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Deiche, Dünen, Friesenmorde

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. TÖDLICHE TEESTUNDE
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  1. DIE TOTE VOM NORDSTRAND
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  1. MORD IM FISCHERHAFEN
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  26. Nachtrag

Über den Autor

Theodor J. Reisdorf, geboren 1935 in Neuss, reiste quer durch Europa und Nordafrika, arbeitete in vielen Berufen, machte in Wilhelmshaven das Abitur und studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Hamburg, Köln und Mannheim. Nach dem Abschluss zum Dipl.-Handelslehrer folgte die zweite Staatsprüfung in Bielefeld mit anschließender Lehrtätigkeit in Aachen, Norden und Emden. 1997 wurde er als Oberstudienrat pensioniert. Er wohnt in Ostfriesland und schreibt als »Meister des Friesenkrimis« spannende Romane über Land, Leute und Leichen. Seine Geschichten sind ein mörderisches Muss für alle Nordsee-Fans.

1

Der Dicke, wie Oberstudienrat Warringa genannt wurde, betrat wohlgelaunt mit einem Späßchen auf den Lippen die Klasse. Seine forschen Blicke huschten über die Bänke.

Niemand schwänzte an diesem herrlichen Frühsommertag seinen Leistungskurs.

Sie sprachen über Kafka. Der Autor, der sich beim Schreiben von vielen seelischen Verkrampfungen zu lösen versucht hatte, kam nicht bei allen Schülern gut an.

Die Tatsache, dass die Abiturienten seines Kurses sich nicht um fundamentale Existenzbedürfnisse wie Hunger, Durst, Wohnung und Kleidung zu sorgen hatten, versperrte ihnen den Zugang zum Seelischen, zur Psyche. Satt und zufrieden diskutierten sie überschnell die Textspalten und fanden nur Parallelen zu ihrer Bereitschaft, die Welt verbessern zu wollen.

Dagmar von den Höfen, eine hübsche Blondine, tat sich hervor, um die kleine dunkelhaarige Türkin Sevda Yildizlar, die an den Rollstuhl gefesselt war, auszustechen.

Aber Sevda, die sowohl körperlichen Hunger kennengelernt hatte und die Rolle der Frau nicht nur mit westeuropäischen Maßstäben in ihr Denken einbrachte, konnte sich in die sensible Welt des Dichters hineinfühlen und an vielen Stellen der Lektüre weiterhelfen.

So fungierten die beiden Schülerinnen als Schrittmacherinnen des Unterrichts, während Oberstudienrat Warringa die übrigen Schüler zu ihren Stellungnahmen herausfordern musste.

Für sie waren die Textinhalte zu sensibel.

Ein Sohn, der nach vielen Jahren aus der Fremde nach Hause kommt und lange, sehr lange überlegt, ob er die vor ihm sich befindende Tür aufstoßen oder sich erneut in die Fremde begeben soll, passte nicht in ihr Denkschema.

Der Dicke behielt die Zügel in der Hand.

»Im Leiden liegt der Samen der Hoffnung, Herr Warringa«, sagte Sevda und lächelte ihn an.

Der Lehrer sah die Röte, die in Dagmars Gesicht stieg.

»Bitte«, sagte er, als sie die Hand hob.

»Das sehe ich anders! Im Leiden liegt Abkehr. Es ist ein Ausdruck des Zögerns, der Kampfaufgabe. Kafka lässt den Heimkehrer an den alten Wunden erneut leiden. Das Ergebnis, ihm fehlt der Mumm, die Tür mit Wucht aufzustoßen.«

Die Klasse gab noch einige platte Beiträge, dann klingelte es. Die Schüler und Schülerinnen stürzten nach draußen, um den Scheiß zu vergessen.

Der Dicke schritt ans Fenster. Er blickte auf den Schulhof. Er hatte sich beworben. Die Studiendirektorenstelle hatte ihm zugestanden. Lehrer haben nur wenige Möglichkeiten, mit Engagement und Fleiß das Gehalt aufzubessern. Doch zu viele Ärsche spielen Schicksal, dachte er.

Der kleine, dicklippige Kollege Dehart hatte nie Farbe bekannt. Er war ein Neutrum in der bunten Lehrerlandschaft. Nun hatte er als Sieger die Konkurrenz hinter sich gelassen und trat ihm nach Erhalt der Urkunde als fordernder Vorgesetzter entgegen. Was für ein Irrgarten – wie bei Kafka! Hatte Dagmar oder Sevda recht?

Der Dicke drehte sich um. Die Klassentür war ins Schloss gefallen. Sevda rollte ihm entgegen. In ihrem braunen Gesicht lag Hoffnung. Ihre schwarzen Augen waren dankbar auf ihn gerichtet. Das lange dunkle Haar lag wie ein Vorhang auf ihren Schultern.

»Herr Warringa, Sie sind für mich mehr als eine Medizin. Ihr Unterricht ist geistreich und vollkommen. Hier, sehen Sie, ich habe ein Gedicht geschrieben, das hätte auch Kafka schreiben können«, sagte sie und hielt ihm ein Heft entgegen.

Warringa bückte sich. Er bemühte sich, die zarten Füllerlinien zu entziffern.

Plötzlich legte Sevda ihre Arme um seinen Kopf und küsste ihn. Warringa fuhr erschrocken hoch und blickte in das Gesicht seines Konkurrenten Dehart, das in diesem Moment im Türspalt verschwand.

Der Dicke starrte auf die Tür. Sevda schluchzte: »Ich kann nur selten vom Glück sprechen, Herr Warringa, aber Ihnen verdanke ich, dass ich mein Leid überwinden kann.«

Warringa blieb sehr ernst.

»Ich hoffe, dass deine reine Seele und dein Leiden mich nicht in die Fänge des deutschen Satans treiben, Sevda«, sagte er und stellte sich hinter den Rollstuhl. Der Lehrer schob die kleine Sevda über den belebten Flur.

»Tschüs!«, rief er, als er sich zum Lehrerzimmer begab und Sevda mit rotem Kopf davonfuhr.

Nach der Pause betrat Studiendirektor Dehart die Klasse. Aufnahmebereit saßen die Schülerinnen und Schüler in ihren Bänken. Auch in seinem Unterricht waren Sevda Yildizlar als auch Dagmar von den Höfen die Zugpferde.

Doch an diesem Morgen besaß Dagmar alle Trümpfe. Sie stellte die Situation der Bürger glaubhaft dar, die während des Krieges hätten handeln müssen, aber nicht hatten handeln wollen oder können.

Hero Dehart war kein Nazi, erst recht kein Neonazi, er stand weit davon mit seiner Gesinnung. Nur lehnte er eine auch auf ihn fallende Schuld ab, die andere Völker ihm wie eine Erbsünde aufzulasten sich entschlossen hatten.

Der neue Studiendirektor, nun Mitglied der Schulleitung, argumentierte logisch und fand den Beifall der Klasse.

Dagmar trieb das Thema in die Gegenwart.

So, als hätte Dehart seinen roten Faden verloren, ruhten seine bewundernden Blicke auf dem schönen Mädchen.

Er nickte weltvergessen, wenn die anderen Schüler sich meldeten und Beiträge lieferten. Unkontrolliert erteilte er das Wort, summierte Meinungen. Dabei übersah er die kleine Türkin, die im Rollstuhl an dem Schülertisch saß und sich mehrmals erfolglos gemeldet hatte.

Erst als einige Schüler empört zischten, sah er, wie Sevda dem Weinen nahe war. Erschrocken überließ er ihr das Wort.

»Herr Studiendirektor, ich suche nach einer Erklärung! Was ist das: deutsch zu sein? Ich bin Türkin, spreche Ihre Sprache, besuche Ihre Schule, nehme an der deutschen Kultur teil«, fragte Sevda erregt.

Dehart schaute sie lange an.

»Fräulein Yildizlar, glauben Sie etwa, wenn ich mehrere Jahre im Schatten der Minarette der Hagia Sophia mein Frühstück verzehrt hätte, die Istanbuler Einwanderungsbehörde würde mir einen türkischen Pass ausstellen?«

»Nein, Herr Studiendirektor. Ich frühstücke nicht nur hier. Aber ich habe begriffen. Das macht die deutsche Geschichte so kompliziert«, antwortete Sevda enttäuscht.

»Dagmar«, sagte Dehart, als er sah, dass sie sich meldete.

»Sevda hat es schwer; würde sie in der Türkei die Schule besuchen, müsste sie ihre hübsche Figur verstecken unter einem tristgrauen Allahmantel, vielleicht noch ihr schönes Gesicht mit einem Schleier bedecken! Die Türken profitieren doppelt: Sie verdienen wie die Deutschen, und dennoch gestattet man ihnen einen mittelalterlichen Glauben.«

Hero Dehart, das neue Mitglied der Schulleitung, geriet ins Schleudern. Er wartete auf das Klingelzeichen, denn was gingen ihn die Protestschreie der Klasse an? Sevda war der erkorene Liebling der Klasse. Sollte er eingreifen? Gegen Dagmar Stellung beziehen? Nein, lieber das Feuer zünden, bis das Klingeln ihm die nötige Ruhe bescherte, denn dann konnte er sich hinter seinen Akten verschanzen und Anweisungen geben, während seine Kollegen sich mit den Schülern auseinandersetzen mussten. Er gehörte jetzt zu den Machern des Kulturbetriebes. Das Klingeln zur Pause trieb ihn nicht nur aus der Klasse, sondern auch in die vertraute Atmosphäre seines Gönners.

Oberstudiendirektor Dr. Sandmann konnte er mitteilen, dass seine Entscheidung, ihn zu befördern, richtig gewesen war, hatte er doch den Dicken erwischt, als dieser das hübsche Türkenkind geküsst hatte.

»Ach, Herr Warringa, es ist nicht sonderlich wichtig. Haben Sie eine Sekunde Zeit?«, sagte der hochgewachsene, dürre Direktor Dr. Sandmann und führte den Lehrer in sein Büro.

Warringa beobachtete, wie die listigen Augen im spitzen Gesicht des Schulleiters den Triumph genossen, ihm nach durchgefochtenem Beförderungsgerangel eine Rüge erteilen zu können.

Lässig wies er auf einen Sessel.

Aufrecht setzte Sandmann sich an den Schreibtisch. Er trug sein graues Haar kurz geschnitten und mit Würde.

Wie ein Beichtvater gab er dem Opfer die Gelegenheit, einige Sekunden in sich zu kehren.

»Herr Kollege, Ihre Gattin hat sicherlich nicht nur Ihnen Verdruss bereitet, sondern auch in unserer kleinen, züchtigen Stadt für viel Gesprächsstoff gesorgt. Selbst wenn es sich nur um Gerüchte handeln sollte, beschmutzen diese dennoch das Ansehen unserer hochstehenden pädagogischen Ansprüche.«

»Herr Direktor, lassen Sie meine Frau aus dem Spiel, und kommen Sie zur Sache«, antwortete Warringa entrüstet.

Der dürre Sandmann betrachtete seine gepflegten Hände. Ohne den Lehrer anzuschauen, sprach er mit der ihm eigenen süßlichen Stimme: »Es ist sicherlich nicht einfach für Sie, mit Ihrer Einsamkeit fertig zu werden. Aber, Herr Kollege, Schülerinnen sind und bleiben für uns tabu!«

Warringa unterdrückte die Wut, die ihn zu erfassen begann. Dieser grauhaarige Scheinheilige, der es stets zugelassen hatte, dass die Söhne und Töchter seiner reichen Freunde reichlich mit Punkten bedient wurden, und nicht eingeschritten war, wenn man die untere Skala der Beurteilung für die benutzte, die sich nicht wehren konnten.

»Herr Dr. Sandmann, Sie sollten Schillers Räuber nicht nur von den Schülern lesen lassen, sondern selbst aus den Charakteren Ihre Schlüsse ziehen«, sagte Warringa hart. »Luzi heißt die Kanaille!«

In das blasse Gesicht fiel etwas Farbe.

Sandmann schluckte. Er neigte seinen Körper vor, blickte verständnislos auf seinen Lehrer.

»Sie reagieren missgünstig, weil Sie von der Bezirksregierung die Quittung für Ihre liederliche Art, Schüler auf das Leben vorzubereiten, erhalten haben. Sie nennen Herrn Studiendirektor Dehart Luzi und meinen damit Luzifer. Verdankt er Ihren geistreichen Bemerkungen diesen Spitznamen?«

Warringa erhob sich.

»Herr Dr. Sandmann, wenn Ihre Anschuldigungen auf Aussagen Ihres neuen Offiziers beruhen, dann stutzen Sie ihn bitte zurecht. Die naive Sevda glaubte, mir auf diesem Wege ihren Dank für meinen pädagogischen Beitrag zeigen zu müssen!«

Auch der Direktor erhob sich. Sein Gesicht verzog sich zu einem Lächeln.

»Sie geben es also zu?«

Warringa spannte die Fäuste, doch er besann sich. Wütend zischte er: »Mein lieber Herr Direktor, Sie wissen so viel von meiner ausgeflippten Frau! Wollen Sie mir die Verantwortung dafür zuschieben, dass sie es nach mehr als zwanzig in meinen Augen glücklichen Ehejahren plötzlich mit Frauen treibt? Bemühen Sie sich doch stattdessen bitte darum, etwas mehr über die Lebensgewohnheiten Ihrer ausländischen Schüler zu erfahren. Dann passiert Ihnen auch die Peinlichkeit nicht mehr, die Sie stolz auf Ihren Pseudobildungspartys vor borniertem Publikum von sich gaben. Herr Jusuf Yildizlar hat, als er Sie damals aufsuchte und bat, seinen Antrag an die AWO wegen des Schultransportes seiner kranken Tochter zu befürworten, seine Schuhe in Ihrer Wohnung nicht ausgezogen, weil bei Ihnen echte Perserteppiche herumliegen, auch nicht, weil Ihr Büfett antiken Schimmer spiegelt, sondern weil es in seinem Land Sitte ist! Nun wissen Sie es von mir! Dieser Mann hat mich in seiner Wohnung genau so geküsst wie seine Tochter.«

Warringa schlug die Tür wütend zu und dampfte in das Lehrerzimmer. Die Kollegen sahen ihn an, wagten aber kein Wort des Grußes.

Warringa nahm seine Schultasche und ging zum Parkplatz.

Zum Glück wusste Weert Warringa nicht, dass ihm weiterer Ärger bevorstand, als er in das ›Ceftka‹ ging und sich dort ein Kaufhausmenü bestellte. Von einem Magenbitter, an dem er nippte, erhoffte er sich die Beruhigung seiner Magennerven.

