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Dein Vater, mein Feind

Über die Autorin

Louise Monaghan wuchs in Irland auf. Ihr Beruf als Tourismus-Managerin führte sie nach Zypern, wo sie einen Syrer heiratete und mit ihm eine Tochterbekam. Die Ehe wurde bals geschieden, aufgrund der Gewalttätigkeit ihre Exmanns erhielt Louise das alleinige Sorgerecht für May. 2011 bis 2012 fand die Entführung und Flucht aus Syrien statt, heute lebt Louise mit ihrer Tochter wieder in Irland.

Louise Monaghan mit
Yvonne Kinsella

Dein Vater,
mein Feind

Der Kampf einer Mutter
um ihr entführtes Kind

Aus dem Englischen von
Isabell Lorenz

Inhalt

Vorwort

1 Der schlimmste Tag meines Lebens

2 Der Plan

3 Begegnung mit Mostafa

4 Und immer wieder zurück zu ihm

5 Leben in Idlib

6 Erste Schritte Richtung Freiheit

7 Die Flucht

8 Nach Hause

9 Weiterleben

Danksagung

Vorwort

Meine Welt geriet im September 2011 aus den Fugen, als mein Exmann Mostafa Assad, der Vater meiner sechsjährigen Tochter May, bei einem seiner regelmäßigen Besuche sein eigenes Kind brutal entführte.

So unwahrscheinlich es auch war, er schaffte es, sie von Zypern, wo wir lebten, in die Türkei und von der Türkei in sein Heimatland Syrien zu bringen. Und das, obwohl er keinen gültigen Reisepass für unser Kind hatte und die Kleine auf einer »Stoppliste« stand. Der Eintrag auf der Stoppliste sollte verhindern, dass einer von uns beiden sie ohne Erlaubnis des anderen außer Landes brachte.

Ein Jahr vor diesem schrecklichen Tag hatte ich Mays Reisepass für ungültig erklären lassen. Ich hatte nämlich herausgefunden, dass mein Exmann den Pass aus meinem Haus gestohlen hatte, obwohl das Sorgerecht für May bei mir lag. Eine Lehrerin in Mays Vorschule hatte mich angesprochen. Sie hatte das Gefühl, Mostafa könne eine Entführung planen. Nicht in meinen wildesten Träumen hätte ich gedacht, dass er das schaffen würde. Und die Behörden auf Zypern taten meine Bedenken als die Fantasien einer überfürsorglichen Mutter ab.

Auf die Entführung meiner Tochter reagierte ich verständlicherweise mit Angst und Hysterie, erst recht als mir dämmerte, dass sie sich jetzt in einem Kriegsgebiet im Nahen Osten befand. So traf ich die schwere Entscheidung, mich den Forderungen meines kontrollwütigen Exmannes zu beugen und mich auf ein Spiel einzulassen. Ein Spiel, in dessen Verlauf ich so tat, als wolle ich es tatsächlich noch einmal mit ihm versuchen, trotz der Scheidung. Gleichzeitig ein Spiel, das ich spielen musste, wenn ich meine geliebte Tochter wiedersehen wollte.

Mit Sehnsucht im Herzen und dem brennenden Wunsch, so schnell wie möglich mit meinem Kind vereint zu sein, reiste ich allein nach Syrien. Ich geriet mitten in Gewehrsalven und Bombenexplosionen hinein und lebte schließlich eingesperrt in einem Haus unter tyrannischer Herrschaft.

Gefangen, bei spärlichem Essen und ohne Kontakt zur Außenwelt, versteckt vor Mostafas Verwandten und Nachbarn, betete ich, dass die von meiner Familie bezahlten türkischen Menschenschmuggler uns finden und befreien würden.

Doch sie kamen nicht.

Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten fliehen, und als sich uns wie durch ein Wunder eine winzige Chance bot, liefen May und ich davon. Nach endlosen Stunden unterwegs, vorbei an etlichen Kontrollpunkten mit schwerbewaffneten Soldaten, die uns einzuschüchtern versuchten, schafften wir es irgendwie, wie durch ein Wunder, bis zu einem »sicheren Haus«.

Anfangs war die Erleichterung groß, doch bald mussten wir uns eingestehen, dass wir noch nicht ganz in Sicherheit waren. Stunden dehnten sich zu Tagen und Tage zu Wochen, und alle Hoffnung schien vergebens. Ich glaubte, es sei ein Haftbefehl gegen mich ausgestellt und ich könnte womöglich nach dem Gesetz der Scharia wegen Entführung zu Tode gesteinigt oder lebenslang ins Gefängnis geworfen werden. Doch schließlich gelang uns die Flucht.

Und nach vielen Wendungen und Schicksalsschlägen auf unserem Weg schafften wir es endlich zurück nach Irland und in die Arme unserer Familie.

Dieses Buch erzählt die beklemmenden Einzelheiten jenes schicksalhaften Tages, als Mostafa Assad mein Leben und das meines Kindes auf den Kopf stellte. Und es beschreibt die furchtbare Reise, die wir zurücklegen mussten, um sicheren Boden zu erreichen.

Heute geht es uns gut, doch unser Leben wird nie wieder so sein wie früher. Wir leben unter einem anderen Namen und waren gezwungen, die Familie zu verlassen, die unter solchen Mühen für unsere Rettung gekämpft hatte. Alles nur, weil ein Mann es sich in den Kopf gesetzt hat, unser Leben zu zerstören. Ein Mann, der jederzeit wieder zuschlagen kann. Und tut er es nicht selbst, weiß ich nur zu gut, dass er andere hat, die bereitstehen, wenn er beschließt, die Zeit sei reif für einen neuen Versuch. Ich weiß, dass er sogar im Gefängnis noch Pläne schmieden kann. Und beim nächsten Mal haben wir vielleicht nicht so viel Glück.

Ich habe beschlossen, dieses Buch zu schreiben, weil ich anderen helfen möchte, die sich eines Tages womöglich in einer ähnlichen Situation befinden.

Auf meinem Weg habe ich unendlich viel über Kindesentführung durch ein Elternteil gelernt. Ich wünschte, ich hätte diesen Weg nie beschreiten müssen. Und wenn ich nur einen einzigen Menschen, Mann oder Frau, vor einem ähnlichen Martyrium bewahren kann, ist es jede schmerzliche Minute wert gewesen. Allein in den USA kam es im Jahr 2009 zu über 200.000 Entführungen durch ein Elternteil. Dies geht hervor aus dem 2010 veröffentlichten Bericht über Enoindentung des »Haager Übereinkommens über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführung«. Diesen Bericht hatte das Amt für Kinderschutzfragen des US-Außenministeriums in Auftrag gegeben. Angesichts der immensen Zahl von Entführungen ist hier und jetzt sicherlich die beste Gelegenheit, Ratschläge zu veröffentlichen, die solche Kindesentführungen in Zukunft verhindern helfen.

Die Ursache für Mays Entführung lag in den kulturellen Unterschieden zwischen mir und ihrem Vater. Daher halte ich es für wichtig, auf einige der Probleme im Zusammenhang mit interkulturellen Ehen hinzuweisen. Ich hoffe sehr, es möge anderen gelingen, eine Situation wie die meine zu vermeiden. Nicht im Traum würde es mir einfallen, Menschen von einer solchen Ehe abzuraten. Vermutlich scheitern solche Ehen nicht häufiger als andere. Aber ich rate allen, mit dem potenziellen Partner über ihre Zukunftspläne zu reden. Beide Partner sollten sich austauschen über ihre Vorstellungen von Kindererziehung, über die ihrer Meinung nach besten Wege der Familiengründung, damit sie im freundschaftlichen Gespräch Lösungen finden, die beiden Eltern gerecht werden.

Meine kleine Tochter wurde entführt, weil sie nur einen Tag später ihren ersten Schultag an einer europäischen und nicht an einer islamischen Schule erleben sollte. So einfach war das. Und dass mein Exmann sich weigerte, mit mir über seine Ansichten auch nur zu reden, führte zu einer Situation, unter der ich bis an mein Lebensende leiden werde. Eine Situation, die wohl auch unser Kind dauerhaft belastet.

Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, und so bleibt mir nur der Versuch, den Schaden wiedergutzumachen, der für mein geliebtes Kind entstanden ist. Und ich möchte gern anderen helfen, die sich womöglich in einer ähnlichen Lage befinden.

Ich hoffe sehr, dass mir das gelingt.

