komische Schlüsse zu ziehen! Ryan und ich sind beste Freunde, und damit basta!“

„Okay, okay“, wiegelte Leona ab. „Ich bezweifele zwar, dass Männer und Frauen beste Freunde sein können, ohne Sex zu haben. Außer der Typ ist schwul. Aber vielleicht bildet ihr die große Ausnahme.“

„Tun wir!“, bekräftigte Sadie. „Allerdings wünsche ich mir, dass mein nächster Freund Ryans Qualitäten hat. Denn Ry ist der tollste Junge, den ich kenne. Sein Herz ist aus Gold.“

Ein Herz aus Gold? Wie kitschig! Bist du sicher, dass du nicht auch in ihn verliebt bist?“ Leona lachte.

„Grrr! Du nervst!“, meinte Sadie. „Ryan ist ein toller Mensch. Aber optisch ist er nicht mein Typ. Vom Aussehen gefallen mir die Zwillinge. Allerdings muss ich bei ihnen noch feststellen, ob ihr Charakter mit ihrer Optik mithält. Denn im Endeffekt sind es die viel beschworenen inneren Werte, die zählen.“

„Amen!“, veralberte Leona ihre Freundin.

„Wie kann man nur so zynisch sein?“, fuhr Hailey Leona an. „Für mich klingen die Zwillinge nach Heiratsmaterial.“

„Argh!“ Leona jaulte auf. „Sag nicht das böse Wort ‚Heiraten‘! Dafür sind wir viel zu jung. Bevor wir uns ewig binden – oder zumindest für die paar Jahre bis zur Scheidung –, sollten wir Spaß haben!“ Sie sprang auf und ab. „Am besten fangen wir sofort damit an. Habt ihr die schicken Typen gesehen, die bei der ‚Tiki‘-Strandbar Volleyball spielen? Ich finde, wir gehen hin und fragen, ob wir mitspielen dürfen. Und falls nicht – egal! Wenn heute meine Freundin Lola kellnert, bekommen wir umsonst Drinks.“

„Super Idee!“, stimmte Hailey zu und wühlte in ihrer Strandtasche nach Schminke.

Sadie fotografierte ihre Freundinnen, während sie ihre Lippen mit Lippenstift nachzogen. Sie knipste weiter, als die beiden Mädchen sich mit schwingenden Hüften auf den Weg zum Männerfang machten, überredete sie, auf einem Felsen in den Wellen zu posieren, und knipste von ganz Nahem Leonas Drachen-Tattoo.

Doch als es darum ging, die heißen Volleyballspieler anzugraben, machte Sadie einen Rückzieher. „Viel Erfolg bei den Jungs! Aber mir reichen Alex und Billy. Ich geh ein bisschen am Strand spazieren und schieß noch ein paar Bilder.“

„Bleib doch!“, bat Hailey. „Du kannst Schnappschüsse von den knackigen Typen machen.“

Sadie ließ sich nicht überreden. „Nee, keine Lust. Ihr findet mich unter unserem Sonnenschirm.“

„Mehr Kerle für uns!“, stellte Leona pragmatisch fest und zog Hailey zu den Barhockern, von denen aus man das Spiel optimal verfolgen konnte und auch bestens von den Spielern gesehen wurde.

2. KAPITEL

„Leona ist so behämmert!“, murmelte Sadie grinsend, als sie am Abend vor dem Bildschirm ihres Computers saß und die hochgeladenen Strandfotos ansah. Sie betrachtete das Bild, auf dem Leona ihr vor die Linse gesprungen war und eine Fratze schnitt. Ihre Freundin sah total abartig aus mit ihren aufgerissenen Augen und dem halb geöffneten Mund, und Sadie entschied, ihr den Schnappschuss mit dem Vorschlag zu schicken, das Bild ihrem nächsten Verehrer zu zeigen. Falls der Typ danach immer noch mit ihr ausgehen wollte, wäre er, wie Hailey gesagt hätte, Heiratsmaterial.

Sadie begann das Foto grafisch zu bearbeiten. Leona rückte in den Mittelpunkt. Der überflüssige Hintergrund – Strand, Felsen und das junge Paar – mussten weg. Sie vergrößerte die Aufnahme. Dabei fiel ihr Blick auf das rothaarige Mädchen.

Es hatte den Kopf in den Nacken geworfen und den Mund wie in Ekstase aufgerissen. Vom Wind verwehte Haarsträhnen machten das Profil unkenntlich. Dennoch verriet die Körperhaltung äußerste Anspannung – ob als Ausdruck von Lust oder Schmerz, ließ sich nicht sagen.

Sadie vergrößerte die Aufnahme ein weiteres Mal, wodurch das Bild jedoch unscharf wurde. Sie verkleinerte es wieder und musterte den Mann. Seine Baseballkappe verdeckte sein Gesicht. Er stand leicht vorgebeugt und überragte seine Freundin um mindestens einen Kopf. Seine Finger berührten ihren Hals und ihr Kinn. Die Momentaufnahme besaß ebenso viel Leidenschaft wie Brutalität und nahm Sadie gefangen.

Sie klickte weiter durch ihre Fotogalerie. Auf den nächsten Bildern war das Paar nicht zu sehen. Stattdessen rangelten Leona und Hailey miteinander. Es folgten die Fotos, auf denen ihre Freundinnen sich für die Volleyballspieler schminkten. Und dann kamen die Aufnahmen, auf denen sie sich zur Bar aufmachten. Von dem Pärchen keine Spur. Sadie konnte sich nicht erinnern, ob sie die beiden noch einmal aufgenommen hatte. Sie klickte schneller durch die Galerie. Da!