Er aß, in Gedanken versunken, sein Labskaus.

So kann das nicht weitergehen, dachte er. Gut, ohne Beförderung konnte er leben. Seine Ansprüche waren nicht sonderlich hochgeschraubt. Er musste Maike fragen, ob sie noch nicht die Nase voll hatte von den perversen Sauereien der durchgedrehten Kolleginnen. Selbstverständlich liebte er Maike nicht mehr so wie in jungen Jahren. Nie hatte er vorher auch nur einen Hauch ihrer Abart an ihr entdeckt. Es war plötzlich wie eine Seuche über sie gekommen, als ihre Tochter nach Australien gegangen war, um diesem irren Freund zu folgen.

Weert Warringa bezahlte, ging zum Parkplatz und fuhr nach Norddeich. Er kannte das kleine Ferienhaus, das die Frauen angemietet hatten.

Vom Deich her blies der Wind. Erste Urlauber kamen ihm mit Strandsachen entgegen. Er sah das Auto seiner Frau, das auf dem Gehweg stand.

Entschlossen klingelte er an der Haustür. Alles lief wie am Schnürchen. Sie selbst öffnete ihm im Bademantel die Tür. In ihrem Gesicht entdeckte er Widerwillen. Maike wirkte auf ihn immer noch anziehend. Sie war für ihn schön, trotz der vielen Jahre, die auch ihr zugesetzt hatten.

Ohne große Vorrede sagte Warringa: »Maike, komm zurück nach Hause!«

Sprachlos sah er, wie sich ihr Gesicht im Ausdruck verzerrte und sie böse zischte: »Ich habe dir verboten, dich hier je sehen zu lassen! Wenn ich etwas von dir will, dann melde ich mich!«

Weert Warringa blickte für einige Sekunden auf die Tür, die vor seinen Augen krachend ins Schloss fiel.

Er ging zu seinem Wagen, stieg ein und fuhr nach Hause. Sein Bungalow war für ihn allein zu groß. Der Garten verwilderte. Einige Räume blieben ohne Pflege.

Weert Warringa, Oberstudienrat für Deutsch und Geschichte, hatte die Schnauze gestrichen voll, wie er sich auszudrücken pflegte. Mit seinen zwei Zentnern Gewicht war er kein Freund von langen Wanderungen. Dennoch trieb ihn sein Ärger nach draußen, wo die Sonne die Wolken durchbrach und ein aufgebriester Wind mild vom Deich her in das grüne Vorland fiel.

Warringa nahm sein Fahrrad und radelte über die Norddeicher Straße dem Hafen entgegen. Auf der Mole holte er sich am Kiosk ein Eis und schaute den Friesia-Schiffen zu, die zwischen Norderney und Juist die Langeweile des weiten Wattenmeeres unterbrachen. Nach einer Weile entschloss er sich zur Weiterfahrt, drehte eine Runde um den Fischereihafen, fand keinen Gefallen an den bunten Fischkuttern, die von den Fischern für den Fang vorbereitet wurden. Er radelte zum Flughafen, von dort entschied er sich für den Plattenweg nach Ostermarsch.

Froh stellte er fest, dass er so langsam mit sich ins Reine kam. Das Schwitzen tat ihm gut.

Mittlerweile hatte er ohne Blick für grüne Weiden, Löwenzahn, Dotterblumen und Gänseblümchen den Querweg erreicht, der an großen Bauernhöfen entlang nach Hage führte.

Seinen Frieden durchbrach ein Schäferhund, der sich an seine Fersen heftete. Hundert Meter vor ihm lag der Bauernhof, den das Vieh zu bewachen schien.

Warringa strampelte verzweifelt, trat gelegentlich seitlich, um die Schnauze des kläffenden Hundes zu treffen. Doch die Rettung kam in Gestalt eines Mädchens, das den Köter zu sich pfiff.

Der Oberstudienrat hatte sich entschlossen, es zurechtzuweisen. Doch sprachlos schaute er auf Dagmar, seine Schülerin. Dagmar von den Höfen stand vor ihm und lächelte ihn freundlich an.

»Herr Warringa, das nenne ich eine Überraschung«, sagte sie. Der Hund knurrte böse.

»Warten Sie hier, Herr Warringa, ich bringe Hajo in den Zwinger.«

Der Lehrer sah Dagmar nach. Das lange blonde Haar wehte hinter ihr her. Ihre Figur war vollkommen. Sie trug wie üblich Jeans und eine weite Sommerbluse.

Und später tyrannisiert solch ein Prachtgewächs einen unglücklichen Mann, dachte er und schaute sich um.

Vor ihm erhob sich das Herrenhaus, seitlich schloss sich das abgeneigte Dach der angebauten Scheune an. Auf einem Platz unter Bäumen stand landwirtschaftliches Gerät. Irgendwo krähte ein Hahn, und Hühner gackerten.

Er sah, wie Dagmar freudestrahlend zurückkehrte.

»Nach altem Brauch können Sie mir ein Tässchen Tee nicht abschlagen, Herr Warringa«, sagte sie und zeigte auf die Treppe, die in das Haus führte.

Weert Warringa schob sein Fahrrad zur Fassade und lehnte es gegen die rote Backsteinwand. Er folgte Dagmar in das Haus.

Sevim Yildizlar hatte den Wagen der AWO überhört und blickte überrascht auf.

»Sevda«, rief sie erwartungsvoll, als sie vernahm, wie ihre Tochter den Rollstuhl in den Korridor schob.

Sie erhielt nicht wie sonst die gewohnte Antwort, sondern beobachtete, wie Sevda mit den Tränen kämpfte, als sie in der Küchentür erschien.

Sevim Yildizlar ließ das türkische Essen, sie hatte Köfte vorbereitet, auf dem Herd auf kleiner Flamme weiterkochen, beugte sich über ihre Tochter und trocknete ihr mit der Schürze die Tränen.

Sevda benötigte Zeit, mit ihren Gefühlen fertig zu werden. Schließlich sagte sie: »Mutter, du weißt, dass ich mich wie eine Deutsche fühle. Ich bin zwar in Bursa geboren, aber hier aufgewachsen. Ich spreche Deutsch so gut wie Türkisch.«

Die Mutter unterbrach ihre Tochter nicht.

»Mutter, ich machte einen großen Fehler! Ich habe mich bei Herrn Warringa so bedankt, wie das bei uns in der Familie üblich ist. Ich habe ihn geküsst, weil er mir so sehr hilft.« Sevda schluchzte.

Die Mutter spielte traurig mit dem Haar ihrer Tochter.

»Mutter, auch Dagmar von den Höfen hat mich beleidigt. Dabei ist sie doch schön und auch gesund. Und Herr Dehart, der neue Studiendirektor, hat es zugelassen, dass sie mich demütigt. Mehr noch, Mutter, er hat beobachtet, wie ich Oberstudienrat Warringa geküsst habe.«

Die Mutter erhob sich.

»Sevda, Dagmar ist vielleicht eifersüchtig, weil du so gut lernst. Ich werde mit ihr reden. Wir sind zwar Türken, doch schließlich ist sie ein Mädchen mit Gefühlen, wie auch du sie empfindest«, antwortete sie. Sie hatten türkisch gesprochen.

Sie erhob sich, ging an den Herd und begann das Essen auszuteilen.

Nach dem Essen suchte Sevda ihr Zimmer auf. Sie nickte ein wenig ein, doch dann bemühte sie sich um ihre Schularbeiten, die sie sehr ernst nahm.

Sie hörte das Geräusch des Rasenmähers, das bald verstummte. Dann sah sie durch das kleine Fenster die Mutter, die das Gras zusammenharkte.

Sevda hatte die schriftliche Abiturprüfung gut bestanden, das hatte sie den Hinweisen der Lehrer entnehmen können. Um den Lieblingslehrer Warringa nicht zu enttäuschen, griff sie nach den Werken Kafkas, studierte die Texte, die sie wie eigene verstand.

Überrascht schaute sie nach einer Weile auf die Uhr.

Sie fuhr mit dem Rollstuhl in die Küche, suchte dort jedoch vergebens ihre Mutter. Dann fuhr sie zum Schuppen. Das Fahrrad stand nicht mehr an der Wand.

Mutter ist einkaufen, dachte sie und begab sich wieder in ihr Zimmer. Beruhigt begann sie sich mit mathematischen Aufgaben zu beschäftigen.

2

Kriminalassistent Sperber legte den Hörer auf die Gabel. »Eine entsetzliche Tat«, stöhnte er und schaute durch das Fenster in die Kronen der Buchen, die den Marktplatz umstanden.

Kommissar Lehnartz betrat das Zimmer. Sperber berichtete.

»Das darf doch wohl nicht wahr sein«, sagte er nur.

»Die Kollegen der Schutzpolizei sind bereits unterwegs, Chef«, sagte Sperber und langte nach der Spurensicherungstasche.

»Ein hübsches Mädchen. Sie stand im Abitur. Einzige Tochter«, sagte Lehnartz und verließ mit dem Assistenten das Büro.

Vor dem Dienstgebäude stiegen sie in den Wagen und reihten sich in den Verkehr ein, den frühe Urlauber belebten.

Sperber schaute, ohne seine Gedanken zu äußern, auf die Fassade des Gymnasiums. Kurz vor Norddeich verließen sie die Kreisstraße. Die Fahrbahn näherte sich dem Deich, den gelber Löwenzahn schmückte. Die Sonne ging hinter sich auflösenden Wolken unter. Die grüne Weidelandschaft mit grasenden Kühen und großen Höfen wirkte friedlich. Sie passierten Ostermarsch, eine Oase für Ferienfreuden, und näherten sich Junkersrott, das nur aus einer Handvoll rotgeklinkerter Häuser bestand. Von einem kleinen Asphaltplatz, auf dem nur dreimal am Tage ein Bus hielt und die Verbindung mit der Stadt herstellte, führte ein schmaler Versorgungsweg in die ländliche Idylle. Zwischen weiten Wiesen lagen blühende Rapsfelder. Die Straße war nicht mehr als ein Betonband, das sich entlang den Entwässerungsgräben durch das Land zog.

Sie näherten sich dem landwirtschaftlichen Betrieb der Familie von den Höfen.

Klotzig beherrschten die Gebäude das Umland. An diesem Abend machten sie auf die Beamten einen düsteren Eindruck.

Sie sahen den Bully ihrer Kollegen. Hinter ihm hatte der Arzt seinen Landrover geparkt.

Sperber griff nach seiner Spurensicherungstasche und folgte Lehnartz zur Eingangstür. Ein Hund bellte im Zwinger und sprang wild gegen die Gitterstäbe. Sie betraten den Flur und hörten das Schluchzen einer Frau. Eine Tür stand einen Spaltbreit offen. Ein Beamter der Einsatzpolizei stand wie ein Wachsoldat vor dem Eingang zum Wohntrakt. Im Wohnzimmer, vor einer Sitzgruppe, lag das Mädchen auf dem Boden. Ihr Blut hatte den Teppich genässt. Im Raum lag die Stille einer unbesuchten Kirche.

Polizeibeamte standen vor rustikalem Mobiliar. Die Küche, wie im Weiß der Werbung, lag unberührt mit einer kleinen Essecke in ihrem Blick.

Lehnartz näherte sich der Leiche. Erst jetzt sah er den fast vollständig vom Rumpf getrennten Kopf des Mädchens. Das lange blonde Haar lag zum Teil in der Blutlache.

»Schauen Sie weg, Herr Kommissar«, forderte ihn eine harte Männerstimme auf.

Es war der Arzt.

Lehnartz fühlte eine Flaute in seinem Magen.

»Der Fotograf?«, fragte er.

»Da kommt er«, sagte Dr. van Neesen.

Lehnartz sah zu, wie der junge, blondgelockte Manshold mit ernstem Gesicht die Bilder schoss. Er belieferte die Zeitungen mit Fotos und studierte in Oldenburg Germanistik.

Sperber begann die Fähnchen zu setzen.

»Dann bin ich an der Reihe«, sagte Dr. van Neesen. Er arbeitete im Kreiskrankenhaus seit vielen Jahren in der Chirurgie. Er schlüpfte in seinen Medizinerkittel, ließ sich die Schleife des Gürtels binden und steckte seine Hände in Gummihandschuhe.

»Mein einziger Beitrag kann hier nur darin bestehen, das Opfer einzubetten. Den Sarg, bitte!«, rief er.

Als besäße er keine Nerven, hob er den Kopf des Opfers an, nahm mit seinem rechten Arm die Tote auf, und das erledigte er so schnell, dass es den Anschein erweckte, er bugsierte eine intakte Leiche in die Sarghalbschale, die ihm Polizeibeamte mit ernsten Gesichtern entgegenhielten.

Erleichtert atmete er auf, als die Beamten den Deckel auf die Sargschale legten und das tote Mädchen davontrugen.

»Kommissar, hier haben Sie das Mordwerkzeug. Es handelt sich um ein Spielzeug einer verführten Jugend. Ich war in der Hitlerjugend. Sehen Sie die Raute? Diese Dolche gehörten zu unserer Ausrüstung. Allerdings, so stelle ich hier als Laie fest, wurde es vor der Tat friedlich genutzt. Die Ursache des Todes dürfte niemandem von uns Rätsel aufgeben. Auch zeitliche Spekulationen erübrigen sich. Das Blut ist noch frisch.«

Lehnartz hielt dem Arzt die Plastiktüte entgegen.

Er kämpfte mit der Übelkeit.

Dr. van Neesen verließ schweigend das Zimmer.

Auf dem kleinen Tisch standen benutzte Teetassen, auf dem Küchentisch lag ein angeschnittener Klaben.

Sperber begann mit der Spurensicherung.

»Ich suche die Eltern auf«, sagte Lehnartz.

Die Eltern befanden sich in einem kleinen, büroähnlichen Raum. Sie waren zu einem Verhör sicherlich noch nicht in der Lage, hatten allerdings medizinische Betreuung durch Dr. van Neesen abgelehnt. Der gewaltige Schock lähmte sie.

Landwirt von den Höfen in der Arbeitskleidung, mit verweintem Gesicht, rang mit der Stimme. »Wir haben drüben auf den Weiden am Kiebitzweg Gras gemäht. Das gute Wetter! Wir haben niemanden gesehen. Nur die Frau eines Lehrers der Dagmar radelte vorbei. Wir sind ahnungslos nach Hause gekommen. Hajo befand sich im Zwinger. Das war seltsam. Sonst lief er frei herum. Eine Türkin auf einem Fahrrad fuhr uns kurz vor dem Hof entgegen. Sie war äußerst verängstigt, doch wir haben ihr keine Beachtung geschenkt. Doch dann bemerkten wir, dass alle Türen offen standen, und sind hastig in das Wohnzimmer geeilt.«

Der Landwirt unterbrach häufig seinen Bericht, und seine Frau, die ihren schweren Oberkörper auf den Schreibtisch gelegt hatte; wimmerte entsetzlich.

