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Dein Herz vergisst nicht

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. PROLOG
  9. EINS Jemma
  10. ZWEI Braxton
  11. DREI Braxton
  12. VIER Braxton
  13. FÜNF Braxton
  14. SECHS Braxton
  15. SIEBEN Braxton
  16. ACHT Jemma
    1. Erster Brief
  17. NEUN Braxton
  18. ZEHN Braxton
    1. Zweiter Brief
  19. ELF Braxton
  20. ZWÖLF Jemma
  21. DREIZEHN Jemma
    1. Dritter Brief
  22. VIERZEHN Jemma
  23. FÜNFZEHN Braxton
  24. SECHZEHN Jemma
    1. Vierter Brief
  25. SIEBZEHN Braxton
    1. Fünfter Brief
  26. ACHTZEHN Braxton
  27. NEUNZEHN Jemma
    1. Sechster Brief
  28. ZWANZIG Braxton
  29. EINUNDZWANZIG Jemma
    1. Siebter Brief
  30. ZWEIUNDZWANZIG Jemma
    1. Achter Brief
  31. DREIUNDZWANZIG Braxton
  32. VIERUNDZWANZIG Jemma
    1. Neunter Brief
  33. FÜNFUNDZWANZIG Braxton
    1. Zehnter Brief
  34. SECHSUNDZWANZIG Braxton
  35. SIEBENUNDZWANZIG Jemma
    1. Elfter Brief
  36. ACHTUNDZWANZIG Braxton
    1. Zwölfter Brief
  37. NEUNUNDZWANZIG Jemma
  38. DREISSIG Braxton
    1. Dreizehnter Brief
  39. EINUNDDREISSIG Braxton
  40. ZWEIUNDDREISSIG Jemma
    1. Vierzehnter Brief
  41. DREIUNDDREISSIG Braxton
    1. Fünfzehnter Brief
  42. VIERUNDDREISSIG Jemma
    1. Sechzehnter Brief
  43. FÜNFUNDDREISSIG Braxton
    1. Siebzehnter Brief
  44. SECHSUNDDREISSIG Jemma
    1. Achtzehnter Brief
  45. SIEBENUNDDREISSIG Jemma
    1. Neunzehnter Brief
  46. EPILOG Braxton

Über das Buch

Jemma und Braxton gehören zusammen. Sie sind Sandkastenfreunde, Seelenverwandte und seit Kurzem Mann und Frau. Doch ein schrecklicher Autounfall zerstört ihr Glück. Als Jemma aus dem Koma erwacht, erkennt sie die Menschen um sich herum nicht wieder. Nicht einmal Braxton. Verzweifelt beginnt er, ihr Briefe zu schreiben und von der wunderbaren Liebe zu erzählen, die sie einst verbunden hat …

Über die Autorin

Jodi Perry wurde 1972 in Sydney geboren, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Ihren ersten Roman schrieb sie 2013 für ihre Schwester, er war nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Doch Familie und Freunde ermunterten sie, ihren Traum wahr zu machen und Schriftstellerin zu werden. Seitdem hat sie unter dem Namen J. L. Perry zahlreiche Liebesromane veröffentlicht – und das mit großem Erfolg: Mehrere ihrer Titel standen auf der amerikanischen Bestsellerliste. Dein Herz vergisst nicht ist ihr Debüt unter dem Namen Jodi Perry und ihr erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde.

JODI PERRY

Dein Herz vergisst nicht

Roman

Aus dem australischen Englisch
von Kerstin Ostendorf

Dieses Buch ist Rebecca Saunders gewidmet.
Danke, dass du das Risiko mit mir eingehst.

Wenn du jemanden liebst, dann lass ihn frei.
Kommt er zu dir zurück, dann ist er dein;
Wenn nicht, dann ist er es nie gewesen.

RICHARD BACH

Neunzehn. Diese Zahl hat irgendwas an sich. Sie hat uns nicht nur zusammengebracht und für immer miteinander verbunden, sondern auch dazu beigetragen, uns wieder auseinanderzureißen.

Der neunzehnte Januar 1996. Ich werde ihn nie vergessen. Das war der Tag, an dem wir uns kennengelernt haben. Ich war sieben, und sie war sechs. Es war der Tag, an dem sie nebenan einzog und an dem ich mich zum ersten Mal in ein Mädchen verknallt habe.

Genau neunzehn Jahre später wurden all meine Träume wahr, als ich sie zur Frau nahm. Sie war die Liebe meines Lebens. Meine Seelenverwandte. Mein Ein und Alles. Der Grund dafür, dass ich mich jeden Morgen darauf freute aufzuwachen.

Dann geschah die Tragödie. Neunzehn Tage nach unserer Hochzeit hatte sie einen Unfall, der unsere Leben für immer veränderte. Als sie aus dem Koma erwachte, erinnerte sie sich nicht an mich, an uns, an die Liebe, die wir geteilt hatten.

Ich war am Boden zerstört. Sie war meine Luft, und ohne sie konnte ich nicht atmen.

Der Funke, der ihre Augen erfüllt hatte, wenn sie mich ansah, war erloschen. Für sie war ich nun ein Fremder. Ich hatte nicht nur meine Frau verloren, ich hatte auch meine beste Freundin verloren.

Aber ich weigerte mich, diese Tragödie als unser Ende zu akzeptieren. Stattdessen fing ich an, ihr Briefe zu schreiben, Geschichten aus unserem Leben. Wie wir uns kennengelernt haben. Über die glücklicheren Zeiten und alles, was wir zusammen erlebt haben.

Was wir hatten, ist viel zu schön, um vergessen zu werden.

Dies ist unsere Geschichte …

EINS

Jemma

Es ist ein nasser und trostloser Morgen – das ist das Erste, was ich höre, als das Radio anspringt und mich darauf aufmerksam macht, dass es an der Zeit ist aufzustehen.

Trostlos trifft es nicht mal ansatzweise. Der Gedanke, nicht mehr jede Minute des Tages mit meinem hinreißenden Ehemann verbringen zu können, hat meinem Tag schon jetzt einen Dämpfer verpasst. Ich kann nicht glauben, dass unser gemeinsamer Urlaub schon zu Ende ist. Ich möchte heute Morgen nicht wieder zur Arbeit gehen und die kleine Blase verlassen, in der Braxton und ich in den letzten vier Wochen gelebt haben.

Bis zu unserer Hochzeit waren wir vollkommen mit unseren Karrieren, dem Bau unseres Traumhauses und der Organisation unserer Feier beschäftigt. Es war so viel, dass wir kaum noch Zeit füreinander hatten. Die Zweisamkeit, die wir genießen, seit wir uns das Jawort gegeben haben, ist genau das, was wir brauchten.

»Guten Morgen, Mrs Spencer.«

Er dreht sich auf die Seite und zieht mich näher an seinen warmen, herrlichen Körper. Vor genau neunzehn Tagen haben wir uns das Eheversprechen gegeben, und ich habe immer noch das Gefühl zu schweben.

»Morgen, Mr Spencer.« Ich lehne meine Stirn an seine. »Ich will noch nicht zur Arbeit gehen. Ich halte den Gedanken nicht aus, den ganzen Tag ohne dich zu verbringen.«

Er lacht leise und knabbert an meinem Schmollmund. »Mir geht es ganz genauso. Unser Urlaub ist viel zu schnell vergangen. Wir hätten uns zwei Monate freinehmen sollen statt nur einen.«

Obwohl er in den letzten neunzehn Jahren eine Konstante in meinen Leben war, verfalle ich immer noch in einen Rausch, wenn ich an unsere gemeinsame Zukunft denke.

Ich habe Braxton kennengelernt, als meine Eltern und ich ins Haus neben seinem gezogen sind. Wir waren noch Kinder, aber seitdem sind wir unzertrennlich. Er ist mein Ein und Alles. Das war er schon immer, und das wird er immer bleiben. Er ist nicht nur die Liebe meines Lebens, er ist auch mein bester Freund, mein Seelenverwandter, mein Mann fürs Leben.

Mit seinem Filmstar-Aussehen ist er ein echter Traummann. Ich fahre mit den Fingern durch sein sandblondes Haar, während mein Blick über das perfekt geformte Gesicht wandert, die großen blauen Augen, umgeben von sonnengebräunter Haut. Sein Lächeln lässt mir die Knie weich werden. Der Schneidezahn ist ein kleines bisschen nach innen gebogen, aber das tut seinem strahlenden Colgate-Lächeln keinen Abbruch.

Als er merkt, dass ich ihn anstarre, breitet sich auf seinem Gesicht das sexy Grinsen aus, das ich so liebe. Es betont das niedliche Grübchen in seiner linken Wange. Bis heute schafft er es immer noch, mich dahinschmelzen zu lassen, aber seine innere Schönheit berührt mich dabei am meisten.

»Ich könnte mich natürlich auch krankmelden«, sage ich und werde schon munterer, obwohl ich weiß, dass es in Wirklichkeit nicht möglich ist. Heute kommt schon früh ein Kunde zu mir, und ich muss mich noch vorbereiten.

»Wenn ich heute Vormittag nicht dieses verfluchte Meeting hätte, wäre ich dabei«, antwortet Braxton lächelnd.

»Ich werde dich vermissen.«

»Ich dich auch, Jem. Die letzten vier Wochen waren für mich der Himmel.«

Ich seufze. »Ich würde alles dafür geben, jetzt wieder auf Kauai zu sein.«

Meine Finger wandern durch seine Haare und über sein Gesicht, während ich spreche. Der Strand war schon immer unser Lieblingsort. Deswegen haben wir unser Traumhaus mit Blick aufs Meer gebaut. Das beruhigende Geräusch der Wellen, die gegen den Strand schlagen, während ich abends in den Schlaf sinke, und der süße Geruch der Seeluft, wenn ich morgens aufwache … das ist bereinigend. Es ist auch einer der Gründe, weswegen wir uns für Hawaii entschieden haben – eine wunderschöne Villa am majestätischen Tunnels Beach –, um dort die ersten zwei Wochen unseres Ehelebens zu verbringen.

»Ich auch.« Er sieht mich sehnsüchtig an. »Wir fahren über Weihnachten noch mal hin, versprochen.«

»Das wäre schön.« Meine Fingerspitzen tänzeln über sein Schlüsselbein, bevor sie sich über seine Schulter bewegen. Als ich sie seinen starken Rücken hinuntergleiten lasse, stöhnt er.

