Logo weiterlesen.de
Death de LYX (05) - Grabeskühl

MAXIM JAKUBOWSKI (HRSG.)

IAN RANKIN, RUTH RENDELL ET. AL.

Grabeskühl

Ins Deutsche übertragen von

Nikolaus Gatter

Zu diesem Buch

Ruth Rendell, Ian Rankin und viele andere große Stimmen des britischen Thrillers führen zu Tatorten in düsteren Metropolen!

Mit Kurzgeschichten von Giorgio Faletti, John Mortimer, Dominique Manotti, Ruth Rendell, François Rivière, Michael Gregorio, Daniel Walther, Diego de Silva und Ian Rankin.

Giorgio Faletti

Mord für Mord

Es ist ein ganz gewöhnlicher Bahnhof, wie man ihn in jeder Kleinstadt findet. Vorn Schienen, hinten Schienen, der Himmel mit Oberleitungen gestreift, der Boden bis zur Kurve, die im Hintergrund zu erahnen ist, ein rostbraunes Gleisbett. Längs der Strecke ein lang gestrecktes, flaches Gebäude, das nach Bauart und Farbe nur die Bahnhofshalle sein kann. Das blaue Schild, das dort hängt, zeigt den Reisenden die Aufschrift ASTI und erinnert diejenigen, die ihre Reise hier unterbrechen wollen, daran auszusteigen. Scheibenbremsen und Stahl kreischen, und der Zug kommt knirschend zum Halt, bevor sich die Türen öffnen.

Passagiere verlassen das Abteil, während eine Lautsprecherstimme die nächsten Anschlüsse verkündet. Keine Namen, die Fernweh auslösen, sondern gewöhnliche Nachbarorte, solche, in die man nach Feierabend heimkehrt. Wessen Reise hier endet, den erwarten keine Abenteuer. Hier gibt es stattdessen schlichte, alltägliche Begebenheiten, die sich mit der strengen, unausweichlichen Monotonie eines Uhrpendels abspielen.

Tick, tack, tick, tack …

Es schwingt einmal vor, dann wieder zurück, und so wiederholt sich das Gleiche jeden Tag, bis das Uhrwerk abgelaufen ist und man sich nur noch vergewissern kann, ob die letzte Sekunde mit einem Tick oder einem Tack endet. Als er aus dem Zug steigt, denkt der Mann, der einen Entschluss gefasst hat, dass sein Leben eigentlich ganz genauso abläuft: ein Zug am Morgen und einer am Abend, in ununterbrochener Folge, bis er zu müde ist, um weiterzumachen.

Oder bis das Leben entscheidet, dass er zu müde zum Weitermachen ist.

Jedenfalls hat der Mann, der einen Entschluss gefasst hat, sich vorgenommen, dass heute ein ganz besonderer Tag sein soll. Es ist der Tag, für den sich all die Tränen gelohnt haben, an dem der Schmerz wenigstens ansatzweise ausgeglichen wird. Der Tag, an dem er sich auf die Suche nach einem Lächeln macht, nicht für sich selbst, sondern für jemanden, der tot ist. Oder für alle Toten.

Wenn es besser stünde, wenn es in der Welt gerecht zuginge, wenn es wenigstens dem Anschein nach eine allgemeinverbindliche Gerechtigkeit gäbe, dann wäre das, was er zu tun beschlossen hat, nicht nötig.

Wenn alles anders wäre …

Dieser Gedanke wird so übermächtig, dass er unwillkürlich die Zähne zusammenbeißt. Er ist so glasklar, treibt ihn so nachdrücklich an, dass es ihn nicht überraschen würde, wenn er ihm ins Gesicht geschrieben stünde. Er wundert sich darüber, dass seine Entschlossenheit ihn nicht wie Hautfarbe oder Körpergröße oder Leibesumfang so stark von anderen Menschen abhebt wie die groteske Überzeichnung einer Karikatur.

Stattdessen hat er die gleiche Miene und die gleiche Statur wie immer, und er lässt sich durch die Menge treiben wie ein unbeflaggtes Boot auf stiller See. Niemand achtet auf ihn. Alle sind mit ihren Gedanken bei dem, was sie gefunden haben oder vorfinden werden, am Anfang oder am Ende ihrer kurzen oder langen oder unbeschwerten oder langweiligen Reise. Für sie ist er auch nur irgendein namenloser Passagier in Zeit und Raum, der auf der Piazza vor dem Bahnhof in der Menge verschwindet.

Sobald er draußen steht, hält er inne und sieht sich um in einer Stadt, die er schon oft gesehen hat.

Hier und anderswo.

Eine Kleinstadt mit dem typischen Bahnhofspanorama: Bäume, Taxistände, Bushaltestellen, ein Brunnen, auf beiden Seiten Ladengeschäfte. Eine Eisdiele, erfrischend an Sommertagen. Hauptmerkmal dieses Bahnhofs – die erkünstelte Betriebsamkeit, wie an allen Bahnhöfen der Welt. Die Namen auf den Schildern, wo der Zug hält, wechseln, die Bühnenbilder wechseln, die Rollen der Schauspieler wechseln, nicht aber die Menschen. Man braucht höchstens ein, zwei Minuten, um herauszufinden, wer welche Rolle spielt, wenn man will. Er zuckt unmerklich die Schultern und setzt sich in Bewegung, ohne Eile, denn er muss sich an keinen Termin halten, nur an das Vorhaben, das er ausführen will. Während er die Piazza überquert, ist die Stadt sein einziges Ziel; anderntags, wenn er wieder in den Zug steigt, wird er ein stehen gebliebenes Uhrwerk hinter sich lassen. Er weiß nicht, wie schnell er gehen muss, wie er atmen oder denken wird, aber er ist sicher, dass nichts mehr so sein wird wie zuvor. Er geht davon, und auch wenn er das Tempo nicht beschleunigt und die gebeugten Schultern nicht strafft, wahrt der unscheinbare Mantel, den er trägt, seine Anonymität.

In der rechten Seitentasche dieses Mantels verbirgt der Mann, der einen Entschluss gefasst hat, eine Pistole.

1

Faultier hatte zwei Stimmen. Eine war für jedermann, er bediente sich ihrer, wenn er mit aller Welt sprach: die gute Stimme nannte er sie. Das war die Stimme, die argumentierte, Leute begrüßte, Danke und Entschuldigung sagte. Aber sie war nichts als eine wohlklingende Maske, ein Wandschirm, hinter dem er sich versteckte, wenn er unter Leute gehen musste. Und dann gab es eine andere Stimme, die ihm allein galt, die er im Inneren hörte, mit der er herumstritt und redete, als käme sie von einem unabhängigen Teil seines Gehirns. All die Jahre war es ihm gelungen, sie zu verstecken; niemand ahnte etwas von ihrer Existenz. Dies war seine ureigenste Stimme.

Es war die böse Stimme.

Diejenige, die er jetzt lautlos im Mund führte, während er Mädchen beobachtete und sich mit der Zunge über die Lippen fuhr.

Sein Wagen stand auf dem Parkplatz hinter dem Hotel. Er war zu Fuß aus dem Dunkeln und auf die baumgesäumte Allee gekommen, in der das Stadion lag. Dann hatte er sich rechts gehalten und das Hotel hinter sich gelassen. Die hellen Fensterkreuze zeichneten sich auf seiner Lederjacke ab. Gemächlich, die Augen geradeaus gerichtet, folgte er der Straße; dem Maschendraht näherte er sich erst, als er an der Feuerwache vorüber war.

Im Spritzenhaus war alles ruhig, aber es konnte jeden Moment zum Leben erwachen, möglicherweise sah auch ein gelangweilter Feuerwehrmann zufällig aus dem Fenster. Immerhin waren es trainierte Leute mit scharfen Augen. Und er wollte weder überwacht noch gesehen werden.

Nicht an diesem Ort und zu dieser Stunde.

