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Leide!

MAXIM JAKUBOWSKI (HRSG.)

STUART MACBRIDE, JOHN HARVEY, ALLAN GUTHRIE ET. AL.

Leide!

Ins Deutsche übertragen von

Caspar Holz

Zu diesem Buch

Perlen der BritCrime!

Stuart MacBride, John Harvey, Allan Guthrie und viele andere Autoren aus dem Vereinigten Königreich nehmen Sie mit zur Wiege des Kriminalromans! Spannung und Nervenkitzel garantiert!

Mit Geschichten von Stuart MacBride, John Harvey, Allan Guthrie, Nicholas Royle, Christopher Fowler, Donna Moore, Marilyn Todd, Kevin Wignall, Martin Edwards, Peter Robinson, Amy Myers, Edward Marston.

STUART MCBRIDE

Daphne McAndrews und die Junkies

Halb neun an einem kalten Herbstabend. Sergeant Dumfries hatte die Füße auf den Empfangstresen gelegt, in der einen Hand einen Becher Tee, eine Ausgabe des Oldcastle Advertiser in der anderen, und las über die Suche nach der kleinen Lucy Milne, als sich scheppernd die Tür zum Vorraum öffnete und einen heulenden Windstoß hereinließ, der die Aushänge an der Pinnwand flattern ließ. Mit einem Seufzer brachte er sich in eine aufrechte Sitzposition, legte die Zeitung weg und setzte ein professionelles Lächeln auf. Eine alte Dame am Krückstock mühte sich ab, einen Einkaufstrolley mit Schottenkaromuster durch die schweren Holztüren zu zerren. An einer ausziehbaren Leine hatte sie einen kleinen West Highland Terrier, der fröhlich kläffte, als leuchtend orangenes Laub die Knöchel der alten Dame umwehte und verrückten Highland-Tänzern gleich durch den Vorraum der Polizeiwache wirbelte.

»Kann ich Ihnen behilflich sein, Madam?«

Sie zeigte ihm kurz ein Lächeln. »Nein, wir kommen schon zurecht.« Irgendetwas an ihr war vertraut, doch Dumfries vermochte nicht genau zu sagen, was. Knapp eins sechzig, übergewichtig, graubrauner Übermantel, Kopftuch mit Schottenkaro, Großmutterstiefel, ein Gesicht wie ein verknittertes Kissen … Ein letzter Ruck, und sie hatte den Einkaufstrolley drinnen und ließ die Tür zum Vorraum zuknallen. Einen Moment lang hingen die wirbelnden Blätter in der Luft, dann sanken sie gemächlich auf den Linoleumboden.

Sie rollte den Einkaufstrolley bis vor den Empfangstresen und schälte sich aus ihrem Kopftuch, unter dem ein kompakter, mit Haarspray nahezu unverrückbar um ihren Kopf fixierter grauer Lockenschopf zum Vorschein kam. »Du meine Güte«, sagte sie und schüttelte sich leicht. »Was für ein schauderhafter Abend! Gerade heute Morgen sagte ich noch zu Agnes – wir treffen uns stets zum Tee im Castlehill Snook, dort macht man vorzügliche Rosinenweckchen – und ich erklärte gerade, dass mir das Wetter dieses Jahr so viel schlechter vorkommt. Ich erinnere mich noch, als …«

Dumfries unterdrückte ein Stöhnen, während sie unaufhaltsam weiterplapperte – typisch, dass ausgerechnet er von dieser alten Schachtel in einen Plausch verwickelt wurde. »Also«, sagte er und vergewisserte sich, dass ihm sein bemühtes Lächeln nicht entglitten war, »was kann ich für Sie tun, Madam?«

Sie unterbrach ihren Redefluss und betrachtete ihn einen Moment. »Norman, nicht wahr? Norman Dumfries?«

»Äh …« Er wechselte verlegen seine Sitzposition. »Ja?«

»Wer hätte gedacht, dass Sie einmal so groß werden! Sie waren ein so schmächtiges Kerlchen auf der Kingsmeath Grundschule – sehen Sie, ich hab immer gesagt, es würde Ihnen richtig guttun, Ihr Gemüse aufzuessen.«

Und in diesem Augenblick fiel der Groschen. »Mrs McAndrews, dachte ich doch, dass ich Sie wiedererkannt hätte!« Diesmal war Sergeant Dumfries’ Lächeln echt. »Und, wie geht es Ihnen?«

»Gar nicht gut, Norman«, gestand sie, beugte sich vor und senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Da ist ein nackter Mann in meinem Schuppen, und ich glaube, er ist tot.«

Anders als die meisten Damen des Schulkantinenpersonals, die für so exotische Wonnen wie Doppelkekse mit Vanille- oder Johannisbeerfüllung schwärmten, war Daphne McAndrews unerschütterlich geblieben: So weit es sie betraf, galt: selbst gemachtes Buttergebäck oder gar nichts. Ein fröhliches Summen auf den Lippen arrangierte sie ein paar Stücke davon auf dem Tablett, gleich neben einer Kanne frischen Tees und sechs Bechertassen, und trug es zur Hintertür hinaus.

Die Polizei hatte ein mächtiges Scheinwerferpaar aufgestellt und dieses so auf den Schuppen am Ende des Gartens ausgerichtet, dass das wespenzerfressene Holz erglühte. Der restliche Garten war in Dunkelheit getaucht, die Bäume stöhnten und knarrten im böigen Wind. Behutsam wackelte Daphne den Pfad entlang, bemüht zu verhindern, dass die Teeutensilien davongeblasen wurden.

Die Schuppentür stand offen; drinnen war ein halbes Dutzend Beamte zugange, bekleidet mit diesen weißen Plastiküberziehern, wie sie sie auch im Fernsehen trugen. Der Schuppen war geräumig – und Bills Freude und ganzer Stolz –, dennoch hatte sie seit seinem Ableben, von gelegentlichem Staubwischen abgesehen, kaum etwas angerührt. Es war ein Trost zu wissen, dass dort drinnen etwas von ihm weiterexistierte: in einer grauen Urne ganz hinten, gleich neben dem kleinen Feuerwehrauto aus Holz, an dem er bis zu seinem Tod gewerkelt hatte.

»Alle bereit für eine schöne Tasse Tee?«, rief sie, trat über die Schwelle und schloss hinter sich die Tür, um den Wind auszusperren.