Ich seufze erneut, als ich daran denke, dass Weihnachten erst in zehn Monaten ist, aber andererseits haben wir ja noch den Rest unseres Lebens, um solche Momente zu erleben wie auf Hawaii.

Ich entknote unsere Beine und halte kurz inne. Ich möchte nicht gehen. Langsam atme ich aus. »Ich sollte jetzt wohl besser duschen.«

»Möchtest du dabei Gesellschaft?«

Er streckt die Hand nach mir aus, dreht sich auf den Rücken und zieht mich mit sich. Ich lache, als er mit den Augenbrauen wackelt. Dann setze ich mich auf ihn, bevor ich seinen Mund mit meinem bedecke. Die Dusche kann warten. Viel wichtiger ist jetzt, meinen Mann zu lieben.

Ich rutsche nach vorne und richte mich gerade auf. Seine starken Hände umfassen meine Hüfte, und wir stöhnen gleichzeitig, als ich auf ihn sinke.

Langsam bewege ich meinen Körper auf seinem. Unsere Blicke treffen sich. »Ich liebe dich, Brax.«

»Ich liebe dich auch, Jem. So sehr.«

Er nimmt meine Hände und verschränkt seine Finger mit meinen. Wir hatten immer eine starke Verbindung, aber wenn wir so verbunden sind wie jetzt, werden wir eins. Ich werde nie genug von den Gefühlen bekommen, die er in mir erweckt.

Manchmal fühle ich mich schuldig, weil wir zusammen so perfekt sind. Keiner unserer Freunde hat so eine Beziehung wie Braxton und ich. Was wir haben, ist unzerstörbar. Manchmal überwältigen mich meine Gefühle für ihn. Ich bin mir nicht sicher, wie wir ohneeinander überleben würden.

*

Als ich meinem Make-up noch rasch den letzten Schliff gebe, erhasche ich einen Blick auf Braxton im Spiegel. Er lehnt sich an den Türrahmen und beobachtet mich dabei, wie ich mich fertig mache. Er trägt eine graue Jogginghose, die ihm tief auf den Hüften hängt, und kein Shirt. Mein Puls beschleunigt sich, während mein Blick über seine nackte Brust wandert, über jeden Muskel, der seinen Oberkörper definiert – vom perfekten V über dem Hosenbund bis zum Waschbrettbauch. Eine meiner Lieblingsbeschäftigungen ist es, ihm beim Trainieren in dem kleinen Fitnessraum zuzuschauen, den er sich in der Garage eingerichtet hat. Ich glaube nicht, dass ihm überhaupt bewusst ist, wie sexy er ist. Er hat schon früher nie bemerkt, wie all die Mädchen für ihn geschwärmt haben. Ich hingegen schon.

Unsere Blicke treffen sich, und der bewundernde Ausdruck in seinen Augen bringt die Schmetterlinge in meinem Bauch zum Flattern. Die Liebe, die ich für diesen Mann empfinde, strömt durch jede Faser meines Körpers. Das ist reine Euphorie.

»Wie lange stehst du schon da?«, frage ich, während sich meine Mundwinkel zu einem Lächeln heben.

»Ich bewundere bloß meine wunderschöne Frau.« Ich liebe es, wenn er mich seine Frau nennt.

Er stößt sich vom Türrahmen ab und pirscht sich an mich heran. Seine Arme legen sich um meine Taille, und er zieht mich an sich. Ein leises Stöhnen entfährt mir, als seine Lippen sich einen Weg über meinen Nacken bahnen. Ich lege den Kopf zur Seite, damit er besseren Zugang hat.

»Ich bin jetzt schon spät dran«, hauche ich.

»Ich wünschte, du müsstest nicht gehen.« Sein warmer Atem auf meiner Haut verursacht mir Gänsehaut.

»Ich auch.«

»Die nächsten acht Stunden werden sich wie eine Ewigkeit anfühlen.«

Ich seufze zustimmend. »Ich weiß.«

Seine Zunge gleitet über die empfindliche Stelle hinter meinem Ohr und schickt mir Schauer über den Rücken. Das hat er mit Absicht getan. »Nimm dir für heute Abend nichts vor, ich möchte dich zum Essen ausführen.«

»Du führst mich aus? Wohin?«

»Ins Sea Shanty.« Er stöhnt, als er an meinem Ohrläppchen saugt.

»Gibt es dafür einen besonderen Anlass?«

»Unser Jubiläum.«

Ich reiße die Augen auf, und im Spiegel schauen wir uns an. »Unser was?« Meine Gedanken rasen. Welches Jubiläum?

Er dreht mich in seinen Armen, damit ich ihn direkt ansehe, und zieht eine kleine schwarze Schachtel aus der Hosentasche. »Das hättest du eigentlich heute Abend bekommen sollen, aber ich möchte, dass du es jetzt schon hast. Alles Liebe zum neunzehnten Jubiläum, Süße.«

Meine Hände zittern leicht, als ich ihm die Schachtel abnehme. Jetzt fällt mir auf, dass wir heute seit neunzehn Tagen verheiratet sind, und ich lächele breit. Die Zahl Neunzehn hatte schon immer eine besondere Bedeutung für uns.

Mir kommen Freudentränen, als ich den Deckel öffne. In der Schachtel liegt eine Kette aus Weißgold mit einem diamantenbesetzten Anhänger, auf dem die Zahl Neunzehn abgebildet ist.

»Oh, Braxton, sie ist wunderschön … Ich liebe dich.«

Er lächelt und streicht mir eine Haarsträhne hinters Ohr. »Ich kann es nicht erwarten, den Rest meines Lebens mit dir zu verbringen, Jem.«

»Gleichfalls.«

Ein Kloß formt sich in meiner Kehle, und ich muss die Tränen zurückhalten. Mit der Hand fächere ich mir Luft zu. Ich habe keine Zeit, mein Make-up zu erneuern.

Er nimmt mir die Schachtel aus der Hand und holt die Kette heraus. »Dreh dich um, und halt die Haare hoch.« Ich komme seinem Wunsch nach und halte meine langen braunen Haare auf dem Kopf fest, damit er die Kette schließen kann. »Perfekt«, sagt er und gibt mir einen sanften Kuss auf die Haut am unteren Nacken.

Meine Fingerspitzen tasten nach dem Anhänger, während ich ihn im Spiegel bewundere. »Danke … Ich werde gut darauf achtgeben.«

Er schlingt mir wieder die Arme um die Taille, legt sein Kinn auf meine Schulter und sieht mich durch den Spiegel an. »Weißt du, ich habe nachgedacht …«

»Das könnte gefährlich werden.«

Ich lache, als er mich in die Seite knufft.

»Ich möchte, dass du die Pille absetzt.«

Ich fühle, wie sich mein Herzschlag beschleunigt, und drehe mich zu ihm um. »Wirklich?«

»Ja. Es ist Zeit, es noch mal zu versuchen, Jem. Ich möchte unser Baby in dir wachsen sehen.«

Mit dem Finger wische ich mir über die Wange, um eine Träne aufzuhalten. »Ich möchte das auch, aber was ist mit meinem Job? Wir haben gerade einen zweiten Kredit aufgenommen, um das Haus zu bauen … wir brauchen das Geld.«

Braxton atmet aus, bevor er weiterspricht. »Ich weiß, wie viel dir deine Karriere bedeutet, aber du investierst so viel für Andrew, diesen Mistkerl. Wir wissen beide, dass er dich nicht zu schätzen weiß. Warum denkst du nicht mal darüber nach, dich selbstständig zu machen und von zu Hause aus zu arbeiten? So könntest du dich um unseren Sohn kümmern und gleichzeitig noch immer das tun, was du so liebst.«

»Oder unsere Tochter«, sage ich lächelnd.

»Solange unser Baby gesund ist, ist mir das Geschlecht egal.«

Ich senke den Kopf, als Erinnerungen an diesen einen Tag in mir hochkommen. Ich möchte das so sehr, aber ich habe Angst.

»Können wir beim Abendessen weiter darüber reden? Andrew wird mich zusammenstauchen, wenn ich nicht bald im Büro auftauche.«

»Das sollte er lieber nicht wagen!«

Mit dem Finger fahre ich über Braxtons gerunzelte Stirn und versuche, sie glatt zu streichen. Ich mag seinen Beschützerinstinkt. Er hasst es, wie mein Boss mich behandelt, dennoch würde er sich nie einmischen, weil er weiß, wie sehr ich meine Arbeit als Innenarchitektin liebe.

Bis ich fahrbereit bin, ist der Regen etwas schwächer geworden, aber Braxton besteht trotzdem darauf, mich mit dem Schirm zum Auto zu bringen, damit ich nicht nass werde.

»Tschüss«, sage ich widerwillig, als wir an meinem Auto ankommen.

»Lass dich nicht länger von Andrew festhalten als nötig.«

»Mach ich nicht«, sage ich und lege meine Lippen auf seine. »Viel Glück bei deinem Meeting. Sie werden den neuen Entwurf lieben.«

»Ich hoffe es.« Er öffnet die Fahrertür und hält den Regenschirm näher ans Auto, um mich vor dem Regen zu schützen. »Fahr vorsichtig, die Straßen sind bestimmt rutschig.«

»Mach ich. Hör auf, dir Sorgen zu machen.«

»Ich werde mir immer Sorgen machen, wenn es um dich geht, Jem. Es ist meine Aufgabe, auf dich achtzugeben.«

Ich lächele zu ihm hoch, als ich sitze. »Ich liebe es, wie sehr du mich liebst.«

»Das wird sich nie ändern.« Er zwinkert mir zu und schließt dann die Tür.

Mein Herz fühlt sich schwer an, als ich ihm noch einen Kuss zuwerfe und rückwärts aus der Einfahrt fahre … Ich vermisse ihn jetzt schon.

*

Auf dem Weg zu Arbeit fahre ich vorsichtig, aber dennoch schneller als sonst. Ich weiß, dass ich das nicht tun sollte, da die Straßen vom vielen Regen rutschig sind, aber der Gedanke an all die Arbeit, die sich während eines Monats Urlaub angestaut haben muss, verursacht mir Bauchschmerzen. Allein die Vorstellung, Andrew an diesem Morgen in einer seiner Stimmungen anzutreffen, lässt rasend schnell die Ruhe verschwinden, die ich gefühlt habe, während ich weit weg von ihm war. Braxtons Idee, mich selbstständig zu machen, gefällt mir immer besser.