Lehnartz hätte am liebsten mitgeheult.

»Und Sie sahen Ihre Tochter tot auf dem Boden liegen?«, fragte der Kommissar mit weicher Stimme.

»Ja, selbst die Waffe, Herr Kommissar. Es ist ein Erinnerungsstück aus meiner Jugendzeit und diente uns all die Jahre als Brotmesser.«

Lehnartz ließ die Eltern allein. Der Pastor musste sich um sie kümmern.

Im Wohnzimmer, aus dem ihm der süßliche Geruch des Blutes entgegenstieg, packte sein Assistent Sperber die Tasche.

»Es sieht so aus, als hätte das Opfer den Mörder zum Tee eingeladen. Krümel auf den Tellern, Tee- und Kluntjereste in den Tassen. Der Klaben angeschnitten auf dem Küchenschrank«, sagte er.

»Und der Mörder mochte keine Hunde, oder der Hund nicht den Mörder. Sonst lassen sie ihn frei herumlaufen«, antwortete Lehnartz.

Sie verließen das Haus und blickten zu dem Zwinger hinüber. Der riesige Schäferhund tapste jetzt ratlos umher und bellte.

»Eine Türkin auf einem Fahrrad kam ihnen entgegen. Die Frau wirkte aufgeregt«, sagte der Kommissar, als sie in den Wagen stiegen.

Er fuhr los.

»Nennen wir das Opfer bei seinem Vornamen. Nun, Dagmar muss ihren Mörder gekannt haben. Der Mörder hat die Mordwaffe einfach auf dem Boden liegen lassen. Ob er das Auto der Eltern gehört hat und in Panik geflohen ist?«, fragte Sperber, während Lehnartz den Wagen steuerte und vor sich hin starrte in die grüne Landschaft, über die sich die Dämmerung des Abends legte.

»Die Waffe war das Brotmesser der Familie«, sagte er.

»Ich habe gesehen, dass der Mörder keinen Knopf ihrer Jeans geöffnet hat, und auch die Bluse wurde nicht hochgeschoben«, sagte Sperber weiter.

Lehnartz blickte kurz seinen Kollegen an.

»Die Jeans haben meistens Reißverschlüsse, doch das stimmt. Dem Täter müssen wir andere Motive unterstellen. Wir halten es mit der Routine. Die Ergebnisse deiner Spurensicherung müssen heute noch in das Labor. Ein Bild der Dagmar muss morgen in der Zeitung erscheinen«, sagte Lehnartz. Er bremste den Wagen ab und parkte ihn neben dem Deich.

»Mein Gott, wir können keines der Polizeifotos nehmen. Wir müssen die Eltern noch einmal aufsuchen, damit sie uns eine Fotografie von Dagmar zur Verfügung stellen«, sagte Lehnartz.

»Danach sollten wir uns hier in Hage, Ostermarsch oder Junkersrott nach einer Türkin erkundigen, die mit einem Fahrrad zur fraglichen Zeit in dieser Gegend war und es eilig hatte, den Hof der von den Höfen hinter sich zu bringen«, schlug Sperber vor.

Lehnartz wendete den Wagen und fuhr zurück zum Hof der unglücklichen Eltern.

In Ostfriesland gab es keine ›Türkenviertel‹. Im Norder Raum wurde den recherchierenden Beamten nur die Familie Jusuf Yildizlar in Halbemond genannt.

Diese Familie besaß einen hervorragenden Ruf. Die Kriminalbeamten fanden schnell zu der vielen Mitbürgern bekannten Adresse.

Es war schon dunkel, als sie den Passat vor dem kleinen Landhäuschen auslaufen ließen.

Die Fensterläden waren verschlossen, und nur wenig Licht drang nach draußen. Die Beamten gingen zur Haustür und drückten den Klingelknopf. Die Tür wurde geöffnet. Nicht von der Hausfrau, sondern von der Tochter, die auf den Rollstuhl angewiesen war.

»Kripo Norden, mein Fräulein. Regen Sie sich nicht auf, wir haben nur ein paar Routinefragen an Ihre Mutter«, sagte Lehnartz und lächelte das hübsche dunkelhaarige Mädchen freundlich an.

Wortlos wendete Sevda ihr Gefährt und rollte sich vor den Beamten in das Wohnzimmer.

Die Kriminalbeamten sahen sofort, dass Frau Yildizlar sich sehr ängstigte und mit sich rang.

»Frau Yildizlar, auf dem Hof des Landwirtes von den Höfen hat sich ein schreckliches Verbrechen ereignet. Die Tochter ist am helllichten Tag im Wohnzimmer der Familie ermordet worden.«

Lehnartz beobachtete, wie die Frau zu zittern begann. Ihre Tochter legte ihren Arm um die Schultern der Mutter, als müsste sie sie beschützen.

»Nach den Aussagen des Landwirtes und Vaters der Toten sind Sie ihm mit ihrem Fahrrad, wie er sagte, ziemlich aufgelöst entgegengekommen«, sagte Lehnartz.

Die Frau schluchzte, dann sagte sie: »Ja, ich da. Mädchen war tot.«

»Sie waren in der Wohnung?«, fragte Sperber überrascht.

Die Frau heulte in sich hinein.

»Mutter wollte mit Dagmar sprechen, weil sie mich in der Schule oft fertigzumachen versucht hat, weil ich Türkin bin«, sagte Sevda mit hochrotem Kopf.

»Und da hat Ihre Mutter Dagmar fertiggemacht?«, fragte Sperber ganz in der Manier untersuchender Beamter.

Beide Frauen blickten entsetzt auf.

»Mädchen war tot. Es ist Schrecklichstes, was ich bisher gesehen hab.« Die Frau war fertig.

»Wann waren Sie dort?«, fragte Lehnartz.

»Vielleicht siebzehn Uhr. Ich fahre Rad weniger als halbe Stunde«, sagte die Türkin.

»Fräulein, das Opfer ist Ihre Mitschülerin. Können Sie uns zu einem Motiv verhelfen, das die sinnlose Tat erklärt?«, fragte Lehnartz.

Sevda sah ihn durchdringend an.

»Nein. Meine Auseinandersetzungen mit Dagmar betrafen nur Lehrer und Lernstoffe. Ich glaube, ich bin bei vielen meiner Mitschüler beliebt. Dagmar war sehr schön, vielleicht missgönnte sie es mir, weil ich Türkin bin. Es ging auch darum, wer von uns beiden die bessere Schülerin war.«

»Sie deuten damit an, dass die Tote sehr, sagen wir einmal, deutschbewusst in der Schule aufgetreten ist?«, fragte Lehnartz.

Immer noch heulte Frau Yildizlar.

Sevda führte das Gespräch.

»Wir Türken sind empfindlich geworden. Einige Lehrer an unserer Schule ließen Dagmar gewähren. Viele Lehrer mochten sie sehr«, sagte die Türkin und blickte auf den Boden.

»Haben Sie jemanden gesehen, Frau Yildizlar? Ist Ihnen außer den Eltern sonst noch jemand begegnet?«, fragte Lehnartz die weinende Frau, die vor Angst zitterte. Eingeschüchtert blickte sie ihn mit ihren dunklen Augen an und schüttelte den Kopf.

»Nein – nein!«, stammelte sie und heulte weiter.

»Ich möchte auch weinen, Herr Kommissar«, sagte Sevda mit zitternder Stimme. »Sie können sicher sein, dass ich in der Nacht weinen werde. Diesen Tod hat Dagmar nicht verdient. Aber sie war zu leichtsinnig und liebte die Gefahr. Sie forderte zu viele Menschen heraus.«

»Haben Sie herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft, uns zu helfen. Entschuldigen Sie die Störung«, sagte Lehnartz.

Sevda Yildizlar griff in die Räder des Rollstuhles.

»Ich begleite Sie zur Tür«, sagte sie.

Warringa hatte das Lehrerzimmer gemieden. Niemandem wollte er begegnen, denn in der Kleinstadt gab es nur ein Thema: den Mord an seiner Schülerin Dagmar von den Höfen.

Er hatte eine harte Nacht hinter sich gebracht. Corvit mit Sprudel hatte er getrunken. Seine Fingerkuppen waren gelb vom Nikotin verpaffter Zigaretten. Verkatert, Natronpulver mit Selters zum Frühstück, doch dann der Griff zur Morgenzeitung. Das Zittern der Hände, der Blick auf das Foto der lachenden Dagmar.

Warringa wäre glücklich gewesen, hätte ihn über Nacht ein Schlag getroffen. Sein Leben kam ihm plötzlich sinnlos vor.

Die geliebte Tochter lebte in Australiens Wildnis mit einem ausgeflippten Arztsohn. Seine Frau spielte auf einmal verrückt und beabsichtigte, alle Genüsse dieser Erde zu durchleben.

Und nun der idiotische Mord auf dem Bauernhof mitten in einer heilen Welt, die von Aufschwung, Fortschritt und Frieden redete.

Die Buchstaben der polizeilichen Suchmeldung hatten ihn einzeln wie seelische Messerstiche getroffen, falls es so etwas überhaupt geben konnte.

Sein Meister Kafka hatte solche Leiden in die Weltliteratur eingebracht! Über Kafka hatte er zu dozieren!

Seine Schülerinnen und Schüler mussten vor den strengen Augen und Ohren des Leitenden Oberschuldirektors und in der Abwesenheit seines ihm nicht gewogenen Schulleiters beweisen, dass sie die geistige Reife besaßen, die notwendig war, um eine akademische Laufbahn einschlagen zu können. Die mündliche Abiturprüfung rückte näher.

Mit diesen bitteren Erkenntnissen stand er vor der Klasse. Er blickte entsetzt auf die Schulbank, in der Dagmar kess und ewig herausfordernd gesessen hatte.

Von ihm, dem Lehrer, erwarteten seine Schüler nicht nur ausführliche Polizeikenntnisse, sondern auch noch die Analyse des seelischen Zustandes des Mörders.

Warringa bemerkte, dass Sevda Yildizlar nicht anwesend war. Sie fehlte sonst nie!

Ihn traf es wie ein Hammer, als Jörn, der Sohn des Leiters der Krankenkasse, fragte: »Die Dagmar war ein feiner Kerl. Was muss in einem Menschen vorgehen, der solch ein schreckliches Verbrechen begeht?«

Warringa schwieg. Eine Schülerin verließ weinend die Klasse. Die Schülerinnen saßen mit ernsten Gesichtern an den Schülertischen. Jemand forderte die Todesstrafe für Mörder. Er fand die Zustimmung einiger Mitschülerinnen.

Es gab eine Diskussion. Die Schülerinnen fühlten ihre Hilflosigkeit und ihre Empörung und begannen sich freizureden von dem Druck.

Henning, der sich entschlossen hatte, nach dem Abitur Theologie zu studieren, verwies auf die ansteigende Kriminalität und forderte eine Rückbesinnung auf alte christliche Werte.

Warringa unterließ es, auf Kafka zu verweisen. Ihm lag nichts daran, den Faden aufzunehmen und mit den Schülern über die Ursachen der Kriminalität in der Bundesrepublik zu diskutieren.

Er stand am Fenster und schaute auf die Norddeicher Straße, über die der Verkehr floss. Niemanden kümmerte es, dass Dagmar nicht mehr seine Dreizehn C besuchte. Er hörte, wie die lautstark geführte Diskussion abbrach, und wandte sich der Klasse zu. »Wir müssen einen Kranz bestellen, Herr Warringa«, sagte Heike und schluchzte.

Wie ein angeschlagener Boxer auf den Gong wartete Warringa auf das Klingeln, das ihn retten konnte. Er ließ die Zügel schleifen, hörte nicht hin, was die Schüler sprachen. Niemand konnte ihm einen Vorwurf machen. Er zückte den Kugelschreiber und schrieb in das Klassenbuch: ›Tod einer Schülerin‹.

3

Der dürre Dr. Sandmann, Leiter des Fabricius-Gymnasiums, empfing die Kripobeamten in einer gequälten Haltung. So, als hätte man ihm ein Leid angetan, drückte sein asketisch blasses Gesicht Enttäuschung aus.

»Meine Herren, Dozenten der Polizei bei den Kleinen im Verkehrsunterricht oder in einer siebten Klasse in Gemeinschaftskunde, das würde der Schule Lebensnähe schenken. Recherchierende Kriminalbeamte aber in der dreizehnten Klasse, das stört den Ruf meines Gymnasiums. Warum schrieben frühere Regierungen unsere Notrufe in den Wind?«, ereiferte sich der Schulleiter. »Wir Pädagogen haben früh genug vor den Folgen des totalen Fernsehens gewarnt, vor Gewaltvideos, vor Schulsilos und vor einer Bildungsinflation. Unter dem Strich betrachtet, nähern wir uns der amerikanischen Schulrealität.«

Er zeigte auf die Sessel, die angeschafft worden waren, als die Politiker noch nicht den Rotstift in den Händen hielten.

»Darüber müssen Sie mit anderen diskutieren, Herr Direktor. Ihre Schülerin Dagmar von den Höfen wurde das Opfer eines brutalen Verbrechens. Diese Dagmar, das Opfer, muss nach den bisher vorliegenden Erkenntnissen ihren Mörder nicht nur gekannt, sondern ihn auch noch zum Tee eingeladen haben. Es ist deshalb verständlich, dass wir uns im Umfeld Ihrer Schüler umsehen müssen«, sagte Lehnartz.

»Und wie stellen Sie sich ein Entgegenkommen vor?«, fragte Dr. Sandmann, dem die fordernde Art der Kriminalbeamten nicht passte.

»Bevor wir uns von ihrem Klassenlehrer ein Bild von Dagmars Persönlichkeit zeichnen lassen, läge uns daran, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler kennenzulernen. Diese wissen oft mehr als Eltern und Lehrer«, sagte Sperber, der die meisten Lehrer nicht ausstehen konnte.

»Es gibt klare Richtlinien der Bezirksregierung. Ich kann nicht einfach Kriminalbeamte auf eine Klasse loslassen. Obwohl eine Schülerin der Schule einem schrecklichen Verbrechen zum Opfer fiel«, antwortete Dr. Sandmann unsicher.

