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Dead Shot

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autoren
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Kapitel eins
  6. Kapitel zwei
  7. Kapitel drei
  8. Kapitel vier
  9. Kapitel fünf
  10. Kapitel sechs
  11. Kapitel sieben
  12. Kapitel acht
  13. Kapitel neun
  14. Kapitel zehn
  15. Kapitel elf
  16. Kapitel zwölf
  17. Kapitel dreizehn
  18. Kapitel vierzehn
  19. Kapitel fünfzehn
  20. Kapitel sechzehn
  21. Kapitel siebzehn
  22. Kapitel achtzehn
  23. Kapitel neunzehn
  24. Kapitel zwanzig
  25. Kapitel einundzwanzig
  26. Kapitel zweiundzwanzig
  27. Kapitel dreiundzwanzig
  28. Kapitel vierundzwanzig
  29. Kapitel fünfundzwanzig
  30. Kapitel sechsundzwanzig
  31. Kapitel siebenundzwanzig
  32. Kapitel neunundzwanzig
  33. Kapitel dreißig
  34. Epilog

Über die Autoren

Jack Coughlin diente als Scharfschütze bei den Marines und erlebte Einsätze in verschiedenen internationalen Krisenherden. Sein Co-Autor Donald A. Davis schreibt bereits seit vielen Jahren Bücher, darunter sieben New-York-Times-Bestseller.

Kapitel eins

Die Grüne Zone
Bagdad, Irak

Es war nur eine Frage des Abwartens. Juba war gut im Warten. Geduld gehörte für ihn zum Handwerkszeug, wie für alle Scharfschützen. Die irakische Wüstensonne briet ihn und dörrte ihn aus, und dennoch blieb seine Seele gefasst. Ruhe und Trost bezog er aus den Anweisungen seiner zwei Väter und dem sicheren Wissen, dass die Jagd begonnen hatte. Erneut war er das Schwert des Propheten. Gott ist groß!, flüsterte er und fühlte sich gleich schuldig, da er das Gelübde gebrochen und die Worte der Lobpreisung ausgesprochen hatte.

Seit drei Tagen hockte er nun schon in dem Loch. In der größten Hitze des glühenden Nachmittags boten nur einige Büsche etwas Schatten. Gesicht und Nacken waren verbrannt von der Sonne. Seine Rationen teilte er sich genau ein und aß und trank nur gerade so viel, um am Leben zu bleiben. Die letzte Schokolade seiner Marschverpflegung hatte er gegessen, am Vortag den Rest Wasser aus den Feldflaschen getrunken. Er hatte Hunger. Der Durst riss an seiner Kehle. Gut so.

Während der ganzen Zeit waren keine fünfzig Meter entfernt immer wieder Fahrzeuge am Versteck vorbeigefahren. Gelegentlich war in der Ferne eine Detonation zu hören gewesen. Jeden Morgen fuhr eine amerikanische Patrouille vorbei und wirbelte Staubwolken auf. Wenn er gewollt hätte, hätte er jederzeit Hilfe bekommen können. Aber er wollte es nicht.

Als am vierten Morgen nach Sonnenaufgang die Temperatur erneut anstieg, sah er in der Ferne die Staubwolken der herannahenden Patrouille. Kein Wunder, dass man die Amerikaner so einfach aus dem Hinterhalt überfallen konnte. Er kroch aus seinem Versteck, verwischte die Spuren seines Aufenthalts mit Zweigen eines Buschs und taumelte zur Straße. Inzwischen war das Fahrzeug mit bloßem Auge auszumachen, und das bedeutete, dass die Soldaten ihn inzwischen auch sahen: einen schwankenden Soldaten, allein in der Wüste.

Er nahm die Hände hoch, als wollte er sich ergeben, und wartete auf das erste Bradley Fighting Vehicle, dessen Kaliber-.50-Maschinengewehr in der Sonne aufblitzte. Dann brach er zusammen. Ein Leutnant der 1. US Cavalry Division erkannte sofort das Tarnmuster der Uniform und das abgetragene Barett des britischen Soldaten und sprang vom Schützenpanzer, um zu helfen. Zwei Mann zogen den bewusstlosen Mann in den Schatten des großen Fahrzeugs.

Der Schweiß lief ihm über das staubige Gesicht, Dreck klebte an der verschmutzten Uniform. Als die Soldaten ihm ein wenig Wasser in den Mund träufelten, griff der Mann gierig nach der Feldflasche. Der Amerikaner zog sie jedoch zurück. »Langsam, Junge. Einen Schluck nach dem anderen. Du bist bald wieder okay.« Er bot ihm noch einen Schluck an. Ein Sanitäter verteilte eine kühlende Salbe auf dem sonnenverbrannten Gesicht, dem roten Nacken und den Händen.

Juba antwortete langsam mit britischem Akzent und erklärte stockend, sein Scharfschützenteam sei vor etwa einer Woche entdeckt und sein Assistent im nachfolgenden Kampf getötet worden. Daraufhin sei er den Aufständischen entkommen, habe an diesem Tag die Straße gefunden und sei endlos lange gelaufen, da er hoffte, dass die Alliierten ihn noch vor den Aufständischen finden würden. Die Amerikaner bemerkten indes nicht, dass der erschöpfte Mann sowohl die Uniform als auch das Gewehr einem britischen Soldaten abgenommen hatte, den er außerhalb von Basra getötet hatte.

Als ein Hubschrauber eintraf, konnte Juba schon wieder aus eigener Kraft stehen, bedankte sich bei den amerikanischen Soldaten und kletterte in die Maschine. Dreißig Minuten später setzte der Helikopter auf der Landefläche eines Militärhospitals innerhalb der Grünen Zone Bagdads auf. Dort warteten schon Sanitäter mit einer Trage, aber Juba bedeutete den Männern, dass er lieber gehen wolle. Man führte ihn in einen kühlen Korridor und schließlich in einen großen klimatisierten Raum, in dem andere Soldaten auf Pritschen lagen. Eine Krankenschwester half ihm aus der Uniformjacke und legte einen Tropf an, damit der dehydrierte Körper langsam und gleichmäßig mit Nährlösung versorgt wurde. Juba war so lange in der Hitze gewesen, dass ihm aufgrund der kühlen Flüssigkeit, die direkt in seine Venen lief, und der Klimaanlage fröstelte. Er begann zu zittern, als sei ihm furchtbar kalt. Die Krankenschwester stufte die Reaktion als normal ein und legte dem Patienten gerade eine Decke um die Schultern, als ein Arzt hinzutrat, um nach ihm zu sehen. Diagnostiziert wurden körperliche Erschöpfung, starker Sonnenbrand und Dehydrierung, aber keine äußeren Verletzungen. Juba streckte sich lang auf der Pritsche aus und genoss die kurze Ruhepause in der klimatisierten Luft.

Als der Tropf allmählich aufgebraucht war, trat ein höflicher US Intelligence Captain an Jubas Pritsche. Er hatte die britischen Kommandeure bereits wissen lassen, dass ihr Mann gerettet worden war. »Die glaubten, Sie wären tot«, sagte der Captain und nahm auf einem Stuhl Platz. Er fand, dass der Mann furchtbar aussah. »Also, was ist dort draußen passiert, Sergeant?«

Der Offizier machte sich ein paar Notizen, während Juba noch einmal von dem Auftrag erzählte, der schiefgelaufen war. »Tut mir leid, das mit Ihrem Kollegen«, sagte der Amerikaner und steckte das Notizbuch wieder ein. »Verdammter Mist.«

»Gehört eben zum Job.« Juba seufzte und legte den Kopf wieder auf das grüne Laken der Metallpritsche.

»Ihre Instruktionen lauten, dass Sie sich ausruhen sollen und erst dann zu Ihrer Einheit zurückkehren, wenn Sie gesundheitlich wiederhergestellt sind«, erklärte der Captain.

Der viel beschäftigte uniformierte Arzt kam noch einmal kurz zu Juba, untersuchte ihn und zog die Kanüle aus der Armbeuge. »Ihr Entlassungsschein ist schon unterschrieben, Sergeant«, sagte er. »Sie sind bald wieder fit, werden aber hier und da noch ein paar Schmerzen haben, nicht zuletzt wegen des Sonnenbrands. Trinken Sie viel und essen Sie ordentlich. Hier ist noch etwas Salbe gegen den Sonnenbrand. Wenn Sie noch mehr davon brauchen, dann kommen Sie einfach zur Medikamentenausgabe. Möchten Sie für heute Abend noch ein Schlafmittel?«

»Nein, Sir. Ich habe schon Schlimmeres durchgemacht.«

»Also gut. Dann dürfen Sie jetzt gehen. Viel Glück.«

Der Intelligence Officer hatte unterdessen gewartet. »Kommen Sie mit, Sergeant. Ich bringe Sie zur Kantine und besorge Ihnen für heute Nacht ein Bett in unserem Gästehaus. Sie ruhen sich aus und melden sich dann bei Ihrem Hauptquartier. In der Zwischenzeit sind Sie Gast auf Uncle Sams Kosten.«

Juba richtete sich auf der Pritsche auf, stand langsam auf und reckte sich. Sein Körper war schlank und muskulös. Er zog die Uniformjacke an. »Danke, Sir, aber ich habe da meine eigenen Pläne. Ich nehme mir ein Hotelzimmer, plündere die Minibar, werde lange duschen, etwas Anständiges essen und dann zwei Tage lang schlafen.«

»Verstehe«, sagte der Offizier. »Ich habe alles notiert, was ich wissen musste. Passen Sie auf sich auf.« Er brachte Juba zu den Duschräumen, wo der Scharfschütze sich in einer Kabine einschloss und die Hose herunterließ. Aus einer Plastikfolie, die genau über seinem rechten Stiefel gesteckt hatte, holte er Dokumente hervor und schob diese nun in seine Hemdtasche. Dann verließ er die Kabine, unterschrieb an der behelfsmäßigen Waffenausgabe einen Zettel, nahm sein Gewehr entgegen und verließ das Hospital. Er war wieder auf der Jagd. Und dem Ziel näher als zuvor.