Jemand fuhr herum und starrte sie an. »Sie sollten nicht hier drinnen sein!«

»Ach, Unsinn. Das hat mein Bill auch immer gesagt, doch ein Stück Buttergebäck hat ihn stets einen anderen Ton anschlagen lassen.«

»Nein, Sie verstehen nicht. Dies ist der Schauplatz eines Verbrechens!« Er wies mit einer Handbewegung auf den nackten jungen Mann, der, bekleidet mit nichts weiter als einem Paar Burlington-Socken, ausgestreckt vor der gegenüberliegenden Wand lag – unter eben jenem Regal, das Bills Urne trug.

»Das ist nicht der Schauplatz eines Verbrechens, es ist Bills Schuppen. Und nun Schluss mit diesem Unsinn; es ist Zeit für Tee. Ein Stückchen Zucker oder zwei?«

»Äh …« Er wandte sich zu seinen Begleitern um, doch niemand sprang ihm bei.

Polizisten waren wie kleine Jungs: Da galt es, fest zu bleiben, sich durchzusetzen und ihnen nichts durchgehen zu lassen. Diese Frechdachse.

Er räusperte sich und starrte einen Moment lang auf seine Schuhe, ehe er erwiderte: »Zwei, bitte.«

Das Buttergebäck wurde ihr förmlich aus der Hand gerissen – nicht umsonst galt sie als führende Kapazität in der Landfrauenvereinigung – als die Schuppentür erneut geräuschvoll aufgestoßen wurde. Ein kurzes Schweigen, dann brüllte jemand: »Was zum Teufel geht hier vor?« Ein Mann mit Schnauzbart und wütendem Gesichtsausdruck. »Dies hier, Sergeant, sollte eigentlich ein Tatort sein, und keine gottverdammte Teegesellschaft!« Der Polizeibeamte mit den zwei Zuckerstücken errötete und entschuldigte sich; seine Worte wurden von einem Krümelregen begleitet. Der Kopf des Neuankömmlings drohte jeden Augenblick zu explodieren. Unter Fluchen und Gebrüll zerrte er die Beamten nach draußen in den Hintergarten, wo er sie weiter zusammenstauchte. Sich über Spurensicherung ausließ, über Buttergebäckkrümel und disziplinarische Anhörungen … bis ihm auffiel, dass sich Daphne, ihren Tee schlürfend, noch immer im Schuppen befand.

»Sie!«, sagte er und stieß einen Finger in ihre Richtung. »Gehen Sie zurück in das verdammte Haus!«

Eine nette Polizeibeamtin wurde hereingeschickt, um ihre Aussage aufzunehmen. »Beachten Sie Detective Inspector Whyte gar nicht«, sagte sie, als Daphne eine Dose Pedigree Chum Senior aufmachte. »Er steckt gerade mitten in einer kleinen Scheidung.«

Daphne gab ein stolzes Schnaufen von sich und schabte eine ordentliche Portion Hühnerfleisch mit Herz auf einen sauberen Teller. »Würde mein Bill heute noch leben …« Doch dem war nicht so, weshalb es keinen Grund gab, den Gedanken weiterzuverfolgen. Sie stellte den Teller auf den Boden und pfiff. »Hierher, mein Darling, lecker Fresschen!« Ein betagter, gelblich-weißer Terrier polterte in die Küche, sein kleiner Stummelschwanz ein einziges Wedeln. Er hatte sein altes, abgewetztes Lieblings-Quietschspielzeug in der Schnauze.

»Oh, ist der süß!« Die Polizeibeamtin strahlte. »Wie heißt er denn?«

Daphne langte nach unten und zauste ihrem kleinen Liebling das Haar zwischen den Ohren. »Das ist Little Douglas. Bill hat ihn nach meinem Vater benannt, wegen der Familienähnlichkeit. Im Februar wird er fünfzehn. Ja, du bist mein kleiner Doug, nicht wahr? Aber ja, das bist du! Das bist du!« Er kläffte einmal vergnügt, dann steckte er seine Schnauze in das Hundefutter.

»Können Sie mir sagen, wann Sie den Toten in Ihrem Schuppen entdeckt haben, Mrs McAndrews?«

»Hmmm? Oh, das war …« Konzentriert legte Daphne die Stirn in Falten. »Coronation Street. Das blonde Mädel hatte eine Affäre mit diesem asiatischen Jungen, und ich dachte, jetzt könnte ich eigentlich ein nette Tasse Tee vertragen. Also hab ich die nächste Werbeunterbrechung abgewartet und ging dann nach hinten, um Wasser aufzusetzen. Ich wollte gerade das Licht anmachen, da sehe ich eine nackte Frau weglaufen und über den hinteren Zaun klettern. Ich dachte noch …«

»Warten Sie, Sie haben eine nackte Frau gesehen? Keinen nackten Mann?«

»Ganz recht. So was lernt man auseinanderzuhalten, wenn man in der Schulkantine arbeitet. Jedenfalls kletterte sie über den Zaun, ich holte Klein Doug, und wir gingen nach draußen, und da war er sehr tapfer, das warst du doch? Mamis kleiner Held. Er beschützt mich immer, wissen Sie. Jedenfalls sah ich, dass die Tür zum Schuppen offen stand und ging hin, um sie zu schließen, und da lag er. Also hab ich meinen Mantel übergezogen, bin zur Polizeiwache gegangen und habe es gemeldet.«

»Wieso haben Sie nicht einfach den Notruf gewählt?«

Daphne schüttelte betrübt das Haupt. Diese jungen Leute heutzutage. »Meine Liebe, einen Todesfall zu melden, ist nicht dasselbe, wie eine Pizza bestellen. Gewisse Dinge muss man einfach persönlich tun.«

Dienstagsmorgens um halb elf war im Castlehill Snook praktisch nichts los – lediglich in einer Ecke stritt ein Pärchen mittleren Alters über einer Karte –, sodass Daphne und ihre beste Freundin Agnes McWhirter keine Mühe hatten, ihren gewohnten Tisch an dem den Burgparkplatz überblickenden Fenster zu bekommen. Vor dem Parkscheinautomat entlud ein großer Reisebus aus Deutschland soeben Touristen, die samt und sonders kleine Schottlandfähnchen und Plastiktüten aus dem Laden The Woollen Mill in Händen hielten. Der Himmel hatte die Farbe warmen Schiefers, der Wind ließ die Regenjacken der Touristen peitschen und flattern, während diese den Versuch unternahmen, die Runde um die alte Burgruine noch vor Einsetzen des Regens hinter sich zu bringen.