»Eine Schülerin wurde ermordet! Ist das nicht Grund genug? Ist das Abitur der Klasse gefährdet, wenn mal eine Stunde ausfällt? Rufen Sie Ihren Dezernenten an, und geben Sie mir dann den Hörer«, sagte Lehnartz forsch.

Sandmann blickte irritiert um sich.

»Warten Sie! Mein Koordinator Dehart«, sagte er nur, stand auf und wies seine Sekretärin im Vorzimmer an, Dehart zu ihnen zu holen.

Die Kriminalbeamten schauten dem kleinen Mann entgegen, der sich entsprechend seiner Führungsrolle zwar leger, aber korrekt gekleidet hatte. Sein stumpfes Gesicht mit einer angeschwollenen Lippe wirkte seltsam fahrig. »Herr Dehart, die Herren sind von der Kriminalpolizei. Sie wünschen, die Schüler und Schülerinnen der dreizehnten Klasse zu sprechen, und auch Warringa, den Klassenlehrer. Kümmern Sie sich bitte darum. Soweit ich weiß, ist das Zimmer des Personalrates unbesetzt«, sagte Dr. Sandmann.

Studiendirektor Dehart schritt den Polizeibeamten voraus. Seitlich lagen die Klassentüren. Schüler spritzten davon, als sie den Lehrer bemerkten. Erst am Ende eines langen Flures steckte Dehart den Schlüssel ins Schloss und hielt mit einer Geste, als wollte er die Kriminalbeamten bewirten, die Tür auf.

»Warten Sie hier, ich werde den Kollegen Warringa zu Ihnen bitten«, sagte er mit einem höflichen Lächeln.

Um einen runden Tisch gruppierten sich mehrere Stühle. Auf einem kleinen Schreibtisch stand eine Schreibmaschine. An den Wänden hingen gerahmte Kalenderblätter antiker Städte.

Lehnartz blickte sich um. »Ich bin lange nicht mehr in einer Schule gewesen.«

»Schlechte Erinnerungen, Chef?«, fragte Sperber grinsend.

»Es gab auch nette Lehrer. Aber solche wie dieser ausgetrocknete Doktor Sandmann und dieser arrogante Dehart haben mir die Schule verleidet.«

»Es geht in unseren Recherchen nicht um Lehrer, Chef, sondern um den Tod einer Schülerin dieser Anstalt«, sagte Sperber spöttisch.

Jemand klopfte an die Tür.

»Herein«, rief Lehnartz.

Oberstudienrat Warringa betrat das kleine Zimmer. Er wirkte sympathisch, doch der Tod dieser Dagmar von den Höfen schien ihn sehr mitgenommen zu haben. Der Lehrer, ein Kleiderschrank, der bestimmt mehr als zwei Zentner auf die Waage brachte, schaute die Kriminalbeamten unsicher an, so als hätten sie ihn als Angeklagten zu sich gebeten.

Der Stuhl knarrte leicht unter seinem Gewicht.

Lehnartz holte Zigaretten aus seiner Tasche. Der Lehrer nahm eine an und hielt selbst sein Feuerzeug hin.

»Es ist sicherlich nicht einfach, einen Tag nach dem Mord an Ihrer Schülerin mit der Klasse Unterricht zu veranstalten«, sagte Lehnartz.

Der Lehrer rauchte nervös und stöhnte auf: »Es ist furchtbar! Sie war so begabt.«

Die Kriminalbeamten sahen, dass der Lehrer erschöpft war.

»War Dagmar schwierig zu führen, gab es Liebschaften in der Klasse? Hatte sie in der Schule Feinde?«, reihte Lehnartz die Fragen aneinander.

Der Lehrer kämpfte mit sich. Sein Blick war auf eines der Kalenderblätter gerichtet, als studierte er die Marmorruinen von Pergamon und könnte dort Antworten finden. Dann schaute er die Beamten müde an.

»Dagmar sah sehr gut aus, sie war ehrgeizig und eine Schülerin, die sich gern in den Mittelpunkt stellte. Sie lechzte nach Bewunderung und Anerkennung. Ich musste sie gelegentlich etwas bremsen, da sie mit ihrem Einfühlungsvermögen in literarische Texte einer türkischen Schülerin unterlegen war.« Warringa drückte die Zigarette im Aschenbecher aus.

Die Beamten horchten auf.

»Diese angedeutete Konkurrenz, könnte sie auch zu Feindschaften geführt haben?«, fragte Lehnartz.

Der Lehrer sah sie erstaunt an.

»Sie meinen, ob sie in Hass umgeschlagen ist und Sevda der Dagmar die Kehle durchgeschnitten haben könnte?«

Lehnartz nickte nur und betrachtete Warringa, der seinen Blick erneut auf das Kalenderblatt von Pergamon heftete.

Durch sein Gesicht lief ein leichtes Zittern. Er strich sich mit den Händen über den Haarkranz und schwieg.

»Herr Warringa, erste Thesen sind nie endgültig. Doch Sie können uns helfen, die richtigen Schlüsse zu ziehen«, sagte Sperber behutsam.

Der Lehrer antwortete nicht. So, als hätte er nicht zugehört, fragte er plötzlich: »Mit welcher Waffe brachte der Mörder das Mädchen um?«

»Es war ein Brotmesser, das ziemlich abgeschliffen und nur noch daumenbreit war«, antwortete Lehnartz.

»Haben Ihre Zeitungshinweise schon Ergebnisse gebracht?«, fragte der Lehrer.

»Nein, es gibt keine Zeugen, die den Mörder gesehen haben«, antwortete Sperber.

So, als atme der Lehrer auf, sagte er ein wenig erleichtert: »Sevda, die Türkin, ist an den Rollstuhl gefesselt. Sie hat eine feine Seele, Herr Kommissar, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will. Sevda Yildizlar kann leiden wie Kafka. Wenn sie das Opfer gewesen wäre, hätte ich auf Dagmar von den Höfen getippt.«

So, als hätte ihr Gespräch dem Lehrer zu neuen Kräften verholfen, blickte er um sich.

»Die Situation Ihrer Klasse kann uns also außer der Rivalität zwischen der türkischen Schülerin und dem Opfer nicht weiterhelfen?«, fragte Sperber.

Oberstudienrat Warringa erhob sich.

»Nein, wenn Sie gestatten, dann möchte ich zurück zu meinen Schülern.«

»Nehmen Sie uns mit. Ihr Chef, Doktor Sandmann, hat uns den Besuch erlaubt, allerdings mit Bedenken«, sagte Lehnartz.

Warringa schien sich zu ekeln, aber er sagte nichts und schritt wie ein tapsiger Bär den Beamten voraus.

Warringa stellte die Kommissare seiner Klasse vor. Er selbst lehnte sich an das Fenster und blickte auf die Dächer der kleinen Häuser, die vor den hohen Bäumen des Kirchplatzes lagen.

Er vernahm die Fragen der Polizeibeamten, hörte die Antworten seiner Schülerinnen und Schüler, die zu keinen Ergebnissen führten.

Dagmar von den Höfen hatte in einer Welt gelebt, zu der sie ihren Mitschülerinnen und Mitschülern keinen Zutritt gelassen hatte. Selbst wenn sie gelegentlich während der Freistunden mit ihnen das Stadtcafé aufgesucht hatte, konnte sie sich vom Schulstoff nicht lösen. Warringa wusste, dass die Beamten ihre Zeit vergeudeten.

Würden sie bald zu ihm kommen? Das war logisch und zu befürchten. Doch bis dahin musste er noch einiges richtigstellen.

Warringa wandte sich ab vom Fenster, als die Kriminalbeamten sich verabschiedeten. Er bemühte sich, den Unterricht hinter sich zu bringen.

Ein aufgebriester Wind trieb schwere, tief hängende grauschwarze Regenwolken über den Deich. Aus dem seitlichen Wassergraben stieg ein Fischreiher auf und kämpfte mit weiten Flügelschlägen gegen den Wind an.

Lehnartz steuerte den Wagen dem Hof entgegen. Die hohen Bäume, die das Dach des Bauernhofes überragten, bogen sich in einer Bö. Als er auf dem Hof parkte, sah er, wie der Verkäufer des Textilhauses aus der Eingangstür trat.

»Die übliche Trauerkollektion zur Auswahl«, sagte Sperber. Sie stiegen aus. Der Hund kläffte wie verrückt.

Lehnartz blickte hinüber. »Der Köter wird den Mörder gesehen haben. Seinen Geruch hat er gespeichert, doch er kann uns keinen Tipp geben«, sagte er.

Von den Höfen erschien in der Tür. Der Landwirt war um Jahre gealtert. Schweigend reichte er den Beamten die Hand. Er führte sie in das kleine Büro. Auf dem Schreibtisch lagen die Schachteln und Tüten des Textilhauses.

»Wir müssen die Nerven behalten und uns in unser Schicksal fügen. Meine Frau ist Gott sei Dank vor Erschöpfung eingeschlafen«, sagte von den Höfen.

»Dagmar muss einem Bekannten die Tür geöffnet haben. Deshalb möchten wir uns gerne in ihrem Zimmer umschauen«, sagte der Kommissar.

»Kommen Sie, ich begleite Sie nach oben«, antwortete der Landwirt. Die Tür zum Wohnzimmer war verschlossen. An der Klinke hing ein Strauß Tulpen. Die Treppenstufen knarrten.

Dagmars Reich lag in der zweiten Etage.

Die Eltern hatten tief in die Tasche gegriffen, denn Dagmar besaß nicht nur ein eigenes Bad, sondern auch ein Schlafzimmer und ein großes Studier- und Wohnzimmer.

»Sehen Sie sich um«, sagte der Landwirt und stieg wieder nach unten.

Sie begannen ihre Suche im Wohnbereich. Die Poster an den Wänden wie üblich, Popsänger. Die Lektüre in Bettnähe, Kafka. Der Kleiderschrank gab nichts her, was hätte Aufmerksamkeit hervorrufen können. Das kombinierte Wohn- und Studierzimmer verriet mehr über den Charakter des Mädchens. Ein eigenes Fernsehgerät, eine Plattensammlung mit entsprechenden Hi-Fi-Türmen zeugten vom Wohlstand des Elternhauses.

Die Bücherborde mit Literatur der Kindheit bis hin zu den gängigen Bestsellern hinterließen den Eindruck, dass das Mädchen viel und gerne las. Ein Schachspiel wirkte dekorativ auf einem Regalbrett. Lehnartz, der nur gelegentlich mit seiner Frau Schach spielte, blickte auf das Schachbrett. Die Figuren standen in der Eröffnungsposition. Ihn störte etwas an der Aufstellung. Ein Feld war unbesetzt.

»Chef, sie besitzt kaum Briefe, keine aufregenden Fotoalben, auch kein Tagebuch oder Poesiealbum mit Anschriften von Freunden«, sagte Sperber unlustig und verschloss die Schubladen unterhalb der Bücherborde.

»Gehen wir, Sperber«, sagte Lehnartz unzufrieden. Der Landwirt telefonierte in dem kleinen Büro. Seinem Nicken entnahmen sie, dass er keine Frage hatte.

Sie gingen zum Auto und fuhren zum Kreiskrankenhaus.

Der Portier schaute auf ihre Polizeimarken.

»Ich lasse Herrn Doktor van Neesen rufen«, sagte er kurz angebunden. Sie saßen auf den Klappstühlen im Vorraum. Ein unangenehmer Geruch, es war wohl das Putzmittel, stieg ihnen in die Nase. Wie Gespenster schlichen ältere Menschen in ihren Bademänteln über den Gang.

Van Neesen kam von oben über eine Treppe zu ihnen.

Er war noch im Dienst, wie seine weiße Berufskleidung verriet.

»Meine Herren, mein Bericht wartet auf die Reinschrift. Doch zu Ihrer Schnellinformation: Dagmar von den Höfen hat unmittelbar vor ihrem Tode, darunter verstehe ich maximal sechzig Minuten, Tee getrunken, vom Klaben gegessen und, wie ihr Speisebrei und die Blutanalyse aussagen, einige Zigaretten geraucht. Das Mädchen war keine Jungfrau mehr, sondern alles lässt darauf schließen, dass sie einen fast regelmäßigen Verkehr mit Männern unterhielt. Doch an dem schrecklichen Nachmittag hatte sie mit keinem Mann geschlafen. Ein Sexualverbrechen können Sie deshalb ausschließen.«

Lehnartz bedankte sich. Sie verabschiedeten sich von dem Arzt.

»Es ist seltsam, ich hatte auch vorher nicht an ein Sexualverbrechen gedacht«, sagte Lehnartz.

»Das stimmt, Chef, diese reagieren sich meist wie irrsinnig ab und töten dann das Opfer nicht so brutal«, meinte Sperber.

»Mord ist Mord. Alle sind sie brutal. Nur für Juristen gibt es da feine Nuancen«, sagte Lehnartz.

Sie stiegen in ihren Wagen und fuhren im Berufsverkehr in die Innenstadt.

»Trinken wir einen Kaffee?«, fragte Lehnartz seinen Assistenten.

»Der kann uns sicher nicht schaden«, erwiderte Sperber grinsend.

Kommissar Lehnartz sah die Morgenpost durch. Ihm fiel das alte vergilbte Kuvert auf, das den Poststempel des Hauptpostamtes trug.

»Kein Absender«, sagte er und öffnete neugierig den Umschlag. Überrascht schaute er auf die steil gesetzten Buchstaben.

»Hör zu, Sperber.« Der Kommissar las: »Meine Herren, als Rentner und Witwer habe ich viel Zeit und Muße und lebe ohne Blick auf die Uhr. Zu meinen Lebensgewohnheiten gehört es seit eh und je, abends einen Dämmerschoppen einzunehmen, der mir hilft, mit den Grübeleien des Alters fertig zu werden. Doch nun mein Beitrag: Vor wenigen Stunden bin ich zurückgekommen. Ich habe meine Schwester besucht. Sie wohnt in Dortmund und ist siebzig Jahre geworden. Bei der Durchsicht der Zeitungen fand ich den Bericht über den Mord an der Abiturientin Dagmar von den Höfen. Das Verbrechen hat mich mehr als erschüttert, da ich das hübsche Fräulein an zwei Abenden vor dem Mord im Ostfriesischen Krug beobachtet habe. Wenn meine Eindrücke für Sie wichtig sein sollten, dann besuchen Sie mich. Meine Adresse: Jesko von Patten, Seniorenheim, App. 37 A.«

Lehnartz legte den Brief auf den Schreibtisch.

