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December Dreams. Ein Adventskalender

Ich hoffe, du hattest einen guten Flug. Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich freue, dass du Weihnachten bei uns verbringst. Ich kann es kaum erwarten, dass du hier bist.

Während ich am Gepäckband stehe, trudelt eine Nachricht nach der anderen ein. Auf dem Flug von Stuttgart nach New York hatte ich viel Zeit zum Nachdenken und bin mir nicht mehr ganz so sicher, ob das Ganze wirklich eine gute Idee war. Immerhin ist morgen Heiligabend und ich vermisse meine Eltern und das traditionelle Essen jetzt schon.

Doch dann erinnern mich die nächsten Nachrichten an den Grund, warum ich Ivys Angebot – und die Tickets, die ihr Freund Heath für mich besorgt hat – kurzerhand angenommen habe.

Grrrr! Ich ärgere mich immer noch über ihn. Mike ist so ein Idiot! Das war er schon immer! Er wird noch sehen, was er davon hat, wenn er mit dir Schluss macht – und das kurz vor Weihnachten. Er sollte sich schämen! Mom ist entsetzt! Wir werden tausend Fotos posten, auf denen du glücklicher aussiehst als je zuvor. Das wird das beste Weihnachtsfest deines Lebens!

Wenn es nur so einfach wäre, auch so glücklich zu sein, wie man auf Bildern aussehen kann.

Ivy hat das große Los gezogen. Nachdem sie im letzten Jahr mit ihren Eltern nach New York gezogen ist, hat sie den tollsten Typen der Stadt getroffen. Seitdem ist sie in einer glücklichen Beziehung, wie man sie sonst nur aus unseren heiß geliebten Büchern kennt. Obwohl es zwischendurch auch einige Dramen gab. Doch jetzt ist bei ihr alles perfekt. Wer weiß, vielleicht hilft mir die New Yorker Luft ja auch.

Ivys letzte Nachricht bringt mich zum Schmunzeln:

Vergiss nicht: Die Vergangenheit bleibt zu Hause! Allerspätestens bei der Passkontrolle.

Als mein Koffer endlich auf dem Band auftaucht, schnappe ich ihn mir und hetze durch das Ankunftsterminal, immer auf der Suche nach einem Schild mit meinem Namen. Komisch, Ivy wollte mich doch abholen lassen.

Mein Handy vibriert. Ich ziehe es aus der Tasche und werfe einen Blick auf das Display. Vermutlich bin ich dabei zu abrupt stehen geblieben und selbst schuld, dass ich fast umgerannt werde, aber eine Entschuldigung wäre zumindest höflich gewesen. Stattdessen läuft der blonde Typ, der mich gerade mit seiner sündhaft teuren Reisetasche angerempelt hat, einfach weiter. Er trägt nur ein kurzärmliges Polohemd, obwohl draußen das reinste Schneechaos herrscht. Blödmann, denke ich, ehe ich endlich die Nachricht von Ivy lese.

Heaths Fahrer steckt fest. Du musst dir ein Taxi nehmen. Es tut mir so leid. Ich schicke dir sofort die Adresse des Hotels. Sorry noch mal. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Ein fieses Gefühl des Verlorenseins breitet sich in mir aus. Schon während des Flugs hat uns der Pilot über die Wetterlage informiert. Von oben sah es gar nicht so tragisch aus und ich habe mich regelrecht auf den Schnee gefreut. In Stuttgart bin ich bei angenehmen – wenn auch unweihnachtlichen – Temperaturen losgeflogen. Jetzt wirbelt ein eiskalter Wind durch meine Haare, als ich mit meinem Koffer durch die Tür trete, und peitscht meine viel zu dünne Jacke umher. Ich ziehe sie enger um mich und versuche, durch die dicken Schneeflocken hindurch, ein Taxi zu erspähen. Doch der lange Haltestreifen ist verwaist. Nein! Ein einsames gelbes Fahrzeug trotzt dem Schnee und rollt vorsichtig die Straße entlang. Ich kann mein Glück kaum fassen und renne darauf zu.

Sneakers sind keine Winterstiefel. Ausgerechnet Mamas Worte gehen mir durch den Kopf, als ich die Bodenhaftung verliere und es gerade noch so schaffe, nicht auf dem Hintern zu landen. Mit Entsetzen muss ich zusehen, wie jemand an mir vorbeirennt und nackte Arme – ich erschaudere allein beim Gedanken daran – die Hintertür meines Taxis aufreißen. Ist das nicht der Typ, der mich drinnen beinahe über den Haufen gerannt hat?

Mit höchster Konzentration setze ich einen Fuß vor den anderen und feuere tödliche Blicke auf den Blonden ab, der gerade den Schnee aus seinen Haaren schüttelt. Natürlich bin ich nicht schnell genug beim Taxi. Er sitzt bereits drin und starrt mich durch die nasse Scheibe an. Mein Puls rast vor Wut, als er es dann tatsächlich noch wagt zu lächeln und seine vollen Lippen ein »Sorry« formen, während das Taxi losrollt. Doch selbst ein Engelslächeln im Gesicht eines Justin-Bieber-Doubles entschädigt mich nicht dafür, dass ich nun weiter im Schnee stehe und erfrieren werde.

Vor Erleichterung sinke ich fast zu Boden, als sich nach einer gefühlten Ewigkeit ein weiterer gelber Fleck durch den Schneevorhang nähert.

Der Taxifahrer hatte wohl tiefstes Mitleid mit mir in meiner dünnen Herbstjacke. Im Inneren des Fahrzeugs herrschen inzwischen Saunatemperaturen, sodass er sich immer wieder über die glänzende Stirn wischen muss, während wir uns durch den chaotischen Verkehr schieben. Es ist mein erster Besuch in New York und ich würde gerne einfach alles sehen. Das Wenige, was ich durch die beschlagenen Scheiben erkennen kann, könnte aber genauso gut Stuttgart oder München im Schneechaos sein.

Wenigstens ist mir nicht mehr kalt. Dafür kleben nun meine nassen Sachen an meiner Haut. Erleichtert stelle ich fest, dass ich nicht noch eine Schneedusche nehmen muss, denn das Taxi fährt mich bis zu dem überdachten Eingang des Hotels. Noch während ich Ivy schreibe, dass ich gerade ankomme, erlischt mein Handy und ich stoße einen lauten, tiefdeutschprovinziellen Fluch aus, den der Taxifahrer hoffentlich nicht versteht.

Ich bezahle, nehme meinen nassen, schneeverklebten Koffer an mich und durchquere das modern designte Erdgeschoss des Hotels, das bei uns zu Hause als Tiefgarage hätte durchgehen können. Eine Tiefgarage mit einem völlig überschmückten Weihnachtsbaum im Zentrum, umgeben von nacktem Beton. Selbst die neutral gestalteten Hinweisschilder mit »Restaurant«, »Up!« oder »Lift« lassen nicht gerade Hotelfeeling aufkommen.

