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Death de LYX (06) - Todesbleich

MAXIM JAKUBOWSKI (HRSG.)

JEFFERY DEAVER, MICKEY SPILLANE ET. AL.

Todesbleich

Ins Deutsche übertragen von

Ralph Sander

Zu diesem Buch

Jeffery Deaver, Mickey Spillane und viele andere große Thriller-Stimmen führen zu exotischen Tatorten!

Mit Kurzgeschichten von Chad Taylor, José Carlos Somoza, Julián Ibáñez, Lisa Allen-Agostini, Norizuki Rintaro, Paco Ignacio Taibo II, Altaf Tyrewala, Jeffrey Deaver, Leonardo Padura, Andreu Martin, Howard Engel, Mickey Spillane, Max Allan Collins und Feryal Tilmaç.

José Carlos Somoza

Dieser fette, sadistische Bastard

»Da ist was, das du wissen solltest«, sagte Karl eines Morgens zu mir. »Wir sind hier, um die Frau zu töten.«

»Weiß ich doch«, gab ich amüsiert zurück.

»Du verstehst nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Ich meine das im Ernst. Das soll nicht nur vorgetäuscht sein.«

Ich sah ihm ins Gesicht. Immer wenn er Hunger hatte, meldete sich seine Vorliebe für »lustige« Witze. Aber um diese Uhrzeit hatten wir uns den Magen bereits vollgeschlagen, und dieser Witz war sogar für Karls Verhältnisse mehr als merkwürdig.

»Ha, ha«, sagte ich gedehnt. »Ich lach’ mich tot.«

»Hör zu«, beharrte er. »Es ist wahr. Die haben längst Testaufnahmen mit einem anderen Opfer gedreht. Das Material hat er in seinem Trailer.«

Jetzt war ich derjenige, der den Kopf schütteln musste. Ich wollte ja nicht abstreiten, dass irgendwer so was verbreitet hatte, aber was ich nicht fassen konnte, war, dass der Kerl so unglaublich naiv war. Jedes noch so kleine Gerücht verwandelte sich bei ihm sofort zur absoluten Wahrheit.

Er musste meine Gedanken gelesen haben, weil er ein bisschen sauer dreinschaute. »Komm schon, Louie, schalt mal den Verstand ein. Was glaubst du eigentlich, wieso man uns genommen hat? Wir sind keine Schauspieler, wir sind Räuber. Was in Gottes Namen haben wir bei diesen Dreharbeiten verloren?«

»Wir sind Statisten, Karl, wir sind da, um die Kulissen zu beleben.«

»Das hab ich bis vor Kurzem auch gedacht, aber Vince und Todd haben mir klargemacht, dass das gar nicht stimmt. Die beiden haben mir von diesen Testaufnahmen erzählt.«

»Vince und Todd sind zwei Idioten, die die meiste Zeit vor allem Möglichen in Panik geraten. Ich verstehe nicht, warum du den beiden überhaupt zuhörst, Karl. Wir sind hier um zu arbeiten, und das werden wir auch machen.«

Das brachte mir einen skeptischen Blick ein.

»Du weißt doch genau, für wen wir arbeiten, Louie. Der Kerl ist kein normaler Regisseur. Er ist ein fetter, sadistischer Bastard …«

»Das reicht jetzt, Karl.«

Eine Minute lang sprach keiner von uns ein Wort, jeder ging seinen eigenen Gedanken nach.

Ich kannte Karl seit ein paar Monaten, wir kamen gut miteinander aus, auch wenn ich wusste, dass er ein richtiger Hitzkopf sein konnte. Ich dagegen war mehr der unterkühlte Typ, selbst wenn wir einen schwierigen Job zu erledigen hatten, bei dem das Blut nur so umherspritzte. Ich konnte mich für seine feurige Art erwärmen, aber mir gefiel nicht, wie er diese Art einsetzte, um unseren Regisseur einzulullen.

Allerdings musste ich auch zugeben, dass dieser Regisseur ein komischer Typ war. Todernst und dabei trotzdem zu Späßen aufgelegt, völlig in irgendwelche Gedanken vertieft, dabei aber immer ganz bei der Sache. Wenn er einen ansah, wusste man nie, was in diesem kahlen Kopf vor sich ging. Gleichzeitig umgab ihn eine gewisse Aura, vergleichbar mit einem Königsmantel mit langer Schleppe, um die sich die anderen kümmern durften. Sicher, er war eine große Nummer, besessen davon, Nabelschau zu betreiben (allerdings nur im übertragenen Sinn, da er seinen Nabel ganz sicher schon lange nicht mehr gesehen hatte) – aber bei welchem Regisseur in Hollywood war das nicht der Fall?

Ich besitze so wie mein Vater eine gewisse Erfahrung im Showbusiness, habe seit den späten Fünfzigern bei dem einen oder anderen Zirkus, auf Festivals und in Filmen mitgearbeitet, immer als Statist. Ich kann mit voller Überzeugung von mir behaupten, dass ich genug Bastarde und Sadisten kennengelernt habe, um mit ihren Namen das Telefonbuch von L.A. zu füllen. Und ich habe alles getan – und damit meine ich wirklich alles –, um andere zufriedenzustellen. Aber ich habe noch nie jemanden getötet. Noch nie. Das war Mord, und Mord war ein übles Wort.

Karl beugte sich zu mir rüber, bis er dicht an meinem Ohr war. »Morgen drehen sie wieder am See, und wir haben den ganzen Tag frei. Was hältst du davon, wenn wir uns um halb vier am Trailer vom Regisseur treffen?«

»Wofür denn das?«

»Hab ich dir doch gerade gesagt.« Er verzog ungeduldig den Mund. »Da bewahrt er die Testaufnahmen auf.«

»Was denn für Testaufnahmen?«

»Oh, um Himmels willen, Louie! Hast du irgendwas in deinen gottverdammten Ohren? Du hast mir wohl überhaupt nicht zugehört, wie? Ich hab gesagt, dass Hitch eine Szene gedreht hat, in der eine Blondine brutal ermordet wird …«

Ich warf ihm einen kühlen Blick zu. »Karl, was zum Teufel hast du gefrühstückt? Bourbon und sonst gar nichts?«

»Ich schwöre dir, es ist die Wahrheit …!«

»Hast du die Aufnahmen gesehen

»Nein, aber Vince und Todd …«

»Ja, klar, das konnte ich mir ja gleich denken«, schnaubte ich abfällig. »Jahwe und sein heiliger Prophet.«

Wir kannten Vince und Todd erst, seit sie mit den Dreharbeiten für den Film begonnen hatten. Die beiden blödelten immer nur rum, und sie hatten jede Menge Erfolg bei den Frauen, aber es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn das erklärte, wieso Karl ihnen alles abkaufte, was sie ihm erzählten. Er tat gerade so, als wären es geheiligte Worte aus dem Mund seiner Eltern – oder aus dem Mund von unserem Boss Mr Berwick persönlich.

