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Dein Lächeln macht mich glücklich

1. KAPITEL

Klirr!

“Verdammt!”

Logan unterschrieb gerade Briefe, als er das Klirren und den darauf folgenden Fluch hörte. Verwirrt sah er auf. Was …?

Klirr!

“Noch mal verdammt!”

Logan legte den Kugelschreiber hin, stand auf und ging in den Konferenzraum, der neben seinem großen Büro lag. Er und zwei Geschäftspartner hatten zu Mittag gegessen und dabei über Verträge gesprochen. Jetzt stellte er fest, dass sich in dem Raum niemand aufhielt, der Tisch aber noch teilweise gedeckt war.

“Verdammt und zugenäht!”, sagte eine geisterhafte Stimme. “Das sind schon zwei Gläser, die ich ersetzen muss. Ich … Autsch!”

Noch neugieriger gemacht, ging Logan langsam um den Mahagonitisch und sah schließlich auf leuchtend rotes Haar hinunter. Ah, das Rätsel war gelöst. Dies war die Angestellte von “Chef Simon Catering”, die ihnen das Essen serviert hatte. Logan hatte sie nicht weiter beachtet, weil er sich auf die geschäftliche Besprechung konzentriert hatte, er erinnerte sich jedoch, dass er gelegentlich einen flüchtigen Blick von diesem glänzenden roten Haar erhascht hatte, während sie leise um den Tisch gegangen war.

Die junge Frau stand auf und betrachtete stirnrunzelnd den Daumen ihrer linken Hand, der ziemlich stark blutete.

“Haben Sie sich geschnitten?”, fragte Logan mitfühlend.

Sie zuckte so heftig zusammen, dass sie eins der Wassergläser umwarf.

Logan gelang es, das Glas zu fangen, bevor es vom Tisch rollte – zu den beiden anderen, die schon zerbrochen auf dem Parkettboden lagen. “Es hat keinen Sinn, dass Sie drei statt zwei Ersatzgläser kaufen müssen”, sagte er trocken, während er das Glas wieder aufrichtete. “Ist es ein schlimmer Schnitt?” Er griff nach ihrer Hand.

Die junge Frau versteckte sie schnell hinter ihrem Rücken. “Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe, Mr. McKenzie”, flüsterte sie niedergeschlagen. “Ich habe abgeräumt und … und dabei die Gläser kaputtgemacht. Und …” Sie blickte auf die Scherben und brach in Tränen aus.

Logan schreckte davor zurück, wie offen sie ihre Gefühle zeigte. “He, es sind nur zwei Gläser”, sagte er finster. “Chef Simon ist doch sicher nicht so ein Unmensch, dass Sie deswegen weinen müssen.”

Chef Simon kümmerte sich mit seiner Catering-Firma schon seit über einem Jahr um die Geschäftsessen, die Logan gelegentlich in seinem Konferenzraum gab, und er hatte immer wieder festgestellt, dass der Mann mit sich reden ließ. Aber diese junge Frau hatte er bisher noch nie hier gesehen. War sie vielleicht neu und hatte Angst, ihren Job zu verlieren?

“Sie können Chef Simon ja erzählen, ich hätte die Gläser kaputtgemacht”, sagte er tröstend. Weinende Frauen waren nicht seine Stärke! Nicht, wenn sie weinen, weil sie beunruhigt oder verärgert sind, dachte er trübselig, während er sich an das letzte Treffen mit Gloria vor zwei Wochen erinnerte. Sie hatte vor Wut und Frustration geheult, weil er ihr mitgeteilt hatte, ihre einjährige Beziehung sei zu Ende. Als er sich nicht hatte umstimmen lassen wollen, hatte sie sogar eine Vase nach ihm geworfen.

“Oh, das kann ich nicht tun”, lehnte die junge Frau ab. “Dann würde er Ihnen die Gläser auf die Rechnung setzen, und das wäre nicht fair.”