Ich lächele vor mich hin, als mir seine Worte noch einmal durch den Kopf gehen. Mit der Hand streiche ich mir sanft über den Bauch. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als wieder ein Baby von ihm in meinem Bauch heranwachsen zu fühlen.

»Scheiße«, murmele ich, als der Himmel wieder seine Schleusen öffnet. Ich stelle die Scheibenwischer auf die höchste Stufe, aber trotzdem sehe ich kaum etwas. Nicht mal den Wagen direkt vor mir kann ich richtig erkennen. Als mein Handy klingelt, schrecke ich auf. Mit der rechten Hand umklammere ich das Lenkrad, während ich mich über den Beifahrersitz beuge und mit der linken blind in meiner Tasche wühle, um das Handy zu finden.

Ich weiß genau, dass es Andrew ist, der sich fragt, wo ich bleibe. Ich hätte vor fünfzehn Minuten da sein sollen. Meine Brust verengt sich bei dem Gedanken daran.

Für den Bruchteil einer Sekunde schaue ich von der Straße auf den Bildschirm. Ich hatte recht, es ist Andrew. Als ich versuche, den Anruf anzunehmen, ertönt ein wütendes Hupen und das Kreischen von Bremsen. Mein Kopf knallt auf die linke Schulter, als mein Körper brutal zur Seite geschleudert wird. Das abscheuliche Knirschen von Metall ist ohrenbetäubend.

Bilder von Braxton und unserem gemeinsamen Leben flattern vor meinem inneren Auge vorbei. Ich habe das Gefühl, dass meine rechte Körperseite zerquetscht wird. Mein Kopf schlägt gegen das Fahrerfenster, und das Geräusch von splitterndem Glas tönt mir in den Ohren.

Oh Gott. Ich will nicht sterben.

»Braxton … Braaaax«, schreie ich. Dann wird die Welt um mich herum still, und ich gebe der Dunkelheit nach.

ZWEI

Braxton

Ich trinke einen Schluck starken schwarzen Kaffee und starre aus den bodentiefen Fenstern, die unsere Hausrückseite zieren. Ich trinke aus meiner Lieblingstasse. Jem hat sie mir an unserem ersten offiziellen Valentinstag vor acht Jahren gekauft. Die Beschriftung auf der Vorderseite bringt mich immer noch zum Lächeln. Du bist niedlich, kann ich dich behalten?

Das Innere der Tasse ist inzwischen fleckig von dem ganzen Kaffee, den ich daraus getrunken habe, und das Herz auf der Vorderseite ist zum Teil verblasst, aber ich liebe diese Tasse und alles, wofür sie steht. Allerdings nicht halb so sehr, wie ich meine Frau liebe.

Das Meer ist weniger als vierzig Meter von der Stelle entfernt, an der ich stehe, aber es schüttet so, dass ich es dennoch nicht sehen kann. Ein ungutes Gefühl befällt mich, und ich habe keine Ahnung weshalb. Ich bin nicht besorgt wegen des anstehenden Meetings, ich bin sogar zuversichtlich, dass wir den Deal so gut wie in der Tasche haben. Trotzdem, irgendetwas fühlt sich falsch an.

Vielleicht ist es der Gedanke, dass Jemma bei diesem Wetter unterwegs ist, der mir nicht gefällt. Ich weiß, sie fühlt sich manchmal von mir erdrückt, aber das liegt nur daran, dass ich sie liebe. Noch nie habe ich irgendjemanden oder irgendetwas so sehr geliebt wie sie. Sie ist wie ein fehlender Teil meiner eigenen Seele.

Ich nehme das Handy aus der Tasche, suche in den Kontakten nach ihrer Nummer. Bei dem Regen hatte sie sicher einigen Verkehr auf dem Weg zur Arbeit, aber trotzdem müsste sie jetzt angekommen sein.

Als ihre Mailbox anspringt, bin ich nicht besorgt. Ihr Boss ist ein aufgeblasenes Arschloch, also hat sie vermutlich das Handy ausgestellt, um keinen Ärger zu bekommen. So wie er manchmal mit ihr spricht, würde ich ihm am liebsten den Hals umdrehen, aber ich weiß, dass Jem das nicht wollen würde. Sie liebt ihren Job, und ich möchte, dass sie glücklich ist.

Ich schreibe ihr eine Nachricht.

Wollte nur mal hören, ob du gut im Büro angekommen bist. Ist es schlimm, dass ich dich jetzt schon vermisse? Das tue ich nämlich. Kann unser Date heute Abend kaum erwarten. Ich hoffe, du hast einen tollen Tag. Ruf mich an, wenn du kannst.

Es wird mich beruhigen zu hören, dass es ihr gut geht. Ich muss mich nachher vollkommen auf das Meeting konzentrieren können. Dieser Deal bedeutet mir alles, und meinem Geschäftspartner Lucas auch – es ist der Durchbruch, den wir brauchen, um mit unserer Firma einen Schritt weiterzukommen.

Auf den Straßen wird es chaotisch sein, also gehe ich in die Küche und gieße den Rest Kaffee in einen Thermobecher, bevor ich mir meine Aktenmappe und die Pläne für das neue Shoppingzentrum, das wir entworfen haben, aus meinem Arbeitszimmer schnappe. Das ist das erste Mal, dass Lucas und ich von unserem gewöhnlichen Angebot, Wohn- und Bürogebäude zu entwerfen, abweichen. Wenn wir das hier durchziehen, wird es der größte Deal sein, den wir je geschlossen haben, und wir werden mit unserem kleinen Architekturbüro in die oberste Liga katapultiert.

Lucas und ich sind noch jung und haben noch eine große Karriere vor uns, aber das hält uns nicht davon ab, uns nach dem großen Durchbruch zu sehnen. Den haben wir schon immer angestrebt. Vor acht Jahren haben wir uns an der Uni kennengelernt, und es hat sofort zwischen uns gestimmt. Er ist nicht nur mein Geschäftspartner, sondern wie ein Bruder für mich. Unsere Ideen sind innovativ, und wir haben keine Angst davor, Grenzen zu überschreiten. Genau das verschafft uns einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz: Wir sind Visionäre, könnte man sagen. L&B Architectural Designs hat aufregende Zeiten vor sich, das spüre ich im tiefsten Inneren.

Wenn wir den Deal heute dingfest machen, braucht Jemma gar nicht mehr zu arbeiten, wenn sie nicht möchte. Allerdings liebt sie ihre Arbeit. Sie hat ein außergewöhnliches Auge fürs Detail und ist dabei, sich ihren Platz unter den besten Innenarchitekten des Landes zu erkämpfen.

Ist es verrückt, dass sogar unsere Karrieren Hand in Hand gehen? Ich entwerfe beruflich Häuser, und Jemma designt die Innenräume. Das ist nichts, was wir geplant hätten, es ist einfach noch ein Grund, warum wir füreinander geschaffen sind.

Als mein Handy klingelt, nehme ich es aus der Tasche. Ich erwarte, Jemmas Nummer auf dem Bildschirm zu sehen, stattdessen ist es Lucas.

»Hey, Kumpel«, sage ich. »Ich fahre jetzt gleich los.«

»Deswegen rufe ich an. Ich bin vor fünf Minuten losgefahren. Der Verkehr ist furchtbar. Es gab einen Unfall an der Kreuzung Main Street und Riley Street. Es muss etwas ziemlich Ernstes sein, weil die Straßen in beide Richtungen gesperrt sind. Der Verkehr wird komplett umgeleitet.«

Das ungute Gefühl in meinem Magen wird stärker. Das ist der Weg, den Jemma zur Arbeit nimmt. Aber ich bemühe mich, normal zu klingen, als ich antworte.

»Ich fahr sofort los. Hoffentlich kommt einer von uns pünktlich an.«

Ich wähle erneut Jemmas Nummer, erwische aber wieder nur die Mailbox. Dieses Mal hinterlasse ich ihr eine Nachricht: »Jem, ich bin’s. Ruf mich an, sobald du das abhörst. Ich muss wissen, dass es dir gut geht.«

Ich versuche, nicht panisch zu klingen, bin mir aber ziemlich sicher, dabei zu versagen. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, sie zu beschützen, und das wird sich auch nie ändern.

Ich lasse das Handy wieder in die Tasche meiner Anzugjacke gleiten, nehme die Aktenmappe und klemme mir die Rolle mit den Entwürfen unter den Arm. Dann schnappe ich mir den Thermobecher. Letzte Nacht habe ich lange wach gesessen und mir den finalen Entwurf angesehen, um sicherzugehen, dass alles perfekt ist. Ich bin sicher, dass unsere Klienten die Änderungen, die ich seit dem ursprünglichen Entwurf vorgenommen habe, lieben werden.

Ich sehe auf die Uhr, als ich zur Tür gehe. Jemma ist vor einer Stunde und zwanzig Minuten losgefahren. Ich sage mir, dass ich überreagiere, dass sie bestimmt schon sicher bei der Arbeit angekommen ist.

Warum habe ich dann einen solchen Knoten im Magen?

Es nieselt inzwischen nur noch, als ich über den Rasen im Vorgarten laufe. Den Becher stelle ich auf das Autodach und fische dann in meiner Tasche nach dem Schlüssel. Als die Entwürfe und meine Aktenmappe auf dem Rücksitz verstaut sind, nehme ich mir den Kaffee und schließe die Hintertür.

Ich halte inne, als ein Auto hinter mir in die Einfahrt fährt. Es ist nicht irgendein Auto – es ist ein Polizeiwagen. Angst ergreift mich, als Bilder meiner Frau vor meinem geistigen Auge auftauchen, und innerlich drehe ich durch. Mein Verstand sagt mir, dass ich mich beruhigen muss und nicht in Panik verfallen darf, bevor ich Grund dazu habe, aber mein Herz weiß schon, dass mich keine guten Neuigkeiten erwarten.

»Mr Spencer?« Ein Polizist steigt aus dem Wagen und kommt auf mich zu. Er kennt bereits meinen Namen, was mich auch nicht gerade beruhigt. Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, aber es kommt kein Ton heraus. Das Herz schlägt mir hart gegen die Rippen, und ein Teil von mir möchte fliehen, damit ich nicht hören muss, was er sagen wird. Ich hole tief Luft und halte dann den Atem an, als er vor mir steht.

