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David Copperfield - Band 2

Zweiunddreißigstes Kapitel.
Der Anfang einer langen Reise.

Was mir natürlich ist, ist es wohl für viele andere auch, und deshalb scheue ich mich gar nicht zu bekennen, daß ich Steerforth niemals stärker geliebt habe als zu der Zeit, wo alle Bande, die mich an ihn knüpften, zwischen uns zerrissen waren. In dem bittern Schmerz, den mir die Entdeckung seiner Unwürdigkeit verursachte, dachte ich mehr an seine glänzenden Eigenschaften, fühlte ich mehr alles, was Gutes in ihm war, ließ ich den Seiten, die ihn zu einem tüchtigen, großen Manne hätten machen können, mehr Gerechtigkeit widerfahren als damals, wo ich ihm am innigsten zugetan war.

Wie tief ich auch meinen eigenen unschuldigen Anteil an seiner Befleckung eines ehrbaren Hauses fühlte, so glaube ich doch, daß ich ihm Aug' in Auge nicht den geringsten Vorwurf hätte machen können. Ich würde ihn immer noch so sehr geliebt haben – obwohl der Zauber, den er auf mich ausgeübt hatte, dahin war – ich würde die Erinnerung an meine Zuneigung so zärtlich gehegt haben, daß ich wohl denke, ich würde schwach gewesen sein, wie das verwundete Herzchen eines Kindes, nur darin nicht, daß jeder Gedanke an eine Wiedervereinigung ausgeschlossen war. Dieser Gedanke ist mir nie wieder gekommen. Ich fühlte, wie er es offenbar fühlte, daß zwischen uns alles aus war. Wie seine Erinnerungen an mich beschaffen waren, habe ich nie erfahren, möglicherweise hat er sie leicht und schnell genug von sich abgeschüttelt – die meinigen an ihn waren aber die an einen geliebten, verstorbenen Freund. Ja, Steerforth! du dem Schauplatze dieser schlichten Geschichte längst Entrückter! Mein Kummer mag unwillkürlich Zeugnis ablegen gegen dich vor dem Throne des Höchsten, aber ein zorniger, vorwurfsvoller Gedanke nimmermehr!

Die Kunde von dem Geschehenen verbreitete sich bald durch die Stadt, so daß ich, als ich am nächsten Morgen durch die Straßen ging, die Leute vor ihren Türen davon sprechen hörte. Viele sprachen sehr bitter über sie, wenige über ihn, aber gegen ihren Pflegevater und ihren Bräutigam machte sich nur ein Gefühl bemerklich: – überall zeigte sich eine Achtung vor ihrem Schmerz, die voll Zartgefühl und Rücksicht war. Die Fischer blieben achtungsvoll fern, wenn die beiden am frühen Morgen langsam am Strande auf und ab gingen, stellten sich in Gruppen zusammen und unterhielten sich voll Mitleid miteinander.

Ich fand sie am Strande, dicht am Meere. Man konnte leicht erraten, daß sie die ganze Nacht über nicht geschlafen hatten, selbst wenn mir Peggotty nicht gesagt hätte, daß sie noch am hellen Tage gerade so regungslos dagesessen hätten, wie zur Zeit, da ich sie verließ. Sie sahen sehr ermattet und übernächtigt aus, und mir erschien Mr. Peggotty in einer Nacht mehr gebeugt worden zu sein, als in den vielen Jahren, seitdem ich ihn kannte. Aber sie waren beide so ernst und ruhig in sich wie das Meer, das unter dunkelm Himmel, ohne zu wogen, in schwerer Bewegung war, als ob es im Schlummer atme – am Horizonte mit einem Streifen Silberlicht besäumt, den eine unsichtbare Sonne herabwarf.

»Wir haben uns viel besprochen Sir, über das, was zunächst zu tun und lassen ist,« sagte Mr. Peggotty zu mir, nachdem wir eine Welle lang stillschweigend nebeneinander her geschritten waren, »aber wir sehen jetzt unsern Weg klar vor uns.«

Ich warf zufällig einen Blick auf Ham, der jetzt in den fernen Sonnenschimmer auf dem Meere hinausblickte, und ein entsetzlicher Gedanke beschlich mich – nicht daß sein Gesicht voll Ingrimm gewesen wäre, ich konnte nur den Ausdruck finsterer Entschlossenheit darin erkennen – aber daß, wenn er jemals Steerforth begegnen sollte, er ihn töten würde.

»Meine Pflicht ist hier getan«, sagte Mr. Peggotty. »Ich will –« er mußte vor Bewegung innehalten, aber er fuhr mit festerer Stimme sogleich wieder fort: »Ich will sie suchen. Das ist meine Pflicht von nun an in alle Ewigkeit.«

Er schüttelte mit dem Kopfe, als ich ihn fragte, wo er sie suchen wollte, dann fragte er mich, ob ich morgen nach London zu gehen beabsichtige. Ich erwiderte, ich sei heute nicht abgereist, um ihm vielleicht noch Dienste leisten zu können, aber ich sei bereit zu reisen, wenn er es wünschte.

»Ich werde Sie begleiten,« erwiderte er, »und wenn es Ihnen recht ist, morgen.«

Wir gingen wieder stillschweigend nebeneinander her.

»Ham«, fuhr er fort, »wird seine jetzige Arbeit fortsetzen und mit meiner Schwester zusammen wohnen. Das alte Boot dort –«

»Wollen Sie das alte Boot verlassen, Mr. Peggotty?« unterbrach ich ihn sanft.

»Dort ist meines Bleibens nicht mehr, Master Davy,« erwiderte er, »und wenn jemals ein Boot scheiterte, seitdem die Nacht über der Tiefe schwebte, so ist dieses zugrundegegangen. Aber nein, Sir, nein, ich will nicht sagen, daß es verlassen werden soll. Ganz und gar nicht.«

Wir gingen wieder stumm ein Stück zusammen weiter, bis er sagte: »Ich wünsche, daß es Tag und Nacht, Sommer und Winter so aussehen soll, wie es immer ausgesehen hat, seitdem sie es zuerst kennen lernte. Wenn sie jemals zurückkehren sollte, soll das alte Haus nicht aussehen, als ob es sie ungastlich zurückweise, sondern soll sie verlocken, immer näher und näher zu kommen. Vielleicht irrt sie wie ein unsteter Geist draußen in Wind und Regen umher und will von draußen aus dem Regen durch das alte Fenster mit einem Gruß nach dem alten Sitze neben dem Feuer blicken. Und wenn sie dann vielleicht niemand anders dann sieht als Mrs. Gummidge, so faßt sie sich vielleicht ein Herz und tritt zitternd ein und legt sich vielleicht hin auf ihr altes Bett und läßt ihr müdes Haupt ausruhen, da – wo sie einmal so fröhlich war.«

Ich konnte ihm nicht antworten, obgleich ich es versuchte.

»Jede Nacht«, sagte Mr. Peggotty, »muß das Licht in dem alten Fenster stehen, damit es ihr sagt, wenn sie es jemals wieder erblickt: »Komm zurück, mein Kind, komm zurück!' Wenn es jemals an der Tür deiner Tante klopft, Ham, und (besonders wenn es leise klopft), nach Dunkelwerden, so geh du nicht hinaus. Sie soll es sein – nicht du – die mein gefallenes Kind zuerst wiedersieht«.

Er ging uns ein wenig voraus; ich warf unterdessen einen Blick auf Ham und bemerkte noch denselben Ausdruck auf seinem Gesicht, sah, wie sich seine Augen immer noch auf das ferne Licht hefteten. Ich faßte ihn am Arm.

Zweimal rief ich ihn beim Namen, so laut wie man einen Schlafenden zu wecken sucht, ehe er auf mich achtete. Als ich ihn endlich fragte, womit sich seine Gedanken so eifrig beschäftigten, gab er zur Antwort:

»Mit dem, was vor mir ist, Master Davy, und dort drüben.«

»Mit dem Leben, das vor Euch ist, meint Ihr?« Er hatte mit der Hand verwirrt nach dem Meere gedeutet.

»Ja, Master Davy. Ich weiß nicht recht, wie es ist, aber von dort drüben scheint es mir zu kommen – das Ende von dem allen meine ich , und er sah mich an, als ob er erwache, aber mit demselben entschlossenen Gesicht.

»Welches Ende?« fragte ich noch ganz beherrscht von der Befürchtung, die ich früher ausgesprochen.

»Ich weiß es nicht,« sagte er nachdenklich; »ich dachte eben nach, daß der Anfang von allem hier war – und nun ist das Ende da. – Aber 's ist vorüber, Master Davy,« setzte er hinzu, wohl auf die besorgten Blicke, mit denen ich ihn maß, Bezug nehmend, »Sie brauchen sich nicht vor mir zu fürchten – aber mir ist es so wirr im Kopfe, ich weiß nicht, was ich denken soll.«

Da Mr. Peggotty jetzt stillstand, damit wir ihn einholten, so schwiegen wir. Aber die Erinnerung an diese Szene und meine Besorgnisse dabei traten mir von Zeit zu Zeit wieder vor die Seele, bis das unerbittliche Ende seinerzeit kam.

Ohne es zu merken, näherten wir uns dem alten Boot und traten hinein. Mrs. Gummidge, die nicht mehr in ihrem Schmollwinkel grämelte, war emsig mit dem Frühstück beschäftigt. Sie nahm Mr. Peggotty den Hut ab, stellte ihm seinen Stuhl hin und sprach so sanft und zutraulich zu ihm, daß ich sie kaum wieder erkannte.

»Guter Daniel,« sagte sie, »du mußt essen und trinken und dich aufrechterhalten, denn sonst kannst du nichts unternehmen. Hier, versuch's, lieber Daniel! Und wenn ich dich mit meinem Geklatsch störe, so sag's nur, lieber Daniel, und ich sage kein Wort mehr.«

Als sie das Frühstück aufgetragen hatte, setzte sie sich ans Fenster, wo sie sich emsig mit dem Ausbessern einiger Hemden und anderer Kleider für Mr. Peggotty beschäftigte, die sie hernach sorgfältig zusammenlegte und in einen alten Reisesack von Wachstuch packte, wie ihn die Matrosen tragen. Unterdessen fuhr sie in derselben ruhigen Weise fort zu sprechen.

»Immer und zu jeder Zeit, Daniel,« sagte Mrs. Gummidge, »werde ich hier sein, und alles soll so eingerichtet werden, wie du es wünschest. Es wird mir sauer werden, aber ich werde viele, viele Male an dich schreiben und meine Briefe an Master Davy schicken. Vielleicht schreibst du auch und erzählst mir, wie du dich auf deiner einsamen Reise befindest.«

»Es wird dir recht einsam vorkommen«, sagte Mr. Peggotty.

»Nein, nein, Daniel,« gab sie zur Antwort, »gewiß nicht. Kümmere dich nicht um mich. Ich werde genug zu tun haben, um für dich das Haus in Ordnung zu halten, bis du zurückkehrst oder bis jemand anders wiederkommt, Daniel. Bei schönem Wetter werde ich mich draußen vor die Tür setzen wie früher. Und wenn jemand in die Nähe kommen sollte, so soll er schon von weitem sehen, wie die alte Witfrau immer noch hier aushält.«

Wie hatte sich Mrs. Gummidge in der kurzen Zeit verändert! Sie war zu einer ganz andern Frau geworden. Sie war so willig, sie hatte ein so feines Gefühl für das, was sie sagen sollte, und für das, was sie nicht sagen durfte, sie vergaß so sehr sich selbst und war so rücksichtsvoll gegen den Schmerz der andern, daß ich sie fast verehren mußte.

Und was sie an diesem Tage alles zustande brachte! Gar vielerlei Sachen waren vom Strande herauf und in den Schuppen zu schaffen – wie Ruder, Netze, Segel, Tauwerk, Spieren, Hummerfässer, Ballast und ähnliches, und obgleich helfende Hände genug da waren, denn keiner hatte sich geweigert, für Mr. Peggotty zu arbeiten, und alle hätten sich mit der bloßen Bitte für bezahlt gehalten – so wurde sie doch den ganzen Tag nicht müde, die größten Lasten heraufzuschleppen und mit der größten Anstrengung zu tun, was von ihr nicht verlangt wurde.

Sie schien ganz vergessen zu haben, wie früher über ihr Mißgeschick zu klagen. Sie bewahrte bei allem Mitgefühl eine gleichmäßige Heiterkeit, was an der Veränderung, die über sie gekommen war, nicht das am wenigsten Erstaunliche war. Von Gejammer und mürrischem Wesen war gar keine Rede mehr.

Den ganzen Tag über bis zur Dämmerung bemerkte ich nicht einmal ein Zittern in ihrer Stimme, noch eine verstohlene Träne. Als sie, ich und Mr. Peggotty allein zusammen waren, und er in völliger Erschöpfung eingeschlafen war, brach sie in halbunterdrücktes Schluchzen und Weinen aus, führte mich zur Tür und sagte:

»Gott segne Sie, Master Davy, in alle Ewigkeit, und seien Sie ihm ein Freund, dem armen, lieben Manne!«

Dann lief sie wieder schnell aus dem Hause, sich das Gesicht zu waschen, damit sie, wenn er aufwachte, wieder ruhig neben ihm saß, ihre Arbeit verrichtend. Kurz, als ich abends fortging, ließ ich sie als Stütze und Stab in Mr. Peggottys Herzeleid da, und ich konnte nicht genug nachdenken über die Lehre, die mir Mrs. Gummidge so erteilte, und die neue Erfahrung, um die ich mich bereichert hatte.

Es war zwischen neun und zehn Uhr, als ich, in trübem Nachdenken durch die Stadt spazierend, vor Mr. Omers Tür ankam. Mr. Omer hat es sich so sehr zu Herzen genommen, wie mir seine Tochter erzählte, daß er den ganzen Tag sehr gedrückt gewesen war und sich ohne seine Pfeife zu Bett gelegt hatte.

»Ein falsches, schlechtes Mädchen«, sagte Mrs. Joram. »Sie hat nie etwas Gutes an sich gehabt!«

»Sagen Sie das nicht«, erwiderte ich. »Sie meinen es nicht so.«

»Ja, ich meine es so!« rief Mrs. Joram ärgerlich.

»Nein, nein«, sagte ich.

Mrs. Joram warf den Kopf zurück und wollte sehr scharf und ärgerlich sein, aber sie konnte es nicht über ihr sanfteres Ich gewinnen und fing an zu weinen. Ich war damals freilich noch jung, aber ihre Weichheit tat mir wohl, und es kam mir vor, als ob sie ihr, der tugendhaften Gattin und Mutter, sehr gut stünde.

»Was wird sie nur anfangen!« schluchzte Minnie. »Wo wird sie hingehen! Was wird aus ihr werden! O wie konnte sie so schlecht handeln gegen sich selbst und gegen ihn!«

Ich gedachte der Zeit, wo Minnie ein junges und hübsches Mädchen gewesen, und es freute mich, daß sie sich ebenfalls so gefühlvoll daran erinnerte.

»Meine kleine Minnie«, sagte Mrs. Joram, »ist soeben erst eingeschlafen. Selbst im Schlafe schluchzt sie nach Emmi. Den ganzen Tag hat die Kleine nach ihr geweint und mich gefragt, ob Emmi böse wäre. Was kann ich ihr sagen, wenn Emmi ein Band von ihrem Halse abband und es der Kleinen am letzten Abend, den sie hier war, um den Hals schlang und den Kopf mit auf des Kindes Kissen legte, bis es, eingeschlafen war! Das ist vielleicht ungehörig, aber was kann ich tun? Emmi ist freilich recht schlecht, aber sie hatten sich so lieb! Und das Kind versteht's ja nicht!«

Mrs. Joram fühlte sich so unglücklich und weinte so laut, daß ihr Mann herauskam, um sie unter seine Obhut zu nehmen. Ich verließ sie, um zu Peggotty zu gehen, und fühlte mich womöglich noch trüber gestimmt, als ich es bis jetzt gewesen war.

