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Death de LYX (02)– Line

Zu diesem Buch

Nach dem Selbstmord seines Vaters kehrt Jacob notgedrungen in sein Heimatdorf Skagen zurück. Das Unglück geschah ausgerechnet an der versandeten St.-Laurentii-Kirche – der Ort, an dem auch Jacobs kleine Schwester vor Jahrzehnten spurlos verschwand. War es wirklich Selbstmord? Oder gibt es eine Verbindung zum Verschwinden seiner Schwester? Kurzerhand beginnt Jacob mit eigenen Ermittlungen – und muss plötzlich um sein eigenes Leben fürchten …

Vorwort

Dies ist die Gewinnergeschichte des ersten Krimiwettbewerbs, der auf www.krimifan.dk ausgetragen wurde. Die Leser hatten vorher entschieden, dass ein

mit einer Schere

in der versandeten Kirche in Skagen

ermordet werden sollte.

Ein großes Dankeschön an die drei Autoren Inger Wolf, Michael Lycke und Jens Østergaard, die sich der Herausforderung gestellt und mit drei hervorragenden Kurzgeschichten einen fantastischen Beitrag geleistet haben.

»Hier haben Sie ihn gefunden? Genau hier?«

Jakob geht vor dem Eingang zum Kirchturm in die Hocke und streicht mit der Hand über den schneebedeckten Boden. Dann blickt er über die Schulter hinüber zu Bjarne, der ein paar Meter hinter ihm steht. Ein großer Mann mit rundem Gesicht und einem dichten, schwarzen Vollbart. Er trägt einen dunkelgrünen Parka mit einem breiten Pelzrand an der Kapuze. Jakob schätzt ihn auf ungefähr Anfang fünfzig.

Bjarne nickt. »Er hat hier an der Tür gesessen, als ich ihn letzten Dienstag gefunden habe. Am Fünfzehnten muss das gewesen sein.«

»Und er hatte die Schere im Bauch?«

»Ja. Er hat sie mit beiden Händen festgehalten. Es ging wahrscheinlich relativ schnell, nehme ich an … falls Sie das ein wenig tröstet.«

Jakob muss schlucken.

»Aber warum mit einer Schere?«, murmelt er vor sich hin.

»Wie bitte?«, fragt Bjarne.

»Ach nichts.«

Jakob kommt wieder auf die Beine und sieht sich um. Der Kirchturm ist alles, was von der Versandeten Kirche übriggeblieben ist. Zwischen sanften, verschneiten Hügeln und einem dichten Wald ragt er vor dem dunkelgrauen Himmel kreideweiß empor.

»Ich frage mich, ob er die Schere selbst mitgebracht hat«, sagt Jakob. »Ist doch eigenartig. Sie kann nicht vielleicht aus dem Kirchturm stammen?«

»Nein. Außerhalb der Saison ist die Kirche nur am Wochenende geöffnet. Durch die Tür kann er nicht hineingelangt sein. Das weiß ich mit Sicherheit. Ich bin der Einzige, der einen Schlüssel zum Vorhängeschloss hat.«

Bjarne ist Kirchenwächter. Ein paar Mal pro Woche kommt er her, um nach dem Rechten zu sehen. Und wenn die Kirche geöffnet ist, sitzt er hinter den dicken Mauern an der Kasse und verkauft Eintrittskarten an Touristen.

Jetzt zieht er die Augenbrauen zusammen und tritt unruhig von einem Bein aufs andere.

Jakob lächelt ihn entschuldigend an. »Verzeihen Sie. Es ist nur … mir gehen im Moment so viele unbeantwortete Fragen durch den Kopf. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Ich bin froh, dass Sie mir zeigen, wo er gestorben ist. Es bedeutet mir viel, die Stelle mit eigenen Augen gesehen zu haben.«

»Keine Ursache«, entgegnet Bjarne. Er ist sich offenbar unsicher, ob er Jakobs Lächeln erwidern soll oder lieber nicht.