Beim Überqueren des Militärgebiets in der Grünen Zone ließ er sich Zeit und hielt auf das neue Nineveh Hotel zu: ein Fünfsterneluxuspalast mit vierhundert Zimmern, der Sicherheit gewährte. Zur opulenten Ausstattung gehörten auch ein Schwimmbad, ein Feinschmeckerrestaurant und andere luxuriöse Angebote für ausländische Besucher, Diplomaten und Geschäftsreisende. Mit dem charakteristischen schlanken Turm und den Kommunikationssystemen auf dem Dach gehörte das Hotel zu den höchsten Gebäuden Bagdads.

Auf den ersten Blick unterschied sich die Hauptstadt des Irak kaum von den anderen Metropolen des Mittleren Ostens, aber selbst das geschäftige Treiben in den Straßen und die rege Handelstätigkeit konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Bagdad nach wie vor eine militärisch kontrollierte Stadt war. Daher kam es dem Concierge an der Hotelrezeption keineswegs eigenartig vor, als Juba ihm die Papiere reichte, die er in der Plastikhülle aufbewahrt hatte. Die Dokumente ermöglichten Juba freien Zugang zu der Suite im zwölften Stock für eine nicht näher spezifizierte »notwendige militärische Maßnahme«. In der besetzten Stadt öffnete dieser Code einem Tür und Tor. Der Concierge führte den Soldaten zu der gewünschten Suite und scherzte während der Fahrt im Aufzug, dass die Lage sich doch allmählich stabilisierte. Leise unaufdringliche Musik dudelte aus dem Lautsprecher.

Juba bedankte sich, schloss dann die Zimmertür hinter sich ab und entledigte sich des Gepäcks und seiner Kleidung. Er duschte ausgiebig, rasierte sich, säuberte die Uniform und zog sie wieder an. Danach nahm er drei Kissen vom Bett, stapelte sie auf dem kleinen Esstisch in der Mitte der Suite übereinander und legte zuletzt seinen Rucksack obendrauf, um einen sicheren Halt für das lange Gewehr zu haben. Auf allen vieren kroch er schließlich zu der Schiebetür aus Glas, die zum Balkon führte, und schob sie knapp fünfzehn Zentimeter auf. Genauso vorsichtig kroch er wieder zurück zum Tisch, stand auf und blickte hinaus auf die Rasenflächen vor dem Hotel, die dank der Bewässerungsanlagen ein sattes Grün aufwiesen.

Juba griff nach seinem L115A1 Gewehr mit großer Reichweite, hergestellt von der britischen Firma Accuracy International: die Standardwaffe eines britischen Scharfschützen. Es feuerte.338-Kaliber-Lapua-Magnum-Patronen ab, die auf eine Entfernung von bis zu eintausendeinhundert Metern ins Ziel trafen. Zur Ausstattung gehörten noch ein Killflash-Schalldämpfer an der Gewehrmündung und eine zweibeinige Stütze. Vor zwei Tagen erst hatte er die Waffe im Einsatz überstrapaziert, war aber zuversichtlich, dass sie der heutigen Aufgabe gewachsen war. Von der gegenwärtigen Position aus konnte Juba die Welt dort draußen genau beobachten, doch niemand in der Stadt konnte ihn sehen, da er weit genug von der Fensterfront entfernt stand.

Das Standard-Zielfernrohr PM II von Schmidt & Bender hatte Juba gegen die bessere, von den Deutschen bevorzugte Alternative der Firma Zeiss getauscht und beobachtete nun die Fußgänger unten auf den Gehwegen. Ein Wolf, der eine Herde Schafe im Blick hatte. Die Passanten dort unten wurden durch die klare Optik erstaunlich stark vergrößert. Jubas erstes potenzielles Ziel, das in die Todeszone des Gewehrs kam, war ein Zivilist, der ein schrilles Hawaiihemd und eine beigefarbene Hose trug. Zu einfach: ein ausländischer Bauunternehmer, der keine Bedeutung hatte. Es war ohnehin nicht Jubas Auftrag, wahllos Amerikaner zu töten. Er wartete auf den Mann mit dem Geheimnis. Früher oder später würde er dort unten auftauchen, sofern Jubas geheime Informationen korrekt waren. Juba würde wieder warten. Das Abwarten war für ihn nie ein Problem gewesen.

Er legte das Gewehr zur Seite, setzte sich in einen weichen Sessel, blätterte in der englischsprachigen Zeitung, die im Hotelzimmer auslag, und schaute bei den Fußballergebnissen nach, ob Manchester United gewonnen hatte.

Aus einer PET-Flasche trank er kühles Wasser. Die Klimaanlage der Suite kämpfte gegen die sengend heiße Luft an, die durch den Spalt in der Balkontür hereinwehte. Der in die Wand eingelassene Plasmabildschirm der TV-Anlage war eingeschaltet, und Juba stellte das Gerät über die Fernbedienung etwas lauter. Nachrichtensprecher berichteten über die für kommende Woche geplante königliche Hochzeit in London und maßen dem Event von Tag zu Tag größere Bedeutung bei. Die Hochzeit des Prinzen und seiner Freundin am bevorstehenden Dienstag wurde zum wichtigsten Ereignis auf der ganzen Welt hochstilisiert. Millionen Menschen würden an den Bildschirmen zuschauen. Da Juba britischer Staatsangehöriger war, erinnerte er sich lebhaft an die Geschichten über die ruhmreichen Tage der Monarchie, an Geschichten, die ihm während der Studienzeit und auch später beim Militär – als Soldat, der die Krone verteidigte – eingebläut worden waren.

Juba war knapp ein Meter achtzig groß und trotz seiner fünfundachtzig Kilo schlank. Er hatte das blonde Haar seiner britischen Mutter und die dunklen Augen seines arabischen Vaters. Seine Haut war etwas dunkler als die der meisten Briten und erinnerte mehr an die Sommerbräune der kalifornischen Surfer, zumal Juba durch die Arbeit in der Wüste noch dunkler erschien. Mit seiner äußeren Erscheinung gelang es ihm leicht, sich in der Welt zwischen Christen und Muslimen zu bewegen. Juba konnte in jede erdenkliche Rolle schlüpfen, und im Verlauf der letzten Tage hatte er erneut beschlossen, ein Scharfschütze der britischen Armee zu sein. Dies war seine beste Verkleidung, denn einst hatte man ihm das begehrte Scharfschützen-Abzeichen verliehen: zwei gekreuzte Gewehre mit einem S zwischen den Läufen.

Nachdem er die Sportseiten der Zeitung studiert hatte, ging er wieder zum Tisch, spähte durch das Zielfernrohr und beobachtete das nächste potenzielle Opfer: einen Soldaten, der trotz der Mittagshitze einen Helm und eine Splitterschutzweste trug. Die Internationale Zone, in der auch die US Botschaft lag, zählte einst zu den sichersten Orten im Irak. Zu Beginn hatte man den Bereich die Grüne Zone genannt, und obwohl die Bürokraten die Bezeichnung geändert hatten, um zu unterstreichen, dass der Golfkrieg von vielen Nationen mitgetragen worden war, blieb der Name »Grüne Zone« in den Köpfen. Der Soldat dort unten führte Juba in Versuchung, da er es immer schon als Herausforderung betrachtet hatte, eine Kugel genau zwischen die Keramikplatten der Weste zu platzieren. Aber das war nicht sein Auftrag. Sollte der Soldat ruhig weitergehen.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang tauchten vier Soldaten in voller Kampfmontur auf und eskortierten einen kleineren Mann zu einem Gebäude, das die Golfkriegskoalition zu ihrem Hauptquartier ernannt hatte. Dort sollte das erste formelle Verhör stattfinden. Der Soldat, der vorne links ging, redete und machte scharfe Bewegungen mit einer Hand; vermutlich ein Offizier, der die Gefangenenüberführung leitete. Doch der kleine Mann war kein Gefangener, sondern ein wertvoller Gast der Koalition. Am Vortag war er in Bagdad eingetroffen und hatte das Geheimnis bei sich, allerdings nur in seinem Gedächtnis. Der irakische Physiker beabsichtigte, die Information an die Amerikaner und Briten weiterzuleiten, aber bei der Flucht aus dem Labor im Iran hatte er zu viele Fehler gemacht. Sein größter Fehler war gewesen, den Mitarbeitern zu vertrauen. Seither hatten sie jeden Schritt des Überläufers überwachen lassen. Dann war Juba ins Spiel gekommen.