»Sind Sie Braxton Spencer?«

Wieder fehlen mir die Worte, aber diesmal schaffe ich es, zu nicken.

»Ich bin Officer Martin. Es tut mir leid, Ihnen diese Nachricht überbringen zu müssen«, sagt er und legt mir eine Hand auf die Schulter. Ich stoße die angehaltene Luft aus und warte darauf, dass er weiterspricht. »Ihre Frau hatte einen Unfall.«

Ich fühle geradezu, wie mir die Farbe aus dem Gesicht weicht. Meine Beine drohen unter mir nachzugeben. Lucas’ Worte kommen mir in den Sinn. Es muss etwas ziemlich Ernstes sein, weil die Straßen in beide Richtungen gesperrt sind. Der Verkehr wird komplett umgeleitet.

Der Thermobecher fällt mir aus der Hand und schlägt auf dem Boden auf. Entfernt nehme ich das Brennen von heißer Flüssigkeit wahr, die sich in den Stoff meiner Hose saugt. Die Welt um mich herum scheint sich in Zeitlupe zu bewegen. Der Officer hält mich am Arm fest, um mich zu stützen.

»Ist … Ist alles okay mit ihr?« Ich bin nicht sicher, ob ich die Antwort überhaupt hören möchte, aber ich muss es wissen.

»Sie wurde mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus gebracht.«

»Ich muss zu ihr. Sind ihre Verletzungen schlimm? Ist sie … am Leben?« Ich verfalle ins Plappern.

»Das können nur die Ärzte beantworten, Mr Spencer. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ihr Auto seitlich gerammt wurde, nachdem sie ein Stoppschild überfahren hat. Sie musste aus dem Fahrzeug geschnitten werden, aber ja, sie war noch am Leben.«

Ich reibe mir mit zitternden Händen das Gesicht, und mir dreht sich der Magen um. Ich glaube, ich muss mich übergeben.

»Es tut mir leid, Mr Spencer. Das ist der Teil meines Jobs, den ich am meisten hasse. Wenn Sie möchten, bringe ich Sie zu ihr.«

»Bitte.«

Das kann nicht passieren. Vor nicht einmal zwei Stunden habe ich mit meiner Frau geschlafen und mich nicht nur auf unseren gemeinsamen Abend, sondern unsere ganze Zukunft gefreut. Wir wollten eine Familie gründen. Aber jetzt, von einem Augenblick auf den anderen, scheinen jede Hoffnung und jeder Traum, den wir geteilt haben, ungewiss.

Meine Lider schließen sich, als ich den Kopf im Polizeiwagen gegen die Lehne sinken lasse. Ich bete nicht oft, aber genau das tue ich jetzt. Ich würde alles tun, um mein Mädchen zu retten. Alles.

Ich fühle mich wie betäubt.

Bitte, Gott, mach, dass es ihr gut geht. Bitte mach, dass es ihr gut geht.

*

»Braxton«, höre ich, als ich in dem kleinen Raum umhergehe, in den ich nach meiner Ankunft im Krankenhaus gebracht wurde. Ich habe das Gefühl, wahnsinnig zu werden, während ich auf Antworten, auf Neuigkeiten, auf irgendetwas warte. Mein Kopf schnellt hoch, als Jemmas Mutter Christine in den Raum gerast kommt. »Oh, Braxton!« Sie fällt mir schluchzend in die Arme und weint hysterisch an meiner Brust.

Jemma ist ihr einziges Kind. Natürlich ist sie erschüttert, aber ich versuche gerade angestrengt, mich zusammenzureißen, und ihr Verhalten ist dabei überhaupt nicht hilfreich.

Ich erinnere mich nicht mal an die Fahrt ins Krankenhaus. Alles steht in der Schwebe, und ich kann meine Gedanken nicht sortieren. Entfernt erinnere ich mich daran, dass der Officer mich gefragt hat, ob ich jemanden kontaktieren wolle. »Ihre Eltern«, habe ich gemurmelt. Abgesehen von mir sind sie alles, was Jemma hat.

Das Universum kann doch nicht so grausam sein, sie mir zu nehmen, wo unser Leben als Ehepaar gerade erst angefangen hat. Oder?

»Gibt es Neuigkeiten?«, fragt Christine und tritt einen Schritt zurück. »Sie verraten mir nichts.«

»Ich habe noch nichts Neues gehört.« Nachdem die Krankenschwester mich in diesen Raum geführt hat, hat sie gesagt, der Doktor komme bald, um mit mir zu sprechen, aber seitdem habe ich noch nichts gehört. Nicht ein einziges verdammtes Wort.

Mit einem Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass es erst zwanzig Minuten her ist, aber es fühlt sich wie eine Ewigkeit an. In diesem Moment hängt alles, was mir wichtig ist, an einem seidenen Faden.

Minuten später fliegt die Tür erneut auf. Mein Herzschlag beschleunigt sich auf ein ungesundes Level. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin. So dringend ich wissen muss, wie es ihr geht, klammere ich mich gleichzeitig an den Gedanken, dass keine Neuigkeiten gute Neuigkeiten sind.

Erleichterung durchströmt mich, als ich Jemmas Vater Stephen in der Tür stehen sehe. Er wirkt traurig und atemlos.

»Was machst du denn hier?«, blafft Christine mit zusammengekniffenen Augen.

Die beiden hatten mal eine Ehe, die ich beneidet habe, jetzt ertragen sie es nicht mehr, im selben Raum zu sein. Vielmehr erträgt es Christine nicht, im selben Raum wie Stephen zu sein. Auf unserer Hochzeit mussten wir sie an gegenüberliegenden Enden des Raumes platzieren. Jemmas Mutter drohte, nicht zu kommen, wenn sie irgendwo in Stephens Nähe sitzen müsse. Es ist hart zu sehen, was diese Feindseligkeit in Jemma auslöst. Sie liebt ihre Eltern beide und hasst es, in ihre Streitigkeiten hineingezogen zu werden. Es ist lächerlich. Stephen hat Mist gebaut, aber er bereut es. Er ist ein guter Mann, ich habe ihn schon immer gemocht. Ich billige sein Verhalten nicht – er hat einen großen Fehler gemacht –, aber Christine ist auch nicht ganz unschuldig daran, und es ist nicht fair, dass wir alle darunter leiden müssen. Vor allem zu diesem Zeitpunkt. Jetzt müssen wir uns auf Jemma konzentrieren.

»Sie ist auch meine Tochter, Chris. Ich habe ein Recht darauf, hier zu sein.«

»Hm«, schnaubt sie.

Ich gehe zu Jemmas Vater und schüttele ihm die Hand. »Wir haben noch nichts gehört. Hoffentlich kommt gleich der Arzt und kann uns etwas sagen.«

Er neigt den Kopf. »Mein kleines Mädchen … mein Mäuschen«, flüstert er.

Ich muss meine eigenen Tränen zurückkämpfen, während ich ihn anschaue. Sie muss es einfach überstehen. Ein anderes Ergebnis kann ich mir gerade nicht mal vorstellen.

DREI

Braxton

»Ich halte das nicht aus«, murmele ich. Ich drücke die Tür auf und stürme in den Flur, um nach einer Schwester oder einem Arzt zu suchen – irgendjemandem, der mir Antworten geben kann.

Außerdem brauche ich eine Pause von den beiden. Christine ist in einem Stuhl zusammengesunken und weint. Stephen hat versucht sie zu trösten, aber die vernichtenden Blicke, die sie ihm zugeworfen hat, haben dafür gesorgt, dass er sich in eine andere Ecke des Zimmers zurückgezogen hat. Sie leidet – das tun wir alle. Keiner von uns weiß, in welchem Zustand sich Jemma befindet, aber ich weiß, dass sie Liebe und Unterstützung von uns allen brauchen wird. Sie findet es furchtbar, was aus ihrer ehemals eng verbundenen Familie geworden ist, und die ewige Streiterei ihrer Eltern würde sie nur aufregen.

Ich halte direkt auf das Schwesternzimmer zu und zwinge mich zu einem kleinen Lächeln, als die Schwester vom Computerbildschirm vor sich aufsieht. »Hi. Meine Frau, Jemma Spencer, wurde vorhin hierhergebracht. Gibt es neue Informationen über ihren Zustand? Ich wäre wirklich dankbar, wenn Sie mir helfen könnten. Wir warten schon seit fast einer halben Stunde. Bitte sagen Sie mir irgendetwas.«

Sie sieht mich mitleidig an, bevor sie etwas auf der Tastatur tippt. »Sie wird gerade vom Notfallteam untersucht. Ich schau mal, ob jemand zu Ihnen kommen und mit Ihnen sprechen kann.«

Notfallteam. Dieses Wort fühlt sich wie ein Messer in meinem Herzen an. »Kann ich zu ihr?« Sie hat bestimmt Angst, und ich weiß, dass sie mich bei sich haben wollen würde. Und ich muss bei ihr sein.

»Im Moment nicht, Mr Spencer, tut mir leid. Ich schicke gleich jemanden, der Ihnen Auskunft geben kann.«

Verzweifelt will ich die Schwester anschreien und sie zwingen, mich zu Jemma zu bringen. Zum Glück gewinnt die Vernunft die Oberhand. Die Schwester macht nur ihre Arbeit.

»Danke.«

Ich drehe um und kneife mich in die Nase, als ich zurück zu diesem bedrückenden Raum der Folter laufe. Allein bei dem Gedanken, wieder da reinzugehen, fühle ich mich, als würde ich ersticken. Ich halte kurz an und kreise ein paarmal mit den Schultern. Ich fühle mich verloren und völlig allein. Jemma war schon immer mein Fels in der Brandung, wir haben bisher jede Hürde zusammen genommen. Ich sehne mich nach ihrem Trost, was ironisch ist – ich bin nicht derjenige, der einen Autounfall hatte, derjenige, an dem gerade irgendwo in diesem trostlosen Krankenhaus das Notfallteam arbeitet.

Noch hilfloser fühle ich mich, als ich den hoffnungsvollen Blicken von Jemmas Eltern begegne. »Tut mir leid, noch keine Neuigkeiten.«

Christine vergräbt nur das Gesicht in den Händen und weint weiter.

»Warum dauert das so lang?«, fragt Jemmas Vater.