Er überquerte die Straße erst, als er zu einem Oleanderbusch kam. An dieser Stelle ging der Drahtzaun in eine Mauer über, in der hinter der Kurve die Lieferantenzufahrt zum Stadion eingelassen war. Er bückte sich so tief, dass ihn die Sträucher auf der Grasnarbe am Straßenrand vor Blicken zufälliger Passanten oder Autofahrer schützten. Ohnehin war es nicht die richtige Jahreszeit für Spaziergänge. Und um diese Zeit saßen Autofahrer steif hinter dem Steuer, sie hatten es eilig, das Abendessen wartete. Er schlug den Kragen der Lederjacke hoch und stützte sich am Zaun ab; das Drahtgitter war mit grünem Plastik umwickelt. Mit den Fingern krallte er sich hinein wie ein Parasit an das Wirtstier. Auf der anderen Seite des Zauns lag, feucht glitzernd im Flutlicht, der hellgrüne Rasen des Spielfelds. Auf der anderen Seite befand sich die Welt, die immer wieder seine Fantasie beflügelte. Vor dem Tor, das ihm am nächsten lag, trainierte das Frauenfußballteam unter gleißenden Scheinwerfern. Fast alle hatten Joggingsachen an, einige trainierten trotz der Abendkühle in Shorts, und ihre nackten, kräftigen Waden glänzten im aufdringlichen Licht der Anzeigetafeln und Flutlichter.

Eine fiel ihm besonders auf, die ihre Kameradinnen um Haupteslänge überragte. Mit ihrem niedlichen Gesicht und den schlanken, geschmeidigen Gliedmaßen hatte sie eher die Figur eines Models als einer Sportlerin. Momentan entfernte sie sich von der Mannschaft, die der Standpauke einer wild gestikulierenden Trainerin lauschte. Sie stand ein paar Meter seitab und begann mit unglaublichem Geschick zu dribbeln, schubste den Ball von einer Schuhspitze auf die andere, zum Knie hoch und zurück zur Ferse, mit einer Beweglichkeit, die ihre Technikübung merkwürdig sinnlich erscheinen ließ, wie einen bunten Tanz im weißen Licht.

Sie war braun gebrannt, obwohl der Sommer schon weit zurücklag; Faultier vermutete, dass sie regelmäßig ins Solarium ging, um sich diesen goldenen Teint zu erhalten. Er stellte sich vor, wie sie aus den Kleidern schlüpfte und nackt auf die Sonnenbank glitt, ihre festen Brüste und den knackigen Hintern dem violetten Glimmen der UV-Lampen aussetzte.

Wieder leckte sich Faultier die Lippen. Aber das half ihm nichts, denn sein Mund war jetzt trockener als die Lippen. Schon spürte er die Ausbeulung einer Erektion in der Hose. Am liebsten wäre er jetzt in der kleinen Kabine des Solariums bei ihr gewesen, nackt und verstohlen, hätte ihr mit der bösen Stimme heiße Sprüche zugeflüstert, während er in sie eindrang. Plötzlich fiel ihm ein, dass sie vielleicht noch Jungfrau war, und das heiße Blut stieg ihm in die Schläfen. Es wäre noch geiler, sie hart ranzunehmen, rücksichtslos, wohl wissend, dass ihr der rohe Geschlechtsakt ein wenig wehtat …

Hol dir einen runter, befahl die böse Stimme.

Nicht hier, gab er murmelnd mit der guten Stimme zurück.

Er konnte es kaum erwarten, sich den Hosenschlitz zu öffnen, nach dem Schwanz zu angeln und im Rhythmus des Dribbelns zu onanieren. Aber nicht alles, was die böse Stimme sagte, durfte er tun. Er hatte schon allzu viel Ärger deshalb bekommen und lernen müssen, sich zusammenzureißen.

Zumindest ein bisschen. Zumindest in der Öffentlichkeit.

Auf dem Fußballplatz hörte das Mädchen zu dribbeln auf, als käme sie plötzlich zur Besinnung, als löse sie sich aus dem Zwiegespräch mit einem Ball, der in dieser Situation vielleicht mehr verkörperte, als er nach aller Logik sonst war. Mit einem leichten Tritt ließ sie ihn hochschnellen und fing ihn mit beiden Händen auf. Den Ball unterm Arm drehte sie Faultier den Rücken zu und kehrte zu den anderen zurück, die ihre Abwesenheit gar nicht bemerkt hatten.

Während sie sich entfernte, starrte Faultier wie hypnotisiert auf ihre Pobacken, die unter dem dünnen, weißen Stoff ihrer Shorts hüpften.

Sie hat dich bemerkt und will dich anmachen, die kleine Schlampe, schrie lautlos die böse Stimme in ihm.

Faultier war sich nicht sicher. Hatte die böse Stimme diesmal recht? Vielleicht war das junge Ding tatsächlich so versaut und durchtrieben wie eine Erwachsene. Wie eine dieser Huren, die ihn ab und zu ranließen, wenn er ausreichend Kohle auf den Tisch legte. Faultier wurde von vielen Sorgen geplagt, wenn er seine geschlechtlichen Bedürfnisse stillen wollte: Er war hässlich, notorisch knapp bei Kasse und bevorzugte gut aussehende Frauen. Sein Gesicht mit den wässrigen Glupschaugen, vorstehenden Schneidezähnen und dem nahezu fehlenden Kinn hatte ihm den Spitznamen eingebracht, mit dem er sich abschleppte wie mit dem eigenen Leichenstein. Was seine Mitmenschen betraf, so war Lucio Bertolino an dem Tag gestorben, als er im Gefängnis saß und jemand behauptet hatte, er sähe diesem Faultier mit den drei Zehen aus dem Zeichentrickfilm Ice Age ähnlich.

Als Mann war er ins Gefängnis gekommen, als Trickfigur wieder heraus.

Das hatte sein Leben nicht groß verändert, wenigstens nicht nach außen hin. Ob er nun Lucio oder Faultier hieß, nach wie vor fand er die wenigen Frauen, die er ohne Bezahlung kriegen konnte, abstoßend. Und denen, die er eigentlich begehrte, war er zuwider.

Wenn er Sex haben wollte, musste er wohl oder übel blechen. Nutten waren nun mal die einzigen Frauen, die auf seine Gelüste eingingen und ihm halfen, seine Vorstellungen auszuleben. Bertolino fand sie bei Bedarf im Internet, auf einer der zahllosen Webseiten mit appetitlichen Fotos, die dem Betrachter nackte Hintern und Brüste darboten. Manchmal auch Gesichter, die bis zur Unkenntlichkeit verpixelt waren, weshalb man trotz allem ihre Züge zu erraten versuchte, was die Erregung noch steigerte. Blutjung waren diese Mädchen, Callgirls für gehobene Ansprüche, und was sie für ihre Dienste verlangten, ging nicht selten über Faultiers Verhältnisse. Wenn er mal wieder pleite war, gab er sich mit den bunten Pornofotos auf dem Bildschirm zufrieden und masturbierte, während er seiner Fantasie freien Lauf ließ und in seinem Kopfkino mit jeder von ihnen alles Mögliche anstellte.

Falls er sich demnächst mal wieder eine bestellte, musste sie der hier ähnlich sehen, die vorhin ihren Ball mit der Fußspitze auf- und abschnellen ließ, in diesem hypnotisierenden Rhythmus, der für sich allein schon eine sexuelle Anspielung war.

Hoch, runter, hoch, runter, hoch, runter …

Er würde passende Klamotten kaufen und sie bitten, sich wie dieses Mädchen zu kostümieren, dann würde sie sich im Badezimmer ausziehen und eine Dusche nehmen müssen, wie all die Sportlerinnen nach dem Training. Und dann … Die Flutlichter auf dem Spielfeld gingen aus, gleichzeitig erlosch der innere Bildschirm, auf den er seine Lieblingsbilder projizierte. Die Frau, die sich vor ihm ausgezogen hatte, löste sich auf und zerfloss vor seinem geistigen Auge zu einem gelblichen Fleck.

Faultier blieb allein im Dunkeln zurück, wie immer.

Er blieb noch ein paar Sekunden am Zaun kleben, vor Aufregung fühlte er sich wie unter Strom gesetzt. Dann ließ er los, verzichtete auf die Deckung der Sträucher, ging über die Straße zu seinem Wagen zurück. Im Gehen überlegte er, wie er sich etwas Geld verschaffen konnte. Zurzeit war mal wieder Ebbe in der Kasse, aber ihm fiel schon etwas ein. Irgendwie kam er immer über die Runden, und das würde auch diesmal klappen. Ein Kumpel hatte ihn gerade mit ein paar Typen zusammengebracht; wenn’s nach denen ging, war mit Drogen viel Geld zu verdienen. Drogenhandel war zurzeit der Renner, und der Markt stand allen Volksschichten offen.