Der Verräter durfte den Verhörraum nicht lebend erreichen. Juba schmiegte seine Wange an den kühlen Kolben und strich mit den Fingern über das Gewehr; eine vertraute Geste, mit der er sich davon überzeugte, dass die Waffe auch einsatzbereit war. Die Männer waren noch etwa dreihundert Meter entfernt. Juba warf einen Blick auf die Fahnen am Regierungsgebäude. Die Windgeschwindigkeit schätzte er auf elf bis sechzehn Kilometer pro Stunde. Der Wind kam von rechts und würde das Geschoss auf zweihundert Meter etwa um zwei Zoll nach links ablenken. Juba richtete die Waffe neu aus. Die Luftfeuchtigkeit lag bei null.

Er richtete das Zielfernrohr zuerst auf den Offizier und suchte nach einem Schwachpunkt. Der Arm war in Bewegung! Offenbar beschrieb der Mann etwas anschaulich und machte ausladende Bewegungen mit dem rechten Arm. Juba atmete ruhig aus und horchte auf seinen langsamer werdenden Herzschlag. Die Achselhöhle war die schwache Stelle.

Als die Gruppe auf eine Entfernung von zweihundert Metern herangekommen war und der Amerikaner gerade den rechten Arm auf Schulterhöhe hochnahm, betätigte Juba den Abzug – langsam und gleichmäßig, mit fließender Bewegung. Das große Gewehr feuerte, und der Killflash-Schalldämpfer verschluckte den Knall, als die Kugel den Offizier unterhalb der rechten Achselhöhle traf, den Rippenbogen durchschlug, an der unteren linken Körperhälfte wieder austrat und auf ihrem Weg jeden Knochen und jedes Organ zerfetzte. Der Offizier war tot, ehe ihm jemand zu Hilfe eilen konnte.

Den verhältnismäßig leichten Rückstoß federte Juba ab und lud nach, als die irritierte Gruppe auf dem Gehweg stehen blieb. Jetzt richtete er das Zielfernrohr auf den kleinen Mann in der Mitte. Niemand dort unten hatte einen Schuss gehört, und doch war der Offizier getötet worden! Die Soldaten wirbelten herum, schauten sich hastig nach der unsichtbaren Bedrohung um und ließen die Zielperson dabei ungeschützt. Der Iraker bückte sich, um dem zu Boden gestürzten Offizier beizustehen, und bot dem Scharfschützen die linke Halsseite. Genau diese Stelle hatte Juba längst im Fadenkreuz und betätigte den Abzug erneut. Diesmal sah er sogar die Hitzespur des Geschosses, das genau unterhalb des Schädels in den Hals drang und auf der anderen Seite wieder austrat. Zwei katastrophale gezielte Tötungen.

Juba legte das Gewehr zur Seite, duckte sich, kroch wieder auf allen vieren zur Balkontür und schob sie langsam zu. Dann kroch er zurück, schulterte sein Gepäck, hängte sich die Waffe über die Schulter, warf noch die Kissen aufs Bett und verließ das Zimmer.

In der Lobby beschleunigte er seine Schritte und eilte mit anderen bewaffneten Soldaten und zivilen Sicherheitsleuten, die alle zu dem Ort des Attentats liefen, ins Freie. Binnen Minuten würde eine schnelle Eingreiftruppe zur Stelle sein. Männer in Uniformen würden den Gehweg abriegeln und mit allen möglichen Waffen in sämtliche Richtungen zeigen. Und Juba wäre nur ein bewaffneter Soldat von vielen. Ruhig bahnte er sich seinen Weg durch den Menschenauflauf und verließ ungehindert die Grüne Zone.

Am selben Abend startete eine kleine Fokker der königlich-jordanischen Fluglinie planmäßig vom internationalen Flughafen in Bagdad. Auf der Passagierliste stand der Name eines unauffälligen kanadischen Ingenieurs mit blondem Haar und dunklen Augen. Juba flog nach London.

Das Geheimnis, das Saddam Hussein mit ins Grab genommen hatte, blieb gewahrt. Der Palast des Todes war sicher.

Kapitel zwei

Selbstbewusst betrat Captain Sybelle Summers vom US Marine Corps den abhörsicheren Besprechungsraum auf der Air Force Base von Incirlik im Südosten der Türkei. Viele der einsatzbereiten Marines, die den Auftrag ausführen sollten, erkannten sie sofort. Die Übrigen hatten gehört, dass Captain Summers als Operations Officer einer Spezialeinheit angehörte, die unter dem Namen Task Force Trident bekannt war.

»Oh, oh. Da kommt die Königin der Nacht«, murmelte ein Lance Corporal. »Jetzt sind wir dran. Draculas Braut nehmen sie nicht für kleine Aufträge.«

»Graf Dracula ließ sich von ihr scheiden, da sie ihn betrogen hat«, wisperte der Mann neben ihm.

»Pst! Summers macht euch die Hölle heiß, wenn sie das hört.«

Die erfahrenen Kämpfer des Marine Special Operations Command (kurz MARSOC) scheuten normalerweise davor zurück, Befehle von Frauen entgegenzunehmen, aber mit Summers war das etwas anderes. Sie trug einen schwarzen Overall, und auf dem Kragen des Rollkragenpullovers blitzte ihr silbernes Rangabzeichen auf. Als Summers nun schnurstracks auf das Podium zuhielt und einen Aktenordner aufschlug, gab sie den Jungs mit ihrer ganzen Körpersprache zu verstehen, dass ja niemand sie mit irgendeinem Mist aufhalten sollte. Bei dieser Frau mit dem kurzen schwarzen Haar, den dunkelblauen Augen und der schlanken Erscheinung hätte wohl niemand vermutet, dass sie die einzige Soldatin war, die je das Training der Force Recon erfolgreich absolviert hatte.

»Ruhe zusammen«, rief sie scharf, und das MARSOC-Team wurde still. »Heute Abend nehmen wir uns ein besonders wichtiges Ziel vor, und ich möchte nicht, dass irgendeiner hier die Sache vermasselt. Mustapha Ahmed al-Masri ist wieder aufgetaucht und wiegelt die Kurden im Norden des Irak auf. Die Jungs vom Geheimdienst haben seinen Aufenthaltsort ausfindig gemacht. In der Region gilt er als die Nummer zwei von El Kaida, und aus diesem Grund wurde er als besonderes Ziel eingestuft. Wir haben die Aufgabe, ihn zu stoppen.«

Sie entfernte sich einen Schritt vom Rednerpult und nickte nach links. Eine Tür öffnete sich, und ein Mann betrat den Besprechungsraum. Er trug ebenfalls einen schwarzen Overall und dazu eine dunkle Sturmmaske, die nur die Augenpartie freiließ. Der Mann hatte sich ein langes Gewehr über die Schulter gehängt, ein Modell, das die anderen nicht kannten. Ein Scharfschütze.

»Batman?«, flüsterte der Lance Corporal.

»Vielleicht eher ein Überfall«, scherzte sein Kollege.

»CIA-Spook. Ganz klar.«

»Sie werden das Haus um fünf Uhr in der Früh angreifen«, erklärte Summers den Anwesenden. »Die Details des Einsatzes erfahren Sie in gesonderten Briefings. Wenn Sie vor Ort eintreffen, werden dieser Herr dort und ich bereits da sein und die Hintertür im Auge behalten. Er ist maskiert, da Sie nicht zu wissen brauchen, wer er ist. Er und ich, wir wurden speziell für diesen Sondereinsatz als Zweierteam zusammengestellt. Was Sie betrifft, so sind wir eigentlich gar nicht hier. Wir werden den Einsatzort allein erreichen und uns auch allein wieder zurückziehen.«

Jetzt betraten noch andere Offiziere das Podium und brachten Kartenmaterial und Unterlagen über den zeitlichen Ablauf mit. Das Licht wurde gedimmt. »Wenn Sie al-Masri sehen«, schloss Captain Summers, »dann töten Sie ihn. Natürlich wird er versuchen, sich aus dem Staub zu machen, sobald der Angriff beginnt. Wir werden warten. Sie müssen in jedem Fall daran denken, dass wir uns auf freundlichem Territorium befinden. Und sorgen Sie dafür, dass es keine zivilen Opfer gibt. Wenn Sie die Sache vermasseln und versehentlich auf uns schießen, wird der Mann dort das Feuer erwidern, und ich wette, das möchte keiner von Ihnen erleben. Seien Sie also äußerst vorsichtig, wenn Sie den Finger am Abzug haben. Sie müssen Ihre Ziele kennen. Das wäre alles. Viel Glück und eine erfolgreiche Jagd! Captain Barnes hier wird Sie nun weiter instruieren.« Captain Summers wirbelte auf dem Absatz herum und verschwand zusammen mit dem maskierten Mann durch die Seitentür.

