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Dein Tod ist nicht genug

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

WIDMUNG

Für Mom und Dad – für immer in unseren Herzen,

für immer unsere Wurzeln und für immer mit uns verbunden.

Ich liebe und vermisse Euch mehr,

als ich es mit Worten auszudrücken vermag.

1. KAPITEL

April

Zentrale von Forensic Instincts, LLC

Tribeca, Manhattan, New York

Bloß eine weitere Leiche.

Aber diese hatte einen Namen. Und einen trauernden Vater, der vor seinem eigenen Ableben Antworten brauchte.

Casey Woods stopfte die Dutzenden Zeitungsartikel, die sie gesammelt hatte, in die dicke Aktenmappe und klappte sie zu. Dann lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und presste die Finger gegen die geschlossenen Augen.

Es war Sonntag, kurz nach Sonnenaufgang. Die Straßen lagen verschlafen da. Nur ein paar ambitionierte Jogger waren zu sehen und Kaffeetrinker, die schon am frühen Morgen zum nächsten Coffeeshop pilgerten.

In dem Sandsteingebäude, in dem die Ermittlungsagentur Forensic Instincts lag, war es still.

Casey, Gründerin und Chefin der Agentur, war allein in dem Gebäude – abgesehen von ihrem Bloodhound Hero, der sich zu ihren Füßen ausstreckte. Er ruhte sich aus, war aber dennoch in Alarmbereitschaft. Casey hatte die ganze Nacht gearbeitet. Schlafen stand zurzeit nicht auf ihrem Plan.

Wie gewöhnlich saß sie am Tisch des großen Konferenzraumes in der ersten Etage und hatte sämtliche Notizen vor sich ausgebreitet. In dem vierstöckigen Sandsteingebäude gab es natürlich auch genügend kleinere Büros, in die sie sich hätte zurückziehen können. Sie hätte sogar im Bett arbeiten können, da sich ihre Wohnung im obersten Stockwerk befand. Doch in dem großen Konferenzraum arbeitete sie so diszipliniert und produktiv wie nirgendwo sonst.

Und sie musste jetzt unbedingt produktiv sein.

Denn sie machte ihren Job zurzeit alles andere als gut.

Entschlossen nahm sie die Mitschriften zur Hand, die sie vergangene Nacht nach dem Meeting mit ihrem Klienten ausgedruckt hatte, und las sie ein weiteres Mal. Sie war entnervt. Nicht wegen des Meetings, sondern wegen des gesamten Falles. Das Ganze machte sie nicht glücklich. Sie hatte die Dinge gern unter Kontrolle – so war sie es gewohnt.

Aber dieses Mal war es anders. Nicht etwa weil das NYPD diese neue Parallele ins Spiel gebracht hatte statt ihr Klient selbst, sondern weil sich dadurch eine Verbindung auftat, die zugleich unerwartet und erschreckend war. Nicht für die Polizei – die hätte keinen Grund, den roten Faden zu erkennen, der sich durch diese Sache zog. Und für Casey? Ohne Zweifel ja. Es fühlte sich an wie ein kräftiger Hieb in die Magengrube, der sie in eine Zeit zurückwarf, die geradezu traumatisch gewesen war.

Selbst nach fünfzehn Jahren war diese Tragödie schier unerträglich.

Und jetzt? Ein anderer Fall. Ein anderes Opfer. Aber dieselbe Universität. Derselbe Jahrgang. Dieselben äußeren Umstände. Ein Opfer war ermordet worden. Eins galt als vermisst – vermutlich ermordet.

Konnte das alles bloßer Zufall sein?

Der Mordfall, der sich so tief in Caseys Gedächtnis eingebrannt hatte, war nie aufgeklärt worden. Und für sie war er nie richtig abgeschlossen gewesen. Und jetzt war alles wie aus heiterem Himmel wieder da – wenngleich aus einem völlig anderen Blickwinkel und mit einem völlig anderen Mädchen im Mittelpunkt. Das ungeheure Ausmaß der Vorfälle hatte sie schwer mitgenommen.

Der erste Fall – ihr Fall, der Fall, der ihre Freundin betraf – war letztlich die treibende Kraft für die Gründung von Forensic Instincts gewesen. Sie hatte ihn nie vergessen, war nie darüber hinweggekommen. Und nun, nachdem sie am vergangenen Abend mit Mr Olson gesprochen hatte, mit diesem ausgezehrten Mann, in dessen Blick so viel Schmerz lag, nun brachen ihre eigenen Erinnerungen über sie herein.

Als Casey eine Hand auf der Schulter spürte, wäre sie vor Schreck fast aufgesprungen.

Instinktiv wirbelte sie herum, um sich zu verteidigen. Bei dieser schnellen Bewegung sprang Hero auf und fing an zu bellen.

„Hey, ihr zwei, ganz ruhig. Ich bin’s.“ Patrick Lynch, einer ihrer Partner, ging um den Konferenztisch herum und setzte sich auf einen Stuhl. Hero folgte ihm, und Patrick beugte sich hinunter, um ihn hinter den Ohren zu kraulen. Der Spürhund – das einzige tierische FI-Mitglied – genoss die Zuneigung.

Im gleichen Moment fingen die Monitore zu leuchten an, die an einer Zimmerwand bis zur Decke reichten, und auf jedem der Bildschirme pulsierte eine lange grüne Linie von links nach rechts. „Guten Morgen, Patrick“, begrüßte ihn eine computergenerierte Stimme. Die Stimme erklang von allen Seiten, und die Linie auf den Monitoren schlug in Übereinstimmung mit der Stimmfrequenz aus. „Casey, bitte entschuldige, dass ich dich nicht rechtzeitig vor Patricks Eintreffen gewarnt habe. Aber du hast mich in den Sleep-Modus versetzt. Ich habe in dem Moment reagiert, als ich Aktivität spürte.“ Eine Pause. „Dein Puls hat sich erhöht. Dazu besteht kein Grund.“

„Das weiß ich jetzt auch, Yoda“, erwiderte Casey trocken. „Aber vor einer Minute dachte ich noch, jemand würde mich angreifen.“ Sie hatte schon vor langer Zeit aufgehört, die Funktionsweise der künstlichen Intelligenz zu hinterfragen, die von dem dritten Agentur-Mitglied Ryan McKay erschaffen worden war. Stattdessen hatte sie akzeptiert, dass Ryan ein Genie war und Yoda allwissend.

Genau wie Patrick. „Keine Sorge, Yoda“, wandte er sich an den Computer. „Ich habe das Gefühl, Casey war schon nicht gut drauf, bevor ich hereinkam.“

„Korrekt“, bestätigte Yoda. „Sie steht unter Druck.“

Das konnte Casey nicht leugnen. „Du solltest zu Hause bei Adele sein“, sagte sie zu Patrick. „Deine Frau wird mir den Kopf abreißen, wenn sie den Eindruck bekommt, dass ich dich an einem Sonntagmorgen ohne guten Grund hier festhalte.“

„Adele weiß, wo ich bin, und sie ist damit einverstanden.“ Patrick musterte Casey. „Außerdem konnte ich nicht schlafen.“

„Und dann bist du einfach mal von New Jersey auf einen Besuch hergefahren, weil du nicht auch so schon jede Woche genug Überstunden machst.“

„Nein. Ich hatte so eine Ahnung und habe Marc angerufen.“

Marc Devereaux war der Mann, den Casey als Erstes für Forensic Instincts angeheuert hatte, und ihre rechte Hand. Er war ein ehemaliges Mitglied der Navy SEALs, ehemaliger FBI-Agent und ehemaliges Mitglied der FBI Behavioral Analysis Unit, der Abteilung für Verhaltensanalyse des FBI, in Quantico, Virginia. Er war das perfekte Gesamtpaket und hatte von Anfang an mit Casey gearbeitet.

„Du bist schon seit Tagen nicht mehr du selbst“, fuhr Patrick fort. „Und zwar seitdem ich dir die Details des aktuellen Falls erläutert habe. Jetzt verstehe ich auch warum. Marc hat sich zwar etwas geziert, aber schließlich hat er mir erzählt, was ich seiner Meinung nach wissen sollte. Und deshalb bin ich hier. Es tut mir leid, Casey. Ich hätte diesen Fall niemals angenommen, wenn ich gewusst hätte, was das alles für dich persönlich bedeutet – oder wie schlecht es dir damit geht.“

„Wie hättest du das wissen sollen? War eben ein bizarrer Zufall. Die Chancen, dass so etwas passiert, sind extrem gering. Aber es ist nun mal passiert, und meine persönlichen Gefühle sollten nicht dazwischenfunken. Der Fall ist wichtig. Er muss gelöst werden.“

Patrick hob eine Braue. „Du weißt schon, dass du mit mir sprichst, oder? Es gibt wahrscheinlich niemanden, der deine innere Zerrissenheit besser versteht.“

Casey strich sich eine Strähne ihrer schulterlangen roten Haare hinters Ohr. Patrick hatte recht. Er verstand sie besser als jeder andere. Er hatte das alles selbst schon durchgemacht.