»Hören Sie«, sagt er dann. »So schrecklich es ist, aber … nun ja, wenigstens ist es hier passiert. Das ist doch gut, oder?«

»Ja«, sagt Jakob mit einem Nicken. »Vermutlich schon.«

Hier, irgendwo auf den labyrinthischen Pfaden im dichten Wald um die Versandete Kirche, ist Jakobs ältere Schwester Line vor neunundzwanzig Jahren spurlos verschwunden. Es ergibt durchaus Sinn, dass sein Vater sich ausgerechnet an diesem Ort das Leben genommen hat. Aber dennoch spürt Jakob eine zweifelnde Unruhe wie ein Prickeln unter der Haut. Heute ist der 21. Januar, der Jahrestag von Lines Verschwinden. Warum hat sein Vater sich nicht heute die Schere in den Leib gestoßen, sondern bereits vor einer Woche? Es wäre doch viel natürlicher gewesen, wenn ihn die Selbstmordgedanken am 21. übermannt hätten. Aber vielleicht war das Leben für ihn schon so unerträglich geworden, dass er keinen Tag länger mehr leben wollte.

Jakob gibt Bjarne die Hand und bedankt sich noch einmal. Der große Mann umschließt sie mit seinen gewaltigen Pranken und drückt sie leicht.

»Sie erinnern sich nicht an mich, oder?«, sagt er.

»Erinnern? Was meinen Sie?«

»Ich kannte Ihre Eltern, damals, als Sie noch alle zusammen hier wohnten. Bevor Line verschwand. Und Ihre Mutter nach Kopenhagen zog. Da waren Sie vielleicht …«

»… drei Jahre alt«, vollendet Jakob Bjarnes Satz. »Ich war drei, als Line verschwand. Ich kann mich weder an meine Schwester noch an Sie noch an Skagen erinnern. Leider.«

Es herrscht Stille. Eine ganze Weile sagt keiner etwas.

»Kirchenwächter, ist das eigentlich ein Vollzeitjob?«, fragt Jakob schließlich, um das Schweigen zu brechen.

Bjarne lacht. »Nein. Das ist eher ein Hobby. Zusätzlich arbeite ich noch als Lkw-Fahrer. Kleinere Touren durchs Land, aber ich bleibe innerhalb der Grenze.«

Wieder wird es still. Jakob kratzt sich am Kopf. Sein Haar ist feucht vom Schnee.

»Wollen Sie mit rein und sich den Kirchturm ansehen?«, fragt Bjarne. »Ich will noch schnell ein paar Dinge erledigen, wo ich schon mal hier bin.«

Jakob schüttelt den Kopf. »Nein danke, Bjarne. Das ist nett von Ihnen, aber ich werde zusehen, dass ich wieder zurück ins Hotel komme.«

Jakob schließt die Tür der Hotelsuite hinter sich und geht hinüber zum Balkon. Er schaut durch einen Spalt im Vorhang, den er bei seiner Ankunft gestern Abend zugezogen und seitdem nicht wieder zur Seite geschoben hat. Sein Blick fällt auf kleine, gelbe Häuser mit roten Dächern, die sich im Schneesturm eng aneinanderzuschmiegen scheinen. Häuser, die seit mehreren Generationen Erfahrung darin haben, sich dem rauen Seewind zu widersetzen.

Jakob zieht den Vorhang auf und lässt das letzte, dahinscheidende Licht des Nachmittags in die Suite. Die Dagmar-Suite. Benannt nach der Tochter des Paares, das vor mehr als hundert Jahren das Hotel Ruth eröffnete, wie Jakob beim Einchecken erfahren hat.

Das Licht fällt auf einen kleinen Pappkarton neben dem Bett. Darin befinden sich verschiedene Kleinigkeiten, die er am Vormittag im Haus seines Vaters zusammengesucht hat. Er hatte gehofft, irgendetwas zu finden, das ihm erklären könnte, warum sein Vater ausgerechnet am Dienstag, den 15. Januar, diese Welt verlassen wollte. Und warum er ausgerechnet eine Schere als Ticket ins Jenseits benutzt hat. Warum kein Küchenmesser? Oder Tabletten?

Jakob hatte auch die Küchenschubladen durchwühlt und entdeckt, dass in der zweiten Schublade von oben noch eine Küchenschere lag. Aber sein Vater kann ja durchaus mehrere gehabt haben.

Im Wohnzimmer ist ihm eine Erinnerung an etwas längst Verdrängtes in die Hände gefallen. Eine selbst gebrannte DVD.

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