»Willkommen im Uptown Palace. Ich bin Alec Johnson. Was kann ich für Sie tun?«, fragt der junge Mann hinter der Rezeption höflich.

»Hi, ich bin Carolin Gassner, meine Freundin Ivory Harris hat letzte Woche ein Zimmer für mich gebucht.«

Mr Johnson tippt eine Weile auf seiner Tastatur herum. Währenddessen weicht sein professionell routinierter Ausdruck langsam, aber sicher aus seinem Gesicht. Er wird immer blasser, während er hektisch mit der Maus umherfährt. Als er schließlich aufsieht, weiß ich, dass etwas schiefgelaufen sein muss.

»Es tut mir leid. Ich kann keine Reservierung auf Ihren Namen finden. In der letzten Woche gab es einen Systemabsturz. Leider haben wir derzeit auch keine Kapazitäten, sodass ich keine neue Buchung für Sie arrangieren kann.«

Entgeistert starre ich Mr Johnson an. Er wird sichtlich nervös, während ich fieberhaft überlege, wie ich Ivy erreichen könnte.

»Sie können gerne in der Lobby oder dem Restaurant warten, falls kurzfristig noch Zimmer frei werden.« Mr Johnson deutet zu einer Beton-Nische mit Ledersesseln, wo ein falscher Kamin zumindest ein wenig Behaglichkeit verbreitet und – ein Bein lässig über die Lehne gelegt und das Handy in der Hand – der Taxidieb herumlungert. Ich fasse es nicht!

Ich starre ihn an, und als hätte er es gespürt, schaut auch er gerade hoch. Er kneift die Augen zusammen, als sich unsere Blicke treffen, dann wagt er es doch tatsächlich, erneut zu lächeln. Ich bin wie vor den Kopf gestoßen, würde am liebsten hinrennen und ihn anbrüllen. Was macht er hier?

Wartet er auch auf ein Zimmer? Geschieht ihm ganz recht!

Irritiert wende ich mich wieder Mr Johnson zu. »Ich muss mein Handy laden. Haben Sie vielleicht …?«

»Selbstverständlich. Sie finden an jedem der Tische dort Lademöglichkeiten.«

Ich nicke, schnappe den Griff meines Koffers und ziehe ihn durch die Pfütze, die der inzwischen getaute Schnee vor der Rezeption hinterlassen hat.

Der blonde Typ lässt mich keine Sekunde aus den Augen, während ich auf ihn – nein, die Lobby-Nische! – zusteuere und mich auf einen Sessel setze.

Auch wenn im Kamin kein echtes Holz brennt, gibt er so viel Wärme ab, dass mein Gesicht immer heißer wird, je länger ich in dem vollgepackten Rucksack nach meinem Ladegerät herumtaste. Vielleicht liegt es aber auch an dem Blick, den ich auf mir spüre. Als mein Handy endlich an der Steckdose hängt und ich darauf warte, dass es genügend Akku hat und sich anschaltet, sehe ich kurz zur Seite.

Der Justin-Bieber-Verschnitt starrt mich unverhohlen an. Hat ihm nie jemand beigebracht, dass man das nicht tut? Dass es irritiert und … unangenehm ist? Ich spüre, wie sich von Sekunde zu Sekunde mehr Hitze in meinem Körper ausbreitet. Exponentiell dazu werde ich immer unruhiger und starre instinktiv nach unten, auf das dunkle Display.

Wie zur Hölle kann es sich so anfühlen, als würde ich seinen Blick spüren? Es macht mich verrückt und ich steigere mich immer mehr in dieses Gefühl hinein, bis ich kurz vorm Platzen bin.

Ich schließe kurz die Augen, atme tief durch und drehe mich zur Seite. »Was ist dein Problem?«

Ein dunkles Lachen ertönt – aber nicht von Justin, sondern von einem dunkelhaarigen, gut aussehenden Typen in Jeans und lässig geknöpftem Hemd, der gerade in die Lobby getreten ist.

»Es ist immer wieder faszinierend, wie du auf andere wirkst, Aidan.«

Aidan springt vom Sessel auf und umarmt den Dunkelhaarigen. Sie klopfen sich kurz auf den Rücken, ehe Aidan nach seiner Umhängetasche neben dem Sessel greift.

»Du kennst ja den Fairchild-Charme«, sagt er mit einem unverschämten Grinsen in meine Richtung.

Dann wendet er sich von mir ab und geht mit dem Dunkelhaarigen davon. Ich höre ihn noch sagen, dass er kurzfristig woanders untergebracht werden muss. Ihm ist anscheinend dasselbe passiert wie mir, nur dass er mal wieder vor mir Erfolg hat. Aidan – selbst in Gedanken klingt der Name wie ein fieses Schimpfwort – hat wohl das Glück gepachtet und tatsächlich noch ein Zimmer bekommen.

Er sieht noch mehrere Male zu mir zurück, als ob er mich nicht aus den Augen verlieren will. Wie kann man nur so aufdringlich sein? Das Schlimme ist, dass es mir nicht anders geht. Da ist irgendeine schräge Anziehungskraft zwischen uns und ich kann nicht anders, als ihm hinterherzustarren, bis er aus meinem Blickfeld verschwunden ist.

Dann – endlich! – schaltet sich mein Handy an und Ivys Nachrichten lenken mich von meinem Gefühlschaos ab.

Sie ist nicht einmal ein ganzes Jahr aus Deutschland weg und trotzdem sieht Ivy wie ein anderer Mensch aus, wie eine Fremde. Ich fühle mich im ersten Moment regelrecht unwohl, als sie mir gegenübertritt und mir ihr GQ-Model aka ihren Freund Heath vorstellt. Die zarte Röte, die sich dabei auf ihre Wangen schleicht, und ihr strahlendes Lächeln lassen das seltsame Gefühl jedoch wieder verschwinden.

»Es tut mir so entsetzlich leid«, sagt sie zum ungefähr tausendsten Mal und gestikuliert wild mit der Schlüsselkarte in ihrer Hand, die sie und Heath organisiert haben. Heath folgt uns mit meinem Koffer zum Fahrstuhl. »Und es ist wirklich okay für dich, in einem der Gästezimmer von Bryan zu wohnen und kein Einzelzimmer zu haben? Sein Apartment ist riesig. Du hast auch dein eigenes Badezimmer.«

»Na klar ist das okay«, antworte ich. »Ich bin einfach nur froh, wenn ich die nasse Kleidung loswerden kann.«

»Und wenn es doch nicht geht, ziehst du zu Heath und mir in sein Zimmer in der Villa.«

Heaths kurzer, entsetzter Blick sagt eindeutig, dass er von Ivys Vorschlag dasselbe hält wie ich. Dennoch drückt er ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe.

In Ivys eigenem Zimmer wohnen momentan Verwandte, die über Weihnachten zu Besuch sind und kein Wort Englisch sprechen.