Ich wünschte, ich wüsste es. In meinem Herzen weiß ich, dass ihre Verletzungen ernst sind, aber ich weigere mich, weiter darüber nachzudenken. Ich bin nicht sicher, wie viel ich noch aushalte oder wie lange ich mich noch zusammenreißen kann.

Fünfzehn qualvolle Minuten später kommt endlich ein Arzt in den Raum. Bitte lass es gute Neuigkeiten sein. Ich weiß, dass ich mich an einen Strohhalm klammere, wenn es nicht ernst wäre, wären wir nicht im Krankenhaus.

»Hi. Ich bin Doktor Bolton. Ich leite das Notfallteam, das sich um Mrs Spencer kümmert«, sagt er und sieht uns an.

»Ich bin Braxton Spencer, ihr Ehemann.« Ich schüttele seine Hand. »Wie geht es ihr?«

»Sie hat ernsthafte Verletzungen.« Bei seinen Worten rutscht mir das Herz in die Hose, aber zumindest bedeutet das, dass sie noch lebt. Ich muss mich auf alles Positive konzentrieren, nur so halte ich das hier aus. »Bitte setzen Sie sich doch.«

»Ich bin Stephen Robinson, ihr Vater«, sagt er und schüttelt dem Arzt die Hand. Dann deutet er auf Christine. »Und das ist meine Frau Christine.«

»Ex-Frau«, keift Christine.

Kurz treffen sich unsere Blicke – ich gebe mir keine Mühe, meinen Ärger zu verbergen –, ich schüttele den Kopf und setze mich.

»Tut mir leid, Braxton.« Sie legt die Hand auf mein Bein. »Entschuldige.«

Ich ignoriere sie und richte meine Aufmerksamkeit auf den Arzt. »Wir haben es geschafft, sie zu stabilisieren«, sagt er.

Nervös streiche ich mit den Händen über meine Hose. Das klingt nicht gut, aber in diesem Moment ist es mir ehrlich gesagt egal, in welchem Zustand ich sie zurückbekomme. Ich muss sie nur zurückbekommen.

»Was meinen Sie mit ›stabilisieren‹?«, fragt Stephen. »Wie schlimm sind ihre Verletzungen?«

»Sie sind ernst«, antwortet er. »Seit sie eingeliefert wurde, hat sie das Bewusstsein immer wieder verloren. In ihrem Gehirn scheint es eine Schwellung zu geben, sie hat innere Blutungen, Verletzungen und zahlreiche gebrochene Knochen. Sie wurde betäubt, und wir bringen sie gerade nach unten, um weitere Untersuchungen durchzuführen.«

»Himmel.« Der Hoffnungsschimmer, an den ich mich geklammert habe, seitdem der Officer an meinem Haus angekommen ist, schwindet schnell. »Sie wird durchkommen, oder?«

Er sieht mich mitleidig an. »Es steht auf Messers Schneide. Die nächsten achtundvierzig Stunden sind kritisch, aber ich versichere Ihnen, dass wir unser Möglichstes tun, um Ihre Frau zu retten.«

Ich kann mich zu keiner Antwort durchringen, als die Worte des Doktors bei mir ankommen. Achtundvierzig Stunden? So lange kann ich nicht warten. Die letzten vierzig Minuten haben mich fast umgebracht. Die nackte Panik ergreift mich. Ich darf Jemma nicht verlieren, das geht einfach nicht. Ich reibe mit der Hand über meine verkrampfte Brust. Ohne sie kann ich nicht atmen. Sie ist meine Luft.

Sie muss durchkommen. Sie muss.

*

Eine Stunde vergeht, und wir warten immer noch auf Informationen. Wie lange kann eine Untersuchung dauern? Ich kann mich nicht beruhigen und tigere pausenlos durch den Raum, seit der Arzt ihn verlassen hat. Bald werde ich einen Pfad in den Linoleumboden getreten haben.

Ich werde aus meinen wirbelnden Gedanken gerissen, als mein Handy in der Tasche klingelt. Auf dem Bildschirm sehe ich Andrews Nummer. Wahrscheinlich fragt er sich, warum Jemma noch nicht bei der Arbeit ist. Es sieht ihm nicht ähnlich, mich anzurufen – unser letztes Gespräch war nicht sehr nett. Jemma hatte Feierabend gemacht, und als er irgendetwas im Büro nicht finden konnte, hatte er sie angerufen. Als sie nicht abnahm, hatte er meine Nummer gewählt. Er hatte die Dreistigkeit besessen, mir zu sagen, wenn sie nicht innerhalb der nächsten Stunde wieder im Büro sei, um es zu finden, werde er sie feuern. Er war genauso unverschämt wie immer, und es hat mir große Freude bereitet, ihm endlich meine Meinung zu sagen. Er konnte von Glück reden, dass jemand wie sie für ihn arbeitete, und das wusste er. Das war das erste und letzte Mal, dass er mit mir so über sie gesprochen hat.

Ich habe große Lust, seinen Anruf zu ignorieren, aber ich weiß, dass Jem das nicht wollen würde. »Andrew«, sage ich kurz angebunden, als ich abnehme. Ich möchte ihm keine Gelegenheit geben zu antworten. »Jemma hatte auf dem Weg zur Arbeit einen Autounfall. Sie kommt heute nicht.«

»Ich brauche sie hier«, schnaubt er verärgert, und ich werde wütend.

»Nun, das ist nicht möglich.«

»Kann ich Montag mit ihr rechnen?«

»Nein, am Montag wird sie auch nicht kommen.« Ich möchte einfach auflegen, aber zügle meine Wut Jemma zuliebe. »Es ist ernst. Wir sind im Krankenhaus. Ich weiß nicht, wann sie wiederkommen wird.« Damit beende ich das Gespräch. Mehr Erklärung braucht er nicht.

Als ich das Handy wieder in die Tasche schieben will, klingelt es erneut. Mein Daumen schwebt schon über dem roten Hörerzeichen, weil ich davon ausgehe, dass es wieder Andrew ist, aber dann sehe ich stattdessen Lucas’ Nummer auf dem Display. Mist, unser Meeting.

»Wo zur Hölle bist du?«, schreit er ins Telefon. »Ich versuche seit fast einer Stunde, dich anzurufen. Bitte sag mir nicht, dass du noch im Stau stehst. Ich habe sie so lange hingehalten, wie ich konnte. Wir brauchen die Pläne.«

»Lucas.« Ich bin so froh, seine Stimme zu hören, auch wenn er mich anschreit. Ich brauche etwas von seiner Stärke, weil ich kurz davor bin zusammenzubrechen. Ich gehe durch die Tür auf den Flur. »Es tut mir leid, Kumpel. Ich hätte anrufen sollen … ich hab es vergessen.«

»Mensch, Brax. Du hast es vergessen? Was ist los?«

»Ich bin im Krankenhaus.«

»Was?« Er hält inne. »Warum?«

»Dieser Unfall …« Meine Stimme bricht. »Das war Jemma.«

»Schwachsinn … das kann nicht sein.«

Es wird still in der Leitung, und der Schock, den ich empfunden habe, als ich zum ersten Mal davon erfahren habe, überfällt mich erneut. Es laut auszusprechen macht es zu real, und ich weiß, wie sehr Lucas die Neuigkeit treffen muss. Er verehrt Jemma, und ich bin sein bester Freund. Als wir aufwuchsen, waren es immer nur Jem und ich, und dann bin ich an die Uni gegangen und habe sie zurückgelassen. Das war das erste Mal, dass wir getrennt waren, und es war schwer. Wir haben jeden Tag miteinander telefoniert und uns jedes Wochenende besucht, aber es war nicht dasselbe. Ohne sie tat ich mich schwer. Ich war verloren – und Lucas war für mich da. Jemma war meine andere Hälfte, aber mir war nie klar gewesen, wie sehr ich auch einen männlichen Kumpel, einen besten Freund brauchte, bis ich ihn fand.

»In welchem Krankenhaus bist du? Ich komme sofort.«

Ein kleines Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. In den acht Jahren, in denen wir befreundet sind, hat er mich noch nicht ein Mal im Stich gelassen. »Nein. Beende das Meeting, das ist wichtig. Du kannst hier nichts tun. Wir warten noch immer auf Neuigkeiten vom Arzt.«

»Ich kann für dich da sein. Ich weiß, was sie dir bedeutet. Sie ist dein Leben.«

»Das ist sie«, flüstere ich, und mir kommen die Tränen, aber ich weigere mich strikt zu weinen. Ich muss stark für sie sein. »Lucas, ich glaube nicht, dass ich ohne sie überlebe.«

»Halte durch. Jem ist eine Kämpferin. Sie schafft das schon.«

Er hat ja keine Ahnung, wie dringend ich diese Worte hören musste.

»Das hoffe ich so sehr.«

VIER

Braxton

Mich packt die Angst, als ich der Schwester den Flur entlang zur Intensivstation folge. Jemmas Eltern sind dicht hinter mir. Endlich dürfen wir sie sehen, aber nur nacheinander. Ich bin dankbar, dass sie nicht protestiert haben, als ich sagte, dass ich der Erste sein möchte.

Ich versuche, mich auf das Schlimmste gefasst zu machen. Ich bin nicht sicher, was ich vorfinden werde, wenn ich das Zimmer betrete, aber ich weiß, dass es nicht einfach wird. Meine wunderschöne Frau, die sich heute Morgen mit einem Lächeln und einem Kuss von mir verabschiedet hat, wird nicht dieselbe Person sein, die ich jetzt gleich sehen werde.

Als der Doktor endlich zurückkam, um uns über ihren Zustand zu informieren, haben wir erfahren, dass sie aufgrund der Schwellung im Gehirn in ein künstliches Koma versetzt wurde. Ich habe dem Arzt eine Million Fragen gestellt, aber er konnte nicht viel sagen, außer dass die nächsten paar Tage eine Geduldsprobe würden und dass Jemma auf der Intensivstation überwacht werde.

Sie hat schlimme Verletzungen. Der Chirurg hat die offenen Wunden genäht, aber sie können noch nicht operieren, bevor die Schwellung zurückgegangen ist. Sie wird Klammern im rechten Arm und im Bein brauchen sowie eine künstliche Hüfte, weil die Knochen zerschmettert sind. Sosehr ich den Gedanken verabscheue, dass mein Mädchen so verletzt und übel zugerichtet ist – damit können wir umgehen. Sie ist am Leben, und Knochen heilen. Jetzt ist unsere Hauptsorge, dass sie durch die nächsten Tage kommt. Wie der Arzt schon sagte: Sie ist jung, und sie ist stark. Ich weiß, dass sie kämpfen wird. Das muss sie.

