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Dein ist mein ganzes Herz

Prolog

 

"Juliet? Es wird Zeit."

Unwillkürlich blickte Juliet Howard von den Zahlen auf, die sie gerade überprüfte, und lächelte den Mann an, der auf der Türschwelle ihres Büros stand. Paul Graham trug, wie bei allen Führungskräften üblich, einen dunklen Anzug mit weißem Hemd und dezent gestreifter Krawatte, nur sah er darin keineswegs üblich aus, sondern einfach umwerfend. Er hätte gut ein Model oder Schauspieler sein können.

Und am Monatsende, wenn seine befristete Abordnung von der Bank ausläuft, gehört er ganz mir, dachte sie glücklich, als er die Tür schloss und auf sie zukam. Sie hatte es sich zum Prinzip gemacht, keine Beziehungen am Arbeitsplatz einzugehen, und Paul hatte dies akzeptiert und nur gelegentlich eine zweifellos schmeichelhafte Ungeduld gezeigt.

"Ich habe dir doch gesagt, dass du das im Büro unterlassen sollst", rügte sie ihn, als er sich über den Schreibtisch beugte und sie küsste. Ihr Versuch, sich streng zu geben, rührte ihn allerdings nicht im Mindesten.

Feierlich legte er die Hand aufs Herz. "Ich schwöre, dass ich es nie wieder tun werde."

Eigentlich hatte sie sich eine andere Antwort erhofft, winkte ihn aber dennoch aus dem Raum. "Halte dich daran."

Anstatt sich abzuwenden, streckte er den Arm aus und wischte ihr mit der Daumenspitze behutsam über den Mund. "Ich habe deinen Lippenstift leicht ruiniert. Du solltest ihn besser erneuern, bevor du auf dem Empfang im Sitzungssaal erscheinst. Unser kürzlich geadelter Vorsitzender dürfte verschmierte Lippen nicht schätzen."

Lord Markham machte kein Geheimnis aus seiner Ansicht, dass Frauen lediglich zum Kinderkriegen nützlich seien und für die langweiligen Arbeiten, für die Männer zu wichtig seien, um sich damit zu befassen. Auch verhehlte er nicht, dass er sie, Juliet, nicht mochte. Nur war sie glücklicherweise in ihrem Job zu gut, und so fand er keinen Vorwand, ihr zu kündigen.

Hoffentlich genießt er den heutigen Tag, dachte sie, denn sobald ich meinen Plan vorgelegt habe, wie man den Gütertransport rationalisieren kann, wird er mich viel öfter sehen. "Ein verschmierter Lippenstift dürfte nächste Woche sein geringstes Problem sein. Doch hast du Recht. Man muss dieses alte Scheusal nicht unnötig reizen." Sie lächelte, was sie in letzter Zeit sehr häufig getan hatte.

Als sie nach dem Abschluss des Betriebswirtschaftsstudiums vor sieben Jahren bei Markham und Ridley angefangen hatte, hatte sie nur ein Ziel vor Augen gehabt – einen Sitz im Verwaltungsrat des Unternehmens zu erhalten, das zu einem der konservativsten und von Männern am stärksten beherrschten Industriezweige Englands zählte. Es handelte mit Gestein, Zuschlagstoffen und den daraus gewonnenen Produkten, war seit Jahren erfolgreich und hatte wegen alter Abbaulizenzen auf manchen Gebieten praktisch eine Monopolstellung. Ja, sie hatte sich gründlich informiert, bevor sie sich beworben hatte, und sich zehn Jahre für den Aufstieg gegeben.

Vor drei Monaten hatte John Ridley sie gebeten, ein Konzept auszuarbeiten, wie sie es sich langfristig vorstellte, die Kosten zu reduzieren und die Produktivität zu verbessern. Dieser Auftrag bedeutete zweifellos, sollte sie ihn zur Zufriedenheit ausführen, dass man ihr danach einen Direktorinnenposten anbieten würde. Und am Montag würde sie das Ergebnis ihrer Arbeit präsentieren.