Daphne machte Klein Dougs Hundeleine los und ließ ihn über den gefliesten Fußboden schnüffeln. Als die Kellnerin schließlich mit dem Kuchentablett kam, lag er zusammengerollt unter ihrem Stuhl. Und schnarchte.

Agnes bestellte ihr gewohntes Rosinenweckchen, Daphne jedoch schockierte alle, sogar sich selbst, indem sie stattdessen ein Stück Battenberg verlangte. »Fühlst du dich auch wohl?«, erkundigte sich Agnes, während sie fassungslos auf das Stück gelben und rosafarbenen Biskuits hinabstarrte. Daphne atmete einmal tief durch, erzählte ihr dann von der Leiche in ihrem Schuppen, der nackten Frau, die über ihren Gartenzaun geklettert war, und was ihr dieser freundliche Sergeant Norman Dumfries erklärt hatte, nachdem sie heute Morgen gleich als Erstes auf der Polizeiwache angerufen hatte, um sich nach ihrem Vorankommen zu erkundigen.

»Stell sich einer vor!«, ereiferte sich Agnes, während sie den Tee eingoss. »Nackte Drogensüchtige im eigenen Garten!«

»Ich weiß, es ist mir derart peinlich.« Daphne schauderte, biss in ihren Battenberg und kaute skeptisch. Der Genuss von Marzipan enthaltendem Backwerk war eigentlich gar nicht ihre Sache. Sie verfütterte den Rest an Klein Doug.

»Vermutlich standen die beiden unter Drogen und hatten abartigen Sex. Das machen diese Leute nämlich, weißt du, sie berauschen sich und frönen schmutzigen Sexspielen: Das stand alles in der Sunday Post. Mr McAndrews hätte das gar nicht gefallen!«

Daphne nickte; ihr Gatte war im Schlafzimmer so zurückhaltend gewesen wie sie in punkto Gebäck. Niemals hätte er sie um ein Sahnebaiser gebeten, solange durch und durch anständiges Buttergebäck vorrätig war.

»Natürlich, so sind sie alle.« Agnes tippte gegen die Fensterscheibe. Auf der gegenüberliegenden Seite des Burgparkplatzes versuchte eine abgerissene Gestalt, den vorbeihastenden deutschen Touristen Hefte einer Obdachlosenzeitung anzudrehen. »Die meisten sind drogensüchtig. Junkies – die sieht man heutzutage überall. Stand in der Sunday Post. Ich sag’s dir, Oldcastle wird von Tag zu Tag mehr wie Los Angeles. Ehe man sich versieht, gibt’s hier demnächst noch Schießereien aus vorbeifahrenden Autos und Prostituierte an jeder Straßenecke!« Sie nickte wissend, während die ersten Tropfen eines Regengusses die Fenster der Teestube sprenkelten, der Regen immer heftiger wurde und die Touristen zu ihrem Reisebus zurückhasten ließ. Die abgerissene Gestalt beobachtete sie in stummer Ergebenheit und stapfte dann im Wolkenbruch davon.

Der Schuppen war völlig verdreckt, als die Polizei fertig wurde, alles war voller Pulver zum Abnehmen von Fingerabdrücken, nichts befand sich mehr an seinem rechten Platz. Ausgestattet mit ihrer »Sheep of Scotland«-Schürze und gelben Gummihandschuhen schrubbte, wischte und räumte Daphne, bis alles wieder nahezu so aussah wie zuvor. Sie trat einen Schritt zurück und begutachtete ihrer Hände Werk mit grimmiger Genugtuung – ein blitzsauberer Gartenschuppen hatte doch einiges für sich. Sie runzelte die Stirn. Mit Bills Urne schien irgendetwas nicht zu stimmen.

Es war eine Urne mittlerer Größe, denn auch ihr Gatte war ein Mann von Mittelmaß gewesen. In einer großen Urne hätten seine Überreste leicht zu kurz gekommen ausgesehen, und der Kauf einer kleinen hätte bedeutet, etwas von ihm im Krematorium zurückzulassen. Und dann hätte man nie gewusst, was genau das gewesen wäre, oder? Auf keinen Fall wollte sie dereinst in den Himmel kommen und feststellen, dass ihrem Bill womöglich ein Bein fehlte, oder eine Hand. Oder seine edelsten Teile. Das würde ihm sicher nicht gefallen. Sie nahm die Urne aus dem Regal, besprühte sie mit Möbelpolitur und polierte sie mit einem gelben Staubtuch nach, bis sie … der Deckel hatte sich gelockert. Mit zitternden Händen schraubte sie ihn vollends auf.

Nie zuvor in ihrem ganzen Leben war Daphne so sehr nach einem Drink zumute gewesen. Nicht einmal bei Bills Tod. Am Küchentisch sitzend schenkte sie sich einen anständigen süßen Sherry ein, kippte ihn hinunter und schenkte nach. »Ach, Bill!« Seine Urne stand vor ihr auf dem Tisch. Eine gute Handvoll seiner Asche fehlte. Jemand hatte Teile ihres Gatten entwendet … Mit den Krallen über den Linoleumboden klackernd taperte Klein Doug winselnd unter dem Tisch auf und ab. Er wusste, wie bestürzt sein Frauchen war.

Daphne biss sich auf die Unterlippe und schraubte den Verschluss zurück auf die Flasche. Sich in Selbstmitleid zu suhlen würde Bill nichts nützen. Wenn sie Gerechtigkeit wollte, würde sie ihren Hintern hochkriegen und die Dinge in die Hand nehmen müssen. Nichts anderes hätte Bill gewollt.

Regen prasselte auf das Kopfsteinpflaster und glänzte bernsteinfarbenen Perlen gleich im gelben Straßenlicht, als Daphne auf dem Weg zurück zur Teestube den Castle Hill hinauf und die Shand Street entlangstapfte, ihren karogemusterten Einkaufstrolley im Schlepptau. Klein Doug steckte seine Schnauze durch eine winzige Öffnung an der Oberseite und schnupperte für einen kurzen Moment die kalte Nachtluft, bevor er vernünftigerweise wieder abtauchte, zurück nach drinnen und raus aus dem Regen. Die Teestube hatte sicherlich geschlossen, genau wie all die anderen Geschäfte, die sie auf ihrem Weg hügelan passierte und deren Fenster zwar erleuchtet, aber ohne Leben waren. Genau wie die menschenleeren Straßen. »Und zwar, weil jeder, der einen Funken Verstand besitzt, zu Hause ist!«, sagte sie sich, als sie kurz stehen blieb, um zu verschnaufen. Der Weg war beschwerlich, und ihre Hüfte begann zu protestieren. Feuchtigkeit drang durch die Nähte ihres alten Regenmantels, ihr linker Stiefel quietschte bei jedem Schritt, und ihre Brille war über und über beschlagen. Mit einem Seufzer stützte sie sich auf ihren Krückstock und erwog, umzukehren und wieder -

Ein Geräusch.