Auf einem Bild posierten Leona und Hailey auf dem Felsen, und rechts von ihnen entdeckte Sadie den Mann und das Mädchen. Sie zoomte die beiden heran. Und nun erkannte sie deutlich, dass der Typ seine Hände um die Kehle der jungen Frau gelegt hatte und sie würgte. Das Mädchen wehrte sich mit geballten Fäusten – jedoch ohne Erfolg. Denn auf dem nächsten Foto, das Leona und Hailey planschend im Meer zeigte, stand rechts zwischen den Felsen der Mann und blickte auf das Mädchen, das schlaff in seinen Armen hing.

„Oh mein Gott!“, stieß Sadie aus und klickte zur nächsten Aufnahme. Im Vordergrund hüpften ihre Freundinnen lachend aus dem Meer Richtung ‚Tiki‘-Strandbar. Im Hintergrund war das Mädchen verschwunden. Dafür starrte der Typ in ihre Kamera. „Argh!“ Sadie zuckte vom Bildschirm zurück. Der Typ blickte sie direkt an! Nein! Bitte nicht! Sadie rutschte wieder nach vorn und vergrößerte die Aufnahme. Dabei schlug ihr das Herz bis zum Hals.

Es gab keinen Zweifel. Der Killer sah sie – Sadie – an. Unter dem Schirm der Baseballkappe richteten sich zwei harte schwarze Punkte auf sie und ihre Kamera. Sadie stöhnte auf. Der Mörder wusste, dass sie ihn fotografiert hatte. Und auch wenn er nicht bemerkt hatte, dass sie seine Tat aufnahm, so reichte schon sein Wissen um dieses eine Foto. Wenn die Leiche seines Opfers auftauchte, gab es eine Zeugin, die ihn gesehen hatte, und einen Fotobeweis. Das war alles, was er wissen musste. Er würde gewiss nicht das Risiko eingehen, dass Sadie den Cops dieses Bild zeigte.

„Oh nein!“ Sadie sprang von ihrem Stuhl auf und lief in ihrem Zimmer auf und ab. Das bedeutete, der Typ würde sie suchen und ebenfalls ermorden! Nein! Nein! Sie kämpfte gegen die aufkeimende Panik an. Angst hatte noch nie jemandem geholfen. Sie musste cool bleiben, um klar denken und richtig handeln zu können. Wie wollte der Mörder sie finden? Sie war nur ein Mädchen von vielen, das einen Tag am Strand verbracht hatte. Wenn er sie, Hailey oder Leona nicht persönlich kannte, würde er sie niemals aufspüren!

Aber vielleicht kenne ich ihn, dachte Sadie und eilte zurück zum Computer. Sie starrte das letzte Foto an. Außer seinem stechenden Blick waren keine Gesichtszüge auszumachen. Die Baseballkappe bedeckte Stirn und Haare, und die untere Gesichtshälfte war von seiner Hand verdeckt. Er hätte Sadies Nachbar sein können, und sie hätte ihn nicht erkannt.

„Verdammt!“, fluchte sie und bekam Gänsehaut. Auf seiner Collegejacke prangten auf der rechten Vorderseite die eingestickten Buchstaben „FCSC“ für das Faverau-College in South Carolina – ihre Schule! Die Mitglieder der Footballmannschaft trugen diese Jacken.

Ganz ruhig. Sie atmete tief durch. Diese Jacken mit dem Collegeabzeichen konnte jeder im Unishop oder in einigen Sportgeschäften im nahe gelegenen Charleston kaufen. Der Mädchenmörder musste also nicht zu ihrer Uni gehen. Aber was, wenn er es doch tat?

Und wenn schon! Am Faverau-College studierten um die siebentausend Studenten, und der Campus war sehr weitläufig. Sie musste ihm also nicht zwingend begegnen. Doch vielleicht war sie ihm schon über den Weg gelaufen. Möglicherweise hatte er sie in der Mensa gesehen oder auf der Party des Footballteams. Oder er saß in einem ihrer Kurse! Was für ein Albtraum!

Aber selbst wenn er sie nicht kannte oder sich nicht an sie erinnerte – vielleicht hatte er schon einmal Leona oder Hailey getroffen. Schließlich besuchten sie auch das Faverau-College.

Sadie lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Sie musste den Mord der Polizei melden, die Fotos zeigen und um Schutz bitten. Doch was, wenn es gar kein Mord war, sondern nur ein Streit? Vielleicht hatte der Typ das rothaarige Mädchen gar nicht erwürgt, sondern es war bewusstlos zu Boden gesunken?

Sadie checkte noch einmal alle Bilder, auf denen die beiden zu sehen waren. Mit ihrem jetzigen Verdacht sah sogar das allererste Foto, auf dem das Mädchen eng an den Typen geschmiegt stand, gar nicht mehr romantisch aus. Vielmehr schien sie sich an ihm festzuklammern. Möglicherweise hatte er sie da bereits geschlagen oder weiß der Teufel was mit ihr angestellt.

Sadie klickte durch alle Fotos. Auch durch die, die sie noch nicht angeschaut hatte. Dabei handelte es sich um die Bilder, die sie geschossen hatte, nachdem Hailey und Leona sich zu den Volleyballspielern gesellt hatten.

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