Sowie die beiden in dem großen Humvee-Geländewagen saßen und zum Hubschrauberlandeplatz neben der dreitausend Meter langen Landebahn fuhren, zog Kyle Swanson sich die Sturmmaske vom Kopf und setzte sie sich als einfache Mütze auf. Seine Gesichtszüge zuckten. »Verdammt, Sybelle, du redest nicht lange um den heißen Brei herum.« Er ahmte ihren strengen Tonfall während des Briefings nach: »Und wenn Sie versehentlich auf uns schießen, wird der Mann dort das Feuer erwidern! Auch ein Weg, um in der Truppe Vertrauen zu schaffen.«

Sie mussten beide lachen. »Irgendwie musste ich mir die Aufmerksamkeit der Jungs sichern. Schließlich wollen wir ja nicht, dass irgendwelche Fehler gemacht werden.«

»Ich kannte ungefähr die Hälfte der Jungs in dem Raum«, sagte Swanson. »Habe schon mit einigen zusammengearbeitet. Es ist immer seltsam, wenn man Freunde nicht wissen lässt, wer man wirklich ist.« Bei Spezialeinsätzen bediente er sich Dutzender Namen, da er offiziell als tot galt.

Die türkische Nacht war kühl und sternenklar, der Mond eine schmale Sichel. Ein riesiges Frachtflugzeug der Air Force setzte donnernd zum Landeanflug an und brachte noch mehr Material aus den USA zur Militärbasis in Incirlik, dem wichtigsten Drehkreuz zur Versorgung der Truppen im Irak. Adana, eine moderne Millionenstadt, lag weniger als fünfzehn Kilometer entfernt, zu den Stränden des Mittelmeers war es nicht weit. Für Spezialeinsatzkräfte war Adana ein angenehmer Stützpunkt: Dort bekam man einen anständigen Hamburger und ein kühles Bier, konnte sich rasch mit einem Flieger zum nächsten Kampfeinsatz bringen lassen und war am Abend wieder zurück, um vor dem Kino noch in Ruhe zu duschen.

Swanson brachte den Humvee neben einem Hangar zum Stehen, und beide stiegen aus und nahmen ihre Ausrüstung. Summers nahm ihr glänzendes Rangabzeichen ab, damit am Einsatzort nichts am Körper reflektierte. Sie hatte sich gleich aus mehreren Gründen für diesen Einsatz gemeldet. Einer davon war, dass sie immer noch Kurdisch beherrschte, die Sprache ihrer Kindheit. Allerdings hatte sie nach dem Tod ihres Vaters und der Heirat ihrer Mutter mit einem Amerikaner den kurdischen Nachnamen abgelegt.

Ein US-Air-Force-Lieutenant kam auf sie zu, salutierte und stellte sich den beiden als leitender Pilot vor. Allerdings werde er selbst nicht mitkommen, wie er erklärte. In der Nähe stand bereits ein kleiner HTX-I Helikopter, dessen Rotorblätter sich langsam drehten, nur angetrieben von der Batterie. Die Maschine, die in der Truppe gemeinhin TAXI hieß, wurde von Piloten ferngesteuert, die selbst nicht direkt im Einsatzgebiet waren. Der Lieutenant hatte den Auftrag, den Helikopter zu starten, um den Flug dann einem anderen Steuersystem eines sehr viel höher fliegenden Flugzeugs zu überlassen.

Das TAXI war vom US Special Operations Command perfektioniert worden und kam bei besonderen Aufträgen als revolutionäres taktisches Fluggerät zum Einsatz. Es konnte bis zu vier Operator an den exakten Bestimmungsort bringen, flog dann unbemannt zu einem sicheren Ort und wartete dort notfalls tagelang, während die Solarzellen die Batterien wieder aufluden. Auf Knopfdruck erwachte das TAXI zu neuem Leben und holte die Jungs der Spezialeinheit wieder ab. Abgesehen von dem umgestalteten Rotor erinnerte kaum etwas an der hochmodernen Maschine an einen Hubschrauber. Es gab kein Bordteam, keine klassischen Verbrennungsmotoren, weder Waffensysteme noch Panzerung, und somit war der Helikopter eine einzigartige Mischung aus einer ultraleichten Brennstoffzelle und jeder Menge Hightech. Die Maschine besaß eine enorme Reichweite und war auf den Radarschirmen praktisch unsichtbar, während die Passagiere auf engstem Raum in einer Art aerodynamischer Blase saßen. Das X in der Bezeichnung HTX-I bedeutete, dass die Maschine sich noch in der Testphase befand und gerade erst das Reißbrett verlassen hatte. Bislang hatten die Medien nicht mitbekommen, dass der HTX-I bereits zum Einsatz kam.

Swanson und Summers stiegen ein, überprüften ihre Ausrüstung, schnallten sich an und setzten die Kopfhörer auf, als der leitende Pilot die Klappe schloss, zurücktrat und sich über Funk an die Männer von der Flugsteuerung wandte. Prompt hob das TAXI leise wie ein Aufzug vom Landeplatz ab. Man hörte keine dröhnenden Motorengeräusche, sondern nur das leise Sirren der Rotorblätter, als die Maschine zum Grenzverlauf unterwegs war. Swanson sah, wie die Lichter von Adana langsam in der Dunkelheit entschwanden. Es war wie Segeln auf einem ruhigen See.

Bei einer bestimmten GPS-Koordinate wurde das TAXI langsamer, ging bis fast zum Boden herunter und schwebte dort auf der Stelle. Swanson und Summers sprangen heraus und liefen mit ihren schweren Kampfstiefeln durch den Wüstensand zu einer nahe stehenden Baumgruppe. Dort wartete bereits der Kontaktmann, der die Amerikaner über das Auftauchen von Mustapha Ahmed al-Masri informiert hatte und den Sybelle jetzt auf Kurdisch ansprach. Entschuldigend fügte sie hinzu, sie sei als Dolmetscherin für den Mann an ihrer Seite mitgekommen.

Der Kurde, der befriedigend zur Kenntnis nahm, dass die Frau nur eine untergeordnete Stellung hatte, führte die beiden in das Dorf und zeigte ihnen eine flache Stelle in einem Graben. Die Straße daneben verlief eine Weile geradeaus, bog dann nach rechts ab und führte an dem Haus entlang, das angegriffen werden sollte.

Sybelle und Kyle kletterten in den trockenen Graben, wo Swanson sich eines Teils seiner Ausrüstung entledigte und sich auf längeres Warten einstellte. Derweil bedankte Sybelle sich ausgiebig bei dem Ortskundigen und sagte ihm, er könne sich jetzt entfernen und solle auf die Haupttruppe warten, die sich dem Dorf von der anderen Seite nähern werde. Der Mann verschwand in der Dunkelheit.

»Lass uns gehen«, flüsterte sie.

Kyle packte bereits alles wieder zusammen. Keinen Moment hatten sie vorgehabt, an einer Stelle auszuharren, die einem Ortskundigen bekannt war. So weit ging das Vertrauen dann doch nicht. »Wir nehmen das Haus dorthinten links, klettern über die Mauer in den Hof und suchen uns Schutz. Dort kann ich das Gewehr gut in Stellung bringen.«

Leise schlichen sie weiter, bis Sybelle sich geschickt an der Mauer hochzog, elegant darüberschwang und ohne einen Laut auf der anderen Seite landete. Derweil drehte Swanson den Knauf am Tor, öffnete es vorsichtig und ging hindurch. Sybelle gab ihm ein Handzeichen.

Im Verlauf der nächsten Stunde bauten sie sich ein Versteck aus Gegenständen, die in dem Hof herumlagen. Kyle legte sein futuristisches Scharfschützengewehr, das Excalibur, auf eine feste Unterlage. Gleichzeitig baute Sybelle das Fernrohr eines Scharfschützenassistenten auf. Nun hatten sie beide einen freien Blick auf das Haus, das der Informant ihnen beschrieben hatte. Gemeinsam legten sie eine Entfernungstabelle an und ermittelten die Distanzen zu markanten Punkten innerhalb des Zielgebietes, während sie in der kalten Morgenluft warteten.

Gegen fünf Uhr in der Früh, eine Stunde vor Sonnenaufgang, kam Bewegung in einige Viertel. Die ersten Bewohner machten sich für den kommenden Tag bereit. Kyle und Sybelle erfuhren über Funk, dass die Sturmtruppe kurz vor der Landung war. Unmittelbar danach, als die schwirrenden Rotoren der zwei großen Mannschaftshubschrauber im Landeanflug zu hören waren, begann der Angriff. Im Dorf gingen gerade die Lichter an, als die beiden schweren Maschinen einen Block vom Zielobjekt entfernt auf einem Fußballplatz landeten. Während die anderen Marines zum Haus stürmten, suchte sich einer der Scharfschützen eine gute Schussposition und erledigte den El-Kaida-Wachposten vor dem Haus. Swanson und Summers, die hinter dem Haus postiert waren, ließen das Zielobjekt keinen Moment aus den Augen.