Sie erstarrte, bemüht, den Laut trotz des trommelnden Regens auf ihrem Plastikkopftuch zu lokalisieren. Nichts. Sie probierte sämtliche Einstellungen ihres Hörgerätes durch, was jedoch keinerlei Unterschied bewirkte. Wahrscheinlich spielte ihre Fantasie ihr bloß einen Streich – und dann vernahm sie es erneut: Jemand sang und fluchte leise vor sich hin.

Langsam schlich Daphne weiter die Straße hinauf, den Einkaufstrolley hinter sich herziehend, und suchte die leeren Ladeneingänge zu beiden Seiten mit den Augen ab. Eine winzige gepflasterte Wohnstraße verschwand zwischen dem Wollladen und dem Kiltgeschäft; die kleine Gasse war überdacht von einem Friseurladen im ersten Stock. Sie erstreckte sich in die Dunkelheit, eine Verbindung zwischen den hoch aufragenden Sandsteingebäuden der Shand Street und den düsteren Klinkern der Mercantile Road. Bedrückend und abweisend. Von dort kam das Geräusch.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und betrat die Gasse. Hier drinnen war es dunkel, die Straßenlichter auf der Shand Street vermochten die Schatten nur ansatzweise zu durchdringen, trotzdem konnte sie gerade eben eine Gestalt ausmachen, die, in einem Türeingang kauernd, eine schmuddelige rosafarbene Decke um die Schultern gerafft, auf einem Stapel platt gedrückter Pappkartons saß. Ein Streichholz flammte auf, und als er sich eine dünne, selbst gedrehte Zigarette anzündete, sah sie sein Gesicht – bärtig und verdreckt. Nicht der Kerl, der die Obdachlosenzeitung loszuschlagen versucht hatte, aber, wie Agnes gesagt hatte, es waren alles Drogensüchtige. Vermutlich nahm er just in diesem Moment Drogen zu sich – um den Türken zu vertreiben, oder wie immer das hieß. Sie straffte ihre Schultern, trat entschlossen bis dicht vor ihn und sagte: »Entschuldigen Sie?«

Der Mann antwortete nicht, sondern fluchte einfach weiter vor sich hin, also stieß sie ihn mit ihrem Krückstock an.

»Ich sagte, entschuldigen Sie.«

Er schrie auf, rutschte hastig rücklings bis vor die Hauswand und beobachtete sie bibbernd und zitternd voller Argwohn. »Was wollen Sie?« In dem trüben Licht glommen seine Augen wie die einer Schlange.

»Ich suche eine Frau.«

Der Mann grinste anzüglich. »Sie wollen diese fetten Lesben?«

Sie stieß ihn erneut mit ihrem Krückstock. Fest.

»Autsch! Lassen Sie das!«

»Diese spezielle Frau war letzte Nacht in meinem Schuppen, zusammen mit einem Mann. Sie hat jemanden … etwas mitgenommen, das mir gehört, und das will ich zurück!«

Es herrschte Stille, als der Mann Daphne anstarrte – und sie dabei wahrscheinlich mit den Blicken entkleidete. Diese Drogensüchtigen waren alle gleich. Sexbesessen. »Tja«, sagte er und kam aus seinem Hauseingang hervor, die dreckige rosafarbene Decke immer noch um die Schultern gewickelt. Er stank nach Urin und Marmite. »Werden Sie dafür sorgen, dass es sich für mich lohnt?«

Daphne errötete. Sexbesessen – sie hatte es ja gewusst. Kurzerhand durchwühlte sie die feuchten Taschen ihres Regenmantels und förderte eine halb leere Tüte Pfefferminzbonbons zu Tage. »Möchten Sie einen Bonbon?«

Er streckte die Hand aus und entriss ihr die Tüte. »Haben Sie Geld?«

»Was für Manieren!« Daphne reagierte gereizt. »Was würde Ihre Mutter wohl sagen, wenn sie …?« Er stieß sie zur Seite; sie rutschte aus und landete scheppernd und ächzend vor Schmerz auf dem kalten, nassen Pflaster. Gütiger Gott – was, wenn sie sich die Hüfte gebrochen hatte?

»Wo ist Ihr Portemonnaie?« Drohend hockte er über ihr, durchwühlte die Taschen ihres Regenmantels und roch an allem, was er fand, ehe er es in den Regen davonschleuderte. Taschentuch, einen Fettstift für die Lippenpflege, Haarklammern, den abgegriffenen Tennisball, dem Klein Doug so gern im King’s Park hinterherjagte. Schließlich ihre Hausschlüssel. Grinsend hielt der Kerl sie ins Licht. »Ausgezeichnet.« Er stopfte sie in seine Tasche. »Und wo ist jetzt Ihr verdammtes Portemonnaie?«

Mit zitternder Hand wies Daphne auf den schottengemusterten Einkaufstrolley. Der Junkie rieb sich die Hände, öffnete dann den Reißverschluss des oberen Fachs. Ein missgelauntes Knurren schlug ihm entgegen, und das dreckige Grinsen auf seinem Gesicht erlosch. »Was zum Teufel ist denn das?« Fluchend holte er mit einem Tritt den Einkaufstrolley von den Rädern, sodass er davonflog und Klein Doug herauspurzelte und in der Gosse landete. Das empörte Gekläff des West Highlanders ignorierend durchwühlte er das Innere des Trolleys. Mr Bunny wurde in die Nacht hinausgeschleudert, unmittelbar gefolgt von einer Plastiktüte voller zusammengerollter Plastikbeutel sowie einem mit Einkaufslisten vollgeschriebenen Spiralhefter. Klein Doug flitzte hinter seinem Quietschspielzeug her, als der Mann »Dein Liebling …« knurrte und wieder in die Hocke ging, um ihre Handtasche zu durchstöbern.