Gras, Koks, Heroin, Ecstasy …

Für jeden Geldbeutel und für jede Sucht gab es den garantierten Kick.

Er hatte sich aus solchen Sachen immer herausgehalten, nicht wegen irgendwelcher moralischer Bedenken, sondern einfach deshalb, weil ihm die Verbindungen zu dieser Szene fehlten. Er hielt sich mit kleinen Wohnungseinbrüchen über Wasser, Raubüberfällen auf Rentner, die vom Postschalter kamen, Taschendiebstahl und Ähnlichem. Kleine Vergehen, für die man ihm bisher kaum auf die Schliche gekommen war. Womit er die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gelenkt hatte, waren höchstens Strafanzeigen wegen Belästigung von Mädchen – Anzeigen, die im Sande verliefen, weil er fortan die Finger von ihnen ließ.

Das einzige größere Ding, das er je zu drehen versuchte, ging erwartungsgemäß schief. Vielleicht hatten sie sich damit übernommen, er und seine Freunde. Am Ende landeten sie im Kittchen, mit mehr Anklagen auf dem Kerbholz, als ein Hund Flöhe hat.

Trotzdem hätte alles wie am Schnürchen geklappt, wäre da nicht die verdammte Kurve gewesen und der verdammte Wagen …

Aber wie auch immer, im Gefängnis hatte Faultier gelernt, wie die Welt zu wuppen ist. Ein bestimmter Teil zumindest. Die echten Typen, die wissen wie der Hase läuft, hatten ihm erklärt, auf welche Weise man die fette Kohle macht. Und er hatte gelernt, dass die Justiz ein Drahtzaun mit ziemlich großen Maschen ist. Eigentlich hätte er einige Jahre mehr absitzen müssen, aber mit mildernden Umständen und einem Nachlass für gute Führung waren es schließlich nicht mal drei.

Und nun hatte er beschlossen, ernst zu machen.

Um alle Huren bezahlen zu können, die er haben wollte, und all die guten Anwälte, die er brauchen würde – solche, die es schaffen, dass man abends eingebuchtet und am anderen Morgen wieder auf freien Fuß gesetzt wird.

Inzwischen war er wieder am Hotel angekommen. Von drinnen, aus dem hell erleuchteten Foyer, hörte er Stimmen und das Scheppern von Geschirr. Vielleicht war das eine dieser Spendengalas zugunsten der Minderbemittelten, die von Rotariern, dem Lions Club oder ähnlichen Organisationen veranstaltet wurden. Reiche Leute, die im Geld schwimmen, die keinerlei Sorgen haben und vermutlich gar nicht wissen, wie das ist. Solche, die in ihren schicken, polierten Limousinen an Praia vorbeidüsen, der zweifelhaften Wohngegend, wo er zu Hause war, sich nervös umschauen und so tun, als wären sie beschäftigt, und anschließend weiterfahren zu ihren schicken Villen auf dem Hügel oder in der Altstadt.

Verdammte Schweinehunde, sagte seine böse Stimme.

Er ließ die böse Stimme die Fenster heraufziehen und seinen Zorn hinausschreien. Als er um die Ecke bog, verdrängte er, was er vor sich sah, und kehrte zu den Eindrücken von vorhin zurück. Sein wieder entfachtes Begehren überdeckte den aufkeimenden Wutanfall. Jetzt würde er heimfahren, den Rechner einschalten und sich im Internet herumtreiben, um sich ein Mädchen zu suchen, das der unbekannten Fußballerin ähnlich sah. Wenn er sie gefunden hatte, würde sich seine böse Stimme erheben, um das Mädchen auf dem Bildschirm zu kontaktieren, während er selbst wartete.

Vielleicht würde er sie sogar anrufen können, um ihre Stimme zu hören und herauszufinden, ob sie bereit war, seinen Wunschvorstellungen entgegenzukommen.

Beflügelt von dieser Idee beschleunigte er seine Schritte und erreichte den Wagen, den er in einigem Abstand zu den anderen geparkt hatte, mit der Stoßstange nah an einem Lorbeerbusch, der die Parkplatzgrenze markierte. Er kramte nach den Schlüsseln in der Jackentasche, als sich an seiner Seite die Gestalt eines Mannes aus dem Schatten löste, erkennbar nur am Flattern seines Mantelsaums. Noch bevor er sein Gesicht sehen konnte, bemerkte er, dass der Fremde ein Schießeisen in der Hand hielt.

Die tiefe Stimme ließ keine Gefühlsregung erkennen.

»Guten Abend, Bertolino.«

Instinktiv trat Faultier einen Schritt zurück.

»Wer zum Teufel …«

»Pssst!« Der Mann legte einen Finger an den Mund. »Machen Sie kein Theater und steigen Sie in Ihren Wagen.«

Während Faultier die Schlüssel hervorzog und die Tür öffnete, hielt der Mann die Mündung weiterhin auf ihn gerichtet und ging auf die Beifahrerseite. Sie stiegen ein, das Licht der Armatur fiel matt auf das Profil des Fremden. Faultier hatte einen ganzen Haufen schlechter Erinnerungen und wühlte ihn fieberhaft durch.

»Ich hab Sie schon mal gesehen – Sie sind doch …«

»Wer ich bin, spielt keine Rolle«, unterbrach ihn der Bewaffnete. »Wichtig ist nur, wer Sie sind.«

Faultier hatte nicht genug Köpfchen, um allzu viel auf einmal zu tun. Er schob die Fragen beiseite, die ihn quälten, und begann sich zu fürchten.

»Was – was wollen Sie?«

Er merkte, dass es die gute Stimme war, die sich stotternd zurückmeldete.

Mit der freien Hand deutete der Fremde vage Richtung Windschutzscheibe.

»Fahren wir ein bisschen herum. Lassen Sie den Wagen an. Schön langsam, wenn ich bitten darf!«

Als er den Zündschlüssel drehte, merkte Faultier, wie trocken seine Kehle war, und er brachte kein einziges Wort mehr heraus, mit keiner der beiden Stimmen.

2

Während sich Carlin Bonomo den Weg durchs Unterholz bahnte, war er ein bisschen sauer. Sein Sohn, der wie alle jungen Leute redete, hätte wohl »angefressen« dazu gesagt, und das träfe wohl den Nagel auf den Kopf. Wenn es so weiterging, war er die zweite Nacht in Folge vergebens herumgestrolcht. Die Saison war nun mal so, wie sie war, und die Meteorologie, von der sein Nebenjob abhing, erwies sich wieder einmal als exakte Wissenschaft. Den ganzen Sommer über hatte es kaum geregnet, Sonne und Gluthitze taten unvermindert ihre Wirkung. Daher würde es nach alter Bauernregel ein sehr gutes Weinjahr, und folglich ein beschissenes Jahr für Pilze und Trüffel werden. Carlin sah die zufriedenen Gesichter bei der Weinlese schon vor sich; aus diesen Trauben konnte mit der Zeit ein hervorragendes Produkt werden. Die Winzer rieben sich die Hände und konnten kaum abwarten, ihre Flaschen zu etikettieren, die am Ende in den Restaurants dieser Welt, in Italien, Amerika, Russland und Japan, serviert wurden.

Und er war angefressen, weil in keinem dieser Restaurants seine Trüffel aufgetischt würden, jedenfalls nicht in diesem Jahr. Das ging ihm geradezu an die Ehre, von den wirtschaftlichen Auswirkungen ganz abgesehen, obwohl die natürlich auch zählten.

Aus seiner Berufung zum Trifulau, wie man in dieser Gegend Trüffelsammler nannte, war mittlerweile ein stattlicher Nebenverdienst zu seinem Job als Fahrzeugelektriker geworden. Jahrelang hatte er in der Werkstatt gesessen, Batterien aufgeladen, durchgebrannte Scheinwerferlampen ausgetauscht und elektronische Zündungen repariert. Jeden Tag von acht Uhr morgens bis sieben Uhr abends, jeden Winter, Frühling, Sommer –, aber im Herbst, wenn die Saison begann, stieg er nachts in den Wagen, nahm Tabuj, seinen Hund mit und ging auf Tour. Er bevorzugte Gegenden, die nur er kannte, geheime, verschwiegene Stellen, wie sie jeder Trüffelsammler auf seiner ganz privaten Schatzkarte einzeichnet und nur im Schutz der Dunkelheit besucht, sonst konnte man seine Jagdgründe ja gleich mit roten Signalfähnchen abstecken und bekannt machen.