Die gute Peggotty war trotz der Bekümmernis und der schlaflosen Nächte in der letzten Zeit bei ihrem Bruder geblieben, wo sie die Nacht zubringen wollte.

Eine alte Frau, die in den letzten Wochen, wo Peggotty die Wirtschaft nicht hatte besorgen können, angenommen worden war, befand sich außer mir noch allein im Hause. Da ich ihrer nicht bedurfte, schickte ich sie zu ihrer Zufriedenheit zu Bett und setzte mich eine Weile lang vor das Küchenfeuer, um über das Geschehene nachzudenken.

In meine Vorstellung mischte sich das Sterbebett des seligen Barkis ein, und ich schwamm mit der Ebbe hinaus in die Ferne, in die heute morgen Ham so seltsam hinausgeblickt hatte, als mich ein Klopfen an der Tür aus meinem Nachsinnen weckte. Es war ein Klopfer an der Tür, aber mit diesem wurde nicht geklopft. Der Schall ging von einer Hand aus, und tief unten an der Tür, als ob er von einem Kinde herrührte.

Es überraschte mich, als ob es das Klopfen eines Bedienten einer vornehmen Herrschaft gewesen wäre. Ich machte die Tür auf und sah zu meinem Erstaunen anfangs unter mir weiter nichts, als einen großen Regenschirm, der allein zu laufen schien. Aber gleich darauf entdeckte ich Miß Mowcher darunter.

Ich hätte das kleine Geschöpf wahrscheinlich nicht sehr freundlich empfangen, wenn sie, als sie ihren Regenschirm weglegte, den sie mit der größten Mühe nicht zumachen konnte, das fidele Gesicht gezeigt und wieder die Rolle der »komischen Person« gespielt hätte, die bei unserm Zusammentreffen einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte. Aber als sie zu mir heraufsah, war ihr Gesicht so ernst, und als ich sie von dem Regenschirm erlöst hatte, der für einen irischen Riesen unbequem gewesen wäre, rang sie die kleinen Hände so betrübt, daß ich weicher gegen sie wurde.

»Miß Mowcher!« sagte ich, nachdem ich auf die leere Straße hinausgesehen hatte, ohne recht deutlich zu wissen, was ich noch zu erblicken erwartete, »wie kommen Sie hierher? Was gibt's?«

Sie winkte mir mit ihrem kleinen rechten Arme, ihr den Regenschirm zuzumachen, und ging rasch an mir vorbei in die Küche. Als ich die Tür zugemacht hatte und ihr, den Regenschirm in der Hand, gefolgt war, saß sie schon auf der Ecke des Kaminvorsetzers – er war niedrig und hatte obenauf zwei flache Querstäbe, um Teller darauf zu stellen – im Schatten des Teekessels und schaukelte sich hin und her und rieb sich ihre Hände auf den Knien, als ob sie Schmerzen litte.

In meiner Einsamkeit ganz beunruhigt über diesen ungewöhnlichen Besuch, rief ich abermals aus: »Aber ich bitte Sie, Miß Mowcher, was gibt's denn? Sind Sie krank?«

»Liebes, gutes Kind«, erwiderte Miß Mowcher, und drückte beide Hände auf ihr Herz. »Ich bin hier krank, sehr krank. Schon der Gedanke, daß es dahin kommen mußte, während ich es doch hätte wissen und verhüten können, wenn ich nicht eine leichtsinnige Närrin gewesen wäre!«

Wieder schaukelte sich ihr großer Hut (der mit ihrer Gestalt in gar keinem Verhältnis stand) mit ihrem kleinen Körper vorwärts und rückwärts, während ein riesenhafter Hut im Schattenriß an der Wand mit ihr gleichen Takt hielt.

»Es überrascht mich, Sie in so bekümmerter und ernster Stimmung zu sehen«, fing ich an, als sie mich unterbrach.

»Ja, so ist's immer!« sagte sie. »Sie wundern sich alle, diese leichtsinnigen jungen Leute, die hübsch großgewachsen sind, daß ein kleines Ding, wie ich bin, noch Gefühl hat! Sie brauchen mich wie ein Spielzeug, gebrauchen mich zu ihrer Erheiterung, weisen mich weg, wenn sie meiner müde sind, und wundern sich, daß ich mehr Gefühle habe als ein Schaukelpferd oder ein hölzerner Soldat! Ja, ja, das ist ihre Art, so ist sie immer gewesen.«

»Das ist vielleicht bei andern so,« entgegnete ich, »aber ich versichere Sie, bei mir nicht. Vielleicht sollte es mich gar nicht wundern, daß ich Sie in dieser Aufregung sehe: ich kenne Sie zu wenig.« Ich sprach ohne weiteres, wie es mir ums Herz war.

»Was kann ich tun?« entgegnete die Kleine, indem sie aufstand und mir ihre Arme zeigte. »Sehen Sie! Was ich bin, war mein Vater und sind meine Schwester und mein Bruder noch. Seit vielen Jahren, Mr. Copperfield, habe ich den ganzen Tag lang auf das angestrengteste für die Schwester und den Bruder gearbeitet. Ich muß leben. Ich tue niemand etwas zuleide. Wenn es so leichtsinnige oder böse Menschen gibt, die Scherz mit mir treiben, was bleibt mir dann anders übrig, als auch mit mir und mit ihnen und mit allen übrigen Scherz zu treiben? Wessen Fehler ist das, wenn ich dies manchmal tue? Mein Fehler?«

Nein. Miß Mowchers Fehler gewiß nicht, das sah ich wohl ein.

»Wenn ich mich gegen Ihren falschen Freund als empfindliche Zwergin gezeigt hätte,« fuhr die Kleine fort und schüttelte mit vorwurfsvollem Ernst den Kopf, »glauben Sie mir, daß er mich jemals empfohlen oder mir geholfen hätte? Wenn sich die kleine Mowcher an ihn oder seinesgleichen in ihrem Unglück gewendet hätte, glauben Sie, daß er auf ihr Stimmchen gehört hätte? Die kleine Mowcher müßte ebenso gut leben, wenn sie die dümmste und malitiöseste aller Zwerginnen wäre. Aber sie könnte es nicht. Nein. Sie könnte nach Brot und nach Butter pfeifen, bis sie von der Luft stürbe!«

Miß Mowcher setzte sich nieder auf das Kamingitter, zog ihr Taschentuch heraus und wischte sich die Augen.

»Seien Sie statt meiner dankbar, wenn Sie, wie ich glaube, ein gutes Herz haben,« sagte sie, »daß ich noch heiter sein und dies alles ertragen kann, obwohl ich nur zu wohl weiß, was ich bin. Ich selbst wenigstens bin dankbar dafür, daß ich mich auf meine bescheidene Weise durch die Welt schlage, ohne irgendjemand verpflichtet zu sein, und daß ich, was mir auch Torheit oder Eitelkeit anhängen mögen, den Leuten gleichfalls Schwindel vormachen kann. Wenn ich nicht über alles, was mir fehlt, nachgrüble, so ist das um so besser für mich und gereicht niemand zum Schaden. Bin ich für euch Riesen ein Spielzeug, so geht sanft mit mir um.«

Miß Mowcher steckte das Taschentuch wieder ein, sah mich sehr aufmerksam an und fuhr dann fort:

»Ich sah Sie soeben auf der Straße. Sie können sich denken, daß ich Sie mit meinen kurzen Beinen und meinem kurzem Atem nicht einholen konnte, aber ich erriet, woher Sie kamen, und ging Ihnen nach. Ich war heute schon einmal hier, aber die gute Alte war nicht zu Hause.«

»Kennen Sie sie?« fragte ich.

»Ich kenne sie nicht persönlich, habe aber von Omer und Joram oft von ihr gehört«, gab sie zur Antwort. »Ich war heute früh um sieben dort. Wissen Sie noch, was Steerforth damals, wo ich Sie zuerst im Gasthof sah, von diesem unglücklichen Mädchen sagte?«

Der große Hut auf Miß Mowchers Kopf und der noch größere Hut an der Wand schaukelten sich wieder hin und her, als sie diese Frage stellte.

Ich erinnerte mich sehr wohl dessen, worauf sie anspielte, denn es war mir seitdem oft in den Sinn gekommen, und ich sagte es ihr.

»Möge ihn der Urheber alles Bösen verwirren«, sagte die kleine Frau und hob ihren Zeigefinger vor ihren funkelnden Augen in die Höhe, »und zehnmal mehr noch diesen schlechten Kerl von Bedienten; aber ich glaubte, Sie hätten sich in sie verliebt!«

»Ich?« wiederholte ich. »Kind, Kind! Ihr Mächte des blinden Unglücks«, rief Miß Mowcher und rang ungeduldig die Hände. »Warum flossen Sie so über von ihrem Lobe und wurden so rot und so verlegen!«

Ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich dies getan hatte, obgleich aus ganz anderm Grunde, als sie glaubte.

»Was wußte ich?« sagte Miß Mowcher und zog ihr Taschentuch heraus und stampfte immer mit dem Fuße auf den Boden, wenn sie es mit beiden Händen an die Augen brachte. »Ich sah, daß er etwas gegen Sie im Schilde führte. Er schmeichelte Ihnen und redete Ihnen gut zu, wie ich wohl merkte, und Sie waren wie weiches Wachs in seinen Händen. Ich hatte kaum eine Minute das Zimmer verlassen, als mir sein Bedienter sagte, daß sich die ›junge Unschuld‹ – so nannte er Sie, und Sie können ihn in Zukunft die ›alte Sünde‹ nennen – in das Kind verliebt hätte, und daß sie leichtsinnig sei und ihn gern habe, aber sein Herr sei entschlossen, daß nichts Schlimmes daraus entstehen solle – mehr um Ihret- als um des Mädchens willen – und daß er mit seinem Diener deshalb in Yarmouth wäre.

Mußte ich ihnen nicht glauben? Ich sah, wie Steerforth gleichsam zu ihrer Beruhigung das Mädchen lobte! Sie nannten zuerst ihren Namen, Sie gaben zu, daß Sie früher einer ihrer Bewunderer gewesen wären. Sie wurden abwechselnd rot und blaß, wenn ich von ihr sprach! Konnte ich etwas anderes denken, als daß Sie ein junger Schwerenöter wären, dem nur die Erfahrung fehlte, und in Hände gefallen wären, die Erfahrung genug hatten und Sie nötigenfalls zu Ihrem eigenen Besten leiten konnten?

O! o! Sie befürchteten, ich möchte der Wahrheit auf den Grund kommen«, rief Miß Mowcher aus und sprang auf und streckte ihr Ärmchen kummervoll in die Höhe – »weil ich ein kleines, schlaues Ding bin – ich muß wohl schlau sein, wenn ich überhaupt durch die Welt kommen will! – und Sie führten mich ganz und gar hinters Licht und gaben mir an das arme Mädchen einen Brief mit, der sicherlich nur für Littimer war, um seine Bekanntschaft mit ihr anzubahnen, und der nachher für diesen Zweck hier zurückgelassen wurde.«

Ich mußte vor der Enthüllung solcher Verräterei verstummen und konnte daher nur Miß Mowcher ansehen, wie sie in der Küche auf und ab ging, bis sie außer Atem kam. Dann setzte sie sich wieder auf den Kaminvorsetzer, wischte sich wieder die Augen und das Gesicht und schüttelte lange, lange Zeit mit dem Kopfe, ohne sich zu rühren und ohne ein Wort zu äußern.

»Meine Rundreisen«, fuhr sie endlich fort, »brachten mich vorgestern abend nach Norwich. Was ich dort zufälligerweise von ihren heimlichen Zusammenkünften erfuhr, ohne daß Sie dabei waren – was mir seltsam vorkam – ließ mich nichts Gutes argwöhnen. Ich setzte mich vorige Nacht in den Londoner Eilwagen und bin heute morgen hier eingetroffen. O! o! o! Zu spät!«

Der armen kleinen Mowcher war von dem Weinen und Klagen so kalt geworden, daß sie sich auf dem Kaminvorsetzer wieder umdrehte, die kleinen nassen Füße in die Asche steckte, um sie zu wärmen, und still vor dem Feuer saß wie eine große Puppe. Ich saß auf einem Stuhl auf der andern Seite des Kamins, in trübe Gedanken verloren, und sah manchmal das Feuer und manchmal sie an.

»Ich muß jetzt gehen«, sagte sie und stand auf. »Es ist schon spät. Sie trauen mir doch?«

Wie ich ihrem durchdringenden Blicke begegnete, konnte ich es nicht über das Herz bringen, ganz offen »ja« zu sagen.

»Nun, Sie würden mir aber trauen, wenn ich von natürlicher Größe wäre«, sagte sie, indem sie sich von mir über das Gitter helfen ließ und mir betrübt ins Gesicht sah.

Ich fühlte, daß darin sehr viel Wahres lag, und schämte mich fast vor mir selbst.

»Sie sind noch jung«, meinte sie mit einem Kopfnicken. »Nehmen Sie einen Rat selbst von einem Dreikäsehoch an. Verbinden Sie mit dem Gedanken an körperliche Mängel nie die Voraussetzung von geistigen, wenn Sie nicht ganz guten Grund dazu haben.«

Ich hatte ihr jetzt über das Gitter geholfen und sogleich meinen Argwohn überwunden. Ich versicherte sie, daß ich ihr vollständig glaube und daß wir beide blinde Werkzeuge in arglistigen Händen gewesen wären. Sie dankte mir dafür und sagte, ich sei ein guter Mensch.

»Jetzt geben Sie acht!« rief sie aus, indem sie sich auf dem Wege nach der Tür umdrehte und mich mit emporgehaltenem Zeigefinger schlau ansah. »Ich habe einigen Grund, zu glauben – ich habe hier und da etwas gehört, und meine Ohren sind fein – daß sie über den Kanal gegangen sind. Wenn sie jemals einzeln oder zusammen wo verkehren, solange ich am Leben bin, so kann ich ihnen eher als andere bei meiner wandernden Lebensweise begegnen. Wenn ich was erfahre, so sollen Sie es auch wissen. Wenn ich einmal etwas für das arme, verführte Mädchen tun kann, so will ich es, so Gott will, getreulich tun. Und für Littimer wäre es besser, wenn ihn ein Bluthund verfolgte anstatt der kleinen Mowcher.«

Ich schenkte, als ich den Blick bemerkte, mit dem sie das eben Gesagte sprach, ihrer letzten Versicherung unbedingten Glauben.