»Endlich kommt der Schlitten in Fahrt«, sagte Sperber.

Lehnartz nahm den zweiten Umschlag, der das Dienstsiegel ihrer Behörde trug.

»Nun die amtliche Seite des Falles«, sagte er. Er überflog die Schreibmaschinenseiten, hob den Kopf, nickte und begann laut zu zitieren.

»Fingerabdrücke befinden sich nicht nur auf dem Messergriff. Opfer und Unbekannter hinterließen ebenfalls an den Teilen des Teegeschirrs, im Küchenbereich und auch an der Türklinke ihre Abdrücke.«

»Und sie gehören zu keiner bisher bekannten Person?«, fragte Sperber.

»Hier, lies selbst«, sagte der Kommissar und reichte dem Assistenten das Schreiben. »Verlor der Mörder, als friedlicher Teegast von Dagmar selbst eingeladen, vielleicht die Beherrschung? Hatte sie ihn irgendwie zur Tat gereizt?«

Sperber nickte. »In diese Richtung führt die Suche, da ein Sexualmord ausgeschlossen werden kann.«

»Nun, fürs Erste ein Anfang. Der Mörder hat in Panik den Tatort verlassen, weil die Türkin Yildizlar ihm in die Quere kam. Eine Chance für uns, den zu finden, dem nicht die Zeit blieb, seine Fingerabdrücke zu verwischen«, stellte der Kommissar optimistisch fest.

»Suchen wir den Rentner auf, Chef. Dem Text des Briefes entnehme ich, dass er kein verkalkter Schwätzer ist.«

Der Kommissar schaute auf die Uhr.

»Um diese Tageszeit vertreiben sich die wohlverdienten Pensionäre mit Zeitunglesen und einem Rest in der Kaffeetasse die Langeweile. Also nichts wie hin.«

In einem parkähnlichen Anwesen mit gepflegten Vorgärten, Rasenflächen und kleinen Blumenbeeten befanden sich die Gebäude des Seniorenheimes.

Das Wetter war freundlich. In der Frühsommersonne saßen einige ältere Frauen auf weißen Bänken.

Die Dame in der Rezeption telefonierte, wies ihnen danach den Weg zum Speisesaal, da Herr von Patten sich nicht in seinem Apartment aufhielt.

Eine Schwester führte sie an den Tisch. Der alte Herr legte die Zeitung beiseite und musterte die Besucher mit listigen Augen.

»Ich dachte mir, dass meine Beobachtungen für Sie wichtig sein könnten, Herr Kommissar. Ich bin noch nicht senil. Ich wollte meinen Töchtern nicht zur Last fallen, und mein Ruhestandsgeld reicht aus, mir mein tägliches Bierchen in den renommierten Kneipen unserer kleinen Stadt gönnen zu können«, sagte er und wartete auf die Resonanz.

»Ich bin Kommissar Lehnartz, Herr von Patten, und das ist mein Assistent Sperber. Leider haben wir bisher keine Hinweise erhalten. Vielleicht gelingt es Ihnen, uns in dem Fall voranzubringen«, sagte Lehnartz.

»Herr Kommissar, vor einigen Jahren hatte ich ein eigenes Büro mit Sekretärin bei einer hiesigen Firma mit Weltruf. Ich stehe deshalb auf Tradition«, sagte er, stand auf und schritt stolz und aufrecht davon. Seine Kleidung war korrekt und vornehm. Er lächelte, als er zurückkehrte und sich zu seinen Besuchern setzte.

»Meine Herren, ich werde Ihnen jetzt meine Geschichte vortragen«, sagte er. Er wies zur Tür hin und fuhr fort: »Die Schwester wird uns einen Tee servieren. Vielleicht kann ich bis dahin einige Bemerkungen vorausschicken.«

Der Kommissar nickte und beobachtete den würdigen Herrn.

»Im Alter werden Alltäglichkeiten zu aufregenden Ereignissen«, begann von Patten. »So trieb mich am Abend eine ungeheure Neugierde an, als ich im Ostfriesischen Krug saß und ein hübsches junges Mädchen beobachtete, das mit einem mir Unbekannten Schach spielte. Doch der Abend im Krug gehörte einem Stammtisch. Es waren Herren vom Gymnasium, wie ich den Gesprächen entnahm. Sie feierten eine Beförderung. Ein Oberstudienrat aus ihren Reihen war wohl befördert worden und spendierte die Runden. Die Herren waren lustig und witzig. Ich fand Gefallen an dem hübschen Mädchen und wunderte mich, dass sie den Sichtkontakt mit dem frischen Studiendirektor aufnahm und begann, während sie siegreich mit den Figuren spielte, mit diesem Mann zu flirten. Der Lehrer, so um die vierzig, modisch gekleidet, mit welligem Haar und einer etwas angeschwollenen Lippe, signalisierte der jungen Frau etwas, verschwand dann durch die Hintertür. Ich hörte, dass das Schachspiel mit ihrer Schachmattandrohung für sie siegreich zu Ende ging, und sah zu, wie auch sie sich der Tür näherte, die zu den Toiletten führte. Ich wartete einige Minuten, spürte dann ebenfalls einen Blasendruck und verließ das Lokal. Jemand schritt durch den abgedunkelten Flur der Tür, die zum Parkplatz führt, hastig entgegen. Während ich meinen Strahl gegen die Fliesen hielt, hörte ich das Rumpeln der Kugeln von der Kegelbahn. Ich drehte mich um, die Klokabinen waren leer. Neugierig schritt ich in den Flur. Die Tür zum Saal war angelehnt. Ich schob sie einen Spalt auf und wurde unfreiwillig Zeuge, wie der kleine Studiendirektor die hübsche, junge Frau mit heruntergelassenen Hosen bearbeitete.«

Die Schwester erschien und servierte den Tee. Echt mit Stövchen, Sahne und Kluntjetopf im Muster der ostfriesischen Rose.

Der alte Herr schwieg, bediente sich und grinste, als hätte er einen Witz erzählt.

»Sicherlich steht es uns nicht zu, hier nach moralischen Grundsätzen zu suchen, Herr von Patten. Dennoch finde auch ich das Verhalten der Dagmar befremdend«, sagte Lehnartz.

Sie tranken Tee. Der Alte grinste.

»Ich will nicht von unserer Zeit reden. Aber, Herr Kommissar, die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Einem Zufall folgend, suchte ich am nächsten Abend wieder den Krug auf. Zu meiner Überraschung spielte die schöne junge Frau mit einem anderen Partner Schach am selben Tisch. Am Stammtisch saßen an diesem Abend Norder Honoratioren, die ich nur zum Teil kannte. Um es kurz zu machen, ein kräftiger Herr im Blazer, den sie mit Kapitän anredeten, begann mit der Schönheit einen Flirt. Nun war ich auf dem Posten, als sich das Spiel vom Vorabend zu wiederholen schien. Ich folgte beiden zur Toilette. Doch dort ließ ich als einziger Besucher mein Wasser ab. Die Kegelbahn war nicht gebucht. Ich öffnete die Tür und wurde Zeuge, wie dieser Kapitän es mit dem Mädchen trieb. Nun, am Morgen des nächsten Tages fuhr ich zu meiner Schwester«, beendete von Patten seinen Vortrag. Er blickte um sich, schaute dann die Kriminalbeamten stolz an.

»Ihre Aussage hat uns sehr geholfen, Herr von Patten«, sagte Sperber. »Sind Sie auch bereit, uns Ihre Beobachtungen zu Protokoll zu geben?«

»Ich stehe zu Ihren Diensten, selbst für eine Gegenüberstellung«, antwortete der Alte.

Die Beamten verabschiedeten sich von dem rüstigen Mann und fuhren zur Dienststelle.

Sperber holte die Schreibmaschine hervor und stellte sie auf den Tisch.

»Ich fertige ein Kurzprotokoll an«, sagte er.

»Und die Fingerabdrücke des Unbekannten?«, gab Lehnartz zu bedenken.

»Ich setze auf den Stammtisch der Lehrer oder der Honoratioren, was man darunter auch immer verstehen mag«, antwortete der Assistent.

Lehnartz grinste breit. »Jedenfalls gehören wir weder der einen noch der anderen Gruppe an.«

»Dann gilt es festzustellen, ob von Patten tatsächlich Dagmar beobachtet hat«, sagte Sperber.

»Der Kellner vom Ostfriesischen Krug wird uns da weiterhelfen«, meinte Lehnartz.

»Ein hoffnungsvoller Start, Chef. Ich …« Das Telefon unterbrach Sperber.

Lehnartz nahm ab.

»Kripo Norden, Kommissar Lehnartz«, meldete er sich. Sein Gesicht verfinsterte sich langsam. Er schaute Sperber an. »Sie rufen aus dem Büro der Forstverwaltung an? Wir sind schon unterwegs. Ich benachrichtige einen Arzt und einen Bestattungsunternehmer.« Er legte den Hörer auf. »Ein zweiter Fall, Sperber«, sagte er gepresst. »Das Schicksal meint es nicht gut mit unserer Kleinstadt. Wir haben die Ludgeri-Kirche renovieren lassen und der historischen Orgel zu ihrem alten Klang verholfen. Nun, nach dem Mord an der hübschen Dagmar fand ein Spaziergänger im Lütetsburger Forst eine Leiche.«

Der Kommissar beugte sich vor und nahm den Telefonhörer wieder ab.

4

Abseits von den üblichen Wanderwegen, mehr mitten im Wald, hing an einem Ast der Tote. Doch nicht die verquollenen Augen, auch nicht das fast abgefallene Fleisch, das an den Knöcheln unter der hochgezogenen Hose sichtbar wurde, erschütterte die Beamten, sondern, dass dieser Mann kein Einheimischer, sondern ein Schwarzer war. Kein Windhauch vertrieb den süßlichen Verwesungsgeruch. Die Luft stand, und die Schwüle schien auf das Gewitter zu warten, das sich mit schwarzen, drohenden Wolken ankündigte.

Dr. van Neesen rümpfte die Nase.

»An den wage ich mich nicht heran. Den müssen sie so, wie sie ihn vom Ast nehmen, in das gerichtsmedizinische Institut nach Göttingen verfrachten«, sagte er, als besäße er keine Nerven.

»Auf den ersten Blick spricht alles dafür, dass der Mann sich erhängt hat«, sagte Sperber.

Auch Lehnartz, der den Strick betrachtete, dessen verflochtene Linien Verwitterungen zeigten, nickte und suchte den Boden ab. Ihm kam es seltsam vor, dass er kein Gepäckstück fand, nichts. Nicht einmal eine Plastiktüte! So, als hätte der Mann sich mit einem gekauften Stück Seil hierherbegeben, um sich zielbewusst an einem abgelegenen Ort an einen Ast zu hängen, damit man ihn nicht so schnell fand.

Sperber trug Gummihandschuhe. Vorsichtig, als könnte er den Toten wecken, durchsuchte er die Hosen- und Jackentaschen.

»Nichts«, sagte er enttäuscht und bleich.

»Für unseren Bericht haben wir uns ihn lange genug angeschaut. Nehmen Sie den Mann vom Ast. Schaffen Sie ihn nach Göttingen!«, ordnete der Kommissar an.

»Und wer bezahlt mir das?«, fragte der junge Bestattungsunternehmer.

»Wir. Für ihn kratzen wir unsere Etatreste zusammen«, antwortete Lehnartz.

Der Fotograf schoss seine letzten Bilder aus der Froschperspektive und schritt davon.

Lehnartz sah zu, wie die Feuerwehrleute die Sargschale anhoben und das Opfer darin verschwand. Der Brandmeister schnitt das Seil durch. Der süßliche Verwesungsgeruch strich aus dem Sarg zu ihm hin, als die Männer die angeweste Leiche des Selbstmörders davontrugen. Er gesellte sich zu Sperber, der den Boden gewissenhaft absuchte. Sie fanden nichts. Nicht einmal ein Taschentuch, keine letzte Zigarettenkippe des Opfers.

Ob der Tote, der Jeans und eine Jacke aus Stoff trug, irgendwo in ihrer Stadt Spuren seines Lebens hinterlassen hatte, das würden sie bald erfahren.

Erste Blitze zuckten vom Himmel. Der Donner rollte aus.

»Gehen wir, Chef«, sagte Sperber. »Opfer haben wir genug. Ich möchte nicht auch noch vom Blitz erschlagen werden.«

Sie hasteten zu ihrem Wagen.

Kommissar Lehnartz legte den Hörer auf die Gabel. Er hatte das LKA benachrichtigt.

Sperber befand sich auf dem Weg zur Presse, um die Suchmeldung aufzugeben.

Das Geheimnis des Schwarzen wird uns weniger Mühe kosten, dachte der Kommissar. Irgendwo hat der Selbstmörder übernachtet, eine Fahrkarte gekauft oder eine Mahlzeit zu sich genommen. Sicherlich war es seltsam, dass bei ihnen keine Vermisstenmeldung eingegangen war.

Mehr Probleme lieferte ihnen der Mord an Dagmar von den Höfen. Lehnartz blickte müde auf die Schreibtischplatte. Es war ruhig im Dienstzimmer, auch draußen hatte der Autoverkehr bereits nachgelassen. Sein Assistent blieb lange aus. Es war bereits zwanzig Uhr. Noch hatten sie keinen Feierabend. Er freute sich auf das Bier, das auf Spesenrechnung ging und den Stress mildern konnte.

Sperber betrat das Zimmer. Er behielt seine flotte Lederjacke an und legte das Kuvert auf den Schreibtisch.

»Die Bilder, Chef. Zum Kotzen scharf«, sagte er.

Lehnartz entnahm sie der offenen Versandtasche. Im DIN-A 4-Format und in Farbe beherrschte der mit geneigtem Kopf am Seil hängende Schwarze gruselig das aufkeimende Grün des Waldes. Von allen Seiten, selbst aus der Froschperspektive, hatte Manshold sein Objekt abgelichtet.

Lehnartz schüttelte sich.

»Wenn der zufällige Wanderer sich für seine Notdurft eine andere Stelle ausgesucht hätte, wäre in wenigen Wochen nur sein Gerippe übrig geblieben«, meinte Sperber.

Der Kommissar legte die Bilder ab.

»Ich setze auf die Wissenschaft«, sagte er. »Die in Göttingen werden ihm auf die Schliche kommen.« Er stand auf und griff nach seiner Jacke. »Vergessen wir ihn für heute. Wir wollen dem Hinweis des rüstigen Pensionärs den nötigen Ernst und Durst widmen.«

In der Gaststube des Ostfriesischen Krugs war kaum Betrieb.