Nach über dreißig Jahren als FBI-Agent war er bei Forensic Instincts an Bord gegangen. Sein Grund, sich dem Team anzuschließen, war ein Fall von Kindesentführung gewesen, der ihn seit Beginn seiner Karriere verfolgt hatte und schließlich in Form eines von FI untersuchten Falles wieder an die Oberfläche gekommen war. Die wieder aufkochenden Gefühle hatten ihn schier aufgefressen.

„Das hier ist etwas anderes“, erwiderte Casey. „Immerhin hattest du keine Ahnung, dass du meine Achillessehne triffst. Es gibt also keinen Grund, sich schuldig zu fühlen.“

„Ich fühle mich nicht schuldig. Ich fühle mich verantwortlich.“

„Brauchst du aber nicht. Captain Sharp ist ein Freund von dir.“

Patrick nickte. Einen beträchtlichen Teil seiner FBI-Zeit hatte er zusammen mit NYPD-Captain Horace Sharp in der Joint Taskforce für Raubdelikte gearbeitet. Als Horace nun von seinem Nachbarn Daniel Olson, der im Sterben lag und davon überzeugt war, dass jemand seine Tochter ermordet hatte, als er also von diesem Nachbarn förmlich angefleht worden war, die Leiche seiner Tochter zu suchen, hatte Horace versprochen, es zu versuchen – sofern Forensic Instincts sich bereit erklären sollte, gemeinsam mit seinen Detectives an dem Fall zu arbeiten. FI verfügte sowohl über die Ressourcen als auch über die Leute, um etwas zu diesem Fall, der kein Fall war, beizusteuern. Ganz im Gegensatz zum NYPD. Deshalb war FI gewissermaßen in Vorleistung gegangen – die Agentur tat der Polizei einen Gefallen, und diese würde sich beizeiten revanchieren. Und die Abmachung war, dass Forensic Instincts mit den Detectives zusammen arbeiten würde – ohne jegliche Alleingänge.

Also, ja – Patrick hatte den Fall ins FI-Team gebracht. Doch von der Sekunde an, als sie an dem großen Tisch darüber gesprochen hatten, hatte er merkwürdige Schwingungen wahrgenommen. Geduldig hatte er darauf gewartet, dass irgendjemand mit ihm spräche. Doch das war nicht geschehen. Seit drei Tagen nicht. Deshalb hatte er den Stier letztlich bei den Hörnern gepackt und Marc direkt darauf angesprochen. Und nun verstand er. Das Ganze ging Casey ziemlich nahe – zu nahe vielleicht.

Als er nun sah, wie zerrissen sie war, fühlte er sich in seiner Sorge um sie nur noch bestätigt.

„Soll ich Horace sagen, dass wir Mr Olson nicht helfen können?“

„Nein.“ Casey schüttelte entschlossen den Kopf. „Das sollst du nicht. Unser Team hat die richtige Power. Ich habe den Einblick. Meine Reaktion darauf ist mein Problem – nicht deins.“ Sie schwieg einen Moment. „Aber immerhin kennst du jetzt den Grund für mein seltsames Benehmen. Ich hätte es dir selbst sagen sollen. Aber ich war noch nicht so weit.“

Casey stand auf, ging hinüber zu den Fenstern und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich gehe nicht besonders souverän damit um. Es kotzt mich an, dass ich nach so langer Zeit immer noch so darauf reagiere.“

„Hör auf, dich fertigzumachen. Es ist, wie es ist. In der Vergangenheit zu wühlen ist Segen und Fluch gleichermaßen. Es reißt alte Wunden auf, sodass sie wieder bluten. Aber manchmal hilft es auch, dass sie heilen.“

Ein angedeutetes Lächeln. „Wann bist du denn zu so einem Philosophen geworden?“

„Das nennt man die Stimme der Erfahrung.“

„Nur dass deine Erfahrungen deine Gefühle zweiunddreißig Jahre lang als Geisel gehalten haben.“

„Ja, du hast recht. Und genau deshalb bin ich in dieser Sache auch der richtige Gesprächspartner für dich.“

Das konnte Casey nicht abstreiten. „Du hast mit deinem Fall abschließen können. Ich dachte, als man Hollys Leiche fand, hätte ich mit dem Fall auch irgendwie abgeschlossen. Aber ich habe mich geirrt. Und ich fürchte, es wird auch nie passieren. Weil der Scheißkerl, der Holly während unserer Collegezeit vergewaltigt und umgebracht hat, niemals gefasst wurde. Aber genau das ist es, was ich bräuchte, um Frieden zu finden.“

„Ich weiß“, sagte Patrick und fügte unverblümt wie immer hinzu: „Aber ich weiß auch, dass das womöglich niemals geschieht.“

„Außer es stellt sich heraus, dass Jan Olson ermordet wurde und dass ihr Mörder derselbe Mann ist, der Holly vergewaltigt und getötet hat“, erwiderte Casey leise. „Es wäre möglich, Patrick. Die Details ähneln sich so stark. Vielleicht führen uns unsere Ermittlungen zum Verschwinden von Jan Olson am Ende zu Hollys Mörder.“

Patrick schien von Caseys Theorie nicht überrascht zu sein. Offenbar hatte er erwartet, dass ihre Gedanken in diese Richtung wanderten. Angesichts der Umstände war das nur natürlich. „Ich weiß, was du meinst“, sagte er. „Und ich bestreite auch gar nicht, dass es unübersehbare Parallelen gibt. Aber einen Mörder nach fünfzehn Jahren identifizieren? Das ist eine verdammt lange Zeit. Außerdem wurden wir engagiert, um eine Leiche zu finden – und keinen Mörder.“

„Daran brauchst du mich nicht zu erinnern.“ Casey biss die Zähne zusammen. „Unsere Aufgabe ist es, die Leiche von Daniel Olsons Tochter zu finden. Ihm zu helfen, seinen Frieden zu finden. Bauchspeicheldrüsenkrebs im finalen Stadium ist ein Todesurteil. Ihm bleiben höchstens noch ein paar Monate, wenn nicht sogar nur Wochen.“

„Wenn wir ihm diesen Frieden geben, zollen wir auch deiner Freundin Holly Tribut“, meinte Patrick. „Versuch doch mal, es so zu sehen.“

„Mein Kopf weiß, dass du recht hast. Aber es fällt mir schwer, meinen Verstand von meinem Herzen abzukoppeln. Wenn ich diese Ermittlungen leiten will, muss ich objektiv sein.“ Sie drehte sich um und sah Patrick mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Und falls du mir vorschlagen willst, dass ich mich in die zweite Reihe stelle und dich diesen Fall leiten lasse – oder noch schlimmer: Marc, Ryan oder Claire –, werde ich dir zuerst einen Leberhaken verpassen und dich danach als Heuchler beschimpfen.“

„Dann habe ich ja Glück, dass ich das nicht vorhatte. Dein rechter Haken ist nämlich echt übel.“ Für einen kurzen Moment lächelte Patrick schief. „Aber Casey, die Sache nimmt dich ganz schön mit. Du musst dich damit auseinandersetzen. Wärest du bereit, mir die Einzelheiten über deine Freundin Holly zu erzählen? Marc hat sich dahin gehend mal wieder ziemlich kryptisch geäußert und mir nur die Basics mitgeteilt. Sicher, mit ihm hast du schon alles besprochen, und vielleicht sogar mit Ryan und Claire. Aber ich denke, in dieser Situation kann ich dir am besten dabei helfen, dich aufs Wesentliche zu konzentrieren.“

„Marc weiß mehr darüber als sonst jemand – abgesehen von Hutch. Hutch ist der Einzige, dem ich wirklich alles erzählt habe.“

Marc hatte sie und Hutch – Supervisory Special Agent Kyle Hutchinson – einander vorgestellt. Zurzeit arbeitete er in der Behavioral Analysis Unit des FBI, und er war der Mann an Caseys Seite geworden.

„Okay, Marc und Hutch wissen also Bescheid“, fasste Patrick zusammen. „Aber nun ist es an der Zeit, mit einer verwandten Seele zu sprechen – mit mir.“

„Du hättest den Fall doch auch selbst recherchieren können“, wandte Casey ein. „Die nötigen Kontakte hast du doch sicherlich.“

„Stimmt. Hab ich. Aber dann hätte ich bloß die nackten Fakten. Deine Sicht der Dinge würde ich dennoch nicht kennen. Die kannst nur du mir vermitteln. Also: Ich höre.“

Casey nickte, ging durch den Raum, um mit der Kapselmaschine zwei Kaffee aufzubrühen, und kam damit zurück an den Konferenztisch.

Sie reichte Patrick eine Tasse, nahm sich dann ihre eigene und setzte sich hin.