»Trauen Sie mir nicht mehr, aber auch nicht weniger zu, als einer Frau von natürlicher Größe«, sagte die Kleine und erfaßte bittend meine Hand. »Wenn Sie mich jemals nicht so wie jetzt, sondern so, wie Sie mich zuerst kennen lernten, wiedersehen, so merken Sie wohl auf, in welcher Gesellschaft ich mich befinde. Vergessen Sie nicht, daß ich ein hilf- und schutzloses Geschöpf bin. Stellen Sie sich mich vor, mit einem Bruder und einer Schwester, die mir ähnlich sind, und mit denen ich abends nach geschehener Arbeit beisammen bin. Vielleicht werden Sie sich dann nicht so sehr wundern, daß ich auch ernst und bekümmert sein kann. Gute Nacht!« Ich gab Miß Mowcher die Hand mit einer ganz andern Meinung von ihr, als ich früher hatte, und machte ihr die Tür auf, um sie hinaus zu lassen. Es war keine Kleinigkeit, den großen Regenschirm in die Höhe und in ihrer Hand in das gehörige Gleichgewicht zu bringen, aber es gelang mir endlich, und ich sah ihn durch den Regen die Straße hinabschwanken, ohne daß man im mindesten merkte, daß jemand darunter war, außer wenn ein ungewöhnlich starker Guß aus einer Dachrinne ihn aus dem Gleichgewicht brachte und Miß Mowcher im angestrengten Bemühen, ihn wieder aufzurichten, erblicken ließ. Nachdem ich ihr zu ihrer Unterstützung zwei- oder dreimal beigesprungen war, was aber durch das Weiterschwanken des Regenschirms unnütz wurde, denn der Schirm hüpfte wie ein Riesenvogel vor mir her, ehe ich ihn erreichen konnte, begab ich mich wieder in das Haus, ging zu Bett und schlief bis zum Morgen.

Früh kamen Mr. Peggotty und meine alte Wärterin zu mir, und wir gingen zusammen nach dem Landkutschenbureau, wo Mrs. Gummidge und Ham auf uns warteten, um das Lebewohl zu sagen.

»Master Davy,« flüsterte Ham, nachdem er mich beiseitegezogen, während Mr. Peggotty sein Gepäck im Wagen unterbrachte, »es ist ganz aus mit ihm. Er weiß nicht, wo er hingeht, er weiß nicht, was er zu erwarten hat, er tritt eine Reise an, die sein lebelang dauern wird, da gebe ich Ihnen mein Wort darauf, bis er findet, was er sucht. Ich weiß, Sie werden sein Freund bleiben, Master Davy.«

»Gewiß, verlassen Sie sich darauf«, sagte ich ernst und schüttelte Ham herzlich die Hand.

»Ich danke Ihnen, Ich danke Ihnen, lieber Herr. Noch eins. Ich habe gute Arbeit, das wissen Sie ja, Master Davy, und weiß nicht, was ich mit meinem Verdienst anfangen soll. Jetzt ist mir das Geld von keinem Nutzen mehr, außer was ich gerade zum Leben brauche. Wenn Sie es für ihn anlegen können, wird mir die Arbeit leichter werden, obgleich Sie deshalb nicht denken dürfen –« und er sprach dies sehr ruhig, aber überzeugungstreu aus – »daß ich nicht immer wie ein Mann arbeiten und tun werde, was in meinen Kräften steht.«

Ich sagte ihm, ich sei davon überzeugt, und ich deutete sogar auf die Möglichkeit hin, daß er einstmals das einsame Leben aufgeben werde, an das er jetzt natürlicherweise nur allein dächte.

»Nein,« sagte er und schüttelte den Kopf, »damit ist's vorüber bei mir! Niemand kann den Platz ausfüllen, der leer ist. Aber Sie werden es mit dem Gelde nicht vergessen, denn immer wird bei mir etwas für ihn da sein.«

Ich machte ihm bemerklich, daß Mr. Peggotty ein sicheres, wenn auch bescheidenes Einkommen von der Hinterlassenschaft seines verstorbenen Schwagers beziehe, versprach ihm aber zugleich, seinen Wunsch zu erfüllen. Dann nahmen wir voneinander Abschied. Selbst jetzt kann ich nicht ohne Wehmut an seine bescheidene feste Haltung und seinen tiefen Kummer zurückdenken.

Wollte ich versuchen zu beschreiben, wie Mrs. Gummidge neben dem Wagen die Straße hinabrannte, wie sie durch ihre hervorbrechenden Tränen nur Mr. Peggotty auf dem Kutschdache sah, und Leute, die ihr entgegenkamen, anrannte, so würde ich mich auf eine etwas schwierige Aufgabe einlassen. Darum lasse ich sie besser auf der Türstufe eines Bäckers sitzen, außer Atem wie sie war; ihr Hut hatte alle Fasson verloren, und einer ihrer Schuhe lag eine ziemliche Strecke weit auf dem Pflaster.

Als wir unser Reiseziel erreicht hatten, war unser erster Weg nach einer kleinen Wohnung für meine Peggotty, wo auch ihr Bruder schlafen konnte. Wir waren so glücklich, bald eine passende zu finden, nicht allzuweit von meiner Wohnung. Als wir dort gemietet hatten, kaufte ich etwas kaltes Fleisch in einem Speisehause und nahm meine Reisegefährten mit nach Hause zum Tee; ein Schritt, der, wie ich zu meinem Bedauern sagen muß, durchaus nicht Mrs. Crupps Billigung fand.

Ich muß jedoch zur Erklärung ihres Gemütszustandes erwähnen, daß sie sich sehr gekränkt fühlte, als Peggotty, bevor sie zehn Minuten bei mir gewesen war, ihr Witwenkleid aufschürzte und mein Schlafzimmer auszukehren anfing. Das betrachtete Mrs. Crupp als eine Freiheit, die sich meine Begleiterin nahm, und eine Freiheit, sagte sie, werde sie nie gestatten.

Mr. Peggotty hatte mir während der Reise nach London etwas gesagt, was mir nicht ganz unerwartet kam. Er wollte nämlich vor allen Dingen Mrs. Steerforth aufsuchen. Da ich mich verpflichtet fühlte, ihm darin beizustehen und zwischen den beiden zu vermitteln, um die Gefühle der Mutter so viel wie möglich zu schonen, schrieb ich noch am Abend unserer Ankunft an sie.

In so schonenden Ausdrücken wie nur möglich teilte ich ihr mit, was er getan und inwieweit ich selbst Mitschuldiger zu nennen war. Ich sagte ihr, der Betroffene sei ein Mann von sehr niederm Stande, aber von redlichem und bravem Charakter, und daß ich zu hoffen wage, sie werde ihm bei seinem schweren Herzeleid die Zusammenkunft nicht versagen. Ich nannte zwei Uhr nachmittags als die Stunde unseres Kommens und schickte den Brief durch die erste Frühpost weg.

Zur bestimmten Stunde standen wir an der Tür – an der Tür des Hauses, wo ich vor wenigen Tagen noch so glücklich gewesen war: wo sich das Vertrauen und die Wärme meines jugendlichen Herzens so offen hingegeben hatten: vor dem Hause, das mir von nun an verschlossen sein sollte, und das mir fortan nur eine Wüste und eine Ruine war.

Kein Littimer zeigte sich. Das angenehme Gesicht, das ich anstatt seiner schon bei meinem letzten Besuch erblickt hatte, erschien auch diesmal auf unser Klingeln und führte uns in den Salon. Dort saß Mrs. Steerforth. Rosa Dartle glitt, als wir eintraten, aus einem andern Teile des Zimmers zu ihr, und stellte sich hinter ihren Stuhl.

Ich sah sogleich an dem Gesicht der Mutter, daß er ihr selbst alles mitgeteilt hatte. Es war sehr blaß und trug die Spuren einer tiefern Bewegung, als mein Brief erzeugen konnte, der in seinem Eindruck geschwächt war von den Zweifeln, die ihr ihre Liebe eingeben mußte.

Sie saß aufrecht in ihrem Lehnstuhl, stattlich, unbeweglich, leidenschaftslos, als ob sie durch nichts aus dem Gleichgewichte gebracht werden könnte. Sie sah Mr. Peggotty, als er vor ihr stand, sehr fest an, und er sah sie ebenso fest an. Rosa Dartles scharfer Blick beherrschte uns alle. Einige Augenblicke wurde kein Wort gesprochen.

Sie lud Mr. Peggotty mit einem Wink ein, sich zu setzen. Er sagte mit gedämpfter Stimme:

»Ich würde es ganz unmöglich finden, Madame, mich hier in diesem Hause niederzusetzen. Ich will lieber stehen.«

Und darauf folgte wieder eine Pause, die sie mit den Worten unterbrach:

»Ich weiß zu meinem tiefen Bedauern, was Sie hierher führt. Was verlangen Sie von mir, was soll ich für Sie tun?«

Er nahm den Hut unter den Arm, zog Emiliens Brief aus der Tasche, machte ihn auf und überreichte ihn ihr.

»Bitte, lesen Sie das, Madame. Es ist von meiner Nichte.«

Sie las ihn in derselben hochmütigen gelassenen Weise – wie es schien, ungerührt von dem Inhalt – und gab ihn zurück.

»Wenn er mich als seine Gattin zurückbringt«, sagte Mr. Peggotty und wies mit dem Finger auf die Stelle. »Ich will wissen, Madame, ob er sein Wort hält.«

»Nein«, sagte sie.

»Warum nicht?« fragte Mr. Peggotty.

»Es ist unmöglich. Es würde ihm zur Unehre gereichen. Sie müssen doch einsehen, daß sie weit unter seinem Stande ist.«

»So erheben Sie sie«, sagte Mr. Peggotty. »Sie hat weder Erziehung noch Bildung.«

»Vielleicht, vielleicht auch nicht«, sagte Mr. Peggotty. »Ich glaube es nicht, Madame, aber ich habe kein Urteil in solchen Sachen. Erziehen Sie sie!«

»Da Sie mich nötigen, offener zu sprechen, was ich sehr ungern tue, so muß ich sagen, daß ihre Familienverbindungen an sich so etwas schon unmöglich machen.«

»Hören Sie mich, Madame«, erwiderte er langsam und ruhig. »Sie wissen, was es heißt, sein Kind lieben. Ich weiß es auch. Sie wissen nicht, was es heißt, sein Kind verlieren. Ich weiß es. Wenn alle Reichtümer der Welt mein wären, so wären sie mir nicht zuviel, sie zurückzukaufen! Aber retten Sie sie vor der Schande, und wir werden ihr nie mehr zur Unehre gereichen. Keiner von allen jenen, unter denen sie aufgewachsen ist und denen sie so viele Jahre alles in allem war, wird ihr liebes Gesicht wieder sehen. Wir werden uns beruhigen, wenn wir an sie denken können, als ob sie weit, weit weg von uns unter einem andern Himmel und einer andern Sonne wäre; wir werden sie ihrem Gatten und vielleicht der Sorge für ihre Kleinen überlassen und die Zeit erwarten, wo wir alle gleich sind vor Gott!«

Seine ungeschminkte Beredsamkeit blieb nicht ohne Wirkung. Sie behielt ihr stolzes Wesen noch bei, aber ihre Stimme tönte milder, als sie antwortete:

»Ich entschuldige nichts. Ich mache keine Gegenbeschuldigungen. Aber es tut mir leid, wiederholen zu müssen: es ist unmöglich. Eine solche Heirat würde die Zukunft meines Sohnes unwiederbringlich kompromittieren. Nichts ist sicherer, als daß sie nie stattfinden kann und nie stattfinden wird. Wenn ich es auf eine andere Weise wieder gutmachen kann –«

»Ich sehe das Ebenbild des Gesichts vor mir,« unterbrach sie Mr. Peggotty mit ruhigem, aber flammendem Blick, »das mich angesehen hat in meinem Hause, an meinem Kamin, in meinem Boote und wo nicht noch alles – und immer mit freundlichem Lächeln, während es doch auf Verrat sann, und ich möchte bei dem bloßen Gedanken daran wahnsinnig werden. Wenn das Ebenbild dieses Gesichtes nicht zu brennendem Feuer wird bei dem Gedanken, mir für die Schande und das Verderben meines Kindes Geld anzubieten, so ist das schlecht genug. Ich weiß nicht, da ich eine Dame vor mir habe, ob es nicht noch schlechter ist.«

Sie wurde jetzt in einem Augenblick anders. Eine jähe Röte überzog ihr Gesicht, und sie sagte heftig, indem sie die Lehne des Stuhls mit ihren Händen packte:

»Welche Entschädigung können Sie mir geben, daß Sie eine solche Kluft geöffnet haben zwischen mir und meinem Sohne? Was ist Ihre Liebe gegen die meine? Was ist Ihre Trennung gegen die unsere?«

Miß Dartle legte leise die Hand auf ihre Schulter und flüsterte ihr etwas zu, aber sie wollte sie nicht hören.

»Nein, Rosa, kein Wort! Er mag hören, was ich ihm zu sagen habe! Mein Sohn, der die Zukunft meines Lebens war, dem jeder meiner Gedanken galt, dem ich von Kindheit auf in jedem seiner Wünsche nachgegeben habe, von dem ich nicht getrennt war seit seiner Jugend, läuft jetzt einem elenden Mädchen nach und meidet mich! Er belohnt mein Vertrauen mit systematischer Täuschung ihretwegen und verläßt mich ihretwegen! Für diese niedrige Leidenschaft die Ansprüche seiner Mutter, seine Pflicht, seine Liebe und Achtung, seine Dankbarkeit zu opfern – Ansprüche, die jeder Tag und jede Stunde seines Lebens zu unzerreißbaren Banden hätten befestigen sollen! Ist das kein Unrecht?!«

Abermals bemühte sich Rosa Dartle, sie zu besänftigen; abermals umsonst.

»Nicht ein Wort, Rosa, sage ich! Wenn er sein Alles auf den geringfügigsten Gegenstand setzen kann, so kann ich mein Alles auf eine größere Sache setzen. Er mag mit den Mitteln, die ihm meine Liebe gegeben hat, gehen, wohin er will! Meint er, er werde durch lange Abwesenheit meinen Sinn mürbe machen? Dann muß er seine Mutter sehr wenig kennen! Wenn er jetzt seinen törichten Einfall fallen läßt, so soll er mir willkommen sein. Tut er es jetzt nicht, so soll er lebend oder sterbend nie in meine Nähe kommen, solange ich meine Hände abwehrend bewegen kann, wenn er sich nicht von ihr losgesagt hat und mich demütig um Verzeihung bittet. Das ist mein Recht. Das verlange ich von ihm. Das trennt uns jetzt voneinander! Und ist dies kein mir angetanes Unrecht?!« setzte sie hinzu und sah Mr. Peggotty mit demselben stolzen, harten Blick wie vorhin an.

Als ich die Mutter diese Worte sprechen hörte und dabei aufsah, da war es mir, als ob ich den Sohn selbst hörte und sähe. Seinen ganzen trotzigen, selbstwilligen Charakter sah ich in ihr. Soweit ich seine irregeleitete Energie verstanden hatte, verstand ich auch jetzt ihren Charakter und sah, daß er in seinen mächtigsten Triebfedern derselbe war.

Dann bemerkte sie, zu mir gewendet, so gezwungen wie vorhin, daß es nutzlos sei, mehr zu hören oder mehr zu sagen, und daß sie den Besuch beendigt zu sehen wünschte. Sie stand würdevoll auf, um das Zimmer zu verlassen, als Mr. Peggotty ihr bedeutete, dies sei nicht nötig.

»Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen noch länger beschwerlich fallen werde, denn ich habe weiter nichts zu sagen«, bemerkte er und wendete sich der Tür zu. »Ich kam ohne Hoffnung hierher und nehme keine Hoffnung mit fort. Ich habe getan, was ich für meine Schuldigkeit hielt, aber ich habe keinen Erfolg von meinem Hiersein erwartet. Dieses Haus ist für mich und die Meinigen zu unheilvoll gewesen, als daß ich vernünftigerweise etwas andres erwarten könnte.«

So verabschiedeten wir uns, und sie blieb neben ihrem Stuhle stehen, ein Bild von adligem Wesen und schönem Ansehen.