»Überleg doch mal«, redete Karl weiter auf mich ein. »Würden sie diese Testaufnahmen machen, wenn sie nachher gar nichts damit anfangen könnten?«

»Überleg doch mal, Karl: Wir machen bei einem Film mit.« Wir saßen beide auf einem Zaun gleich neben den Ställen. Vor uns standen gemalte Kulissen, ein paar von ihnen zeigten reale Ansichten, andere waren komplett erfunden. Mit einem knappen Nicken deutete ich darauf. »Sieh dich doch um: Fassaden von Häusern, die es gar nicht gibt, Kameraleute, Tontechniker, Zimmerleute, Maskenbildner … Das ist ein Film, Karl. Der ist so echt wie ein Drei-Dollar-Schein. Hier stirbt niemand wirklich.« Ich hielt inne, um meine Gedanken zu ordnen. »Und selbst wenn doch mal jemand stirbt, weil eine grausame Fügung des Schicksals es so gewollt hat, dann wäre das immer noch ein Unfall.«

Kaum hatte ich ausgesprochen, sah ich hoch, um von meinen Worten abzulenken. Aber er war bereits darauf angesprungen und nickte finster.

»Die wollen, dass es nach einem Unfall aussieht, Louie. Das ist der Plan.«

»Ach, hör endlich auf, Karl … Du hast doch schon bei so vielen Filmen mitgemacht.« Tatsächlich hatte Karl öfter vor der Kamera gestanden als ich, und er war stolz auf die Erfahrung, die er dabei gesammelt hatte. Regisseure wie John Huston und John Ford hatten ihn in ihren Filmen in diversen Gruppenszenen mitwirken lassen, und am Set konnte er kaum zwei Sätze reden, ohne Bemerkungen in der Art von »… so wie damals, als Mr Ford wollte …« einzustreuen. Das machte ihn zu einem unverbesserlichen Romantiker, der in jeder Szene einen grausamen Mord sah und jeden Regisseur für einen Sadisten hielt. Aber hinter dieser Fassade eines Typen, der immer recht haben wollte, steckte eine schüchterne Seele, die sich nur allzu leicht beeindrucken ließ. Ich war auf jeden Fall nicht bereit, ihm etwas zu glauben, bloß weil er es gesagt hatte.

»Neulich konnte ich eine Unterhaltung belauschen zwischen dem Boss und dem fetten, sadistischen Ba…«

»Lass gut sein, Karl«, unterbrach ich ihn. »Das hast du mir schon erzählt. Außerdem wirst du allmählich paranoid.«

Aber gerade als ich mich von ihm wegdrehen wollte, hörte ich ihn noch etwas fragen.

»Glaubst du, du würdest jemanden umbringen, wenn sie es dir befehlen, Louie?«

Ich halte mich weder für einen guten noch für einen schlechten Kerl. Ich bin, was ich bin, und ich bestreite aus eigener Kraft meinen Lebensunterhalt. In Hollywood sind wir alle so. Mein Großvater Fred hat mir gesagt, ich wäre zu einem Klischee geworden, und vielleicht hatte er damit ja sogar recht. Aber mein Großvater lebte auf dem Land, und ich bin heute ein »Städter«. Ich verbringe meine Freizeit gern an feinen Orten, wo man hübsche Frauen kennenlernen kann und wo man mit Respekt behandelt wird, und nicht wie ein Tier, das gerade mal gut genug ist, um einen Tritt in den Hintern zu bekommen. Es wäre allerdings eine glatte Lüge, wenn ich behauptete, dass mich Karls letzte Frage nicht zum Nachdenken gebracht hatte. »Glaubst du, du würdest jemanden umbringen, wenn sie es dir befehlen, Louie?«

Mein Vater sagte immer, dass es auf jede Frage nur eine Antwort gibt: die Wahrheit. In diesem Fall erschreckte es mich, wie meine Antwort auf diese Frage lauten könnte. Um mein Gewissen zu beruhigen, beschloss ich, auf Karls haarsträubenden Plan für den nächsten Tag einzugehen. Als die Filmcrew aufbrach, um am See die Szene mit dem Boot zu drehen, machten wir beide uns auf den Weg zu Hitchs geräumigem Trailer, der im Mittelpunkt allen Geschehens stand und von niemandem übersehen werden konnte. Unterwegs begegneten wir der bezaubernden Ms Suzanne Pleshette, die sich mit der Regieassistentin Peggy Robertson unterhielt. Sie bemerkten uns, als wir noch ein ganzes Stück weit entfernt waren, und Ms Pleshette winkte uns auf eine freundlich erscheinende Weise zu. Sorgen machte ich mir allerdings wegen Ms Robertson. Wenn Peggy sich noch hier aufhielt, dann konnte Hitch nicht weit weg sein. Ich ließ Karl meine Sorge wissen.

»Genau das, was wir brauchen«, erwiderte er.

»Wie?«

»Na, was hast du denn gedacht? Dass wir uns an seinem schweineteuren Projektor zu schaffen machen und ihn kleinkriegen? Nein, wir werden unter einem Fenster warten, bis dieser fette …«

»Okay, das hast du schon erzählt. Und woher willst du wissen, dass er da auftaucht?«

»Weil er das an jedem Nachmittag so macht, zusammen mit dem Boss und Mr Boyle. Und dann befassen sie sich die ganze Zeit nur mit dieser Mordszene.«

»Und was ist mit uns?«

»Wir werden uns am Fenster aufhalten, damit du die Szene sehen kannst.«

Der Plan war typisch für Karl: naiv, voller Leidenschaft und sehr dumm. »Und wenn sie uns bemerken?«

Sein verletzter Stolz ließ ihn die Stirn in Falten legen.

»Machst du Witze, Louie? Dafür sind wir doch viel zu wachsam.«

Also gingen wir in der Nähe des Fensters in Stellung und hielten die Augen offen, damit uns niemand überraschen konnte. Von dieser Position aus hatten wir auch einen guten Blick ins Innere des Trailers, und zwar in den großzügig bemessenen Salon, der alles besaß, was zu einer VIP-Ausstattung gehörte, dazu eine große Leinwand, einen Projektor und einen Stapel Filmrollen, die sich auf einem Tisch türmten. Es roch intensiv nach den Zigarren, die Hitch paffte, und darüber stand ein Regiestuhl, in dessen Rückenlehne sein vollständiger Name eingestickt worden war, damit auch ja jeder wusste, dass dieser Platz für Mr Alfred Hitchcock reserviert war.

»Das ist die Filmrolle«, sagte Karl und deutete auf etwas neben dem Stapel. »Die Rolle mit dem roten ›X‹ drauf. Kannst du sie sehen?«

Ich nickte, als mir die Filmrolle auffiel, die als Einzige nicht auf dem Stapel, sondern ein Stück daneben lag. Jetzt, da wir uns ganz in die Aufklärung des »Verbrechens« vertieft hatten, wurde ich auf einmal nervös.