Sie, Juliet, stand kurz davor, alles zu erreichen. Zum einen würde sie Direktorin werden und somit jedem Mann im Unternehmen ebenbürtig sein. Und sie würde Paul bekommen, den rücksichtsvollsten, charmantesten und aufmerksamsten Mann der Welt, was bewies, dass sie sich vor keiner Frau zu verstecken brauchte.

Ja, sie hatte allen Grund zur Freude. Allerdings war heute kein Tag, an dem sie sich verspäten sollte. "Ich gehe schnell und mache mich schön. Reservier mir schon einmal ein Glas Champagner."

"Zu Befehl, Madam."

Sie kämmte das glatte, lange Haar, das sie natürlich konservativ trug, erneuerte den Lippenstift und zupfte die Jacke zurecht. Dann lächelte sie ihrem Spiegelbild zu. Sie hatte hart für den Erfolg gearbeitet, aber es hatte sich gelohnt, denn ihr Ziel war zum Greifen nah.

Als sie die Tür des Sitzungssaals öffnete, wimmelte es dort bereits von Leuten, und da sie Paul nicht gleich erblickte, nahm sie sich ein Glas Champagner von dem Tablett direkt neben dem Eingang. Wie es schien, war sie der letzte Gast, denn nur wenig später klopfte der geschäftsführende Direktor gegen sein Glas und brachte einen Toast auf den Vorsitzenden aus. Sie trank einen kleinen Schluck und wappnete sich mit Geduld für die nun unvermeidliche Rede.

Sie war kürzer, als Juliet gedacht hatte, doch bei weitem nicht kurz genug.

"Natürlich freue ich mich sehr, so geehrt worden zu sein, doch noch glücklicher bin ich darüber, heute etwas bekannt geben zu können, das mir vorschwebt, seit ich vor dreißig Jahren sein Patenonkel geworden bin." Lord Markham legte dem Mann an seiner Seite die Hand auf die Schulter, und Juliet verrenkte sich fast den Hals, um an der Person vor ihr vorbeizusehen und herauszufinden, von wem er sprach.

Es war Paul.

Die erwartungsvolle Stille wurde nur von einem leisen Knistern unterbrochen, als sich zwei oder drei Leute zu ihr umdrehten. Paul war Markhams Patensohn? Warum hatte er es ihr nicht erzählt?

"Sie alle kennen Paul Graham", fuhr der Vorsitzende fort. "Er ist vor einigen Monaten zu uns gekommen und hat die Zeit gut genutzt, um sich zu informieren, wie wir alles machen. Und nun wird er uns sagen, wie wir es besser machen können. Mit sofortiger Wirkung wird er Mitglied im Verwaltungsrat und sich eigenverantwortlich um die Durchführung seiner Pläne kümmern, die Organisation zu straffen und die Transportkosten zu senken. In einem Jahr wird Markham und Ridley wettbewerbsfähiger und schlanker sein. Unser Unternehmen wird gleichsam zu einem Windhund in der Branche werden und alle Konkurrenten hinter sich lassen."

Wieder folgte eine Pause, aber jetzt wandte sich niemand zu ihr um. Nicht, dass sie es überhaupt bemerkt hätte, denn sie hatte nur Augen für Paul.

Seine Pläne? Windhund? Dieser Begriff stammte aus ihrem Papier! Was, zum Teufel, war hier los? Warum stand Paul dort, wo eigentlich sie sein sollte? Wieso blickte er sie nicht an? Es war ein Witz … musste ein Witz sein …

"Bitte trinken Sie mit mir auf Paul und eine glänzende Zukunft für uns alle."

Nein, es war kein Witz. Und während Lord Markham das Glas erhob, sah er sie direkt an und lächelte süffisant – und sein Patensohn ebenfalls, wie sie im nächsten Moment feststellte.

Als Juliet einen Fuß vor den anderen setzte, schien sich ihr automatisch ein Weg zu öffnen, und zum ersten Mal in ihrem Leben tat sie etwas, ohne die Folgen zu bedenken, sie, die Vorsicht in Person, die ihr ganzes Leben bis in jede Einzelheit geplant hatte.