Um hinauszukommen, hatten wir über einen gepflasterten Vorhof mit gläsernen Wänden und gläsernem Dach, von Reben umlaubt, zu gehen. Die Triebe und Blätter waren frisch ergrünt, und da der Tag schön war, stand die nach dem Garten führende Glastür offen. Als wir dicht daran vorbeigingen, huschte Rosa Dartle mit geräuschlosem Schritt herein und wandte sich zu mir:

»Ein schöner Einfall, wahrhaftig! diesen Menschen herzubringen«, sagte sie. Eines so konzentrierten Ausdrucks von Wut und Verachtung, wie er ihr Gesicht verdunkelte und in ihren schwarzen Augen flammte, hätte ich sie nicht für fähig gehalten. Wie immer, wenn sie aufgeregt war, trat die alte Narbe auffällig hervor. Als ich das früher bemerkte Zucken auch jetzt wieder gewahr wurde, erhob sie die Hand und schlug darauf.

»Eine schöne Person, um sich ihrer als Advokat anzunehmen! Sie sind mir ein rechter Mann«, sagte sie.

»Miß Dartle«, erwiderte ich. »Sie können nicht so ungerecht sein, mir die Schuld beizumessen!«

»Warum säen Sie Zwietracht zwischen diese beiden wahnsinnigen Naturen?« gab sie zur Antwort. »Wissen Sie nicht, daß sie beide durch ihren Eigenwillen und ihren Stolz wahnsinnig sind?«

»Ist das meine Schuld?« erwiderte ich.

»Es ist Ihre Schuld!« antwortete sie. »Warum bringen Sie diesen Menschen hierher?«

»Er ist auf das tiefste verletzt, Miß Dartle«, entgegnete ich. »Sie wissen es vielleicht nicht.«

»Ich weiß, daß James Steerforth«, sagte sie und legte die Hand auf den Busen, als wollte sie einen darin tobenden Sturm niederhalten, »ein falsches, verderbtes und verräterisches Herz hat. Aber was geht mich dieser Mensch und dieses gemeine Mädchen an?«

»Miß Dartle,« sagte ich jetzt, »Sie verschlimmern das Unrecht noch. Es ist schon groß genug. Ich will nur noch das eine zum Abschied sagen, daß Sie ihm sehr unrecht tun.« »Ich tue ihm kein Unrecht«, sagte sie. »Es ist schlechtes, unwürdiges Pack! Ich wollte, ich könnte sie auspeitschen lassen.«

Mr. Peggotty ging, ohne ein Wort zu sagen, an ihr vorüber und zur Tür hinaus.

»O pfui, Miß Dartle! pfui!« rief ich entrüstet. »Wie können Sie seinen unverdienten Schmerz so mit Füßen treten!«

»Ich möchte sie alle mit Füßen treten«, gab sie zur Antwort. »Ich wollte, ich könnte sein Haus niederreißen lassen. Ich möchte das Mädchen brandmarken lassen auf der Stirn, sie in Lumpen kleiden und auf die Straße hinauswerfen, daß sie verhungert. Wenn ich über sie zu urteilen hätte, so müßte das geschehen. Ich selbst würde es tun! Ich verabscheue sie. Wenn ich ihr jemals ihre Schande vorwerfen könnte, würde ich es tun, wo es auch wäre. Wenn ich sie zu Tode hetzen könnte, würde ich es tun. Und wenn ihr ein Wort des Trostes eine Erquickung in ihrer Sterbestunde wäre, und ich allein könnte es sagen, ich würde es nicht tun, und wenn es mir das Leben kostete.«

Die Worte allein geben nur einen schwachen Begriff von der Leidenschaft, die sie erfüllte und die sich in ihrer ganzen Gestalt und in ihrer doch gedämpften Stimme zu erkennen gab. Keine Beschreibung, die ich zu geben vermöchte, kommt der Lebendigkeit meiner Erinnerung gleich oder der Wut, von der sie fortgerissen wurde. Ich habe die Leidenschaft unter vielerlei Gestalten gesehen, aber noch nie in dieser.

Als ich Mr. Peggotty wieder einholte, ging er langsam und nachdenklich die Straße entlang. Als ich ihn erreichte, sagte er mir, er gedenke jetzt, da er das getan habe, was er sich in London vorgenommen hatte, heute abend noch seine Reise anzutreten. Ich fragte ihn, wohin er gehen wolle. Er antwortete nur: »Ich will meine Nichte suchen.«

Wir gingen in unsere bescheidene Wohnung über den Kramladen zurück, und dort fand ich Gelegenheit, Peggotty zu erzählen, was er zu mir gesagt habe. Sie wußte von seinem Reiseziel nicht mehr als ich, aber sie glaubte, er habe schon einen festen Plan im Kopfe.

Ich wollte ihn unter solchen Umständen nicht verlassen; wir aßen alle drei eine Beefsteakpastete, eines der vielen guten Dinge, durch die sich Peggotty auszeichnete, und die, wie ich mich noch recht wohl erinnere, gar merkwürdig durch ein Duftgemenge von Tee, Kaffee, Butter, Speck, Käse, frischem Brot, Holz, Lichtern und ähnlichen Gegenständen aus dem kleinen Kram unten gewürzt war.

Nach dem Essen saßen wir ein paar Stunden am Fenster, ohne viel zu reden; und dann stand Mr. Peggotty auf, holte seinen wachsleinwandnen Reisesack und seinen derben Stock herbei und legte sie auf den Tisch.

Er nahm aus dem Barvorrat seiner Schwester eine kleine Summe als Abschlag auf seine Erbschaft an; so klein, daß sie meines Erachtens kaum einen Monat reichen konnte. Er versprach mir zu schreiben, wenn ihm etwas zustieße; dann warf er den Reisesack über den Rücken, nahm Hut und Stock und sagte uns beiden Lebewohl.

»Gott segne dich, meine gute Alte,« sagte er und umarmte Peggotty; »und Sie auch, Master Davy«, setzte er hinzu, indem er mir die Hand schüttelte. »Ich werde sie suchen nah und fern. Wenn sie zurückkehren sollte, während ich abwesend bin – aber ach, das wird wohl nicht der Fall sein! – oder wenn ich sie zurückbringen sollte, dann werde ich mit ihr leben und sterben, wo ihr niemand Vorwürfe machen kann. Wenn mir etwas zustoßen sollte, so vergeßt nicht, daß meine letzten Worte für sie waren: ›Meine unveränderte Liebe ist immer noch bei meinem teuern Kinde, und ich verzeihe ihr.‹«

Er sagte dies feierlich und mit entblößtem Kopfe. Dann setzte er den Hut auf und ging die Treppe hinab und fort. Wir begleiteten ihn bis an die Tür.

Es war ein warmer, staubiger Abend, und gerade die Zeit, wo in der Hauptverkehrsader, von der diese Nebenstraße abzweigte, eine zeitweilige Stille von dem ewigen Schall der Tritte auf dem Pflaster eintrat, und die Sonne in grellrotem Lichte schien. An der Ecke unserer schattigen Straße umbiegend, trat er, eine einsame Gestalt, in eine lichte Glut, und wir hatten ihn aus dem Auge verloren.

Wohl selten kam diese Abendstunde herbei, selten erwachte ich nachts, selten sah ich zum Monde oder zu den Sternen empor, oder beobachtete den fallenden Regen, oder hörte den Wind pfeifen, ohne daß ich an die einsame Gestalt des armen Wanderers dachte, wie er weiter und weiter wanderte, und mir die Worte zurückrief: »Ich werde sie suchen nah und fern. Wenn mir etwas zustoßen sollte, so vergeßt nicht, daß meine letzten Worte für sie waren: ›Meine unveränderte Liebe ist immer noch bei meinem teuern Kinde, und ich verzeihe ihr.‹«

Dreiunddreißigstes Kapitel.
Wonnevoll.

Die ganze Zeit über hatte ich Dora glühender als je geliebt. Der Gedanke an sie war meine Zuflucht in Schmerz und Mißbehagen und entschädigte mich sogar einigermaßen für den Verlust meines Freundes. Je mehr ich mich selbst oder andere bedauerte, desto mehr suchte ich Trost in dem Bilde Doras. Je mehr Betrug und Ungemach die Welt erfüllte, desto strahlender und reiner glänzte mir der Stern Doras hoch über der Welt. Ich glaube nicht, daß ich mir eine bestimmte Vorstellung darüber machte, woher Dora sei und welchem Range höherer Wesen sie angehöre, aber das weiß ich bestimmt, daß ich den Gedanken, sie sei einfach irdischer Abkunft, wie jede andere junge Dame auch, mit Entrüstung und Verachtung zurückgewiesen hätte.

Ich war nicht nur bis über die Ohren in sie verliebt, sondern auch durch und durch von Liebe zu ihr durchtränkt, wenn man so sagen kann. Man hätte genug Liebe aus mir auswringen können, um bildlich zu sprechen, um wer weiß wie viele darin zu ertränken; und doch wäre noch genug in mir geblieben, um mein ganzes Ich zu durchdringen.

Das erste, was ich nach meiner Ankunft tat, war, einen Abendspaziergang nach Norwood zu machen und dort »fortwährend das Haus zu umkreisen, ohne es zu berühren«, wie es in einem Rätsel aus meiner Kinderzeit heißt, und immer dabei an Dora zu denken. Ich glaube, Gegenstand dieses unbegreiflichen Rätsels war der Mond. Einerlei – ich, der mondsüchtige Sklave Doras, umwanderte immer wieder Haus und Garten zwei Stunden lang, um durch die Spalten in der Gartenplanke zu gucken, mit großer Anstrengung mein Kinn über die verrosteten Nägel auf der obersten Planke zu bringen, den Lichtern in den Fenstern Kußhände zuzuwerfen und romantisch die Nacht anzurufen, meine Dora zu schützen – ich weiß nicht recht mehr wovor, wahrscheinlich vor Feuer. Aber vielleicht auch vor Mäusen, vor denen sie eine große Furcht hatte.

Meine Liebe erfüllte mir so sehr die Seele, und es war mir so natürlich, mich Peggotty anzuvertrauen, als sie eines Abends, mit dem alten Nähapparat ausgerüstet, eifrig der Ausbesserung meiner Garderobe oblag und neben mir saß, daß ich ihr das große Geheimnis mitteilte, natürlich nicht allzu zusammenhängend.

Peggotty schenkte mir ihre vollste Teilnahme und hörte mir mit dem lebhaftesten Interesse zu, aber zu meiner Ansicht von der Sache konnte ich sie nicht bekehren. Sie war außerordentlich zu meinen Gunsten eingenommen und konnte durchaus nicht begreifen, wie ich Zweifel hegen oder niedergeschlagen sein konnte. »Die junge Dame kann sich zu einem solchen Schatz gratulieren«, bemerkte sie. »Und was ihren Vater betrifft,« sagte sie, »was verlangt denn der eigentlich?«

Ich bemerkte jedoch, daß Mr. Spenlows Proktorenwürde, der schwarze Talar und die steife Halsbinde, Peggotty ein wenig einschüchterten und ihr etwas mehr Ehrfurcht vor dem Manne einflößten, der in meinen Augen jeden Tag ätherischer wurde, und den, wenn er im Gericht unter seinen Papieren aufrecht saß, ein Strahlenglanz zu umgeben schien, daß er aussah, wie ein kleiner Leuchtturm in einem Meere von Pergament und Papier. Und beiläufig gesagt, kam es mir ungewöhnlich seltsam vor, wenn ich bedachte, während ich im Gericht war, wie diese duseligen alten Richter und Doktoren sich nicht um Dora kümmern würden, wenn sie sie gekannt hätten: wie sie nicht vor Entzücken von Sinnen gekommen wären, wenn ihnen eine Heirat mit Dora angetragen worden wäre: wie Dora ihnen hätte vorsingen und auf jener herrlichen Gitarre vorspielen können, bis ich um den Verstand gekommen wäre, ohne einen dieser Bedächtigen auch nur einen Zoll breit aus seinem Geleise zu bringen!

Ich verachtete sie alle ohne Ausnahme. Als ausgefrorene alte Gärtner in den Blumenbeeten des Herzens erschienen sie mir wie persönliche Feinde. Die Richterbank erschien mir als eine gefühllose Schlafmütze. Und die Barre war aller Zärtlichkeit und Poesie gerade so bar, wie jeder sonstige gewöhnliche Balken oder Barren, so hölzern wie der Name Holz an sich schon klingt.

Ich übernahm nicht ohne Stolz die Leitung von Peggottys Erbschaftsangelegenheiten, prüfte das Testament auf seine Gültigkeit, machte alles auf der Erbschaftssteuer ab, nahm sie mit nach der Bank und hatte bald alles in besten Zug gebracht. Wir brachten in diese juristischen Maßnahmen einige Abwechselung, indem wir uns in Fleetstreet ein Wachsfigurenkabinett besahen – das schwitzen konnte und in den zwanzig Jahren, sollte ich meinen, wohl längst geschmolzen ist –, dann Miß Linwoods Ausstellung besuchten, deren ich mich als eines Mausoleums von Handarbeiten erinnere, Selbsteinkehr und Reue zu erwecken geeignet, dann ferner den Tower besichtigten und die Spitze der St. Pauls Kathedrale erkletterten. Alle diese Wunderwerke gewählten Peggotty soviel Vergnügen, als sie unter den obwaltenden Verhältnissen zu genießen fähig war, die St. Paulskirche ausgenommen, die wegen Peggottys langer Anhänglichkeit an ihren Arbeitskastendeckel zum Nebenbuhler des Bildes auf dessen Deckel wurde, und ihrer Meinung nach von diesem Kunstwerk in einigen Punkten übertroffen wurde.

Nachdem Peggottys Angelegenheit in den Commons erledigt war – wir nannten derlei »einfache Formgeschäfte«, aber sehr leicht und einträglich waren, diese einfachen Formgeschäfte – führte ich sie in das Bureau hinunter, um ihre Sporteln zu bezahlen. Mr. Spenlow war fortgegangen, wie mir der alte Tiffey sagte, um einen Herrn wegen eines Heiratsscheins zu vereidigen; da er aber bald wiederkommen mußte, indem der Gerichtshof für letztwillige Verfügungen sowie das geistliche Obergericht dicht nebenan war, bat ich Peggotty zu warten.

Wir in den Commons hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit den Leichenbesorgern, denn in Testamentsangelegenheiten hatten wir es uns zur Regel gemacht, einigermaßen betrübt auszusehen, wenn wir mit Klienten in Trauer zu tun hatten. Aus einem ähnlichen Zartgefühl machten wir immer heitere und frohe Gesichter Heiratskandidaten gegenüber. Darum deutete ich Peggotty an, sie würde Mr. Spenlow bereits sehr erholt von dem Schlage finden, der Mr. Barkis' Tod gewesen war: und in der Tat kam er mit der Miene eines Bräutigams.

Aber weder Peggotty noch ich hatten Augen für ihn, als ich in seinem Begleiter Mr. Murdstone erkannte. Er hatte sich sehr wenig verändert. Sein Haar war noch so voll und so schwarz wie je; seinem Auge war so wenig zu trauen wie ehedem.

»Ach Copperfield«, sagte Mr. Spenlow. »Sie kennen diesen Herrn, glaube ich.«

Ich machte, dem Herrn eine kalte Verbeugung, Peggotty tat, als ob sie ihn kaum kannte. Anfangs war er bei unserm Anblick etwas außer Fassung gekommen, aber er sammelte sich sogleich wieder und kam auf mich zu.

»Ich hoffe, Sie befinden sich wohl«, sagte er. »Das kann Sie schwerlich interessieren«, erwiderte ich. »Wenn Sie es aber wissen wollen, so sage ich ja.«

Wir sahen einander an, dann wendete er sich an Peggotty.