Louise Monaghan

1
Der schlimmste Tag meines Lebens

Den 7. September 2011, einen Mittwoch, werde ich wohl mein Leben lang nicht vergessen. Dieser Tag wird mich fürs Leben zeichnen, er hat unwiderruflich das idyllische Leben erschüttert, das ich seit beinahe sechs Jahren in dem beliebten Urlaubsort Limassol auf Zypern führte.

Der Tag begann wie jeder andere; die Sonne schien, und am Himmel zeigte sich keine einzige Wolke. Doch meine kleine Tochter May war an diesem Morgen besonders aufgeregt, denn sie wusste, der nächste Tag würde ihr erster Tag an der, wie wir es nannten, »ernsthaften, richtigen« Schule sein. Wir hatten alles vorbereitet, und ihr kleines weißes Polohemd, ihr marineblauer Rock und ihre neuen Schuhe lagen schon auf dem Kinderbett in ihrem Prinzessinnenzimmer. Ihre kleine Schultasche in Babyrosa mit dem aufgedruckten Hundebaby auf der Vorderseite, die sie sich selbst ausgesucht hatte, war gefüllt mit ihren neuen Schulbüchern und Heften, die nur darauf warteten, benutzt zu werden.

Ihr erster Schultag war ein Tag, dem ich, wie alle Mütter, mit gemischten Gefühlen entgegensah, denn dieser Tag würde sichtbarstes Zeichen dafür sein, dass meine Kleine allmählich groß wurde und bald ihre Zukunft gestalten und auf eigenen Beinen stehen würde.

Doch ich wusste, dass sich May auf dieses neue Abenteuer freute, und so freute ich mich für sie mit. Im Jahr zuvor war sie auf der Vorschule gewesen und hatte es toll gefunden. Für die »ernsthafte, richtige« Schule hatte ich sie nun in Mesa Yitonia angemeldet. Ich hatte nie Mühe gehabt, sie morgens aus dem Bett zu bekommen. Voller Begeisterung machte sie sich jeden Morgen fertig, um ihre Freundinnen in der Vorschule zu treffen. Ich wusste also, der Übergang zur richtigen Schule würde keine Probleme bereiten. Sie hatte viele Freunde, die am selben Tag in dieselbe Klasse eingeschult würden. Es fügte sich alles aufs Beste.

Ich weiß, dass alle Mütter ihr Kind für etwas ganz Besonderes halten, aber um ehrlich zu sein, May war von Anfang an ganz wunderbar, jammerte nie und wollte ihre Mami immer glücklich machen.

Am Dienstagabend rief Mostafa an, Mays Vater, von dem ich seit November 2010 geschieden war. Er erklärte, er wolle mit May am nächsten Vormittag an den Strand. Seit unserer Trennung hatte er per Gerichtsentscheid Besuchsrecht bei unserer gemeinsamen Tochter, und zwar jeweils für einige Stunden am Montag, Mittwoch und Samstag.

Ich fühlte mich nie wohl dabei, wenn er May abholte, denn im Lauf der Jahre war unsere Beziehung äußerst angespannt geworden. Für unser Kind hatte er wenig Zeit und – meiner Meinung nach – auch wenig echte Zuneigung übrig. Ich bin sicher, er wollte sie nur sehen, weil er wusste, es würde mir schwer zu schaffen machen, wenn ich sie ihm überlassen musste. Doch während der vergangenen Monate war mir aufgefallen, dass er sich mehr um sie zu bemühen schien. Auf jeden Fall war er geduldiger mit ihr.

Ich glaube, er bestand nicht nur wegen seiner Kontrollsucht darauf, May zu besuchen, sondern auch weil er Moslem war. Wenn er sein Kind nicht sehen durfte, schmälerte das seine väterlichen Rechte, und es war eine Beleidigung seiner Religion.

Ich hatte in der Angelegenheit ohnehin keine Wahl. Als wir über das elterliche Sorgerecht verhandelten, waren die Gerichte auf Zypern nicht gewillt, meinen Bedenken Gehör zu schenken. Bei diversen Gelegenheiten drohte man mir Gefängnishaft an, sollte ich dem Gerichtsbeschluss nicht entsprechen. Mir blieb also nichts anderes übrig, ich musste mich mit den getroffenen Vorkehrungen einverstanden erklären und darauf vertrauen, dass Mostafa unserer Kleinen nicht wehtat und auch nicht versuchte, sie mir wegzunehmen.

Einmal mussten May und Mostafa zu einem Familientherapeuten, weil May einfach nicht bei ihrem Vater bleiben wollte. Sie vertraute ihm nicht. Doch all meine Bedenken stießen auf taube Ohren. Ich machte mir Sorgen, er könne tatsächlich psychische Probleme haben, die sich in seiner Neigung zu verbaler und körperlicher Gewalt äußerten. Trotzdem wurde sein Besuchsrecht sogar noch erweitert.

Bei der gerichtlichen Anhörung im Juli 2010 wurde ihm auch noch ein Besuchsrecht für jedes zweite Weihnachts- und Osterfest zugesprochen. Über Nacht durfte er sie allerdings nicht bei sich behalten, was eine große Erleichterung für mich war. Die Behörde meinte, seine Wohnverhältnisse seien für Übernachtungsbesuche nicht geeignet, da er zusammen mit einigen anderen Syrern zur Miete wohnte.

Mostafa lebte etwa fünf Meilen entfernt von uns in einer Stadt namens Zakaki, einem alten Dorf im Einzugsbereich von Limassol. Der Ort war gerade einmal drei Kilometer vom Strand Lady’s Mile entfernt, an den May und ich immer gingen. In den letzten Jahren wurde Zakaki völlig umgestaltet und beherbergt jetzt My Mall, das größte Einkaufszentrum auf Zypern. Hierher kommen Leute von der ganzen Insel, kaufen Kleidung oder treffen Freunde auf einen Kaffee, um sich mit ihnen zu unterhalten. Es gibt einen großen Supermarkt mit Lebensmitteln, und das Zentrum ist auch sehr beliebt bei Touristen.

Am Mittwochvormittag, als Mostafa May abholen kam, lag ich auf dem Boden und machte meine täglichen Übungen. Ich habe eine Krankheit, die besonders meinen Rücken und meine Hüften in Mitleidenschaft zieht, sodass ich immer wieder fürchterliche Schmerzen habe und oft sehr steif bin. Als er kam, stand ich auf und ging in die Küche, um für May ein kleines Lunchpaket zu packen.

An diesem Morgen war er ruhiger als gewöhnlich. Er folgte mir sogar durch die ganze Wohnung, als ich Mays Sachen für den Strand zusammensuchte. Ich spürte, wie er jeden meiner Schritte überwachte. Normalerweise stand er einfach nur da und wartete, denn er wusste, er war nicht willkommen. Aber an diesem Tag hatte er etwas Großspuriges an sich. Ich hätte ahnen müssen, dass etwas im Busch war, doch irgendwie verdrängte ich das Gefühl.

Ich weiß noch, dass ich Mays geliebte Nintendo-Spielkonsole in die Tasche steckte und ihren kleinen Bikini einpackte, dazu die Sonnencreme. Dabei ging ich im Laufschritt durch die Wohnung, denn ich wollte ihn nicht aufhalten. Mostafa hatte nie Geld, ständig lebte er von einem Tag zum anderen. Als er ging, fragte ich ihn deshalb, ob er Bargeld brauchte. Auf einmal wirkte er äußerst verärgert und ignorierte die Frage einfach. Dabei hatte ich gar nicht an ihn gedacht. Ich wollte einfach nur sichergehen, dass er genug Geld bei sich hatte, um May ein Eis zu kaufen. Es war nämlich ein heißer Tag, und sie wären ein paar Stunden da draußen in der Hitze. Also beachtete ich ihn nicht weiter. Als sie die Wohnung verlassen wollten, ging ich mein Portemonnaie holen und gab May über die Veranda weg einen Zwanzig-Euro-Schein.

Im Fortgehen drehte sie sich um und lächelte nervös, wie sie das immer tat, wenn sie mit ihm gehen musste. Mir fiel auf, dass ich ihr die Haare nicht gebürstet hatte, also rief ich ihr zu, sie solle noch einmal zurückkommen. Aber davon wollte Mostafa nichts wissen. Er packte May an der Hand, zog sie Richtung Auto und meinte, er habe eine Haarbürste im Wagen und wolle ihr selber die Haare bürsten.

Wir kamen wirklich nicht mehr miteinander aus, Mostafa und ich, aber ich weiß noch, wie ich an dem Morgen dachte, dass er besonders kühl mir gegenüber war. Doch schließlich gab es immer wieder Tage, an denen er sich so verhielt. Also verdrängte ich meine Bedenken – was ich noch bitter bereuen sollte.