„Ich war in meinem ersten Jahr an der Columbia University. Meine Freundin Holly Stevens wohnte nicht auf dem Campus. Sie war eher der Typ Einzelgängerin, sehr schüchtern und reserviert. Sie hatte nur wenige enge Freunde. Und ich war einer davon. Wir trafen uns im Einführungsseminar Psychologie und verstanden uns auf Anhieb. Eines Tages sagte sie mir, sie habe das Gefühl, verfolgt oder vielmehr gestalkt zu werden. Ich drängte sie, zur Polizei zu gehen, und das tat sie auch. Da die Polizei nichts Handfestes hatte, ließen sie ihr Appartement von Streifenwagen bewachen. Doch das reichte nicht.“

Casey atmete langsam und zitternd ein und starrte in ihren Kaffee, als sie weitersprach. „Wenige Wochen später wurde Hollys Leiche eingewickelt in ein Segeltuch in einem Müllcontainer gefunden. Jemand hatte sie vergewaltigt und getötet. Es war ein Albtraum – ein Albtraum, der mit den richtigen Maßnahmen hätte vermieden werden können.“

„Du hättest keine dieser Maßnahmen durchführen können, Casey. Jedenfalls damals noch nicht.“

„Aber ich war diejenige, der Holly sich anvertraut hat. Und auch wenn es völlig irrational klingt: Ich hatte immer das Gefühl, dass ich vielleicht eine Gelegenheit verpasst habe, dieses schreckliche Verbrechen zu verhindern.“

„Genau diese Irrationalität ist es, die dir jetzt in die Quere kommt. Mach dich frei davon. Damals hast du vielleicht noch nicht über die richtigen Mittel verfügt, um zu tun, was man hätte tun müssen. Aber heute ist das anders. Heute hast du die passenden Mittel, um das Richtige zu unternehmen. Du hast Forensic Instincts.“

„Und deshalb kann ich diesen Fall auch nicht einfach loslassen. Ich gebe wirklich nicht der Polizei die Schuld an Hollys Schicksal. Nein. Sie haben alles getan, was sie konnten. Aber Privatermittler mit unserer Expertise hätten mehr ausrichten können. Jemand wie wir hätte sich voll und ganz auf ihre Situation konzentrieren können, hätte gründlicher nachforschen können, hätte genügend Personal aufbringen können, um sie zu beschützen. Nur, wie du schon gesagt hast: Damals gab es uns noch nicht. Aber heute schon. Und jetzt wurde ich gebeten, einem todkranken Mann zu helfen, den Leichnam seiner Tochter zu finden – einem Mann, dessen Tochter womöglich von demselben perversen Psychopathen getötet wurde, der auch Holly auf dem Gewissen hat. Der zeitliche Rahmen passt. Das Umfeld passt. Der Opfertypus passt. Wenn ich recht habe, würde dieser Scheißkerl dadurch zum Wiederholungstäter, vielleicht sogar zum Serienmörder. Was eine noch grauenvollere Frage heraufbeschwört: Er wurde nie verhaftet. Jan Olsons Leiche wurde nie gefunden. Wie viele Opfer gab es noch?“

„Eine Frage, die wir vielleicht irgendwann beantworten können – vielleicht aber auch nicht.“ Patrick nahm einen großen Schluck Kaffee, ehe er mit ruhiger Stimme fortfuhr: „Ich weiß, dass du den Fall neu aufrollen und lösen willst – den Mörder drankriegen, seinen Opfern Namen geben und den betroffenen Familien Frieden schenken. Vielleicht werden wir das schaffen. Ich weiß es nicht. Aber eines weiß ich genau: Unsere Erfolgschancen erhöhen sich ungemein, wenn wir unserer Verpflichtung nachkommen.“

Den Fall untersuchen, mit dem man uns beauftragt hat: die Leiche von Jan Olson zu finden.

„Genau so war es bei mir doch auch, erinnerst du dich? Im Hier und Jetzt beginnen und zurück in die Vergangenheit gehen. Dieser Prozess wird alles andere als angenehm. Du wirst schlecht schlafen und viele schmerzhafte Erinnerungen noch mal durchleben. Aber genau das brauchst du. Sonst hättest du den Fall in dem Augenblick abgeschmettert, als ich ihn an das Team herangetragen habe. Du wusstest, dass er schlafende Hunde wecken würde. Und trotzdem hast du ihn nicht abgelehnt. Du bist die Chefin von Forensic Instincts. Du hast angeordnet, dass wir den Fall übernehmen. Und zwar ohne auch nur eine Sekunde zu zögern.“

„Du hast recht“, stimmte Casey ihm zu. „Ich hätte nicht damit leben können, den Fall abzulehnen. Aus vielen Gründen. Daniel Olson wird bald sterben. Und wenn seine Vermutung stimmt, wenn seine Tochter tatsächliche dasselbe Schicksal erlitten hat wie Holly, wurde sie vergewaltigt, umgebracht und irgendwo … entsorgt. Kein Vater sollte mit unbeantworteten Fragen dieser Art sterben müssen. Und ohne dass der Leichnam seiner Tochter gefunden wird. Außerdem: Wenn der Angreifer wirklich derselbe Mistkerl war, der Holly das angetan hat, bin ich doppelt motiviert, diesen Fall zu lösen.“

„Einverstanden.“ Patrick beugte sich vor und nahm Caseys Notizen zur Hand. „Dann lass uns dein Gespräch mit Daniel Olson noch mal durchgehen. Anschließend sollten wir uns durch sämtliche Zeitungsartikel arbeiten, die du zusammengetragen hast. Ich habe schon einen kurzen Blick daraufgeworfen. Du hast ja wirklich alles ausgegraben – nicht nur zu Jan und ihrem Verschwinden, sondern zu allen jungen Frauen, die damals in Manhattan lebten und in einem Zeitraum von fünf Jahren – um den Zeitpunkt von Jans Verschwinden – als vermisst gemeldet wurden.“

„Ich werde den Stapel an Ryan weitergeben, damit er daraus eine Datenbank erstellen kann. Aber mir ist bewusst, dass nicht unbedingt etwas dabei herauskommen muss. Die meisten dieser jungen Frauen haben vermutlich bloß ihre Sachen gepackt und sind weggezogen.“

„Tja, das herauszufinden ist unser Job. Also los. Wenn dir irgendetwas bekannt vorkommt oder eine Erinnerung weckt, die irgendwie mit Holly in Verbindung steht, sehen wir es uns genauer an. Verlass dich auf dein Bauchgefühl. Niemand hat so einen guten Instinkt wie du.“

Casey lächelte. „Du wärst ein toller Lebensberater.“

„Von wegen. Ich war nur an genau demselben Punkt. Ich habe zweiunddreißig Jahre gebraucht, um meine Antworten zu bekommen. Vielleicht gelingt uns das bei dir ja in der Hälfte der Zeit. Lass uns herausfinden, was mit Jan Olson passiert ist. Und lass uns sie finden.“

2. KAPITEL

Glen Fisher lag auf seinem Feldbett in einer Zelle der Justizvollzugsanstalt in Auburn, einem Hochsicherheitsgefängnis in Upstate New York.

Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte an die Betondecke. Zuerst sechs Wochen im Gefängnis in Downstate New York, wo er all diesen lächerlichen Erhebungen und Tests unterzogen worden war. Und jetzt? Sieben Monate, zwei Wochen und vier Tage hier. Über ein halbes Jahr seines Lebens für den Arsch. Und das alles wegen dieser rothaarigen Schlampe.

Die Tage verschmolzen miteinander. Eine Mahlzeit. Sein Job in der Poststelle. Wieder eine Mahlzeit. Sport. Wieder Post. Zurück in die Zelle. Ein düsteres sechs mal acht Meter kleines Loch mit einem Waschbecken, einer Toilette, einem Feldbett, einem Regal und Gitterstäben, die ihn von einem dunklen Flur trennten, in dem ein zentral gesteuertes Tränengassystem installiert war.

Profan. Langweilig. Die pure Zeitverschwendung.

Sein Anwalt war ein Schlappschwanz gewesen. Eigentlich hätte er einen Freispruch wegen Nötigung erwirken und ihn hier rausholen sollen. Stattdessen hatte der Richter die Einwände des Strafverteidigers abgelehnt. Die Beweislage war als ausreichend eingestuft worden, und nun saß er hier – eine lebenslange Haftstrafe in Aussicht.

Sein Anwalt hatte sich längst aus dem Staub gemacht. Und das war gut so. Sich selbst zu vertreten war das Klügste, was er tun konnte. Immerzu fand er neue Schlupflöcher. Erst letzte Woche hatte er wieder Berufung eingelegt. Irgendwann würden diese Idioten im Bewährungsausschuss ihm vielleicht zuhören. Bisher beschränkten sie sich darauf, ständig die Liste von Vergewaltigungen und Mordfällen rauf und runter zu beten, wegen deren er verurteilt worden war. Sie sahen einfach nicht, dass er der Welt einen Gefallen getan hatte.

Angesichts der eindimensionalen Dämlichkeit der Strafverfolgungsbehörden hätte er einfach seinen verdammten Mund halten sollen, als man ihn in die Ecke getrieben hatte. Auch wenn dieser Neandertaler von Forensic Instincts die Kugel ins Rollen gebracht hatte, indem er ihn in der Allee beinahe umgebracht hätte. Man hatte Glen doch tatsächlich hinters Licht geführt – was eigentlich unmöglich war.

Doch das würde ihm nicht noch einmal passieren.

Sie hatten die Leichen genau an den Stellen gefunden, die er beschrieben hatte. Und die Jury – deren Mitglieder allesamt hirnlose Vollidioten gewesen waren – hatte ihn als Abschaum bezeichnet. Sie hatten sich nur auf die Wörter „Vergewaltigung“ und „Mord“ konzentriert. Waren unfähig gewesen, über den Tellerrand zu blicken. Hatten nicht wissen können, was er über diese Huren wusste. Wer sie waren. Was sie waren. Was sie mit ihren Opfern machten.