Die Schwester hält an und dreht sich zu mir um, als wir an Jemmas Zimmer ankommen. Mein Herz schlägt so schnell, dass ich das Pochen in meinen Ohren hören kann. Mitfühlend lächelt sie mich an. »Das ist das Zimmer Ihrer Frau, Mr Spencer.«

»Danke.«

Ich drehe mich noch mal um und nicke Jemmas Eltern zu. Es gibt keine Worte, die uns jetzt trösten könnten. Christines trauriger Blick trifft meinen, und sie schafft es, sich zu einem Lächeln zu zwingen und mir mit der Hand über den Arm zu streicheln. Das ist die warmherzige und fürsorgliche Frau, die ich mag und vermisse.

»Viel Glück«, sagt sie. »Wir warten hier draußen auf dich, wenn du uns brauchst.«

Ich halte vor der Tür noch einmal kurz an und wappne mich innerlich. Ich schaffe das. Dann zwinge ich mich weiterzugehen, Schritt für Schritt. Ich atme scharf ein, als mein Blick auf Jemma fällt. Meine Knie drohen unter mir nachzugeben, als ich zum Bett gehe. Die Person, die da vor mir liegt, hat nicht einmal Ähnlichkeit mit meiner Frau.

Ich bin nicht sicher, was ich erwartet habe, als ich hier reingekommen bin, aber mit Sicherheit nicht das hier. Die sterilen weißen Laken sind bis unter ihr Kinn hochgezogen, sodass ich nur ihr schlimm zugerichtetes Gesicht sehe. Sie ist an mehrere Maschinen angeschlossen, und ein dicker weißer Schlauch führt in ihren Mund.

Ich stehe da und starre sie ewig lange an, zu verängstigt, um näherzugehen. Es ist ein unwirkliches Gefühl. Die rechte Seite ihres Gesichts und die Stirn sind dick bandagiert. In ihren Haaren entdecke ich getrocknetes Blut, und sofort wende ich den Blick ab. Ich ertrage es nicht. Ihr Gesicht ist so geschwollen. Ich kann nicht mal beschreiben, wie sehr es mich schmerzt, sie so zu sehen.

An der Wand steht ein Stuhl. Ich hole ihn neben Jemmas Bett. Ihre linke Seite ist immer noch perfekt, immer noch sie selbst. Mir kommen die Tränen, als ich ihr vorsichtig mit dem Finger über die linke Gesichtshälfte streichle.

Ich habe mir vorher fest vorgenommen, stark für sie zu bleiben, aber jetzt überfällt mich die Traurigkeit so sehr, dass ich es nicht mehr kann. Ich habe solche Angst. Langsam beuge ich mich vor und lege meine Lippen sanft auf ihre Wange. Jemma ist so leblos, so blass, und ihre Haut fühlt sich an meinen Lippen kühl an. Ich schiebe meine Hand unter die Decke und suche nach ihrer.

Am liebsten möchte ich sie in die Arme nehmen und sie anflehen, gesund zu werden, aber ich habe zu viel Angst, sie anzufassen. Ich möchte sie nicht noch mehr verletzen, als sie eh schon verletzt ist. Mein ganzes Leben lang war ich für sie da und habe sie beschützt, aber das eine Mal, an dem sie mich am meisten gebraucht hätte, war ich nicht da. Mir ist klar, dass ich nichts hätte tun können, um den Unfall zu vermeiden. Keiner hätte ihn voraussehen können, aber das nimmt mir nicht meine Schuldgefühle.

Die Worte des Officers von heute Morgen kommen mir in den Sinn. Ich kann Ihnen nur sagen, dass ihr Auto seitlich gerammt wurde, nachdem sie ein Stoppschild überfahren hat.

»Jem«, flüstere ich an ihrer Haut. »Ich brauch dich, Baby. Verlass mich nicht.« Ich schmecke das Salz meiner Tränen. »Kämpf für uns … kämpf für dich … bitte kämpf

Mein Herz zieht sich zusammen, als ich mein Gesicht eine lange Zeit an ihres halte. Selbst die leichteste Berührung gibt mir Stärke, und ich kann nur hoffen, dass es ihr genauso geht.

Ich schrecke auf, als sich eine Hand auf meine Schulter legt. Da merke ich, dass die Schwester neben mir steht. »Mrs Spencers Eltern würden jetzt gerne reinkommen und ihre Tochter sehen.«

»Okay.« Ich lehne mich im Stuhl zurück und wische mir die Tränen aus dem Gesicht.

»Sie können wieder reinkommen, wenn die beiden sie gesehen haben.«

Ich warte, bis sie den Raum verlassen hat, dann beuge ich mich noch einmal vor. »Deine Eltern sind hier und möchten dich sehen«, flüstere ich. »Ich warte draußen. Ich gehe nirgendwohin.« Erneut streife ich ihre Wange mit meinen Lippen, dann stehe ich auf. »Ich liebe dich.«

Ich habe das Gefühl, dass mein Herz in Scherben liegt, als ich den Raum verlasse. In der Tür komme ich an Christine vorbei. Sie will nach meinem Arm greifen, aber ich streife ihre Hand ab.

»Wie geht es ihr?«, fragt sie. Als Antwort schüttele ich den Kopf. Ich fühle mich taub, habe keine Worte dafür, wie es ihr geht. Christine wird es sofort selbst sehen.

Stephen klopft mir auf den Rücken, als er an mir vorbeigeht. Ich weiß, dass sein düsterer Gesichtsausdruck sich in meinem spiegelt. Mir tut es leid, was sie jetzt gleich sehen werden. Jemma war immer ihr kleines Mädchen. Es wird nicht leicht für sie sein, sie in diesem Zustand zu sehen.

»Braxton.« Ich werfe einen Blick über die Schulter zurück, während ich zu der Stuhlreihe an der Wand gehe. Lucas. Keiner von uns sagt etwas, als er vor mir stehen bleibt und mich fest umarmt. So hat er mich noch nie umarmt, aber ich bin zu dankbar, um verlegen zu werden. Ich brauche etwas, irgendetwas, was mich zusammenhält. »Sie wird es schaffen, Kumpel.«

Ich bin so froh, dass er da ist.

*

Mein Handy vibriert in der Tasche, und ich hole es heraus. Es ist eine Nachricht von Jemmas Freundin Rachel. Sie ist auf dem Weg hierher aus New York.

»Geh doch für ein paar Stunden nach Hause und ruh dich aus«, sagt Stephen und legt mir die Hand auf die Schulter. »Du siehst schrecklich aus.«

»Oh, na danke.«

Seit dem Unfall sind drei Tage vergangen, und ich bin meiner Frau nicht von der Seite gewichen. Ich gehe nach Hause, wenn ich sie mitnehmen kann, vorher nicht. Obwohl es offenbar gegen die Krankenhausregeln verstößt, hat mich die Schwester heute duschen lassen. Dadurch fühle ich mich wieder etwas mehr wie ein Mensch. Lucas ist zu uns nach Hause gefahren und hat mir Toilettenartikel und frische Kleidung mitgebracht. Er hat auf dem Weg zur Arbeit im Krankenhaus angerufen und abends auf dem Rückweg noch einmal. Er kann hier nicht viel tun, aber ich bin dankbar, dass er sich im Büro um alles kümmert, obwohl es mir im Moment schwerfällt, überhaupt an irgendetwas anderes als Jem zu denken.

»Du weißt schon, wie ich das meine«, sagt Stephen. »Jemma wird dich brauchen, wenn sie aufwacht, und wenn du so weitermachst, hältst du das nicht durch.« Er hat recht. Ich habe kaum geschlafen oder gegessen, aber ich kann nicht gehen. In Wahrheit kann ich nicht normal atmen, bis ich sicher weiß, dass sie wieder gesund wird.

»Ich bleibe bei ihr.«

Die ersten achtundvierzig Stunden hat sie überlebt, und mit jedem Tag, der verstreicht, werde ich zuversichtlicher. Sie liegt immer noch im künstlichen Koma, aber der Arzt hat heute Morgen neue Untersuchungen durchgeführt, und dabei ist herausgekommen, dass die Schwellung zurückgeht. Ich weiß, dass sie einen langen Genesungsweg vor sich hat, wenn sie das Bewusstsein wiedererlangt, aber sie wird dabei nie allein sein. Ich, ihre Eltern, Lucas und ihre beste Freundin Rachel – wir werden sie bei jedem Schritt des Weges begleiten.

»Du brauchst eine Pause«, beharrt Stephen.

Keiner von uns funktioniert zurzeit richtig. Stephen und Christine sind von frühmorgens bis spätabends da, aber im Gegensatz zu mir fahren sie zum Schlafen nach Hause.

»Meine Güte«, keift Christine. »Seine Frau liegt im Krankenhaus. Warum sollte er weggehen wollen? Er kümmert sich um die Frau, die er liebt. Im Gegensatz zu dir wird er sein Eheversprechen halten.«

Ich vergrabe den Kopf in den Händen und zwinge mich dazu, mir auf die Zunge zu beißen. Ich habe die bissigen Kommentare so satt, die sie Stephen in den letzten Tagen an den Kopf geworfen hat. Ich verstehe es ja, wirklich: Sie hat ihn angebetet, bis er ihr das Herz gebrochen hat. Aber gerade jetzt sehen wir doch, wie kurz das Leben ist. Keiner von uns weiß, was uns am nächsten Tag erwartet. Und Jemma ist ihr einziges Kind – wenn irgendetwas sie wieder näher zusammenbringen kann, dann ist es doch sicher der geteilte Schmerz und die Liebe zu ihrer Tochter. Christine muss das hinter sich lassen und irgendwie versuchen, ihm zu vergeben. Der Hass und die Feindseligkeit, die sie mit sich herumträgt, lässt diese einst mitfühlende und liebevolle Person verbittert und reizbar werden. Ich erkenne diese Frau, die mal so gut zu mir war, als ich meine eigene Mutter verlor, kaum wieder.

Ich habe Mitleid mit ihnen. Es ist offensichtlich, dass sie sich noch lieben, das könnte ein Blinder sehen. Aber wie es scheint, wird Christine ihn für den Rest seines Lebens für diesen Fehler bezahlen lassen. Es ist so traurig. Die Liebe, die sie füreinander empfunden haben, ist viel zu wertvoll, um sie so zu vergeuden.