Als die beiden weggingen, schaute ich May von der Terrasse aus nach und dachte, wie hübsch sie an diesem Morgen war. Sie war überhaupt ein schönes Kind, innerlich wie äußerlich, doch an diesem Tag strahlte sie regelrecht in ihrem T-Shirt und dem zauberhaften cremefarbenen Kleid mit rosafarbenem und violettem Blumenmuster, das ich ihr in der Woche zuvor in einem Debenham-Laden gekauft hatte. Dazu trug sie ein Paar mädchenhafter Flip-Flops. In den Haaren hatte sie ein niedliches Haarband, und sie stand am Tor und sagte: »Ich hab dich so lieb, Mami.«

Ich antwortete: »Ich hab dich auch lieb, mein Engel«, und dann ging sie.

Als sie ins Auto stieg, hatte ich auf einmal ein ganz seltsames Gefühl von Übelkeit in der Magengrube. Irgendwie dachte ich, dass etwas nicht stimmte. Sofort rief ich ihn an und fragte: »Ist alles in Ordnung, Mostafa?«

»Ja, wieso?«, fauchte er mich an.

Ich sagte: »Du hast dich heute Vormittag irgendwie seltsam benommen.«

Er fuhr mich an: »Oje, Louise, geht das schon wieder los? Ich habe das Besuchsrecht, ich darf meine Tochter sehen, schließlich ist sie meine Tochter.« Das sagte er beinahe trotzig und meinte, es sei jetzt seine Zeit mit May. Er beharrte darauf, er wolle ja nur die ihm zustehende Zeit mit seinem Kind, und damit beruhigte er mich ein wenig. Über die Freisprechfunktion an seinem Telefon sprach ich mit May, die mir erklärte, sie wollten zum Strand fahren. Sie klang ganz normal, und ich war ein bisschen erleichtert.

Ich machte mich für die Arbeit fertig, und gegen elf Uhr vormittags verließ ich das Haus. Damals arbeitete ich in einer Firma namens Olympic Holidays, einem englischen Reiseveranstalter mit Sitz auf Zypern. Ich war Verkaufsberaterin im dortigen Call Center und konnte mir meine Arbeitszeit mehr oder weniger frei einteilen. Nachdem der große Sommeransturm vorüber war, lief nun alles ruhiger, sodass ich mehr Zeit mit May verbringen konnte, was mir sehr entgegenkam. Seit fünf Jahren arbeitete ich bei Olympic und war mehr als zufrieden mit meinem Job. Ich war eine der besten Mitarbeiterinnen im Verkauf, obwohl ich nur halbtags arbeitete, um mich um meine Tochter kümmern zu können. Wir waren wie eine große glückliche Familie bei Olympic, was heutzutage bei Firmen eine große Seltenheit ist. Ich hatte ein gutes monatliches Grundgehalt und erhielt hohe Provisionen. Damit konnten May und ich auf Zypern wunderbar leben. Normalerweise verbrachten wir die Wochenenden in einem der besseren Hotels der Insel, vergnügten uns im Swimmingpool und ließen uns verwöhnen. Durch meine Arbeit bekam ich in allen Hotels Rabatte, und das genossen wir, wann immer es möglich war. Das Leben war wunderbar. Wir standen uns so nah, und ich war so glücklich mit dem Leben in unserer kleinen Familie!

Allerdings vermisste ich meinen Vater und meine Schwester, die in Dublin lebten. Aber in dieser Woche freute ich mich sehr darauf, dass mein Vater mit einem Freund zu Besuch kommen wollte; am folgenden Sonntag sollten sie in Larnaca landen. May war schon ganz aufgeregt. Sie freute sich auf ihren Großvater, mit dem sie sich sehr gut verstand. Und da sie sein einziges Enkelkind war, verwöhnte er sie nach Strich und Faden, wann immer er uns besuchte.

Meine Mutter hatten wir im Jahr 2001 bei einem furchtbaren Autounfall verloren, und seitdem kümmerten wir uns alle intensiv um meinen Vater, der vollkommen verloren war ohne die Frau, die ihn geliebt und ihm jeden Tag leicht gemacht hatte. Sie waren einander sehr verbunden gewesen. Außer mir hatten die beiden noch ein weiteres Kind, meine jüngere Schwester Mandy, die bei meinem Vater in Dublin lebt. Wir alle stehen uns sehr nah. Seine Besuche waren mir immer sehr wichtig, und ich freute mich riesig, wenn er anrief und sein Kommen ankündigte. Ich wusste, wir würden eine hektische Woche haben wegen Mays erstem Schultag und Dads Ankunft, aber wir freuten uns beide sehr darauf und hatten alles für seinen Besuch vorbereitet.

Aber als ich an diesem Tag gegen Mittag im Büro saß, beschlich mich wieder einmal ein großes Unbehagen. Ich kann es nicht erklären, weshalb ich so empfand, denn Mostafa sollte May schließlich erst gegen 13 Uhr wieder zurückbringen – so sahen es die Vereinbarungen seiner Besuchsregelung vor. Doch ohne dass ich wusste, wieso, krampfte sich mir der Magen zusammen, und wieder griff ich zum Telefon und wählte seine Nummer.

Als ich sah, dass sein Handy ausgeschaltet war, wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht ein mütterlicher Instinkt, aber ich wusste es eben einfach. Sofort schaltete ich meinen Computer aus und sagte zu meiner Freundin und Kollegin Nicola: »Ich muss weg, Nic. Ich erreiche Mostafa nicht. Da stimmt etwas nicht.«

Ihre Antwort wartete ich nicht einmal ab. Ich griff mir nur meine Handtasche, verließ so schnell ich konnte das Büro und sprang ins Auto. Mein Herz raste, mein Mund war ganz trocken.

Ich fuhr zu dem öffentlichen Strand, an dem May und ich oft waren, denn Mostafa hatte gesagt, er wolle mit ihr genau an diesen Strand. Es gab Schaukeln und eine Rutsche dort, was May liebte, aber an diesem Tag war der Strand praktisch menschenleer. Es war windig, und der Sand wurde hin und her geweht, es sah aus wie kleine Tornados. Und als ich mich suchend umschaute und sah, dass die beiden nicht am Strand waren, wusste ich im selben Moment, dass er sie mir weggenommen, sie entführt hatte.

Mir war richtig übel; als Allererstes zog ich mein Handy aus der Tasche und rief meine Schwester Mandy in Dublin an. Voller Panik rief ich: »Er hat sie mir weggenommen, Mandy, sie ist weg.«

Mandy fragte, was ich meinte. Ich antwortete, ich wüsste tief im Innern, dass May verschwunden sei. Wörtlich sagte ich zu ihr: »Mandy, ich weiß, er ist nach Syrien mit ihr.« Für diese Annahme hatte ich keinen konkreten Grund, von derartigen Plänen hatte er nie etwas erwähnt, aber mein Bauchgefühl sagte mir, er hatte unser kleines Mädchen entführt, er war verschwunden, sie waren verschwunden. Und etwas sagte mir deutlich, ich würde meine Kleine womöglich nie wiedersehen.

Die arme Mandy war ganz aufgelöst. Ich bin mir sicher, sie muss sich in dem Moment noch hilfloser gefühlt haben als ich, denn schließlich war sie gut 3600 Kilometer weit entfernt. Mir war klar, sie würde bei uns zu Hause die Polizei verständigen, aber ich wusste auch, die Einzigen, die mir jetzt helfen konnten, waren die Beamten hier auf Zypern, die Kriminalpolizei – und ich selbst. Ich sagte Mandy, ich würde weiter nach May und Mostafa suchen und mich bei ihr melden, sobald ich etwas wüsste.

Mir war ganz zittrig und schwindlig. Schon vorher war es mir nicht sonderlich gut gegangen, denn ich hatte eine schwere Krankheit, die sich auf meine Knochen auswirkte. Doch irgendwie schob ich die ganzen Schmerzen im Rücken und in den Hüften in die hinterste Ecke meines Bewusstseins, und ohne dass ich es überhaupt merkte, funktionierte ich auf einmal ganz automatisch, wie auf Autopilot.

Den Strand konnte ich abhaken, also sprang ich wieder ins Auto und fuhr sofort zu dem Haus, in dem Mostafa wohnte. Ich betete, es wäre alles nur ein schrecklicher Irrtum gewesen und ich würde sein Auto vor dem Haus sehen. Ich hoffte, irgendeine Kleinigkeit wäre dazwischengekommen und hätte ihn aufgehalten und alles wäre in Ordnung. Aber das Auto war weg. Er hatte meinen Zweitwagen genommen, wie immer, wenn er mit May unterwegs war.