Fair. Das Wort hörte Logan nicht allzu oft, weder als Geschäftsmann noch in seinem Privatleben. Außerdem würden die Kosten für zwei Gläser wohl kaum sein millionenschweres Unternehmen in den Konkurs treiben.

Die Angestellte von Chef Simon Catering wischte sich die Tränen ab und schmierte sich Blut auf die Wangen. “O verdammt”, sagte sie, als ihr klar wurde, was sie getan hatte. Ohne Erfolg suchte sie in ihren Hosentaschen nach einem Taschentuch.

“Sie mögen das Wort, stimmt's?”, fragte Logan. Zum ersten Mal betrachtete er sie genauer. Sie war ein zierliches kleines Ding, das ihm kaum bis zu den Schultern reichte. Ihre schlanke Figur wurde von der schwarzen Hose und cremefarbenen Bluse noch betont. Das schulterlange rote Haar umrahmte ein Gesicht, das auf den ersten Blick mit Sommersprossen übersät war. Auf den zweiten Blick erkannte Logan, dass sie nur Nase und Wangen bedeckten. Sie hatte graue Augen, einen breiten Mund und ein energisches Kinn.

Nicht gerade …

Woher ist das Lächeln gekommen?, fragte sich Logan verwirrt, während er sich sofort eine neue Meinung über ihr Aussehen bildete. Er hatte sie nicht gerade bemerkenswert gefunden, aber wenn sie lächelte, funkelten die grauen Augen geheimnisvoll, Grübchen erschienen in den Wangen, und ihr Mund war eine zarte Verlockung.

Logan blickte sie verständnislos an. Er war plötzlich völlig außer Atem!

Sie schien keine Ahnung zu haben, was für eine Wirkung sie auf ihn hatte, denn sie lächelte ihn weiter an. “Es ist besser als viele andere. Und Ihr Angebot, was die Gläser betrifft … Ich weiß es zu schätzen, aber, wie Sie gesagt haben, sie sind es nicht wert, sich aufzuregen.”

“Warum haben Sie dann überhaupt geweint?”, fragte Logan scharf.

Das Lächeln verschwand. Logans Verwirrung auch, und er war wegen seiner unerhörten Reaktion wütend auf sich und die junge Frau. Um Himmels willen, sie war doch unscheinbar, nur massenhaft Sommersprossen und graue Augen! “Na?”, schnauzte er.

Sie blickte ihn vorwurfsvoll an. “Ich habe mich geschnitten!” Sie hielt den Daumen hoch.

Logan betrachtete ihn finster. “Die Wunde blutet nicht mehr. Und allzu gefährlich sieht sie nicht aus.” Und ich habe schon genug von meinem Nachmittag mit dieser Sache verschwendet, dachte er ärgerlich. “Meine Sekretärin wird Ihnen ein Pflaster bringen”, sagte er kurz angebunden. “Ich schlage vor, dass Sie sich in der Zwischenzeit das Blut abwaschen. Von der Hand und vom Gesicht.”

Sie berührte verlegen ihre Wange. “Ich habe gesagt, es tue mir leid, Sie gestört zu haben.”

Die Frau konnte sich ja gar nicht vorstellen, wie sie ihn – vorübergehend – gestört hatte! “Wie heißen Sie?”

“Darcy”, erwiderte sie unglücklich.

“Tja, Miss Darcy …”

“Das ist mein Vorname”, sagte sie und schniefte.

O nein, sie würde wieder weinen! Und war Darcy nicht ein Jungenname? “Ihr Vater hat sich einen Sohn gewünscht, stimmt's?”, fragte Logan spöttisch.

Ihre grauen Augen funkelten vor Wut. “Was er sich gewünscht und was er bekommen hat, sind zwei völlig verschiedene Dinge”, erwiderte sie scharf.

“Das ist meistens so, wenn es um Frauen geht”, sagte Logan trocken.

“Sind Sie verheiratet, Mr. McKenzie?”