Die falschen Zähne zusammengebissen, stemmte Daphne sich hoch bis auf die Knie, riss sich dabei auf dem rauen Gassenpflaster eine Laufmasche in ihre Stützstrümpfe und richtete sich mühsam und bebend vor Zorn wieder auf. Ihr Krückstock lag in der Gosse; sie griff danach. »Haben Ihre Eltern Ihnen keine Manieren beigebracht?« Es war ein anständiger Krückstock: robust, mit einem Schaft aus gehärteter Eiche und einem stabilen, aus Hirschgeweih geschnitzten Griff. Er erzeugte ein befriedigendes, satt-dumpfes Geräusch, als sie dem Kerl damit kraftvoll eins über den Schädel zog.

Er jaulte, und sie schlug ihn ein zweites Mal. Fester. Er versuchte, etwas zu sagen, doch sie schwang ihm den Griff mitten ins Gesicht – etwas zerbrach, und Zähne flogen, also tat sie es noch einmal. Sein Jochbein ging in Trümmer. Und wieder: Blut schoss aus seinem linken Auge. Und noch einmal: Er brachte rechtzeitig die Hände hoch, um sein Gesicht zu schützen, und sie hörte seine Fingerknochen brechen. Und noch einmal, wieder und wieder …

Keuchend und außer Atem lehnte Daphne sich zurück gegen die Hauswand, griff sich mit einer Hand an ihre schmerzende Brust und fragte sich, ob sie wohl gleich einen Herzanfall erleiden würde. Der Mann lag in Fötalstellung zusammengerollt auf der Seite und rührte sich nicht. Klein Doug beschnupperte den Hinterkopf des Drogensüchtigen, hob dann sein Bein und pinkelte ihn an. Das erledigt, schnappte er sich Mr Bunny, trottete herbei und machte Sitz – genau vor Daphne, mit munter wedelndem Schwänzchen und rundum glücklich.

Es dauerte eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte, schließlich ließen die Schmerzen in der Brust nach, und ihr Atem ging wieder normal. Sie würde Bill noch nicht Gesellschaft leisten.

Sie versetzte dem grässlichen Kerl einen Stoß mit ihrem Krückstock und zwang ihn so, sich auf den Rücken zu wälzen. Sein Gesicht war ganz geschwollen und aufgedunsen, es war verunstaltet und blutverschmiert, und an seiner Stirn baumelte ein loser Hauptlappen. Er blutete auf das Straßenpflaster. Als er matt hüstelte, glänzte ein roter Streifen im trüben Licht. Sie stupste ihn gegen die Brust. Er stöhnte. »Ich habe Sie etwas gefragt, junger Mann: Wer war die nackte Frau?«

Er gab etwas ziemlich Ungehobeltes von sich, worauf Daphne ihm den Knauf ihres Krückstocks gegen das Knie schlug. Es war weder ein richtiger Aufschrei, noch ein rechtes Stöhnen, klang aber dennoch schmerzgequält. »Wer war sie?«

Mittlerweile greinte er, Tränen und Rotz vermischten sich mit Blut und Schmutz. »Das werd’ ich Ihnen nicht … ich weiß es nicht …«

»Sie lügen.« Sie schlug ihn erneut, exakt aufs Sprunggelenk.

»Herrgott, nicht! Bitte! Ich weiß es nicht!« Er wiegte sich schluchzend am Boden hin und her, den Kopf mit den Armen schützend. »Bitte!«

Daphne setzte eine böse Miene auf und zählte bis zehn. So viel zu Plan A. »Wenn Sie es nicht wissen, wer weiß es dann?«

»Ich habe keine Ahn … auu!« Diesmal traf es den Ellbogen. »Bitte! Ich weiß nicht!« Noch einmal den Knöchel. »Autsch! Colin! Colin wird es wissen! Er verkauft das Zeug. Er weiß es bestimmt!«

Sie lächelte. »Und wo genau finde ich diesen ›Colin‹?«

Noch nie zuvor hatte Daphne ohne Begleitung eine Schankstube betreten – diese Art von Dingen geziemte sich für eine achtbare Dame nicht –, doch Bill war sie es schuldig. Sie fasste sich ein Herz und trat entschlossen durch die Tür des Monk and Casket, eines ziemlich schäbig wirkenden Etablissements am unteren Ende der Jamesmuir Road. Außen Pseudo-Tudor, gab es innen nichts als blinkende Spielautomaten, Vinylsitzpolster und klebrige Fußböden. Es herrschte nicht gerade Hochbetrieb, gerade mal eine Handvoll Männer und Frauen, denen, an einem Mittwochabend um halb zwölf, der Alkohol bereits erkennbar zugesetzt hatte.

Sie nahm ihr Herz in beide Hände, humpelte, ihren Einkaufstrolley im Schlepptau, bis zum Tresen und orderte einen Portwein mit Zitrone. Und dazu einen – medizinisch indizierten – Brandy; ihre Hüfte tat noch immer weh, zudem war sie nach dem weiten Fußmarsch von Castle View bis hierher völlig durchnässt.

Der Barkeeper war ein großer, behaarter Kerl mit Ohrringen, dem ein Schneidezahn fehlte. Er beugte sich vor und sagte leise: »Eigentlich ist die letzte Runde schon durch, von Rechts wegen darf ich Sie also nicht mehr bedienen«, dann schob er ihre Getränke über den Tresen. »Falls Sie aber eine Spende von zwei Pfund fünfzig an den Seenotrettungsdienst geben wollen, hätte ich nichts dagegen.« Er zwinkerte ihr zu. Errötend dankte Daphne ihm und steckte das Geld in das orangefarbene Plastikrettungsboot, das auf der Theke stand.

»Ich suche einen Mann«, sagte sie.

Der Barkeeper lächelte. »Tut mir leid, Schätzchen, ich bin verheiratet.«

»Nein, einen Mann namens Colin. Kennen Sie ihn? Jemand meinte, er sei hier.«

Schweigen seitens des Barkeepers, dann: »Sind Sie sicher, dass Sie Colin suchen? Colin McKeever? Crazy Colin?«

Daphne nickte, schaute sich im Schankraum um und versuchte festzustellen, ob dort jemand aussah, als könnte er »Crazy Colin« sein. Das Etablissement war nicht eben groß: gerade mal eine Handvoll Tische, ein paar gerahmte Fotos der lokalen Fußballmannschaft, die klingelnden, ratternden Glücksspielautomaten, sowie eine einzelne, aus dem Raum herausführende Tür mit der Aufschrift TOILETTEN, TELEFON UND VERANSTALTUNGSRAUM. Die Kundschaft war ebenso schäbig wie das Lokal. Zwei übertrieben aufgedonnerte Frauen, die mit ihren Alcopops vor sich hin kicherten, ein dicker Kerl mit Bart, der über ein Pint Stout gebeugt saß, zwei verdächtig aussehende Gestalten ganz in schwarzem Leder an der Dartscheibe … »Ist es der mit dem Hut?« Sie zeigte auf einen ungewöhnlich und verschlagen aussehenden Kerl mit langen schwarzen Haaren und Baseballkappe, der allein dort saß.