»Bewegungen an der Hintertür«, wisperte Sybelle. »Ein großer Mann. Müsste al-Masris Bodyguard sein.«

»Ich kann ihn sehen«, antwortete Kyle. Im Display des Zielfernrohrs von Excalibur liefen Zahlenkolonnen, während der Computer die genaue Entfernung errechnete und die Flugbahn des Geschosses ermittelte. Aus dieser Entfernung war der Wind kein Problem. Swanson wartete noch.

»Sehe zweites Ziel. Identifiziere ihn als al-Masri.«

Kyle betrachtete die Gestalt. »Kann ich bestätigen. Ziel in Sicht.«

Als Schüsse in dem Haus widerhallten, liefen die beiden Männer in geduckter Haltung zu einem kleinen Auto. Der Bodyguard setzte sich ans Steuer und lenkte den Wagen mit ausgeschalteten Scheinwerfern auf die Straße. Wieder einmal blieben die Fußsoldaten von El Kaida zurück und wurden zu Märtyrern, während die Anführer entkamen.

»Diesmal nicht«, flüsterte Kyle. Er betätigte den Abzug. Die Kaliber-.50-Waffe erzeugte einen lauten Knall, und der Rückstoß traf Kyles Schulter, als das große Geschoss in den Motorblock drang und das Fahrzeug erschütterte. Eine zweite Kugel drang durch die Windschutzscheibe und zertrümmerte den Kopf des Bodyguards. Das nun führerlose Auto fuhr Schlangenlinien und krachte in einen parkenden Kleinlaster; Metall barst, und Glassplitter flogen durch die Luft.

»Ein Ziel am Boden. Das andere steigt aus.« Sybelle sprach vollkommen ruhig, ihrer monotonen Stimme fehlte jegliche Emotion.

»Kann bestätigen, dass das andere Ziel aussteigen will.« Kyle lud eine dritte Patrone und ließ dem Mann einen Moment Zeit, die Beifahrertür zu öffnen. Al-Masri war nun allein auf der menschenleeren Straße. Seine Leute waren alle tot oder überwältigt, und bestimmt wusste er, dass der amerikanische Scharfschütze ihn genau im Visier hatte. Es war Zeit, sich zu ergeben. Also sank er auf die Knie und hielt die Hände hoch über den Kopf.

Kyle schoss dem Mann durch die Brust, und der El-Kaida-Offizier sackte auf die Seite. Ein letzter Schuss traf ihn am Kopf.

»Beide Zielpersonen am Boden«, fasste Sybelle zusammen.

Kyle hing sich Excalibur über die Schulter und griff nach seinem Gepäck. Sybelle packte das Fernrohrsystem wieder ein und forderte das ferngesteuerte TAXI über ein vereinbartes Funksignal an. Dann verließen sie den Hinterhof durch das Tor und eilten zurück zur Landezone, wo der kleine Transporter zwei Minuten später eintraf. Schnell stiegen sie an Bord und hoben ab.

Im Zielobjekt war der Kampf längst vorüber. Das Terroristennest war bis auf den letzten Mann gesäubert worden, und die Marines sicherten das Gebiet.

»War er im Begriff, sich zu ergeben?«, hakte Sybelle nach und wischte sich etwas von der Tarnfarbe aus dem Gesicht. »Vielleicht hätte er uns noch wichtige Informationen liefern können.«

»Ich habe eine Waffe gesehen«, lautete Kyles knappe Antwort.

»Ja«, erwiderte sie. »Ich auch.«

Kapitel drei

Sie kehrten nach Incirlik zurück und hatten vor ihren nächsten Flügen genug Zeit, um in Ruhe zu duschen, die Kleidung zu wechseln und das Frühstück einzunehmen. Da der Spezialauftrag erledigt war, konnten sie sich anonym unter die Menge in der Kantine mischen. Das Stimmengewirr der einfachen Soldaten, Luftwaffensoldaten und Marines, die am Büfett Schlange standen, erzeugte einen gleichbleibenden Geräuschpegel im Hintergrund, der vom Klappern des Bestecks und Geschirrs noch verstärkt wurde. Der Geruch von gebratenen Eiern, Grillwürstchen und Baconstreifen hing in der Luft, während die Köche mit fleckigen Schürzen stets für Nachschub in den Warmhaltewannen sorgten. Die Kantinen der Air Force waren die besten, und auch wenn die Flieger in ihren Uniformen eher an Busfahrer erinnerten, freute Kyle sich immer schon auf das Kantinenessen. Er lud sich eine Menge guter Sachen auf sein Tablett, während Sybelle sich mit Müsli und Obst zufriedengab. Schwarzen Kaffee gab es in rauen Mengen. Sie suchten sich einen kleinen Tisch am Rand und stellten ihre Tabletts ab.

»Was wirst du während deiner freien Tage machen, Kyle? Zwei Wochen ist eine lange Zeit.«

»Zeit totschlagen. Schlafen. Aufwachen und wieder schlafen. Ich bin müde.« Er trank etwas Kaffee und dachte an die letzten Monate, in denen er ständig im Einsatz gewesen war. Zwei ermüdende Wochen hatte er damit verbracht, einen Terroristen in Tschetschenien zu beschatten, und davor hatte er eine Drogenübergabe tief in den Regenwäldern von Brasilien überwacht. Als er dann später eine philippinische Militäreinheit zu einem Inselversteck islamistischer Terroristen geführt hatte, war es bei einem Feuergefecht zu hohen Verlusten auf beiden Seiten gekommen. Dagegen war Kyle der Einsatz auf dem von Kurden kontrollierten Gebiet wie ein Spaziergang vorgekommen, aber selbst professionelle Jäger wurden irgendwann einmal müde.

Sybelle musterte ihn wiederholt während des Essens. Kyle Swanson: eine lebende Legende, die als Geist zurückgekehrt war. Er war nicht gerade groß, maß knapp einen Meter achtzig bei siebenundachtzig Kilo und hatte keine Muskelpakete, sondern einen durchtrainierten, sehnigen Körper. Eine zähe Kämpfernatur mit großer Ausdauer, ein Mann, der den ganzen Tag lang fighten konnte und noch durchhielt, wenn die größeren Jungs schon aufgaben. Er hatte graugrüne Augen, ein kantiges Gesicht und trug das sandfarbene Haar länger als der Durchschnittssoldat. Er war weder gut aussehend noch unattraktiv, sondern auf seine Art eher unauffällig – ein Umstand, der ihm in seinem Job zum Vorteil gereichte.

Auf dem Papier und in sämtlichen Datenbanken der Regierung galt Swanson als tot. Als Beweis stand sein Grabstein auf dem Arlington National Cemetery. Vor zwei Jahren zählte Kyle zu den besten Scharfschützen der Marines und wurde oft von anderen Behörden für Spezialaufträge gebucht. Dann war General Bradley Middleton entführt worden, im Zuge einer Verschwörung, um die US Regierung zu stürzen und das Pentagon zum Spielball einer privaten Militärfirma zu machen. Kyle gehörte dem Rettungsteam an, das nach Syrien geschickt wurde, und obwohl der Rest der Eingreiftruppe bei einem katastrophalen Unfall ausgelöscht worden war, war es Swanson gelungen, den General zu befreien, während ein Großaufgebot der syrischen Armee ihnen auf den Fersen gewesen war. Beim entscheidenden Feuergefecht war er schwer verwundet worden, und seine Verlobte, Shari Towne, hatte bei einem Attentat der Rädelsführer der Verschwörung in Washington ihr Leben verloren.

Schnell erkannten einige Leute in hohen Positionen, welchen Wert ein einzeln operierender Scharfschütze im Zeitalter der Terrorismusbekämpfung besaß. Und daher beschloss man, dass Kyle Swanson, der keine Angehörigen mehr hatte, nicht mehr existieren sollte. Er ließ sich auf den Handel ein, stellte aber noch eine Bedingung. Nachdem er sich von seinen Verletzungen erholt hatte, wurde der größenwahnsinnige Milliardär, der für die Ermordung Shari Townes verantwortlich gewesen war, kurz darauf tot in den Bergen von Colorado gefunden: Er hatte eine Kugel in den Kopf bekommen, doch war in den abschließenden Ermittlungen der Polizei letzten Endes von einem tragischen Jagdunfall die Rede gewesen.

Nach dem inszenierten Begräbnis in Arlington und nachdem Kyles ganze Identität samt Fingerabdrücken gelöscht worden war, entwickelte man die Task Force Trident um den geheim operierenden Scharfschützen. Das Oberkommando hatte General Middleton, Sybelle Summers fungierte als leitender Offizier bei den Einsätzen. Swanson war sozusagen der unsichtbare Mann, der bereit war, jeden Auftrag anzunehmen. Er konnte jede x-beliebige Person an jedem x-beliebigen Ort der Welt töten und sich wieder vom Tatort entfernen, ohne je mit dem Gesetz in Konflikt zu kommen.