Ihr Verstand war völlig gelähmt, denn vor ihrem geistigen Auge spulte sich ein Film ab, der jede Minute zeigte, die sie mit Paul verbracht hatte. Wie er sie umworben hatte, ihr das Gefühl von Sicherheit vermittelt und ihr vorgespielt hatte, begehrenswert zu sein, ohne je Druck auf sie auszuüben. Seit dem Tag, an dem man sie gebeten hatte, ihn über ihre Schulter blicken zu lassen, war er immer in ihrer Nähe gewesen. So auch eben, um ihr den Judaskuss zu geben, damit sie nach ihm den Sitzungssaal betrat.

Es existierte nur ein Wort, das ihn zutreffend beschrieb. Sie benutzte es und schüttete ihm den Inhalt ihres Glases ins Gesicht.

1. Kapitel

 

"Steh auf, Jools."

Juliet hörte die Stimme ihrer Mutter, blieb aber reglos im Bett liegen. Ihre Sachen zusammenzupacken – oder vielmehr dabei zuzusehen, wie ihre Mum es tat – und sich in ihre Heimatstadt Melchester zurückfahren zu lassen, hatten ihr die letzten Kräfte geraubt. Aufzustehen schien ihr völlig unmöglich und hatte sie seit Wochen überfordert. Sogar die Augen aufzuschlagen war schon zu anstrengend.

Ihre Mutter schob die Gardinen auseinander, und Juliet barg das Gesicht in den Kissen, um dem hellen Tageslicht zu entfliehen. Sie versuchte, die Geräusche zu ignorieren, die die Kleiderbügel verursachten, als ihre Mum ihr etwas zum Anziehen aus dem Schrank nahm und ihr aufs Bett warf.

"Ich habe eine Einkaufsliste geschrieben, denn ich hatte am Wochenende keine Zeit zum Einkaufen, und jetzt ist nichts mehr da. Dir ist es vielleicht egal, ob du etwas isst oder nicht, mir jedoch nicht. Und nun beeil dich. Ich setze dich auf dem Weg zur Arbeit in der Stadt ab. Du kannst dich bei der Jobvermittlung in der Nähe des Busbahnhofs melden, nachdem du mein Buch in der Buchhandlung in Prior's Lane abgeholt hast. Sag Maggie Crawford, dass wir uns heute Abend beim Bingo treffen."

Juliet fand die Forschheit ihrer Mum erdrückend.

"Du solltest auch mitspielen."

"Bingo?"

"Halleluja, sie spricht!"

Juliet rollte sich auf den Rücken. Ihre Mutter hatte es nicht ernst gemeint. Sie hatte nur endlich eine Antwort erhalten wollen. "Mum, das musst du nicht tun."

"Überzeug mich davon. Steh auf, und stell dich unter die Dusche, während ich Kaffee koche."

"Du wirst zu spät zur Arbeit kommen."

"Das werde ich, wenn du dich nicht beeilst."

"Nein …" Aber ihre Mutter, die sich noch kein einziges Mal verspätet hatte, verließ das Zimmer und diskutierte nicht mit ihr. Das hatte sie nie gemacht, denn dafür hatte sie keine Zeit gehabt. Sie hatte stets darauf geachtet, ihrem Arbeitgeber nicht das Argument zu liefern, dass sie unzuverlässig sei, weil sie eine ledige Frau mit Kind war. Auch hatte sie sich nie bemitleidet, zumindest nicht, wenn jemand in ihrer Nähe gewesen war. Wie oft hatte sie wohl in den dunklen, einsamen Nächten geweint?

Empört über sich, drehte Juliet sich auf die Seite, schob die Beine aus dem Bett und überließ ihre Füße der Schwerkraft. Auf diese Weise war sie schon früher häufig aufgestanden, wenn der Besuch der Schule ihr wie ein weiterer Tag in der Hölle erschienen war.