»Gemütlich«, meinte Sperber und wies auf das alte Seegemälde, das ihnen gegenüber an der getäfelten Wand hing.

»Ich war lange nicht mehr hier. Es hat sich nichts verändert«, sagte Lehnartz.

Der Kellner näherte sich ihnen.

Lehnartz bestellte zwei Bier und folgte dem Kellner zum Tresen.

»Ich warte auf Sie an der Rezeption, Herr Deichner«, sagte er. »Ich muss mit Ihnen reden.«

Der Kellner bestellte die Biere, füllte einen Bon aus und verließ das Lokal.

Lehnartz stand vor der vereinsamten Rezeption. Er hielt seine Polizeimarke in der Hand.

»Kripo, Kommissar Lehnartz. Herr Deichner, schauen Sie sich das Foto an.«

Deichner blickte nervös auf das Bild.

»Befand sich das Mädchen an den Abenden des dreizehnten und des vierzehnten Mai so um diese Zeit drüben im Lokal?«, fragte Lehnartz.

Deichner sah den Kommissar besorgt an.

»Ja, sie spielte abends oft mit wechselnden Partnern Schach, machte keine hohe Zeche, meist trank sie Kaffee«, sagte er.

»Und Sie lesen keine Zeitung?«, fragte Lehnartz böse.

Er beobachtete, wie in das Gesicht des Kellners eine leichte Röte stieg.

»Nein, Herr Kommissar. Wenn ich nachts nach Hause komme, dann falle ich müde in mein Bett. Meine Frau arbeitet als Krankenschwester. Sie verlässt unser Haus sehr früh, und ich habe die Kinder zu versorgen. Wir wohnen einsam draußen im Westermarsch. Ich muss doch die Schulden bezahlen, von der Pleite in Dortmund«, sagte der Kellner.

»Davon weiß ich nichts, und das geht mich auch nichts an. Haben Sie irgendetwas Besonderes an dem Mädchen entdeckt, wenn sie hier Schach spielte?«, fragte Lehnartz.

»Nein, nur, dass ihre Partner meist ältere Männer waren und«, Deichner kicherte, »und Homos.«

»Danke«, sagte der Kommissar und schritt nachdenklich zur Gaststube zurück.

Sperber sah ihn forschend an.

»War sie es?«, fragte er.

Lehnartz nickte.

Der Kellner brachte ihnen die Pils.

»Prost«, sagte Lehnartz. Er ergriff das Tulpenglas und trank genüsslich.

Auch Sperber hatte Durst.

»Wer war denn nun der Mörder?«, fragte er.

»Irgendeiner, vielleicht einer vom Honoratiorenstammtisch oder ein Lehrer, wer weiß«, murmelte der Kommissar. Er erhob sich, suchte die Toiletten auf und öffnete danach die Türen zur Kegelbahn und zum Saal. Doch an diesem Abend lagen beide Räume im friedlichen Dunkel.

»Noch ein Bier auf unsere Spesenrechnung?«, fragte Sperber, als Lehnartz zurückkam.

Der Kommissar nickte. »Dieser Rentner ist kein Spinner. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir ohne Aufsehen an die Fingerabdrücke der Herren gelangen können.«

»Ich schlage vor, damit am Gymnasium zu beginnen«, sagte Sperber. »Von Patten sprach von einem kleinen Lehrer, der befördert worden war. Der Leiter der Schule kann eine Dienstbesprechung einberufen. Wir nehmen ihn in die Zange.«

Der dürre Sandmann reagierte unfreundlich auf den Besuch der Kriminalbeamten. Er legte die Tageszeitung beiseite und wies auf die Sitzecke in seinem Oberstudiendirektorbüro. Seine verkniffenen Gesichtszüge und die huschenden Augen hinter der Intellektuellenbrille ließen erkennen, dass er es nicht dulden wollte, seine Anstalt ins Gerede kommen zu lassen. Der vertrocknete Paragraphenmensch begriff nicht, dass hier eine Tragödie aufgeklärt werden musste. Von oben herab, als wären die Kripobeamten ohne Bildung, sagte er: »Sie wollen doch nicht schon wieder Unruhe in unsere Schule tragen?«

Lehnartz war sauer. »Herr Direktor, nicht jeder, der lateinische Verben konjugieren kann, ist damit auch schon ein Mensch mit irdischer Vollkommenheit!«, erwiderte er

giftig.

Sandmann wurde böse.

»An meinem Gymnasium gibt es kaum Unterrichtsausfälle, und die wenigen Schüler, die für Ihre Recherchen wichtig sein könnten, haben auch ein Zuhause.«

»Wir sind nicht wegen einer Lappalie hier, Herr Doktor Sandmann«, sagte Sperber hart, »sondern um einen Mord aufzuklären, den Mord an einem Mädchen, das nach der schriftlichen Abiturprüfung bestialisch umgebracht wurde.«

Der Schulleiter griff nach seiner Brille, putzte die Gläser, setzte sie wieder auf und blickte die Beamten ironisch an.

»Meine Herren! Wir leben hier nicht in der Provinz. Dank meiner Position blicke ich über Großheide und Rechtsupweg hinaus und nehme Anteil am Geschehen in der Bundesrepublik. Doch auch Ihnen müsste es bekannt sein, dass die Schule nicht verantwortlich gemacht werden kann, wenn Kinder beim Surfen ertrinken, sich Rauschgift in die Adern drücken oder, wie in Ihrem Fall, sich den Mörder zum Tee einladen.«

Diese arrogante Sau, dachte Lehnartz. Laut sagte er: »Unser Auftrag besteht darin, den Mörder Ihrer Schülerin zu überführen. Und nun sage ich es Ihnen schonungslos ins Gesicht: Die Spur führt mitten hinein in Ihre heilige Anstalt!«

Dr. Sandmann wurde unsicher. Er strich über sein eng anliegendes graues Haar. Seine Augen schwirrten zur Decke, und so, als hätte er dort eine Lösung gefunden, sagte er: »Niemand verwehrt Ihnen, Fragen zu stellen.«

»Gut«, sagte Lehnartz. »Unsere Fragen betreffen nicht Sie, sondern richten sich an Ihre Lehrerschaft. Nach dem Stand unserer Ermittlungen können Sie Ihre Kolleginnen außer Betracht lassen bei der Bitte, eine Dienstbesprechung oder Lehrerkonferenz einzuberufen.«

Dr. Sandmann blickte mit starrer Miene auf den Schreibtisch. Seine schlanken Finger ordneten Schreibutensilien.

»Unter diesen Umständen bin ich bereit, das Kollegium zu einer Sonderveranstaltung zusammenzurufen.«

»Das wird sich nicht vermeiden lassen«, sagte Sperber. »Passt es Ihnen, wenn wir uns übermorgen gegen fünfzehn Uhr in Ihrem Lehrerzimmer einfinden?«

Dr. Sandmann nickte. Er wirkte blutleerer denn je.

»Gut, Herr Direktor, bis dann«, sagte Lehnartz und erhob sich.

Sandmann ließ die Beamten ziehen. Lange saß er noch vor seinem Schreibtisch und ängstigte sich, einen Fehler begangen zu haben. Er studierte seine Konferenzordnung, suchte nach Paragraphen und dachte weniger an die menschliche Tragödie im Vorfeld seiner Schule als an den Leitenden Oberschuldirektor.

Sevda Yildizlar beobachtete mehr denn je ihren Lieblingslehrer Warringa, der sich redlich abmühte, ihnen die Bedeutung Kafkas für die jüngere deutsche Literatur klarzumachen. Dieses aufbereitete Wissen sollten sie im mündlichen Abitur mit eigenen Worten nur wiedergeben können, mehr erwartete er nicht.

»Der Dichter hat äußerst leidenschaftlich und eigenwillig mit dem Stempel seiner Genialität die Existenz des Menschen in Frage gestellt, indem er ihn in die Einsamkeit, vielleicht in die Sinnlosigkeit verwiesen hat. Ja, sogar ihm ein Dasein ohne Ausweg vorgedacht hat. Gott ließ er in dieser Situation ohne Antwort«, dozierte Warringa. Er wirkte unausgeschlafen.

Sevda fühlte mit ihm und glaubte zu wissen, weshalb er litt. Sie hob die Hand, um ihm beizustehen, ihm zu helfen.

»Sevda?«, fragte Warringa mit müden Augen.

»Kafka verlor selbst seine beruhigende Autorität als Erzähler: Er fand sich umherirrend in Angst und Sehnsucht, Schuld und Ratlosigkeit. Der Mensch bleibt für ihn stets in einer Fremde als ein Opfer des Unenträtselbaren«, sagte Sevda. Die Schülerin bemühte sich um Klarheit und half sich und der Klasse, in einfachen Worten den Unterricht an den Lesetext zurückzuführen.

Warringa schwitzte. Er dachte an die plötzlich einberufene Konferenz. Er misstraute Sandmann und fürchtete, der falsch ausgelegte Kuss Sevdas könnte zu einem Tagesordnungspunkt werden, zwar verschleiert, aber deutlich genug, ihn, den Unbeugsamen und Unbequemen, zu treffen.

Er fühlte ein leises Zittern, als er auf den leeren Platz blickte, auf dem sonst Dagmar von den Höfen saß und sich mit Argumenten eingeschaltet hatte, um Sevda nicht allein das Feld zu überlassen.

Morgen würde sie beerdigt werden.

Sollte er sich krank melden? Dem Unterricht und der Konferenz fernbleiben? Doch das lehnte er als Persönlichkeit ab.

Bisher war er immer seinen Widersachern Auge in Auge entgegengetreten, und daran sollte sich nichts ändern.

Warringa beobachtete, wie Sevda ihre Schultasche auf dem Rollstuhl verstaute. Sie verließ diesmal den Unterricht sofort nach dem Klingelzeichen.

Luzifer unterrichtete in den nächsten zwei Stunden die Klasse. Es war gefährlich für die junge Türkin, seinen Unterricht zu schwänzen. Doch er brachte nicht die Kraft auf, Sevda zurückzuhalten. Müde ging er dem Lehrerzimmer entgegen, in dem er sich isoliert fühlte.

Dagmar von den Höfen wurde in Hage beerdigt.

Studiendirektor Dehart hatte hilfreich mit entsprechendem Wind und Wirbel einen Bus bestellt, der zulasten des Schuletats ging. So, als unternähmen die geschockten Schülerinnen und Schüler und die Handvoll Lehrer einen Ausflug, hatte Dehart sich neben den Fahrer platziert und dirigierte den alten Mann durch den Verkehr, als hätte der keine Augen. Hinter ihm stand der Rollstuhl. Die Mitschüler hatten Sevda auf einen Sitz bugsiert, auf dem sie schweigsam saß und hin und wieder einen Blick auf ihren Lieblingslehrer Warringa warf.

Vor ihr auf der freien Sitzbank lag der Kranz mit der Klassenschleife. Sie wunderte sich darüber, dass Warringa zusätzlich noch einen Blumenstrauß in den Händen hielt, während er völlig abwesend, nur wie ein Schatten seiner Selbst, im Bussitz hockte.

»Da hat es auch einen Toten gegeben«, sagte der Busfahrer mit seiner rauchigen Stimme, als sie den Lütetsburger Wald passierten.

Dehart gab keine Antwort.

Sie näherten sich dem Friedhofsgelände. Überall parkten bereits Autos.

»Ich lasse Sie hier vor dem Friedhof aussteigen und parke auf dem Hotelparkplatz«, sagte der Fahrer.

Der Bus hielt, die Schülerinnen und Schüler stiegen aus, einige halfen Sevda.

Das Wetter brachte eine leichte Kühle, doch ein Blick nach oben ließ die Hoffnung zu, dass die Sonne sich bald durchsetzen würde.

Warringa ließ seine Schülerinnen und Schüler ohne Anweisungen ziehen und mied seine Kollegen. Er schlich wie ein alter Mann durch das Friedhofstor.

Sevda rollte ihren Krankenstuhl in seine Nähe, schaute ihn aufmunternd an, doch dann tauchte sie unter in den Strom der schwarz gekleideten Menschen, die der kleinen Kapelle entgegenschritten.

Hinter sich vernahm Warringa die Stimmen der Kollegen.

»Luzifer« beherrschte auch hier das Geschehen. Doch er sprach nicht von Trauer, nein, es ging um ein Tennismatch!

Warringa, dem schwere Gedanken zu schaffen machten, blieb stehen. Er bückte sich und band sein Schuhband fester.

Nun waren sie vor ihm, seine von Dr. Sandmann bewunderten Streiter an der pädagogischen Front, die nicht einmal im Angesicht eines brutalen Todes einer ihrer begabtesten Schülerinnen genügend Einfühlungsvermögen aufzubringen in der Lage waren.

Sehr viele waren gekommen, um Abschied von Dagmar zu nehmen. Ein Meer von schwarz gekleideten Trauergästen.

In der Pforte der Friedhofskapelle stand ein alter Mann, der seine Trauermiene wie ein Schauspieler verkaufte. Er verteilte im schwarzen Gewand Gedenkzettel.

Warringa ging an der Kapelle vorbei. Ihm stand nicht nach Trauergesang und ausgesuchten Worten, nach Elterntränen und Schülerschluchzen.

Tief in Gedanken schritt er an vergessenen Gräbern vorbei. In seinen Händen hielt er die Blumen. Er wartete hinter einem verblassten Grabstein, rauchte und fühlte sich ausgeschlossen und einsam.

5

Die Tische im abgewohnten Lehrerzimmer bildeten ein großes Viereck. Oberstudiendirektor Dr. Sandmann hatte seine Direktoren um sich versammelt.

Es ging witzig zu in einigen Ecken. Spott rief Gelächter hervor, doch die Spötter waren sicher, dass ihre bissigen Bemerkungen nicht bis zu Oberstudiendirektor Sandmann durchdringen konnten.

Durch die Lehrerschaft ging ein Raunen, als der Regierungs-Oberschuldirektor hastig neben Hero Dehart Platz nahm.

Dieser Besuch sagte ihnen, dass es um mehr ging als um ausgehängte Klotüren, überbesetzte Damentoiletten und Fehlstunden der Schüler. Erst recht stieg die Erwartung an, als zwei ihnen unbekannte, lässig gekleidete Herren erschienen. So, als hätten die Stühle seitlich für sie parat gestanden, nahmen sie Platz.