Aber vom Tod seiner Verlobten Shari hatte er sich nie wirklich erholt, und einer der Gründe, warum Sybelle aus Washington gekommen war, um an dem Routineeinsatz im Irak teilzunehmen, war, dass sie den körperlichen und mentalen Zustand von Kyle Swanson beurteilen sollte. Sie stellte schnell fest, dass er immer noch der alte Zyniker mit der harten Schale war und sich gegen alles und jeden abschirmte. Swanson zeigte kaum noch Interesse an irgendetwas. Er hatte kein Problem damit, tot zu sein; viel schlimmer war es für ihn, weiterhin mit sich selbst leben zu müssen.

»Middleton möchte, dass ich ihm berichte, wie es dir geht, Kyle.« Sie umschloss die heiße Kaffeetasse mit beiden Händen. »Ich weiß, dass du noch immer sehr gut triffst, aber wie sieht es in deinem Kopf aus?«

»Du meinst, ich bin verrückt?«

»Bist du es?«

»Natürlich. Man muss ja wohl verrückt sein, wenn man diesen Job macht!« Er grinste. »Nein. Manchmal bin ich es nur leid, tot zu sein. Das geht mir ganz schön auf die Nerven. Ich meine, ich musste diese schwarze Sturmmaske in dem Raum mit den Marines tragen. Ich kannte die Hälfte der Jungs und durfte nicht mal Hallo sagen. Jeden Morgen muss ich in den neuesten gefälschten Pass gucken, damit ich meinen Namen nicht vergesse. Vor einiger Zeit gaben sie mir sogar holländische Dokumente. Sehe ich denn aus wie ein Holländer?«

»Muss hart für dich sein«, stimmte sie zu. Der einsame Wolf. »Weißt du was? Du bist offensichtlich erschöpft und läufst nur noch auf Reserve. Genieß die freien Tage. Betrink dich, amüsier dich und fang mit einem harten Fitnessprogramm an. Und dann komm nach Washington. Gemeinsam schauen wir, wie wir dein Arbeitspensum etwas reduzieren können. Keiner kann von dir erwarten, jeden Tag irgendwo auf der Welt im Einsatz zu sein.«

»Beklagt der General sich etwa wieder über mich?« Swanson und Middleton waren jahrelang nicht gut miteinander ausgekommen. Angefangen hatte alles gleich bei ihrer ersten Begegnung während des ersten Golfkriegs. Nach einem besonders harten Gefecht war Middleton auf Swanson gestoßen, der stark zitternd über das Blutbad reflektierte, das er während des Kampfes angerichtet hatte. Nach schweren Einsätzen zog Swanson sich immer für kurze Zeit zurück, um allein zu sein und sich von all den Eindrücken zu erholen. Doch Middleton hatte das Verhalten des Scharfschützen missdeutet und als Beweis für dessen Inkompetenz interpretiert. Daraufhin hatte der General nicht nur versucht, Swanson aus der Truppe zu werfen, sondern hatte auch den Begriff »shaky« in den offiziellen Bericht geschrieben. Der Versuch schlug zwar fehl, aber der Spitzname »Shake« blieb in den Köpfen der anderen, obwohl seine Freunde wussten, dass man sich in einem Kampf hundertprozentig auf einen Mann wie Kyle Swanson verlassen konnte. Erst im Verlauf der Rettungsaktion in Syrien hatten Middleton und Swanson gelernt, sich gegenseitig zu respektieren und waren so etwas wie Freunde geworden.

»Nein. Er macht sich lediglich Sorgen. Wir alle übrigens. Ohne dich gibt es schließlich keine Task Force Trident.«

Kyle aß seinen Toast auf und schob dann den Teller ein wenig von sich. »Nun, Captain Summers, sag den Leuten daheim, dass ich noch ein wenig sprunghaft bin. Ich glaube immer noch an unseren Auftrag. Ich hasse immer noch Terroristen und bin immer noch bereit, diejenigen zu töten, die unser Präsident beschließt, aus dem Weg zu räumen.«

Als Captain Summers nach einigen Stunden mit einem Militärjet zurück nach Washington flog, stieg Kyle an Bord eines Sikorsky S-76 Helikopters. Die Maschine war strahlend weiß lackiert, und nur zwei schmale dunkelblaue Streifen sowie ein goldenes Firmenlogo an beiden Seiten verrieten, dass der Sikorsky zu Excalibur Enterprises Limited gehörte, einer Holdinggesellschaft für die vielen Geschäftsbereiche des britischen Tycoons Sir Geoffrey Cornwell. Der schlanke Flieger war eine Mischung aus Passagiertransporter und Arbeitspferd, und in der großzügigen und schalldichten Kabine saß Kyle ganz allein. Niemand hätte den Hubschrauber mit dem Militär in Verbindung gebracht, und auch im Fahrtenbuch stand nur ein Routineflug für einen Firmenangehörigen, aber in der Welt der heimlichen Operationen war Sir Jeff bekannt dafür, gelegentlich bei Aufträgen auszuhelfen. Kyle schnallte sich gerade in einem der komfortablen Ledersitze an, als die starken Turbomeca Arriel 2S2 Motoren aufdrehten. Augenblicke später hatte der Sikorsky abgehoben und nahm Kurs auf das Mittelmeer. Schon bald schlief Kyle bei den monotonen Motorengeräuschen ein.

»Wir landen gleich, Sir.« Die Stimme des Piloten über Funk weckte ihn. Kyle glaubte, nur Minuten geschlafen zu haben, aber als er einen Blick auf seine Uhr warf, sah er, dass der Flug schon über eine Stunde dauerte. Die Rotorblätter trotzten dem Wind, und von dem kleinen Kabinenfenster aus konnte Kyle die rechteckige Landefläche auf einer luxuriösen Jacht sehen, die die gleiche Farbe wie der Hubschrauber besaß. Die weiß leuchtende Vagabond schien aus den Wellen zu steigen, als der herannahende Flieger problemlos auf der vorgesehenen Fläche aufsetzte.

»Home, sweet home«, sagte Kyle Swanson, als ein Crewmitglied von außen die Tür aufmachte. »Und danke fürs Mitnehmen, Jungs.«

Während der Hubschrauberpilot die Motoren abstellte, betrat Kyle das Deck und zog bei dem enormen Luftzug der Rotorblätter den Kopf ein. Aus dem Kabinenbereich kam ihm eine Frau entgegen. Es war Lady Patricia Cornwell, in einer blauen Seidenbluse und dunklen Schuhen. Sie trug eine silberne Halskette und dazu passende Ohrringe. »Willkommen an Bord, Fremder«, grüßte sie, zog ihn fest an sich und reichte ihm ein kühles Bier. Dabei beobachtete sie Kyle ganz genau: die trägen Bewegungen, die von der Sonne gerötete Haut, das leichte Humpeln. Er war fast zwei Wochen fort gewesen. Keine Fragen. »Jeff ist auf dem Rückflug von einem NATO-Treffen und müsste vor dem Unwetter zurück an Bord sein.«

»Schön, wieder hier zu sein, Pat. Ich bin müde.« Wolken türmten sich am Horizont auf. Crewmitglieder in tadellosen Uniformen eilten übers Deck, rollten Tauenden auf und setzten zusätzliche Segel, um die Jacht für das bevorstehende Unwetter klarzumachen.

Vorsichtig berührte Pat ein kleines Pflaster an Kyles Kinn. »Hast du dich nicht rechtzeitig geduckt?«

»Ich hab mich beim Rasieren geschnitten«, antwortete Swanson mit einem Lachen.

»Das passiert dir in letzter Zeit wohl häufiger«, bemerkte sie und klopfte ihm leicht auf die Schulter. »Aber leg dich doch ein bisschen hin, bevor du hier noch an Deck im Stehen einschläfst, Kyle. Wir wecken dich rechtzeitig zum Dinner um sieben.«

»Ja, Mylady.« Er überquerte das aus Teakholzplanken gezimmerte Deck und verschwand durch eine Luke in Richtung seiner Kabine, als die Jacht im starken Wellengang schwankte.

Pat blickte hinaus aufs Meer und sah in der Ferne die dunklen Wasser, die mit dem grauen Himmel verschmolzen. Eine unglückliche Seele, dachte sie, als die Brise ihr durchs Haar und in die dünne Bluse fuhr. Sie wusste, dass Kyle in seiner Kleidung einschlafen und nicht zum Abendessen erscheinen würde.

Swanson hörte einen leichten Stoß am Schiffsrumpf und nahm sofort den Geruch von Zersetzung und Verwesung wahr. Noch bevor er von der Koje aufstand, an Deck ging und über die Reling spähte, wusste er, wer dort gekommen war. In dem langen, niedrigen Kahn, der dort unten mühelos auf den schäumenden Wellen ritt, stand der Fährmann und schaute grinsend zu Kyle hinauf. Auf den Bänken hockten tote Passagiere, drei auf jeder Seite.

»Du hattest gut zu tun«, stellte Kyle fest.