Sie fühlte sich von den Sonnenstrahlen, die durchs Fenster hereinfielen, in ihrem Elend gekränkt, und von dem Kaffeeduft, der aus der Küche in ihr Zimmer drang, wurde ihr übel. Doch ihre Mum hatte sich ihr Leben lang um sie gekümmert, ihr alles gegeben und sich mit ganzer Kraft dafür eingesetzt, dass sie, ihre Tochter, die bestmögliche Chance erhielt. Sogar jetzt sammelte sie die Scherben auf. Sie hatte kostbare Zeit geopfert, um nach London zu fahren, und hatte einen Makler mit der Vermietung der Wohnung betraut, damit die Hypothekenkosten gedeckt waren und sie, Juliet, wieder dorthin zurückkehren konnte. Und sie war es gewesen, die die Sachen gepackt, ihre Tochter nach Hause chauffiert und in dem alten Jugendzimmer zu Bett gebracht hatte.

Selbst das kleine Mädchen von damals war stark genug gewesen, aufzustehen, sich der unerfreulichen Situation zu stellen und jeden Tag, an dem es nicht in der Schule gehänselt und schikaniert worden war, als eine Art Geschenk zu betrachten.

Aber es war nicht Stärke, sondern ein schlechtes Gewissen, das Juliet unter die Dusche trieb, sich anziehen und schließlich fröstelnd ins Auto einsteigen ließ. Es war erst März und der Wind ziemlich kalt.

"Vergiss mein Buch nicht", sagte ihre Mutter, als sie sie in der Stadt absetzte. "Und kauf einen Strauß Osterglocken auf dem Markt."

Juliet ging zunächst zur Jobvermittlung, füllte die Formulare aus und wartete geduldig, während die Sachbearbeiterin ihre Qualifikationen las, die sie in den sieben Jahren bei Markham und Ridley erworben hatte.

"Sie haben die Frage nicht beantwortet, warum Sie aus Ihrer letzten Position ausgeschieden sind."

Eine zweifellos etwas heikle Frage. "Entschuldigung." Juliet nahm das Blatt, schrieb "Bridget-Jones-Syndrom" an die entsprechende Stelle und reichte das Formular zurück.

"Sie haben mit Ihrem Boss geschlafen?"

"Nein, ich war der Boss, doch Sie wissen ja, wie Männer sind. Sie wollen immer nach oben." Es war nicht die Wahrheit, ersparte ihr allerdings schwierige Erklärungen. Auch war sie sicher, dass Paul dieses Opfer gebracht hätte, wäre sie weniger prinzipientreu gewesen, nicht so auf ihren Ruf und die Karriere bedacht …

"Das stimmt." Mitfühlend sah die Frau sie an. "Offen gestanden, sind Sie für uns ein bisschen überqualifiziert. Sie sollten sich an eine Londoner Agentur wenden."

"Ich suche nur einen Job zur Überbrückung, um in der Zwischenzeit meine beruflichen Möglichkeiten neu zu bewerten."

Ähnliches hatte ihr bereits eine Beraterin in einer Londoner Arbeitsvermittlung vorgeschlagen. Sie hatte sich nicht danach erkundigt, ob sie wirklich einen Nervenzusammenbruch gehabt habe, sondern sie nur flüchtig betrachtet und ihre eigenen Rückschlüsse gezogen.

 

"Was, in aller Welt, hat dich bewogen, diese heruntergekommene Immobilie zu kaufen, Mac?"

Zufrieden ließ Gregor McLeod den Blick über seine neueste Erwerbung gleiten, einen alten, kleinen Bauhof, der mit den großen Märkten im Gewerbegebiet natürlich nicht mehr konkurrieren konnte. Dennoch hatte er ihn schon ganz lang haben wollen. "Reine Sentimentalität, Neil. Vor einer Ewigkeit habe ich hier einmal gearbeitet. Es war zwar nur sehr kurz, aber prägend."

"Das habe ich nicht gewusst", erwiderte sein Stellvertreter.

"Du warst auf der Uni, als ich bei Marty Duke geschuftet und Lasten geschleppt habe, wogegen die Leute von den Ministerien für Gesundheit und Arbeit Sturm gelaufen wären."

"Das sind nicht unbedingt glückliche Erinnerungen."

"Es gab auch einen Lichtblick. Im Büro war eine Aushilfskraft beschäftigt. Sie hatte lange, seidig glänzende Haare, fantastische Beine und eine Stimme, die so zart und verführerisch war wie schweizerische Schokolade. Und ihr Lächeln versüßte mir die Arbeit."