Was hatte das denn damit zu tun? “Nein.”

Sie nickte, als hätte sie sich das schon gedacht. “Frauen reagieren oft passend zu den Männern, zu denen sie eine Beziehung haben. Zum Beispiel …”

“Ich glaube nicht, dass Chef Simon Sie hierher geschickt hat, damit Sie den Kunden psychoanalysieren”, unterbrach Logan sie mit zusammengebissenen Zähnen. Bis vor wenigen Minuten war er mit dem Tag völlig zufrieden gewesen. Das Geschäftsessen war ein Erfolg gewesen, die Verträge wurden bereits ausgearbeitet, und er hatte sich darauf gefreut, mit der schönen Blondine zu Abend zu essen, die er am Samstag auf einer Dinnerparty kennengelernt hatte. Jetzt war seine gute Laune verschwunden, und er verspürte immer mehr den Wunsch, diese Darcy zu erdrosseln!

“Es tut mir so leid. Ich … Es ist nur … Ich bin heute nicht ich selbst!” Darcy schlug die Hände vors Gesicht und brach wieder in Tränen aus.

Logan schüttelte ratlos den Kopf. “Oh, um Himmels willen!”, sagte er und zog Darcy an sich. Sie fühlte sich so klein und zart an, als er sie an seine harte Brust bettete und ihr geistesabwesend über das seidenweiche rote Haar strich …

Was, in aller Welt, tat er denn da? Du liebe Güte, sie war die Serviererin von Chef Simon Catering! Wichtiger, irgendjemand könnte hereinkommen und die Situation missverstehen! Logan trat nervös von einem Fuß auf den anderen. “Darcy?”

Sie drückte das Gesicht noch fester an seine Brust.

Inzwischen war sein Hemd schon ganz feucht von ihren Tränen, und allmählich wünschte Logan sogar, jemand würde hereinkommen und sie stören, ganz gleich, wie sein Benehmen ausgelegt werden würde. “Hier”, sagte er und gab ihr sein schneeweißes Taschentuch, erleichtert, als sie von ihm abrückte, um sich die Nase zu putzen.

Nach Darcys wenig anziehendem Aussehen zu urteilen, war es kein Wunder, dass nicht allzu viele Frauen in seiner Gegenwart weinten. Sie sah aus wie ein erschrockenes junges Reh: nur Augen und fleckige Wangen.

“Es tut mir wirklich leid”, sagte sie unglücklich. “Ich habe eine ziemlich beunruhigende Nachricht erfahren, bevor ich hierher gefahren bin. Normalerweise heule ich vollkommen Fremden nichts vor, das kann ich Ihnen versichern.”

“Das ist okay, ich bin alles andere als vollkommen”, scherzte Logan und fragte sich, was für eine Nachricht sie in so einen Zustand versetzt hatte. “Ist es etwas, bei dem ich helfen kann?”, hörte er sich sagen und runzelte die Stirn über sein untypisches Interesse an den Problemen einer Fremden. Er stammte aus einer großen schottischen Familie und hielt sich aus den Streitereien heraus, die seinen Clan ständig zu plagen schienen. Wenn er das nicht tun würde, wäre er die meiste Zeit in die eine oder andere Intrige verwickelt, und er führte lieber ein ruhiges Leben. Weshalb er den größten Teil des Jahres in seiner Londoner Wohnung verbrachte. Er hatte keine Ahnung, warum ausgerechnet er sich für die Probleme einer völlig Fremden interessierte, die ihn vollgeheult und dabei auch noch Blutflecken auf seinem Hemd hinterlassen hatte.

Darcy schüttelte den Kopf. “Ich bezweifle es. Trotzdem danke, dass Sie gefragt haben.”

Er war verärgert, weil sie ihm nicht verraten wollte, was sie quälte! Was war nur mit ihm los? “Geteiltes Leid ist halbes Leid, heißt es”, redete er ihr gut zu.