Carlin musste grinsen.

In einer Fernsehsendung hatte er mal von einem König gehört, welcher, wusste er nicht mehr, der von sich sagte, in seinem Reich gehe die Sonne nicht unter. Dafür ging in seinem herbstlichen Königreich die Sonne niemals auf. Plötzlich hörte er, wie der Hund, der ihm vorausgelaufen war, leise jaulte. Das war das Signal. Eine Art Geheimsprache, die sich mit den Jahren herausgebildet hatte, in der ihm Tabuj zu verstehen gab, dass er auf etwas Interessantes gestoßen war. Voller Hoffnung ließ Carlin die Taschenlampe aufleuchten und lief in die Richtung, von wo er den Hund winseln hörte. Carlin sah, wie er den Boden beschnüffelte und mit den Vorderpfoten scharrte. Sofort hielt er inne und wandte sich erwartungsvoll seinem Herrchen zu. Sein Fell schien vor gespannter Erwartung elektrisch geladen, als sich Carlin bückte, ihn freundlich beiseitedrängte und an der Stelle selbst vorsichtig zu graben begann.

Nach und nach stellte sich heraus, dass der Hund sich mit seiner Witterung nicht getäuscht hatte. Vorsichtig, aber entschlossen legte Carlin einen Trüffel frei. In der hohlen Hand, mit der er das Gewicht fast so genau wie eine Apothekerwaage bemessen konnte, schien er rund sechzig Gramm zu halten.

Gar nicht mal so schlecht.

Angesichts der bescheidenen Trüffelsaison sah das Exemplar ganz stattlich aus; am Ende der Wertschöpfungskette würde es einen Kilopreis von siebentausend Euro bringen. Er schlug die Knolle in Packpapier ein, das er immer bei sich trug, und legte sie behutsam in den Leinensack über der Schulter. Tabuj blickte auf und deutete ein Schwanzwedeln an. Wieder jaulte er, was diesmal aber etwas anderes bedeutete.

»Schon gut, mein Lieber, ich hab’s verstanden!«

Er holte etwas aus seiner Jackentasche, und der Hund wedelte jetzt hektischer und tänzelte ungeduldig auf den Hinterbeinen. Jedes Mal, wenn Tabuj etwas gefunden hatte, belohnte Carlin ihn mit einem Stück rohen Fleischs. Er hielt dem Hund den Leckerbissen hin, der ihn vorsichtig zwischen die Zähne nahm und gemächlich verschlang. Carlin tätschelte ihm den Kopf. Ein guter Trüffelhund war ein Vermögen wert, und wenn er so begabt war wie Tabuj, wuchs das Vermögen rasch an.

Doch auch abgesehen vom Profit hätte sich Carlin nie von seinem besten Freund getrennt, dem mittelgroßen Mischlingshund, der ihm schon erhebliche Summen eingebracht hatte. Auch hier waren nicht allein wirtschaftliche Gründe maßgebend.

Er hatte den Hund selber dressiert, geduldig, Tag für Tag, bis er so weit war wie jetzt. Sie waren zusammen hineingewachsen in das Geschäft und würden zusammen alt werden, selbst wenn der wuschelige Kerl eines Tages die scharfe Witterung verlor und Carlin nicht mehr auf seine Kosten kam.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, heißt es, aber genauso gilt, dass er nicht von Trüffeln allein leben kann.

Seufzend knipste er die Taschenlampe aus und ließ den Hund nach Lust und Laune vorauslaufen. Er wartete, bis sich seine Augen wieder an das Licht des zunehmenden Mondes gewöhnt hatten. Er legte den Kopf in den Nacken und sah über sich das gelbliche Halbrund, an dessen Anblick er sich immer freute. Mit ihren Viertel-, Voll- und Neumonden waren die Jahre fast unbemerkt verflogen.

Er dachte an eine Redensart aus dem Dialekt, in dem er sich immer noch heimisch fühlte, l’era pù nen in fanciot – er war kein Kind mehr. Demnächst würde er die kleine Reparaturwerkstatt seinem Sohn überlassen. Er war ein kluger Junge und verstand sich auf das Handwerk. Jetzt stand er bald auf eigenen Beinen. Carlin hatte sich mit der Zeit eine bescheidene Rente erarbeitet und einen Notgroschen für sich und seine Frau beiseitegelegt, falls es mal Schwierigkeiten gab. Das Haus, in dem sie wohnten, gehörte ihm, und er besaß noch zwei Ladenlokale, deren Pachteinkünfte ihm das Alter absichern würden.

Hinzu kam das Einkommen durch seinen Nebenjob, das Graben nach dem sogenannten »weißen Gold«. Es war nicht nur ein schönes Hobby, sondern sorgte auch für kurzweilige und einträgliche Nächte, da er mit zunehmendem Alter sowieso nicht mehr so ausgiebig und fest schlief wie seine Frau. Er war jetzt beim Feldweg angelangt und näherte sich einem Dickicht, überwölbt von den herabhängenden Zweigen einer Baumgruppe. Als er dort ankam, knipste er kurz die Stablampe an, um zu entscheiden, in welcher Richtung er die Suche fortsetzen sollte. Ein Aufblitzen rechts machte ihn neugierig. Er leuchtete in die Richtung, aus der es kam, und sah halb versteckt unter den Zweigen ein Auto stehen. Der Lichtreflex kam von der Heckscheibe. Hastig schaltete Carlin die Lampe aus.

Es war ein hellbeige lackierter Kleinwagen, der schon etliche Kilometer draufhaben musste; und dass er ausgerechnet hier parkte, konnte nur eins bedeuten. Der Besitzer war mit Sicherheit kein Trifulau. Ein Konkurrent hätte den Wagen nicht mitten in der Landschaft abgestellt, sondern es wie Carlin gemacht, weit entfernt von hier eine Ausbuchtung am Straßenrand gesucht, um seine Anwesenheit zu verbergen. Vielleicht war es ein Liebespärchen, das ungestört bleiben wollte? Wer sich den Luxus eines Hotelzimmers nicht leisten kann, ist auf den Schutz der Dunkelheit und beschlagener Fensterscheiben angewiesen.

Er setzte möglichst geräuschlos seinen Weg fort. Aus gutem Grund wollte er sie nicht gerade auf sich aufmerksam machen, schon um nicht für einen Voyeur gehalten zu werden. Ein Bekannter von ihm, der in einer ähnlichen Situation nach Trüffeln Ausschau gehalten hatte, sah sich plötzlich einem baumlangen Kerl gegenüber, der ihn als Spanner beschimpfte und ihm eine Tracht Prügel verabreichte. Was immer sonst noch dagegen sprechen mochte, mit einer Beule am Kopf und blauem Auge wollte er jedenfalls nicht nach Hause kommen. In diesem Moment hörte er zu seiner Linken Tabuj, der wie wild zu bellen anfing.

Wie sonderbar!

Seine Dressur hatte ihn zu einem leisen Hund gemacht, wenigstens bei der Trüffelsuche. Carlin konnte es sich selbst kaum erklären, aber der Hund wusste normalerweise, dass es besser war, sich nicht zu verraten. Der einzige Laut, den er von sich gab, war ein verhaltenes Winseln, wenn er unter der Bodendecke und dem Laub den Trüffelduft witterte. Und mit der Zeit achtete er auch nicht mehr auf Wildtiere, die ihnen bei nächtlichen Ausflügen manchmal über den Weg liefen. Jagdinstinkt gehörte nicht zu seinen angeborenen Talenten.

Carlin lief in die Richtung, aus der das Bellen kam, und blitzte ab und zu mit der Stablampe ins Dunkel, um nicht in ein Schlagloch zu stolpern.

»Pssst! Sei still!«

Er stieß den Befehl zischend hervor, als er sich dem Hund näherte, aber das Gebell ging unvermindert weiter. Als er Tabuj vor sich sah, stand das Tier unter einem Baum, bellte, drehte sich im Kreis um sich selbst und unterbrach sich nur, um auf den Hinterbeinen zu tänzeln, die Schnauze hochgereckt, als gelte seine Exaltation einer feindlichen Erscheinung, die über ihm war.

