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Death de LYX (10) – Der Unsterblichmacher

Zu diesem Buch

Eine packende Kurzgeschichte passend zu Oliver Kerns Krimis rund um die Kommissarin Kristina Reitmeier – exklusiv als E-Book:

Der Mord ist aufgeklärt, der Ehemann geständig. Wäre da nicht die zweite Blutspur. Das Blut einer vermissten Frau. Für Kommissarin Kristina Reitmeier eröffnet sich daraus ein neuer Fall, der sie zu einem Maler führt. Ein Genie, sagt die Kunstszene. Und womöglich ein Mörder, der sich darauf versteht, seine Geliebten unsterblich zu machen.

1

Freitag

»Wie war dein Tag?«

Er begann mit einem Mord.

»Gut«, antwortete sie.

Weil der Ehemann schon gestanden hat.

»Dein Vater hat Angina«, berichtete ihre Mutter.

»Das ist das Wetter«, sagte Kristina. »Richte ihm gute Besserung aus!«

»Willst du schon wieder auflegen?«

Kristina seufzte und schloss die Augen. Warum nur machte sie ihr immer ein schlechtes Gewissen?

Regen trommelte gegen die Fensterscheibe. Das Teewasser kochte. Sie erhob sich vom Küchentisch und schlurfte die zwei Schritte hinüber zur Anrichte. Die Müdigkeit drückte ihr gegen die Augenlider. Auf der mattierten Edelstahleinfassung der Dunstabzugshaube entdeckte sie Schlieren und Fingerabdrücke, die für Sekunden ihre Aufmerksamkeit beanspruchten. Das Ding war nicht sauber zu bekommen, egal womit sie es versuchte. Dann entsann sie sich wieder ihrer Mutter, die vierhundertfünfzig Kilometer südöstlich von Kristina am Hörer hing.

»Nein. Ich hab nur nicht viel zu erzählen«, erklärte sie, das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt. Froh darüber, sich die verfängliche Frage über die effektivste Methode der Edelstahlflächenreinigung verkniffen zu haben.

Kristina übergoss den Teebeutel, während sie weiter den Worten ihrer Mutter lauschte, ohne deren Inhalt aufzunehmen. Salbeiduft drang ihr in die Nase. Sie hoffte, das Kratzen im Hals damit unter Kontrolle zu bekommen. Das übliche Vorzeichen, wenn sich bei ihr eine Erkältung anbahnte.

Ihre Mutter berichtete von dem Zwist, den sie mit der Nachbarin hatte. Wie jeden Herbst, wenn die Blätter vom Nachbargrundstück die Dachrinne am Garagenanbau verstopften. Eine Episode, die sich jährlich wiederholte, weshalb Kristina nicht zuhören musste und die Jas und Ahas automatisch über ihre Lippen kamen. Ihre Gedanken wanderten von Angina, Dachrinnenverschlüssen und pflegeintensiven Einbauküchen hin zu dem Mordfall, in dem sie seit dem Morgen zu ermitteln hatte. Zu der Frau, die sie mit aufgeschnittener Kehle vorgefunden hatten.

Der Ehemann selbst hatte die Polizei gerufen. In das teure Haus mit den lichten Räumen und dem traumhaften Blick über die Weinberge, selbst wenn diese im Laufe des Vormittags im Regen versunken waren. Kristina schloss die Augen und wanderte im Geist noch einmal durch die großzügigen Räume mit den weißen Wänden, die im Schlafzimmer mit Blut bespritzt waren, das so rot leuchtete wie das abstrakte Gemälde, das über dem Bett hing.

Mord im Affekt.

Nach einem Ehestreit, weil der Gatte, ein gewisser Hans-Peter Bissinger, herausgefunden hatte, dass seine Frau Désirée ihn betrogen hatte.

Hans-Peter und Désirée. Ein ungleiches Paar.

Warum dachte Kristina das? Nur weil die Frau so attraktiv gewesen war und er eher unscheinbar, beinahe gedrungen? Er war jedoch mit schneidender Intelligenz gesegnet. Ein Diplom-Ingenieur und Erfinder. Eine Stütze für den Industriestandort Baden-Württemberg.

Bissinger würde sich mit Sicherheit einen der renommierten Topanwälte leisten können. Einen schmallippigen Verteidiger, der auf Affekthandlung plädierte und wegen des reumütigen Geständnisses, das sein Mandant unmittelbar nach der Tat abgelegt hatte, auf angemessene Strafmilderung. Bei guter Führung und wenn sich der Prozess so entwickelte, wie Kristina befürchtete, war der Ehemann nach drei Jahren wieder draußen. Zumal der Mann ein Unternehmen führte, das rund vierhundert Mitarbeiter beschäftigte. Vielleicht litt sein Ruf darunter, und die Aufträge für seine Firma gingen möglicherweise zurück. Doch Bissinger war Vorstand eines gesunden, Metall verarbeitenden Zulieferbetriebs für die großen Autokonzerne in der Region. Er und sein Unternehmen würden diese Krise überstehen, davon ging Kristina aus.