Vor uns öffnet sich die Fahrstuhltür und Ivy zieht beim Betreten die Schlüsselkarte über ein kleines Feld. Die Kabine gleitet eine gefühlte Ewigkeit nach oben. Schließlich steigen wir in einem Flur aus, auf dessen dunkel glänzendem Marmorboden ein heller, flauschiger Teppich liegt. Ich folge Heath, der mit meinem Koffer gezielt zu einer Tür am Ende des Gangs geht. Dort angekommen, öffnet Ivy die Tür zu meinem Zimmer.

Zimmer? Wohl eher Saal. Meine Augen wissen gar nicht, wohin sie als Erstes schauen sollen. Der Raum ist in etwa so groß wie das gesamte Erdgeschoss unseres Hauses in Deutschland. Die gegenüberliegende Seite ist komplett verglast und dahinter befindet sich ein riesiger Balkon. Durch die Scheiben kann ich im Schneegestöber ein paar vereinzelte Spitzen von Wolkenkratzern erahnen.

Entgeistert starre ich durch die Fensterwand. Ivy muss mehrmals an meinem Unterarm rütteln, bis ich meinen Blick über den Rest des Raums gleiten lasse, der nicht weniger beeindruckend ist: ein langer Esstisch, eine riesige Sofalandschaft und auf der rechten Seite des Raums ein Billardtisch. Daneben stehen weitere kleinere Sofas und Sessel vor einem Flatscreen an der Wand, an den allerhand Spielkonsolen angeschlossen sind. Das hier wäre der Traum meiner Brüder.

»Wo ist …?«, setze ich an, doch die Frage erübrigt sich, als hinter uns jemand den Raum betritt. Es ist … der dunkelhaarige Typ aus der Lobby.

»Hey, Bryan, das ist Caro«, begrüßt Ivy ihn.

Seine Augen weiten sich, als er mich ebenfalls erkennt. Er reicht mir die Hand mit einem Lächeln. »Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich dich auch gleich mit raufgenommen.«

Moment mal, auch? O nein! Als ich Bryans Blick folge, sehe ich Aidan, der gerade hinter einem Paravent auf dem Balkon hervortritt und ins Wohnzimmer kommt – mit nassen Haaren und … nur in einen sehr locker gebundenen Bademantel gekleidet, sodass man …

Schau nach oben, verdammt!

Ich zwinge mich, Aidan ins Gesicht zu sehen – direkt in seine funkelnden Augen und das unverschämte Grinsen.

Er streicht sich eine nasse Haarsträhne aus dem Gesicht. Eine einfache Geste, die in bekleidetem Zustand vermutlich keine Aufmerksamkeit erregt hätte, aber so …

»Caro, das ist Aidan«, unterbricht Bryan mein Gaffen. »Er ist ein entfernter Cousin von der Westküste. Aidan, das ist Caro, eine Freundin von Ivy.« Bryan deutete auf Ivy. »Sie ist die Freundin meines besten Freundes.« Der letzte Satz klingt wie eine Warnung.

Ich bin mir nicht sicher, ob Aidan ihm überhaupt zuhört, während er mit nackten Füßen auf uns zukommt. Bei jeder Bewegung öffnet sich der Bademantel ein klein wenig weiter.

Ich zwinge mich zu einem neutralen Lächeln. Na, das kann ja heiter werden!

»Was war das denn eben?« Ivy wirft sich auf mein Bett und sieht mich mit hochgezogenen Brauen an.

Ich stoße einen lauten Seufzer aus und erzähle ihr vom Anrempeln im Flughafen, dem weggeschnappten Taxi und dem süffisanten Grinsen in der Lobby. Währenddessen versuche ich, das Bild von Aidan im Bademantel zu vertreiben, das meine Stimme eher piepsig statt verärgert klingen lässt.

Ivy durchschaut mich natürlich sofort.

»Ich habe einiges über Aidan Fairchild gehört«, beginnt sie und holt tief Luft, doch ich hebe schnell die Hand.

»Ich will es nicht wissen. Keine Vergangenheit, weißt du noch?«

Das war der Deal, den wir vor meiner Reise ausgemacht haben. Ich werde Mike mit keiner Silbe erwähnen. Die Vergangenheit bleibt zu Hause, waren Ivys Worte, mit denen sie mich letztendlich überzeugt hat, kurzfristig und völlig überstürzt die Feiertage bei ihr zu verbringen.

Nun nickt sie, aber ich sehe den skeptischen Ausdruck in ihren Augen. Gleich darauf lächelt sie jedoch und erklärt: »Draußen auf dem Balkon ist ein Whirlpool, falls du etwas entspannen willst. Heath und ich müssen gleich zu mir nach Hause, ein paar Sachen holen, und heute Abend sind wir zum Essen bei seiner Familie eingeladen. Wenn du etwas brauchst, wende dich an Bryan oder ruf mich an, okay? Sobald wir uns losreißen können, kommen wir.«

Ich nicke nur, denn langsam zerrt die Erschöpfung des langen Flugs an mir. Ivy zeigt mir noch kurz das Badezimmer, ehe sie Heath holt und sich verabschiedet.

Nachdem die beiden weg sind, gönne ich mir eine lange Dusche. Anschließend lasse ich mich auf das riesige Kingsize-Bett fallen, kuschle mich unter die dicke Bettdecke und nicke erschöpft ein.

Mein Handy weckt mich um kurz vor elf Uhr nachts. Es ist eine Nachricht von Ivy:

Wir hängen immer noch bei Heaths Familie fest. Es tut mir sooo leid. Morgen bin ich den ganzen Tag für dich da.

Ich antworte ihr, dass sie sich keine Gedanken machen muss, und schlinge die Decke eng um mich. Doch es gelingt mir nicht, wieder einzuschlafen. Ich habe Durst, und je mehr ich versuche, ihn zu ignorieren, desto schlimmer wird er.

Deshalb quäle ich mich aus dem weichen Bett und tappe, nur mit einem Longshirt bekleidet, durch den Flur. Der Teppich kitzelt meine nackten Füße, während ich überlege, wo ich hier etwas zu trinken finden könnte. Plötzlich höre ich leise Musik, die aus dem Wohnzimmer in den Flur dringt, und folge ihr.

Das Licht ist gedimmt, daher dauert es, bis ich eine Gestalt auf dem Sofa erkenne. Es ist Aidan, der mit einem Glas in der Hand dasitzt, den Kopf in den Nacken gelegt, die Augen geschlossen. Schläft er etwa?

Zumindest hat er mich nicht gehört, was mir Zeit gibt, ihn zu mustern. Das spärliche Licht der indirekten Beleuchtung zeichnet die Konturen seines Gesichts schärfer. Wenn ich mein Handy hätte, würde ich ihn fotografieren und festhalten, wie sein halb geöffnetes Hemd trainierte Brustmuskeln erahnen lässt, wie sich ein leichter Bartschatten auf seinem Kiefer andeutet. Er sieht unglaublich gut aus, doch er wirkt irgendwie verloren. Auf dem Tisch vor ihm liegt ein Handy, das immer wieder sanft vibriert. Aidan ignoriert es.