»Und wenn sie diese Rolle heute gar nicht laufen lassen?«

»Dann kommen wir morgen wieder her, Louie.« Karl hatte begonnen, von einem Snackriegel zu essen, damit er etwas zu tun hatte. »Aber du wirst schon sehen. Sie planen diese Szene schon eine ganze Weile.

»Und … wen wollen sie … umbringen? Ms Pleshette?«

»Die Blonde«, erwiderte Karl und setzte ein Pokergesicht auf. »Und sag nicht: Wen wollen sie umbringen? Sag lieber: Wen sollen wir für sie umbringen?«

»Oh, aber das ist …«

»Achtung, da kommen sie«, raunte er mir zu.

Das Geräusch der Tür, die geöffnet wurde, und die Stimmen veranlassten mich dazu, dass ich mich umdrehte. Meine Nerven gehen prinzipiell sehr schnell mit mir durch, aber ich habe es mit der Zeit geschafft, mich in den meisten Situationen besser im Griff zu haben. Mein Vater sagte immer, dass Angst genauso wie Sex nur dann etwas taugt, wenn man es im richtigen Moment erlebt. Er hatte damit weitgehend recht, aber in diesem Moment überkam mich eine Neugier, die sehr viel stärker war als jede Angst und die mich am Fenster förmlich festkleben ließ.

Wir gaben keinen Ton von uns und duckten uns so weit, dass wir gerade noch nach drinnen sehen konnten, ohne die Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Was ich sah, waren Hitch, Boyle und Berwick, die auf den ersten Blick alle drei draufloszureden schienen. Aber als ich genauer hinhörte, wurde deutlich, dass die beiden Letzteren nur auf die Fragen antworteten, die der Erstgenannte ihnen stellte. Manchmal wurde an eine Antwort noch eine Gegenfrage angehängt, aber im Gegensatz zu den beiden anderen Männern reagierte Hitch auf so gut wie keine Frage. Vermutlich definierte sich dadurch, wer auf seinem Gebiet der wirklich Wichtige war.

Und dann ließen sie natürlich die Testaufnahme laufen.

Wir konnten den Film ziemlich gut sehen und reckten abwechselnd den Hals. Als der Film zu Ende war, zogen wir uns flink zurück, ohne dass irgendjemand etwas von unserer Anwesenheit bemerkt hatte.

»Und? Überzeugt?«, fragte Karl aufgeregt.

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Einerseits hätte ich am liebsten laut gelacht. Andererseits … andererseits hatte das Ganze durchaus etwas Unheimliches an sich.

»Das … das war nur eine Puppe, Karl, keine echte Frau.«

»Aber an dem Tag, an dem sie das drehen werden, wird es eine echte Frau sein«, beharrte mein Freund.

Das Schlimmste an allem war der Hauch eines Lächelns, das seine Lippen umspielte.

Es war März, und in der Stadt an der kalifornischen Küste, in der wir den Film drehten, war der Frühling anscheinend überall ausgebrochen und trieb sein frisches, berauschendes Aroma in jeden Winkel. Sogar das Meer selbst roch leicht nach Blumen und Blüten. Unter anderen Umständen hätte ich mich angesichts des exzellenten Essens, der freundlichen Bewohner und der leichten Arbeit meines Lebens erfreut. Doch stattdessen verbrachte ich jeden Tag damit, über die Szene in dieser Testaufnahme nachzudenken. Zugegeben, das Opfer war nur eine Puppe, aber der Mord selbst zeugte von Grausamkeit und völliger Erbarmungslosigkeit. Die Augen der Frau sprangen aus ihren Höhlen, als wären unter ihnen Federn gespannt gewesen, das Kleid war in Fetzen gerissen, die Gelenke an ihren Armen und Beinen zerbrachen wie ausgetrocknete Zweige. Allein bei dem Gedanken daran wollte ich mich am liebsten übergeben. Den gleichen Effekt hatte auch Hitchs Stimme, da er völlig ruhig und gleichmütig den Schrecken mit den Worten kommentierte: »Wir sollten sie näher an der Wand platzieren … Nein, nein, Bob, ich will, dass sie bei den ersten Verletzungen, wenn sie die Arme hochnimmt …«

»Glaubst du, du würdest jemanden umbringen, wenn sie es dir befehlen?«

»Das würde davon abhängen, wer den Befehl gibt«, dachte ich für mich. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass der nette Mr Berwick etwas Derartiges verlangen würde. Allerdings war es auch nicht so, dass ich die Blonde besonders gut hätte leiden können. Sie sah ganz gut aus und hatte lange Beine, aber es war nun mal so, dass ich mich viel mehr für Ms Pleshette interessierte. Trotzdem war die Blonde eine Frau, keine Puppe. In meinem ganzen Leben hatte ich einer Frau noch nie etwas angetan, und ich hatte auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Aber … was sollte ich machen, wenn Mr Berwick es von mir verlangte?

»Glaubst du, du würdest jemanden umbringen, wenn …?«

»Heute passiert’s«, verkündete Karl eines schönen Tages. »Heute tun wir es.«

Wir saßen auf dem gleichen Zaun wie bei unserer ersten Unterhaltung, was in sich schon ein böses Omen war, soweit ich das beurteilen konnte. Mit aufgerissenen Augen sah ich meinen Freund an.

»Berwick wird uns unsere Anweisungen geben«, fuhr er ernst fort. »Und du weißt so gut wie ich, dass du es tun wirst. So wie du weißt, dass ich es auch tun werde, Louie. Wir sind hier, um das zu tun, was sie uns sagen. So wie jeder andere in Hollywood auch. Wir sind nur kleine Zahnräder in einer großen Maschine. Wir werden es in dem Moment tun, in dem wir den Befehl dazu von diesem fetten, sadis…«

»Auf zum Set, Jungs«, fuhr Todd uns an, als er an uns vorbeieilte.

Ich folgte ihm und fühlte mich noch unbehaglicher. Karl ging es nicht anders. Mr Berwick wartete bereits zusammen mit der übrigen Crew auf uns. Jede Hoffnung, das Ganze könnte sich doch noch als Farce entpuppen (also als das, was Kino letzten Endes immer nur war), erwies sich als vergebens, als die Blondine auftauchte, so attraktiv wie immer, aber genauso verängstigt wie wir. Dann erklärte uns der Boss, was er von uns erwartete.

In einem Punkt hatte Karl auf jeden Fall recht: Wir machten das, was von uns erwartet wurde.

Und wie wir das machten! Mein Gott!