Bei einer Scheidung hingegen hätte er sein halbes Vermögen verloren. Und sehr wahrscheinlich seinen Job und damit die Firma, die seine Frau mit in die Ehe gebracht hatte. Das musste Kristina berücksichtigen. Vor allem, weil die Messerattacke, die Désirée Bissinger das Leben gekostet hatte, sauber und präzise ausgeführt worden war. So wie man es von einem Diplom-Ingenieur erwarten konnte. Kein wütendes, wiederholtes Einstechen. Nur ein exakter Schnitt. Mit Schwung und doch gezielt. Darin war weder Wut noch Verzweiflung zu erkennen.

»Jetzt sag doch auch mal was!«, verlangte ihre Mutter.

»Du hast völlig recht«, antwortete Kristina, ohne dass sie wusste, worum es ging.

»Das hätte dein Vater hören sollen.«

»Ich spreche ihn beim nächsten Mal drauf an«, versprach Kristina und verabschiedete sich.

Ich bin eine schlechte Tochter.

Sie trat ans Fenster und sah hinaus in die graue Dämmerung. Das Herbstlaub an den Bäumen glänzte nass im Schein der Straßenlaternen. Das Jahr neigte sich dem Ende zu, und sie hatte immer noch keinen Urlaub genommen. Dafür gefühlt eine Million Überstunden. Sie könnte in die Sonne fliegen, die sich hier ohnehin für die nächsten sechs Monate verabschiedete. Einfach mal weg. Die Seele baumeln lassen. Drei, vier Wochen am Stück.

Nach dem schnellen Geständnis könnte sie den Bericht für die Staatsanwaltschaft bis zum nächsten Tag abschließen. Sonst stand nichts Brisantes an. Es gab keinen triftigen Grund, die längst überfällige Erholung hinauszuschieben.

Ich sträube mich dagegen, weil ich mich allein in den Flieger setzen müsste.

Vor Kurzem hatte sie sich ein paar Pauschalangebote für Singlereisen angesehen. Nichts davon hatte sie angesprochen. Sie war noch nie allein im Urlaub gewesen. Die Trennung von Kai, ihrem langjährigen Lebensgefährten, lag nun beinahe ein Jahr zurück. Sie musste sich damit abfinden. Sollte sie verreisen wollen, dann eben allein.

Das Telefon riss Kristina aus den Überlegungen.

»Schon Feierabend?«, fragte Sampo Hietaniemi, der Chef der Kriminaltechnik.

Ein guter Freund, der genauso einsam war. Nein, das war nur eine Vermutung. In letzter Zeit hegte sie den Verdacht, dass sich der Finne mit jemandem traf. Womöglich hatte er seinen Urlaub schon gebucht und würde ihn nicht nur mit sich selbst verbringen. Neid flammte auf, und augenblicklich schämte sie sich dafür.

»Seid ihr fertig mit der Wohnung?«

Bevor er antworten konnte, überfiel sie eine ungute Ahnung. Es war doch alles klar, die Faktenlage eindeutig. Warum rief Sampo an?

»Ich bin da über was gestolpert«, sagte er in einem ernsten Tonfall, der nicht zu überhören war.

Kristina setzte sich auf den Küchenstuhl. Nippte am Tee, der bitter schmeckte. Sie hatte ihn zu lange ziehen lassen.

»… noch mehr Blut.«

Ein Rauschen in der Verbindung hatte den ersten Teil des Satzes in ein unverständliches Zischen zerhackt, als befände sich Sampo am Rand eines Funklochs, dem er so gerade entwischt war.

»Kannst du das wiederholen?«

Sie rief sich das Bild des Tatorts vor Augen. Wegen der durchtrennten Halsschlagader war das Blut des Opfers im hohen Bogen gegen Wände und Möbel gespritzt. Solange das sterbende Herz dazu fähig gewesen war, das Leben aus Désirée Bissinger hinauszupumpen.

»… eine zweite Blutspur, die nicht Frau Bissinger zuzuordnen ist«, sagte Sampo. »Auf dem Gemälde, das über dem Bett hängt.«

Das verwirrte Kristina.

»Das ist noch nicht alles«, fügte Sampo hinzu. »Wir haben dazu was in den Akten.«

»Du weißt, von wem das fremde Blut stammt?«

Wieder entstand eine Pause. Kristina drückte den Hörer noch fester ans Ohr.

»Von einer Frau. Andrea Sailer. Die wurde vor ziemlich genau zwei Jahren als vermisst gemeldet. Wir haben damals nur ihr Auto gefunden.«

Eine Ermittlung, die mangels ausreichenden Verdachts nicht auf ihrem Schreibtisch gelandet war.