Unschlüssig zögere ich und überlege, was ich tun oder wie ich mich verhalten soll.

»Hast du mich genug angestarrt?«

Ich zucke zusammen. Aidans Stimme ist rau. Er sitzt noch immer mit geschlossenen Augen da, außer seinen Lippen hat sich nichts an ihm geregt. Wie zur Hölle …?

»Du warst nicht gerade leise mit deinen nackten Füßen«, erklärt er, als könnte er meine Gedanken lesen. Dann öffnet er die Augen und dreht den Kopf zu mir.

Ertappt stehe ich noch immer reglos an der Tür, spüre, wie sein Blick über jeden Zentimeter meines Körpers gleitet, und bin mir plötzlich äußerst bewusst, dass ich nur mein Mother-of-Dragons-Shirt trage, unter dem meine nackten Beinen hervorlugen. Daher stoße ich nur ein heiseres »Ich suche etwas zu trinken« hervor, für das ich mir im selben Moment gegen die Stirn schlagen könnte.

»Der Kühlschrank ist dort hinten.« Aidan deutet mit einer vagen Bewegung zu einer Nische, die mir bisher nicht aufgefallen ist.

Gerade will ich darauf zugehen, als Aidans Stimme mich zurückhält: »Hey, hast du Lust auf ein Spiel?«

Wie erneut vom Schneechaos überrumpelt und in Eiswasser getaucht, verharre ich nur wenige Schritte vor dem Sofa, auf dem Aidan sitzt und mich mit einem verboten sexy Grinsen und funkelnden Augen beobachtet. Doch ausnahmsweise ist es nicht sein gutes Aussehen, was mich so aufwühlt. Es ist seine Frage, ob wir ein Spiel spielen wollen, die mir einen kalten Schauer über den Rücken jagt.

»Ein Spiel? Ernsthaft?« Fassungslos starre ich ihn an. »Nein, danke, ich weiß genau, welche Spiele hier gespielt werden.«

Schockiert habe ich während unserer langen Telefonate Ivys Berichten vom Anfang des Schuljahrs zugehört, als sie mir von dem Spiel erzählte, das jedes Jahr an ihrer neuen Schule für Chaos sorgt. Ein anonymer Spielleiter hatte damals Aufgaben verteilt und die Spielenden mit Beweisfotos dazu gezwungen, die Intrigen immer weiter fortzuführen. Keiner hatte gewusst, wer der Spielleiter war, alle hatten sich gegenseitig beschuldigt. Freundschaften und Beziehungen waren im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel gesetzt worden. Auf so etwas kann ich gut und gerne verzichten.

Aidan zuckt nur lässig mit den Schultern und will sich wieder zurücklehnen. Doch dann versteht er. Mit weit aufgerissenen Augen hebt er die Hand. »Fuck! So war das nicht gemeint. Ich habe nicht an das gedacht, was Bryan mir erzählt hat.« Er fährt sich unsicher durch die blonden Haare, ehe er grinsend hinzufügt: »Wobei ein Teil des Spiels durchaus seinen Reiz hat.«

Er beißt sich auf die Unterlippe und ich wünsche mir erneut, dieses Bild mit meinem Handy festhalten zu können. Ein Bild, das sich direkt in meine Netzhaut brennt und für eine wohlige Wärme in meinem Körper sorgt, die ich so schon zu lange nicht mehr gespürt habe und die in mir eine ungeahnte Entschlossenheit freizusetzen scheint. »Keine Vergangenheit«, murmle ich vor mich hin und hoffe, dass Aidan es nicht gehört hat.

Die alte Caro Gassner aus dem kleinen Kaff in Süddeutschland würde sich in so einem Moment nicht trauen, etwas zu sagen und den offenen Flirt zu erwidern. Doch die alte Caro ist zu Hause geblieben, deshalb frage ich mit kratziger Stimme: »Welcher Teil denn?«, während ich mich unter Aidans Blick weiter nähere, der jede meiner Bewegungen verfolgt.

»Kennst du den Tag des Kusses?«, fragt er und sieht dabei so unverschämt sexy aus, dass er dafür eingesperrt gehört.

Ja, ich erinnere mich. Der Tag des Kusses war eine Aufgabe des Spiels, von der mir Ivy erzählt hat. Für jedes Foto von einem Kuss hatte es Sonderpunkte für die Spieler gegeben. Viele hatten das ausgenutzt.

Mein Hals ist inzwischen trockener als jede Wüste und meine Lippen drohen aufzuplatzen, wenn ich nicht … Meine Zunge befeuchtet sie, ehe ich darüber nachdenken kann. Dabei bin ich mir der Aufmerksamkeit, die Aidan dieser kleinen Bewegung schenkt, überaus bewusst. Mein Herz pocht, während ich mich neben ihn auf das Sofa setze.

Schweigend sehen wir uns an. Die Spannung in der Luft ist beinahe greifbar und die Zeit scheint stillzustehen. Hier und jetzt gibt es nur uns zwei. Keine Vergangenheit, so wie ich es wollte. Ich weiß rein gar nichts über diesen Jungen, der irritierende und gleichzeitig wunderbare Gefühle in mir auslöst. Und auch wenn ich diese Gefühle nicht begreifen kann, merke ich doch, wie wohl ich mich fühle.

Irgendwann wird die Spannung zwischen uns zu groß und ich schaue weg. Dabei fällt mein Blick auf das Handy, dessen Display ununterbrochen aufleuchtet.

»Du musst sehr wichtig sein«, sage ich.

Irritiert zieht Aidan die Braue nach oben und sieht zum Tisch. Doch statt das Handy zu nehmen, lässt er sich wieder nach hinten auf das Sofa fallen.

Ich würde ihn gerne fragen, was ihn beschäftigt, habe jedoch Angst, damit die Atmosphäre zu zerstören. Es geht mich auch nichts an. Deshalb schweige ich.

Plötzlich beugt sich Aidan ruckartig vor und greift doch zum Handy. Ich denke, dass er endlich auf die Nachrichten antwortet, aber keine Minute später legt er das Handy wieder auf den Tisch. Im selben Moment erklingt das Intro von Cyndi Laupers »All Through the Night«.

Das Lied kommt so unerwartet, dass ich mir ein erstauntes Lachen nicht verkneifen kann.

»O wow, ich wusste gar nicht, dass jemand außer meiner Mom Cyndi-Fan …«, schaffe ich noch zu sagen, bevor Aidan sich mit einer fließenden Bewegung zu mir beugt und so dicht vor meinen Lippen verharrt, dass ich seinen warmen Atem wie eine Berührung empfinde und alle anderen Gedanken wie weggeblasen sind.