Carlin hob den Arm und leuchtete mit der Stablampe nach oben. Plötzlich wurde er schwach. Er stützte sich an den nächstgelegenen Baumstamm und fühlte seine Knie nachgeben, als hätte er keine Knochen mehr. Dann musste er aufstoßen und spürte die Magensäure in der Kehle aufsteigen. Er hatte alle Mühe, das Abendessen bei sich zu behalten, das ihm in den Eingeweiden rumorte.

Im matten Schein des Mondes und der Stablampe, mit der er in die Baumkrone zielte, baumelte dicht vor ihm die Leiche eines Mannes, der mit einem Strick um den Hals vom Ast hing.

3

Wo man bis vor Kurzem noch die Hand nicht vor den Augen sah, war die Szenerie jetzt gespenstisch erleuchtet. Die Polizei war mit Einsatzwagen angerückt und hatte Halogenfluter montiert, die alles in grelles Tageslicht tauchten. Kommissar Marco Capuzzo zündete sich eine Zigarette an. Für den Moment war er zufrieden, am Rand des Geschehens zu bleiben und sich aus dem Tohuwabohu herauszuhalten, das normalerweise am Schauplatz einer Gewalttat herrscht.

Noch war es verfrüht, von einem Verbrechen zu reden.

Während er rauchte, schlossen die Beamten von der Spurensicherung ihre Ermittlungen ab. Flüchtige Schatten im grellen Flutlicht machten sich daran, die Leiche vom Baum zu holen. Von seinem Beobachtungsposten aus war das aufgedunsene Gesicht eines Mannes zu sehen, dessen schlaff herabhängender Kiefer die Zunge und zwei Schneidezähne entblößte.

Der Kommissar wandte sich seinem Assistenten Lombardo zu, mit dem er eng zusammenarbeitete und der, ebenfalls abwartend, rechts von ihm stand.

»Wer hat ihn denn gefunden?«

Lombardo deutete mit dem Kinn zu einem der Einsatzwagen.

»Ein Trifolao

Der Kommissar musste wider Willen grinsen. Auch wenn der Name an die norditalienische Lombardei erinnerte, kam sein Assistent aus Sizilien, und nach all den Jahren, die er schon im Norden lebte, stand er mit Wörtern des Piemonteser Dialekts auf dem Kriegsfuß. Nicht, dass ihm das allzu viel ausgemacht hätte, aber Lombardos Deutung der Aussprache war für seine Umgebung ein Quell der Erheiterung.

»Er war mit dem Hund draußen und hat ihn am Baum hängen sehen. Er rief uns dann sofort auf dem Mobiltelefon an, scheint unverdächtig zu sein. Bei dem Anblick hat ihn offenbar fast der Schlag getroffen. Buzzi verhört ihn gerade.«

Capuzzo deutete auf die Leiche, die man jetzt auf eine Bahre gelegt hatte. »Wissen wir schon, wer er ist?«

»Er wurde noch nicht untersucht. Wir wollten abwarten, bis die Spurensicherung ihre Arbeit erledigt hat, bevor wir da reingehen. Damit wir den Tatort nicht kontaminieren.«

Capuzzo grinste wieder, wenn auch leicht säuerlich. Das war die Sprache der Krimiserien. Sein Assistent Lombardo sah zu viel fern. Immerhin musste der Kommissar zugeben, dass man von einer Fernsehserie manchmal mehr lernte als auf der Polizeiakademie. Er drückte die halb gerauchte Zigarette aus und verstaute sie in der leeren Packung.

Damit wir den Tatort nicht kontaminieren …

Er seufzte.

»Dann lass uns mal nachsehen, wie der arme Teufel hieß.« Sie standen vor der Leiche. Capuzzo streifte Gummihandschuhe über und bückte sich. Er glaubte, die leblos auf die Bahre hingestreckte Gestalt zu erkennen. Der Tod hatte seine Züge bereits entstellt, dafür aber nicht genug.

Er stöberte in den Taschen der Lederjacke, dann griff er in das Seitenfach.

Nichts.

»Drehen wir ihn zur Seite.«

Endlich fand er, wonach er suchte. Es war nicht ganz einfach, dem Leichnam die abgewetzte Lederbörse aus der Jeanstasche zu ziehen. Im Inneren entdeckten sie ein paar Zehneuroscheine und einen zerknitterten Führerschein. Kommissar Capuzzo faltete das Dokument auseinander und hielt es ins Scheinwerferlicht.

»Lucio Bertolino«, murmelte er, und hob am Ende fragend die Stimme.

Der Name und das faltige Gesicht sagten ihm etwas. Es hatte mit seinem Job zu tun. Im Augenblick fiel es ihm noch nicht ein, aber wenn dieser Mann etwas auf dem Kerbholz hatte, würde es nicht allzu schwer sein, in Kürze herauszufinden, wer und was er war.

Er wollte sich gerade wieder aufrichten, als ihm ein Detail ins Auge fiel. Der Hemdkragen des Mannes war fleckig. Offenbar blutete er. Er befühlte das Nackenhaar mit den Fingern und zog sie voller roter Schmiere zurück. Dann sah er sich die Leiche genauer an und entdeckte eine Platzwunde auf dem Schädel, die wohl beim Aufprall eines schweren Gegenstandes verursacht worden war. Capuzzo blickte nach oben und musterte den Ast, an dem der Mann kurz zuvor gehangen hatte. Dass er sich die Wunde selbst beigebracht hatte, schien kaum möglich. Der Erhängte hatte viel zu weit vorn am Ast gehangen, und das Seil war zu kurz, um die Annahme zu rechtfertigen, er sei beim Hin- und Herbaumeln an den Stamm gestoßen. Capuzzo erhob sich, zog die Handschuhe aus und fischte den Zigarettenstummel von vorhin aus der Packung.

Er sog den Rauch ein und stand eine Weile nachdenklich da. Wenn es stimmte, dass jeder gute Polizist einen animalischen Instinkt hat, dann hatte er jetzt die Nase am Boden, und die Sache hier stank gewaltig.

Lombardos Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. Sein Helfer hatte die ganze Zeit hinter ihm gestanden, während er den Toten untersucht hatte.

»Ein paar Hundert Meter weiter hat man einen alten Polo entdeckt. Vielleicht ist das der Wagen, mit dem er hergekommen ist. Wir haben ihn noch nicht untersucht, weil wir auf Sie warten wollten.«

Der Kommissar nickte wohlwollend.

»Gut. Lass uns den Wagen anschauen. Danach sehen wir, ob die Jungs von der Spurensicherung etwas gefunden haben. Fußabdrücke und dergleichen.«

Während sie über den Feldweg gingen, erlaubte sich Lombardo, durch das Schweigen des Kommissars ermutigt, eine Überlegung zu äußern.

»Natürlich ist es komisch, dass einer mit dem Wagen von Asti aus herausfährt, um ausgerechnet hier Selbstmord zu begehen.«

Der Kommissar ließ das einen Moment lang auf sich wirken, als wäre er unsicher, ob er sich durch eine verfrühte Einschätzung blamieren würde oder nicht.

»Ich bin gar nicht sicher, ob es der arme Kerl wirklich so brennend eilig hatte, zu sterben.«

Der Satz blieb in der Luft hängen, um Lombardo die Fortsetzung zu überlassen.

Der Assistent drehte sich um und runzelte die Stirn. Er kannte den Kommissar schon lange und wusste, dass er in der Regel keine voreiligen Schlüsse zog.

»Sie wollen damit sagen, dass …«

Der Kommissar sah ihn mit einem bitteren Lächeln an.

»Wenn Sie mich fragen, war jemand bei ihm, der – wenn der Ausdruck gestattet ist – den Selbstmord an ihm verübt hat!«

4

In seinem Büro ging Kommissar Capuzzo mit dem Polizeipräsidenten Vanni und Bertone, dem Direktor des kriminaltechnischen Labors, die Ergebnisse der Ermittlung durch. Im Augenblick sprach Bertone, ein untersetzter junger Mann, dessen schütterer Haarwuchs ihn älter erscheinen ließ, und erläuterte seine Funde.

»Auf den ersten Blick sieht es aus, als stammten die Fußabdrücke am Tatort von einem einzigen Individuum. Der Boden war aufgeweicht, und nach einer ersten Analyse schienen nur die Schuhprofile des Toten erkennbar. Sie beginnen am Wagen und reichen bis zur Baumgruppe. Trittspuren, die in die andere Richtung weisen, sind nicht vorhanden, abgesehen von denen des Mannes, der ihn gefunden hat, und seines Hundes.«

»Keinerlei weitere Spuren?«

»Keine einzige!«

Der Polizeipräsident strich sich mit den Fingern über den grauen Schnurrbart. Ein wenig verlegen blickte er zu Capuzzo hinüber, der mit verschränkten Armen und undurchdringlicher Miene an seinem Schreibtisch lehnte.