Neil schüttelte den Kopf. "Du und flotte Bienen. Ich hätte gedacht, selbst du würdest das Feuer scheuen, nachdem du dir ein Mal die Finger verbrannt hast."

"In ihrem Fall war ich nicht der einzige Bewunderer. Obwohl sie nicht besonders fit im Tippen war, bezahlte Duke sie fürstlich, denn die Kunden standen Schlange, um mit ihr zu flirten, während sie die Bestellungen aufnahm."

"Warum habe ich das Gefühl, dass die Geschichte nicht gut endet?"

"Weil du mich kennst?" Greg zuckte die Schultern. "Als ich beobachtete, dass Duke seine Hände dort hatte, wo kein Chef sie haben sollte, habe ich ihm nicht erst erklärt, dass sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz ein Unding sei, sondern ihn gleich niedergeschlagen. Noch am Boden liegend, hat er mir gekündigt."

"Hoffentlich war die Göttin mit der Schokoladenstimme dir entsprechend dankbar."

"Nicht, dass ich es bemerkt hätte. Allerdings war sie auch viel zu beschäftigt damit, Florence Nightingale beim Boss zu spielen. Was sie hervorragend gemacht haben muss, denn er hat ihr eine Ganztagsstelle angeboten."

"Als seine Sekretärin?"

"Nein, als seine Frau. Ich habe die Zeichen eindeutig falsch verstanden. Vielleicht hätte sie in der Besenkammer gern ein paar leidenschaftliche Zärtlichkeiten ausgetauscht, aber sie hatte höhere Ziele, als sich mit einem neunzehnjährigen Arbeiter ohne Perspektive einzulassen."

"Ihr Fehler." Lächelnd sah Neil sich auf dem heruntergekommenen Bauhof um.

"Glaubst du? Ich konnte ihr nichts bieten. Sie dagegen hat mir einen großen Gefallen getan, indem sie mich lehrte, dass Frauen, wenn sie zwischen Geld und Muskeln wählen müssen, sich immer für Ersteres entscheiden. Und sie hat mir gezeigt, dass ich nicht dazu geschaffen bin, für einen anderen zu arbeiten."

"Also hast du eine Immobilie gekauft, die du nicht brauchst, und Duke vor dem Bankrott gerettet, um es ihr zu danken, dass sie dir zu deinem Vermögen verholfen hat?"

"Mein Vermögen verdanke ich harter Arbeit, einem scharfen Blick für ein gutes Geschäft und sehr viel Glück. Ich habe den Hof aus mehreren Gründen erworben, wobei der schönste zugegebenermaßen der war, dass Duke mir in die Augen sehen und mich Mr. McLeod nennen musste."

"War seine Frau auch anwesend?"

"Stell dir vor, sie ist noch immer seine Sekretärin."

"Es war damals ein Fehler von ihr, ich kann mich nur wiederholen. Was hat sie gesagt?"

"Nicht viel, bis sie mich zur Tür brachte." Gregor schnitt ein Gesicht. "Dort sagte sie: 'Ruf mich an …'"

 

Juliet verließ die Jobagentur mit dem Versprechen, dass man sich bei ihr melden würde, sollte man etwas Passendes für sie haben. Du hast dein Bestes versucht, und jetzt hak einen Punkt von der Liste ab, dachte sie, während sie sich auf den Weg machte, die Einkäufe zu erledigen. Je schneller sie damit fertig war, umso eher konnte sie nach Hause zurückkehren.

Sie hatte den Korb ihrer Mutter genommen, ohne das Notizbuch zu beachten, das darin lag. Die meisten Leute funktionierten alte Briefumschläge zu Einkaufszetteln um. Nicht so ihre Mum. Sie hatte schon immer ein Notizbuch benutzt, und zwar nicht nur für Einkaufslisten, sondern auch, um diverses andere aufzuschreiben, denn sie war der Ansicht, dass der Mensch dadurch im Kopf frei wurde und über wesentlichere Dinge nachdenken konnte. Außerdem vermittelte es ihr ein gutes Gefühl, einen Punkt abzuhaken, vor allem, wenn dieser mit dem Wort "bezahl" begann.