»Nein, das ist der schräge Justin. Crazy Colin ist oben, mit Stacy. Warum trinken Sie nicht einfach aus, und ich rufe Ihnen ein Taxi, was meinen Sie? So eine nette alte Dame wie Sie möchte doch nichts mit Leuten wie Colin McKeever zu schaffen haben.«

Ein leichter Anflug von Nervosität – er war oben, zusammen mit einer Frau! Vielleicht war es ja die aus dem Schuppen? »Gewiss, natürlich.« Sie leerte ihren Brandy in einem einzigen Zug, verfuhr dann ebenso mit ihrem Port. »Ich verschwinde nur kurz zum stillen Örtchen.«

Sie packte den Griff ihres Einkaufstrolleys und zwängte sich durch die Tür auf einen übel riechenden Flur. Auf den Türen zu beiden Seiten stand HERREN und DAMEN, ganz hinten am Ende jedoch gab es eine Treppe mit einer kleinen Tafel darüber: ZUM VERANSTALTUNGSRAUM. Daphne holte einmal tief Luft und machte sich daran, den Einkaufstrolley die Stufen hinaufzuwuchten.

Ein Stockwerk weiter oben wich das Linoleum einem klebrigen Teppichboden; auf dem Treppenabsatz war gerade genug Platz, dass Daphne verschnaufen konnte. Undefinierbare »Musik« drang wummernd hinter einer ramponierten Holztür hervor. Wieso nur wusste niemand mehr, was eine Melodie war? Wenn dies alles vorüber war, würde sie nach Hause gehen, ein wenig Barry Manilow auflegen und sich eine schöne Tasse Tee aufsetzen.

An ihrem Hörgerät nestelnd, versuchte sie die schauderhafte Musik leiser zu stellen – und öffnete die Tür zum Veranstaltungsraum. Er hatte ungefähr die gleiche Größe wie der Schankraum unten, war aber noch verwahrloster. Uralte Stühle säumten die Wände, in einer Ecke stapelten sich Klapptische, eine verspiegelte Discokugel hing von der Decke und glitzerte über dem kleinen hölzernen Tanzboden in der Mitte. Ein Mann und eine Frau schlurften, sich langsam hin und her wiegend, zu der »Musik« umher. Sie hatte ihm die Arme um die Schultern geschlungen, er hatte seine Hände auf ihrem Hintern und knetete die Backen, als büke er ein Brot.

Der Song endete mit ein paar harten Schlägen, worauf sogleich ein anderer, nicht minder schauderhafter einsetzte. Neben der Tanzfläche stand einer dieser »Gettoblaster«, also schritt Daphne schnurstracks darauf zu und stellte das abscheuliche Ding ab. Wohltuende Stille. Der Mann ließ davon ab, die Unterwäsche seiner Freundin zu richten, und runzelte die Stirn. Er war nicht eben übermäßig attraktiv – dürr und kleinwüchsig, mit einem schäbigen kleinen Bärtchen, Bürstenhaarschnitt und Brille. Aber er sah so aus, als könnte er Colin heißen.

Daphne straffte ihre Schultern. »Ich will meinen Bill zurück!«

»Ich hab mit Ihnen nichts zu schaffen.«

»Spielen Sie keine Spielchen mit mir, junger Mann. Ihr Flittchen ist in meinen Schuppen eingebrochen und hat meinen Bill gestohlen! Ich will ihn zurück.«

»Ich hab nichts damit zu schaffen, Großmutter. Wenn Sie mit Stacy ein Problem haben, klären Sie das mit ihr.« Er feixte. »Aber erst, wenn ich fertig bin, okay?« Er ging daran, sein Hemd auszuziehen. »Wollen Sie zuschauen? Kostet nix.«

Oh … mein … Gott … Er entkleidete sich doch tatsächlich! Sie hatte nicht das Bedürfnis, die edleren Teile eines fremden Mannes zu betrachten. Nicht einmal die ihres Gatten hatte sie gerne angeschaut. »Ich möchte keinen Ärger, ich will nur meinen Bill zurück.«

»Bill, Bill, Bill.« Er kehrte ihr den Rücken zu und löste seine Gürtelschnalle.

Daphne hastete zurück zu ihrem Einkaufstrolley, öffnete den Reißverschluss des oberen Fachs und hob Klein Doug heraus. Der sah sich gähnend im Raum um, ließ sich dann nieder, um sich ein wenig zu kratzen. Daphne richtete sich zu ihrer vollen Größe von fast eins sechzig auf und wies mit gebieterischem Finger auf Crazy Colin, als dieser soeben seinen Hosenschlitz aufknöpfte. »Los, Klein Doug, FASS

Klein Doug blickte auf zu ihr und betrachtete dann ihre Fingerspitze.

Daphne versuchte es erneut. »Fass.«

Immer noch nichts.

Sie schnappte sich Mr Bunny aus dem Einkaufstrolley und schleuderte ihn auf den sich entkleidenden Mann. Der Spielzeughase landete genau in Colins Hosenzwickel, als dieser sie über die Schuhe zu streifen versuchte. Klein Doug knurrte und scharrte mit seinen kleinen Füßen über den Holzfußboden, ohne jedoch recht vom Fleck zu kommen – bis seine Krallen unvermittelt Halt fanden, er losschoss und über den Tanzboden flitzte wie ein Hund von der Hälfte seines Alters. Kläffend.

Der Lärm ließ den Mann mit aufgerissenen Augen herumfahren. Er packte seinen Hosenbund und zerrte diesen wieder hoch – was sich als Fehler erwies, da dort drinnen noch immer Mr Bunny gefangen war – die beiden Zottelohren lugten genau in Leistenhöhe aus dem Hosenschlitz hervor. Mit einem letzten, fröhlichen Kläffen sprang Klein Doug ab und bohrte seine Zähne in Crazy Colins Schritt. Ein schriller Schrei erschallte.

Daphne packte ihren Krückstock mit festem Griff und machte sich daran, ihn zum Verstummen zu bringen.