Das gesamte System war nutzlos. Es war allein an ihm, es zu umgehen und zu Ende zu bringen, was er begonnen hatte.

Er nahm Skizzenblock und Malkreide zur Hand und machte sich an eine weitere detaillierte Zeichnung. Langsam wurde sie lebendig. Allein die Umrisse erregten ihn. Besonders als er gewellte, karminrote Striche auf das Blatt malte.

Ein dreckiges Lächeln legte sich auf seine Lippen. Das Leben war schon komisch. Irgendwie wurde eins immer durchs andere ausgeglichen.

Er mochte seine Freiheit verloren haben.

Aber Casey Woods war kurz davor, noch viel mehr zu verlieren.

Columbia University

John-Jay-Trakt

Für Prüfungen zu büffeln war echt ätzend.

Als Nick Anderson die Tür zu seinem Schlafraum öffnete, blickte er sich mitfühlend zu seinen Kommilitonen auf dem Flur um – dort standen sechs seiner Zimmergenossen, die alle furchtbar übernächtigt aussahen. Nacheinander tigerten sie an ihm vorbei und stopften Fünf-Dollar-Scheine in den leeren Bierkrug in seiner Hand, um etwas zu der Pizzalieferung beizusteuern, die gleich käme. Gegen zehn Uhr hatten sie durchgezählt. Jetzt war es kurz vor Mitternacht. Sie hatten genug gelernt. Ihre Hirne waren heiß gelaufen. Höchste Zeit, sich den Bauch vollzuschlagen, ein paar Bier zu trinken und sich zu entspannen.

„Hast du an die mit Peperoni gedacht?“, fragte Donna Altwood. Sie kam gerade aus der Dusche, trug einen klammen Trainingsanzug, und ihre feuchte blonde Mähne hing weit über ihren Rücken. Sie sah sauber, gestresst und missmutig aus. Aber sie befand sich auch in einer sehr intensiven Phase ihres Medizinstudiums und lernte mindestens 25 Stunden am Tag.

„Jep“, versicherte Nick ihr. „Eine Deluxe, eine halb Peperoni, halb Würstchen und eine Margherita. Kannst mir das Trinkgeld später geben.“

„Perfekt“, murmelte Charlie Green. „Würstchen und Peperoni – davon bekomme ich Sodbrennen. Das wird mich wach halten. Und wenn ich wach bin, werde ich lernen.“ Er stellte den Kasten Miller Lite ab, den er mitgebracht hatte. Denn er war an der Reihe, für Bier zu sorgen.

„Nein, wirst du nicht“, widersprach Dominick Peretti. „Du wirst dich total abschießen und in den Seminaren einschlafen.“ Er grinste. Dom war keineswegs gemein. Er war einfach nur Dom – direkt und ziemlich selbstbewusst. Deshalb fühlte sich auch niemand von seinen Kommentaren angegriffen.

„Sich abschießen klingt gut.“ Amy Sheehan lächelte nicht. Aber das brauchte sie auch nicht. Sie war eins von den Mädchen, die von allen anderen um ihr Aussehen beneidet wurden – toller Körper, lange, dichte schwarze Haare, große blaue Augen. Und das Schlimmste war: Sie bildete sich darauf nicht mal etwas ein. Deshalb war es auch wirklich schwer, sie zu hassen. „Mein Gehirn nimmt heute sowieso nichts mehr auf. Es ist fix und fertig. Dann kann ich das doch auch sein, oder?“

Kenny Bishop sagt nichts. Das tat er fast nie. Er hing nur mit seinen Kommilitonen rum, wenn es ums Pizzaessen und Biertrinken ging. Eigentlich hing er mit gar keinem rum. Er war ein Einzelgänger. Brillant. Merkwürdig. Und er lebte in seiner eigenen Welt. Vielleicht war er die halbe Zeit auf Drogen. Keiner wusste es. Oder fragte ihn. Er saß einfach auf dem Boden und hatte den Kopf mit den dunklen Locken an ein Bettgestell gelehnt. Seine dunklen Augen waren unergründlich, und doch verfolgte er mit messerscharfem Blick, wie sich der Rest der Gruppe unterhielt und beklagte. Was er auch denken mochte – er behielt es für sich. Aber da er niemanden störte und immer pünktlich bezahlte, hatte niemand etwas gegen seine Anwesenheit.

„Mein Bio-Prof ist so ein Vollpfosten“, beschwerte sich Nick. „Der Einzige, der ihn versteht, ist er selbst.“

„Selber schuld“, kommentierte Donna. „Du hast deine Scheine in Naturwissenschaft doch schon vor zwei Semestern gemacht. Wer zur Hölle belegt ein Aufbauseminar in Bio, wenn er nicht muss?“

„Da spricht die angehende Ärztin aus Leidenschaft“, sagte Dom, während er aufstand, um sich ein Bier zu holen.

Donna zog die Augenbrauen hoch. „Ich muss diese Kurse belegen“, erinnerte sie ihn. „Aber Nick studiert Geschichte im Hauptfach. Er bräuchte nicht so zu leiden.“

„Stimmt.“

„Hat einer von euch schon mal Altgriechisch studiert?“, fragte Nick. „Glaubt mir: Das ist das wahre Leid.“

Ein Klopfen an der Tür unterbrach die Unterhaltung. „Ah, endlich. Nervennahrung.“ Nick ging zur Tür und öffnete sie. „Hey, Robbie.“ Er begrüßte den gut gebauten Typen im gestreiften Pizza-King-Shirt, der mit drei dampfenden Kartons im Türrahmen stand. „Du kommst genau im richtigen Moment. Wir waren kurz davor zu verhungern oder uns gegenseitig zu verspeisen.“

„Ziemlich heftig.“ Robbie grinste. „Da bin ich froh, dass ich rechtzeitig hier war.“ Er hatte ein bisschen Ähnlichkeit mit der Grinsekatze und war genauso gestreift wie sie. Nur konnte er nicht zaubern, weshalb er sich das Studium mit seinem Job als Pizzabote finanzieren musste – teilweise bis spät in den Abend.

„Hi, Leute“, sagte er mit einem Blick ins Zimmer und winkte.

Alle winkten zurück. Sie mochten Robbie und wussten, dass es auf Gegenseitigkeit beruhte. Warum auch nicht? Immerhin riefen sie dreimal pro Woche an, um Pizza oder Sandwiches zu bestellen, und jedes Mal gaben sie ihm ein ordentliches Trinkgeld. Hohe Frequenz, gutes Geld. Und da die Zinsen für ein Darlehen in letzter Zeit extrem hochgeschnellt waren, half jeder Dollar.

Robbie gab Nick die Kartons samt einer weißen Tüte. „Kurz vor Feierabend bedeutet: übrig gebliebenes Knoblauchbrot“, erklärte er. „Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr das haben wollt?“

„Da fragst du noch?“, meldete sich Dom. „Her damit. Das verputze ich, noch bevor wir es uns gemütlich gemacht haben.“

Robbie lachte leise. „Woher wusste ich nur, dass du als Erster darauf antworten würdest?“

„Weil du mich kennst. Knoblauchbrot und ich sind so.“ Dom hielt zwei überkreuzte Finger in die Luft.

„Ich würde ja gern sagen, dass du alles essen kannst, weil dann mehr Pizza für uns bliebe“, sagte Donna. „Aber ich weiß, dass du ein Fass ohne Boden bist. Du würdest das gesamte Knoblauchbrot und eine halbe Pizza verschlingen, noch ehe ich mit dem ersten Stück fertig bin.“ Sie seufzte. „Es ist echt ungerecht, dass Männer so viel essen können, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen.“

„Es ist auch ungerecht, dass wir genauso viel beisteuern wie sie und nur einen Bruchteil des Ganzen essen“, bemerkte Amy.

„Stimmt. Ich bin dafür, dass wir das Beitragsmodell noch mal neu überdenken“, pflichtete Donna ihr bei.

„Vergesst es. Ich bin pleite.“ Nick stellte die Pizzakartons auf seinen Tisch und warf Dom die Tüte mit Knoblauchbrot zu. „Lass ein paar für uns übrig. Und erwarte nicht, dass wir auf dich warten. Wir werden alle Pizzas essen, auch deinen Anteil, wenn du dich nicht beeilst.“

Jemand klopfte zaghaft an die Tür, und im nächsten Moment steckte Josh Lochman seinen Kopf ins Zimmer. Er war der Star-Linebacker der Columbia Lions und sah aus wie der junge Arnold Schwarzenegger, nur dass er dickes, dunkles Haar und ebenso dunkle Augen hatte. Josh nahm nicht oft an diesen spätabendlichen Pizzatreffen teil, aber hin und wieder kam er vorbei. Und zwar niemals mit leeren Händen.