Als ich das Auto nirgends entdeckte, verließ mich der Mut. Ganz aufgelöst rief ich einige Freunde an. Ich weiß nicht einmal mehr genau, was ich sagte, denn vor lauter Panik sprudelten mir die Worte einfach aus dem Mund. Aber sie alle reagierten großartig und erklärten, sie würden in meine Wohnung kommen.

Als ich zu Hause ankam, versuchte ich mir noch einmal einzureden, Mostafa wäre inzwischen vielleicht auch da und wartete einfach auf meine Rückkehr. Mein Herz raste. Ich betete und betete, dass ich mich irrte, dass er sie gar nicht entführt hatte, aber vergeblich. Kein Auto weit und breit, und von ihm und May keine Spur. Jetzt konnte es keinen Zweifel mehr daran geben, dass die beiden verschwunden waren. Ich hatte keine Hoffnung mehr.

Ich war völlig am Boden zerstört, konnte gar nicht mehr klar denken. Ich weinte, ich hatte Panikattacken, ich betete, und ich fühlte mich vollkommen hilflos. Immer wieder versuchte ich, Mostafa auf seinem Handy zu erreichen. Nichts. Als meine Freundinnen hörten, was los war, dass er zum verabredeten Zeitpunkt nicht wieder aufgetaucht war und sein Handy ausgeschaltet hatte, bot eine von ihnen an, mich aufs örtliche Polizeirevier zu bringen. Als wir vor dem Revier vorfuhren, sprang ich aus dem Wagen, lief ins Gebäude und schrie: »Mein Kind ist entführt worden. Bitte helfen Sie mir.«

Bei aller Panik über die Entführung meines Kindes spürte ich doch, dass die zypriotische Polizei wieder einmal nicht angemessen reagierte. Leider hatte ich das Polizeirevier St. John’s schon viele Male zuvor aufgesucht, um Übergriffe von Seiten Mostafas anzuzeigen. Also wusste ich nur zu gut, welche Reaktion ich zu erwarten hatte, aber wegen des Ernstes der Lage war ich wirklich überzeugt gewesen, es würde diesmal anders sein.

Sie forderten mich auf, mich zu setzen und zu beruhigen, und meinten, sie würden ein derartiges Benehmen auf dem Revier nicht dulden. Immer wieder sagte ich ihnen, ich wüsste, dass mein Exmann meine Tochter entführt hätte, dass er sie nach Syrien gebracht hätte. Schließlich wiesen sie mir den Weg ins Büro der Kriminalpolizei. Hastig stieg ich die Treppe zu dem Büro hoch, gefolgt von meiner Freundin. Ein Beamter nahm uns in Empfang, bot uns einen Platz an und ließ einen weiteren Polizeibeamten kommen. Ich versuchte ruhig zu bleiben, denn ich wusste, nur so würden sie mich überhaupt anhören. Ich erklärte, weshalb ich davon überzeugt sei, dass Mostafa May nach Syrien geschafft hätte.

Ich erklärte die vom Gericht verfügten Bestimmungen: dass er sie um 13 Uhr spätestens zu mir zurückbringen müsse. Ich berichtete, ich hätte immer wieder versucht, ihn auf seinem Handy zu erreichen, er sei aber nicht ans Telefon gegangen. Und ich erklärte außerdem, dass er sein Handy normalerweise nie abschaltete. In all den Jahren, die ich ihn kannte, war sein Handy nie abgestellt gewesen. Sehr oft hatte er meine Anrufe einfach ignoriert, war einfach nicht ans Telefon gegangen, aber abgeschaltet hatte er es nie. Das alles erzählte ich den Beamten. Ich wollte sie überzeugen, dass ich als Mutter genau spürte, in welcher Gefahr meine Tochter schwebte. Ich wusste, sie war entführt worden. Wahrscheinlich klang ich wie eine Verrückte.

Die ganze Zeit, während ich mit ihnen redete, wählte ich hektisch Mostafas Nummer, aber jedes Mal kam dieselbe Nachricht: Der von Ihnen gewünschte Teilnehmer hat das Telefon abgeschaltet; wieder und immer wieder auf Griechisch. Mir war klar, ich musste wie eine Irre wirken, denn es war kaum eine Stunde her, dass May hätte zurück sein müssen. Aber wie durch ein Wunder nahmen sie mich ernst und nahmen ein Protokoll auf. Ich erzählte ihnen alles. Ich erklärte, Mostafa habe sich an dem Morgen seltsam verhalten, erklärte, dass ich, kaum dass er zur Haustür hinausgegangen war, das deutliche Gefühl gehabt hätte, etwas würde passieren.

Zum Glück gaben sie eine detaillierte Suchmeldung an alle Polizeidienststellen heraus, unter anderem eine Beschreibung des silberfarbenen BMW einschließlich Kennzeichen, den er gefahren hatte. Gleichzeitig verständigten sie über Funk alle Polizeiwagen auf den Straßen rund um Limassol, gaben die Einzelheiten durch und wiesen die Beamten an, nach dem Auto Ausschau zu halten.

Sie baten mich um ein aktuelles Foto von May. Zu dem Zeitpunkt hatte ich in der Handtasche keines bei mir, also schickte ich meine Freundin zu mir nach Hause mit der Bitte, ein paar Fotos zu holen. In dem Moment fielen mir all die Fotos vermisster Kinder auf diesem Polizeirevier auf, und plötzlich dämmerte es mir, dass May nun auch an der Wand hängen würde, zusammen mit all den anderen, die mir bis zu diesem Tag so leid getan hatten. Ich hatte immer gedacht, man würde sie wahrscheinlich nie finden. Auf einmal war meine Tochter eines von diesen Kindern. Und ich gehörte nun zu den verzweifelten Eltern, die ein Kind verloren hatten.

Als ich dem Polizeibeamten alles detailliert erzählte, kam ich mir vor wie in einem Film. Es fühlte sich alles ganz irreal an, wie in einem Traum, einem schlimmen Albtraum, dem schlimmsten Albtraum. Ich mochte kaum glauben, dass die Ängste und Sorgen, die ich seit Jahren hatte, die Ängste, die ich den zypriotischen Behörden gegenüber so oft geäußert hatte, wenn Mostafa mit mir wegen der Besuchsrechte stritt, dass all diese Ängste auf einmal wahr geworden waren.

Während ich dasaß, überlegte ich blitzschnell. Ich wusste, er wollte May außer Landes bringen, und ich wusste, er würde versuchen, sie durch die besetzten Gebiete im Norden Zyperns zu schaffen, wo die Türkei das Sagen hatte. Ich gab der Polizei meine Telefonnummer, und meine Freundin Deirdre und ich erklärten, wir wollten in Deirdres Wagen an die Grenze fahren, weil wir hofften, wir könnten ihn erwischen, ehe er türkisches Hoheitsgebiet erreichte.

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie er es schaffen sollte, May über eine Grenze, ganz gleich welche Grenze, in irgendein anderes Land zu bringen, da sie ja keine gültigen Reisedokumente hatte. Nicht ohne Grund hatte ich im September 2010 ihren Pass für ungültig erklären lassen. Ich wusste, dass man bei Mostafa mit allem rechnen musste. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, und ich hatte keine Zeit zu verlieren.

Als wir den Wagen anließen und losfahren wollten, versuchte ich es noch einmal auf Mostafas Handy. Es war fast ein Schock für mich, als ich tatsächlich einen Klingelton hörte, aber dann wurde mir ganz übel, als ich begriff, dass es ein internationaler Klingelton war. Meine schlimmsten Befürchtungen waren bestätigt. Er befand sich bereits außerhalb von Zypern.