Diese Angewohnheit hatte sie an ihre Tochter weiterzugeben versucht. Sie hatte sie, Juliet, ermutigt, nicht nur Alltagspflichten zu notieren, sondern auch Ein-, Fünfoder Zehnjahrespläne zu entwickeln. Und sie hatte ihr gesagt, sie solle nicht nur wichtige Sachen vermerken, denn es sei deprimierend, wenn sie kein Häkchen anbringen könne. Es galt, alles aufzuschreiben, weil man sehen musste, dass man etwas geschafft hatte, selbst wenn es sich nur darum handelte, dass man nicht vergessen hatte, ein Brot zu kaufen.

Juliet nahm das Notizbuch aus dem Korb und erkannte, dass es ein ehemaliges von ihr war. Sie hatte es im Alter von zwölf oder dreizehn von ihrer Mutter zu Weihnachten geschenkt bekommen und erinnerte sich noch gut daran, wie begeistert sie von dem schimmernden schwarzen Einband gewesen war und der roten Spirale, die es zusammenhielt. Bis dahin hatte sie immer nur kindliche Notizbücher gehabt, auf denen Katzen, Hamster oder Comicfiguren abgebildet gewesen waren. Dieses Neue hatte auf sie erwachsen gewirkt, und sie hatte es sorgfältig mit einem Etikett geschmückt.

 

JULIET HOWARD

EIN GESAMTPLAN FÜR IHR LEBEN

 

Die Worte waren kaum noch lesbar, und das Notizbuch glänzte auch nicht mehr, denn sie hatte es immer unten in der Schultasche versteckt, damit es keine der gefürchteten Kameradinnen entdeckte. Juliet schluckte, während sie an das einsame kleine Mädchen dachte, dass sie einst gewesen war. Und als sich jemand an ihr vorbeidrängelte und eine gereizte Bemerkung über Leute machte, die nichts Besseres zu tun hätten, als den Bürgersteig zu blockieren, flüchtete sie in ein nahe gelegenes Café. Sie bestellte einen Kaffee, den sie nicht wirklich wollte, doch nun durfte sie hier sitzen und konnte ihren Gedanken nachhängen.

Wonach hatte sie sich als Kind gesehnt? Schon damals hatte sie große Pläne geschmiedet, die sich nie geändert hatten. Sie hatte einen Platz an einer guten Universität angestrebt und einen Studienabschluss mit Auszeichnung, um eines Tages eine erfolgreiche Managerin zu werden.

Der Kaffee wurde kalt, während sie in dem Notizbuch blätterte. Offenbar hatte sie ihre Ziele eifrig verfolgt, denn sie hatte in Mathematik hervorragend abgeschnitten, ihre Referate in der Schule pünktlich abgegeben und überall Ordnung gehalten. Schließlich stieß sie auf eine Liste mit Herzenswünschen. Sie hatte die Haare ganz kurz tragen wollen, um sie mit Gel zu einer Igelfrisur zu formen, wie die "coolen" Mädchen sie hatten. Auch hatte sie von aberwitzig teuren Schuhen geträumt, damit sie sich nicht mehr von den anderen unterschied, sowie von einem Besuch in Disneyworld in Paris.

Hatte sie den Freizeitpark wirklich sehen wollen, oder stand er nur auf der Liste, weil es ihr damals so vorgekommen war, als wären alle in ihrer Klasse schon dort gewesen, und ihn nicht zu kennen, sie in den Augen ihrer Mitschülerinnen zur Verliererin abstempelte? Egal, er war jedenfalls wie so viele andere Wünsche nie abgehakt worden.

Du könntest ihn dir jetzt erfüllen, dachte sie, fand es aber im nächsten Moment zu traurig, ohne eigene Kinder dorthin zu fahren, mit denen sie den Zauber von Disneyworld hätte teilen können. Ja, und über diese hatte sie sich sogar auch schon Gedanken gemacht. Vier sollten es sein, doch über den dazugehörigen Vater hatte sie noch nichts vermerkt, denn hier endeten ihre Aufzeichnungen.