Selbst nachdem einige Zeit verstrichen war, empfand ich die Erinnerungen immer noch als unerträglich. Ich hätte das Ganze als »unmenschlich« bezeichnen können, aber selbst dieser Begriff war noch nicht grausam genug dafür. Nach diesen abscheulichen Ereignissen sah ich Karl nie wieder. Ich selbst arbeitete nie mehr in der Filmbranche, sondern kehrte zum Zirkus zurück, weil die Bezahlung gut war und andere Jobs rar gesät waren. Inzwischen habe ich Kinder, und auch wenn sie noch sehr jung sind, bereiten sie mir sehr viel Freude. Ich kann nicht behaupten, dass ich heute schlechter lebe als damals, aber was mich quält, das sind die Albträume. Die Erinnerung an das, was ich getan habe … was wir getan haben, lässt mich einfach nicht zur Ruhe kommen.

Die Blondine dürfte unsere schreckliche Attacke überlebt haben, aber Tatsache ist, dass sie wirklich in Tränen aufgelöst war. Ich hörte ihre Schreie, die nicht gespielt waren, und ich bekam einige schmerzhafte Treffer ab, da sie in Panik versuchte, uns mit Hieben von sich fernzuhalten. Als wäre das nicht genug gewesen (und ich gebe das ohne Zögern zu, auch wenn ich meine Zweifel daran habe, dass ich jemals den Mut finden werde, um es meinen Kindern zu gestehen), gehörte ich auch noch zu denjenigen, die so verwirrt und desorientiert waren, weil unser Trainer die Blondine einer solchen brutalen Attacke aussetzte, dass wir auf ihren linken Arm losgingen und ihr mehrere blutende Wunden zufügten.

Diese Wunden mochten jetzt nur noch schwache Narben sein, aber in meinem Herzen sind sie nie verheilt. Als dieser Tag vorüber gewesen war, hatte ich den Entschluss gefasst, nie wieder in einem Film mitzuwirken.

Mein einziger Wunsch ist es, in Frieden alt zu werden und den Zirkus so bald wie möglich auch noch aufzugeben. Es ist ein Paradoxon unter vielen, die uns im Leben begleiten, aber in letzter Zeit wecken Erinnerungen an meine Kindheit auf dem Land bei mir nostalgische Gefühle. Wenn meine Arbeit und mein neuer Boss es zulassen, breite ich gern meine schwarzen Schwingen aus und fliege so hoch, wie ich nur kann, um die Welt der Menschen weit hinter mir zurückzulassen.

So seltsam sich das auch anhören mag, aber wenn ich fliege, dann fühle ich mich menschlicher denn je.

Julián Ibáñez

In der Sackgasse

Ich nahm die Brieftasche, in der sich all seine Papiere befanden, und zog zwölf Geldscheine heraus, die ich in die Tasche steckte. Dann verscheuchte ich die Fliegen und steckte die Brieftasche zurück an ihren Platz.

Auf der Rückbank des Audis fand ich Kleidung und Toilettenartikel. Keine Bücher, keine Landkarten und auch keine weiteren Papiere. Nur Seidenhemden, ein Dutzend Paar gelbe Socken, einige schicke italienische Schuhe, Bürsten aus Dachshaar und einige Kartons Zigaretten der Marke Chester.

Ich kehrte zum Ford zurück und fuhr los zu einem Haus mit Garten, das in einiger Entfernung zu sehen war.

Nachdem ich den Wagen im Schatten abgestellt hatte, passierte ich ein Gartentor und betätigte die Klingel neben der Haustür. Ein paar Sekunden später hörte ich von drinnen eine Frauenstimme.

»Wer ist da?«

»Ich bin nur auf der Durchreise.« Gerade wollte ich fragen, ob ich ein Glas Wasser haben dürfte, da wurde mir bewusst, dass die Benachrichtigung der Guardia Civil Vorrang hatte. »Haben Sie ein Telefon?«

»Ein Telefon? … Leider nicht … aber im Dorf. Wir werden jemanden hinschicken. Um was geht es denn?«

»Um gar nichts.« Dann fiel mir ein, dass der Tank des Fords fast leer war. »Haben Sie einen Wagen?«

»Einen Wagen? Nein, tut mir leid … Aber wir haben Pferde. Ich werde eines für Sie satteln lassen.«

Ich sah mich um. Es war ein modernes Haus mit einem großen, sehr gepflegten Garten.

Gerade wollte ich zum Wagen zurückkehren, da ging die Haustür auf, und eine Frau von unbestimmbarem Alter tauchte in der Tür auf. Sie war sehr schlank, mit Locken so perfekt wie Korkenzieher und einem goldblonden Pony, der gerade bis zu ihren Augenbrauen reichte. Sie trug ein Kleid aus einem sehr dünnen grünen Stoff, der fast wie Seide aussah.

»Ist etwas passiert?«

»Nichts von Bedeutung.«

Offenbar genügte ich den Anforderungen.

»Kann ich … kann ich Ihnen eine Tasse Tee anbieten?«

»Eine Tasse Tee?«

»Der ist so gut wie fertig … Warum kommen Sie nicht rein?«, sagte sie und zog sich ein paar Schritte aus dem Türrahmen zurück. Ich straffte meine Schultern, zog die Hände aus den Taschen und betrat das Haus. »Ich hoffe, es stört Sie nicht, wenn ich Sie bediene. Das Dienstmädchen ist gerade oben mit den Zimmern beschäftigt.«

Zu hören war nichts, zu sehen nicht viel mehr. In der düsteren Diele war es zehn Grad kühler als draußen.

Ich folgte der Frau und strich mit den Fingerspitzen über die Wände des Flurs. Wir betraten das Wohnzimmer. Durch die schmalen Schlitze der Jalousie fiel ein wenig Licht in den Raum.

»Setzen Sie sich doch bitte … etwas zu dunkel?«, fragte sie, während sie auf einen Sessel deutete. »Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause.«

Ich nahm Platz, sie verließ das Zimmer.

An den Wänden verstaubte Bilder, auf dem Boden von Motten zerfressene Zebrafelle, silberne Gottheiten in einer Vitrine. Über mir an der Decke hing ein Spinnennetz.

Ich stand auf. Durch eine Lücke in der Jalousie konnte ich einen Lastwagen erkennen, der am Straßenrand abgestellt worden war. Zwei Männer gingen auf den Audi zu.

Sie kehrte mit einem vollen Tablett zurück, das sie auf einem Beistelltisch aus rosafarbenem Marmor platzierte.

»Zigarette?«

Ich griff nach meinem Päckchen, aber sie hob die Hand, um mich zu stoppen.

»Virginia Blend?«

»… gern …« Ich sah sie an. »Zufälligerweise Chester?«

»Chester? Ja, selbstverständlich.«

Sie hielt mir ein Kästchen aus schwarzem Holz hin, ich nahm eine Zigarette heraus, sie ebenfalls. Sie steckte das Filterende in eine lange marmorne Zigarettenspitze.