“Ich glaube nicht, dass es Sie interessieren würde.” Jetzt sah sie verlegen aus.

“Stellen Sie mich auf die Probe.”

Darcy zuckte die Schultern. “Es ist nur, dass … Nein, ich kann nicht. Da … Chef Simon würde es nicht gefallen, wenn ich mit einem seiner Kunden über sein Privatleben sprechen würde.”

Daniel Simon? Darcy hatte den berühmten Koch beim Vornamen nennen wollen. Und wenn man ihre Tränen als Anhaltspunkt nahm, ließ die Vertraulichkeit durchblicken, dass die beiden eine viel engere Beziehung als die zwischen Arbeitgeber und Angestellte hatten. Daniel Simon und Darcy? Sie war doch höchstens zwanzig, während er Anfang fünfzig war, soviel Logan wusste. Frühling und Herbst. Nicht, dass es ungewöhnlich war, er hatte den Mann nur niemals von der Seite gesehen. Tatsächlich hatte er bisher keinen einzigen Gedanken an Daniel Simons Privatleben verschwendet. Und jetzt wollte er auch nicht darüber nachdenken! “Wahrscheinlich haben Sie recht. Ich schicke Ihnen Karen mit einem Pflaster.” Logan ging zur Tür.

“Mr. McKenzie?”

Er drehte sich widerwillig um. “Ja, Darcy?”

“Danke.” Sie lächelte ihn zum zweiten Mal an diesem Tag an.

Und raubte ihm wieder den Atem. Je schneller ich hier herauskomme, desto besser!, dachte Logan grimmig. “Bitte sehr”, stieß er hervor, und diesmal bewerkstelligte er seine Flucht ins angrenzende Büro.

Flucht?, dachte er, sobald er an seinem Schreibtisch saß. Vor Darcy? Lächerlich. Er hatte fürs Erste genug von den Tränen einer Frau, das war alles. Besonders da sie mit ihren Tränen und dem Blut aus der Schnittwunde an ihrem Daumen sein Seidenhemd ruiniert hatte!

Was musste Logan McKenzie von ihr halten? Darcy stöhnte leise auf. Sie hatte sich so große Mühe gegeben, die quälenden Gedanken zu unterdrücken und sich darauf zu konzentrieren, dem Kunden und seinen Gästen das Mittagessen zu servieren. Sobald sie begonnen hatte abzuräumen, war sie jedoch nicht mehr fähig gewesen, das Problem zu verdrängen. Sie hatte die beiden Gläser fallen lassen und an einem Tag, an dem sie sowieso schon das Gefühl gehabt hatte, den Boden unter den Füßen zu verlieren, war das der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte.

Trotzdem hätte sie nicht Logan McKenzies weißes Seidenhemd ruinieren dürfen. Sie bezweifelte, dass die Blutflecken herausgehen würden. Ihr wurde plötzlich bewusst, dass sie noch immer sein durchnässtes Taschentuch in der Hand hatte. Entsetzt blickte sie das zusammengeknüllte Ding an. Nicht, dass sie es ihm in diesem Zustand hätte zurückgeben können. Sie würde es erst waschen und bügeln müssen, bevor sie es ihm zurückschickte. Natürlich würde Logan McKenzie der Verlust eines weißen Taschentuchs nicht “wehtun”, aber hier ging es ums Prinzip. Sie …

“So, da wären wir”, verkündete Karen Hill, Logan McKenzies Privatsekretärin, die mit einer desinfizierenden Salbe und Pflastern in den Konferenzraum kam. “Logan sagt, Sie hätten einen kleinen Unfall gehabt.”

Darcy war sicher, dass er sie für einen einzigen großen Unfall hielt! Sie schauderte vor Verlegenheit bei dem Gedanken daran, wie sie sich aufgeführt hatte. “Es ist nichts. Ein Pflaster genügt.” Die Wunde schmerzte noch, aber nicht so sehr wie die Erinnerung an ihren Zusammenbruch vor Logan McKenzie. Je schneller sie hier wegkam, desto besser. “Danke.” Sie nahm das angebotene Pflaster und klebte es sich auf den Daumen. “Wissen Sie zufällig Logans … Mr. McKenzies Hemdgröße?”