„Hey, Leute“, rief er in die Runde. Er hielt einen extragroßen Pizzakarton hoch und klopfte Robbie gleichzeitig auf die Schulter. „Diese Calzone-Pizzas wurden vor wenigen Minuten von Robbie höchstpersönlich geliefert. Vier extragroße. Nach meinem zweistündigen Training könnte ich sie alle allein verdrücken. Aber das werde ich natürlich nicht tun. Darf ich mich zu euch gesellen?“

„Unbedingt.“ Nick bat ihn herein. „Mach’s dir bequem. Hier ist jeder willkommen, der was zu essen beisteuert.“

Während sich Josh auf den Boden setzte, nahm Nick die Kasse zur Hand. Er wusste bereits, auf welchen Betrag sich die Rechnung belief; das hatte ihm die fröhliche Stimme am anderen Ende der Leitung bei der Bestellung mitgeteilt. Er zählte das Geld ab und legte zwanzig Prozent für Robbie obendrauf.

„Bitte sehr, mein Freund.“ Er reichte ihm das Geld. „Auch wenn ich dir ein Dutzend Dinge nennen könnte, für die man die Kröten besser ausgeben könnte als für die Uni.“

Robbie nahm das Geld dankbar entgegen. Er stopfte die Scheine in sein Portemonnaie und steckte sich das Trinkgeld in die Hosentasche. „Das glaube ich dir sofort. Aber ich bin total heiß auf diesen Abschluss.“ Er winkte. „Danke, Leute. Habt noch einen schönen Abend.“

Das stand nicht zur Debatte. Kaum war die Tür zu, stürzten sich alle auf Pizza und Knoblauchbrot, als hätten sie seit Tagen nichts mehr gegessen.

„Hey“, beschwerte sich Amy. „Gebt Donna und mir beim nächsten Mal einen kleinen Vorsprung. Wir können nicht so schnell kauen wie ihr männlichen Tiere.“

„Vergiss es.“ Dom grinste. „Seid froh, dass ich das Knoblauchbrot geteilt habe. Das hätte ich auch allein geschafft.“

Charlie blickte auf und schluckte einen Bissen Würstchen-Pizza herunter. „Wo ist eigentlich Kendra?“, fragte er. „Sie hat gesagt, sie würde auf dem Rückweg von der Bibliothek vorbeikommen.“

Donna zuckte die Achseln. „Du kennst doch Kendra. Wahrscheinlich hat sie sich in ein Philosophiebuch vertieft und die Zeit vergessen. Aber wir heben ihr ein bisschen von der Pizza auf, okay, Jungs?“

Die Jungs tauschten widerwillige Blicke aus. „Wir geben ihr noch fünfzehn Minuten. Danach hat sie verloren“, entschied Dom für alle.

„Na schön.“ Donna verdrehte die Augen. „Es berührt mich wirklich zutiefst, was du für eine Freundin tust.“

Zehn Minuten später öffnete Kendra die Tür und kam ins Zimmer gerannt. Sie sah so aus wie immer – zerwuschelt und abgehetzt. Ihre lockigen, rotbraunen Haare waren zerzaust und ihre Augen vom vielen Lesen glasig. Sie zerrte sich den Mantel vom Leib, warf ihn irgendwohin und schnappte sich den nächsten Pizzakarton.

„Wie viel ist noch übrig – ein Stück oder zwei?“, fragte sie trocken.

„Wir haben hart für dich gekämpft“, sagte Donna. „Es besteht also durchaus Hoffnung auf ein paar Reste. Wer hat dich aufgehalten – Plato?“

Kendra schüttelte den Kopf. „Diesmal nicht. Ich war auf dem Parkplatz. Irgendeine Limousine hatte Robbies Lieferwagen eingeparkt, und er kam nicht heraus. Ich konnte den Fahrer nicht sehen, weil die Scheiben getönt waren. Aber wer es auch war – er oder sie machte keinerlei Anstalten, den Wagen wegzufahren, und reagierte erst, als Robbie an die Scheibe klopfte. Der Hornochse fuhr nur so weit vor, dass Robbie gerade so aus der Parklücke herauskam, und widmete sich dann wieder seiner wie auch immer gearteten Beschäftigung.“

„Wahrscheinlich hat er jemandem eine SMS geschickt“, kommentierte Amy angewidert. „Lieferanten tun mir irgendwie leid. Genauso wie Hausmeister. Die Leute behandeln sie wie Luft. Das ist echt ätzend.“

Kendra nickte. „Ich war kurz davor, rüberzugehen und dem Fahrer meine Meinung zu geigen. Aber Robbie hat mir zugewinkt, als wäre es keine große Sache. Er ist einfach zu gut für diese Welt. Auf jeden Fall ist er weggefahren und hat es wahrscheinlich als eine weitere nervige Seite seines Jobs abgehakt.“

„Wahrscheinlich.“

Sie beendeten das Thema und widmeten sich wieder der Sache, die in diesem Moment wirklich von Bedeutung war: dem Essen.

Draußen aber stand die dunkle Limousine noch immer mit laufendem Motor auf dem Parkplatz, und der Fahrer starrte unumwunden durch das Fenster zu ihnen hinein.

3. KAPITEL

Das gesamte Forensic Instincts-Team versammelte sich um den Konferenztisch, um den Tag mit dem allmorgendlichen Briefing zu beginnen.

Derzeit bestand das Team aus fünf Mitgliedern; sogar aus sechs – wenn man Hero mitzählte. Marc und Ryan hatten von Anfang an mit Casey zusammengearbeitet. Patrick und Claire waren im vergangenen Jahr an Bord gekommen, etwa zur gleichen Zeit, als Hero von der Hundestaffel des FBI in Pension geschickt worden war und Casey ihn adoptiert hatte. Jedes Teammitglied war auf seine oder ihre Weise außergewöhnlich. Casey war die Profilerin. Mit ihrem scharfen Verstand und dem feinen Gespür für Körpersprache, Verhalten und Reaktionen von Menschen bildete sie den Eckpfeiler von Forensic Instincts. Marc war ihre rechte Hand – und dafür war er die Idealbesetzung. Denn er war einfach in allem brillant, von seinem Geist über seine psychologischen Fähigkeiten bis zu seiner körperlichen Fitness. Ryan war zugleich ein strategisches wie auch ein technisches Genie. Claire hatte eine besondere intuitive Gabe. Die meisten bezeichneten sie als Hellseherin. Sie selbst allerdings hasste diesen Begriff und sprach von sich lieber als intuitiv. Patrick hatte die Erfahrung eines gesamten Lebens als Ermittler. Und Hero bestach durch einen unvergleichlichen Geruchssinn.

Sie standen einander alle sehr nah – eine echte Berufsfamilie eben. Jeder Einzelne hätte für die anderen alles riskiert. Und diese Loyalität war durch kein Geld der Welt zu ersetzen.

Jetzt saß Casey am Kopf des Tisches, hielt die Finger vor sich verschränkt und eröffnete die morgendliche Sitzung, mit der sie einander auf den neuesten Stand brachten.

„Wie ihr alle wisst, habe ich mich gestern Abend zum zweiten Mal mit Daniel Olson getroffen. Er ist der festen Überzeugung, dass seiner Tochter etwas Furchtbares zugestoßen ist. Und ich bin geneigt, ihm zuzustimmen. Er gab mir jede noch so kleine Information über Jans Leben zum Zeitpunkt ihres Verschwindens, die er hat. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie einfach abgehauen ist, ohne sich noch einmal bei ihrer Familie zu melden. Und deshalb habe ich den nächsten Schritt unternommen.“

Sie zeigte auf die Akte, die vor ihr auf dem Tisch lag. „Ich habe das hier zusammengestellt. Es ist eine Sammlung von Zeitungsartikeln, in denen es um Verbrechen – und potenzielle Verbrechen – an Frauen im College-Alter im Bereich New York City geht. Die Artikel decken eine Zeitspanne von fünf Jahren rund um den Zeitpunkt von Jans Verschwinden ab. Ryan, dich möchte ich bitten, aus den Informationen eine Datenbank zu erstellen, mit der wir ab sofort arbeiten können.“

Ryan lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah Casey einen Moment lang an, ehe er in seiner typisch unverblümten Art sagte: „Okay. Aber bevor wir uns an die Details machen – könnten wir vielleicht auf das Wesentliche zu sprechen kommen?“

Claire Hedgleigh zuckte zusammen. Ryans ungehobelte Art verblüffte sie immer wieder. Er mochte brillant sein, aber er hatte das Feingefühl eines Holzfällers.

„Ich finde, wir sollten bei den Fakten des Falls bleiben“, meldete sie sich zu Wort und warf Ryan einen stechenden Blick zu. „Immerhin haben wir eine Ermittlung zu führen.“

„Bei den Fakten bleiben?“ Ryan wirkte eher amüsiert als vor den Kopf gestoßen. „Claire, du machst wohl Witze. Du bist doch diejenige, die sich in die Köpfe anderer schleicht und Handauflegen mit leblosen Gegenständen spielt. Und jetzt bist du auf einmal die Wissenschaftlerin der Gruppe, oder wie?“

„Sie nimmt nur Rücksicht auf meine Gefühle“, schlichtete Casey den Streit, noch bevor er richtig in Gang kam. Sie holte tief Luft und fuhr fort: „Seht mal. Jeder von euch weiß unterschiedlich viel über meine persönliche Verbindung zu diesem Fall. Deshalb fasse ich das Ganze mal kurz für euch zusammen, und dann sind wir alle auf demselben Stand. Aber eines ist mir inzwischen klar – dank Patricks unvergleichlichem Scharfsinn: Ich werde nur dann Frieden mit der Sache schließen können, wenn ich mich in diese Ermittlungen stürze. Wenn ich also mit meiner Zusammenfassung fertig bin, wäre ich froh, wenn wir es dabei belassen könnten und uns tatsächlich auf das Wesentliche konzentrieren würden – nämlich herauszufinden, was mit Jan Olsen geschehen ist.“

Leise und mit knappen Worten wiederholte sie die Geschichte, die sie Patrick am Vorabend erzählt hatte.