Minutenlang saßen wir da, bliesen Rauch in die Luft und tranken Tee.

»Was erwarten Sie vom Leben?«, fragte sie plötzlich und ließ ihren nackten Fuß über den Damastbezug des Sofas gleiten.

»… Etwas in dieser Art hier, würde ich sagen. Eine ruhige Unterhaltung und eine wohlschmeckende Zigarette.«

Sie lächelte, zog tief an ihrer Zigarette, dann drehte sie den Kopf zu mir um und blies mir den Rauch ins Gesicht. Ich atmete ihn ein und fragte mich, was ich davon halten sollte.

Plötzlich stand sie auf.

»Entschuldigen Sie mich.«

Sie legte die Zigarettenspitze in den Aschenbecher und ging dann in Richtung Tür, wobei sie gegen jeden Sessel in ihrem Weg stieß, bis sie im Flur verschwand.

Mit einem Zahnstocher säuberte ich meine Fingernägel, dann ging ich wieder zum Fenster. Ein halbes Dutzend Wagen stand jetzt in der Nähe des Audis. Drei oder vier Guardias beugten sich über die Leiche. Einige Bauern aus der näheren Umgebung deuteten mit Kopfbewegungen auf dieses Haus.

Bei ihrer Rückkehr stieß sie mit so viel Schwung gegen das Sofa, dass auf dem Beistelltisch ein silberner Bilderrahmen scheppernd umkippte. Sie ließ sich auf das Sofa fallen, ich setzte mich wieder hin.

»Einen Drink?«

Ihr duftender Atem schien mich zu umhüllen.

»Nur, wenn Sie auch was trinken.«

»Was hätten Sie denn gern?«

»… Anisette. Mit ein wenig Eis.«

»Tatsächlich?« Sie sah mich interessiert an und zog die Brauen hoch. »Welche Farbe bevorzugen Sie?«

»… gelb.«

Sie schnaubte leise, dann begann sie zu lachen. Nach einer Weile bekam sie sich wieder in den Griff und verstummte. Schließlich schüttelte sie den Kopf, was ihre Korkenzieherlocken zum Tanzen brachte. Sie zeigte auf eine kleine Bar.

»Aber wenn es Ihnen nichts ausmacht … können Sie sich um die Drinks kümmern.«

Ich kümmerte mich um die Drinks, dann saßen wir da und tranken. Minutenlang erzählte sie aus der Zeit, als sie ein kleines Mädchen gewesen war. Sie hatte ihr Glas in einem Zug geleert. Sie verstummte, und schließlich sah sie mich an. Ihre Lippen glänzten feucht.

»… setzen Sie sich zu mir …«

Ich trank aus und griff nach ihrem Glas.

»Erst trinken wir noch eine Runde. Ich gehe die mal ausspülen.«

Ich betrat die Küche. Sie war geräumig, an den Wänden hingen kupferne Töpfe und Pfannen. Ich suchte nach der Spüle, im Becken lag das Messer. Es war über dreißig Zentimeter lang, ein Messer, mit dem man Serrano-Schinken schnitt. Sehr scharf.

An Klinge und Griff klebte Blut. Ich stellte die Gläser zur Seite, drehte den Wasserhahn auf und wischte das Blut ab. Nachdem ich es abgetrocknet hatte, legte ich es in die Schublade, dann spülte ich die beiden Gläser und kehrte ins Wohnzimmer zurück.

Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf so in den Nacken gelegt, dass das Kinn zur Decke zeigte.

»… setzen Sie sich zu mir …«

Ich machte die Drinks fertig. Es klingelte an der Tür.

»Ich gehe schon hin«, sagte ich.

Wieder klingelte es. Ich blieb im Flur stehen und lauschte. Noch einmal klingelte es. Ich stand da und rührte mich nicht, bis ich Schritte hörte, die sich vom Haus entfernten. Durch den Spion sah ich, wie zwei Guardias und ein Bauer zurück in Richtung Straße gingen. Einer der Guardias drehte sich um und betrachtete die Tür.

Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück.

»Wer war das?«

»Ein Autofahrer, der nach dem Weg gefragt hat.«

Ich gab ihr eins der Gläser, setzte mich und trank einen kleinen Schluck. Sie tat das Gleiche.

»Wissen Sie … wissen Sie, wie man Ekarté spielt?«, wollte sie wissen.

»Ich könnte es lernen.«

»… spielen wir eine Partie vor dem Abendessen … danach unternehmen wir einen Spaziergang … ich liebe es, barfuß durch den Park zu gehen.«

Ich stellte mein Glas auf den Tisch.

»Ich würde gern duschen.«

Sie schlug die Augen auf.

»Oh … verzeihen Sie bitte … Wo ist Ihr Gepäck?«

»Im Wagen. Ich hole es später.«

»Ja, tun Sie das … oben gibt es ein Schlafzimmer … da finden Sie einen Bademantel und Handtücher … nehmen Sie eine kalte Dusche, es ist schrecklich heiß.«

Ich ging nach oben und duschte. Das Schlafzimmer sah wüst aus. Das Bett war nicht gemacht, der Schrank stand offen und war leer. Auf der Frisierkommode stand ein Paar italienische Schuhe. Herrenschuhe. Auf dem Spiegel darüber stand in Kreide geschrieben: »Leb wohl, mein Schatz. Die Schuhe, die du mir gekauft hast, waren zu groß. Viel Spaß beim Polieren.« Ich stellte die Schuhe weg und wischte mit einem feuchten Handtuch die Nachricht auf dem Spiegel weg.

Ich ging nach unten ins Wohnzimmer, sie saß am Spieltisch, einen Satz Karten in der Hand. Sie wirkte völlig entspannt.

»Nehmen Sie doch Platz … ach, übrigens … wie heißen Sie eigentlich?«

»Juan.«

»Sie geben, Juan.«

Ich mischte und verteilte die Karten. Nach einer Weile war von irgendwoher Glockengeläut zu hören, aber zu dem Zeitpunkt hatte ich mich bereits völlig in das Spiel vertieft.

Altaf Tyrewala

Stimmen im Kopf

Ich bin ein Engelmacher. Ich leite eine Ambulanz in einer schummrigen Gasse in Colaba. Im stählernen Innenleben der Züge, die sich auf der Hafen-Linie vorwärtsquälen, finden Sie mit Rechtschreibfehlern übersäte Flugblätter, auf denen für meine Dienste geworben wird.

Werden Sie in nur 1 Stund ungewohlte Schwankerschaft los

300 Rupien

Vollig diskreht

Shamma Ambulanz

Gegenüber Janvi Manzil (hinder dem Colaba-Postamt)

Ich habe das selbst so geschrieben. Immer, wenn ich einen von meinen Zetteln entdecke und die Fehler sehe, bekomme ich vor Lachen einen Schluckauf. Es ist das Einzige, was mir in meinem Leben Vergnügen bereitet. Die Familiendramen, die sich von Zeit zu Zeit in meiner Ambulanz abspielen, können mich schon lange nicht mehr unterhalten. Das schreckliche Echo dieser Dramen verstummt auch nach Tagen noch nicht. Töchter, die ihre aufgebrachten Väter anflehen. Ehemänner, die vor herzlosen Ehefrauen knien. Bräute, die an ihre frauenhassenden Schwiegermütter appellieren.