»Kriege. Revolutionen.« Der Fährmann zuckte die Achseln und kicherte leise. »Auf mich warten immer viele, die hinübersetzen wollen.« Mit knochigem Zeigefinger deutete er in Richtung des schmalen Feuerkamms im Norden, auf einen glühenden Saum, der den schwarzen Nachthimmel von der schwarzen See trennte. Als der Fährmann den Kahn mit einem langen Ruder stabilisierte, blähte der Wind den fleckigen schwarzen Mantel, der sich um die dürre Gestalt bauschte. Aus dem skelettartigen Gesicht blitzte er Kyle mit einem bösen Lächeln an, das gebrochene Zähne zeigte.

»Was willst du dann? Dein Boot ist schon voll, und ich habe nicht vor, mitzukommen.«

»Noch nicht. Aber schon sehr bald.«

»Ach, verpiss dich!«

»Ich habe die beiden Seelen geholt, die du gerade getötet hast.«

»Gut. Sie glaubten, ins Paradies zu kommen und dort von Jungfrauen empfangen zu werden.«

Der Fährmann kicherte. »Sie irrten sich.« Er machte eine lange Pause. »Du bist ein guter und verlässlicher Lieferant.«

Kyle spuckte über die Reling. »Und du bist nichts als ein böser Traum. Ich werde bald aufwachen, und dann bist du fort.«

Der Fährmann legte seine knöcherne Hand auf den weißen Rumpf der Vagabond und drückte sich von der Jacht ab. Dann stützte er sich auf das Ruder, und der kleine Kahn trieb weiter. Nach einigen Ruderschlägen drehte die Erscheinung sich noch einmal um und sprach erneut. »Ach ja? Mag sein, aber ich bin immer in deiner Nähe, ob du nun wachst oder schläfst. Ich werde rechtzeitig da sein, wenn du endlich beschließt, dir einen Pistolenlauf in den Mund zu schieben und deine Selbstzerstörung zu Ende zu bringen. Das wird eine Sonderfahrt, und dann hast du den ganzen Kahn für dich allein.«

Der schmale Kahn mit seiner Totenfracht entfernte sich weiter. Der Fährmann entschwand in dem aufziehenden Sturm und ließ ein schauriges Lachen erklingen.

Als Kyle aufwachte, fand er sich draußen auf dem schwankenden Deck der Vagabond wieder. Barfuß stand er mit völlig durchnässter Kleidung im windgepeitschten Regen. Blitze zuckten über dem Wasser, Donnerschläge hallten durch die Nacht, während Kyle sich mit beiden Händen krampfhaft an die Reling klammerte. Nur ein Traum. Wieder dieser verfluchte Albtraum.

Jahrelang hatte Swanson trainiert, während eines Einsatzes seine Gefühle auszublenden. Häufig entschieden Präzision und Kontrolle über Erfolg oder Misserfolg. Erst nach den Feuergefechten, wenn er allein war, ließ Kyle sich gedanklich auf die Ereignisse ein – und dieser Schritt war nicht immer angenehm. Jetzt war der Fährmann zu einem unwillkommenen Teil dieser Verarbeitung geworden.

Kein Sturm auf der Welt konnte je das fortspülen, was Kyle wirklich belastete, und daher taumelte er in die Hauptkabine, holte sich eine Flasche Tequila aus der Bar und ging wieder ins Freie. Regen machte ihm nichts aus. Auch die Kälte nicht. Leute umzubringen setzte ihm nicht zu.

Aber in seinem Kopf nagte die quälende Frage, warum Shari sterben musste, er aber noch am Leben war. Er nahm einen langen Schluck aus der Flasche, spürte, wie der Tequila im Hals brannte und suchte schließlich in einer Ecke Schutz vor dem heftigen Wind. Dort trank er so lange, bis er wieder einschlief. Gegen vier Uhr morgens fanden ihn Crewmitglieder zwischen einem abschließbaren Kasten und einem Rettungsboot. Sie brachten ihn zurück in seine Kabine, zogen ihm die nasse Kleidung aus und rieben ihn grob mit Handtüchern trocken. Dann legten sie ihn in die Koje und wickelten ihn in eine Decke.

»Wir haben einen neuen Auftrag.« Major General Bradley Middleton machte es sich in seinem Büro im Pentagon gemütlich, öffnete die untere Schublade auf der rechten Seite seines Schreibtisches, legte einen Fuß in dem polierten Schuh darauf, lockerte die Krawatte und machte den obersten Knopf der Uniform auf.

Master Gunnery Sergeant O. O. Dawkins, einer von nur fünfundvierzig Männern im Marine Corps, die diesen Rang bekleideten, hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht. Dawkins hatte an dem Buch über Spezialeinsätze mitgearbeitet. Neben ihm saß Sybelle Summers, die gerade aus der Türkei zurückgekehrt war.

In einem Sessel aus dunkelrotem Leder saß US Navy Lieutenant Commander Benton Freedman, dessen Haare immer zerzaust aussahen, als wäre er eben erst aus dem Bett gekommen. Er war ein brillanter Computerspezialist und Ingenieur und beherrschte alle technischen Geräte. An der Naval Academy hatte er den Spitznamen »Wizard« bekommen, da er mit elektronischen Geräten Zauberei zu betreiben schien und obendrein ein erstaunliches Gedächtnis besaß. Als die Task Force Trident ins Leben gerufen worden war, hatte Middleton den Mann von der Navy mit ins Boot geholt, obwohl die Einsätze streng genommen Sache des Marine Corps waren. Freedmans neuer Spitzname lautete nun »Lizard«, die »Echse«.

Das letzte Mitglied des Teams, Swanson – der Tote –, war nicht anwesend, da er seinen Urlaub angetreten hatte.

Middleton zeigte nun auf Freedman, der sich bereits ausgiebig mit den Informationen aus der Aktenmappe beschäftigt hatte, die vor ihm auf den Tisch lag. Sein Gehirn lief auf Hochtouren. »Echse, fassen Sie die Fakten zusammen und lassen Sie hören, was Sie noch aus anderen Quellen erfahren haben.«

»Ja, Sir«, sagte Freedman, ohne aufzuschauen. »Ein irakischer Physiker, der seit 1992 als vermisst galt, tauchte vor zwei Wochen plötzlich wieder in Bagdad auf. Er gab sich einem Intelligence Officer der Army zu erkennen und behauptete, wichtige Informationen über eine neue Massenvernichtungswaffe zu besitzen, die angeblich an einem geheimen Ort namens Palast des Todes aufbewahrt wird.«

Sybelle, die währenddessen ihre rot lackierten Fingernägel begutachtet hatte, stellte nun eine Zwischenfrage. »Eine Massenvernichtungswaffe? Ich dachte, das hätten wir alles längst abgehakt. Man hat überall danach gesucht und nirgends etwas gefunden.«

»Bewahren Sie sich Fragen und Bemerkungen für nachher auf«, sagte Middleton. »Fahren Sie fort, Echse.«

»Mit wirklich verwertbaren Informationen hielt er sich bedeckt und sprach immer nur von einem biologisch-chemischen Kampfstoff, bis man ihm Straffreiheit zusicherte und ihm selbst und seiner Familie Schutz anbot. Bis gestern hielt er sich an einem unbekannten Ort auf und sollte zu seiner ersten Vernehmung ins Hauptquartier der Golfkriegskoalition gebracht werden. Vier bewaffnete Soldaten eskortierten ihn zu dem Gebäude, doch ein Sniper erschoss den Iraker, ehe er das Hauptquartier betreten konnte, und tötete auch den leitenden Offizier.«

»Bringen Sie mich auf den neuesten Stand, Dawkins«, sagte Middleton.

»Ein ziemlich guter Schuss«, erklärte der Master Gunnery Sergeant, während er die Fotos der Opfer durchging. »Die erste Kugel traf den Offizier genau an der ungeschützten Stelle in der Achselhöhle und zerriss sämtliche Organe, auch das Herz. Dann wurde der Iraker an der Halsschlagader getroffen, genau oberhalb des Kragens der kugelsicheren Weste. Das Geschoss trat an der anderen Seite des Halses wieder aus.« Er schloss die Aktenmappe. »Bei dem ersten Schuss hätte man vielleicht noch von einem Glückstreffer sprechen können. Aber nicht bei zweien. Dieser Sniper traf genau das, was er treffen wollte, und beide Opfer verbluteten noch am Tatort. Meine Schlussfolgerung lautet, dass dies ein weiterer Angriff von Juba war.«

Der General schob die Schublade mit dem Absatz seines Schuhs zu und rückte mit dem Stuhl nach vorne, sodass er beide Ellbogen auf dem Schreibtisch abstützen konnte. »Wie schätzen Sie die Situation ein, Captain Summers?«

»Ich stimme Dawkins zu. Es kann eigentlich nur dieser Juba gewesen sein, Sir. Er schießt, tötet und verschwindet dann spurlos. Wir wissen nicht, ob es sich nur um einen Mann oder sogar um mehrere Sniper handelt. Wir können nicht einmal sicher sein, ob es ihn wirklich gibt oder ob er nicht doch einem arabischen Märchen entspringt und den Kampfeswillen der islamischen Fundamentalisten stärkt. Wie auch immer, dieser Juba ist das Beste, was sie vorzuweisen haben. Und jetzt hat er sich geradezu ein Denkmal gesetzt, weil es ihm gelungen ist, eine gezielte Tötung in der Grünen Zone durchzuführen.«

Freedman führte gerade einige Berechnungen im Kopf durch. »Ich schätze, der Schütze hatte ein Ziel, das nicht größer als ein Zoll war. Die ungeschützte Stelle zwischen schusssicherer Weste und Ärmel des ersten Opfers war nur etwa einen Zoll breit, und dort platzierte der Sniper seine Kugel. Der zweite Schuss war präzise genug, um die Halsschlagader zu treffen, ein noch kleineres Ziel. Ich kann die ballistischen Berechnungen durchführen und den Winkel ermitteln, wenn Sie das wollen.«

»Danke, nicht nötig«, meinte Middleton. »Das machen schon die Jungs in Bagdad. Wir bekommen bald sämtliche Daten. Viel interessanter ist die Frage, warum dieser Juba wusste, wen er töten musste, und wann das Zielobjekt an welchem Ort auftauchen würde. Alles Insiderwissen.«

»Echse, sagte der Informant noch irgendetwas Verwertbares, ehe er erschossen wurde?« Dawkins kreuzte das rechte Bein über das linke Knie und beanspruchte so noch mehr Platz auf dem Sofa für sich. Sybelle schob ihn ein wenig von sich.