Ein wohliger Schauder fährt mir über den Rücken und mein Herz klopft heftig. So lebendig habe ich mich seit der Trennung von Mike nicht mehr gefühlt. Meine Gedanken rasen, während Aidan noch immer meine Reaktion abwartet, mir den ersten Schritt überlässt. Er riecht nach Wald und Natur, eine Mischung aus Zuhause und Freiheit.

In diesem endlos scheinenden Moment dringt Cyndi Laupers Stimme zu mir durch und endlich verstehe ich, warum Aidan diesen Song ausgesucht hat. Er hat mich offenbar gehört, als ich mein Mantra vor mich hin gemurmelt habe. Cindy singt, dass wir keine Vergangenheit haben, nicht in dieser Nacht.

Das gibt mir den Anstoß. Ich überwinde die letzten Millimeter zwischen uns, schmecke den Whiskey auf seinen Lippen, seiner Zunge. Noch nie habe ich so viel bei einem Kuss gefühlt. Ich lasse mich darauf ein, lasse mich fallen, spüre, wie Aidans Hände in meine Haare greifen, und gebe dem Drang nach, ihn zu berühren, seine Muskeln unter dem Hemd zu ertasten.

In Endlosschleife ermutigt uns Cyndi Lauper, immer weiter zu gehen.

Am nächsten Morgen erwache ich in einem fremden Zimmer. Es dauert eine Weile, bis ich mich orientieren kann. Ich bin im Uptown Palace, heute ist Heiligabend und ich habe …

Ich reiße die Augen auf, blinzle und versuche, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Ein Hauch von Aidans Parfüm an meinem Kopfkissen lässt die Erinnerung an letzte Nacht wieder zurückkommen und all die Emotionen wieder aufleben.

Verwirrt sehe ich mich um. Sonnenstrahlen fallen auf das Bett, genau auf die Stelle, an der Aidan und ich gestern eng umschlungen eingeschlafen sind. Doch nun ist der Platz leer, Aidan ist nicht da.

Ich bin achtzehn, erwachsen genug, um zu verstehen, dass wir uns beide auf etwas eingelassen haben, das nur für diese eine Nacht bestimmt war. Trotzdem kann ich nicht verhindern, dass sich ein Kloß in meinem Hals bildet.

Nein, Schluss jetzt, ermahne ich mich und schiebe entschlossen die Decke von mir. Es war eine Nacht, die nun zu Ende ist. Ich atme einige Male tief ein und gehe ins Bad. Der heiße Strahl der Dusche lässt sämtliche Gedanken an Berührungen auf meiner Haut und intensive Küsse aus meinem Gedächtnis verschwinden.

Erfrischt ziehe ich mich an und tappe den Flur entlang ins Wohnzimmer. Mir stockt der Atem. Das Panorama ist atemberaubend: Wo gestern noch ein undurchdringbares Schneegestöber herrschte, steht heute die Sonne am strahlend blauen Himmel und lässt den Schnee auf dem Balkon und den umliegenden Wolkenkratzern wie Abertausende Diamanten glitzern. Die Stadt liegt unter mir. Endlich kann ich sie sehen, glaube zu hören, wie sie mich ruft.

»Guten Morgen, Caro.« Vom Ausblick vollkommen in den Bann gezogen, habe ich Bryan gar nicht bemerkt, der mit zerzaustem Haar allein an dem langen Tisch sitzt, auf dem wohl das gesamte Frühstücksbüfett des Hotels aufgebaut ist. »Ich wusste nicht, was du frühstückst, deshalb habe ich von allem etwas hochbringen lassen.«

Er bedeutet mir, mich zu ihm zu setzen. Es liegt nur ein Gedeck da, kein weiteres für …

»Schläft Aidan noch?«, frage ich bemüht neutral, dränge dabei mit großer Mühe die Gedanken an seine Berührungen aus meinem Kopf – und werde trotzdem rot.

Bryan sieht mich ernst an und räuspert sich, ehe er antwortet: »Er ist noch vor Sonnenaufgang nach Hause geflogen.«

Ich muss schlucken, ehe ich ein »Okay« hervorbringe und mich auf den Stuhl neben ihn fallen lasse. Na gut, vielleicht habe ich doch noch nicht alle Gefühle verdrängt. Doch Bryans Charme und das wohl ausgiebigste Frühstück aller Zeiten lenken mich von meinen Gedanken ab, bis Ivy kommt und mich abholt.

Die Zeit mit Ivy fühlt sich an, als wären wir nie getrennt gewesen. Wir erkunden die Weihnachtsattraktionen der Stadt und laufen zum Abschluss noch eine Runde unter dem gigantischen Weihnachtsbaum vor dem Rockefeller Center Schlittschuh, ehe ich am Abend endlich wieder Ivys Eltern treffe.

Kathi Harris begrüßt mich mit einer herzlichen Umarmung, genau wie damals, als die Familie noch in Deutschland wohnte und ich fast jeden Tag bei ihnen war.

»Wirst du heute auch dabei sein?«, fragt sie mich und ich nicke. Kathis Weihnachtsgottesdienste waren immer wundervoll.

»Nach der Bescherung gehen wir ins Up!«, erklärt Ivy wenig später bei einem heißen Kakao in der Küche. »Dort treffen wir uns dann mit den anderen.« Sie lächelt. »Wie hast du denn geschlafen? Bei Bryan ist es ja ab und zu etwas … laut.«

Ertappt puste ich in meinen Kakao, um die Antwort hinauszuzögern. Ivys Bemerkung hat alle Erinnerungen an letzte Nacht zurückgebracht, die ich den ganzen Tag erfolgreich verdrängen konnte. Über den Rand meiner Tasse hinweg bemerke ich, wie Ivys Braue immer höher wandert. An ihrem Grinsen erkenne ich genau, was in ihrem Kopf vorgeht. Ich leugne es nicht, bestätige aber auch nichts.

Irgendwann platzt es aus ihr heraus. »Bryan sagte, Aidan ist heute Morgen in aller Frühe nach Hause geflogen. Den Grund wollte er mir aber nicht sagen. Caro, ich …«

Ich hebe die Hand. »Bitte kein ›Ich habe dich gewarnt‹, das brauche ich nicht. Es war … eine Nacht ohne Vergangenheit und das ist okay.«

Ivy sieht mich lange an und lässt mich nicht einmal aus den Augen, als sie ein paar Schlucke von ihrem Kakao nimmt. Unter ihrem Blick werde ich ganz nervös. Deshalb bin ich froh, als kurze Zeit später ihr Handy aufleuchtet.

»Auf geht’s«, sagt Ivy. »Wir dürfen Mom nicht warten lassen. An Heiligabend ist sie doch immer so nervös.«

Wenig später betreten wir die übervolle Kirche. Beim Anblick des Tannenschmucks und dem Duft von Weihrauch wird mir immer festlicher zumute und eine kindliche Vorfreude erfüllt mich.