„Du meinst also, der Mann, der deine Freundin vergewaltigt und getötet hat, und wer auch immer für Jan Olsons Verschwinden verantwortlich ist, du denkst also wirklich, dass es derselbe Täter ist“, resümierte Ryan, gleich nachdem sie fertig war. Er hatte schon vorher genug über Caseys Vergangenheit gewusst, sodass er einen Blick unter die Oberfläche des tragischen Mordfalls „Holly Stevens“ werfen konnte.

„Ich weiß natürlich nichts mit Sicherheit“, erwiderte Casey. „Abgesehen von der Tatsache, dass die Resultate der Opferanalyse sowie der Zeitrahmen übereinstimmen. Ich sehe keinerlei Überschneidungen im Leben der beiden Frauen. Deshalb darf ich mir auch nicht gestatten, irgendetwas anzunehmen.“

„Schon klar, aber die Möglichkeit ist sehr real.“ Ryan sah Casey aus seinen blauen Augen forschend an. „Unterm Strich ist es doch so: Du wirst in dieser Sache niemals objektiv sein. Vielleicht solltest du die Zügel lieber einem von uns in die Hand geben.“

„Vermutlich wäre das besser. Aber ich werde es nicht tun“, sagte Casey genauso unverblümt wie Ryan, während sie seinem bohrenden Blick standhielt. Sie nahm ihm seine direkte Art nicht übel; das war eben Ryan. Er sagte, was er dachte, aber er war kein bisschen gemein oder unloyal. „Ich will nicht abstreiten, dass es befreiend für mich wäre, den Mord an Holly aufzuklären. Aber mein Hauptziel ist, herauszufinden, was Jan Olson zugestoßen ist. Außerdem bin ich nicht nur am besten dafür geeignet, die Ermittlungen zu führen, sondern zufällig auch eure Chefin.“ In ihren Augen blitzte Belustigung auf. „Und das bedeutet, dass die endgültige Entscheidung bei mir liegt. Und ich habe sie bereits getroffen.“

Ryan nickte. Das war einer der Momente, in denen Argumentieren nichts brächte. Die Sache stand einfach nicht zur Debatte, was Casey unmissverständlich klargemacht hatte.

„Sieh mich nicht so zweifelnd an“, kommentierte Casey den Gesichtsausdruck von Ryan. „Du darfst mich jederzeit einfangen, falls ich vom Weg abkommen sollte.“ Ein schneller Blick in die Runde. „Das gilt natürlich für euch alle.“ Sie schlug die Akte auf. „Ich habe die Notizen von meinen beiden Gesprächen mit Daniel Olson eingescannt, und außerdem alle Dokumente aus dieser Akte. Yoda?“

„Liegt alles auf dem Forensic Instincts-Server für die laufenden Ermittlungen“, antwortete Yoda. „Inklusive mehrerer Fotos von Jan Olson im Alter von neunzehn Jahren. Jegliches sachdienliches Material ist katalogisiert und dem gesamten Team zugänglich.“

„Gut.“ Casey nickte. „Ich habe euch für den Anfang einige Aufgaben zugeteilt.“ Sie blickte zwischen Ryan und Marc hin und her. „Jan war eine typische Studentin. Ihrem Vater hat sie nicht besonders viel anvertraut. Er ist also nicht die beste Informationsquelle. Aber er hat mir den Namen von Jans bester Freundin gegeben: Brenda Miller. Ich weiß nicht, wo sie lebt, ob sie verheiratet oder alleinstehend ist oder ob sie immer noch so heißt. Ryan, das herauszufinden ist dein Job. Und du, Marc, fährst dann zu ihr und sprichst mit ihr. Verschaff dir ein vollständiges Bild von Jan Olson. Typen, die sie datete, Kumpel, Freundinnen, Mitbewohner, Lieblingsorte, seelische Verfassung – alles, woran Brenda sich erinnern kann. Einschließlich ihrer Feinde.“

„Geht klar“, erwiderte Marc.

„Und sobald Marc diese Infos hat, werde ich all diese Personen ausfindig machen“, sagte Ryan.

Casey sah zu Patrick hinüber. „Anschließend wirst du dir mit Marc die Liste aufteilen und jeden Einzelnen darauf befragen. Wir müssen ein aussagekräftiges Profil von Jan Olson erstellen.“

„Und zwar schnell“, fügte Patrick hinzu. „Deshalb könnte Ryan gleichzeitig einen Zeitstrahl der Monate vor ihrem Verschwinden anfertigen.“

„Kein Problem.“ Ryan kritzelte ein paar Notizen auf ein Blatt Papier. „Neben der Datenbank werde ich mir mal Jans Kursplan ansehen. Ihr Studienbuch muss ja in den Akten zu finden sein. Auf dem Weg werde ich in Erfahrung bringen, welche Leistungsnachweise sie gemacht hat und wer ihre Professoren waren. Das ist ein guter Anfang.“

Wieder nickte Casey. „Claire, du, Hero und ich treffen uns heute am frühen Abend mit Daniel Olson bei ihm zu Hause in Brooklyn, wo Jan aufgewachsen ist. Ihr Zimmer ist seit damals beinahe unberührt. Mr Olson ist damit einverstanden, dass du dich in ihrem Zimmer umsiehst und sämtliche persönliche Dinge berührst, von denen du dich angezogen fühlst. Außerdem darf Hero dort herumschnüffeln. Wir werden mehrere Geruchsträger herstellen. Ich weiß, die Sache ist schon fünfzehn Jahre her. Aber sie könnten sich dennoch als nützlich erweisen.“

„Auf jeden Fall“, stimmte Ryan ihr zu. „Hero kann ihre Duftspur in einem Raum aufnehmen, auch wenn sich seitdem Hunderte von Menschen dort aufgehalten haben. Stimmt’s, Junge?“

Der Bloodhound sah Ryan an und gab ein leises Bellen von sich. Er hatte seinen Namen gehört. Er wusste, dass es um ihn ging. Und er spürte die Anspannung im Raum. Dank seiner Ausbildung in der Hundestaffel des FBI würde er seinen Job genauso diszipliniert ausführen wie jedes andere FI-Mitglied.

„Casey, hast du die Akte über deine Freundin Holly angefordert?“, erkundigte sich Marc.

„Ja. Das zuständige Polizeirevier ist schon dabei, die nicht geklärten Fälle von vor fünfzehn Jahren durchzusehen. Irgendwann im Laufe des Tages müssten sie fündig werden. Aber ich bezweifle, dass wir darin irgendetwas Stichhaltiges finden. Vermutlich besteht das Ding aus einer einseitigen Anzeige und einem einseitigen Polizeibericht. Aber sieh dir die Akte auf jeden Fall an, sobald sie bei uns eintrifft. Vielleicht entdeckst du ja einen Umstand oder Zusammenhang, den ich übersehen oder vergessen habe.“

Zwar sagte es niemand laut, aber alle wussten, dass Casey nicht ein gottverdammtes Detail über Hollys Mordfall vergessen hatte. Sie hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant, auch wenn es um Fälle ging, in die sie nicht persönlich involviert war. Und in dieser Sache? Würde sie sich minutiös an jedes Detail erinnern.

„Wir werden uns die Akte alle ansehen, sobald sie kommt“, erwiderte Marc und umging damit auf taktvolle Art das Offensichtliche. „Und wir werden uns noch tiefer in Hollys Leben wühlen. Vielleicht gibt es Dinge, die du nicht von ihr wusstest. Dinge, die eine Verbindung zu Jan Olsons Leben darstellen – Ereignisse, Aktivitäten, Menschen. Das festzustellen, dabei wird uns Ryans Datenbank helfen. Aber falls in der Zwischenzeit irgendwer von uns einen Anhaltspunkt oder eine Verbindung entdeckt, wirst du davon erfahren. Während wir warten, werde ich außerdem die Aufzeichnungen von deinem zweiten Gespräch mit Daniel Olson noch einmal durchgehen. Vielleicht finde ich noch einen Anknüpfungspunkt, den wir bislang noch nicht in Erwägung gezogen haben.“

„Und ich werde eine gründliche Recherche zu Holly Stevens anstellen“, erklärte Ryan. „Neben deiner Erinnerung und dem dürftigen Polizeibericht will ich nämlich ein paar objektive Fakten in der Hand haben. Je mehr wir über sie wissen, ehe uns die Akte erreicht, umso schneller können wir handeln.“

Falls Ryan erwartet hatte, Casey würde sich über sein Vorhaben aufregen, irrte er.