Tatsächlich ging er jetzt ans Telefon. Mir drehte sich der Magen um. Ich versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben, aber mein Herz raste. Ich sagte: »O mein Gott, Mostafa, den ganzen Tag versuche ich schon, dich zu erreichen. Wo bist du denn?«

In aller Ruhe antwortete er: »Ich bin in Syrien.« Ich weiß nicht, was über mich kam, aber ich versuchte, so eiskalt wie möglich zu bleiben, sogar in einem Moment wie diesem. Ich fragte ihn, weshalb er in Syrien sei. Er erwiderte: »Ich bin in Syrien, weil ich May nach Syrien mitnehme.« Ich fragte ihn, ob er bereits da sei, und er erklärte, er werde in einer Stunde ankommen. Ich bat ihn, mit May sprechen zu dürfen, und sofort ließ er sie ans Telefon. Ich wollte May nicht ängstigen, also blieb ich ruhig und fragte sie, ob es ihr gut gehe. Sie meinte, alles sei in Ordnung, aber ich verstand sie kaum, weil ihre Stimme so aufgeregt klang. Sie sagte, sie sei in einem großen Einkaufszentrum. Ich wollte wissen, ob sie mit einem Flugzeug unterwegs gewesen sei, und fast verließ mich der Mut, als sie erwiderte: »Ja, Mami, mit dem Flugzeug.«

May und ich sprachen immer Englisch miteinander, aber sie sprach auch fließend Griechisch und sogar etwas Arabisch. Ich sagte zu May, dass ich sie sehr lieb hätte, und ich versprach ihr, dass wir uns bald sehen würden. Mir war klar, sie würde mich vermissen, weil wir sonst Tag und Nacht zusammen waren und sie nie mehr als einige Stunden von mir getrennt war. Dann war sie entweder in der Vorschule oder unterwegs mit ihrem Vater bei einem seiner Besuche. Ich wusste, sie hatte nur wenig Vertrauen zu ihrem Vater und sie würde das Schlimmste befürchten.

Deirdre und mir war klar, dass es jetzt keinen Zweck mehr hatte, weiterzufahren, denn Mostafa hatte Zypern längst verlassen. Doch noch im selben Augenblick rief ich die Kriminalpolizei an und erzählte, ich hätte mit ihm gesprochen und er sei auf dem Weg nach Syrien. Ich flehte sie an, unverzüglich Interpol einzuschalten, da ich hoffte, diese Behörde hätte auf internationaler Ebene mehr Befugnisse. Doch die Beamten meinten, ich solle mich beruhigen, sie würden schon alles klären. Sie versuchten sogar, mich davon zu überzeugen, dass sie May innerhalb weniger Stunden sicher zu mir zurückbringen würden. Da unterschätzten sie meinen Exmann gewaltig. Ich wusste das, aber sie wollten nicht auf mich hören.

Frustriert und ohne zu wissen, was ich als Nächstes tun, an wen ich mich jetzt wenden sollte, fuhr ich mit zu meiner Freundin nach Hause. Inzwischen hatten alle meine Freunde gehört, was passiert war, und alle waren sie da und warteten auf Neuigkeiten. Ich wandte mich an einen Freund, der etliche Leute in der Türkei kannte. Er meinte, er wolle herauszufinden versuchen, wo genau Mostafa jetzt sein könnte, wenn er tatsächlich, wie er behauptete, in einer Stunde in Syrien sein würde.

Nachdem ich so lange versucht hatte, stark zu sein, weil die Polizei mich ja ernst nehmen sollte, brach ich jetzt zusammen. Es war, als explodierten alle meine Gefühle gleichzeitig, und Kummer und Schmerz drückten mich nieder. Ich wurde ganz weinerlich, und ich spürte, wie mein Körper unter mir nachgab. Und dann kam eine Panikattacke. So etwas kannte ich normalerweise nicht, aber mir war klar, dass der schiere Stress die Ursache dafür war. Ich muss sofort ohnmächtig geworden sein, denn das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich in einem Krankenwagen aufwachte und mich immer wieder übergab. Ich bildete mir ein, Deirdre sagen zu hören, man habe Mostafa an der türkischen Grenze festgenommen. Aber das war wirklich nur Einbildung, Ergebnis meiner entsetzlichen Verwirrung.

Dann brach ich ein zweites Mal zusammen, und das nächste Mal wurde ich im Krankenhaus wach. Dort hatte ich eine weitere Panikattacke: Ich wollte so schnell wie möglich an mein Handy. Mostafa hatte nämlich gesagt, er würde mich anrufen, sobald er in Syrien wäre. Mir war klar, er würde sich fragen, was passiert sei, wenn ich nicht ans Telefon ging. Und mir war auch klar, dass ich dringend das Krankenhaus verlassen müsste, wenn ich mein kleines Mädchen finden wollte. Also ging ich auf eigenen Wunsch ohne Behandlung, obwohl ich mich schrecklich fühlte, ganz schwach und sehr weinerlich.

Meine Freundin erzählte mir, Mostafa habe angerufen, als ich im Krankenhaus war. Sie solle mir von ihm ausrichten, er sei jetzt bei sich zu Hause in Syrien und ich solle ihn anrufen, sobald ich aufgewacht sei. Als ich auf die Nummer im Display des Handys schaute, sah ich die Vorwahl 0096. Da wusste ich mit Bestimmtheit, dass er tatsächlich, wie er angekündigt hatte, in Syrien war.

Ich war völlig aufgewühlt, aber ich versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben. Mostafa sollte nicht denken, dass ich wütend auf ihn war. Ich hatte nämlich keine Ahnung, was er mit May anstellen würde, wenn er eine Gefahr in mir sah und glaubte, ich könnte die Polizei einschalten und ihn anzeigen. Instinktiv war mir klar, dass ich bei dem Gespräch mit ihm einen kühlen Kopf bewahren musste. Er sollte nicht glauben, ich mache mir Sorgen wegen May. Ich musste ihn in der Gewissheit wiegen, dass ich ihn verstand und dass ich nur unser Kind sehen wollte.

Mostafa erzählte mir, es gehe ihr sehr gut und sie spiele mit ihren Geschwistern, einem Jungen und einem Mädchen, beides Halbgeschwister aus einer früheren Ehe, die in Syrien lebten. Er meinte, alles werde wieder gut: »Hör zu, Louise, kündige deinen Job, verkauf alles und komm nach Syrien. Du bekommst den BMW zurück und kannst den dann auch verkaufen. Nimm dein ganzes Geld und komm her zu uns, und wir fangen ein neues Leben zusammen an. Wir werden alle Probleme klären.«

Ich versuchte, ein Spiel mit ihm zu spielen, auch wenn ich mich vor lauter Panik am liebsten übergeben hätte: »Also sieh mal, Mostafa«, antwortete ich, »das wird mir im Moment ein bisschen zu viel. Du weißt doch, ich warte auf meine Untersuchungsergebnisse aus dem Krankenhaus. Ich weiß immer noch nicht, ob ich Krebs habe.«

Bei einem Krankenhausaufenthalt hatte sich vor Kurzem bestätigt, dass ich an Osteoarthritis litt und in einem schlechten Zustand war. Ich brauchte dringend zwei neue Hüftgelenke. Außerdem hatten mir die Ärzte mitgeteilt, sie hätten ein Rückenleiden namens Spondylitis festgestellt und auf den Hüftknochen zwei große Zysten entdeckt, bei denen es sich auch um Karzinome handeln könnte. Seit dem Tag dieser Diagnose war ich krank vor Sorge gewesen. Ich hatte mich immer noch nicht ganz mit der Tatsache abgefunden, dass ich eine Hüftgelenksprothese brauchte. Schließlich absolvierte ich doch täglich meine Übungen im Fitnessstudio und im Swimmingpool, aber Krebs … damit hatte ich wirklich nicht gerechnet.

Ich machte mir große Sorgen wegen des Krebstests, aber jetzt war alles nur noch schlimmer geworden. Denn jetzt hatte Mostafa auch noch mein Kind entführt. Sollte sich der schlimme Krebsverdacht bestätigen, musste ich zu May und sie so schnell wie möglich wieder zu mir holen. Ich musste sie zu meiner Familie nach Dublin bringen, damit Mostafa nicht das Sorgerecht für sie bekam.

Doch trotz meiner verständlichen Sorgen schien Mostafa keineswegs beunruhigt, als ich ihm am Telefon von meinen Ängsten erzählte. Er meinte nur: »Tut mir leid, aber du hast mir keine andere Wahl gelassen. Morgen wäre ihr erster Schultag gewesen, und du weißt, dass ich sie dort nicht auf die Schule lassen will.«

Das war also der wahre Grund dafür, dass er May entführt hatte! May war hier auf die griechische Vorschule gegangen, und hier sollte sie auch die Grundschule besuchen, bei der es sich nicht um eine muslimische Schule handelte. Mostafa war schon nicht glücklich mit der nicht-muslimischen Vorschule gewesen. Aber da es nur für eine kurze Zeit sein würde, hatte er sich damit abgefunden. Doch auf die Grundschule würde sie sechs Jahre gehen, und das wollte er nicht akzeptieren. Die Schule lag auf der anderen Seite des Parks, wo ich auch arbeitete, es war also praktisch sowohl für May als auch für mich. Ich hatte sie dort angemeldet, weil es auf Zypern bei den vielen Eltern in interkulturellen Ehen üblich war, ihren Kindern nicht eine bestimmte Religion aufzuzwingen. An dieser Schule konnten sich die Kinder gegen den täglichen Religionsunterricht entscheiden und stattdessen einen Mathematikkurs oder irgendein anderes Fach belegen. Bei der Schulspeisung herrschte dieselbe Toleranz. Die Kinder bekamen ein Mittagessen in der Schule, aber wenn ein Elternteil muslimisch war, bekamen sie weder Schinken noch anderes Schweinefleisch. In dieser Hinsicht war man auf Zypern sehr aufgeschlossen.