Nach dem Gottesdienst findet die Bescherung statt. Ivy quietscht begeistert, als sie das signierte Buch ihrer deutschen Lieblingsautorin auspackt. Ich erwarte kein Geschenk – immerhin habe ich keinen Cent für die Reise gezahlt. Trotzdem reicht mir Ivy eine kleine Schachtel, die ich aber erst später öffnen darf, wie sie mir mit einem Zwinkern zuflüstert.

»Ich habe zu viel gegessen«, stöhne ich, während ich einige Stunden später wie ein Mehlsack in der Limousine hänge.

»Wer nicht?«, stimmt Heath zu. »Kathi kocht so wahnsinnig gut.« Er zieht Ivy an sich und drückt ihr einen sanften Kuss auf die Schläfe. Die beiden wirken so entsetzlich glücklich. Wenn mich mal jemand so ansehen würde, wie Heath gerade Ivy ansieht …

Unwillkürlich wandern meine Gedanken wieder zu Aidan. Ich kann nichts dagegen tun und bin so versunken, dass ich gar nicht mitbekomme, wie wir kurz darauf anhalten.

Das Up! liegt im Untergeschoss meines Hotels und gehört zu den angesagtesten Clubs von New York.

Ivy schiebt mich durch das Hotelfoyer auf einen Fahrstuhl zu, vor dem ein Security-Typ steht, und flüstert grinsend: »Wir haben natürlich direkten Zugang. Der VIP-Bereich ist heute Abend noch exklusiver als sowieso schon.«

Der Fahrstuhl bringt uns zu einem Steg, der über die Köpfe der tanzenden Menschen hinweg zu einer Glastür führt. An den Wänden des Clubs drehen sich projizierte Weihnachtsbäume, Zuckerstangen und Weihnachtsmänner – aber die Musik ist alles andere als besinnlich. Dröhnende Bässe lassen selbst den Steg unter uns leicht vibrieren und ich bin froh, als wir in dem gläsernen Separee ankommen, in das die Musik in angenehmer Lautstärke dringt.

Ivy stellt mir ihre neuen Freunde vor – Heaths Clique von der St. Mitchell. Nun habe ich endlich Gesichter zu den Personen aus Ivys Geschichten. Auch Bryan kommt etwas später dazu. Er wirkt übermäßig geschäftig, starrt immer wieder auf sein Handy.

»Kann ich dir bei irgendetwas helfen?«, frage ich. Er sieht mich vollkommen irritiert an. »Du siehst aus, als würdest du viel zu tun haben«, erkläre ich, hake mich bei ihm unter und ziehe ihn über die kleine Tanzfläche des VIP-Bereichs hinweg in Richtung der Bar.

Ich wähle einen hübschen rosaroten Cocktail, während Bryan ein Glas Whiskey bestellt. Als wir uns nebeneinander auf die Barhocker setzen, streift mich der Geruch des Whiskeys und ruft Erinnerungen an vergangene Nacht hervor.

Eine Weile sitzen wir nur da. Schließlich holt Bryan tief Luft und sieht mich an. »Aidan ist nach Hause geflogen, weil sein Bruder einen Unfall hatte.«

»Was?« Ich weiß nicht, was ich sagen soll. An so eine Möglichkeit hatte ich nicht einmal gedacht. Das würde auch die ganzen Nachrichten erklären, die Aidan gestern bekommen hat. Plötzlich wird mir klar, wie frustriert ich heute Morgen war, obwohl ich es mir nicht eingestehen wollte. Doch meine Enttäuschung hat meinen Verstand vernebelt. Statt alle Möglichkeiten abzuwägen, bin ich fest davon ausgegangen, dass Aidan ohne Grund verschwunden ist und mich sitzen gelassen hat.

»Es ist nichts Schlimmes, wie sich inzwischen herausgestellt hat«, räumt Bryan ein. »Aber die Nachricht von dem Unfall hat Aidan ziemlich kalt erwischt. Du musst wissen, Aidan hat … Er hat eine sehr komplizierte Vergangenheit. So idyllisch Wooden Heights auch sein mag, desto finsterer sieht es hinter den Kulissen der reichsten Kleinstadt Kaliforniens aus. Im Frühjahr hat Aidans Beziehung auf wirklich dramatische Weise geendet. Ich hatte gehofft, dass er wieder der Alte wird, wenn er einfach mal dort rauskommt.« Bryan sieht mich lange an, als versuchte er, etwas aus mir herauszulesen. Offenbar wird er fündig. »Anscheinend hat es eine Zeit lang funktioniert.« Seine Lippen verziehen sich zu einem wissenden Lächeln, das mir die Röte in die Wangen treibt, woraufhin sein Schmunzeln noch breiter wird.

Seufzend gebe ich nach und erzähle ihm alles. Normalerweise wäre es mir unangenehm, über so etwas mit einem völlig Fremden zu reden, aber mit Bryan zu sprechen, ist schlichtweg befreiend.

Nach einer Weile gehen wir wieder zu den anderen zurück. Hier am Tisch ist die Stimmung ausgelassen und ich stelle fest, dass ich sie allesamt mag. Ivy hat Glück, solche Freunde zu haben – auch wenn das Kennenlernen durch das Spiel am Anfang schwierig war.

Irgendwann stupst Bryan Ivy an und nickt ihr zu. Sie beugt sich zu mir und bittet mich, sie kurz zu begleiten. Wir setzen uns an die Bar.

»Also«, beginnt sie und mustert mich etwas nervös. »Ich muss dir was sagen. Bitte sei mir nicht böse. Oder wenn, dann nicht für lange. Bryan hat mir erzählt, dass unser … Verkupplungsversuch mit Aidan ein Erfolg war.« Ich reiße die Augen auf, will etwas sagen, aber Ivy redet einfach weiter. »Ich mochte Mike nie. Ihn als Person nicht und schon gar nicht, wie er dich in all den Jahren behandelt hat. Als ich meine Chance gesehen habe, dich hierherzuholen und von dem Kerl abzulenken, habe ich sie ergriffen.« Ich öffne erneut den Mund, aber Ivy ist noch nicht fertig. »Du hast dasselbe damals mit mir gemacht, weißt du noch? Mir den Spiegel vorgehalten.«

Ich nicke ergeben, ehe ich sage: »Aber zwischen Spiegel vorhalten und verkuppeln liegt ein großer Unterschied.«

Sie wagt es tatsächlich, mich mit gespielter Empörung anzusehen. »Bryan und ich haben euch nur eine Möglichkeit geboten – den Rest haben wir nicht zu verantworten.« Sie zwinkert mir zu.

Ich stoße ein ärgerliches Schnauben aus, obwohl ich weiß, dass sie verdammt noch mal recht hat.

»Du kannst dein Geschenk jetzt übrigens öffnen«, fährt Ivy fort. »Ich musste nur erst wissen, ob du es überhaupt annehmen würdest.«

Mit gerunzelter Stirn sehe ich sie an.