Ich habe gehört, dass in Amerika das Thema Abtreibung Anlass für endlose Kontroversen ist. Ist man dafür, dann gilt man als Mörder, als grausamer und desinteressierter Mensch. Ist man dagegen, gilt man als dumm, fromm und ebenfalls desinteressiert. Ich bin weder das eine noch das andere.

Und ich bin auch nie desinteressiert. Man kann entweder qualifiziert oder sorgfältig sein. Ich bin sehr, sehr sorgfältig. Darum sucht man mich auch immer wieder auf. Vor allem schlanke Mädchen aus der Nachbarschaft, die eine höhere Schule besuchen. Eines dieser Mädchen war innerhalb von zwei Jahren sechsmal bei mir. Hab es jetzt seit drei Jahren nicht mehr gesehen. Werde ich wohl auch nie wiedersehen. Und dann die verheirateten Frauen mit ihren Ehemännern. Das erste Mal ist von Scham und Schmerz bestimmt. Beim zweiten Mal wird es schon Routine. So wie ein Besuch beim Zahnarzt, der bei einer Naschkatze immer wieder am gleichen Zahn ein Loch füllen muss.

In einem Akt des vorsätzlichen körperlichen Verfalls und der Selbstzerstörung habe ich angefangen zu rauchen. Nie in der Ambulanz, immer nur auf der Straße, draußen vor der Tür. Ich nehme absichtlich nie Streichhölzer oder ein Feuerzeug mit. Jemanden um Feuer zu bitten ist mein einziger Vorwand, um mit anderen Leuten zu reden. Bedauerlicherweise sind in den Seitenstraßen von Colaba nur Zuhälter und deutsche Touristen auf der Suche nach dem arischen Indien unterwegs – zuerst wollen sie von einem wissen, ob man Brahmane ist. Der Mann von nebenan, der mit dem Souvenirgeschäft, redet nie mit mir. Er ist ein Jaina, das Musterexemplar der Gewaltlosigkeit. Er isst nicht mal Kartoffeln, weil im Boden lebende Insekten gestört oder getötet werden, wenn man die Knolle aus der Erde zieht. Ich bin ein Engelmacher und obendrein ein Moslem.

Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Leute mich meiden. Freunde und Verwandte haben sich über die Jahre nach und nach von mir losgesagt. In der Moschee machen sie einen Bogen um mich, und zu Hochzeiten werden meine Frau und ich nur der Form halber eingeladen. Und wenn wir hingehen, ignoriert man uns. Man behandelt uns wie gut gekleidete Störenfriede, die man zwar nicht vor die Tür setzt (man kann ja nie wissen), die man aber aus sicherer Distanz beobachtet.

Vor fünf Jahren hatte sich Ma – meine Mutter – für den Haddsch auf den Weg nach Mekka gemacht. Meinetwegen. Unmittelbar bevor sie an Bord ihrer Maschine gehen konnte, stand sie da mitten in der überfüllten Abflughalle, und auf einmal schaute sie auf einen Punkt einen Meter über meinem Kopf und sagte: »Oh, Allah! Ich unternehme diese Reise in das Herz deiner Heimat, damit du meinem Sohn vergibst und ihn zur Besinnung bringst, damit er sich einen anständigeren Beruf sucht und aufhört, Kindern das Leben zu nehmen. Vielleicht kann er so, wenn er einmal ein eigenes Kind hat, dieses Kind von ganzem Herzen lieben, und vielleicht wird er dann auch verstehen, wie wunderbar es ist, Leben in all seinen Formen und in all den Situationen zu hegen und zu pflegen, in die du uns bringen könntest.«

Wenn ich mich in einer ehrfurchtslosen Stimmung befinde, sage ich mir, dass Ma für derart verschachtelte Bitten an die Adresse Allahs mit ihrem Leben bezahlt hat.

Sie wurde von der Menge zu Tode getrampelt, als sie beim Haddsch auf die Satanssäule zulief. Von allen körperlichen Metaphern, die im ansonsten abstrakten Islam blühen und gedeihen, ist die Satanssäule eine der kraftvollsten. Am fünften Tag stürmen nach dem Morgen-Namaz der Tradition entsprechend zwei Millionen Pilger auf die Säule zu, und jeder von ihnen versucht, sie als Erster zu steinigen.

Eine Frau, die mit meiner Mutter unterwegs gewesen war, erzählte mir später, dass Ma an diesem Morgen am schnellsten war. Sie lief vor der Menschenmenge her und verfluchte den Satan am lautesten. Sie war wie eine hysterische Löwin, der man die Jungtiere wegnehmen wollte. Aber in dieser Menschenmenge befanden sich Leute, die noch viel verzweifelter waren als Ma. Leute, deren Söhne Schlimmeres waren als Engelmacher. Auch sie wollten mit aller Gewalt den Teufel angreifen und vertreiben. Genau diese Leute, diese verzweifelten, gottesfürchtigen Väter und Mütter von Sündern, waren diejenigen, die Ma überrannten und sie auf dem geheiligten Boden platt trampelten. Mein Vater, meine Frau und ich erfuhren davon einen Tag später. Da hatte man Mas zweidimensionalen Leichnam bereits am Rand von Mekka beigesetzt.

Wenn ich mir vorstelle, wie sie an jenem Tag in der Heiligen Stadt umgekommen ist, dann höre ich auf, an Allah zu glauben. Aber nur für kurze Zeit. Ich kann es mir nicht leisten, zu lange Zeit gottlos zu sein. Vor mir selbst verstecken kann ich mich nur, indem ich religiös bin – oder indem ich Wahnvorstellungen erliege. Bezeichnen Sie es so, wie es Ihnen am liebsten ist. Mas Stimme gehört jetzt in meinem Kopf zu den Stimmen der ungeborenen Kinder.

Lärm.

»Kauf die Kassetten! Verdammt, Mann, ich brauch Bares. Meine ganze Sammlung! Zusammen nur 300 Rupien. Komm schon, Alter, kauf die verdammten Kassetten …«

Ich habe nicht Nein gesagt. Ich habe dem betrunkenen Amerikaner alle fünf Audiokassetten abgekauft, als er vor einem halben Jahr in meine Ambulanz hereinplatzte. Ich habe ihn nicht gefragt, welche Musik es ist. Es war mir egal. Ich wollte ihn nur wieder loswerden. Er machte meine nervösen Kunden (ein junges Paar) nur noch nervöser. So was passiert ständig: Abgebrannte Touristen stürmen in Colaba in ein beliebiges Geschäft, um ihre Habseligkeiten zu verkaufen.