Mit der Haltung der Schule war ich voll und ganz einverstanden, denn um nichts in der Welt hätte ich die Tatsache leugnen wollen, dass May zur Hälfte Syrerin ist. Ich schmeichelte mir damit, dass ich sie zum Respekt für beide Seiten ihrer Herkunft erzog. Wenn sie älter würde, sollte sie eine Ahnung von beiden Kulturen haben und sich ihren eigenen Weg suchen können.

In der Vorschule war sie sehr gut gewesen. Die Lehrer dort hatten mich wissen lassen, sie sei ein hochintelligentes Kind und habe einen sehr hohen IQ. Sie alle mochten May, und May mochte ihre Lehrer. Die Schule wusste von den Problemen, die ich mit Mostafa hatte, denn der Sozialdienst hatte die Schulleitung informiert. Jahrelang war ich von ihm misshandelt worden. Allerdings war auch May ein eigener Sozialarbeiter zugeteilt worden, denn Mostafa hatte mich in einem Wutanfall geschlagen und irrtümlich auch May getroffen, weil sie auf meinem Schoß gesessen hatte.

Den Tag werde ich nie vergessen. Ich hatte mich immer sehr bemüht, vor meiner Kleinen die physische und psychische Gewalt zu verbergen, die ich im Lauf der Jahre zu erleiden hatte. Dieser Tag jedoch änderte alles für sie. Ich hatte nicht gewollt, dass sie Zeuge seines Jähzorns wurde, weil ich keine Ahnung hatte, wie sie darauf reagieren würde. Sie sollte nicht solche Angst vor ihm haben wie ich. Doch an dem Tag wurden alle meine Bemühungen, sie zu schützen, zunichte gemacht. Schwer verletzt war sie nicht – jedenfalls nicht körperlich –, aber ich werde nie wissen, ob sie seelisch Schaden genommen hat. Darüber werden wir bestimmt einmal reden, wenn sie älter wird. Aber bis sie bereit ist, sich zu öffnen, wird sie das alles in sich verschließen.

Das Sozialamt musste über diesen Akt körperlicher Gewalt informiert werden. Nach Untersuchung des Vorfalls wies das Amt die Schulleitung an, May nie von ihrem Vater von der Schule abholen zu lassen. Ich war die Einzige, die die Erlaubnis hatte, sie von der Schule abzuholen.

Jetzt begriff ich, dass Mays Einschulung der Hauptgrund für die Entführung war. Vielleicht war es nicht der vorrangige Grund für die Entführung selbst, aber es war ganz bestimmt der Grund dafür, dass die Entführung an diesem einen Tag stattfinden musste. Er war so hinterhältig und kontrollwütig, dass er sein eigen Fleisch und Blut entführte, seine Tochter von ihrer eigenen Mutter und der Geborgenheit ihres Zuhauses weg in ein vom Krieg zerstörtes Land brachte. Er selbst war gar kein strenggläubiger, praktizierender Moslem. Aber er wollte unsere Kleine so großziehen, wie es ihm angemessen erschien: in seiner Welt, in seiner Religion.

Die Heuchelei dieses Mannes hatte etwas Krankhaftes. Er praktizierte selbst seinen Glauben nicht, betete nie auf einem Gebetsteppich, ging selten in die Moschee und gab durch nichts zu erkennen, dass er praktizierender Moslem war. Nur manche Fleischsorten aß er nicht, und er verlangte von mir, dass ich mich auf eine bestimmte Weise kleidete. Doch nun tat er auf einmal so, als sei er fromm und wolle seine Tochter in einem Glauben großziehen, den er selber kaum lebte. Das war zweifellos einer der Hauptgründe dafür, dass er unsere Welt auf den Kopf stellte. Dabei war es ihm völlig egal, wen er damit verletzte.

Der andere Grund war Geld. Er hatte von mir verlangt, meinen gesamten Besitz zu verkaufen. Das war die Forderung, die ich erfüllen musste, wenn ich mein kleines Mädchen wiedersehen wollte. Er hatte verlangt, ich solle mein Bankkonto auflösen und ihm alles Geld bringen, das ich besaß, damit wir sorglos in einem Slum in Syrien leben könnten. Und in seiner verdrehten Gedankenwelt sollte mich diese Anweisung dazu bringen, zu ihm zu kommen. Ihm war klar, ich würde seinen Befehlen oder Forderungen nur Folge leisten, um meine Tochter wiederzusehen. Und er war schlau genug, um zu wissen, dass ich sie nur dann wiedersehen könnte, wenn ich ihm gehorchte.

Mir wurde übel beim Gedanken an ihn. Doch in dieser Situation musste ich versuchen, meinen tiefen Hass und Abscheu in den hintersten Winkel meines Herzens zu verbannen. Ich wusste, ich musste tun, was er von mir verlangte, wenn ich May gesund und lebend wiedersehen wollte. Ich hatte keine andere Wahl. Und das wusste er.

Bei allen Anrufen an jenem Abend bis tief in die Nacht hinein gelang es mir irgendwie, Mostafa in Gewissheit zu wiegen. Er sollte sich keine Sorgen machen, ich könne ihn womöglich angezeigt haben. Also gab ich mir große Mühe, ihn bei Laune zu halten. Ich gab zu bedenken, dass es eine ganze Weile dauern würde, bis ich alles verkauft hätte und zu ihm kommen könnte. Ich versicherte ihm, dass ich so schnell wie möglich kommen wollte, um bei May zu sein, aber dass ich nicht alles von einem auf den anderen Tag verkaufen könne. Es würde alles seine Zeit brauchen.

Mir war klar, dass ich, wäre ich erst einmal in Syrien, ebenfalls eine Gefangene wäre. May und ich wären dort zu einem Leben nach seinen Spielregeln verurteilt. Mir war klar, wir würden in seinem Haus eingesperrt sein und müssten ein Leben führen, in dem weder May noch ich irgendwelche Rechte hätten. Und wenn er mir gegenüber schon in einem europäischen Land wie Zypern gewalttätig war, würde er vor nichts zurückschrecken, um seine Autorität in seinem Heimatland unter Beweis zu stellen. Denn da hätte er als Mann alle Rechte, und May und ich als weibliche Wesen wären völlig rechtlos.

Ich wollte Zeit gewinnen, um nach den besten Lösungen zu suchen. Ich wollte sehen, ob es irgendeine Möglichkeit gab, dass die irischen oder zypriotischen Behörden uns helfen konnten. Und so spielte ich ein Spiel.

Ich versicherte ihm, ich würde so bald wie möglich meine ganzen Ersparnisse von der Bank abheben und dann nach Syrien kommen. Ich wusste, ich hatte keine andere Wahl. Ich musste das sagen und mich ihm gegenüber so verhalten. Ich musste in allererster Linie an Mays Sicherheit denken. Er sollte glauben, dass ich nur ein Ziel hatte, nämlich so viel Geld wie möglich zusammenzubekommen und zu ihm zu fahren, damit wir wieder wie eine Familie miteinander leben konnten. Die Tatsache, dass wir vor dem Gesetz geschieden waren, spielte für ihn keine Rolle. Für ihn war das alles ein Spiel, in dem er den Trumpf in der Hand hielt. Er wusste, ich würde alles für meine Tochter tun. Er mag wohl tatsächlich noch Gefühle für mich gehabt haben, aber ich wusste, sein vorrangiges Ziel war es, an mein Geld zu kommen. So könnte er sich nämlich sagen, dass er mich durch die Entführung von May besiegt hatte. Er wusste nur zu gut, dass sich mein Leben um mein Kind drehte und dass nichts und niemand mich von ihr fernhalten könnte. Sie war, so wie er das sah, seine Eintrittskarte zu einem unverhofften Geldsegen.