»Ich hole mir einen Kaffee«, murrt Stephen und geht zur Tür. Er bewegt sich nur noch auf sehr dünnem Eis. So nah wie jetzt hat seine Frau ihn nicht mehr an sich rangelassen, seit sie sich vor zwei Jahren getrennt haben.

»Du solltest wirklich nicht so streng mit ihm sein«, sage ich zu Christine. Ich habe mich in den letzten Jahren rausgehalten, aber jetzt ist es fast unmöglich.

Sogar während des ganzen Hochzeits-Fiaskos habe ich es geschafft, meine Meinung für mich zu behalten. Christine konnte oder wollte nicht wahrhaben, dass Jemmas Vater auf unserer Hochzeit so oder so anwesend sein und seine Tochter zum Altar führen würde, ob Christine einverstanden war oder nicht. Der Druck hat Jemma fast zerstört – ich habe sie mehr als einmal im Arm gehalten, während sie aus Frust über ihre Mutter geweint hat -, aber ich weiß, wie sehr sie ihre Eltern liebt, also bleibe ich für gewöhnlich ruhig. Aber nicht jetzt.

»Dieser Mist muss wirklich aufhören«, sage ich. »Ich werde nicht zulassen, dass du Jemma damit stresst, wenn sie wach ist.«

Christines Augen werden kurz schmal, und sie öffnet schon den Mund, um zu antworten, hält dann jedoch inne. Ich sehe, wie ihr Körper zusammensackt, und weiß, sie sieht ein, dass ich recht habe. Jemma muss jetzt unsere Priorität sein.

»Du hast recht.« Sie atmet laut aus. »Ich habe versucht, den Schmerz loszulassen, aber das kann ich nicht.«

Ich stehe vom Stuhl auf und gehe zu ihr. »Ich weiß, dass das nicht einfach für dich ist, Christine, aber sag mir eins: Fühlst du dich besser, wenn du ihn die ganze Zeit so runtermachst?«

»Nein«, flüstert sie. »Fühle ich mich nicht.«

Das hier ist nicht sie. Nicht die echte Christine, die mütterliche, die ich immer geliebt habe. Als meine eigene Mutter gestorben ist, ist Christine eingesprungen und hat sich um mich gekümmert, als wäre ich ihr eigenes Kind. Sie war immer wundervoll zu mir und meinem Vater. Stephen und sie beide.

»Versuch einfach, ein bisschen netter zu sein«, sage ich und lege ihr die Hand auf die Schulter. »Wir müssen für Jemma alle zusammenhalten, wenn sie aufwacht.«

»Ich weiß.« Ihr reumütiger Gesichtsausdruck sagt mir, dass sie es zumindest versuchen wird.

*

Ich öffne die Augen, als die Krankenschwester gerade das Zimmer verlässt. Abgesehen von dem kleinen Lichtstreifen hinter Jemmas Bett ist das Zimmer in Dunkelheit getaucht. Ich dehne meinen Nacken und setze mich in der Liege auf, die mir als provisorisches Bett dient. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem ich wieder in meinem eigenen bequemen Bett schlafen kann, mit meiner Frau in den Armen. Die Uhr sagt mir, dass es erst kurz nach zwei Uhr am Morgen ist.

Ich stehe auf und ziehe die Liege zu Jemma hinüber, weil ich näher bei ihr sein möchte. Wenn sie nicht an so viele Maschinen angeschlossen wäre, würde ich sofort zu ihr ins Bett klettern und sie im Arm halten. Ich vermisse so vieles an ihr – ihr Lächeln, ihr Lachen, ihre Berührungen, ihre Liebe –, aber mehr als alles andere vermisse ich es, mit ihr aufzuwachen. Sie gehört schon zu meinem Leben, so weit ich zurückdenken kann, und es ist hart für mich, sie hier zu haben, ohne dass sie anwesend ist.

Ich beuge mich über sie und lege die Lippen auf ihre Stirn. »Bitte komm bald zu mir zurück.« Ich lege mich wieder auf die Liege und schiebe meine Hand unter ihre Decke. Ich brauche den Kontakt. Vielleicht hilft er mir einzuschlafen. Ich muss möglichst stark sein, wenn sie aufwacht. »Ich liebe dich«, flüstere ich und verschränke meine Finger mit ihren. Wir sind noch nie eingeschlafen, ohne diese Worte zueinander zu sagen.

FÜNF

Braxton

Ich gehe den Flur auf und ab. Heute ist es so weit. Der Arzt und zwei Schwestern sind gerade bei meiner Frau. Die Schwellung im Gehirn ist vollkommen zurückgegangen, deswegen beginnen sie jetzt damit, sie aus dem Koma zu holen. Sie werden auch die Maschinen abschalten, die sie bisher am Leben gehalten haben. Ich sollte erleichtert sein, bin es aber nicht – ich habe wahnsinnige Angst. So optimistisch ich auch zu sein versuche, es gibt einfach keine Garantie, dass sie es schafft.

Christine, Stephen und Lucas sitzen alle da und beobachten mich. Bestimmt mache ich sie nervös, aber ich kann nicht stillhalten. Ich habe tausend Knoten im Magen.

»Braxton!« Als ich aufsehe, entdecke ich Rachel, Jemmas beste Freundin, die auf mich zurennt. Rachel ist vor einem Jahr für ihren Job nach New York gezogen, aber ich war mir sicher, dass sie herkommt, sobald sie von dem Unfall erfährt. Jemma und sie stehen sich so nahe wie Schwestern. Deswegen habe ich bis zu dem Tag nach dem Unfall gewartet, um sie anzurufen. Ich wollte nicht, dass sie grundlos zurückfliegt. Sie war erst vor drei Wochen hier, als Jemmas Brautjungfer.

Es tut weh daran zu denken, wie wir sie vom Flughafen abgeholt haben, als sie für die Hochzeit angereist ist. Sie und Jemma skypen jede Woche, hatten sich aber seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen. Als Rachel von der Zollkontrolle kam, ließ Jemma meine Hand los und rannte zu ihr. Sie hielten sich in den Armen und weinten.

Dieses Mal muss es hart für Rachel gewesen sein, hier anzukommen – aus einem so anderen Grund und ohne jemanden, der sie begrüßte. Aber ich war mit meinen Sorgen beschäftigt und habe einfach nicht daran gedacht, jemanden zu schicken, der sie abholt.

Wir sagen nichts, als sie mir in die Arme fällt und schluchzt. Ich fühle, wie ihr Körper bebt, oder vielleicht ist es auch meiner, ich bin mir nicht sicher. In diesem Moment weiß ich nur, dass ich am Rande der Erschöpfung stehe, verängstigt bin und Schwierigkeiten habe, mich zusammenzunehmen.

»Wie geht es ihr?«, fragt sie und guckt mich durch einen Tränenschleier an. Sie hat mir in den letzten Tagen ständig geschrieben. Meine Antwort war immer dieselbe: Keine Veränderung. Kritisch, aber stabil. Mehr konnte ich ihr nicht sagen. Es war eine Geduldsprobe für uns alle.

»Der Arzt ist gerade bei ihr«, sage ich. »Die Schwellung ist zurückgegangen, deswegen holen sie Jem jetzt aus dem Koma.«

Der Arzt hat ausführlich mit mir gesprochen, bevor er hineingegangen ist. Sie werden Jem die Medikamente, die sie im Koma gehalten haben, nicht mehr geben, sie aber weiterhin am Tropf lassen und ihr Schmerzmittel verabreichen, damit sie sich nicht zu schlecht fühlt. Es kann zwischen zwölf und zweiundsiebzig Stunden dauern, bis sie richtig wach wird.

Ich möchte nur, dass dieser Albtraum ein Ende hat.

*

Viele Stunden sind vergangen, und sie ist immer noch nicht wach. Zuletzt wurde der Schlauch entfernt, der ihr beim Atmen geholfen hat. Die Blutergüsse und Schwellungen in ihrem Gesicht sind schon zurückgegangen. Obwohl sie immer noch weit entfernt ist von der Jemma, die ich kenne, bin ich dankbar, eine Verbesserung zu sehen.

In den letzten Tagen wurde ich immer gebeten, den Raum zu verlassen, während ihre Wunden versorgt wurden. Also steht es mir noch bevor, zu sehen, wie sie unter ihren Bandagen aussieht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das will.

Abgesehen davon bin ich die ganze Zeit bei ihr gewesen. Christine hat ihr Bestes gegeben, nett zu Stephen zu sein, aber meiner Meinung nach hätte sie sich noch ein bisschen mehr Mühe geben können. Sie, Lucas und Rachel haben sich in Jemmas Zimmer abgewechselt. Die Regeln auf der Intensivstation sind streng. Normalerweise darf nicht mehr als eine Person ins Zimmer, aber für uns haben sie eine Ausnahme gemacht. Christine ist mit Rachel zusammen bei Jemma gewesen und Lucas mit Stephen. Ich bin etwas erleichtert, dass Jemmas Eltern nicht gemeinsam erscheinen, so ist es für alle einfacher.

Am Abend ermuntere ich sie alle, nach Hause zu gehen und sich auszuruhen. Nur ich gehe nicht. Ich kann nicht. Christine protestiert zuerst, aber am Ende überzeugt Rachel sie, dass es so am besten ist. Christine liebt Rachel wie eine Tochter, und ich bin froh, dass sie sich gegenseitig unterstützen können. Rachel hier zu haben wird mir etwas Freiraum geben, so kann ich meine ganze Energie in die Genesung meiner Frau stecken. Christine hat keinen Führerschein, und als Stephen aus dem gemeinsamen Zuhause auszog, mussten Jem und ich sie immer herumfahren.

Ich sitze an Jemmas Bett und halte ihre Hand, als eine der Nachtschwestern hereinkommt. »Mr Spencer«, sagt sie und nickt mir zu. »Es überrascht mich, dass sie noch wach sind.«

Ich lächele sie halbherzig an. Ich kann nicht leugnen, dass ich müde bin. Es fällt mir schwer, überhaupt die Augen offen zu halten, aber ich möchte nicht einschlafen, falls Jemma aufwacht. Sie wird verwirrt und verängstigt sein und sich fragen, wo sie ist und wie sie hergekommen ist. Ich muss hier sein, um sie zu beruhigen.