Karen zog überrascht die Augenbrauen hoch. “Logans Hemdgröße?”, wiederholte sie neugierig.

Fehler, Darcy!, schimpfte sie mit sich. Wenn sie das ruinierte Seidenhemd ersetzen wollte, würde sie eben eine andere Möglichkeit finden müssen, die richtige Größe zu erfahren. “Ist nicht weiter wichtig”, sagte sie munter und wich Karens Blick aus. “Ich räume hier den Rest ab und mache mich auf den Weg.”

“Gut”, erwiderte die Sekretärin zerstreut. Offensichtlich wunderte sie sich noch immer über Darcys Frage.

Tja, sie muss sich weiter wundern, dachte Darcy gereizt. Für einen Tag hatte sie sich genug in Verlegenheit gebracht!

Sobald sie allein war, räumte sie im Eiltempo den Tisch ab und packte alles in die Körbe, bevor sie die Glasscherben aufsammelte und sie in Zeitungspapier wickelte, um sie auch mitzunehmen. Natürlich hatte sie wieder Pech! Logan McKenzie wartete vor dem Fahrstuhl, als sie sich mit den zwei schwer beladenen Körben den Flur entlangkämpfte.

Er drehte sich um und konnte es zuerst nicht glauben, als er sie erkannte, dann runzelte er finster die Stirn.

Darcy zuckte zusammen, aber überrascht war sie nicht. Wahrscheinlich überlegte der arme Mann, ob er gefahrlos mit ihr in den Lift steigen konnte, oder ob das Ding kaputtgehen würde, sobald sich die Türen hinter ihnen beiden schlossen! “Hallo.”

“Darcy.” Er blickte ungeduldig auf die Leuchtanzeige.

Er kann es nicht erwarten, von mir wegzukommen, dachte Darcy spöttisch. Sie vermutete, dass er Daniel Simon bitten würde, sie nie wieder bei einem seiner Geschäftsessen bedienen zu lassen. Tja, in dieser Hinsicht brauchte er sich keine Sorgen zu machen. Sie war nur hier, weil sie knapp an Personal waren.

Das Restaurant “Chef Simon”, von Daniel Simon vor fünf Jahren in London eröffnet, war ein so großer Erfolg geworden, dass immer mehr Gäste gefragt hatten, ob er ihnen nicht auch Speisen und Getränke ins Haus liefern könne. Aufgrund der vielen Nachfragen hatte Daniel Simon die Catering-Firma gegründet, und dieses Nebengeschäft lief auch sehr gut. Unglücklicherweise hatten zurzeit mehrere Angestellte die Grippe, und deshalb war Darcy gebeten worden einzuspringen. Nach der vergangenen katastrophalen halben Stunde wünschte sie, sie hätte an diesem Tag andere Verpflichtungen gehabt und ablehnen müssen!

“Geben Sie her.” Logan McKenzie nahm ihr einen der schweren Körbe ab.

Da sie in Gedanken versunken gewesen war, hatte er sie überrumpelt. “Danke”, sagte sie verlegen, “aber das ist wirklich nicht nötig.” Sie versuchte, ihm den Korb wieder abzunehmen.

Logan umfasste den Griff fester. “Lassen Sie das”, fuhr er sie ungeduldig an.

Endlich kam der Lift, und Logan McKenzie trat zurück, sodass Darcy vor ihm in die Kabine gehen konnte. Sie beobachtete ihn verstohlen, während er auf den Knopf für das Erdgeschoss drückte. Er war ungefähr fünfunddreißig, unglaublich gut aussehend und machte einen arroganten, strengen Eindruck. Das dunkle Haar war kurz und glatt, er hatte blaue Augen, einen schönen Mund und ein energisches Kinn. Groß und muskulös, sah er aus wie ein Mann, der eher auf einer Farm zu Hause war als in einem Büro, trotz des maßgeschneiderten Anzugs und des Seidenhemds.