»Und Sie?« sagte er. »Ich habe zu meinem Leidwesen erfahren, daß Sie Ihren Mann verloren haben.«

»Es ist nicht der erste Verlust in meinem Leben, Mr. Murdstone«, gab ihm Peggotty, die von Kopf bis zu Fuß zitterte, zur Antwort. »Es freut mich hoffen zu dürfen, daß niemand schuld ist an diesem Verlust – daß ihn niemand zu verantworten hat.«

»Ach,« sagte er, »das ist ein großer Trost. Sie haben also ihre Pflicht getan.«

»Ich habe keines Menschen Leben auf dem Gewissen,« sagte Peggotty, »dafür preise ich Gott! Nein, Mr. Murdstone, ich habe kein gutes Geschöpf gepeinigt und gequält, bis es in ein frühes Grab sank!«

Er sah sie düster – und wie mir vorkam, fast voll Reue – an und sagte dann, zu mir gewendet, aber ohne mir ins Gesicht zu sehen:

»Wir werden uns wahrscheinlich nicht so bald wiedertreffen; – was uns beiden gewiß ganz recht sein wird, denn derartige Begegnungen können nie angenehm sein. Ich erwarte nicht, daß Sie, der sich immer gegen meine begründete Autorität auflehnte, die zu Ihrem Guten und zu Ihrer Besserung ausgeübt wurde, mich jetzt mit freundlichen Blicken ansehen werden. Eine Antipathie herrscht zwischen uns –«

»Eine alte, glaube ich«, unterbrach ich ihn.

Er lächelte und sah mich mit einem so bösen Blick an, wie er nur aus seinem dunkeln Auge kommen konnte.

»Sie keimte in Ihnen schon, als Sie noch Kind waren«, sagte er. »Sie verbitterte das Leben Ihrer armen Mutter. Sie haben recht. Ich hoffe, Sie werden sich noch bessern.«

Damit endete das Zwiegespräch, das leise in einer Ecke des vordersten Zimmers auf dem Wege nach Mr. Spenlows Zimmer geführt worden war, und er sagte jetzt mit seiner sanftesten Stimme laut:

»Geschäftsmänner von Mr. Spenlows Beruf sind mit Familienzwistigkeiten nicht unbekannt und wissen, wie verwickelt und schwer zu schlichten sie sind!« Damit bezahlte er die Gebühren für seinen Trauschein und verließ das Bureau, nachdem er ihn, zierlich zusammengebrochen, mit einem höflichen Glückwunsch für sich und seine zukünftige Gattin von Mr. Spenlow empfangen hatte.

Es wäre mir vielleicht schwer geworden, mich ihm gegenüber zum Schweigen zu zwingen, wenn ich weniger Mühe gehabt hätte, Peggotty zu überzeugen (die Gute war doch nur meinetwegen erbittert), daß hier nicht der geeignete Ort zu Erklärungen sei, und daß sie still sein müsse. Sie war so ungewöhnlich aufgeregt, daß ich froh war, mit einer zärtlichen Umarmung, zu der sie die Erinnerung an unsere alten Leiden veranlaßte, davon zu kommen, und sie, so gut es ging, vor Mr. Spenlow und den Schreibern hinnahm.

Mr. Spenlow schien von meinem Verhältnis zu Mr. Murdstone nichts zu wissen, was mir wohl tat, denn ich konnte es nicht über mich bringen, wenn ich an meine arme Mutter zurückdachte, ihn selbst vor mir als meinen Verwandten anzuerkennen. Mr. Spenlow schien der Meinung zu sein, wenn er überhaupt eine Meinung über diese Sache hatte, daß meine Tante die Führerin der Regierungspartei in unserer Familie sei, und daß jemand an der Spitze einer aufrührerischen Partei stehe – so schloß ich wenigstens aus seinen Äußerungen, während Mr. Tiffey Peggottys Rechnung auszog.

»Miß Trotwood«, bemerkte er, »ist von sehr entschiedenem Charakter und gibt opponierenden Elementen nicht leicht nach. Ich bewundere Ihren Charakter Copperfield, und ich kann Ihnen nur gratulieren, Copperfield, daß Sie auf der richtigen Seite der Parteien stehen. Zwistigkeiten zwischen Verwandten sind sehr zu beklagen – aber sie sind außerordentlich häufig – und die Hauptsache ist, auf der richtigen Seite zu stehen«, womit er nach meinem Dafürhalten die reiche Seite meinte.

»Ich glaube, er macht eine gute Partie«, meinte Mr. Spenlow.

Ich sagte ihm, daß ich gar nichts von der Sache wisse.

»Wirklich!« erwiderte er. »Nach den wenigen Worten, die Mr. Murdstone fallen ließ, und nach dem, was Miß Murdstone sagte, muß ich es für eine ganz gute Partie halten.«

»Ist sie reich?« fragte ich.

»Ja,« sagte Mr. Spenlow, »sie ist reich. Und auch schön, wie ich höre.«

»Wirklich? und ist die Braut noch jung?«

»Eben mündig geworden«, sagte Mr. Spenlow. »Vor so kurzer Zeit, daß ich fast meine, sie müsse darauf gewartet haben.«

»Gott wolle sie bald in Gnaden zu sich nehmen!« sagte Peggotty so nachdrücklich und unerwartet, daß wir alle drei aus der Fassung kamen, bis Tiffey die Rechnung brachte.

Er übergab sie Mr. Spenlow zur Durchsicht. Das Kinn in die Halsbinde gesteckt und es sanft reibend, ging er mit einer entschuldigenden Miene die einzelnen Posten durch – als ob Jorkins ganz allein daran schuld wäre, und gab das Papier Tiffey mit einem Seufzer zurück.

»Ja«, sagte er. »Es ist richtig. Ganz richtig. Ich würde mich sehr glücklich geschätzt haben, Copperfield, wenn ich die Rechnung auf die baren Auslagen hätte beschränken können. Aber es ist eine unangenehme Seite meines Geschäftslebens, daß ich meinen Wünschen nicht freien Lauf lassen kann. Ich habe einen Associé – Mr. Jorkins.«

Da er dies mit einer sanften Melancholie aussprach – und mehr konnte man nicht von ihm verlangen, wenn man nicht die Kosten ganz gestrichen wissen wollte – so dankte ich ihm in Peggottys Namen und bezahlte Tiffey in Banknoten.

Peggotty kehrte nun wieder in ihre Wohnung zurück und Mr. Spenlow und ich gingen aufs Gericht, wo wir eine Scheidungsklage hatten, infolge einer kleinen sinnreichen Gesetzesbestimmung, die jetzt wohl aufgehoben ist, kraft deren ich jedoch so manche Ehe annulliert gesehen habe.

Der Ehemann, der Thomas Benjamin hieß, hatte sich für den Trauschein nur Thomas genannt, Benjamin weglassend, falls er es in der Ehe nicht so behaglich finden sollte, wie er erwartete. Da er es richtig nicht so behaglich fand, ließ er, nachdem er ein oder zwei Jahre verheiratet war, oder auch weil der arme Teufel seiner Frau etwas überdrüssig geworden war, durch einen Freund erklären, daß sein Name Thomas Benjamin und er daher gar nicht verheiratet sei. Und so entschied der Gerichtshof, zu des Mannes höchster Genugtuung.

Ich muß gestehen, daß ich hinsichtlich der strengen Gerechtigkeit dieses Verfahrens meine Zweifel hatte und mich nicht einmal durch den Scheffel Weizen, der doch alle Widersinnigkeiten aufhebt, ins Bockshorn jagen ließ.

Aber Mr. Spenlow erörterte die Sache mit mir recht eindringlich. Er sagte:

»Sehen Sie sich die Welt an. Es gibt Gutes und Schlechtes drin; sehen Sie sich das Kirchengesetz an – da gibt es auch Gutes und Schlechtes drin. Es sind alles Teile eines in Ordnung zusammenhängenden Ganzen. Gut! Da haben wir's ja!«

Ich hatte nicht die Kühnheit, Doras Vater vorzuschlagen, daß wir möglicherweise die Welt etwas verbessern könnten, wenn wir frühzeitig morgens aufständen und uns in Hemdärmeln an die Arbeit machten; aber ich gestand, daß ich dafür hielt, wir könnten die Commons verbessern. Mr. Spenlow gab zur Antwort, daß er mir ganz besonders raten möchte, gerade diesen Gedanken aufzugeben, weil er meines gentlemanartigen Charakters unwürdig sei, es würde ihm aber angenehm sein zu hören, welcher Verbesserungen ich die Commons für fähig hielte.

Ich hielt mich an jenen Teil der Commons, der uns zunächst lag – denn unser Mann war zur Zeit schon geschieden, und wir schlenderten beim Prärogativengericht aus dem Gerichtsgebäude hinaus – und trug meine Ansicht vor, daß ich dieses Amt für etwas wunderlich hielte.

»In welcher Hinsicht«, fragte Mr. Spenlow.

Ich erwiderte mit aller schuldigen Ehrfurcht vor seiner Erfahrung, doch mit mehr Ehrfurcht, fürchte ich, vor dem Umstande, daß er Doras Vater war, daß es doch vielleicht ein bißchen unsinnig wäre, wenn die Registratur dieses Gerichtshofs, der die letzten Willen aller Leute enthielt, die seit 300 Jahren in der großen Provinz Canterbury etwas zu hinterlassen hatten, ein ganz gewöhnliches Gebäude sei, niemals für seine Bestimmung gebaut gewesen, und von den Registratoren in ihrem eigenen Nutzen, vermietet sei, nicht diebessicher, nicht einmal feuerfest, mit wichtigen Dokumenten vollgepfropft, vom Dache bis zu den Grundmauern eine einzige feile Spekulation der Registraturbeamten, die riesige Gebühren vom Publikum bezögen, nur damit sie die Testamente der Leute irgendwohin wegpackten und sie auf bequemste Art loswürden. Vielleicht sei es auch ein klein wenig unvernünftig, daß diese Registratoren bei Einnahmen von 8-9000 Pfund jährlich nicht dazu gebracht werden können, ein Weniges davon auf Beschaffung eines sichern Ortes für die wichtigen Urkunden zu verwenden, die ihnen alle Stände, ob gern oder ungern, überlassen müssen. Daß es vielleicht etwas ungerecht sei, daß alle höheren Stellen in diesem großen Amte prächtige Sinekuren seien, während die unglücklichen Schreiber oben in dem kalten dunkeln Zimmer, die die wichtigen Arbeiten verrichteten, am schlechtesten bezahlt und am wenigsten angesehen wären. Vielleicht sei es auch ein wenig unanständig, daß der erste Registrator, dessen Pflicht es wäre, dem an diesem Orte fortwährend sich einfindenden Publikum alle benötigten Bequemlichkeiten zu verschaffen, ein großartiger privilegierter Nichtstuer, der obendrein Geistlicher, mehrfacher Pfründenbesitzer, Kirchenstuhlinhaber und wer weiß was sonst noch sein könne, während das Publikum Unannehmlichkeiten ausgesetzt wäre, auf die wir jeden Nachmittag, wo es lebhaft hergeht, die Probe machen könnten, und die geradezu ungeheuerlich wären. Kurz – daß vielleicht dies Prärogativenamt der Diözese von Canterbury eine solche Pestbeule, ein so verderblicher Unsinn sei, daß, wofern man es nicht mit eisernem Besen auskehren und in einem ganz versteckten Winkel des St. Paulkirchhofs verscharren könne, es längst wie ein Handschuh umgestülpt und das oberste zu unterst hätte gekehrt werden müssen.

Mr. Spenlow lächelte, als ich mich bescheiden für mein Thema erwärmte, und erörterte dann diesen Punkt mit mir wie den frühern. Was wäre es denn nun nach allem? Es sei Gefühlssache. Wenn das Publikum seine Testamente sicher aufgehoben glaubte und als ausgemacht annähme, die Räumlichkeiten seien nicht in einen bessern Stand zu setzen – wer wäre dabei schlechter daran? Niemand. Wer aber hätte den Vorteil? Alle die privilegierten Nichtstuer. Gut, gut! Das Gute wiege also vor. Das System möge ja nicht vollkommen sein – nichts auf der Welt ist ja vollkommen – aber wogegen er sich erklären müsse, das sei das Eintreiben eines Keils. Unter dem Prärogativenamt habe das Land ruhmvoll geblüht. Treib einen Keil ins Prärogativenamt, und das Land hört auf zu blühen. Er hielt es für die Maxime eines Edelmanns, die Dinge zu nehmen, wie er sie fände, und er bezweifelte nicht, daß das Prärogativenamt unsere Zeit überdauern werde. Ich fügte mich seiner Ansicht, obwohl ich meine starken Zweifel hatte.

Er hatte gleichwohl recht, denn es besteht nicht nur bis heute, sondern hat sogar einer großen parlamentarischen vor achtzehn Jahren – nicht eben sehr willig – abgelegten Berichterstattung gegenüber standgehalten, worin alle meine Einwendungen einzeln durchgenommen wurden, auch war der Nachweis geliefert worden, daß der noch verfügbare Raum nur mehr für eine weitere Aufstapelung von zwei und einem halben Jahr reiche. Was man seitdem mit den Testamenten angefangen, ob man sie haufenweise verloren, oder ob man sie von Zeit zu Zeit an die Käsegeschäfte verkauft, weiß ich nicht. Ich bin nur froh, daß meines nicht dort ist, und hoffe, daß es noch eine ganze Weile nicht hinkommt.

Ich habe das alles in diesem wonnigen Kapitel niedergeschrieben, weil es hier an seinem natürlichen Platze steht.

Mr. Spenlow und ich vertieften uns in ein Gespräch, während wir auf und ab gingen, bis wir über allgemeinere Gegenstände zu sprechen anfingen.

Und so kam es, daß mir Mr. Spenlow zuletzt mitteilte, über acht Tage sei Doras Geburtstag, und daß er sich freuen würde, mich an diesem Tage zu einem kleinen Picknick bei sich zu sehen.

Ich kam sofort von Sinnen und wurde am nächsten Tag zum vollständigen Narren, als ich ein feines Billettchen mit durchbrochenem Rande und der Aufschrift empfing: »Durch Papas Güte und bitte nicht zu vergessen!« und brachte die nächsten sieben Tage in halbem Delirium zu.

Ich glaube, ich machte mich bei der Vorbereitung auf das herrliche Fest jeder möglichen Torheit schuldig. Ich werde noch heute rot, wenn ich an das Halstuch denke, das ich mir kaufte. Meine Stiefel würden in jede Sammlung von Marterwerkzeugen passen. Ich kaufte einen allerliebsten kleinen Speisekorb, der an sich schon fast eine Liebeserklärung war. Es waren Knallbonbons darin mit den zärtlichsten Mottos, die überhaupt aufzutreiben waren. Um sechs Uhr früh war ich schon auf dem Coventgarden-Markt und kaufte einen Strauß für Dora. Um zehn Uhr saß ich im Sattel – ich hatte mir einen feurigen Grauschimmel gemietet – den Strauß im Hute, um ihn frisch zu erhalten, und trabte nach Norwood.

Als ich Dora im Garten sah und tat, als ob ich sie nicht sähe, und vor dem Hause vorbeiritt, als wenn ich es recht sehr suchte, mag ich wohl zwei kleine Torheiten begangen haben, die andere Jünglinge in gleicher Stimmung auch begangen hätten – wenigstens kamen sie mir sehr natürlich vor. Aber ach! als ich das Haus nun fand, an der Gartentür abstieg und die hartherzigen Stiefel über den Rasenplatz zu Dora hinschleppte, die auf einer Gartenbank unter einem Hollunderbaum saß, wie herrlich sah sie da aus an jenem schönen Morgen, unter Schmetterlingen, in weißem Strohhut und himmelblauem Kleide.