»Jetzt mach schon!« Wie ein kleines Kind beobachtet Ivy aufgeregt, wie ich die Schachtel aus der Handtasche ziehe, die Schleife öffne und den Deckel abhebe.

Es ist ein winziger Mistelzweig.

Ivy kann sich ein Schmunzeln nicht länger verkneifen. Als die ersten Töne von »All Through the Night« erklingen, zieht sie mich vom Barhocker, dreht mich zur Tanzfläche um und sagt dicht neben meinem Ohr: »Dahinten gibt es mehr davon.«

Über der Tanzfläche hängen tatsächlich etliche Mistelzweige, doch das ist es nicht, was sie meint. Mein Puls rast, als ich die Person erkenne, die unter den Mistelzweigen steht und in meine Richtung sieht. Aidan.

Am liebsten würde ich auf ihn zurennen, kann mich aber gerade noch zurückhalten. So was gibt es nur in kitschigen Filmen.

Er wirkt unsicher, kaut unruhig auf seinen Lippen, die ich in der vergangenen Nacht überall auf mir gespürt habe. Die Erinnerungen werden immer lebendiger und irgendwann – ich habe keine Ahnung wie – stehen wir dicht voreinander.

»Du wusstest auch nichts von der Verkupplungsaktion, oder?«, frage ich und er schüttelt den Kopf.

»Es tut mir leid, dass ich einfach verschwunden bin.« Seine Stimme ist rau, er schluckt. »Das war garantiert nicht geplant, aber als ich von dem Unfall gehört habe, musste ich nach Hause. Doch unterwegs habe ich die ganze Zeit an dich gedacht. Als ich beim Zwischenstopp in Chicago erfahren habe, dass es Liam gut geht, bin ich direkt wieder zurückgeflogen.« Sein Blick sucht meinen. Er mustert mich und fragt dann zögernd: »Ändert Ivys und Bryans Aktion etwas daran, wie du über unsere gemeinsame Nacht denkst?«

Ich muss gestehen, dass ich im ersten Moment geschockt war. Doch Ivy hat recht: Bryan und sie haben uns nur eine Gelegenheit geboten, was wir daraus gemacht haben, war unsere Sache.

Ich überwinde die letzte Distanz zwischen uns und schmiege mich an ihn. »Vielleicht ist ein kleiner Anstoß manchmal ganz gut.«

Als ich zu ihm aufsehe, erwidert Aidan mein Lächeln mit diesem Magenkribbeln verursachenden Grinsen, das meine Beine zu Wackelpudding werden lässt. Hinter ihm leuchten die Mistelzweige im Licht der Lasershow auf. Ich ziehe seinen Kopf zu mir herunter und verschließe ihm die Lippen mit einem Kuss, der noch viel süßer und ehrlicher ist als die der letzten Nacht.

Der Nacht ohne Vergangenheit.

Vielleicht ist es manchmal gut, sie auszublenden, um nach vorne sehen zu können. Vielleicht legt man so den Blick auf etwas Neues frei. Etwas, das nur eine Nacht hält, vielleicht aber auch länger. Das kann man schließlich nicht vorher wissen.

Der alte Monitor flimmerte und ich rieb mir die Augen, weil ich jetzt schon seit Stunden darauf starrte. Mein Chef hatte mir zusätzlich die Spätschicht aufgedrückt, und damit ich nicht noch vor Ärger in die Tischkante biss, hatte ich mich mit Bürokram abgelenkt.

Eigentlich war zu dieser Zeit der Empfang im Hotel nicht mehr besetzt, aber da sich nachmittags unverhofft ein spät anreisender Gast angekündigt hatte, war mein Chef nur allzu bereit gewesen, meinen Abend zu opfern. Immerhin war dieser Gast ein ›von Eggelsbach zu Rabesfurth‹ und hatte die Suite für sich selbst und ein Zimmer für seinen Mitarbeiter gebucht.

Genervt sah ich zur Standuhr gegenüber des Empfangs. Es war bereits kurz vor elf und von unserem VIP fehlte noch immer jede Spur. Mein Blick wanderte durch das menschenleere Foyer und mein Ärger flaute etwas ab. Alles hier war liebevoll eingerichtet und jetzt, da Weihnachten vor der Tür stand, festlich geschmückt. Vor mir auf dem Tresen befand sich ein mit getrockneten Orangenschalen, Zimtstangen und Anissternen gespicktes Gesteck, von dem ein herrlicher Duft ausging. In der Ecke stand ein Tannenbaum. Girlanden aus Stechpalmenzweigen mit Schleifen und Lichterketten waren um Türen und Treppengeländer drapiert und Tannenzapfen hingen an silbernen Bändern von der Decke.

Ich nahm mir eines der Plätzchen, die meine Mutter mir mitgegeben hatte und die ich im Empfangstresen versteckt hatte. Sie waren wie immer köstlich. Eigentlich hatte ich sie erst essen wollen, wenn ich zu Hause gemütlich mit einer Tasse leckerem Weihnachtstee auf dem Sofa lag, doch wie es aussah, würde das noch dauern. Dabei konnte ich es kaum abwarten, mein Arbeitsoutfit, bestehend aus cremeweißer Bluse und schwarzem Rock, gegen bequeme Kuschelklamotten auszutauschen.

Es war schließlich nicht so, dass zu Hause irgendjemand auf mich wartete, den ich mit meinem Aussehen beeindrucken musste. Mein Freund hatte mich Anfang Dezember abserviert, dieser Mistkerl! Allerdings war die Augen-aus-dem-Kopf-heul-Phase recht schnell in die Du-hast-mich-gar-nicht-verdient-Phase übergegangen, ein untrügliches Zeichen dafür, dass es nicht die ganz große Liebe gewesen war. Es war nicht auszuschließen, dass er mir nur kein Weihnachtsgeschenk hatte besorgen wollen. Sollte er also nach den Feiertagen wieder angekrochen kommen, konnte dieser Blödmann mir gestohlen bleiben. Mit oder ohne Geschenk!

Kauend rieb ich mir den Nacken, erhob mich und ging um den Empfangstresen herum zu dem großen Fenster, das zur Auffahrt hinausging. Es herrschte eine ungewöhnliche Finsternis, das Licht der Straßenlaternen erreichte nicht mal den Boden, sondern wurde schon auf halber Stecke von der Schwärze verschluckt. Es kam mir vor, als wollte die eiskalte Nacht durch die Mauern kriechen und nach mir greifen. Das war natürlich lächerlich und ich schüttelte über mich selbst den Kopf, als ich plötzlich eine Bewegung im Dunkel bemerkte. Etwas kam über die schmale Straße auf das Hotel zu.

Mit einem Mal war alles still um mich herum, nur das Ticken der Standuhr schien nicht nur lauter geworden zu sein, sondern auch langsamer. Für einen kurzen Moment war es, als verharrte, lauerte und beobachtete mich das Etwas dort draußen ebenfalls, nur um dann plötzlich aus der Dunkelheit hervorzubrechen.