»Es könnte ein paar Tage dauern.«

»Ich weiß.« Das ist alles, was ich sage.

»Sie sind ein guter Ehemann, Mr Spencer. Ihre Frau hat Glück, Sie zu haben.«

»Mir scheint eher, dass ich der Glückliche von uns beiden bin.«

»Kann ich noch irgendetwas für Sie tun?«

»Nein, alles in Ordnung. Danke.«

»Versuchen Sie sich etwas auszuruhen, Mr Spencer. Ich werde jede Stunde nach Ihrer Frau sehen. Wenn sich ihr Zustand verändert, wecke ich Sie sofort.«

»Vielen Dank.«

Fünfzehn Minuten nach Mitternacht verlässt sie das Zimmer. Das heißt, es ist jetzt fast vierzehn Stunden her, dass der Arzt die Medikamente abgesetzt hat, die sie im Koma hielten. Ich kann jetzt nicht schlafen. Es mag vielleicht Tage dauern, aber es besteht auch die Chance, dass sie jeden Moment wach wird.

*

Ich schrecke aus dem Schlaf hoch, als jemand meine Hand drückt. Meine Lider sind schwer, und ich bin wie betäubt. Ich sitze immer noch an Jemmas Bett. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir, dass es erst kurz nach fünf Uhr morgens ist. Dann trifft mich die Erkenntnis. Jemand hat meine Hand gedrückt.

»Jemma«, sage ich und setze mich aufrecht hin. »Jemma, Baby.« Ich beuge mich zu ihr und drücke leicht die Hand, die immer noch in meiner liegt. Aber es passiert nichts. Keine Bewegung. Ich muss es mir eingebildet haben.

Ich atme aus und lege meine Stirn an ihre Schulter. »Wach auf, bitte.« Meine Stimme bricht, als ich versuche, meine Gefühle zu unterdrücken. Ich bin nicht sicher, wie viel mehr ich noch aushalte. »Bitte, Jem«, flüstere ich. »Ich brauche dich.«

Minuten verstreichen. Ich lasse meinen Kopf so liegen und kämpfe die ganze Zeit mit den Tränen. Langsam verliere ich den Verstand, aber vielleicht liegt das auch am Schlafentzug. Ich bin körperlich und geistig am Ende. Dann lehne ich mich in meinem Stuhl zurück, reibe mir mit der freien Hand über das Gesicht und spüre die langen Barthaare. Ich habe mich noch nie so lange nicht rasiert.

Zugegebenermaßen würden eine warme Dusche und eine Rasur mich wahrscheinlich beleben. Jem war noch nie ein Fan von Bärten. Sie fand meine gelegentlichen Stoppeln sexy, aber das war auch alles.

Sanft löse ich meine Hand aus ihrer und stehe auf, um mich zu strecken. Ich drücke den Rücken durch, strecke die Arme hoch in die Luft und versuche den Schmerz zu vertreiben, der sich in meinen Muskeln eingenistet hat. Normalerweise versuche ich, täglich zu trainieren, aber das geht nicht, während ich hier bin.

Jetzt ist es kurz nach sieben. Die Schwester hat gerade Jemmas Vitalfunktionen überprüft – immer noch keine Änderung. Sie sagte mir, der Arzt komme in Kürze, wenn er seine Runde macht. Ich bin nervös. Ein paar Minuten lang tigere ich auf und ab, dann halte ich neben ihrem Bett an.

»Jem, Baby. Hörst du mich?« Ich beuge mich über sie und streichele ihr mit dem Finger über das Gesicht. »Du musst aufwachen.« Aus meiner Stimme spricht die Verzweiflung. »Bitte.«

Ich behalte sie im Blick, als ich mich zu voller Größe aufrichte. Dieses Wartespiel macht mich wirklich wahnsinnig. Dann sehe ich eine Bewegung. Oder zumindest glaube ich das. Vielleicht bilde ich es mir auch nur ein, genau wie den Händedruck. Ich reibe mir die Augen, bevor ich sie wieder anschaue. Diesmal weiß ich, dass ich mir nichts einbilde. Ihre Augenlider flattern leicht, dann stöhnt sie leise. Mein Herzschlag beschleunigt sich, als ich mich wieder über sie beuge. »Mach die Augen auf, Jem«, flehe ich und nehme unter der Decke ihre Hand.

Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich mich freue, als sie meiner Bitte nachkommt. Mit einem ausdruckslosen Blick sieht sie mich direkt an. Wenn man bedenkt, was sie durchgemacht hat, überrascht es mich nicht.

Auf meinen Lippen breitet sich ein großes Lächeln aus.

»Willkommen zurück«, flüstere ich, und mir steigen Tränen in die Augen.

Sie scannt mit dem Blick die Umgebung. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie verwirrt sie sein muss. Ich versuche mich zusammenzureißen, aber ich bin so von meinen Gefühlen überwältigt, dass mir das mit jeder Sekunde schwererfällt.

Sanft streichele ich ihr erneut über das Gesicht, und wieder sieht sie mich an. Das vertraute Funkeln in ihren Augen fehlt, aber ich weiß ja, dass es wiederkommen wird. Ich lege meine Stirn an ihre, während mir Tränen über die Wangen laufen.

So habe ich nicht mehr geweint, seit meine Mum gestorben ist. Aber diese Tränen sind anders. Es sind Freudentränen, keine der Trauer. Tränen der Dankbarkeit und Erleichterung, nicht der Schuld. All die Ungewissheit, die ich in den letzten Tagen gefühlt habe, löst sich in Nichts auf. Sie ist zurück. Sie lebt. Endlich kann ich wieder atmen.

»Ich habe dich so vermisst, Jem.«

»Stopp.« Ihre Stimme ist kratzig und klingt überhaupt nicht nach meiner Jemma. »Runter von mir«, befiehlt sie und drückt schwach gegen meine Brust.

So barsch hat sie noch nie mit mir gesprochen, und zuerst denke ich, ich hätte sie irgendwie verletzt. »Jem.« Verwirrt weiche ich zurück.

»Wer sind Sie?«, fragt sie mit ängstlicher Stimme.

Mein Herz bleibt stehen. »Ich bin’s, Braxton … dein Ehemann.«

Sie sagt kein weiteres Wort, und das muss sie auch nicht. Die Angst in ihren Augen sagt mir alles, was ich wissen muss. Die Erleichterung, die ich Sekunden zuvor gespürt habe, wird schnell von Panik abgelöst.

Sie erinnert sich nicht an mich.

Sie weiß nicht, wer ich bin.

SECHS

Braxton

Eine Woche später …

Ich stelle den Motor aus, lehne die Stirn gegen das Lenkrad und bete still, dass heute der Tag ist, an dem meine Frau sich wieder erinnern wird. Seit dem Horrormoment, als sie aufgewacht ist und sich nicht an mich erinnern konnte – und auch nicht an sonst irgendjemanden, nicht einmal an ihre Eltern –, befinden wir uns in einer Abwärtsspirale.

Jeden Abend war ich gezwungen, ohne sie nach Hause zu fahren. Eigentlich habe ich geschworen, nicht nach Hause zu fahren, bis sie mitkommen kann, aber das Problem ist: Sie möchte nicht mit mir kommen. Zumindest im Moment.

In der ersten Nacht hat sie mich praktisch mit Gewalt aus dem Zimmer entfernen lassen. Für sie bin ich jetzt ein Fremder, und genauso behandelt sie mich auch. Ich bin mir ziemlich sicher, wenn es nach Jemma ginge, würde sie mich davon abhalten, überhaupt zu ihr zu kommen. Ich schwanke zwischen völliger Trostlosigkeit und Entschlossenheit. Es schmerzt wahnsinnig, aber ich weigere mich zu akzeptieren, dass dies unser Ende sein soll.

Vielleicht erinnert sie sich nicht mehr an unsere Liebe oder an alles, was wir zusammen erlebt haben, aber ich schon. An jeden Moment … jede Sekunde. Ich trage genug Liebe für uns beide in mir.

Christine und Stephen sind vollkommen am Boden zerstört wegen Jemmas Gedächtnisverlustes, und genau wie ich haben sie Schwierigkeiten, damit umzugehen. Es ist ein harter Schlag für sie nach all den anderen Erschütterungen, die sie bereits durchgemacht haben. Sie tun mir wirklich leid.

Jemmas Arzt hat gestern Abend lange mit mir geredet, bevor ich das Krankenhaus verlassen habe. Er hat von einer retrograden Amnesie gesprochen. Dabei sagte er, dass es nicht ungewöhnlich für einen Patienten sei, nach einer Kopfverletzung Erinnerungslücken zu haben. Aber unglücklicherweise gibt es kein magisches Heilmittel. Es kann sein, dass ihr Gedächtnisverlust nur vorübergehend ist, aber es besteht auch die Möglichkeit – und das ist meine größte Angst –, dass ihre Erinnerung nie zurückkehrt.

Jedenfalls gebe ich uns nicht auf. Niemals. Optimismus ist gerade alles, was ich noch habe. Wir gehören zusammen, und ich bin mir sicher, dass sie das mit der Zeit auch erkennen wird. Mein Herz gehört ihr, so wie mir ihres gehört.

Als sie den Unfall hatte, habe ich mich gefürchtet, dass sie nie aufwachen würde und ich sie verliere. Ich habe nicht einmal an die Möglichkeit gedacht, dass sie aufwachen könnte und ich sie trotzdem verliere.

Es ist erst sieben Uhr, als ich über den langen, vertrauten Krankenhausflur zu ihrem Zimmer gehe, deswegen ist noch nicht viel los. Ich achte darauf, jeden Morgen rechtzeitig zum Frühstück da zu sein, damit ich ihr Essen zerkleinern kann. Sie kann es mit nur einem funktionierenden Arm nicht selbst machen. Ich merke ihr an, dass sie das hasst, aber sie muss etwas essen. Die alte Jemma hatte immer einen starken Willen und war unabhängig. Das liebe und bewundere ich an ihr, deswegen bin ich froh, dass sie diesen Charakterzug nicht verloren hat. Irgendwo steckt die alte Jemma noch da drin, ich muss nur einen Weg finden, sie herauszuholen.

»Morgen, Mr Spencer«, sagt eine der Schwestern.

»Morgen.« Ich gehöre hier beinahe zum Inventar. Jemma wurde vor vier Tagen auf eine normale Station verlegt.

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