Nachdem das Paar gegangen war, sah ich mir die Kassetten an, die ich hatte kaufen müssen. Sie hatten bizarre Titelbilder mit fremdartigen Worten darauf: Nirvana, Radiohead, Secret Samadhi und so weiter. Leider alles englische Musik.

Es war der letzte Tag des Ramadan, der nächste Tag würde Eid al-Fitr sein. Dann sollte ich frisch gewaschene Kleidung anziehen und für das Morgen-Namaz zur Moschee gehen. Dort würde mir niemand jene drei beglückwünschenden Umarmungen geben, die muslimische Männer bei feierlichen Anlässen austauschten. Danach sollte ich mit trockenem Mund nach Hause kommen, meine Frau aus dem Schlaf reißen, den Schrank in der Diele öffnen, eine der englischen Kassetten in mein altes Abspielgerät einlegen und sie bis zum Anfang zurückspulen. Ich sollte die Wiedergabetaste drücken.

Ich wusste nicht, dass ich im Verlauf der folgenden dreißig Minuten vor Trauer erschüttert werden würde.

Genau das tat ich. Wie ein Skelett in einem Labor, das während eines Erdbebens durchgeschüttelt wurde. Wie ein Zweifler, dem ein Heiliger seine Heiligkeit offenbart hatte. Ich zitterte am ganzen Leib und weinte, ohne dass mir Tränen kamen. Die Musik, die aus meinen Lautsprechern blutete, passte zu der Kakophonie der Stimmen der Ungeborenen in meinem Kopf. Misstönend, rau, betäubend.

Die Stimme eines einzelnen Babys ist wunderschön. Das Kauderwelsch von hundert Babys ist nur noch grotesk. Aber wenn man sich lange genug auf diese hundert Stimmen konzentriert, wird einem nach einer Weile die Schönheit jeder einzelnen Kinderstimme bewusst. So war es auch mit der Musik, die aus den Lautsprechern schallte. Sie bestand aus einzelnen Gitarrenläufen, die so ausgezeichnet waren, dass sie einem das bleierne Herz von innen nach außen kehrten und allen Schmerz und Zorn abschabten, die sich an den Innenwänden abgelagert hatte.

Aber es waren nicht diese einzelnen Läufe, die mich so derart überwältigten. Schönheit hatte für mich schon vor langer Zeit aufgehört schön zu sein. Es war der kollektive Lärm von zehn, hundert, Millionen Gitarrenläufen, die alle gleichzeitig gespielt wurden – sie ließen meinen Körper zucken und meinen Blick starr werden. Meine Frau Afsana stand in einer Ecke des Flurs und beobachtete mich.

Seite A war am Ende angekommen, aus dem Lautsprecher kam nur noch Stille.

Seitdem habe ich keine von diesen englischen Kassetten mehr abgespielt. Es genügte, dass ich auf diese Übereinstimmung zu den Stimmen der ungeborenen Babys gekommen war. Ich würde nicht zulassen, dass eine weitere Kakophonie mit ihnen wetteifern konnte. Es war das Mindeste, was ich für meine tote Mutter tun konnte, deren akustischer Abdruck Teil der Stimmen der ungeborenen Babys in meinem Kopf ist.

Und das Mindeste, was ich für meinen Vater tun kann? Ihn in Ruhe lassen. Er warf Afsana und mich an dem Tag aus dem Haus, als die Nachricht von Mas Tod an unsere schroffe Küste gespült wurde. Obwohl er mir meinen Beruf bis dahin nie zum Vorwurf gemacht hatte, nannte er mich in diesem Moment einen Bastard und forderte uns auf, binnen einer Stunde sein Haus zu verlassen. Meine Frau und ich wohnen inzwischen in einem Haus ganz in der Nähe. Gesprochen habe ich mit meinem Vater seit diesem Tag kein Wort mehr.

Ich sehe ihn oft. Er arbeitet auch in Colaba. Seit fünfzehn Jahren als Verkäufer in einem Schuhgeschäft. Manchmal nehmen wir denselben Zug. Wenn wir uns auf dem Bahnsteig sehen, dann steigen wir wortlos ins gleiche Abteil ein und gehen aufeinander zu, indem wir uns einen Weg durch die Massen der Arbeiterklasse bahnen, die den Zug nehmen. Für jemanden, der uns beide kennt, muss unser Verhalten etwas Sonderbares an sich haben. Vater und Sohn, die sich beide so viel Mühe machen, in einem überfüllten Zug der Hafen-Linie zusammenzukommen, nur um dann dazustehen und kein Wort zu sagen. So wie schmollende Kinder.

Ich will ihn sehen lassen, wie die dunklen Ringe unter meinen Augen begonnen haben, sich auf Stirn und Wangen auszubreiten, sodass ich jeden Tag ein bisschen dunkler im Gesicht werde. Und wie sich an meinem Hals an beiden Seiten rosinengroße Leberflecke zu bilden begonnen haben, die womöglich bösartig sind, die aber ebenso gut harmlos sein können und irgendwann als gummiartiges Spielzeug für meine neugierigen Enkel dienen werden. Mein Vater hat sich nicht verändert. Das ist, was er mir zeigen will. Schwarze Haare, immer noch alle Zähne im Mund, auch mit fünfundsechzig keine verschrumpelte Haut.

Zu beiden Seiten der Hafen-Linie gibt es Slums. Jeden Morgen scheißen die männlichen Slumbewohner auf die Schienen der Eisenbahn. Es wäre sinnlos, sie für ihre Schamlosigkeit zu hassen. Auf dieser Strecke ist in beiden Richtungen viel los, alle zwei Minuten fahren Züge hier entlang. Um etwas Privatsphäre zu haben, müssten die Slumbewohner bis zum Anbruch der Nacht warten. Nur Frauen können so lange warten.

An einem Morgen nach Mas Tod waren mein Vater und ich im Zug unterwegs zur Arbeit. Der Zug näherte sich unserem Zielbahnhof Victoria Terminus. Wir gingen beide zur gleichen Abteiltür und kämpften uns bis in die erste Reihe vor. Das Signal schaltete auf Rot um, der Zug hielt an. Ich ließ meinen Blick schweifen, er landete bei einer Frau, die zwischen zwei Gleisen hockte. Sie war unserem Wagen zugewandt, mit der linken Hand bedeckte sie ihr Gesicht, mit der rechten bemühte sie sich, ihre entblößten Körperpartien zu bedecken.