In ihrer Gesellschaft war eine junge Dame – verhältnismäßig ältlich aussehend – vielleicht zwanzig Jahr. Sie hieß Miß Mills; Dora nannte sie Julie. Sie war Doras Busenfreundin. Glückliche Miß Mills!

Jip war ebenfalls da, und Jip mußte mich wieder anbellen. Als ich ihr meinen Strauß überreichte, knirschte er aus Eifersucht mit den Zähnen. Wohl hatte er Ursache dazu, wenn er auch nur im geringsten ahnte, wie sehr ich seine Herrin anbetete.

»O, ich danke Ihnen, Mr. Copperfield! Was für schöne Blumen!« sagte Dora.

Ich hatte antworten wollen, und hatte mir die schönste Phrase auf den letzten drei Meilen einstudiert, daß auch ich sie für schön gehalten hätte, bevor ich sie neben ihr gesehen; aber ich konnte es nicht herausbringen. Sie verwirrte mich zu sehr. Wer es sah, wie sie die Blumen an ihr liebliches Kinn mit dem kleinen Grübchen legte, der verlor alle Geistesgegenwart und das Vermögen der Sprache in halb ohnmächtiger Bewunderung. Es wundert mich nur, daß ich nicht sagte: »Töten Sie mich, wenn Sie ein Herz haben, Miß Mills. Lassen Sie mich hier sterben.«

Dann gab Dora meine Blumen Jip zum Riechen. Aber Jip knurrte und wollte nicht daran riechen. Dora lachte und hielt sie ihm noch näher zur Nase. Und Jip faßte mit seinen Zähnen eine Geraniumblüte und zauste sie hin und her wie eine Katze. Dora schlug ihn und schmollte und sagte: »Meine armen schönen Blumen!« so mitleidig, wie mir vorkam, als ob er mich zerzaust hätte. Ich wollte, er hätte es getan! »Sie werden es gewiß gern hören, Mr. Copperfield,« sagte Dora, »daß diese abscheuliche Miß Murdstone nicht hier ist. Sie ist zu ihres Bruders Hochzeit und wird wenigstens drei Wochen wegbleiben. Ist das nicht ein Glück?«

Ich sagte ihr, es müsse wohl ein Glück für sie sein, und versicherte ihr, daß alles, was ein Glück für sie sei, auch ein Glück für mich wäre. Miß Mills lächelte dazu mit wohlwollender überlegener Weisheit.

»Sie ist das unangenehmste Geschöpf, das ich kenne«, sagte Dora. »Du kannst dir gar nicht denken, wie grämlich und abscheulich sie ist, Julie.«

»Ich kann es wohl, meine Gute!« sagte Julie.

»Ach ja, vielleicht kannst du es, gute, liebe Julie«, entgegnete Dora und legte die Hand auf die ihrer Gefährtin. »Vergib mir, daß ich dich nicht gleich ausnahm.«

Ich ersah daraus, daß Miß Mills in dem Laufe eines wechselnden Lebens ihre Prüfungen gehabt habe, und daß davon vielleicht das gemessene Wohlwollen ihres Benehmens herrühre.

Ich fand im Laufe des Tages, daß dies der Fall war.

Miß Mills hatte unglücklich geliebt und hatte sich, gesättigt von ihren schrecklichen Erfahrungen, von der Welt zurückgezogen, bekundete aber noch eine stille Teilnahme an den Hoffnungen und liebenden Gefühlen der Jugend, auf die noch kein giftiger Meltau gefallen war.

Aber jetzt kam Mr. Spenlow heraus, und Dora ging auf ihn zu und sagte: »Sieh, Vater, was für schöne Blumen«; und Miß Mills lächelte gedankenvoll, als ob sie sagen wollte:

»Ihr Frühlingsschmetterlinge, genießt euer kurzes Dasein am hellen Morgen des Lebens«, und wir gingen nach dem Wagen, der zum Abfahren bereit stand.

Ich werde nie wieder eine solche Fahrt machen. Ich habe seitdem nie eine solche Fahrt gemacht. Nur die drei Personen, ihr Korb, mein Korb, und die Gitarre im Futteral befanden sich im Phaeton, der natürlich offen war; ich ritt hinterher, und Dora saß auf dem Rücksitz, das Gesicht mir zugewendet.

Sie legte den Blumenstrauß dicht neben sich auf das Kissen und wollte Jip nicht erlauben, sich auf diese Seite zu legen, damit er ihn nicht zerdrücke. Sie nahm ihn oft in die Hand und erquickte sich an seinem Duft. Unsere Blicke begegneten sich viele Male; und ich wundre mich nur darüber, daß ich nicht über den Kopf meines wackern Grauschimmels in den Wagen schoß.

Ich glaube, der Weg war staubig. Ich glaube, es war sehr staubig. Ich habe eine dunkle Vorstellung, daß Mr. Spenlow mir Vorstellungen machte, wie ich darin reiten könnte. Mir kam nichts zum Bewußtsein wie ein Nebel von Liebe und Schönheit, der Dora umgab. Mr. Spenlow stand zuweilen auf und fragte mich, was ich von der Aussicht halte. Ich fand sie entzückend, und sie war es wohl auch, aber für mich war alles Dora. Die Sonne schien Dora, und die Vögel sangen Dora. Der Südwind wehte Dora, und die Feldblumen in den Hecken und alle ihre Knospen waren lauter Doras. Mein Trost war – Miß Mills verstand mich. Miß Mills allein konnte meine Gefühle ganz begreifen.

Ich weiß nicht, wie lange die Fahrt dauerte, und bis heute weiß ich ebensowenig, wohin wir fuhren. Vielleicht war es in der Nähe von Guildford. Vielleicht ließ ein indischer Zauberer für uns diesen Tag emporsteigen und ihn wieder versinken, als wir fort waren. Es war ein grüner Fleck auf einem Hügel, mit weichem Rasen bedeckt. Über und um uns schattige Bäume und Heide, und soweit das Auge reichen konnte, eine schöne Landschaft.

Es war eine ärgerliche Sache, daß hier Leute auf uns warteten; und meine Eifersucht selbst gegen die Damen kannte keine Grenzen. Aber alle Männer – vorzüglich ein Kerl, drei oder vier Jahre älter als ich, und mit einem roten Backenbart, auf den er eine unerträgliche Anmaßung stützte, waren meine Todfeinde. Wir packten unsere Körbe aus und fingen an, das Essen zu bereiten. Der rote Backenbart behauptete, er könne Salat machen – was ich nicht glaube – und drängte sich der allgemeinen Beachtung auf. Einige von den jungen Damen wuschen den Salat und zerschnitten ihn nach seiner Anleitung. Dora war unter ihnen. Ich sah, daß mich das Verhängnis diesem Manne feindlich gegenübergestellt hatte, und daß einer von uns untergehen mußte.

Der Rotbart bereitete seinen Salat – ich wundre mich nur, wie sie ihn essen konnten – mich hätte nichts verführt, ihn anzurühren! – und riß die Verwaltung des Weinkellers an sich, den er in einem hohlen Baumstamme anlegte. Dann sah ich ihn auf seinem Teller den größten Teil eines Hummers zu den Füßen Doras essen!

Ich habe nur einen dunkeln Begriff von dem, was zunächst geschah. Ich war sehr heiter, das weiß ich noch; aber die Heiterkeit war Heuchelei. Ich gesellte mich zu einem Mädchen in rosarotem Kleide, mit kleinen Augen, und machte ihr in ganz erschrecklicher Weise den Hof. Sie nahm meine Aufmerksamkeiten günstig auf; aber ob nur meinetwegen oder weil sie Absichten auf den Rotbart hatte, weiß ich nicht.

Doras Gesundheit wurde ausgebracht. Als ich anstieß, tat ich, als ob ich mein Gespräch nur deshalb unterbräche und es gleich darauf wieder aufnähme. Ich begegnete dem Blicke Doras, als ich mich vor ihr verbeugte; er kam mir flehend vor! Aber sie sah mich an über den Kopf des roten Backenbartes, und mein Herz blieb starr.

Das junge Mädchen in Rosa hatte eine Mutter in Grün, und ich glaube, letztere trennte uns aus Gründen der Politik. Endlich stand die Gesellschaft auf, während die Reste des Essens weggeräumt wurden, und ich verlor mich einsam, von Wut und Zerknirschung erfüllt, unter die Bäume. Ich ging eben mit mir zu Rate, ob ich Unwohlsein vorschützen und auf meinem wackern Grauschimmel entfliehen sollte, als ich Dora und Miß Mills begegnete.

»Mr. Copperfield,« sagte Miß Mills, »Sie sind verstimmt.«

Ich bat sie um Verzeihung und versicherte, daß dies durchaus nicht der Fall sei.

»Und auch du, Dora, bist verstimmt«, sagte Miß Mills.

»Ach Gott, nein! Nicht im mindesten.«

»Mr. Copperfield und Dora«, sagte Miß Mills mit fast ehrwürdiger Miene. »Genug damit. Laßt nicht durch ein kleinliches Mißverständnis die Blumen des Lenzes verwelken, die nicht wiederkehren, wenn sie einmal dahin sind. Ich spreche,« fuhr Miß Mills fort, »belehrt durch die Erfahrung der Vergangenheit – der fernen, unwiederbringlichen Vergangenheit. Die reichen Quellen, die in der Sonne funkeln, dürfen nicht aus bloßer Grille verstopft werden! Die Oase in der Wüste Sahara darf nicht mutwillig vernichtet werden.«

Ich weiß nicht, was ich tat; ich war über und über brennend rot, aber ich nahm Doras kleine Hand und küßte sie – und sie wehrte mir nicht! Ich küßte auch Miß Mills die Hand; und wir alle schienen nach meinem Gefühl auf dem geraden Wege nach dem siebenten Himmel zu sein.

Wir kamen auch nicht wieder sogleich auf die Erde zurück. Wir blieben den ganzen Abend dort oben. Anfangs schlenderten wir unter den Bäumen auf und ab, Doras Arm lag schüchtern in dem meinigen, und, der Himmel weiß es, so groß die Torheit war, ich hätte mir kein glücklicheres Los gewünscht, als mit diesen Gefühlen unsterblich zu werden und für immerdar unter diesen Bäumen zu wandeln.

Aber viel zu bald hörten wir die andern lachen und sprechen und rufen: »Wo ist Dora!«

Wir kehrten also um, und sie verlangten, Dora sollte singen. Rotbart wollte die Gitarre aus dem Wagen holen, aber Dora sagte, nur ich wisse, wo sie liege. Damit war Rotbart in einem Augenblick beseitigt; und ich holte das Futteral, und ich schloß es auf, und ich nahm die Gitarre heraus, und ich saß neben ihr, und ich hielt ihr Taschentuch und ihre Handschuhe, und ich sog jede Note ihrer lieben Stimme ein, und sie sang für mich, der sie liebte, und alle die andern konnten soviel Beifall schenken, wie sie wollten, doch ging es sie nichts an!

Ich war trunken vor Freude. Ich fürchtete, das Glück sei zu groß, um wirklich zu sein, und ich würde sogleich wieder aufwachen in der Buckinghamstraße und hören, wie Mrs. Crupp mit den Frühstückstassen klimperte.

Aber Dora sang, und andere sangen, und Miß Mills sang – von den in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos, gerade als wäre sie hundert Jahre alt – und so kam der Abend heran, und es gab Tee aus einem Kessel, der nach Zigeunerart angebracht war, und ich war wieder so glücklich wie zuvor.

Ja, ich wurde noch glücklicher als je, als die Gesellschaft aufbrach und die andern, unter ihnen der geschlagene rote Backenbart, ihre Wege gingen, und wir auch den unsern wandelten durch den stillen Abend und den sterbenden Tag, während süße Düfte rings um uns emporstiegen.

Da Mr. Spenlow nach dem Champagner etwas schläfrig geworden war – Ehre dem Boden, auf dem die Traube wuchs der Traube, die den Wein gab, der Sonne, die diese Trauben gereift, und dem Kaufmann, der den Wein verfälscht hat! – und fest in einer Ecke des Wagens schlief, ritt ich dicht heran und sprach mit Dora. Sie bewunderte mein Pferd und klopfte ihm den Nacken – o wie reizend sah ihr Händchen auf dem Pferde aus! – und ihr Schal wollte nicht richtig sitzen, und dann zog ich ihn wieder um ihren Leib; und ich glaube, selbst Jip begann einzusehen, wie die Sachen standen, und daß er sich entschließen müsse, mit mir gut Freund zu sein.

Und die scharfblickende Miß Mills, diese liebenswürdige, obgleich weltmüde Nonne, dieser kleine Patriarch von noch nicht ganz zwanzig Jahren, die mit der Welt fertig war und um keinen Preis die in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos wecken durfte – was für einen Gefallen sie mir tat!

»Mr. Copperfield,« sagte Miß Mills, »kommen Sie einen Augenblick auf diese Seite des Wagens – wenn Sie einen Augenblick übrig haben. Ich muß mit Ihnen sprechen.«

Seht mich, wie ich auf meinem wackern Grauschimmel mich zu Miß Mills herabbeuge, die Hand auf die Wagentür gestützt.

»Dora kommt zum Besuch zu mir, um ein paar Tage bei mir zu bleiben. Sie kommt übermorgen. Wenn Sie uns besuchen wollen, so wird sich der Vater gewiß glücklich schätzen, Sie zu sehen.«

Konnte ich etwas anderes tun, als einen stummen Segen auf Miß Mills Haupt herabrufen und Miß Mills Adresse in dem sichersten Winkel meines Gedächtnisses aufbewahren! Konnte ich etwas anderes tun, als Miß Mills mit dankbarem Blick und feurigen Worten sagen, wie sehr ich ihre Gefälligkeit würdige und welch unschätzbaren Wert ihre Freundschaft für mich habe!

Dann entließ mich Miß Mills wohlwollend mit den Worten: »Reiten Sie wieder zu Dora«, und ich ritt; Dora beugte sich aus dem Wagen heraus, um mit mir zu sprechen, und wir unterhielten uns während der ganzen übrigen Fahrt. Ich brachte meinen wackern Grauschimmel so dicht an das Rad, daß ihm am Vorderfuße die Haut abgeschunden wurde, wofür ich dem Besitzer drei Pfund sieben Schilling zahlen mußte, – eine Summe, die mir für so hohen Genuß außerordentlich gering vorkam. Die ganze Zeit über sah Miß Mills den Mond an, murmelte halblaut Verse und erinnerte sich wahrscheinlich an die alten Zeiten, wo sie und die Erde noch etwas miteinander gemein hatten.

Norwood war viele Meilen zu nahe, und wir langten viele Stunden zu früh dort an; aber kurz vor unserer Ankunft wachte Mr. Spenlow auf und sagte: »Sie müssen mit hereinkommen, Copperfield, und ein wenig ausruhen«; ich folgte der Einladung, und wir genossen noch eine kleine Erfrischung.

In dem hellen Zimmer sah die errötende Dora so bezaubernd aus, daß ich mich nicht losreißen konnte, sondern sie halb träumend ansah, bis mich Mr. Spenlows Schnarchen soweit zum Bewußtsein brachte, daß ich mich beurlaubte. So schieden wir. Während des ganzen Rückritts nach London fühlte ich noch die leichte Berührung von Doras Hand und rief mir jeden Umstand und jedes Wort wohl zehntausendmal ins Gedächtnis, und als ich endlich im Bette lag, war ich vor Liebe so entzückt, wie nur je ein junger Tropf seinen gesunden Menschenverstand verloren hatte.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, faßte ich den Entschluß, Dora meine Liebe zu erklären und mein Schicksal kennen zu lernen. Seligkeit oder Hölle, war jetzt die Frage! Für mich gab es keine andere Frage in der Welt, und nur Dora konnte sie beantworten.