Zitternd wusch Daphne sich auf der Damentoilette das Blut von Händen und Gesicht, mit kaltem Wasser und bitter riechender Handseife. Klein Doug, ganz fidel, saß aufrecht im Einkaufstrolley – der gerettete Mr Bunny schien das Abenteuer in der Hose des fremden Mannes unbeschadet überstanden zu haben – und schaute zu, wie sie den Knauf ihres Krückstocks unter den Wasserhahn hielt, das Wasser sich rosa verfärbte, als Crazy Colin McKeevers Blut nach und nach abgespült wurde.

»Niemand weiß etwas«, redete sie sich ein. »Niemand weiß davon …« Das Mädchen hatte sich im Komazustand befunden; sie konnte unmöglich etwas gesehen haben. Ausgeschlossen – das Klopfen an der Toilettentür ließ sie fast aufschreien.

»Hallo?« Es war der Barkeeper, er klang besorgt. »Sind Sie da drinnen?«

Oh, Gott, er hat den Toten gefunden! »Ich … ich …«

»Alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sind jetzt schon seit einer Ewigkeit da drinnen.«

»Ich … es geht mir gut.« Sie betrachtete sich im Spiegel. Er weiß es nicht. Niemand weiß davon. »Nur ein verkorkster Magen.«

»Ihr Taxi ist da.«

Sie nickte ihrem Konterfei zu, setzte ein Lächeln auf, öffnete dann die Waschraumtür und nahm Klein Doug mitsamt ihrem Einkaufstrolley mit. »Danke«, sagte sie und versuchte, das Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken, als er ihr durch die Vordertür nach draußen und ins Taxi half.

»Passen Sie auf sich auf.« Er stand auf der Straße und winkte, als sie davonfuhren.

Eine zerzauste Daphne McAndrews betrat um viertel vor elf am nächsten Tag mit hängenden Schultern das Castlehill Snook. Sie hatte schlecht geschlafen, selbst nach einer viertel Flasche süßen Sherrys, war sie doch sicher, man würde sie für den Rest ihres irdischen Daseins ins Gefängnis sperren. Die Polizei würde Colin McKeevers Leichnam finden und sich dieses wissenschaftlichen Zeugs bedienen, wie man es im Fernsehen sah. Und wissen, dass sie es gewesen war. Vorausgesetzt, dieser scheußliche Kerl, der ihr in der Gasse das Portemonnaie zu stehlen versucht hatte, hatte sie nicht längst wegen körperlicher Misshandlung angezeigt. Sie hatte sich nicht überwinden können, an diesem Tag den Krückstock zu benutzen, nicht jetzt, da er zur Mordwaffe geworden war – weshalb ihre Hüfte schmerzte.

Daphne ließ sich Agnes gegenüber auf den Stuhl fallen und schaute betrübt durch das Fenster auf den Burgparkplatz. Entschlossen, nicht in Tränen auszubrechen.

»Fühlst du dich auch wohl, Daphne?«

Sie zuckte nur die Achseln und bestellte ein Rosinenweckchen sowie einen großen Becher Kaffee. Als die Kellnerin fort war, beugte sich Agnes vor und erkundigte sich in bühnenreifem Flüsterton: »Hast du schon von dem Mord gehört?« Daphne erbleichte, doch Agnes schien es nicht zu bemerken. »Totgeschlagen«, erklärte sie, »ein Drogenhändler in einem Pub! Ist das zu fassen!«

Daphne biss sich auf die Unterlippe und betrachtete die Altersflecken auf ihren Handrücken. »Hat man … weiß man, wer es war?«

»Wahrscheinlich eine dieser Hinrichtungsgeschichten aus der Unterwelt. Ich hab’s schon einmal gesagt, und ich sag es immer wieder: Oldcastle wird jeden Tag ein wenig mehr wie dieses Los Angeles. Ich sag’s dir …« Und setzte an zu einer endlosen Geschichte über irgendjemanden, mit dem ihr Gerald einst die Schulbank gedrückt hatte, doch Daphne hörte gar nicht zu. Sie überlegte, wann die Polizei sie wohl holen kommen würde.

Es war halb acht, als der Streifenwagen vor dem Haus vorfuhr. Wenigstens hatten sie darauf verzichtet, Blaulicht und Sirene einzuschalten. Sie wäre gestorben vor Verlegenheit, wenn die Nachbarn das gesehen hätten. Sie hatte den Tag mit Saubermachen verbracht, bis das Haus nur so blitzte: niemand sollte sagen, sie wäre ins Gefängnis gegangen und hätte ihr Haus schmutzig zurückgelassen. Mit einem Seufzer erhob sich Daphne aus Bills Lieblingssessel und öffnete die Haustür. Es war Sergeant Dumfries, eben jener kleine Junge, der sich stets geweigert hatte, sein Gemüse aufzuessen. Sie führte ihn herein, durch die Küche, und setzte den Kessel auf. Dass er gekommen war, sie zu verhaften, war noch lange kein Grund, ihre Manieren zu vergessen.

»Tee?«, fragte sie, während er verlegen von einem Bein aufs andere trat.

»Äh … gern, das wäre ganz reizend. Danke«, fügte er als Nachsatz hinzu.

Sie brühte zwei Tassen auf, stellte sie zusammen mit einem Servierteller mit Buttergebäck auf den Küchentisch und forderte Sergeant Dumfries auf, sich zu bedienen. »Äh …« machte dieser wieder, mit einem Seitenblick auf Bills Urne, die vom Vorabend noch immer auf dem Tisch stand. »Ich fürchte, ich habe Ihnen eine sehr unangenehme Mitteilung zu machen.«

Daphne nickte. Es bestand keine Notwendigkeit, es dem Jungen schwer zu machen, er gab sich redlich Mühe. »Ich weiß.«

Er errötete. »Es tut mir überaus leid, Mrs McAndrews.«

»Sie machen nur Ihre Arbeit, Norman.«

»Ich weiß, trotzdem …« Er seufzte und langte in die Tasche seiner Uniformjacke. Das war’s, jetzt würde er ihr die Handschellen anlegen. Es würde ein Festtag für die Nachbarn werden.