Er mag durchaus normale väterliche Gefühle für May gehegt haben, aber ich wusste, die Entführung hatte er vor allem geplant und durchgeführt, um mich zu verletzen. Er wollte mir trotz der Tatsache, dass ich vor Gericht das alleinige Sorgerecht für unsere Tochter erhalten hatte, die klare Botschaft senden, dass er über unsere Familie herrschte. Jetzt war er der Herr über alles. May nach Syrien zu entführen war seine Art, mir zu zeigen, dass er gewonnen hatte.

Er wusste ganz genau, für mein Kind würde ich meine Seele verkaufen. Aber er unterschätzte mich auch. Er hatte sich nicht klargemacht, wie sehr ich seit unserer Scheidung an Stärke gewonnen hatte. Für mein Kind würde ich nicht nur meine Seele verkaufen, sondern trotz der widrigen Umstände auch bereitwillig mein Leben aufs Spiel setzen, um sie zurückzubekommen.

Nie im Leben hat er damit gerechnet, dass ich mich in eine Hochburg des Islam begeben würde: eine blonde europäische Mutter, noch dazu Katholikin. Die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind unterschätzte er dramatisch. Und das war sein großer Fehler in seinem ansonsten fehlerlosen Entführungsplan.

So versuchte ich ihn bei Laune zu halten, um May zu schützen und ihn in Sicherheit zu wiegen. Und da May einen irischen Pass hatte, betete ich, die irische Regierung würde sich irgendwie einschalten und auf diplomatischem Wege die Freilassung eines ihrer Staatsangehörigen fordern. Aber in dem Punkt sollte ich mich sehr irren.

In Dublin telefonierte sich Mandy die Finger wund. Sie wollte die Regierung, das Außenministerium und die Medien für unsere Sache mobilisieren, doch sie erreichte nichts. Alle paar Minuten telefonierte ich mit ihr. Ich vermisste sie mehr denn je, denn ohne mein kleines Mädchen hatte ich das Gefühl, in einem fremden Land vollkommen allein zu sein. Ich wollte nur noch meine Familie um mich haben, die mich unterstützen würde. Sie sollten mich trösten, wenn ich weinte. Sie sollten mir zuhören, von Angesicht zu Angesicht, nicht am Telefon, wo die Gespräche zuweilen manische Züge hatten. Ich wollte nur noch die Liebe meines Vaters spüren, eine väterliche Liebe, die mein eigenes Kind leider nie erfahren hatte. Ich war verzweifelt.

Zwischen Telefonaten mit Politikern und Interviews mit irischen Zeitungen und Radiosendern buchte Mandy einen Flug nach Larnaca, der Hauptstadt Zyperns. Ich wusste, sie musste zunächst von Dublin nach London fliegen. Dort musste sie auf den Weiterflug nach Zypern warten, da direkte Flüge von Irland nach Zypern vor einiger Zeit eingestellt worden waren. Ich kannte Mandy. Und so ging ich jede Wette ein, dass sie trotz der Müdigkeit nach der langen Reise bei der Ankunft immer noch regelrecht geladen wäre. Sie würde mit einem gehörigen Vorrat an Adrenalin hier auftauchen und sofort bereit sein, detaillierte Pläne zu schmieden, damit wir May wohlbehalten zurückbekämen. Ich war so erleichtert, dass sie bald bei mir wäre, und zählte schon die Stunden bis zu ihrer Ankunft. Mindestens einmal pro Stunde telefonierten wir miteinander.

Gleichzeitig versuchte Mandy, Dad zu beruhigen. Sie musste ehrlich mit ihm sein, gab sich aber alle Mühe, die beängstigenden Einzelheiten von ihm fernzuhalten. Wir machten uns große Sorgen, dass Dad unter dem Stress zusammenbrechen würde, wenn er wüsste, wie schlimm es wirklich war. Also mussten wir ihn so weit wie möglich beruhigen. Mein Vater ist ein sehr ruhiger, friedliebender Mann, dessen Leben völlig auf den Kopf gestellt wurde, als er meine Mutter verlor. Seitdem kümmerten wir uns um ihn wie um ein Kind. Wir wussten, wir mussten ihn vor der vollen Wahrheit schützen, denn er vergötterte May und hatte von Mostafa immer das Schlimmste befürchtet. Fast vom ersten Tag an hatte Dad ihn durchschaut.

Mandys Lebensgefährte Sean war unsere Rettung. Er sorgte dafür, dass Dad ruhig blieb. Er und Josh, Mandys sechzehnjähriger Sohn aus einer früheren Beziehung, erklärten sich bereit, sich während Mandys Abwesenheit um Dad zu kümmern. Das ließ sich gut machen, weil sie im selben Haus wohnten. Mandy und Sean sparten für ihre Hochzeit im Jahr 2012, und Sean wohnte auch im Haus, sodass sie sich zu dritt um Dad kümmern konnten. Mandy fiel die Abreise ein wenig leichter, weil sie Dad bei den Jungs in guten Händen wusste. Sowohl Josh als auch Sean müssen sich auf dem Flugplatz beim Abschied von Mandy schreckliche Sorgen gemacht haben, denn sie hatten ja keine Ahnung, was uns allen bevorstand. Aber sie wussten, Mandy war entschlossen, mir zu helfen. In Zeiten von Kummer und Sorge lässt sich die Liebe einer Schwester nicht mit irgendeiner anderen Liebe vergleichen. Ich brauchte Mandy mehr als je zuvor, und das wusste sie.

Während ich auf Mandys Ankunft wartete, betete ich die ganze Zeit, dass Mostafa May nichts antun würde. Ich war dankbar, dass er mich manchmal, wenn ich anrief, mit ihr sprechen ließ. Aber ich war auch ganz krank vor Sorge, denn obwohl sie behauptete, es sei alles in Ordnung, hörte ich doch die Angst aus ihrer zarten Stimme heraus.

Doch sie würde ihm nie zeigen, dass sie sich fürchtete, das wusste ich. Seit Jahren hatte sie mich das Spiel spielen sehen, wenn ich versucht hatte, ihn bei Laune zu halten. Nun merkte ich bei unseren Telefonaten, dass sie genau dasselbe machte. Offenbar hatte sie mich gut beobachtet. Ganz offensichtlich war sie nett zu ihm, weil sie ihn glauben machen wollte, sie sei glücklich bei ihm. Alles, um sich zu schützen.

Diese erste Nacht ohne mein Kind war die schlimmste Nacht meines Lebens. Einsamer hatte ich mich nie gefühlt. Ich war über Nacht zu einer Freundin gefahren, und gegen vier Uhr morgens ging ich endlich ins Bett. Mostafa rief ich trotzdem immer noch einmal in der Stunde an, um mich davon zu überzeugen, dass es May gut ging, und weil ich ihn glauben lassen wollte, dass alles in Ordnung käme, sobald ich in Syrien wäre. Er geriet allmählich etwas in Panik, kaum dass die Nacht halb um war. Einmal sagte er tatsächlich zu mir, er wisse nicht, weshalb er das alles gemacht habe. Doch offenbar wusste er, dass es jetzt für eine Umkehr zu spät war.

Immer wieder versicherte ich Mostafa, es sei alles in Ordnung und ich verstünde, dass er nur aus Liebe zu May gehandelt hatte. Die Worte blieben mir fast im Hals stecken. Ich kann kaum sagen, wie sehr ich ihn in dem Moment hasste, aber ich musste so tun, als wäre ich auf seiner Seite. Meine größte Sorge war, er könne in Panik geraten, einfach durchdrehen und verschwinden. Wenn er das tat, würde er May mitnehmen, sein Handy ausschalten, und ich würde nie mehr von ihm hören und auch meine Tochter nie wiedersehen. Die Möglichkeit bestand durchaus. Mir war klar, dass ich die Einzige war, die die Lage im Griff hatte. Weder die Behörden noch die Polizei konnten ihn ruhig halten und dafür sorgen, dass meine Tochter am Leben und in Sicherheit blieb. Das konnte nur ich allein.

Ich glaube, in der Nacht schlief ich nur eine einzige Stunde. Es war furchtbar. Am nächsten Tag erhielt ich einen Anruf von meinem Anwalt. Dieser Mann hatte alles für mich geregelt, als ich um das Sorgerecht kämpfte und Sozialamt und Gericht davon abhalten wollte, Mostafa überhaupt ein Besuchsrecht einzuräumen. Dieser Mann wusste nur zu gut, was ich in den vorangegangenen Jahren bei meinem Exmann erlitten hatte. Und sofort, als mir klar wurde, dass mein Kind von Mostafa entführt worden war, hatte ich mich bei ihm gemeldet. Doch es dauerte volle vierundzwanzig Stunden, ehe er mich zurückrief. Ich wusste, es war nicht der rechte Moment für Streitereien. Also ließ ich mir nicht anmerken, wie enttäuscht ich über seinen offensichtlichen Mangel an Besorgnis war. Ich hörte einfach nur zu, während er mir erzählte, alles käme in Ordnung und er sei sicher, dass ich May in spätestens zwei oder drei Tagen wieder bei mir hätte. Als ich das hörte, war ich doch sehr erleichtert. Das sagte nämlich jemand, der sich, soweit ich das beurteilen konnte, wirklich auskannte. Und so stieg mein Hoffnungspegel geradezu dramatisch.