„Du hast vollkommen recht“, entgegnete sie. „Finde so viel heraus wie möglich. Patrick und ich haben letzte Nacht über Jan Olsons Akte gebrütet, aber mir ist nichts entgegengesprungen. Und wie du schon gesagt hast: Holly und ich waren Freundinnen. Aber dennoch machte sie womöglich einige Dinge mit einigen Leuten, von denen ich nichts wusste. Also grab, so tief du kannst. Wenn es nur die kleinste Parallele zwischen Hollys und Jans Leben gibt, will ich, dass wir sie finden.“

Tim Grant war Gefängniswärter in der Justizvollzugsanstalt in Auburn. Er verdiente nicht gerade viel und hatte zwei Töchter in der Highschool, denen er gern das College finanzieren wollte. Lacy spielte Fußball in der Auswahlmannschaft des Staates New York, und Sarahs Noten waren Spitzenklasse. Doch in der heutigen Welt reichte keins von beidem für ein Stipendium an einem guten College. Deshalb hatte er einen Zweitjob in einer privaten Sicherheitsfirma. Einer seiner Kollegen, Bob Farrell, war ein pensionierter NYPD-Detective aus dem 26. Revier – dem Revier, zu dem die Columbia University gehörte. Bob hatte ein wunderschönes Ferienhaus in den Thousand Islands und eine neue, junge Frau, die das Geld schneller ausgab, als er mit seinen Pensionsbezügen die Kreditkartenrechnungen begleichen konnte. Ganz zu schweigen von seinen kolossalen Unterhaltszahlungen und den vier Enkeln, die er liebte zu verwöhnen. Deshalb brauchte er extra Geld – und zwar viel.

Bob hatte den Kontakt zu seinem Revier gehalten und Beziehungen zu anderen aufgebaut, sodass er ständig Informationen über aktuelle Fälle erhielt – vor allem über solche, um die sich die Captains der Reviere aus Mangel an Zeit nicht selbst kümmern konnten. Der Jan-Olson-Fall fiel in diese Kategorie, vor allem seitdem er an Forensic Instincts abgegeben worden war. Als Tim ihn also bat, sich in die Ermittlungen einzuklinken und den aktuellen Stand herauszufinden, war dies eine leichte Aufgabe. Und es überraschte ihn auch nicht, dass er diese Informationen einholen sollte. Denn ein Teil seines Jobs war es schließlich, jeden Schritt von Forensic Instincts zu verfolgen.

Es machte ihm Spaß, seine Ergebnisse an Tim weiterzuleiten, vor allem in Anbetracht der großzügigen Bezahlung, die er dafür erhielt. Er wusste, dass Tim bei der Sache selbst eine Stange Geld verdiente, und das war in Ordnung für ihn. Immerhin war Tim es, der das Risiko einging und die Informationen weitergab. Bob wusste nicht, an welchen Häftling sie gingen. Und er wollte es auch nicht wissen. Er hatte nämlich das ungute Gefühl, dass der Strippenzieher ein gefährlicher Schwerverbrecher war.

Tim dachte in etwa dasselbe, als er sich an jenem Nachmittag der Zelle von Glen Fisher näherte. Als er hineinschaute, sah er Fisher auf seiner Pritsche liegen. Sein zweiter Blick fiel auf das Bild, an dem der Häftling gerade arbeitete. In dem Moment, als Tim es sah, zuckte er zusammen und wünschte, er hätte niemals hingeschaut. Die perverse Zeichnung war wie all die anderen. Sie zeigte die Gestalt einer Frau, die auf dem Boden lag und von mehr blutroten Schnitten übersät war, als sein Magen vertrug. Der Typ war ein Psychopath. Daran hatte Tim noch nie gezweifelt. Das erkannte er nicht nur an seinen Zeichnungen, sondern er spürte es auch jedes Mal, wenn Fisher ihn durchdringend anstarrte, während er gefühlskalt das wiederholte, was man von ihm erwartete. Der Ausdruck in Fishers Augen war entsetzlich – leer wie der Tod. Wie immer verspürte Tim ein Gefühl von Angst, als er tat, was er tun musste. Aber er beruhigte sich mit der Tatsache, dass dieser Irre niemals hier herauskäme und deshalb nichts anderes mit Tims Informationen anfangen konnte, als seine kranken Fantasien zu nähren. Jedenfalls hoffte Tim das inständig.

„Hey“, sagte er leise, als er dicht vor der Zelle stand.

Fisher drehte sich um, stand von seiner Liege auf, legte die Zeichenutensilien beiseite, kam zur Tür herüber und sah Tim durch die eisernen Gitterstäbe an.

„Was hast du für mich?“, fragte er. Doch eigentlich war es keine Frage, sondern eine Aufforderung.

„Die Akte von dem Stevens-Mädchen wird gerade aus dem Archiv des 26. Reviers ausgegraben und an Forensic Instincts geschickt“, raunte Tim ihm zu. „Das könnte eine Weile dauern, da seit dem Verbrechen fünfzehn Jahre vergangen sind. In der Zwischenzeit hat Casey Woods gestern Abend noch mal mit Olson gesprochen. Nach allem, was ich gehört habe, sucht sie nach irgendeiner Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart.“

„Gut. Das wird sie eine Zeit lang beschäftigen. Was ist mit den Bullen?“

Tim schüttelte den Kopf. „Im 26. faselt niemand von irgendeiner Verbindung zu vergangenen Verbrechen. Dasselbe gilt für das 9. Revier“, erwiderte er und bezog sich dabei auf das Revier, in dessen Zuständigkeitsbereich der Tompkins Square lag – wo Fisher reingelegt und verhaftet worden war.

„Dann verschwendet Casey Woods also ihre Zeit.“ Fisher zuckte die Achseln. „Soll mir nur recht sein. So geht die Zeit schneller um. Und es macht das Ganze interessant …“

Er führte seine Gedanken nicht näher aus. Und Tim hakte nicht nach.

Fisher fuhr fort, ihn mit seinem tödlichen Blick zu mustern. „Wie ich höre, laufen die Dinge gut für dich. Wenn deine Lacy weiterhin so viele Tore schießt wie bei dem Fußballspiel gestern Abend, kannst du mit meinem Geld und deiner Alten hübsch in den Urlaub fahren, weil du es dann fürs College gar nicht mehr brauchst. Und Sarah? Mit ihrem Notendurchschnitt und diesen bezaubernd roten Haaren, von denen ich andauernd höre, steht ihr eine ähnlich rosige Zukunft bevor. Du hast wirklich zwei unglaubliche Töchter. Und hübsche noch dazu. Du solltest stolz sein – und sehr vorsichtig. Die Welt da draußen ist sehr gefährlich.“

Tim umfasste die Gitterstäbe so fest, dass seine Fingerknöchel weiß wurden. Am liebsten hätte er Fisher das Licht ausgepustet.

„Beruhig dich“, sagte Fisher, dem Tims Reaktion nicht entgangen war. Er verzog den Mund zu einem kaum merklichen Grinsen. „Du hast doch ohnehin schon Bluthochdruck. Es soll ja nicht noch schlimmer werden. Außerdem: keine Sorge. Mach einfach nur deinen Job. Ich habe für morgen bereits eine Zahlung auf dein Bankkonto angeleiert.“ Er machte eine lang gezogene Pause. „Aber wir fangen gerade erst an. Ich will, dass du jede freie Minute an der Sache dranbleibst.“

Tim sagte nichts. Er drehte sich einfach um und ging.

Seine Familie mochte er vielleicht beschützen.

Aber er hatte das üble Gefühl, dass er dabei war, sich ein eigenes frühes Grab zu schaufeln.

4. KAPITEL

Das Haus von Daniel Olson war typisch für das Brooklyner Viertel Bensonhurst. Das zweistöckige Cottage im Neuengland-Stil lag in einer ruhigen Seitenstraße auf einem kleinen Stück Land zwischen zwei ähnlich aussehenden Häusern. Es hatte einen kleinen Vorgarten und einen Steinweg, der zur Haustür führte.

Olson persönlich öffnete die Tür, als Casey, Claire und Hero eintrafen. Im Gepäck hatten sie eine Tragetasche und ihren STU-100 – eine Art Staubsauger, mit dem sich menschliche Gerüche einfangen ließen. Ryan nannte das Gerät meist einfach nur „Hundesauger“. So oder so – Casey würde für Hero ein paar Geruchsträger anfertigen. Sie stellte Mr Olson zuerst Claire und dann Hero vor, die beide von dem Mann erwartet wurden.

Als Claire ihm die Hand schüttelte, wäre sie beinahe vor Schmerz zusammengezuckt. Casey hatte dem gesamten FI-Team geschildert, in welcher Verfassung er sich befand. Doch Claire konnte den Tod spüren, der aus jeder Pore seines Körpers zu sickern schien. Außerdem fühlte sie eine gewisse Trostlosigkeit, als sie ihn ansah. Es brauchte keine Hellseherin, um zu verstehen, dass der Mann nicht mehr viel Zeit hatte. Er war gebrechlich und blass und hatte tiefe, dunkle Ringe unter den Augen. Die Traurigkeit in seinen Augen aber rührte nicht vom Tod. Damit, das spürte Claire, hatte er seinen Frieden geschlossen. Sie rührte allein von der Sehnsucht, endlich zu erfahren, was mit seiner Tochter geschehen war.