Sandmann erhob sich, räusperte sich und sprach in das Geraune: »Liebe Kolleginnen und Kollegen. Unser Beruf fordert von uns eine äußerst konsequente Selbstdisziplin. Das schriftliche Abitur liegt hinter uns, einige Kollegen sind mit den Korrekturen zusätzlich sehr belastet. Ich weiß, dass im Gegensatz zur Volksmeinung uns die Nachmittage nie selbst gehören, sondern von Ihnen allen zur Vor- und Nachbereitung der Lehrtätigkeit genutzt werden.«

Das hatten die Lehrer selten vernommen. Sie klopften begeistert auf den Tisch.

Sandmann fuhr fort: »Heute musste ich Sie in die Schule bitten, weil mich die anwesenden Kriminalbeamten dazu zwangen. Ich kenne das Anliegen der Ermittlungsbeamten nicht und habe deshalb unseren Leitenden Regierungs-Oberschuldirektor dazugebeten.«

In den leichten Beifall mischten sich Buhrufe.

Der Oberschuldirektor erhob sich. Er war der Mann, der die Lehrproben abnahm und vor dem selbst Sandmann zitterte.

Das Kollegium schwieg neugierig. Alle warteten auf die Sensation.

Oberstudienrat Warringa war am Ende. Er hatte sich in die Schule geschleppt. Ihn belasteten mehr Probleme, als dieser weinerlichen Kollegenschaft zuzumuten waren. Da saßen sie, einige Doppelgehaltsempfänger, und träumten von den Ferienzielen. Da schwatzten die aus reichen Elternhäusern von Mercedes-Modellen.

Seine Ehe war kaputt, seine Finanzen waren in Unordnung.

Er hörte die Stimme des höchsten Bosses.

»Sie können sicher sein, liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn hier Kriminalbeamte ihren Pflichten nachgehen müssen, dass wir von der Bezirksregierung uns unserer Fürsorgepflicht bewusst sind. Selbstverständlich müssen wir uns dann distanzieren, wenn, was ich für unmöglich halte, jemand von Ihnen tatsächlich sein hohes Amt missbraucht haben sollte.«

Warringa zitterte. Er dachte an den ihm aufgezwungenen Kuss seiner türkischen Schülerin Sevda. Doch er registrierte eisig und fröstelnd, dass die da vorn schon weiter waren!

Er sah, wie sich der fremde Mann erhob und das Wort nahm.

»Mein Name ist Lehnartz, ich bin Kriminalkommissar, und das dort ist mein Kollege Sperber. Unsere Anwesenheit erklärt sich damit, dass die Abiturientin Dagmar von den Höfen einen schrecklichen Tod fand. Seltsamerweise hatte sie ihren Mörder, von dem wir wenig wissen, zum Tee eingeladen. Aber Zeugen verdanken wir einige wichtige Aussagen. So soll die Schülerin eine leidenschaftliche Schachspielerin gewesen und oft in einem Norder Restaurantbetrieb ihrem Hobby mit wechselnden Partnern nachgegangen sein. Kurz vor ihrem Tod hat ihr letzter Schachpartner seine Fingerabdrücke auf den Figuren hinterlassen. Wie ein Zeuge glaubhaft mitteilte, hatte Dagmar ihn mit Herr Lehrer tituliert. Unsere Frage deshalb, ob jemand des Kollegiums der Schachpartner des Opfers war.«

Sperber beobachtete den kleinen Studiendirektor. Er sah, wie sich um seine dicke Lippe Züge der Entspannung legten.

Lehnartz schaute in die ratlosen Gesichter der Lehrerschaft. »Sie müssen sich nicht wie Schüler melden, meine Damen und Herren«, sagte er. »Suchen Sie uns in der Dienststelle auf, wenn Sie Auskünfte geben können.«

Sperber sah, wie sich der kleine Direktor zu Wort meldete.

»Chef«, flüsterte er und wies auf den frisch Beförderten, wie er annahm.

Der sportliche Typ mit dem welligen Haar erhob sich. »Liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir alle fühlen uns noch zu sehr geschockt vom Verbrechen an unserer Schülerin Dagmar von den Höfen. Schachspielen ist mit Sicherheit keine Sünde. Meine Frau und ich sind seit vielen Jahren begeisterte Schachspieler. Es muss ja auch nicht heißen, dass der Kollege, der mit ihr eine Partie Schach gespielt hat, ihr Mörder war. Ich möchte Sie nur bitten, falls Sie Probleme haben, sich vertrauensvoll an uns, die Schulleitung, zu wenden.«

Die Lehrerschaft rückte die Stühle zurecht. Gemurmel und Gelächter erfüllten den Raum.

Lehnartz erhob sich. »Ich danke Ihnen, Herr Dehart. Doch Ihre Appelle sind uns zu dürftig. Uns wäre es lieb, wenn der anwesende Oberschulrat uns seine Zustimmung geben würde, die Damen aus ihrer Pflicht zu entlassen und von den Herren Fingerabdrücke abnehmen zu dürfen. Das ist keine sonderlich zeitraubende Angelegenheit. Wir sind vorbereitet, haben Stempelkissen dabei und die Lehrerliste parat.«

Der Oberschulrat, so gefordert, stand auf. »Ich glaube, dass es allen recht ist, wenn wir der Polizei helfen. Ich danke den Damen für ihr Pflichtbewusstsein.«

Sperber schob einen Tisch zurecht, legte das Stempelkissen aus und griff in die Kartei.

»Herr Doktor Sandmann, Sie und Ihre Führungskräfte zuerst«, sagte Lehnartz.

Der Leiter der Schule drückte missmutig seinen Zeigefinger auf das Stempelkissen, seine Untergebenen folgten vorbildhaft. Es dauerte in der Tat nicht lange, bis Sperber in dem leeren Lehrerzimmer seine Utensilien einpacken konnte.

»Wenn der Täter nun zum Stammtisch der Honoratioren gehört, dann haben wir eine Niete gezogen«, sagte der Assistent.

»So oder so, Sperber. Wir marschieren konsequent weiter«, sagte Lehnartz.

Sie verließen die Schule und fuhren zur Dienststelle.

Die Herren am Stammtisch waren guter Dinge. Der Kellner brachte schwitzend das Tablett an den Tisch. Pilsgläser trugen weiße Schaumkronen, und der Corvit war eisgekühlt.

Die Kriminalbeamten beobachteten die Zecher von einem Seitentisch. Lehnartz sah, wie Enno Dyker, der Vorsitzende des kaufmännischen Vereins, sie waren bekannt miteinander, ihm zublinzelte und danach das Interesse seiner Stammtischbrüder auf sich zog und mit lauter Stimme fragte: »Warum haben die Ostfriesen immer eine gefüllte und eine leere Corvitflasche in ihrem Kühlschrank?«

Dyker erhielt keine Antwort.

»Nun, wenn er Besuch hat und einer darunter ist, der keinen Corvit mag«, sagte er.

Seine Stammtischbrüder lachten, doch Dyker klopfte an sein Glas.

»Liebe Freunde, irgendwie liegt uns allen daran, Norden schöner, freundlicher und umsatzattraktiver zu gestalten. Doch der Mord an der Abiturientin passt nicht in unsere Werbebroschüre. Fräulein von den Höfen soll sich hier gelegentlich zum Schachspielen eingefunden haben. Die Kriminalpolizei fand auf den Schachfiguren Fingerabdrücke, die ihren Verdacht erregten. Aus verständlichen Gründen ist sie an unseren Fingerabdrücken interessiert. Ich hoffe, dass Sie sich ihrem Anliegen nicht in den Weg stellen werden.«

»Wenn die Bullen sie nicht zum Alkoholtest weiterleiten!«, rief ein vollleibiger Kaufmann. Gelächter kam auf.

Ein anderer frotzelte: »Ich habe den ganzen Tag Geld gezählt, ich muss meinen Daumen erst duschen.«

Enno Dyker winkte die Kriminalbeamten an den Stammtisch.

»Beginnen Sie, Lehnartz«, sagte er grinsend.

Sperber legte das Stempelkissen aus, während Lehnartz die Namen der Anwesenden notierte.

Als ein gut gebauter, kräftiger fünfzigjähriger Mann an der Reihe war, blickte Lehnartz kurz auf den Blazer und schrieb den Namen auf.

»Eilert Siefken, Eigner mehrerer Fischkutter, ohne Schachkenntnisse, dafür Schönwetterspezialist«, sagte der Mann.

Seine Freunde lachten.

Die Männer hielten die Veranstaltung für eine willkommene Unterbrechung ihres Alltags. Morgen konnten sie damit ihren Kunden imponieren.

Nicht einmal eine Viertelstunde hatten die Beamten gebraucht. Sie setzten sich an ihren Tisch. Der Kellner brachte ihnen frische Biere, die auf Kosten des Stammtisches gingen.

Die Kripobeamten hielten die Gläser hoch, prosteten sich zu und sahen dem Stammtischtreiben zu.

Die Männer hatten den Mord an Dagmar bereits wieder vergessen.

Sevda verließ im Rollstuhl die Hebevorrichtung des Transporters der AWO. Entschlossen griff sie in die Räder und fuhr dem Katasteramt entgegen. Sie hatte den Brief ihrer Cousine im AWO-Bus noch einmal gelesen. Ihre Cousine gehörte als Spielleiterin einer Bauchtanzgruppe aus Anatolien an, die in Begleitung einiger Musiker im Rahmen eines Kulturabkommens in westdeutschen Theatern auftrat. Durch einen Vermittlungsfehler der Agentur war auch die Sielbar in den Tourneeplan aufgenommen worden. Es hatte Ärger gegeben. Die Mädchen hatten es abgelehnt, die anwesenden Gäste zu bedienen und hüllenlos aufzutreten. Der aufgebrachte Geschäftsführer hatte daraufhin auf Vertragserfüllung bestanden und mit der Agentur telefoniert. Der Irrtum wurde aufgeklärt. Der Geschäftsführer hatte einen der Eigner gebeten, mit der Spielleiterin ein persönliches Gespräch zu führen, wenigstens für wenige Auftritte zu bleiben, bis eine Ersatzmannschaft angeworben werden könnte. Auf Drängen der Mädchen hatte Sevdas Cousine mit ihrer Truppe im Tourneebus die Sielbar verlassen. Sie waren nach Bonn zur türkischen Botschaft gefahren, um sich dort Rat zu holen. Bisher hatte sich Sevda für den in der Nachbarschaft von Norden ansässigen Luxusnachtclub noch nie interessiert. Sevda sprühte vor Unternehmungsgeist. An diesem Morgen schwänzte sie den Unterricht.

Ihre Cousine hatte ihr etwas anvertraut, das wichtiger war als zwei Stunden Geschichte bei dem ungerechten Luzifer.

Der Pförtner trat ihr entgegen.

»Ich möchte in das Amtsregister einsehen«, sagte sie höflich.

Der Mann schob sie in den Aufzug und drückte den Knopf.

»Zimmer dreihundertvier, mein Fräulein«, sagte er.

Sevda, geübt, Türen selbstständig zu öffnen und zu schließen, verwirrte den älteren Mann, der sich über den Tresen beugte. Hinter ihm waren die Regale mit Akten gefüllt. Die Luft in den Räumen war trocken.

»Mein Fräulein?«, sagte er und putzte seine Brille.

»Ich habe ein berechtigtes Interesse an der Einsicht in das Register für Kapitalgesellschaften«, sagte Sevda forsch.

Der Beamte setzte die Brille auf, schaute Sevda nichtssagend an.

»Und welche Gesellschaft meinen Sie?«, fragte er dienstlich.

»Die Sielbar GmbH sucht eine Buchhalterin. Ich erhielt die Stelle. Doch bevor ich mich endgültig entscheide, möchte ich mich orientieren«, sagte Sevda und lächelte freundlich.

»Das ist Ihr gutes Recht. Warten Sie.« Der Mann studierte eine Liste, ging dann an ein Regal, zog einen Pendelordner heraus und verließ das Zimmer. Sekunden später kehrte er mit einer Fotokopie zurück.

»Die Gebühr beträgt zwei Mark fünfzig«, sagte er trocken.

Sevda zahlte, legte die Kopie auf ihren Schoß und rollte sich durch die Tür, die der Beamte ihr höflich geöffnet hatte.

Vor dem Katasteramt hielt sie unter den Bäumen am Fräuleinshof kurz an und betrachtete das Dokument. Sie las die Namen der Kapitalgeber und folgte dem weiteren Text.

Die Sielbar GmbH ist berechtigt, gastronomische Betriebe zu führen. Das Haftkapital ist gemäß der Satzung auf 50 000 DM festgelegt. Geschäftsführer ist der Kaufmann Enno Schneider.

Sevda atmete zufrieden auf. Das ist der Anfang, sagte sie sich und lenkte ihren Rollstuhl in Richtung Osterstraße.

Es war noch früh am Morgen. Nur wenige Käufer suchten die Geschäfte auf. Die Schülerinnen und Schüler hatten die Straßen bereits verlassen.

In der Kreidestraße befand sich die Detektei. Zwei arbeitslose Lehrer versuchten sich hier in einem Job, von dem sie wussten, dass er in Oldenburg und Bremen recht erfreuliche Renditen brachte.

Sevda legte einen Hundertmarkschein mit der Kopie auf den Tresen, ließ den jungen Mann erst gar nicht in einen blumigen Werbegalopp verfallen, sondern sagte: »Versuchen Sie, möglichst viel Privates über die Anteilseigner dieser Gesellschaft zu erfahren.«

Der etwa dreißigjährige Mann grinste.

»Wir werden es Ihnen mitteilen. Ich betrachte den Schein als Ausgleich für unsere Spesen.«

»Ich gebe Ihnen einen zweiten für die Ergebnisse. Mehr ist nicht drin«, erwiderte Sevda lächelnd.

»Das ist in Ordnung. Schauen Sie am Wochenende vorbei«, sagte der Mann.

Sevda verließ die Detektei.

6

Es waren nicht der herabklatschende Regen und die wechselnden Sturmböen, die die Beamten dazu veranlassten, einen Wagen zu nehmen, denn zum Fabricius-Gymnasium waren es nur wenige hundert Meter.

Es war ihre Vorsorge, den mutmaßlichen Mörder nicht unnötigerweise der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Der Fahrer blieb im Bully, während zwei Kollegen der Schutzpolizei die Kriminalbeamten begleiteten.

Sie nahmen den Zugang über den Innenhof. Die weiten Pausenhallen waren unbelebt. Hinter den Klassentüren wurde gelernt und gelehrt.

Die Schulsekretärin, für ihre hilfsbereite und freundliche Art oft gelobt, starrte ungläubig auf die Polizeimannschaft, deren Gesichter nicht so wirkten, als hätte ein Lehrer falsch geparkt.