Der Zug bewegte sich an diesem Morgen vier Minuten lang nicht von der Stelle. Die Frau kauerte wie erstarrt zwischen den Schienen. Sie wäre längst vergessen gewesen, hätte sich der Zug längst wieder in Bewegung gesetzt. Aber mit jeder weiteren Minute wurde ihr Anblick schmerzhafter, so als würde man in die Sonne starren und nicht ein einziges Mal blinzeln. Ich lechzte danach sie anzusehen, so wie ein wildes Tier, das einem Jäger in die Falle gegangen war. Aber ihr Wille tat mir in den Augen weh, und ich musste wegschauen. Mein Vater stand hinter mir.

Die Mitreisenden wurden unruhig. Vor der gewaltigen, grenzenlosen Stadtkulisse, die man vom Zug aus zu sehen bekam, erlangte der Anblick dieser einen Bettlerin, die ihre Sittsamkeit zu wahren versuchte, monumentale Proportionen. Jemand aus dem angrenzenden Abteil der Ersten Klasse schleuderte eine volle Flasche Bisleri nach ihr. Das Geräusch des Aufpralls verriet, dass ein Knochen getroffen worden war. Sie kippte um wie ein Bowlingkegel. Aber die linke Hand hielt sie sich weiter vors Gesicht, und mit der rechten versuchte sie beharrlich, ihre entblößten Körperpartien zu bedecken. Mein Vater zuckte zusammen, als er die Frau umfallen sah. Er und einige andere begannen auf die Reisenden in der Ersten Klasse zu schimpfen, da setzte sich der Zug wieder in Bewegung, dessen stählernes Innenleben mit einem lauten Ächzen die Sinnlosigkeit aller Dinge beklagte. Die Bettlerin blieb wie eine gefallene Königin der Gosse da liegen.

So ist mein Vater. Er fühlte sich im Namen anderer beleidigt und nahm sich daher die Freiheit heraus, selbst beständig andere zu beleidigen.

In meinem Leben gibt es keine Atempause. Absolut keine Atempause. Ich kann Ihnen nichts bieten. Es ist eine Sache, über ein Leben wie meines zu lesen. Es ist eine ganz andere Sache, dieses Leben zu leben … und das an jedem erbarmungslosen Tag. Warum wechsele ich nicht den Beruf? Warum schüttele ich nicht einfach dieses Leben ab, das mein Wesen aussaugt? Ich könnte ohne weiteres meine Ambulanz schließen. Ich würde das Gehalt für die Krankenschwester genauso sparen können wie die Bestechungsgelder, die ich jeden Monat den armen Verwaltungsangestellten zukommen lassen muss. Afsana würde gern ihre Rolle als Ehefrau erfüllen. Von all diesem Schmerz, dem Zorn, dem Ansturm aus Stimmen der ungeborenen Kinder in meinem Kopf wäre ich dann befreit. Aber Leute wie ich, rationale, verantwortungsbewusste, intelligente, ruhige, sorgfältige und stets mitdenkende Leute wie ich, die können nie so überstürzt handeln.

Ich müsste schon eine desinteressierte Leckt-mich-Einstellung gegenüber meiner Umgebung und gegenüber meinem eigenen Körper annehmen, um alles wegzuwerfen, was ich habe. Oder auf eine raffgierige Art alles zu umarmen, was das Leben mir bietet, und meine Zeit damit zu verbringen zu werken und zu kassieren, zu werken und zu kassieren, zu werken und zu kassieren, zu kassieren, zu kassieren, zu kassieren …

Nein, Leute wie ich bekommen immer die schlechtesten Karten. Wir erledigen unseren Job. Wir führen ein bescheidenes, aufrechtes Leben. Wir betrinken uns nicht. Wir berauschen uns nicht mit Papierschnipseln, die in halluzinogene Säuren getaucht worden sind. Wir besitzen keinen glühenden Ehrgeiz.

Leute wie ich erhalten Geist und Körper, indem wir ein müdes, gelangweiltes Leben führen. Und wir enden als kalte, spröde Artefakte. So wie lebensgroße Pappfiguren, die von den schlimmsten Erinnerungen auf den Boden gedrückt werden.

Und so wie Tinte aus einem leckenden Federhalter lassen wir zu, dass die Vergangenheit unsere strahlende Zukunft bekleckst. Immer und immer wieder.

Andreu Martin

Reden wir über Laura

Unten am Eingang klingele ich bei einem Mieter im dritten Stock, um Wágner nicht vorzuwarnen. Eine Frau mit schriller Stimme meldet sich, ich murmele das Erste, was mir in den Sinn kommt – »die Post« –, und die Tür springt auf. Mit dem Aufzug fahre ich bis in den sechsten Stock, dann gehe ich nach unten bis in den ersten, weiß aber noch immer nicht, was ich tun werde. Ich weiß nur, dass Wágner in der Wohnung ist.

Ich klingele. Schritte. Der Juwelier kommt pfeifend zur Tür. Ahnungslos öffnet er mir und steht hemdsärmelig da, die Krawatte locker gebunden um den Hals gelegt, keine Schuhe, die Augenbrauen hochgezogen wie jemand, der erwartet, dass ihm sein Gegenüber einen grandiosen Witz erzählt. Ihm bleibt nicht mal Zeit überrascht zu sein.

Ich drücke meine Hand auf seine Brust und versetze ihm einen Stoß. Er weicht zwei Schritte vor mir zurück und stößt gegen die Wand hinter ihm. Angst bestimmt seine Gesichtszüge. Ich schließe die Tür. Meine Faust ist wie ein Vorschlaghammer, vorangetrieben von meinen 120 Kilo Körpergewicht. Der Kopf des Juweliers prallt vom Türrahmen ab, er dreht sich und fällt mit dem Gesicht voran in der Diele auf den Boden. In Panik versucht er aufzustehen und sich gleichzeitig zu drehen, aber meine Schuhspitze trifft genau seinen Mund. Er sackt zusammen und kriecht durch den schmalen Flur, der ins große Wohnzimmer führt. Dabei versucht er verzweifelt sich aufzurappeln, um vor mir davonlaufen zu können. Vielleicht hofft er, es bis zum Telefon zu schaffen. Ich packe ihn an den Schultern und schleudere ihn mit dem Kopf voraus auf das Sofa.

Er sabbert, er schluchzt, er blutet. Er hat mehrere Zähne verloren, und er hat keine Ahnung, was er tun soll und was überhaupt los ist.

»Also, reden wir über Laura«, brülle ich ihn an.

Ich verstehe selbst nicht, was in mich gefahren ist. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mal irgendwo gelesen habe, dass die Opfer von Katastrophen unter anderem ein bestimmtes Gefühl empfinden – eine Kombination aus willkürlicher Wut und Hass auf die Gesellschaft im Allgemeinen. Viele Menschen, die unter den Folgen von verheerenden Ereignissen leiden oder die bei Terroranschlägen Angehörige verloren haben, sind der Meinung, nachdem ihnen das Schicksal einen solchen Schlag ins Gesicht ausgeteilt hat, ist es ihr gutes Recht, sich der ...

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