Er bat mich, wenn möglich noch am selben Tag kurz in seiner Kanzlei vorbeizukommen. Doch ich wusste genau, wohin ich an dem Tag wollte. Als wichtigste Aufgabe hatte ich mir einen Besuch beim Sozialamt vorgenommen. Ich wollte die Mitarbeiter dort über das Vorgefallene informieren; ihnen gab ich die Schuld, weil sie von Anfang an nicht auf mich gehört hatten. Als es um Fragen des Sorge- und Besuchsrechts gegangen war, hatte ich sie alle gewarnt, aber niemand hatte auf mich gehört. Jetzt war es zu spät. Ich fand, dass sie mich ganz entsetzlich im Stich gelassen hatten. Ich ging zu der Behörde, sprach mit unserer Sozialarbeiterin und erzählte ihr, dass Mostafa May entführt hatte. Ich meinte: »Ich hab Ihnen doch gesagt, dass bei ihm die Gefahr bestand, er würde sich absetzen. Ich hab Ihnen doch allen gesagt, er könnte sie entführen, und genau das hat er nun getan.« Ich glaube, die Leute standen unter Schock.

Wieder und wieder hatte ich sie gebeten, in seinem Fall eine psychologische Untersuchung anzuordnen. Tatsächlich hatte ich bei vier verschiedenen Gelegenheiten eine solche Untersuchung verlangt, aber niemand hatte auf mich gehört.

Die Sozialarbeiterin wurde sofort wütend und ging gegen mich in Stellung. Sie schrie herum und kreischte und beharrte darauf, das Ganze sei nicht ihre Schuld. Irgendwann beruhigte sie sich jedoch wieder und meinte, es sei eigentlich »eine gute Sache«, da er nun unverzüglich jegliche elterlichen Rechte hinsichtlich unserer Tochter May einbüßen würde.

Ich weiß noch, wie ich dachte, dass das jetzt auch keinen Unterschied mehr machen würde, da ich nicht sicher war, ob ich mein Kind je zurückbekommen würde. Das alles war jetzt vollkommen bedeutungslos, da er sich in Syrien aufhielt und das Gesetz dort, unabhängig von irgendwelchen »elterlichen Rechten«, auf seiner Seite war. In seinem Heimatland hatte er alle Rechte und ich keine. Solange ich ihn also nicht dazu bringen konnte, mit May nach Zypern zurückzukehren – und ich wusste genau, das würde nie gelingen –, war ich völlig rechtlos, im Gegensatz zu ihm.

Die Sozialarbeiterin wollte sich in den Entführungsfall nicht einschalten. Mein Fall, wie sie meinte, sei inzwischen abgeschlossen, doch sie gab mir ein paar Hinweise, was ich jetzt tun und an wen ich mich wenden sollte. Ich hoffte, dass einer ihrer Tipps womöglich hilfreich wäre, aber es war alles viel zu wenig und es kam viel zu spät. May war verschwunden, und meines Wissens lag das Ganze jetzt nicht mehr in den Machtbefugnissen der zypriotischen Regierung. Als ich ihr Büro verließ, war ich sehr niedergeschlagen. Es schien, als könnte mir niemand in Zypern helfen. So suchte ich sofort meinen Anwalt auf, um zu sehen, ob er noch etwas für mich tun und mir vor allem Hoffnung machen könne. Aber er konnte mir nur wieder sagen, dass ich sie zurückbekommen würde. Wie das geschehen sollte, wusste er nicht, nur dass es geschehen würde. Völlig am Boden zerstört, verließ ich seine Kanzlei, in dem klaren Wissen, dass ich in dieser Phase nichts anderes tun konnte als abwarten.

2
Der Plan

Als Mandy am Donnerstagabend in Limassol eintraf, war meine Erleichterung groß. Ich sank ihr buchstäblich in die Arme, schluchzte hemmungslos und zitterte vor Kummer. Meine Freundin hatte Mandy und unsere Cousine Natasha am Flugplatz abgeholt und sie zu mir gebracht, denn ich war zu dem Zeitpunkt bei der Kriminalpolizei.

Ich weiß noch, dass ich dachte, wie gefasst ich bis kurz vor Mandys Ankunft gewesen war, als ich der Polizei auf Englisch eine Erklärung abgab. Ich hatte eine zypriotische Dolmetscherin an meiner Seite, die mir versicherte, jedes Wort von mir werde genauestens auf Griechisch festgehalten und es werde zu keinen Missverständnissen kommen. Ihre Anwesenheit bei diesem Gespräch sollte sicherstellen, dass niemand hinterher behaupten könne, eine meiner Aussagen sei durch die Übersetzung falsch verstanden worden.

Doch als Mandy durch die Tür trat, brachen alle Gefühle aus mir hervor. Ich schluchzte ganze Sturzbäche, und einmal schaute ich zur Dolmetscherin hin und sah, dass sie auch weinte. Ich glaube, dass sie auf einmal begriffen hatte, wie ernst die Lage war: dass die Entführung nicht meiner Angst entsprang, sondern Wirklichkeit war.

Ich kann ehrlich sagen, dass ich zeitweise das Gefühl hatte, May sei tot. Sie nicht an meiner Seite zu haben, sie nicht berühren, nicht in die Arme nehmen zu können, fühlte sich an, als hätte ich mein kleines Mädchen für immer verloren. Meine Schwester bei mir zu haben machte diesen Verlust nicht wieder wett, doch ich konnte auf ihre Hilfe vertrauen und wurde mit allem viel leichter fertig.

Wenn ich mit dem Weinen einmal für ein Weilchen aufhörte, dachte ich mehr als einmal: »Wie kann er nur so naiv sein und annehmen, ich würde einfach ohne May weiterleben?« Ich begriff nicht, wie er glauben konnte, ich sei ruhig und gelassen. Schließlich wusste ich ja, dass sie in einem vom Krieg erschütterten Land lebte, in dem es keine Sicherheiten gab und sie in jedem beliebigen Moment getötet werden könnte. Ich hatte einfach keine Ahnung, wie sein Verstand arbeitete.

Immer wieder bedrängte ich die Behörden in Zypern. Sie sollten einen Versuch unternehmen, May so schnell wie möglich aus Syrien herauszuholen. Aber es wurde sehr rasch klar, dass ich nichts erreichen würde.

Mandy erzählte mir, wie großartig die Medien in Irland reagiert hätten und dass jede Zeitung des Landes über die Geschichte berichtete. An die Zeitungen hatten wir uns wenden müssen, um Druck auf die Behörden auszuüben, damit die uns halfen. Da ich Mays Pass achtzehn Monate zuvor für ungültig hatte erklären lassen, hatte Mandy einen neuen für sie beantragt. Doch man teilte ihr kategorisch mit, dass es dem irischen Außenministerium unmöglich sei, einen neuen Pass auszustellen. Auf dem Antragsformular müssten sich nämlich die Unterschriften beider Eltern befinden.

Ich mochte kaum glauben, was ich da hörte. Mit welchem Recht konnten sie so etwas sagen? Ich war Mays Mutter, und ich hatte das alleinige Sorgerecht. Ich hatte ihren Pass bei der irischen Botschaft in Nicosia selbst für ungültig erklären lassen. Und sie befand sich auf einer Stoppliste, die verhindern sollte, dass sie ohne schriftliche Einwilligung beider Elternteile außer Landes gebracht wurde. Das hatte ich aus Sorge um ihre Sicherheit veranlasst. Trotz allem hatte Mostafa unser Kind entführt, wurde wegen Entführung in Zypern von der Polizei gesucht und hatte es irgendwie geschafft, sie ohne gültigen Pass über zwei Grenzen zu bringen. Und jetzt sollte er ein Antragsformular unterschreiben, damit sie einen neuen Pass bekam – damit ich sie vor ihrem Entführer retten konnte: nämlich ihm.

Da war ich vollends überzeugt, ich würde jegliche Hoffnung verlieren.

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