Als er spürte, dass ihn der Blick seines Chefs traf, wandte er sich ab und trat ans Fenster. Dort stand er und verfolgte stumm den um diese Zeit kaum nennenswerten Verkehr auf dem Corso XXV Aprile.

Der Polizeipräsident setzte seinen Dialog mit Bertone fort.

»Sie sind also der Meinung, dass Selbstmord immer noch die glaubwürdigste Erklärung ist.«

Was Bertone betraf, war er nicht der Typ, irgendwelche Meinungen zu vertreten, die sein Urteilsvermögen strapazierten.

»Ich sage gar nichts. Ich referiere nur, was wir am Schauplatz des …«

Er unterbrach sich, bevor er das Wort »Verbrechens« ergänzen konnte, was ein vorschnelles Urteil bedeutet hätte. »Was wir rings um die Leiche gefunden haben«, setzte er vorsichtig hinzu.

»Und was ist mit der Kopfwunde?«

»Das kann abschließend nur der Pathologe klären. Die Autopsie wird noch allerhand zutage fördern. Was uns betrifft, haben wir Hinweise darauf entdeckt, dass jemand in unmittelbarer Nähe ausgerutscht ist. Wir haben Blut und Haarreste an einem Feldstein gefunden. Vielleicht ist der Tote auf dem Weg zum Baum, an dem er sich erhängt hat, gestürzt und hat sich dabei den Kopf gestoßen.«

»Damit haben wir doch ein klares Bild. Die Selbstmordthese ist widerspruchsfrei und erscheint mir deshalb am überzeugendsten.«

Nach seiner Erfahrung traf diese Schlussfolgerung bei gewaltsamem Tod in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle zu.

Der Kommissar wandte sich um und ergriff zum ersten Mal, seit Bertone im Büro war, das Wort.

»Haben Sie nachgemessen, wie tief die Fußspuren in den Boden eingedrungen sind?«

Bertone sah den Polizeichef verlegen an, als suchte er dessen Schutz gegen eine ungerechtfertigte Anschuldigung. Dann warf er Capuzzo einen befremdeten Blick zu.

»Entschuldigen Sie, aber wozu sollte das gut sein?«

Da er offensichtlich keine Ahnung hatte, worauf der Kommissar hinauswollte, reagierte er defensiv. Capuzzo löste sich vom Fenster und wandte sich an Bertone.

»Ich habe mich lediglich danach erkundigt, wie tief die Schuhe des Toten in den Boden eingedrungen sind.«

»Ja, nun, das vermag ich nicht zu sagen. Aber ich weiß auch nicht, ob …«

Capuzzo unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

»Ich frage aus einem bestimmten Grund. Wäre da nicht die Platzwunde am Kopf, würde ich mich Ihrer Meinung unbesehen anschließen. Diese Wunde ist allerdings ein Schönheitsfehler, der mir zu schaffen macht, trotz der Spur des Ausgleitens im Schlamm, dem Blutfleck auf dem Stein und dergleichen. Das scheint mir alles ein bisschen zu glatt zusammenzupassen.«

Er hielt inne und fügte hinzu, als spräche er mit sich selbst:

»Verdächtig glatt …«

Der Polizeichef und Bertone schwiegen, während er nach Worten suchte und im Zimmer auf und ab lief, als wären die beiden gar nicht da.

»Ich stelle Ihnen mal eine andere Theorie vor, nennen Sie es meinetwegen an den Haaren herbeigezogen. Stellen wir uns mal vor, der Mann wäre gar nicht allein gewesen, sondern hätte jemanden dabeigehabt, der im Wagen saß, auf dem Beifahrersitz. Oder auf dem Rücksitz, das spielt keine Rolle. Der Wagen hält, und der gedachte Beifahrer gibt Bertolino eins über den Schädel mit dem Stein, den er mitgebracht hat, und als der andere sich nicht mehr rührt, zieht er ihm die Schuhe aus und sich selbst an. Er knotet ein Seil um dessen Hals, hievt sich den Bewusstlosen auf die Schulter und schleppt ihn zu dem Baum, wo er ihn fachmännisch erhängt. Bertolino ist ein Leichtgewicht, ihn aufzuknüpfen wäre kein Problem gewesen. Dann bewegt er sich vorsichtig in den eigenen Fußspuren rückwärts zum Wagen, holt zwei Stücke Karton oder etwas in der Art und legt sie auf dem Boden aus. Damit kann er sich nach Lust und Laune bewegen, ohne Spuren zu hinterlassen. Den Stein, mit dem er das Opfer erschlagen hat, deponiert er am Wegrand, um den Ausrutscher vorzutäuschen. Auf dieselbe Weise kehrt er zum Baum zurück und zieht dem Toten die Schuhe wieder an. Dann verlässt er, immer noch mithilfe der Kartons, den Schauplatz, ohne weitere Spuren zu hinterlassen.«

Capuzzo hob den Kopf, als bemerke er gerade, dass er Zuhörer hatte.

Stirnrunzelnd deutete er auf Bertone, der ihn entgeistert ansah.

»Wäre das nach Ihrer Meinung möglich?«

»Na ja, in der Theorie schon. Aber …«

Wieder unterbrach ihn der Kommissar. Leise und ohne den anderen zu schulmeistern, aber in seiner Haltung unbeirrt.

»Schön. Und wenn Sie das für möglich halten, warum prüfen Sie nicht nach, ob die Fußspur des Opfers im Boden einem Mann seiner Gewichtsklasse entspricht, oder ob sie die Mutmaßung rechtfertigt, dass ihn ein anderer auf dem Rücken getragen hat?«

Einen Augenblick lang sah Bertone aus wie jemand, der am Sonntagmorgen den Gottesdienst verlässt und merkt, dass er keine Kleider anhat. Dann zog er herablassend die Brauen hoch und gab sich den Anschein, als habe er es mit einem Verrückten zu tun.

»Wie Sie wünschen. Wir werden das überprüfen.«

Ohne eine Reaktion abzuwarten, ließ der Laborchef die beiden Kollegen stehen und war verschwunden. Einer der Teilnehmer dieser Besprechung hatte sich, so viel war klar, zum Narren gemacht, und wenn sich herausstellte, wer es war, wollte er nicht dabei sein.

Die Tür fiel hinter ihm zu, und ein paar Sekunden lang herrschte Stille – allerdings war das die Ruhe vor dem Sturm.

Polizeichef Arnaldo Vanni baute sich vor Kommissar Marco Capuzzo auf und sah ihm in die Augen.

»Als ich Ihnen eben zugehört habe«, räusperte er sich, »ist mir ein Gedanke gekommen.«

Der Kommissar wartete ruhig ab, was als Nächstes kam.

»Mir ist aufgefallen, dass Sie nicht der richtige Mann auf Ihrem Posten sind.«

Noch immer schwieg Capuzzo, sein Blick zeigte kaum Interesse.

Der Polizeipräsident kam endlich zur Sache.

»Sollten sich Ihre Spekulationen als richtig erweisen, sollten Sie nicht mehr als einfacher Kommissar tätig sein. Sie hätten etwas Besseres verdient. Falls es sich aber tatsächlich um ein Hirngespinst handelt, wären sie ebenfalls eine Fehlbesetzung …«

Arnaldo Vanni, der Polizeipräsident von Asti, zögerte den Rest des Satzes hinaus. Er war ein erfahrener Chef und wusste, wie er die Aufmerksamkeit seiner Untergebenen fesselt.

»Denn dann hätten Sie die besten Voraussetzungen als Drehbuchschreiber beim Film.«

Capuzzo kam nicht mehr dazu, etwas zu entgegnen. Denn im selben Moment klopfte es, und Lombardo trat ein. Er stutzte, als er den Polizeichef sah, und blieb im Türrahmen stehen. In der Hand hielt er einen Schnellhefter.

»Tut mir leid. Ich wusste nicht, dass …«

»Schon gut, Lombardo. Was gibt es?«

»Ich habe hier die Akte über Lucio Bertolino. Er ist bereits vorbestraft.«

Capuzzo streckte die Hand aus.