Seidenhemd … Die Spuren ihrer Tränen waren auf dem inzwischen getrockneten Stoff deutlich zu erkennen. Darcy bezweifelte, dass die Blutflecken in der chemischen Reinigung herausgehen würden. Sie war erleichtert, als der Lift im Erdgeschoss hielt. Ihr war das Schweigen zwischen ihnen unangenehm gewesen, gelinde gesagt. “Danke.” Sie streckte die Hand aus, um ihm den Korb abzunehmen.

Logan McKenzie stellte sich so hin, dass sich die Türen nicht schlossen, und blickte Darcy stirnrunzelnd an. “Wohin wollen Sie?”

“Ins Kellergeschoss. Ich habe den Lieferwagen dort unten geparkt.”

“In dem Fall …” Logan McKenzie kam zurück in die Kabine und drückte den Knopf “Kellergeschoss”.

“Das ist wirklich nicht nötig”, wiederholte Darcy. Dass ihr der Besitzer dieses weltberühmten Unternehmens half, machte sie total nervös.

“Natürlich ist es nötig”, erwiderte er grimmig. “Ein kleines Ding wie Sie sollte nicht so schwer tragen. Haben Sie auch die Vorbereitungen für das Mittagessen heute allein getroffen?”, sprach er energisch weiter, ohne zu beachten, dass sie gerade dagegen hatte protestieren wollen, ein “kleines Ding” genannt zu werden.

“Ja.” Darcy wechselte den Korb in die andere Hand. “Wir sind heute knapp an Personal, verstehen Sie, und deshalb …”

“Nein, verstehe ich nicht”, unterbrach Logan sie kurz angebunden. Sie waren inzwischen im Kellergeschoss angekommen, das als Garage für die Büroangestellten von “McKenzie Industries” diente. “Man hätte nicht von Ihnen verlangen dürfen, die Arbeit ganz allein zu erledigen. Und das werde ich Daniel Simon bei der ersten Gelegenheit sagen”, erklärte er grimmig.

“Tun Sie das nicht!” Darcy wurde rot vor Verlegenheit. “Ich habe es doch gut geschafft. Mit dem Essen waren Sie zufrieden, stimmt's?”, drängte sie.

“Ja …”, erwiderte er zögernd.

“Dann gibt es kein Problem, richtig?”

Er sah sie nachdenklich an. “Wissen Sie, Darcy, vielleicht würden Sie Daniel Simon weniger einschüchternd finden, wenn Sie nicht so beflissen wären.”

Das gedämpfte Licht in der Garage machte es unmöglich, Logan McKenzies Gesichtsausdruck zu deuten. Was ein Jammer war, denn Darcy hatte keine Ahnung, wovon er redete! “Es war nur ein Mittagessen.” Sie hatte die Körbe in den Lieferwagen gestellt und hielt die Schlüssel in der Hand.

“Ich habe nicht ausdrücklich auf das Mittagessen angespielt”, sagte er gereizt.

Was meinte er dann? Zugegeben, am Schluss hätte sie ein bisschen distanzierter sein können – viel distanzierter! –, aber vor ihrem tränenreichen Gefühlsausbruch war mit dem Mittagessen für Logan McKenzie und seine Gäste wirklich alles in Ordnung gewesen.

Er blickte sie finster an. “Ich geben Ihnen nur einen Ratschlag vom männlichen Standpunkt aus. Ob Sie ihn annehmen oder nicht, ist Ihre Sache.”

“Ich … Danke.” Darcy hatte keine Ahnung, was für einen Ratschlag er ihr gerade gegeben hatte! Beflissen zu sein hatte nichts damit zu tun. Ja, sie war wütend und durcheinander, aber es wäre ungezogen gewesen, nicht auszuhelfen, wenn sie zu wenig Personal hatten. Geschäft ist Geschäft, dachte sie ein bisschen verbittert.