»Weshalb haben wir ihre DNA im Computer?« Kristina versuchte, sich an den Fall zu erinnern, aber Sampo war schneller als ihr Gedächtnis.

»An der Seitenscheibe der Fahrertür waren eine blutige Schliere, ein paar Haare und Hautgewebe, was vermuten ließ, dass jemand den Kopf der Frau gegen das Fenster geschlagen hat. Deshalb haben wir einen DNA-Abgleich gemacht.«

»Und es gibt keinen Zweifel?«

»Nein«, beteuerte Sampo. »Die zweite Blutspur am Tatort stammt eindeutig von Andrea Sailer.«

Kristina bedankte sich und trennte die Verbindung. In ihrem Gedächtnis suchte sie nach dem Bild der vermissten Frau, von der es nie wieder ein Lebenszeichen gegeben hatte. Bis zum heutigen Tag. Und urplötzlich meldete sich Andrea Sailer zurück. Auf makabere Weise, aus dem Schlafzimmer eines angesehenen Mittelständlers, der seine Frau aus Eifersucht ermordet hatte.

Der Urlaub war vergessen.

2

Samstag

Das Kratzen im Hals war schlimmer geworden. Die Erkältung hockte wie eine dicke Kröte hinter Kristinas Stirn, bereit, Schleim abzusondern. Noch verharrte sie lauernd, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie durch Kristinas Nasennebenhöhlen kriechen und alles verstopfen würde.

Im Besprechungszimmer war es kalt. Oder es kam ihr nur so vor. Ines Mehnert, die Dezernatssekretärin, hatte wahrscheinlich gelüftet, nachdem Kristina sie gebeten hatte, das Team einzubestellen und für Kaffee und Laugenbrezeln zu sorgen. Obwohl Samstag war, waren alle ohne Nörgeln angetreten. Kristina hatte noch nichts über die neue Entwicklung im Fall Bissinger verraten. Sie wollte auf Sampo warten, weshalb die ungeduldigen Blicke der anderen auf ihr ruhten. Vor dem Fenster rüttelte der Wind an den nun kargen Ästen. Über Nacht war das gelbbraune Blattwerk verschwunden. Der Regen hielt an und raubte dem Herbst sein farbenprächtiges Gewand.

Die Tür öffnete sich, und alle wandten die Köpfe. Daniel Wolf betrat schwungvoll das Besprechungszimmer. Er grüßte mit einem spitzbübischen Grinsen, das wohl als Entschuldigung für sein Zuspätkommen herhalten sollte. Kristina behielt sich vor, einen Kommentar abzugeben. Sie war es gewesen, die ihn in die Abteilung geholt hatte, obwohl sie genau über seine Unzulänglichkeiten Bescheid wusste. Deshalb konnte sie sich über sein gelegentlich unangebrachtes Verhalten auch nicht ständig beschweren. Sie gerieten oft genug aneinander.

Daniel setzte sich und sah erwartungsvoll in die Runde. An dem ovalen Holztisch saßen Kommissaranwärterin Sonja Lachenmeier, Kriminalkommissar Diego Carvaja und Ines Mehnert, die den Laptop vor sich aufgeklappt hatte und an einer Brezel knabberte.

Sampo komplettierte die Runde nach weiteren drei Minuten. Der Kriminaltechniker legte den Aktenordner vor sich auf den Tisch und schenkte sich Kaffee ein. Erst dann richtete er den Blick der eisblauen Augen auf Kristina. Sie nickte, und Sampo zog ein Foto aus der Akte und hielt es hoch.

»Andrea Sailer, vermisst seit dem 28. Oktober 2012. Rückstände ihres Bluts haben wir im Schlafzimmer des Ehepaars Bissinger gefunden.«

Zwei knappe Sätze, die das Besprechungszimmer mit erstauntem Raunen füllten.

»Wir nehmen uns im Anschluss den Tatort noch einmal vor, um diese neue Spur genau einzugrenzen und die tatsächliche Blutmenge zu bestimmen«, fuhr Sampo fort, nachdem sich alle beruhigt hatten. »Ich hoffe, danach ein deutlicheres Bild aufzeigen zu können.«

»Gut«, übernahm Kristina, »Daniel und ich befragen Bissinger zu Andrea Sailer. Sonja und Dirk, ihr lasst euch die Akte der Frau von der Vermisstenstelle kommen und geht sie durch. Vielleicht findet sich eine Verbindung zu den Bissingers, die bislang keine Beachtung gefunden hat. Diego, du informierst den Staatsanwalt. Nachdem gestern die Ermittlungen augenscheinlich abgeschlossen schienen, wird er wegen der neuen Indizien mit der Anklageschrift wohl noch warten müssen. Was nicht weiter schlimm sein dürfte, vor Montag wäre ohnehin nichts passiert.«

Für Prognosen und Spekulationen war es noch zu früh, deshalb löste Kristina die Runde auf, nachdem die grundlegenden Fragen geklärt waren.

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