Es war eine Kutsche, vor die zwei rabenschwarze Pferde gespannt waren, deren riesige Leiber in der Kälte dampften. Auf dem Kutschbock saß eine Gestalt, die unerbittlich mit einer Peitsche auf sie eindrosch.

Kurz schien es, als wäre da keine Scheibe zwischen mir und diesem unheimlichen Anblick. Ich konnte die eisige Winternacht förmlich auf meinem Gesicht spüren, die Pferde riechen, ihr Trampeln und Schnauben hören, das sich mit dem Knirschen der Wagenräder auf dem Kiesweg vermischte.

Erneut riss die Gestalt die Peitsche hoch, schlug jedoch diesmal in die Richtung des Fensters aus, hinter dem ich stand. Obwohl die Kutsche zu weit entfernt war und der Riemen der Peitsche unmöglich so lang sein konnte, traf er hart gegen das Fensterglas.

Mit einem erstickten Schrei riss ich den Kopf zurück. Als ich es wagte, wieder rauszuschauen, stand dort keine Kutsche, sondern ein elegantes, schwarzes Auto.

Wie konnte das sein? War ich so müde, dass ich mir einen solchen Unsinn einbildete? Energisch schüttelte ich den Kopf, um etwas wacher zu werden.

Im selben Moment wurde die Tür von außen aufgestoßen. Ein kalter Windstoß fegte herein und mit ihm trat ein Mann ein. Ich hatte keine Zweifel, dass es sich bei ihm um Herrn von Eggelsbach zu Rabesfurth handeln musste, was nicht nur an der komplett schwarzen und sicher maßgeschneiderten Kleidung lag, sondern vor allem an seiner überheblichen Ausstrahlung.

Schweigend sah er sich um und zog dabei seine Lederhandschuhe aus. Er wirkte seltsam fehl am Platz.

»Guten Abend und herzlich will…«

»Danke«, unterbrach er mich. »Ich möchte gleich auf mein Zimmer.«

»Ähm … natürlich«, sagte ich und ging zügig zur Rezeption. Ich beeilte mich, alles Notwendige so rasch wie möglich über die Bühne zu bringen. Der Kerl hatte etwas an sich, dass mir einen kalten Schauder über den Rücken jagte.

Die Ähnlichkeit zu einem gewissen adligen Blutsauger war nicht von der Hand zu weisen. Herr von Eggelsbach zu Rabesfurth war schmal, blass und irgendwie nicht von dieser Welt. Das dunkle Haar hatte er im Nacken zu einem Zopf gefasst, seine hohen Wangenknochen schienen fast scharfkantig und seine Augen waren von einer irritierend wässrigen Farbe.

Schließlich schob ich ihm die Formulare zu. Er zückte einen goldenen Füllfederhalter und unterschrieb auf jedem mit seinem langen Namen.

»Es genügt, wenn Sie mich mit Graf ansprechen«, sagte er dann und drehte die Kappe auf den Federhalter.

Okay, da legte wohl jemand großen Wert auf Etikette. Aber an mir sollte es nicht scheitern. »Das werde ich gerne tun. Sie haben die Zimmernummer 21. Die Suite befindet sich im zweiten Stock. Für Ihren Mitarbeiter haben wir das Zimmer gleich neben Ihrem vorgesehen.«

»Exzellent.« Er ließ seinen Stift in der Innentasche seines taillierten Mantels verschwinden und musterte mich dabei intensiv, bis sein Blick an meinem Namensschild hängen blieb. »Mira? Ein schöner Name.«

Ich nickte, obwohl ich es nicht mochte, wenn mich Gäste ungefragt beim Vornamen nannten.

Nachdem sich der Graf zurückgezogen hatte, entdeckte ich neben dem Gesteck auf dem Empfangstresen ein kleines Kästchen. Es war aus einem tiefschwarzen Material und hatte metallbeschlagene Ecken.

Verflixt! Der Graf musste es dort vergessen haben. Erst wollte ich es ihm hinterhertragen, doch dann zögerte ich. Er hatte ja recht deutlich durchblicken lassen, dass er seine Ruhe haben wollte. Ich beschloss, das Kästchen mit einem Zettel hinter die Rezeption zu stellen. Sollte sich doch die Frühschicht darum kümmern.

Kaum hatte ich es jedoch berührt, stellte ich überrascht fest, dass das Kästchen eiskalt war. Hastig zog ich die Finger zurück und nahm es genauer unter die Lupe. Der Deckel war nicht ganz verschlossen und aus seinem Innern drang ein schwaches Schimmern.

Ob der Inhalt wertvoll war? Vielleicht sollte ich das Kästchen dann doch lieber gleich seinem Besitzer aushändigen. Doch was war das? Etwas Federleichtes war auf meinem Handrücken gelandet.

Eine Schneeflocke?

Verblüfft beobachtete ich, wie weitere zarte Flöckchen aus dem Kästchen wirbelten, auf dem Tresen landeten und dort sogleich schmolzen. Plötzlich sprang das Kästchen ganz auf und ein frischer Winterhauch umwehte mich.

Wie in einen Sog geraten, näherte ich mich der Öffnung und sah mit tief gesenktem Kopf in das Kästchen hinein. Als wäre es ein Fenster zu einer winzig kleinen Welt, erblickte ich unter mir eine vollendete nächtliche Winterlandschaft. Tannen streckten mir ihre schneebedeckten Wipfel entgegen und ein zugefrorener See lag glitzernd im Mondlicht inmitten einer unberührten weißen Fläche.

Fasziniert beugte ich mich weiter vor und entdeckte die Miniatur eines Herrenhauses, aus dem Musik erklang. Fackeln im Kleinformat beleuchteten den Weg zu einer Treppe und hinter den vielen Fenstern waren Umrisse zu erkennen, als tanzten dort klitzekleine Figuren.

Dieses Kästchen musste eine Art Spieluhr sein, und zwar die schönste, die ich je gesehen hatte.

Ungläubig verlagerte ich mein Gewicht, wollte mehr von dieser zauberhaften Kulisse sehen, da verlor ich den Halt und kippte vornüber. Mit einem Schrei fiel ich inmitten unzähliger Schneeflocken weiter und weiter in die Tiefe. Mein Körper verkrampfte sich, mein Herz klopfte hart in meiner Brust und ich erwartete den Aufschlag.

Doch nichts geschah. Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit die Augen öffnete, bemerkte ich, dass ich keineswegs am Boden zerschellt war, sondern aufrecht in knietiefem Schnee stand.

Verwirrt sah ich mich um. Träumte ich? War ich etwa vor dem Computer eingeschlafen? Oder hatte meine Mutter es mit dem Rumaroma für die Plätzchen übertrieben? Jedenfalls stand fest, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.

Langsam konnte ich kaum noch meine Zehen spüren und die Kälte stach mit feinen Nadeln überall in meine Haut.

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