»Geben Sie mal her!«

Der Assistent durchquerte das Büro und übergab dem Kommissar den Hefter. Capuzzo blätterte darin und überflog den Inhalt. Dann zog er ein Blatt heraus, das er besonders gründlich studierte.

»Also deshalb wurde ich den Gedanken nicht los, dass ich ihn kenne!«

»Was wollen Sie damit sagen?«

Capuzzo hob den Blick. Er sah seinen Vorgesetzten an, aber ihm war anzumerken, dass er längst nicht mehr bei der Sache war.

»Ich wollte sagen, dass es außer der Sache mit den Fußspuren des Selbstmörders noch eine andere Merkwürdigkeit gibt, die man in diesem Fall beachten sollte.«

Ob beabsichtigt oder nicht, seine Kunstpause war viel wirkungsvoller als die des Polizeichefs vorhin.

»Es kommt nicht so sehr drauf an, wie er starb, sondern wo

5

Durch die verglaste Balkontür konnte Mario Savelli die kleine Piazza vor seinem Haus überblicken. Mit Sicherheit war die Piazza Medici eine der schönsten Ecken in der historischen Altstadt von Asti. Die anliegenden Häuser stammten alle aus derselben Epoche und waren behutsam restauriert worden, wobei die historische Aura erhalten blieb. Nirgends ein Anblick, der nicht hineingepasst hätte. Rechts vom Balkon ragte ein rot geziegelter Turm auf, der zur Wende vom dreizehnten zum vierzehnten Jahrhundert errichtet worden war und den Charakter des Viertels nachdrücklich prägte. Es gab eine Zeit in seinem Leben, da hatte er hier auf dem Balkon neben seiner Frau und seinem Sohn gestanden, um das architektonische Panorama und den Blick über die Dächer der Stadt zu genießen.

Dann hatte ihm der Krebs die Frau genommen, und was den Sohn betraf …

Er wandte sich vom Fenster ab und ging vom Fernseh- und Bibliothekszimmer, das auf den Balkon hinausging, in das benachbarte, viel geräumigere Wohnzimmer, dessen auffallendstes Möbelstück ein schwarz lackierter Steinway-Flügel war. Er zog den Klavierhocker heran und setzte sich. Einen Augenblick zögerte er, die Klappe zu öffnen, unter dem die Tasten wie in einem Schmuckkasten eng nebeneinander gebettet lagen. Er liebte den Anblick dieser elfenbeinernen und schwarzen Juwelen, aus denen, wenn man die Noten und die Technik beherrschte, jene reinste Gabe der Menschheit hervorging: die Musik.

Als er jünger war, hatte er in einer Band gespielt, einer Combo, wie man damals sagte. Dann hatte er ohne jedes Bedauern sein Musikerdasein beendet, um eine seriösere Laufbahn als Bankier zu beginnen. Er ahnte, dass ihm das Talent fehlte, um über die lokale Szene hinaus bekannt zu werden. Aber ohne jeden Unmut darüber huldigte er nach wie vor seiner Leidenschaft. Als sich die Gelegenheit bot, hatte er diesen Flügel gekauft. Und als Andenken an eine Karriere, die er selbst nie gewagt hatte, spielte er noch immer, für jeden, der ihm zuhören wollte, oder einfach für sich selbst.

Wie jetzt in diesem Moment.

Er durchlief die Tonleiter wie um zu prüfen, ob das Instrument noch gut gestimmt war, dann rückte er die Partitur der Rhapsody in Blue auf dem Notenpult zurecht. Er hob die Hände, seine Finger schwebten noch kurz über den Tasten, als es mit einem Mal an der Wohnungstür schellte.

Um dem Hausmädchen zuvorzukommen, erhob er sich und ging selbst zur Tür. Wieder schellte es. Es war ein belangloses Geräusch, normal und alltäglich. Doch als er die kräftige Statur von Kommissar Capuzzo in der Diele stehen sah, ahnte Savelli, dass dies kein Tag wie jeder andere war.

»Guten Tag, Herr Savelli.«

»Guten Tag, Herr Kommissar.«

Zwischen ihnen herrschte einen Moment lang beredtes Schweigen; diese Stille schloss all die lautstarken Worte ein, die sie vor langer Zeit gewechselt hatten.

»Ich müsste Sie kurz sprechen. Darf ich eintreten?«

»Selbstverständlich.«

Savelli trat beiseite. Der Kommissar kam in die Wohnung und sah sich unauffällig um. Alles war geblieben, wie er es im Gedächtnis hatte, seit er das Haus damals unter sehr viel schmerzlicheren Umständen betreten musste. Ein elegantes, stattliches, glanzvolles Haus, eingerichtet mit jener Hingabe, die unaufdringlichen Luxus und guten Geschmack mit Herzenswärme zu verbinden weiß.

Er streifte die Jacke ab, und Savelli hängte sie über den Bügel an der Garderobe neben der Tür. Dann folgte er seinem Gastgeber durch den Flur in das Zimmer, in dem sie schon einmal beieinandersaßen, in einer Zeit, an die man sich nicht gern erinnert. Savelli setzte sich mit dem Rücken zum Fenster in einen Ledersessel und bedeutete Capuzzo, ihm gegenüber Platz zu nehmen.

»Bitte! Machen Sie es sich bequem.«

Der Kommissar setzte sich. Er hatte nicht vor, um den heißen Brei zu reden. Er kannte den Mann, der vor ihm saß, und hielt es nicht für notwendig.

»Lucio Bertolino ist tot.«

Gegen seinen Willen verlieh er dieser Feststellung mehr Dramatik als er wollte, und achtete genauer, als ihm lieb war, auf die Reaktion seines Gegenübers.

Savelli blieb unbeeindruckt. Als hätte ihn die Nachricht nicht erst vor Stunden oder Tagen, sondern vor Jahren erreicht.

»Ich weiß. Das habe ich in den Lokalnachrichten gehört.«

Er zögerte, als wäre er unentschlossen, ob er noch etwas hinzufügen sollte. Dann aber entschied er sich dafür.

»Ich kann nicht behaupten, dass es mich traurig stimmt.«

Der Kommissar blieb ruhig. Auch wenn er es nicht offen ausgesprochen hätte, war doch unmissverständlich klar, dass der Mann nicht anders konnte.

»Wie ist er umgekommen?«

»Ein Trüffelsucher hat ihn gefunden. An einem Baum erhängt.«

»War es – Selbstmord?«

»Es sieht alles danach aus. Aber wir sind nicht hundertprozentig sicher.«

Capuzzo ließ Savelli Zeit nachzudenken. Sich klarzumachen, während er die Nachricht auskostete, dass es zumindest eine Art Gerechtigkeit war, sei es durch menschliche oder göttliche Vergeltung.

»Hat er lange gelitten?«

»Das wissen wir nicht.«

»Wenn er nicht leiden musste, fände ich es schade. Und falls er gelitten hat, dann würde ich wohl bedauern, dass er nicht noch stärker leiden musste.« Capuzzo achtete nicht auf diesen ungnädigen Nachruf; er war Schlimmeres gewohnt in seinem Beruf. So redeten Menschen, deren Trauer, ganz gleich, wie viel Zeit verstrichen sein mochte, noch kein bisschen nachgelassen hatte. Menschen, die ebenso Opfer ihrer Erinnerungen wie Opfer der Gewalt und der Umstände waren. Jetzt wechselte er das Thema und die Tonlage.

»Ich hielt es nicht für nötig, Sie aufs Polizeirevier vorzuladen, aber es war unvermeidlich, dass wir, wo auch immer, miteinander reden müssen. Das werden Sie gewiss verstehen.«

Mario Savelli nickte unmerklich. Dann fügte er überflüssigerweise hinzu: »Natürlich, dafür habe ich volles Verständnis.«

»Dann darf ich annehmen, dass es Ihnen nichts ausmacht, mir zu sagen, wo Sie gestern Nacht waren – etwa zwischen neun Uhr und Mitternacht?«

»Das ist völlig in Ordnung. Möchten Sie vielleicht einen Kaffee?«

Der Kommissar hielt den Einwurf nicht für ein Ablenkungsmanöver, mit dem Savelli für seine Antwort Zeit gewinnen wollte. Es war vielmehr ein echtes Anliegen des Gastgebers. Und tatsächlich konnte er selber jetzt gut einen Kaffee vertragen.