„Kommen Sie herein“, forderte er sie auf und trat zur Seite, sodass sie ins Foyer gehen konnten. „Darf ich Ihnen etwas anbieten? Vielleicht etwas Wasser für den Hund?“

„Nein, vielen Dank.“ Casey sprach für sie alle. Sie wollten auf keinen Fall, dass dieser bemitleidenswerte kranke Mann sie auch noch bediente. „Wie ich gestern Abend schon gesagt habe – wir möchten nur Jans Zimmer sehen, ein paar Dinge in die Hand nehmen, die ihr besonders viel bedeutet haben, und ein paar Geruchsträger für Hero erstellen. Wir bleiben nur so lange wie nötig.“

Olson nahm das Mitgefühl in Caseys Stimme wahr und schüttelte leicht den Kopf. „Ich weiß Ihre Rücksichtnahme wirklich zu schätzen. Aber nehmen Sie sich bitte die Zeit, die Sie brauchen. Alles, was Ihnen helfen kann, jede Möglichkeit, die Ihnen vielleicht dabei helfen kann, herauszufinden, was mit Jan geschehen ist – bitte nehmen Sie es sich. Oder anders gesagt: Sie sind buchstäblich meine letzte Hoffnung.“

„Wir werden alles tun, was wir können.“ Casey spürte bereits, wie sich der Knoten in ihrem Magen fester zusammenzog. Am liebsten wäre sie die Stufen hinaufgestürmt und hätte sich die nötigen Antworten holterdiepolter geschnappt. Doch so funktionierte das nicht. Sie würde sich in Geduld üben müssen. Aber sie würde auch nicht versagen. Sie würde diesem Mann den Frieden geben, den er brauchte, und vielleicht auch mit ihrer eigenen Sache endlich abschließen können.

Gemeinsam gingen sie nach oben. Mr Olson führte sie zu dem Schlafzimmer auf der linken Seite des Flures, das Jan gehörte, und bat sie einzutreten. Er selbst stand zögernd im Türrahmen und sah von Claire zu Casey.

„Ich weiß nicht, wie das hier funktioniert“, gestand er. „Ist es besser, wenn ich Sie allein lasse? Oder soll ich lieber bleiben? Wie auch immer Ms Hedgleighs Vorgehensweise aussieht, ich möchte sie auf keinen Fall stören.“

Claire lächelte ihm freundlich zu. „Bitte bleiben Sie“, sagte sie. „Möglicherweise habe ich ein paar Fragen. Wenn mich ein bestimmter Gegenstand anzieht, möchte ich, dass Sie mir etwas darüber erzählen, damit ich weiß, welchen Stellenwert er in Jans Leben hatte. Sie sind ihr Vater. Sie haben geholfen, sie großzuziehen. Vielleicht werden Sie überrascht sein, wie hilfreich Ihr Beitrag sein kann.“

Der ältere Mann seufzte. „Ich wünschte, Jans Mutter wäre noch am Leben. Sie würde sich an viel mehr erinnern als ich. Sie war eine traditionelle Hausfrau. Sie wollte unbedingt zu Hause bleiben, als Jan noch klein war. Sie war mit den Einzelheiten ihres Lebens viel vertrauter, als ich es bin.“

„Ist Jan ein Einzelkind?“, fragte Claire und sprach dabei absichtlich in der Gegenwart. Es gab keinen Grund, Mr Olson noch trauriger zu machen. Nicht solange sie keinen konkreten Beweis dafür hatten, dass seine Tochter tot war.

Er nickte. „Wir hätten gern mehr Kinder gehabt. Aber das sollte wohl nicht sein.“

Casey sah sich in dem Zimmer um, während Claire langsam darin herumging. Es war das typische Zimmer eines Teenagers – weiße Möbel, pfauenblaue Wände, passende Bettdecke und Vorhänge sowie Habseligkeiten, die vom Lidschatten und Lipgloss einer jungen Erwachsenen bis zu den Püppchen und Stofftieren eines kleinen Mädchens reichten.

„Wann hat Jan hier zum letzten Mal etwas verändert?“, erkundigte sich Casey.

„Da war sie noch auf der Highschool“, antwortete Mr Olson. „Sie hat keine neuen Möbel bekommen, aber sie hat die alten umgestellt. Außerdem hat sie die Wände gestrichen und passende Bettbezüge und Vorhänge ausgesucht. Aber die Lieblingsstücke aus ihrer Kindheit hat sie behalten.“

„Ist das hier eins davon?“ Claire hielt eine Kinderschmuckdose hoch, aus der, wenn man sie öffnete, eine kleine, sich drehende Ballerina hervorkam.

Olson nickte. „Das war ein Geschenk ihrer Großeltern. Sie war sechs, als sie es bekam. Der Schmuck, den sie hineinlegte, hat sich über die Jahre verändert, aber die Dose war immer dieselbe. Und sie stand immer auf der Anrichte.“

Claire hörte nur mit einem Ohr zu. Sie sah hoch konzentriert aus. „Glückliche Erinnerungen“, murmelte sie. „Viel warme, positive Energie.“ Sie berührte ein paar Schmuckstücke – einen schmalen Armreif, eine silberne Halskette, ein Paar goldene Ohrstecker –, stellte die Dose dann zurück auf die Anrichte, drehte sich um und hockte sich neben eine Schultasche. „Wann hat sie die bekommen?“, fragte sie, während sie mit den Fingerspitzen über den dunklen, rotbraunen Segeltuchstoff fuhr.

Mr Olsons Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Kurz bevor sie weggezogen ist, um aufs College zu gehen. Ihre Mutter und ich haben sie immer damit aufgezogen, dass die Tasche mehr wiegt als sie, weil sie immer so viele Bücher mit sich herumschleppte.“

„Wie ist sie in Ihr Haus gekommen?“, fragte Casey sogleich. „Hat Jan sie bei ihrem letzten Besuch dagelassen, oder wurde sie Ihnen zugeschickt, nachdem sie verschwunden war?“

„Letzteres.“ Er schluckte. „Die Columbia University hat sie uns geschickt, als sie ihr Zimmer im Wohnheim ausgeräumt haben.“ Er zeigte auf die Tasche. „Sie können ruhig hineinschauen. Ich habe es schon tausendmal gemacht. Lehrbücher, Blöcke und ihr Kalender – mehr ist nicht drin. Ich habe schon jeden Winkel abgesucht.“

„Ein Kalender?“, hakte Casey interessiert nach. „Das haben Sie bei unserem letzten Gespräch gar nicht erwähnt. Und er war auch nicht unter den Sachen, die Sie mir gebracht haben.“

Olson seufzte. „Wie gesagt, ich habe ihn schon zigmal durchgeblättert. Da drin steht nichts außer Terminen für irgendwelche Arbeiten. Keine Namen, keine besonderen Daten, nichts. Ich sah keinen Grund, ihn mitzubringen. Wenn Sie anderer Meinung sind und denken, ich könnte etwas übersehen haben, sehen Sie ihn sich ruhig an.“

Casey nickte. Sie beobachtete Claire dabei, wie sie den Reißverschluss der Tasche öffnete und den Inhalt durchsuchte. Dann fiel ihr Claires Gesichtsausdruck auf. Er verhieß nichts Gutes.

„Wir nehmen die Tasche mit“, erwiderte Casey. „Genauso wie alles andere, auf das Claire sich hier konzentriert.“

Claire hob den Kopf. „Haben Sie noch mehr Dinge, die Ihnen von der Universität zugeschickt wurden?“, erkundigte sie sich.

„Jans Kleidung. Ihre Bücher. Alles, was sie in der Uni gelassen hatte.“ Mr Olson klang gequält. „Ich mache mir nicht viel aus materiellen Dingen. Ein Jahr nach Jans Verschwinden habe ich den Großteil ihrer Kleidung unserer Kirche gespendet. Ich dachte, sie könnte sich ja neue Sachen kaufen, wenn sie wiederkäme. Aber wenn Sie sich das ansehen möchten, was noch da ist – es hängt in ihrem Schrank.“ Er zeigte auf eine große Doppelschiebetür.

Claire öffnete sie und sah sich ein paar Kleidungsstücke an, wobei sie hier und da einen Ärmel oder einen Kragen berührte. Nach einer Weile hockte sie sich langsam hin und nahm ein Paar abgetragene Laufschuhe zur Hand. „Die hat sie oft getragen. Und nicht nur, um damit auf dem Campus herumzulaufen. Sie ist ein sportliches Mädchen.“

„Ja“, erwiderte Mr Olson. „In der Highschool hat sie mehrere Sportarten betrieben. Ich bin mir nicht sicher, in wie vielen sie auf der Columbia weitergemacht hat. Das Studium hat sie ziemlich unter Beschlag genommen. Aber ja, sie hat diese Schuhe ständig getragen. Sie sind so abgenutzt, dass ich sie nicht spenden konnte.“

„Verstehe“, murmelte Claire. Und offensichtlich sah sie in den Schuhen viel mehr als nur Laufschuhe.

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