Drei Tage verbrachte ich in grenzenloser Qual, die ich selbst noch dadurch vermehrte, daß ich allem, was zwischen Dora und mir vorgefallen war, die allerentmutigendste Auslegung gab. Endlich ging ich zu Miß Mills, mit großen Kosten zu dem Zwecke herausstaffiert und begeistert von meiner Erklärung.

Wieviele Male ich die Straße auf und ab ging und um den Platz herum – es fiel mir dabei ein, daß ich persönlich eine viel bessere Lösung des alten Rätsels sei als die eigentliche – bevor ich es über mich bringen konnte, an die Tür zu klopfen, ist hier nicht von Wichtigkeit. Sogar als ich endlich geklopft hatte und an der Tür wartete, kam mir in der Aufregung der Gedanke, zu fragen, ob hier Mr. Blackboy wohne (eine Nachahmung des armen Barkis), um Verzeihung zu bitten und mich zu entfernen. Aber ich hielt standhaft aus.

Mr. Mills war nicht zu Hause. Ich erwartete es gar nicht. Nach ihm verlangte niemand. Miß Mills war zu Hause. Miß Mills genügte. Man wies mich in ein Zimmer eine Treppe hoch, wo ich Miß Mills und Dora fand. Jip war auch dort. Miß Mills schrieb Noten ab – ich erinnere mich, es war ein neues Lied mit dem Titel: »Der Liebe Leichenlied« – und Dora malte Blumen. Was ich fühlte, als ich meine eigenen Blumen erkannte – den wirklichen und echten Strauß von Coventgardenmarkt! Ich kann nicht sagen, daß sie sehr ähnlich waren, oder daß sie irgendwelchen Blumen besonders glichen, die ich jemals gesehen hatte, aber ich erkannte sie an der sie umgebenden Papiermanschette, die ganz genau kopiert war.

Miß Mills freute sich sehr, mich zu sehen, und es tat ihr sehr leid, daß der Papa nicht zu Hause war, obgleich wir es alle mit großer Fassung zu ertragen schienen. Miß Mills führte das Gespräch ein paar Minuten fort, legte dann ihre Feder auf das »Leichenlied der Liebe«, stand auf und verließ das Zimmer.

Ich beschäftigte mich schon mit dem Gedanken, es bis morgen aufzuschieben.

»Ich hoffe, Ihr Pferd war nicht müde, als es gestern nacht nach Hause kam«, sagte Dora und sah mich mit ihren schönen Augen an. »Es hat einen weiten Weg gemacht.«

Ich fing an zu denken, ich wollte es heute tun. »Es war ein weiter Weg für mein Pferd,« entgegnete ich, »denn es hatte auf der Reise nichts, was es munter erhalten konnte.«

»Hat es kein Futter bekommen, das arme Pferd?« fragte Dora.

Ich dachte wieder, ich wollte es lieber bis morgen aufschieben.

»O ja,« sagte ich, »es hat an nichts gefehlt. Ich meine nur, es fühlte nicht das unaussprechliche Glück, das ich in Ihrer Nähe genoß.«

Dora beugte sich auf ihre Zeichnung herab und sagte nach einer kleinen Pause – ich hatte inzwischen wie im hitzigen Fieber mit starren Gliedern dagesessen – »Zu einer Zeit des Tages schienen Sie selbst dieses Glück nicht besonders zu fühlen.«

Ich erkannte jetzt, daß keine Umkehr mehr möglich war und daß es auf der Stelle geschehen mußte.

»Sie schienen dieses Glück nicht im mindesten zu fühlen«, sagte Dora, zog die Augenbrauen in die Höhe und schüttelte den Kopf, »als Sie neben Miß Kitt saßen.«

Kitt hieß nämlich das Mädchen in Rosa.

»Und ich wüßte auch gar nicht, warum Sie es tun sollten,« sagte Dora, »oder warum Sie es überhaupt ein Glück nennen. Aber natürlich meinen Sie es nicht im Ernst. Und gewiß zweifelt niemand daran, daß Sie tun können, was Sie wollen. Jip, komm, böser Jip, komm her.«

Ich weiß nicht wie ich es anfing. Aber es war sogleich geschehen. Ich kam Jip zuvor. Dora lag in meinen Armen. Ich war voller Beredsamkeit. Ich war nie um ein Wort verlegen. Ich sagte ihr, wie sehr ich sie liebte. Ich sagte ihr, ich würde ohne sie sterben, sagte ihr, ich betete sie an, Jip bellte die ganze Zeit über wie toll.

Als Dora das Köpfchen sinken ließ und weinte und zitterte, da stieg meine Beredsamkeit noch.

Wenn sie von mir verlangte, ich sollte für sie sterben, so hätte sie es nur zu sagen, und ich war bereit. Das Leben ohne Doras Liebe war unter keiner Bedingung zu ertragen. Ich konnte es nicht ertragen und wollte es nicht. Ich hätte sie, seit ich sie zuerst gesehen, geliebt jede Minute, Tag und Nacht. Ich liebte sie im Augenblicke zum Wahnsinnigwerden und würde sie jeden Augenblick zum Wahnsinnigwerden lieben. Es sei vorher auf Erden geliebt worden und es werde nachher geliebt werden; aber kein Liebender hätte je so geliebt, dürfte, konnte oder würde je wieder so lieben, wie ich Dora liebte. Je inniger ich wurde, desto mehr bellte Jip. Jeder von uns wurde in seiner Weise mit jeder Minute toller.

Endlich saßen Dora und ich leidlich beruhigt nebeneinander auf dem Sofa; Jip lag auf ihrem Schoße und blinzelte mich friedlich an. Die Last war von meinem Herzen. Ich war ganz der Erde entrückt. Dora und ich waren verlobt.

Ich glaube, wir hatten einige Ahnung, daß zuletzt eine Heirat daraus werden sollte. Es muß wohl so gewesen sein, denn Dora machte es zur Bedingung, daß wir uns ohne die Einwilligung des Vaters nie heiraten wollten. Wir wollten die Sachen vor Mr. Spenlow geheimhalten, aber ich glaube nicht, daß ich einen Augenblick daran dachte, das sei unehrenhaft.

Miß Mills war ungewöhnlich nachdenklich, als sie Dora, die sie gesucht hatte, zurückbrachte; – ich fürchte, weil das Geschehene Neigung hatte, die in den Höhlen der Erinnerung schlummernden Echos zu wecken. Aber sie gab uns ihren Segen und die Versicherung ihrer dauernden Freundschaft, und sprach zu uns im allgemeinen, wie es sich für eine Stimme aus dem Kloster schickte.

Was für eine traumhafte, himmlische, glückliche, törichte Zeit das war!

Als ich an Doras Finger das Maß für einen Ring nahm, der aus lauter Vergißmeinnichten bestehen sollte und wie der Juwelier, dem ich es überbrachte, mich durchschaute und über seinem Bestellbuche lachte und mir wer weiß wie viel für das kleine niedliche Dingelchen mit den blauen Steinen anrechnete – in meiner Erinnerung so unauslöschlich mit Doras Hand verknüpft, daß mein Herz einen augenblicklichen Schmerz empfand, als ich gestern am Finger meiner Tochter einen ähnlichen erblickte.

Als ich umherging, die Brust von meinem Geheimnis geschwellt, und das Würdevolle meiner Liebe zu Dora und ihrer Liebe als etwas so Erhabenes empfand, daß ich mich nicht mehr über den andern Menschen stehend hätte empfinden können, die, ungleich mir, auf der Erde herumkrochen, wenn ich wirklich in den Lüften gewandelt wäre –

Als wir jene beseligenden Zusammenkünfte in den Gartenanlagen des Squares hatten und in dem staubigen Gartenhause so glücklich beisammen saßen, daß ich die Londoner Spatzen nur deswegen bis zur Stunde gern habe, und in ihrem rauchgrauen Gefieder die Federnpracht der Tropen zu erblicken glaube –

Als wir unsern ersten großen Zank hatten – eine Woche nach unserer Verlobung – und Dora mir den Ring in einem verzweifelten zerknitterten Briefe zurückschickte, worin der schreckliche Ausdruck vorkam: »Unsere Liebe fing mit Torheit an und endet in Wahnsinn«, was mich dazu brachte, mir das Haar zu raufen und zu jammern, daß alles vorbei sei –

Als ich unter dem Deckmantel der Nacht zu Miß Mills floh, die ich verstohlen in einer Hintertreppenküche sah, worin eine Rolle stand, und sie anflehte, zwischen uns zu vermitteln und mich vor dem Irrsinn zu bewahren! Als Miß Mills dieses Amt übernahm und mit Dora zurückkam, und von der Kanzel ihrer eigenen bittern Jugend herab ermahnend zu gegenseitiger Nachgiebigkeit riet und bat die Wüste Sahara zu vermeiden –

Als wir weinten, uns wieder versöhnten und wieder so selig waren, daß die Hinterküche samt der Rolle und allem sonstigen in einen Liebestempel verwandelt wurde, wo wir einen Plan verabredeten, durch Miß Mills zu korrespondieren, demzufolge von jeder Seite täglich mindestens ein Brief geschrieben werden sollte –

Was für eine traumhafte, unirdische, glückliche, törichte Zeit! Von allen Zeiten, die ich durchlebt habe, ist keine, an die ich so lächelnd und zärtlich zurückdenken kann.

Vierunddreißigstes Kapitel.
Meine Tante überrascht mich.

Ich schrieb an Agnes, sowie ich mich mit Dora verlobt hatte. Ich schrieb an sie einen langen Brief, in dem ich ihr begreiflich zu machen suchte, wie glücklich ich sei und welch kostbares Kleinod Dora mir war. Ich bat Agnes, dies nicht als eine leichtsinnige Leidenschaft zu betrachten, die ich jemals über einer andern vergessen könnte, oder die nur im mindesten den knabenhaften Grillen gliche, wegen deren wir uns oft neckten. Ich versicherte ihr, daß ihre Tiefe ganz unergründlich sei, und sprach die Überzeugung aus, daß so etwas noch nie dagewesen wäre.

Als ich so eines schönen Abends am offenen Fenster an Agnes schrieb und mich die Erinnerung an ihre klaren ruhigen Augen und an ihr liebes Gesicht leise überkam, goß sie eine so friedvolle Wirkung über die Hast und Unruhe aus, worin ich in der letzten Zeit gelebt hatte, und die selbst meinem Glück nicht fern geblieben waren, daß ich zu Tränen gerührt wurde. Ich erinnere mich, daß ich, den Kopf auf die Hand gestützt, dasaß, als der Brief zur Hälfte geschrieben war, und eine wohlige allgemeine Vorstellung hegte, daß Agnes zu den Elementen meiner angebornen Heimat gehöre. Als ob Dora und ich in der Zurückgezogenheit des für mich durch ihre Gegenwart beinahe geheiligten Hauses glücklicher als irgendwo sonst sein müßten. Als ob sich mein Herz in Liebe, Freude, Kummer, Hoffnung oder Enttäuschung, in allen Gemütsbewegungen naturgemäß dorthin wenden und seine Zuflucht und seinen besten Freund dort finden müsse.

Von Steerforth schrieb ich nichts. Ich sagte nur, daß Emiliens Flucht in Yarmouth großes Leidwesen angerichtet, und daß es wegen der diesen Vorfall begleitenden Umstände mich doppelt verletzt hätte. Ich wußte, daß sie rasch die Wahrheit erraten und nie seinen Namen zuerst wieder nennen würde.

Auf diesen Brief erhielt ich mit umgehender Post Antwort. Wie ich ihn las, war es mir, als ob ich Agnes selbst hörte. Er klang wie ihre herzgewinnende Stimme in meinen Ohren. Was kann ich mehr sagen!

Ein paarmal während meiner häufigen Abwesenheit hatte mich Traddles aufgesucht. Da er Pegotty vorfand und von Peggotty vernahm – sie sagte es jedem, der es anhören wollte – daß sie meine alte Kinderwärterin sei, war er rasch mit ihr bekannt geworden und war da geblieben, um mit ihr ein wenig von mir zu plaudern. So erzählte wenigstens Peggotty; aber ich fürchte sehr, daß das Gespräch ganz auf ihrer Seite und von übermäßiger Länge war, denn sie war sehr schwer zum Schweigen zu bringen, wenn ich der Gegenstand ihrer Rede war.

Das erinnert mich nicht nur daran, daß ich Traddles an einem gewissen Nachmittag, den er selbst bestimmt hatte, erwartete, sondern auch, daß Mrs. Crupp ihr Amt – aber natürlich nicht den Gehalt – aufgegeben hatte, bis Peggotty nicht mehr erscheinen würde. Nachdem Mrs. Crupp mit sehr lauter Stimme auf der Treppe – wahrscheinlich mit einem unsichtbaren Hauskobold, denn körperlich war sie stets allein – verschiedene Gespräche über Peggotty gehalten hatte, richtete sie ein Schreiben an mich.

Sie begann mit jener Behauptung voll allgemeiner Anwendbarkeit, die auf jede Begebenheit ihres Lebens paßte, daß sie selbst eine Mutter sei, und benachrichtigte mich alsdann, daß sie früher ganz andere Tage gesehen habe, aber daß sie zu allen Zeiten ihres Lebens eine angeborene Abneigung gegen Spione, Eindringlinge und Denunzianten gehabt habe. Sie nenne keine Namen, sagte sie, wen es juckt, der kratzte sich, aber Spione, Eindringlinge und Denunzianten, vorzüglich in Witwenkleidern – das war unterstrichen – habe sie stets verachtet. Wenn ein Herr ein Opfer von Spionen, Eindringlingen und Denunzianten sei – sie wolle keine Namen nennen – so sei das seine Sache. Er könne etwas ganz nach seinem Gefallen tun, und niemand habe etwas dawider. Nur das eine machte Mrs. Crupp für sich aus, daß sie mit solchen Personen nicht »in Kontrakt« gebracht würde. Deshalb wolle sie von der fernern Bedienung in den obern Zimmern entschuldigt sein, bis die Dinge wieder waren wie früher und wie sie die Dinge wünschte; außerdem erwähnte sie noch, daß ihre kleine Rechnung jeden Sonnabend auf dem Frühstückstisch liegen würde, und daß sie um sofortige Bezahlung bitte, um alle Mühe und Unannehmlichkeiten zu ersparen.

Nach diesem Briefe beschränkte sich Mrs. Crupp darauf, auf den Treppen vorzüglich mit Wasserkannen Fallen zu stellen und Peggotty zu einem Beinbruch zu verlocken. Es war mir ziemlich unbequem, in diesem Belagerungszustand zu leben, aber ich fürchtete mich zu sehr vor Mrs. Crupp, um an eine Abhilfe zu denken.

»Lieber Copperfield, wie geht es?« fragte Traddles, der trotz allen diesen Hindernissen pünktlich und gesund in meiner Tür erschien.