»Das ist schon in Ordnung.« Sie bemühte sich um Fassung. »Ich werde keinen Widerstand leisten.«

Einen Augenblick lang schien er verwirrt, dann holte er etwas hervor, das aussah wie ein kleiner Plastikgefrierbeutel. Er war durchsichtig und enthielt ein graues Pulver. »Wir, äh … der Mann, den Sie in ihrem Schuppen gefunden haben …« Er stockte und versuchte es erneut. »Wir haben ihn gestern obduziert. Er ist gestorben, weil er sich – dies hier injiziert hatte.« Er hielt den Beutel hoch. »Bedauerlicherweise waren wir gezwungen, zur Bestätigung eine Probe zu entnehmen, Mrs McAndrews.« Behutsam hob er Bills Urne vom Tisch und schüttete den Inhalt des Plastikbeutels hinein.

»Oh Gott.«

»Tut mir leid, Mrs McAndrews. Nach unserer Auffassung standen sie bereits unter Drogeneinfluss, als sie in Ihren Schuppen eingebrochen sind, um dort miteinander … Sie wissen schon. Dabei entdeckten sie Mr McAndrews Überreste und … Nun ja, der Mann hatte Rückstände in Atemwegen und Lungen. Demnach deutet alles darauf hin, dass sie versucht haben, den … äh Verstorbenen zu schnupfen. Als das nicht funktionierte, hat der Mann es mit einer Injektion versucht. Und dann ist er gestorben.« Bis auf das Schnarchen von Klein Doug war es totenstill in der Küche. »Es tut mir leid.«

Sie schnappte sich Bills Urne und spähte hinein. Sie war nahezu voll. »Haben sie beide …? Sie wissen schon?« Sergeant Dumfries nickte, und Daphne runzelte die Stirn. Sie war nicht sicher, ob ihr die Vorstellung behagte, dass Bill sich in einer anderen Frau befand, und Bill wäre gewiss nicht begeistert gewesen, sich in einem nackten Mann zu befinden.

»Wie auch immer.« Sergeant Dumfries erhob sich. »Ich muss zurück zur Wache.« Er schaute nach rechts und nach links, wie um sich zu vergewissern, dass sie alleine waren. »Ganz unter uns«, setzte er mit verschwörerischem Flüstern hinzu, »wir haben es mit einem Drogenkrieg zu tun! Gestern Abend wurde ein Mann verprügelt, gleich vor dem Kiltgeschäft – von einer Bande mit Baseballschlägern, wie er behauptet –, und ehe man sich versieht, wird auch noch ein Drogendealer totgeschlagen! Aber wenigstens dafür haben wir eine Zeugin.«

Daphne schlug sich die zitternde Hand vor den Mund – die junge Frau: sie war doch bewusstlos gewesen! Sie konnte unmöglich etwas gesehen haben – das war nicht fair!

Norman langte zu und nahm sich ein Stück Buttergebäck. »Wir haben eine unter Drogen stehende Frau am Tatort vorgefunden«, erklärte er, begleitet von einem kleinen Krümelregen, »und sie behauptet steif und fest, ein riesiger behaarter Kerl mit einem Rottweiler hätte die Tür eingetreten und dem Opfer mit dem Griff einer Spitzhacke den Schädel eingeschlagen.« Er schüttelte fassungslos den Kopf, während Daphne kreidebleich wurde. »Ich weiß schon«, sagte er, als sie zu stammeln anfing. »Miami Vice in Oldcastle, was für eine groteske Vorstellung!« Er seufzte. »Jedenfalls sollten Sie darauf achten, ihre Türen und Fenster fest verschlossen zu halten. In Ordnung?«

Als er fort war, saß Daphne zitternd am Küchentisch. Drogenkrieg. Ihr entfuhr ein verhaltenes Glucksen. Das Glucksen wurde zu einem Kichern, dann zu einem Lachen, das in einem hysterischen Anfall endete. Sie war noch einmal davongekommen. Sie wischte sich über die Augen, zog Bills Urne zu sich heran und spähte hinein. Es fehlte gerade mal ein Teelöffel voll. Was mochte das wohl sein – ein Ohr, ein Finger, seine edelsten Teile? Die würde er vermissen, selbst wenn sie es nicht tat.

Ein Lächeln auf den Lippen riss sie den Rand von ein paar Teebeuteln ab und schüttete die Blätter hinein. In seinem Alter würde er den Unterschied gar nicht bemerken.

JOHN HARVEY

Einfach nur Freunde

Das ist mir von Diane Adams in Erinnerung geblieben: wie ihr ständig eine Haarlocke in die Stirn fiel und sie sie mit einem kurzen Nicken des Kopfes und einer raschen Handbewegung zurückstrich; der grüne Splitter, wie von einer Glasscherbe, oben in ihrem linken Auge; der freudig überraschte Blick jenes erste Mal, als sie das Wort an mich richtete: »Und du bist Jimmy, stimmt’s?«; ihre Art, die Unwahrheit zu sagen.

Es war im November, gegen Ende des Monats, und die Nachtluft von einer klaren Kälte, die einem die Finger taub werden ließ, obwohl sie einem die Röte ins Gesicht trieb. London, Winter sechsundfünfzig, und wir, Patrick, Val und ich, waren damals kaum mehr als Kinder, auch wenn wir, hätte uns jemand so bezeichnet, ihn vermutlich verprügelt hätten, zumindest Patrick oder ich, während Val – vorsichtig, beobachtend – im Hintergrund blieb.

Es dürfte ein Freitagabend gewesen sein, die Entscheidung zwischen dem Flamingo und dem Studio 51 knapp, und bei dieser Gelegenheit hatte Patrick das Flamingo vorgeschlagen – und zwar wegen eines Mädchens, mit dem er sich vorher schon getroffen hatte, wegen Diane. Das Flamingo war auch ein wenig cooler und besaß mehr Chic. »Hip« wäre vermutlich der Ausdruck gewesen, den wir gebraucht hätten.

Wir alle drei hatten uns zuerst auf der Schule für Jazz zu interessieren begonnen, zunächst die traditionellen Sachen – britische Jungs, die sich ernsthaft an einer New Orleans-Imitation versuchten; anschließend zogen wir eine Weile der Alex-Welsh-Band hinterher, einer Truppe mit einem harten, treibenden Stil und Chicago-Anklängen, spröde und schnell, dienstagsabends im Lyttelton Place in der Oxford Street, sonntags in einem Klub draußen in Wood Green. Val war es, der uns dazu brachte, das modernere Zeug zu hören, Parkers 78er Scheiben auf Savoy, Paul Desmond und das Gerry-Mulligan-Quartett.

Von irgendwoher beschaffte Patrick sich eine Trompete und begann Tonleitern zu üben, und ich fing an, Besen auf einem alten Koffer zu spielen, während ich für ein Schlagzeug sparte.

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