Juliet blätterte die Seite um und entdeckte, dass ihre Mutter die Einkaufsliste auf einen selbsthaftenden gelben Zettel geschrieben hatte. Zweifellos wollte sie sie mit dem Notizbuch auf nicht ganz subtile Weise daran erinnern, dass ihr Leben weiterging, auch wenn ihr gestecktes Hauptziel unerreichbar geworden war, und sie ermuntern, einen neuen Plan zu entwickeln.

"Einen Schritt nach dem anderen, Mum", sagte sie leise, während sie das Notizbuch wieder in den Korb legte.

Dann studierte sie den Einkaufszettel, auf dem nichts stand, was ihre Mutter nicht selbst in dem Geschäft um die Ecke hätte besorgen können, das bis spätabends geöffnet war. Sicher, das Buch hätte sie nicht abholen können, doch brauchte sie es nicht dringend. Und die Osterglocken hatte sie ihr bestimmt nur wegen der schrecklich heiteren gelben Farbe mitzubringen aufgetragen.

Juliet schloss einen Kompromiss und kaufte weiße Narzissen auf dem Markt, bevor sie sich auf den Weg zur Buchhandlung machte. Je eher sie alles erledigt hatte, umso schneller konnte sie nach Hause zurückkehren.

Und was wollte sie dort tun? Die Wände anstarren und sich bemitleiden? Hatte ihre Mutter sich je so kläglich benommen? Warum, in aller Welt, war sie so nett? Weshalb erklärte sie ihr nicht, sie solle sich zusammenreißen und über ihr Elend hinwegkommen?

Ihr Blick fiel auf das Notizbuch im Korb. Okay, ihre Mum sagte es ihr auf ihre Weise, indem sie ihr vorschlug, eine neue Liste anzufertigen. Ja, und der erste Punkt darauf musste wohl lauten: Such dir einen Job, damit du keine Zeit mehr hast, dich zu bemitleiden. Allerdings war dies leichter hingeschrieben als ausgeführt. Denn wer wollte schon eine höhere Führungskraft einstellen, die den großen Tag des Verwaltungsratsvorsitzenden ruiniert hatte, indem sie ihn und seinen Schützling mit Champagner beschüttet hatte.

Juliet blieb stehen, um sich zu orientieren, wo sie war. Prior's Lane war ein kleines Viertel mit engen Gassen und Zufahrtswegen, das im Mittelalter das Herz von Melchester gewesen war und sich vom Fluss bis hinauf zur Kathedrale erstreckte. Hier hatte man früher herrlich in schicken Boutiquen und attraktiven Geschäften mit einem tollen Warenangebot einkaufen können, doch nun wimmelte es vor Basaren, und selbst die wenigen anderen Läden, die es noch gab, benötigten dringend einen neuen Anstrich.

Was dachten sich die Stadtväter dabei, es so verkommen zu lassen! Andernorts wurden Viertel wie dieses zu einem Magneten für Touristen, verliehen der Stadt ein gewisses Flair und zahlten sich auch finanziell aus.

Sie atmete den Duft von frisch gebackenem Brot ein und spürte plötzlich, dass sie hungrig war. Und nachdem sie ein noch warmes französisches Baguette gekauft hatte, besorgte sie in einem typisch italienischen Lebensmittelgeschäft auch etwas Weichkäse und Oliven, die ihre Mum so gern aß. Diese hatte sich wahrlich eine kleine Freude verdient.

Die Glocke über der Tür läutete, als Juliet schließlich die Buchhandlung betrat. Hier war die Zeit offenbar spurlos vorübergegangen, denn sie erblickte weder eine Kaffeebar noch bequeme Stühle, die zum Verweilen und Schmökern einluden.

Problemlos fand sie das Buch, das ihre Mutter auf der Liste notiert hatte, und nahm auch noch den neuesten Roman von Paretsky mit, denn ihre Mum war eine leidenschaftliche Krimileserin. "Hallo?" rief sie, als sie bezahlen wollte und noch immer allein im Laden war.

Niemand antwortete ihr, und so schlenderte sie in den hinteren Teil des Raums, der durch Regale abgetrennt war.

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