»Lieber Traddles,« antwortete ich, »es freut mich, dich endlich zu sehen, und es tut mir sehr leid, daß du mich nicht früher zu Hause gefunden hast. Aber ich habe soviel Abhaltung gehabt.«

»Natürlich,« sagte Traddles, »ich weiß schon. Sie ist in London, glaube ich.«

»Was meinst du?«

»Sie – verzeihe – Miß D. meine ich,« sagte Traddles und wurde vor lauter Zartgefühl rot – »wohnt in London, glaube ich.«

»Jawohl, in der Nähe von London.«

»Meine Braut«, sagte Traddles mit ernstem Blick, »ist in Devonshire – eine von zehn Schwestern. Daher habe ich nicht so viel Abhaltung wie du – in dieser Hinsicht.«

»Es wundert mich, daß du es ertragen kannst, sie so selten zu sehen«, gab ich zur Antwort.

»Hm!« sagte Traddles nachdenklich. »Es ist wirklich fast wie ein Wunder. Wahrscheinlich ertrage ich es, weil es nicht anders geht, Copperfield.«

»Wohl möglich«, sagte ich mit einem Lächeln und nicht ohne etwas zu erröten. »Und weil du so beständig und geduldig bist, Traddles.«

»Mein Gott!« meinte Traddles nachdenklich. »Kommt das dir so vor, Copperfield? Ich hätte mir das wirklich nicht zugetraut. Aber sie selbst ist ein so ausgezeichnetes Mädchen, daß sie mich vielleicht mit diesen Tugenden angesteckt hat. Es sollte mich wahrhaftig gar nicht wundern. Ich sage dir, sie vergißt sich immer selbst und trägt Sorge für die andern neun.«

»Ist sie die älteste?« fragte ich.

»O je, nein«, entgegnete Traddles. »Die älteste ist eine Schönheit.« Vermutlich sah er, daß ich nicht anders konnte, als über die Einfalt seiner Antwort zu lächeln, denn, mit einem Lächeln auf seinem treuherzigen Gesicht, fügte er hinzu: »Nicht etwa, daß meine Sophie – welch hübscher Name, Copperfield, denke ich immer!«

»Sehr hübsch«, sagte ich.

»Nicht etwa, daß meine Sophie in meinen Augen nicht auch hübsch ist, und sicher würde sie in jedes Menschen Augen eins der besten Mädchen sein, das es jemals gab, möchte ich glauben. Aber wenn ich sage, die älteste ist eine Schönheit, so meine ich, sie ist wirklich eine« – es war, als ob er mit beiden Händen Wolken um sich herum beschriebe: »glänzend, weißt du«, sagte Traddles energisch.

»In der Tat?« erwiderte ich.

»O, ich versichere dich,« fuhr Traddles fort, »wirklich etwas ganz Ungewöhnliches! Und weißt du, da sie für Geselligkeit und Bewunderung geschaffen, aber infolge ihrer beschränkten Mittel nicht in der Lage ist, dergleichen zu genießen, so ist sie ganz selbstverständlich manchmal etwas reizbar und anspruchsvoll. Sophie versetzt sie wieder in gute Stimmung!«

»Ist Sophie die jüngste?« wagte ich zu fragen.

»O, nicht doch!« sagte Traddles und strich sich das Kinn. »Die beiden jüngsten sind erst neun und zehn. Sophie erzieht sie.«

»Vielleicht die zweite Tochter?« wagte ich weiter zu fragen.

»Nein«, sagte Traddles. »Sarah ist die zweite. Sarah, das arme Mädchen, hat etwas an ihrem Rückgrat. Die Krankheit wird mit der Zeit vorübergehen, meinen die Ärzte, aber unterdessen muß sie ein ganzes Jahr liegen. Sophie pflegt sie, Sophie ist die vierte.«

»Lebt die Mutter?« fragte ich.

»O ja,« sagte Traddles, »sie lebt. Sie ist wirklich eine ganz ausgezeichnete Frau, aber der feuchte Landaufenthalt taugt nicht für ihre Konstitution, und – nun ja, sie hat den Gebrauch ihrer Glieder verloren.«

»O weh!« sagte ich.

»Recht traurig, nicht wahr?« meinte Traddles. »Aber rein vom Standpunkte des Haushalts ist es nicht so schlimm, denn Sophie vertritt ihre Stelle. Sie vertritt gerade so gut Mutterstelle an ihrer Mutter wie an den andern neun.«

Ich empfand die größte Bewunderung für die Tugenden dieser jungen Dame, und fragte jetzt in der ehrlichen Absicht, mein möglichstes zu tun, daß nicht die Gutmütigkeit von Traddles zum Schaden ihrer gemeinsamen Zukunft mißbraucht würde, wie sich Mr. Micawber befände.

»Er befände sich ganz wohl«, sagte Traddles. »Ich wohne jetzt nicht bei ihm.«

»Nicht?«

»Nein. Die Sache ist nämlich die,« sagte Traddles geheimnisvoll, »er hat infolge einer vorübergehenden Verlegenheit den Namen Mortimer angenommen und geht nur nach Dunkelwerden aus, und zwar mit einer Brille. Es war Exekution bei uns im Hause wegen des Zinses. Mrs. Micawber geriet in einen so schrecklichen Zustand, daß ich wirklich nicht umhin konnte, meinen Namen zu dem zweiten Wechsel herzugeben. Du kannst dir denken, wie angenehm es mir sein mußte, als die Sache damit abgemacht war und Mrs. Micawber wieder zu sich kam.«

»Hm!« sagte ich.

»Freilich war das Glück nicht von langer Dauer,« fuhr Traddles fort, »denn leider kam die Woche darauf eine zweite Exekution. Das brachte die Sache zu einer Krisis. Ich habe seitdem eine Stube für mich gemietet, und die Mortimers leben sehr eingezogen. Du wirst mich wohl nicht für selbstsüchtig halten, Copperfield, wenn ich dir sage, daß der Exekutor auch meinen kleinen runden Tisch mit der Marmorplatte und Sophies Blumentopf mitgenommen hat.«

»Das ist recht hart!« rief ich entrüstet.

»Es war – etwas hart«, sagte Traddles mit seinem gewöhnlichen Mundzucken bei diesem Worte. »Ich erwähne es jedoch nicht, um jemand einen Vorwurf zu machen, sondern aus einem besondern Grunde. Die Sache ist die, Copperfield, daß ich die Sachen damals nicht zurückkaufen konnte, erstlich weil der Trödler, der wohl merkte, daß mir viel daran lag, den Preis entsetzlich in die Höhe trieb, und zweitens, weil ich – weil ich kein Geld hatte. Aber ich habe den Laden des Trödlers nicht aus dem Auge verloren,« sagte Traddles im Hochgenuß seines Geheimnisses – »er ist am obern Ende von Tottenham Court Road – und heute endlich sind die Sachen zum Verkauf ausgestellt. Ich habe sie nur von der andern Seite der Straße gesehen, denn wenn der Trödler mich erblickte, so würde er jeden Preis dafür verlangen! Da ich nun das Geld habe, ist mir der Gedanke gekommen, ob du etwas dawider hast, wenn ich deine gute Kinderfrau frage, ob sie mit mir nach dem Laden gehen – ich kann ihn ihr von der Ecke der nächsten Straße zeigen – und sie so billig wie möglich für mich zurückkaufen will, als ob sie für sie selbst wären.«

Das Entzücken, womit mir Traddles dies vorschlug, sowie das Bewußtsein von seiner ungewöhnlichen Schlauheit, das er hatte, gehören zu den Dingen, die am frischesten in meiner Erinnerung haften.

Ich sagte ihm, daß meine alte Freundin ihn recht gern unterstützen würde, und daß wir alle drei gehen wollten, aber unter einer Bedingung. Diese Bedingung war das feierliche Versprechen, Mr. Micawber nie mehr seinen Namen oder sonst etwas anderes zu leihen.

»Lieber Copperfield, ich habe mir das Versprechen schon gegeben, weil ich jetzt zu fühlen anfange, daß ich nicht nur leichtsinnig, sondern auch höchst ungerecht gegen Sophie gewesen bin. Da ich mir selbst das Wort gegeben habe, so brauchst du hierin nichts mehr zu befürchten, aber ich wiederhole dir das Versprechen mit der größten Bereitwilligkeit. Den ersten unglücklichen Wechsel habe ich bezahlt. Ich bezweifle gar nicht, daß ihn Mr. Micawber bezahlt haben würde, wenn er gekonnt hätte, aber er konnte nicht. Etwas muß ich erwähnen, was mir an Micawber sehr gefällt, Copperfield. Es bezieht sich auf den zweiten Wechsel, der noch nicht fällig ist. Er sagt mir nicht, daß er ›gedeckt‹ sei, aber er sagt, er würde ›gedeckt‹ werden, und das scheint mir wirklich recht offen und ehrlich zu sein!«

Ich wollte meines guten Freundes Zuversicht nicht irre machen, und stimmte ihm daher bei. Darauf gingen wir nach Peggottys Wohnung, um diese abzuholen, denn Traddles wollte den Abend bei mir zubringen, sowohl weil er in der lebhaftesten Angst schwebte, seine Sachen könnte jemand anders kaufen, ehe er sie selbst wieder in seinen Besitz brächte, als auch, weil er abends, wie er sagte, immer an das beste Mädchen auf der Welt schrieb.

Ich werde nie vergessen, wie er um die Straßenecke herumguckte, während Peggotty um die ihm so kostbaren Sachen handelte, und wie aufgeregt er war, als Peggotty nach vergeblichem Handeln langsam auf uns zukam und von dem Trödler zurückgerufen wurde und umkehrte. Das Ende des Handels war, daß sie die Sachen verhältnismäßig billig zurückkaufte und Traddles vor Freude ganz entzückt war.

»Ich danke Ihnen recht sehr«, sagte Traddles, als er vernahm, daß ihm die Sachen diesen Abend noch in die Wohnung geschickt werden sollten. »Wenn ich noch um etwas bitten dürfte, aber du darfst mich nicht für närrisch halten, Copperfield –« Ich versicherte ihm im voraus das Gegenteil.

»Wenn Sie so gut sein wollten,« sagte Traddles zu Peggotty, »den Blumentopf gleich jetzt zu holen, so möchte ich ihn gern – er gehört ja Sophie, Copperfield – selbst nach Hause tragen.«

Peggotty erfüllte gern seine Bitte, und er überschüttete sie mit Danksagungen und ging, den Blumentopf zärtlich in den Armen tragend, mit einem der angenehmsten Gesichter von der Welt die Straße hinab.

Wir kehrten dann nach meiner Wohnung zurück. Da die Läden Reize für Peggotty hatten, wie für niemand anders, so gingen wir langsam unseres Weges, während sie mit großen Augen zu allen Fenstern hineinsah und ich auf sie wartete, solange sie wollte. So brauchten wir ziemlich lange Zeit, bis wir Adelphi erreichten.

Als wir die Treppe hinaufgingen, lenkte ich ihre Aufmerksamkeit auf das plötzliche Verschwinden der Fallen von Mrs. Crupp und auf frische Fußspuren. Als wir hinaufkamen, fanden wir zu unserer Verwunderung meine Stubentür offen stehen und hörten drinnen Stimmen.

Wir sahen einander an, ohne zu wissen, was das bedeuten sollte, und traten in die Stube. Wie groß war meine Überraschung, als wir meine Tante und Mr. Dick vorfanden!

Meine Tante saß auf einem Haufen Gepäck, vor sich ihre zwei Vögel und auf dem Schoß ihre Katze, ein weiblicher Robinson Crusoe, und trank Tee. Mr. Dick lehnte gedankenvoll auf einem großen Drachen, wie wir ihn manchmal hatten steigen lassen, und auch er war von Koffern umgeben.

»Liebe Tante!« rief ich, »welch unerwartete Freude!«

Wir umarmten uns innig; Mr. Dick und ich gaben uns herzlich die Hand, und Mrs. Crupp, die Tee machte und nicht aufmerksam genug sein konnte und geschmeidig wie ein Ohrwurm war, sagte ebenfalls herzlich, daß sie wohl gewußt habe, Mr. Copperfield werde das Herz auf der Zunge haben, wenn er seine lieben Verwandten sähe. »Holla!« sagte meine liebe Tante zu Peggotty, die vor ihrer imponierenden Gestalt schüchtern zurücktrat. »Wie geht es Ihnen?«

»Du erinnerst dich noch an meine Tante, Peggotty?« sagte ich.

»Um des Himmels willen, Kind,« rief meine Tante aus, »nenne die Frau nicht bei diesem hottentottischen Namen! Wenn sie verheiratet und ihn los ist, das beste, was sie tun konnte, warum soll sie davon keinen Vorteil ziehen? Wie heißen Sie jetzt – P.?« sagte meine Tante, um den verhaßten Namen zu vermeiden.

»Barkis, Madame«, erwiderte Peggotty mit einem Knicks.

»Nun, das ist doch ein menschlicher Name. Er klingt nicht so sehr danach, als ob Sie einen Missionar brauchten. Wie geht es ihnen, Barkis? Ich hoffe, Sie befinden sich wohl.«

Ermutigt durch diese gnädigen Worte und durch die ihr dargebotene Hand meiner Tante, trat Barkis vor, nahm die Hand und knickste dankend.

»Wir sind älter geworden, sehe ich«, sagte meine Tante. »Wir haben uns nur ein einziges Mal früher gesehen. Und eine schöne Geschichte haben wir damals angerichtet! Lieber Trot, noch eine Tasse Tee!«

Ich erfüllte den Wunsch meiner Tante, die wie gewöhnlich aufrecht und unbeugsam dasaß, und wagte eine Vorstellung gegen ihren unbequemen Sitz auf dem Koffer zu machen.

»Ich will das Sofa herrücken, oder den Lehnstuhl, Tante«, sagte ich. »Warum willst du so unbequem sitzen?«

»Ich danke dir, Trot«, entgegnete meine Tante. »Ich will lieber auf meinem Eigentum sitzen.« Hier sah meine Tante Mrs. Crupp scharf an und bemerkte: »Wir brauchen Sie nicht länger zu bemühen, Madame.«

»Soll ich vorher noch ein wenig Tee in die Kanne tun?« fragte Mrs. Crupp. »Nein, ich danke Ihnen, Madame«, gab ihr meine Tante zur Antwort.

»Soll ich noch ein Stückchen Butter heraufholen, Madame?« fragte Mrs. Crupp. »Oder wollen Sie vielleicht ein frisch gelegtes Ei versuchen, oder soll ich einen Schnitt Schinken rösten? Kann ich gar nichts für Ihre gute Tante tun, Mr. Copperfull?«

»Gar nichts Madame«, entgegnete meine Tante. »Ich bin mit allem versorgt, ich danke Ihnen.«

Mrs. Crupp, die unaufhörlich gelächelt hatte, zum Zeichen ihres sanften Gemüts, die beständig ihren Kopf auf eine Seite geneigt hatte, zum Zeichen ihrer schwachen Konstitution, die sich beständig die Hände gerieben hatte, zum Zeichen ihres Wunsches, dem Verdienste zu Diensten zu sein, lächelte, und rieb sich allmählich schiefköpfig zum Zimmer hinaus.

»Dick!« sagte meine Tante, »Sie wissen, was ich Ihnen von Liebedienern und Mammonsverehrern sagte.«

Mr. Dick gab mit etwas erschrockenem Blick, als ob er es vergessen hätte, hastig eine bejahende Antwort.

»Mrs. Crupp gehört zu diesen Leuten«, sagte meine Tante. »Barkis, Sie sind wohl so gut und besorgen den Tee und schenken mir noch eine Tasse ein, denn das Einschenken dieser Frau gefällt mir nicht.«

Ich kannte meine Tante genügend, um zu wissen, daß ihr etwas Wichtiges auf der Seele lag, und daß hinter ihrer unerwarteten Ankunft viel mehr verborgen war, als ein Fremder hätte voraussetzen sollen.

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