Logan McKenzie nickte, drehte sich um und ging zurück zum Aufzug. Als sich die Türen schlossen, machte er noch immer ein grimmiges Gesicht.

Was für ein seltsamer Mann. Darcy stieg in den Lieferwagen und fuhr aus der Garage. In der einen Minute war er freundlich, in der nächsten ungeduldig, dann gab er ihr einen väterlichen Rat … Jedenfalls nahm sie an, dass es so etwas gewesen war, auch wenn sie in ihm bestimmt keine Vaterfigur sehen konnte!

Oh, na schön, sagte sich Darcy, während sie selbstsicher durch den Londoner Verkehr fuhr. Logan McKenzie war im Moment das Geringste ihrer Probleme. Sie runzelte die Stirn, als sie an ihr größtes Problem dachte.

Daniel Simon. Er hatte ihr an diesem Morgen gelassen mitgeteilt, dass er eine Frau heiraten wollte, die er erst vor drei Wochen kennengelernt hatte!

2. KAPITEL

“Das ist gerade gebracht worden”, sagte Karen zu Logan und legte ein Paket auf den Schreibtisch. Sein Name und die Firmenadresse waren in Druckbuchstaben mit schwarzer Tinte auf das braune Packpapier geschrieben worden.

Logan sah stirnrunzelnd auf. Er war mit den Gedanken noch bei dem Vertrag, den er gerade gelesen hatte. Die Juristensprache wurde jeden Tag komplizierter. Natürlich konnte er diese Dinge seinen Anwälten überlassen, aber er würde gern die Meinung seines Cousins Fergus dazu hören, bevor er unterschrieb. Von der Haushälterin seines Cousins hatte er jedoch erfahren, dass Fergus nach Schottland geflogen war, zu seinem und Logans Großvater mütterlicherseits. Zweifellos hatte Hugh McDonald gute Gründe, die Dienste des Familienanwalts in Anspruch zu nehmen, aber im Moment hatte Logan wenig übrig für diese Gründe.

Er legte den goldenen Kugelschreiber hin, mit dem er sich Notizen gemacht hatte, und fuhr sich müde übers Gesicht. Der vergangene Abend, den er mit der schönen Andrea von der Dinnerparty am Samstag verbracht hatte, war nicht der Erfolg gewesen, den er sich erhofft hatte. Schon nach einer halben Stunde hatte er festgestellt, dass sie kicherte wie ein Schulmädchen, pausenlos redete – hauptsächlich über ihre Karriere als Model –, wegen ihrer Figur fast nichts aß und aus demselben Grund noch weniger trank.

Logan war der Abend endlos lange vorgekommen, und er hatte erleichtert geseufzt, als er Andrea kurz vor Mitternacht endlich vor ihrer Wohnung abgesetzt hatte. Ohne zu fragen, ob sie sich wiedersehen könnten!

Jetzt warf er einen gleichgültigen Blick auf das Paket, das Karen auf den Schreibtisch gelegt hatte. “Was ist es denn?”

“Keine Ahnung”, erwiderte seine tüchtige Sekretärin. “Ich habe das Paket nicht geöffnet, weil 'streng vertraulich' draufsteht.”

Logan verzog den Mund, während er sich das Paket genauer ansah. “Haben Sie es überprüft? Vielleicht ist es eine Bombe. Oder Schlimmeres”, sagte er trocken. Selbst nach zwei Wochen klang ihm Glorias Drohung: “Das wirst du bereuen!”, noch in den Ohren.

Karen lächelte spöttisch.

Natürlich wusste sie, dass Miss Grangers Anrufe vor zwei Wochen aufgehört hatten. Und sein Unbehagen ließ sie offensichtlich völlig kalt. Das ist nicht erstaunlich, dachte Logan trübselig.

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