»Kurz bevor wir uns hier zu dem Meeting einfanden, traf ein Bericht vom Geheimdienst ein«, erklärte Middleton. »Der Physiker sagte, er sei aus einem Labor im Iran geflohen und nannte einen Ort unweit der irakischen Grenze.«

»Hat er wirklich das Wort geflohen benutzt, Sir?«

»Hat er. Also, Leute, das ist unser Auftrag. Wir werden ein bisschen herumschnüffeln und dieses geheimnisvolle Labor finden.«

Middleton stand auf, reckte sich, streckte die Arme weit von sich und stemmte die Hände dann in die Hüften. »Wir werden uns auf den Weg dorthin machen. Sybelle, Sie werden diesmal hierbleiben und den Einsatz überwachen. Stellen Sie ein Spezialteam zusammen und bringen Sie die Jungs nach Doha, Dawkins. Sie werden das Team am Boden anführen. Und auf dem Weg nach Katar machen Sie einen Abstecher zu Sir Geoffreys Jacht und nehmen Swanson an Bord. Nach dem Briefing begebt ihr beide euch auf schnellstem Weg nach Kuwait. Ordern Sie alles, was Sie brauchen, über Lieutenant Commander Freedman.«

Der Mann, den alle »die Echse« nannten, atmete hörbar erleichtert aus. Er hasste nämlich Außeneinsätze und entfernte sich nur ungern von seinem Schreibtisch. »Sir, ist es klug, Gunny Swanson bei dieser Operation einzusetzen? Wenn ich Captain Summers richtig verstanden habe, braucht er etwas Ruhe.«

Die Antwort übernahm Dawkins. »Echse, sollte es überhaupt eine Möglichkeit geben, während des Einsatzes auf diesen Juba zu treffen, dann möchte ich, dass unser bester Sniper mir Feuerschutz gibt. Ich würde mein ganzes Geld auf Kyle verwetten, ob er nun erschöpft ist oder nicht.«

»Er kann ja während des Flugs nach Kuwait schlafen«, sagte General Middleton trocken. »Packen wir es an, Leute. Und besorgt mir Fotos von diesem Palast des Todes.«

Kapitel vier

Edinburgh, Schottland

Die königliche Hochzeit von Prinz William und der schönen Barbara Seldingham – des zukünftigen Königs und der zukünftigen Königin von England –, war das Ereignis für die Presse. Schätzungsweise eine Milliarde Menschen weltweit würden dieses glanzvolle Event an den Bildschirmen verfolgen. Eine Milliarde Menschen! Vielleicht sogar noch mehr.

Amerikanische Fernsehsender schickten für die Berichterstattung eigene Reporter samt Crew nach London, aber da die Übertragungswagen aus Kostengründen nicht nach England verschifft werden konnten, musste das erforderliche technische Equipment vor Ort gemietet werden. Daher waren schon seit Monaten die Firmen in der Region ausgebucht, andere wurden speziell für diesen Zweck gegründet.

Edinburgh All-Media Limited in Schottland war eine der kleineren Firmen, die ins Leben gerufen wurden, um der riesigen Nachfrage zu entsprechen. Die Dokumente für die Firmengründung waren bereits unterzeichnet, ein Büro hatte man inzwischen auch angemietet. Zwei Lieferwagen wurden gekauft und für die kommerzielle Fernsehübertragung umgebaut. Zur Ausstattung zählten externe Generatoren, um die Stromversorgung der Computer und der anderen technischen Anlagen in den Vans zu sichern. Einer der mobilen Übertragungswagen wurde schnell von einem Fernsehsender in Little Rock, Arkansas, gebucht, der andere an einen Kabelfernsehsender in Italien vermietet. Die beiden Vans erhielten eine markante Lackierung in Weiß und Dunkelrot.

Juba trug einen Overall in ebendiesen Farben, als er mit dem ersten der beiden Vans das Stadtzentrum verließ und auf die A720 fuhr, den Ring der City of Edinburgh. Er setzte sich eine dunkle Sonnenbrille auf und fuhr in östlicher Richtung der aufgehenden Sonne entgegen, bis die A720 beim Autobahnkreuz Old Craighill auf die A1 führte. Der zweite Van war hinter ihm, und zusammen fuhren sie bei Lamberton über die Grenze.

Die gut sechshundert Kilometer nach London legten sie an einem Tag zurück, erreichten die Innenstadt und steuerten eine Absperrung am Ende des Kensington Parks an, wo die Polizei extra für die zahllosen Fernsehübertragungswagen eine Fahrspur freigehalten hatte. Einige Wagen warteten auf das Zeichen, in die Zone fahren zu dürfen, und die beiden Vans von Edinburgh All-Media reihten sich in die Autoschlange ein. Ein Verkehrspolizist sagte, die Fahrer müssten bei den Fahrzeugen bleiben, bis die Sicherheitsteams alles überprüft hätten. Nach einer halben Stunde war Juba an der Reihe und lenkte den Van auf eine spezielle Fläche, die mit Sensoren ausgestattet war. Vier Beamte durchsuchten das Fahrzeug, ließen Hunde nach Sprengstoff schnüffeln, fanden aber nichts. Hatte ein Ü-Wagen die Absperrung einmal passiert, durfte er die Sicherheitszone erst wieder nach der Hochzeitsveranstaltung verlassen.

Juba erhielt eine Karte, auf der mit gelbem Leuchtstift eine freie Parkfläche hervorgehoben war: die hinterste Reihe, direkt am Maschendrahtzaun. Dem anderen rotweiß lackierten Van wurde eine etwas bessere Stellfläche zugewiesen, eine Reihe weiter vorn und etwa fünfzig Meter links. Die Italiener hatten wohl mehr Einfluss als der Fernsehsender in Arkansas.

Der Fahrer des zweiten Vans nahm einen Spätzug nach Edinburgh, um das kleine Büro von Edinburgh All-Media Limited wieder auszuräumen. Juba hatte es nicht weit: Er verbrachte ein paar Tage bei seinen Eltern in den West Midlands, im Haus seiner Kindheit.

Im Mittelmeer brach ein Sonnenstrahl, hell wie ein Scheinwerferlicht, durch den Spalt der Vorhänge vor dem Bullauge und schien Kyle Swanson grell ins Gesicht. Er wachte auf. Es war fast Mittag. Niemand hatte ihn wecken wollen, daher waren alle auf Zehenspitzen an seiner Kabinentür vorbeigeschlichen. Kyle reckte sich, nahm eine Dusche und rasierte sich. Als er sich eine frisch gewaschene Jeans, ein Poloshirt und Turnschuhe anzog, fühlte er sich fast wie ein Mensch. Nur sein Kopf schmerzte.

Als er ins Freie trat, sah er, dass das Unwetter weitergezogen war. Das grünlich schillernde Meer war ruhig, die Sonne stand hoch am fast wolkenlosen Himmel, und die Vagabond durchschnitt die Wellen mit zwanzig Knoten in östlicher Richtung. Kein Land in Sicht. Seemöwen folgten dem weiß schäumenden Kielwasser; es war angenehm warm.

Oben an Deck betrat Kyle die Hauptkabine der Jacht, eine geräumige Lounge mit einer großzügigen Bar und einem bequemen Ensemble aus Sofas, weichen Sesseln und schweren antiken Tischen im chinesischen Stil. Ein riesiger Flachbildschirm und eine Hi-Fi-Anlage beherrschten eine Wand. Leicht nach vorn gebeugt saß Sir Geoffrey Cornwell in einem der Sessel und las die neuesten Nachrichten am Bildschirm eines Laptops. Jeff, ein pensionierter Colonel der British Special Air Services, hatte ein Vermögen mit der Herstellung und dem Vertrieb hochmoderner Waffensysteme gemacht.

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