»Ist Direktor Doktor Sandmann anwesend?«, fragte Lehnartz ohne die übliche Begrüßung.

»Ja. Wen darf ich melden?«, fragte die Sekretärin mit großen Augen und entschuldigte sich sogleich mit einem Lächeln, als sie an die Tür ihres Chefs klopfte. Sie öffnete sie einen Spalt.

»Herr Direktor, Besuch, Herren von der Polizei.«

Sandmann empfing sie. In seinem bleichen Gesicht war weder Überraschung noch Abneigung zu entdecken.

»Meine Herren, setzen Sie sich«, sagte er und wies auf die Sessel vor dem niedrigen Tisch.

»Herr Direktor Sandmann, der Amtsrichter musste sich den wissenschaftlich fundierten Ergebnissen unserer Spurensuche beugen und hat einen Haftbefehl für einen Lehrer Ihrer Schule ausgestellt«, sagte Lehnartz ernst. »Dieser steht im Verdacht, Ihre Schülerin Dagmar von den Höfen ermordet zu haben.«

Dr. Sandmann erregte sich nicht. Er blieb gelassen. Seine kleinen Augen im spitzen Gesicht blitzten gefährlich.

»Sie sprechen von Oberstudienrat Warringa, Herr Kommissar?«

Sperber blickte seinen Chef überrascht an. Er mochte diesen in Menschengestalt auftretenden Paragraphenhengst nicht.

»Es überrascht uns, dass Sie auf Anhieb ein schwarzes Schaf aus Ihrer Herde herauszufinden in der Lage sind«, sagte er und bemühte sich um ein Lächeln.

Sandmann lächelte nicht zurück. Für ihn war das Gespräch zu ernst.

»Meine Herren, erst vor wenigen Tagen musste ich ihn zurechtweisen. Er, dem eine verantwortungsvolle Lehrtätigkeit zufällt, hat eine Schülerin in der Klasse, in der Pause versteht sich, geküsst! Sein moralischer Lebenswandel bot mir öfter, als es mir recht gewesen ist, Anlass zur Kritik. Sie verstehen?«

Die Beamten verstanden nicht, doch das war auch nicht wichtig, denn die Katze war aus dem Sack. Ihre Aufgabe bestand darin, diesen Lehrer festzunehmen. Die Richter sprachen das letzte Wort, nicht sie und auch nicht Doktor Sandmann.

»Ich schlage vor, Sie holen Herrn Warringa aus seinem Unterricht zu uns«, sagte Lehnartz. »Hier kann er unter Zeugen eine erste Stellungnahme abgeben oder sich uns anvertrauen.«

Sandmann erhob sich.

»Ich lasse ihn holen«, sagte er entschlossen. Er ging zur Tür.

»Frau Martens, Studiendirektor Dehart soll sofort zu mir kommen. Es gibt keinen Grund für eine zeitliche Verzögerung. Er ist auf seinem Zimmer.«

Lehnartz blickte seinen Assistenten an.

»Ist dieser Studiendirektor nicht erst vor kurzem befördert worden?«, fragte Sperber.

»Ja«, erwiderte Dr. Sandmann.

Lehnartz und Sperber wechselten einen kurzen Blick. War dieser Mann es vielleicht gewesen, der sich mit Dagmar von den Höfen im Saal des Ostfriesischen Krugs vergnügt hatte?

Der kleine Studiendirektor erschien mit einem breiten Lächeln. Er hatte sich der Mode angepasst, trug eine breit geschnittene Karohose. Aus seinem Pullover mit V-Ausschnitt lugte der Hemdkragen in angepasstem Ton, und selbst das Krokodil der Tennisspieler fehlte nicht.

»Die Herren Kriminalbeamten kennen Sie bereits. Die Uniform der weiteren Herren erübrigt eine Vorstellung. Dehart, holen Sie bitte Herrn Oberstudienrat Warringa aus dem Unterricht. Wir wünschen mit ihm ein Gespräch. Übernehmen Sie am heutigen Tag seine Vertretung. Ich werde mich später in einer Direktorenstunde weiter äußern«, sagte Dr. Sandmann.

Fast hätte der Zwerg mit der dicken Lippe seine Schuhe zusammengeknallt, doch bevor er das Allerheiligste der Schule verließ, fragte er noch süffisant: »Ist er der Mörder?«

Niemand antwortete.

Lehnartz stieg es sauer hoch. Sperber schaute verlegen auf den Boden. Er begann daran zu zweifeln, dass die Lehrer einen Traumjob hatten.

Wie würde der Oberstudienrat hier auftreten?, fragte sich der Kommissar. Ein gestandener Mann, der aus ihnen unerklärlichen Gründen zum Mörder geworden war. Welche Motive hatten ihn so weit bringen können? War er wirklich der Mörder? Dafür sprachen seine am Tatort hinterlassenen Fingerabdrücke.

Doch Warringa erschien nicht als reuiger Sünder. Seine Augen wirkten nicht wie die eines Mörders, im Gegenteil, sie verrieten Kampfbereitschaft.

Der Lehrer trug eine Manchesterhose, ein Sommerhemd und darüber eine verfilzte Strickjacke nach Norwegerart.

Stolz, als hätte man ihm unrecht getan, sagte er: »Sie haben mich rufen lassen, Herr Sandmann.«

Seine Augen huschten über die Polizeimannschaft.

Sandmann sah den Mann nicht an. Er schaute zur Decke.

»Nicht ich, Herr Kollege, sondern die Kriminalpolizei«, sagte er ohne Rührung.

Lehnartz stand auf. Er reichte dem Mann die Hand und sagte: »Wir kennen uns. Wir haben den Auftrag, sie festzunehmen, weil Sie unter dem Verdacht stehen, die Abiturientin Dagmar von den Höfen ermordet zu haben. Hier ist der Haftbefehl. Ich muss hinzufügen, dass alles, was Sie jetzt zu dieser Anschuldigung sagen, gegen Sie verwendet werden kann.«

Die Beamten der Einsatzbereitschaft standen auf und hielten dem Mann die Handschellen entgegen.

»Lassen Sie das!«, fauchte Warringa. »Ich verlasse aufrecht diese Bildungsanstalt, in der ein falscher Geist weht!«

»Ich bitte Sie, uns keine Scherereien zu machen, wenn wir auf Ihren Wunsch eingehen«, sagte Sperber.

Hilfsbereit neigte Studiendirektor Dehart sich vor.

»Nun sagen Sie doch etwas, Herr Kollege! Verlassen Sie nicht so die Schule, wir sind doch auch noch da!«

Warringa wurde bleich. Seine Augen suchten seinen Vorgesetzten. Für Sekunden sah er Direktor Sandmann an. So, als stiege eine tiefe Verachtung in ihm auf, sagte er mit fester Stimme: »Lassen Sie von meinen Schülern Wassermann lesen, der Fall Mauritius.« Er drehte sich um.

Schweigend, mit verhärmtem Gesicht begleitete der schwere Mann die Polizeibeamten zum abgestellten Bully.

Die Einwohner der Kleinstadt Norden waren geschockt.

Der Mörder, ein Oberstudienrat des ehrwürdigen Fabricius-Gymnasiums! Die Gerüchte überschlugen sich, fanden fantasiereiche Weitererzähler, die dem Lehrer noch zusätzlich verbotenen Sex mit einer türkischen Schülerin anhängten.

Die Neugierde der Kripobeamten galt dem Bungalow des Lehrers. Der Amtsrichter hatte ihnen einen Durchsuchungsbefehl ausgestellt. Sie fanden Fotos von Klassenfahrten und von Schulfeten, die den Lehrer in der Nähe der Schülerin Dagmar zeigten, die allerdings nicht belastend wirkten. Ihre Hoffnung, an Hinweise zu gelangen, die zum Motiv des sinnlosen Mordes führen konnten, zerplatzte wie eine Seifenblase.

Eine Handvoll Presseleute stürzte sich auf die Kriminalbeamten, als sie den Bungalow verließen. Sie schössen ihre Bilder und bestürmten sie mit Fragen.

»Kein Kommentar!«, rief der Kommissar und eilte zum abgestellten Dienstwagen.

Sperber folgte ihm.

»Mein Gott, wenn man dieser Meute in die Hände fällt, ist es fast unmöglich, das Gesagte zu kontrollieren«, stöhnte Lehnartz und fuhr los. »Verdammt, ich hatte mehr erwartet.«

»Dagmar hatte einen lockeren Lebenswandel, Chef«, sagte Sperber. »Man kann nie wissen.«

»Die tödliche Teestunde als eine private Fortsetzung einer Schüler-Lehrer-Beziehung?«, fragte Lehnartz.

»Vielleicht ein Eifersuchtsdrama. Der gestandene Lehrer liebte das Mädchen, das von vielen begehrt wurde. Er war enttäuscht, weil sie ihn hatte abblitzen lassen«, folgerte Sperber.

»Ein gewagtes Motiv für einen Mann in besten Jahren«, sagte Lehnartz nachdenklich.

»Er hatte einiges zu bieten. Seine Stellung, sein sicheres Einkommen, einen großzügigen Bungalow, in dem er sich einsam fühlen musste«, warf Sperber ein.

»Es gibt Gerüchte, die aus einer anderen Ecke kommen«, sagte Lehnartz.

»Und?«, fragte Sperber.

»Warringa ist verheiratet und hat eine Tochter. Seine Frau verließ ihn und schloss sich einer Gruppe Lesbierinnen an, und seine Tochter ist ausgewandert. Er soll zum Frauenhasser geworden sein«, berichtete Lehnartz.

Sperber lachte. »Dr. Sandmann warf ihm vor, die kleine Türkin geküsst zu haben. Wollte er sich damit bereits im Vorfeld aus der Schusslinie bringen?«

»Wohl kaum. Fest steht, dass er der Gast war, den sich die Schülerin zum Tee eingeladen hat«, sagte Lehnartz.

»Chef, Dagmar hatte am Morgen ihres Todestages noch bei dem mutmaßlichen Mörder Unterricht, da liegt es nahe, dass das Mädchen zur Aufklärung wichtige Briefe, Bilder oder Bemerkungen in ihren Schulsachen aufbewahrt haben kann«, sagte Sperber.

Sie fuhren zurück zur Dienststelle.

Noch im Mantel setzte Lehnartz sich an seinen Schreibtisch und rief den Vater des Opfers an.

Sperber wartete geduldig.

Lehnartz legte den Hörer auf.

»Fahren wir los, der Landwirt hat nichts dagegen, dass wir ihn noch einmal aufsuchen.«

Es regnete nicht mehr. Eine leichte Dämmerung zog vom Deich her über die weiten Weiden. Die Luft hatte sich erwärmt. Im leichten Dunst lag das Gehöft wie eine Burg vor ihnen, friedlich und anheimelnd.

Der Hund im Zwinger knurrte, als wäre er zu müde, erneut mit seinen Pfoten gegen die Gitter zu springen.

Müde wirkte auch der Landwirt. Er führte sie in seinen kleinen Büroraum. Auf dem Schreibtisch stand die Corvitflasche.

»Meine Frau ist zu ihrer Schwester gefahren, sie musste einfach einmal raus«, sagte von den Höfen und holte zwei frische Schnapsgläser aus einer Anrichte.

Er sah die Beamten an.

»Ich weiß, Sie müssen noch fahren, aber einen müssen Sie mit mir trinken!« Er griff zur Flasche und goss die Gläser voll, stellte die Flasche ab und zog zwei Stühle in die Nähe des Schreibtisches.

Die Beamten setzten sich. Der Landwirt hob sein Glas.

»Möge dieser verdammte Pauker nicht nur zeitlebens in Kerkern, sondern danach in der Hölle schmachten«, sagte er und stürzte den Schnaps in sich hinein. Sein Gesicht glühte und zeigte an, dass das nicht sein erstes Gläschen war.

Lehnartz schluckte ebenfalls den Schnaps und setzte das Glas ab.

»Ich kann Sie verstehen, doch dieser Lehrer ist so lange unschuldig, bis ihm die Richter die Tat nachweisen.«

Der Landwirt blickte ihn zornig an, langte wieder zur Flasche und goss nach.

»Sie gehören wohl auch zu den Verfechtern der weichen Welle?«

»Es darf kein Zweifel an seiner Tat offen bleiben«, sagte Sperber, doch von den Höfen hörte nicht hin. Er schluckte den Corvit.

Lehnartz stand auf.

»Herr von den Höfen, wir möchten uns noch einmal in Dagmars Zimmer umsehen«, sagte er, bemüht, den Mann nicht zu reizen.

»Gehen Sie. Sie kennen den Weg«, antwortete der Landwirt brummig.

Die Beamten ließen den Mann allein und stiegen die Treppe hoch.

Die Tür stand offen. Lehnartz fand den Lichtschalter. Sie öffneten den Schrank, suchten nach weiteren Ablagemöglichkeiten und fanden schließlich die Schultasche in einem kleinen Abstellschränkchen auf dem Flur, über dem ein Frisierspiegel hing.

»Chef, es nimmt viel Zeit in Anspruch, die Tasche zu durchsuchen, nehmen wir sie mit«, schlug Sperber vor.

»Warum nicht? Von den Höfen wird nichts dagegen haben«, antwortete der Kommissar.

Der Landwirt hatte nichts dagegen. Im Gegenteil, er lallte und war dafür, dass sie voranmachen sollten.

Diesem Wunsch gingen sie trotz der vorgerückten Stunde gern nach.

Im Dienstzimmer schalteten sie das Licht an. Die Turmuhr von St. Ludgeri schlug zehnmal.

Lehnartz packte die Schultasche auf den Schreibtisch und entleerte sie systematisch.

»Ursprünge der neueren Geschichte«, las er vom Buch. Es folgten: »Kafka, ein Deuter, beinahe vergessen«, »Gentechnik, eine Herausforderung«; einen Plastikordner mit den typischen Schreibeinlagen, unterteilt nach Fächern durch abgestufte Pappseiten, legte er zuletzt auf den Schreibtisch.

Er öffnete den Ordner und begann die Seiten durchzublättern.

Mathematische Kurven, Integralzeichen, dann in sauberer Schrift verfasste Aufsätze und Zeichnungen. Es folgten Lateinübersetzungen und das Thema Kafka. Seitenweise Kafka, doch dann stutzte Lehnartz. Er stieß auf Briefe, die da nicht hineingehörten.

»Sperber, hör zu, ich lese vor. Liebe Dagmar, Du bist mein, hast Du mir gesagt. Ich beginne, daran zu zweifeln!

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