»Sehr gern.«

Ein asiatisches Hausmädchen tauchte auf, wie gerufen von der bloßen Erwähnung des Wortes Kaffee.

»Mach uns doch bitte zwei Espresso, Ghita.«

Dann schwiegen sie in unausgesprochenem Einverständnis, beide in ihren Gedanken versunken, bis das Hausmädchen mit einem Tablett und zwei Espressotassen wiederkam. Sie setzte das Tablett vor ihnen ab und verschwand wieder, lautlos auf ihren Stoffsandalen über das Parkett gleitend.

Als der Kommissar die Tasse hob, räusperte sich Savelli.

»Mein Tagesablauf gestern war ganz einfach. Ich bin am späten Nachmittag mit dem Zug von Turin gekommen. Es wurde, glaube ich, schon dunkel. Es hat sich manches geändert, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Ich habe inzwischen einen, wie man wohl sagt, ziemlich verantwortungsvollen Posten in meinem Kreditinstitut, mein Büro ist in Turin.«

Aus diesen Worten hörte Capuzzo keine Überheblichkeit heraus. Vielmehr lag eine winzige Spur Verbitterung darin, wie um den Schmerz eines Mannes zu verbergen, der alles verloren hat, für das sich das Weitermachen lohnt. Und der sich in die Arbeit stürzt, um die Illusion zu wahren, es gebe noch einen Sinn im Leben.

»Mir war nicht nach einem Umzug. Ich habe mich für ein Pendlerdasein entschieden. Mein Privatleben, meine Freunde, alles, woran mir etwas liegt, habe ich hier.«

Er sagte nicht, »Meine Frau und mein Sohn sind hier begraben«, aber der Kommissar konnte diesen Zusatz beinahe in den Gedanken seines Gegenübers lesen. Dann setzte Savelli seinen Bericht mit ruhiger Stimme fort, von dem beiden klar war, dass er ihn vollständig entlastete.

»Ich kam nach Hause und ging unter die Dusche. Dann habe ich eine halbe Stunde lang Klavier gespielt, wie jeden Abend.«

Beiläufig wies Savelli auf das Instrument, das man hinter der Schiebetür sah. Es war dem Kommissar schon einmal aufgefallen, bei seinem früheren Besuch. Musik bedeutete ihm wohl sehr viel, war vielleicht schon früher ein Zusammenhalt in der Familie gewesen, und jetzt erst recht eine Zuflucht vor der Einsamkeit.

»Um halb neun ging ich aus und nahm zwischen, sagen wir, viertel vor neun bis lange nach Mitternacht an einer Versammlung des Palio di San Silvestro teil. Nachdem die Sitzung aufgehoben war, nahmen wir noch einen Imbiss bei Francese ein. Wir blieben so lange, weil er uns ein paar Weine verkosten ließ. Um ehrlich zu sein, war ich auf dem Nachhauseweg etwas angeheitert. Aber nicht so betrunken, dass ich heute nicht mehr wüsste, ob ich Lucio Bertolino ermordet habe.«

Savelli nahm sich jetzt erst Zeit für seinen Kaffee. Aber kurz bevor er ihn hinunterstürzte, setzte er noch eine Bemerkung hinzu. »Auch wenn ich es wirklich gern gemacht hätte.«

Capuzzo wusste, dass Mario Savelli einsam war. Und jetzt, da ihm, egal wie, Gerechtigkeit widerfahren war, vermutlich noch mehr denn je.

»Ich kann Sie verstehen, Herr Kommissar. Dass Sie damit zu mir kommen, meine ich. Ich hatte gute Gründe, diesen Mistkerl an einem Baum aufzuknüpfen, und bei entsprechender Gelegenheit hätte ich es nicht einmal, sondern mehr als hundertmal getan.«

Er hielt inne, bis er sich wieder beruhigt hatte. So lange schon hatte er sich damit beschäftigt, dass er womöglich früher noch viel konkretere Pläne dieser Art hegte.

Dann gab sich Savelli einen Ruck und stellte die Tasse leise klirrend auf das Tablett zurück. Er versank ein Stück in seinem Sessel. Erneut sah er dem Polizisten, mit dem er jetzt wie mit einem Freund sprechen konnte, in die Augen.

»Sehen Sie, Kommissar Capuzzo, ich war immer für den Rechtsstaat. Ich habe stets das Prinzip verteidigt, dass es bei Weitem nicht so schlimm ist, wenn ein Straftäter frei herumläuft, als wenn ein einziger Unschuldiger im Gefängnis landet. Aber was wir momentan erleben, kommt mir vor wie absurdes Theater! Allen geht es nur darum, dass auf keinen Fall Kain auch nur ein Haar gekrümmt wird. Wobei sie etwas viel Wichtigeres aus den Augen verlieren.«

Nach einer Pause – kalt wie ein Grab – setzte er nach: »Gerechtigkeit für Abel.«

Der Kommissar betrachtete seine Fingernägel, bevor er zu einer Erwiderung ansetzte. »Dabei fällt mir ein, dass ich eine Kleinigkeit nachtragen muss, die in den Nachrichten vielleicht nicht erwähnt wurde. Ob es nun Zufall war oder nicht: Lucio Bertolino wurde nur wenige hundert Meter von der Kurve aufgefunden, an der Ihr Sohn vor vier Jahren verunglückt ist.«

Capuzzo war sich später nie ganz sicher, aber eine winzige Sekunde lang glaubte er, in den Augenwinkeln des anderen ein Lächeln aufblitzen zu sehen.

6

Verwirrt stand der Kommissar wenig später wieder auf der Piazza Medici. Es war die Verwirrung eines Ermittlers, der sich auf schlüpfrigem Boden bewegt.

Gestern Abend, bei der Lektüre des Vorstrafenregisters von Lucio Bertolino, war die alte Geschichte wieder aufgetaucht, diejenige, die das vorhin geführte Verhör veranlasst hatte. Der fragliche Tote war ein stadtbekannter Kleinkrimineller gewesen, der sich aber eher schäbig verhalten hatte als wirklich kriminell. All der Kleinkram mit Bewährungsstrafen, Taschendiebstählen, Anzeigen wegen Belästigung von Frauen, die sich gegen seine Anbaggerei wehrten, das alles sprach mehr für einen Charakter, den man besser mal zur Untersuchung zum Psychiater geschickt hätte als in eine Strafanstalt. Tatsächlich war er nie eines schwerwiegenden Verbrechens überführt worden, bis er eines Tages in der Liga der Profis spielen wollte und sich ein größeres Ding vornahm.

Mit zwei Komplizen, gescheiterten Existenzen vom selben Strickmuster wie er, wollte er vor vier Jahren eine Poststelle in der Umgebung von Asti ausrauben. Sie hatten zwar nur etwas Wechselgeld mitgehen lassen und die Flucht ergriffen, aber nach wenigen Kilometern hatte der Fahrer, vermutlich wegen überhöhter Geschwindigkeit, die Kontrolle über das Lenkrad verloren und eine Kurve verfehlt. Mit voller Wucht kollidierte er dann mit einem Fahrzeug, das sich auf der Gegenspur näherte.

Der Fahrer des anderen Wagens starb noch am Unfallort. Er war zwanzig Jahre alt, und sein Name war Paolo Savelli. Der Sohn des Mannes, von dem sich Capuzzo gerade verabschiedet hatte.

Sein Tod erregte damals allerhand Aufsehen, denn der Junge war ein begabter Physikstudent und galt im In- und Ausland als vielversprechendes Talent der Wissenschaft und der Kultur. Bertolino bekam ein summarisches Verfahren; seinem Anwalt gelang es, beim Einzelrichter, der für solche Verfahren ausreicht, durch einen Deal Strafmilderung herauszuschinden, so dass der Angeklagte am Ende mit unter drei Jahren davonkam. Abermals stieß der Kommissar auf das, was er als Ironie des Schicksals bezeichnete. Wäre der Kerl im Gefängnis geblieben, würde er aller Wahrscheinlichkeit nach immer noch leben. Dann dachte Capuzzo wieder an den Mann, den er vorhin befragt hatte. Er wusste nicht, ob Mario Savelli gläubig war. Wenn er nicht an göttliche Fügung glaubte, musste er immerhin zugeben, dass sich das Schicksal zuweilen der seltsamsten Zufälle bediente.

Er steckte sich eine Zigarette an und überquerte die Piazza.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Death de LYX - Grabeskühl" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen