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David Copperfield - Band 1

Vorwort.

Eine Auswahl des Besten und Gediegensten, was der berühmte humoristische Novellist geschrieben hat, wird der deutschen Leserwelt gewiß um so willkommener sein, als sich die Anteilnahme für Dickens, die in Deutschland wohl nie ganz erloschen war, seit einigen Jahren wieder so bedeutend erhöht hat, daß man geradezu von einer Dickensrenaissance sprechen kann. Denn schien es noch vor zehn, zwölf Jahren, als ob die Popularität dieses Autors bei uns und auch unter seinen Landsleuten etwas nachgelassen habe, so hat seit einigen Jahren eine kräftige Gegenbewegung eingesetzt, die den Londoner Sittenschilderer wieder auf eine selbst zu seinen Lebzeiten kaum erreichte Höhe der Beliebtheit emporgehoben hat, die schon durch den bloßen buchhändlerischen Erfolg zu beweisen ist, wonach in den letzten zwei Jahren in England allein ungefähr anderthalb Millionen Exemplare von seinen Skizzen und Romanen abgesetzt worden sind. Darum soll ihm auch jetzt in London ein eigenartiges Denkmal errichtet werden, in Gestalt einer Dickensbibliothek, der National Dickens Library, um deren Begründung sich namentlich die Dickensgesellschaft und der Boz-Klub bemühen. Den Grundstock soll die reichhaltige Dickenssammlung bilden, die der vor einigen Jahren verstorbene M. F. G. Kitton zusammengebracht hat. Alle Ausgaben der Dickensschen Schriften in Original und Übersetzung, alle literarischen Veröffentlichungen über ihn, alle Plagiatversuche in Gestalt von »Fortsetzungen« seiner Romane, Parodien, Porträts, Illustrationen, Karikaturen, Kuriositäten usw. sollen dies Museum füllen, zu dessen Aufnahme die Guildhall-Bibliothek die erforderlichen Räume zur Verfügung gestellt hat.

Kein anderer Autor hat je einen solchen Grad von Volkstümlichkeit erreicht wie Dickens. Welcher Erzähler hätte es ihm auch gleichgetan? Welchem Erzähler hat je ein größeres und dankbareres Publikum gelauscht? Und wer hat solche andächtige Aufmerksamkeit und Liebe mehr verdient, als Dickens? Selten hat wohl auch einem Autor die Natur alle dem erzählenden Dichter unentbehrlichen Eigenschaften so verschwenderisch in den Schoß geschüttet, wie ihm. Vornan steht da die Schärfe seiner alles durchdringenden Beobachtungsgabe und die staunenswerte Gewandtheit in der Behandlung der Sprache, dann die Milde seiner Weltanschauung und der gesunde Humor, durch den er alle Gegensätze im Leben wohltuend zu versöhnen weiß. Und sind auch nicht wegzuleugnende Mängel in seiner Darstellungsweise vorhanden, so werden seine Werke doch immer infolge der erwähnten überwiegenden Vorteile zahlreiche und begeisterte Leser finden, und vor allem wegen der überall durchblickenden warmen Menschenliebe, die von jeher die Aufmerksamkeit auf die Armen und Verlassenen zu lenken wußte und schließlich deshalb, weil auch die Jugend und die Frauenwelt jeden, aber auch jeden seiner Romane ohne Scheu in die Hand nehmen kann, trotzdem der Dichter seine Leser häufig genug in die Niederungen des menschlichen Lebens, ja selbst in die Höhle des Verbrechens führt.

Bereitwillig bin ich daher dem Ansuchen der Verlagshandlung nachgekommen, eine Auswahl der Dickensschen Werke neu herauszugeben. Ich habe bei meiner Arbeit gute ältere Übersetzungen mitbenutzt, diese aber genau mit dem Original verglichen, überarbeitet und ergänzt; dies erschien um so nötiger, als viele der mir vorliegenden früheren Übersetzungen Auslassungen größerer und kleinerer Stellen zeigen. Möge der alte liebe Dichter in diesem Gewande seine früheren Freunde wiedergewinnen und sich zahlreiche neue dazu erwerben, wie er es wahrlich verdient in Deutschland, das ihm und seines Geistes anmutigen Kindern seit seinem ersten Auftreten vor fünfundsiebzig Jahren eine dauernde Stätte und zweite Heimat bereitete.

Berlin, 13, März 1909.

R. Z.

Charles Dickens. Sein Leben und Schaffen.

Charles Dickens, der vorzüglichste Dichter Londons, der volkstümlichste Novellist des 19. Jahrhunderts, nebst Thackeray der Gründer der Londoner Romanschule und einer der größten Humoristen Englands, wurde am Freitag den 7. Februar 1812 geboren, in Landport auf Portsea, der Insel am Eingang des Hafens von Portsmouth.

Sein Vater, John Dickens, war damals, als Beamter im Zahlamt der Marine, im Dockyard von Portsmouth angestellt. Charles war ein schwächliches Kind von Geburt an und mußte sich damit begnügen, den fröhlichen Spielen und dem ausgelassenen Getümmel seiner Altersgenossen vom Fenster aus zuzuschauen. Dadurch fand er sich früh genug auf den Umgang mit sich selbst angewiesen, indem er scharf seine Umgebung beobachtete und alles einem Gedächtnisse einzuprägen verstand, das ein geradezu eisernes genannt werden muß.

Walter Scott erzählt in dem Fragment seiner Selbstbiographie, wo er von den gegen seine Lahmheit angewandten Heilmitteln spricht, daß er sich erinnere, als noch nicht ganz dreijähriger Junge auf dem Fußboden des Wohnzimmers in dem Pachthause seines Großvaters gelegen zu haben, eingewickelt in ein Schafsfell, das noch warm vom Leibe des Tieres gekommen war. David Copperfield's, oder wie man hier sagen muß, das Gedächtnis von Dickens reicht noch weiter zurück. Er erzählt, daß er weit genug in die dunkle Ferne seiner Kindheit zurückblicken kann, um darin seine Mutter und deren Dienstmagd zu unterscheiden, wenn auch in verkleinerter Gestalt für sein Auge, weil sie auf den Boden niederknieten oder sich bückten, während er sich selbst mit schwankendem Schritt von der einen zur andern tappeln sieht. Auch hat er seinem Freunde und späteren Biographen John Forster erzählt, daß er sich des kleinen Gartens vor dem Hause in Portsea deutlich erinnere, das er verließ, als er zwei Jahre alt war und wo er, von dem Kindermädchen durch ein niedriges mit der Gartenfläche fast in gleicher Höhe liegendes Küchenfenster beobachtet, mit irgend etwas Eßbarem in der Hand, in Begleitung seiner älteren Schwester umherlief. Eines Tages trug man ihn aus dem Garten hinaus, um ihm zu zeigen, wie die Soldaten exerzierten, »und ich entsinne mich (sagt Forster), daß er, als wir zu der Zeit, da er seinen Nickleb schrieb, zusammen in Portsmouth waren, die Gestalt des Paradeplatzes genau wiedererkannte, den er ein Vierteljahrhundert vorher an derselben Stelle als Kind gesehen hatte.«

Er verkürzte sich, sobald er in die Geheimnisse des Alphabetes, eingeweiht war, die meiste Zeit mit Lesen, und ein günstiger Zufall fügte es, daß ihm aus seines Vaters Bücherei Cervantes, Lesage, Robinson Crusoe, Tausend und eine Nacht und die englischen Humoristen des achtzehnten Jahrhunderts in die Hände fielen. Sie waren eine Schar von Freunden, Lehrern und Spielkameraden für ihn gewesen, als er keinen anderen Freund und keine andere Beschäftigung hatte; diese Bücher verliehen seinem kleinen kränkelnden Leben Freude, Gestalt und Sonnenschein.

Jedoch sollte dieser kongeniale Verlauf seiner geistigen Entwicklung nur zu bald unterbrochen werden; denn sein Vater, der inzwischen nach London versetzt worden war, geriet in Geldverlegenheiten, die sich nach und nach vermehrten und schließlich so verwickelten, daß er in das Schuldgefängnis wandern mußte. Während Charles in Chatam, wo sein Vater vorübergehend im Dockyard angestellt gewesen war, noch wenigstens die Elementarschule des jungen Baptistenpredigers William Giles besucht hatte, hörte hier in London jeglicher Unterricht für ihn auf. Der kaum zehnjährige, schwächliche, aber auffallend hübsche Knabe mußte sich schon seinen Lebensunterhalt selbst verdienen! Was man bei dem Erscheinen des Copperfield vermutet hatte, bestätigt sich; daß er nämlich manche Züge und Szenen aus seinem wirklichen Leben in diesen Roman verwebt habe: aber keiner ahnte, wie weit das ging.

Dickens selbst ist der zehnjährige Knabe, den seine Eltern in ein schmutziges Wichsgeschäft gesteckt hatten, wo er von früh bis spät die Flaschen und Kruken mit kaltem Wasser auszuspülen und die gereinigten zuzubinden und mit Etiketten zu bekleben hat – und zwar für einen Wochenlohn von sechs Schillingen! Dickens selbst ist es, der für Micawber einzelne Hausratgegenstände versetzt und mit seinem Vater im Schuldgefängnisse sitzt. Nicht ein Stiefvater, nein sein rechter Vater hat ihn in den schmierigen Wichsladen gesteckt, und seine eigene Mutter wollte, ihn dahin zurückbringen, als er fortgelaufen war, weil er es bei dieser niedrigen unsaubern Beschäftigung unter rohen und gemeinen Menschen nicht mehr aushalten konnte.

»Es scheint mir wunderbar,« sagt er einmal, »wie man mich in einem solchen Alter so leicht in die Welt hinausstoßen konnte. Es scheint mir wunderbar, daß selbst nach meinem Herabsinken zu der Stellung des armen kleinen Sklaven, der ich seit unserer Ankunft in London gewesen war, niemand Mitleid genug hatte mit mir – einem Kinde von hervorstechenden Fähigkeiten, aufgeweckt, lernbegierig, zart und körperlich wie geistig leicht verletzt – um vorzuschlagen, daß man, wie ganz gewiß möglich gewesen wäre, etwas erübrigen könne, mich in eine gewöhnliche Schule zu schicken.... Keine Worte können die geheime Seelenqual ausdrücken, die ich erduldete, als ich zu dieser Kameradschaft hinabsank, diese alltäglichen Gefährten mit denen meiner glücklicheren Kindheit verglich und meine frühen Hoffnungen, ein gelehrter und berühmter Mann zu werden, in meiner Brust zusammenstürzen fühlte. Der tiefe Schmerz, den ich bei dem Gedanken empfand, völlig verwahrlost und hoffnungslos zu sein, die Scham über meine Lage, das Elend meines jungen Herzens bei dem Gedanken, daß Tag auf Tag alles, was ich gedacht und gelernt, und woran ich meine Freude gehabt und meine Phantasie und meine Nacheiferung begeistert hatte, nur entschwand, um nie wiederzukehren, läßt sich nicht beschreiben. Mein ganzes Wesen war so von dem Schmerz und der Demütigung dieser Gedanken durchdrungen, daß ich selbst jetzt, berühmt, geliebt und glücklich wie ich bin, in meinen Träumen oft vergesse, daß ich ein liebes Weib und Kinder habe – selbst jetzt, da ich ein Mann bin – und trostlos in jene Zeit meines Lebens zurückwandere« . . . . . . »Ich schreibe nicht«, sagt er ein andermal, »aus Groll oder Zorn; ich weiß, daß alles so kommen mußte, um mich zu dem zu machen, der ich bin. Aber ich habe niemals vergessen, ich werde nie vergessen, ich kann nie vergessen, daß es meine Mutter war, die mich in dies Geschäft zurückbringen wollte!«

Er hat es seine Eltern nie fühlen, geschweige denn entgelten lassen, er hat ihnen vielmehr, sobald er es nur vermochte, eine sorgenfreie, ja angenehme Lebensführung verschafft. Er hing mit einer gewissen Zärtlichkeit an diesem Micawber, diesem wunderlichen Vater, der gerade gestorben war, als er an seinem Copperfield schrieb. Eine gewisse Zärtlichkeit zeigt sich auch immer in der Schilderung dieser Romanfigur, besonders am Schlusse, wo er es mit meisterhafter Kunst verstanden hat, uns in Micawber eine Persönlichkeit zu hinterlassen, der man eine Art Achtung, und mehr noch eine gewisse Zuneigung nicht versagen kann. Aber es berührt einen doch seltsam, wenn man sich bei der Lektüre der Lebensgeschichte von Dickens erinnern muß, daß Micawber der Vater des Dichters ist! Dickens allerdings, und das versöhnt uns empfand nicht ebenso. Der Humor steckte so tief in seiner Natur, daß er durch Aufmerken auf die lächerlichen Züge das wohltuende Gesamtbild nicht zu beeinträchtigen glaubte. »Kenne ich einmal«, sagt er sehr bezeichnend, »einen Menschen mit all seinen kleinen und großen Fehlern, so wird er mir lieb und für mich ein interessanter Gegenstand.«

In der unwürdigen Stellung eines Wichsekrukenreinigers scheint der beklagenswerte Knabe bis zu seinem zwölften Jahre ausgehalten zu haben; wenigstens hatten sich die äußeren Verhältnisse seines Vaters um das Jahr 1824 herum wieder soweit aufgebessert, daß Charles von neuem eine Schule besuchen konnte. Er sagte darüber selbst: »Ein Mr. Jones, ein Walliser, hielt eine Schule in Hampstead-Road, wohin mich mein Vater schickte, um einen Prospectus mit den Preisen zu holen. Die Jungen waren gerade beim Essen und Mr. Jones war in einem Paar leinener Halbärmel mit dem Vorschneiden beschäftigt, als ich mich dieses Auftrages entledigte. Er kam heraus und gab mir was ich wünschte, und hoffte, ich würde sein Schüler werden. Ich wurde sein Schüler: um sieben Uhr eines Morgens, sehr bald nachher, trat ich als Tagschüler in das Institut von Mr. Jones, das in Mornington Place lag und dessen Schulzimmer abgerissen wurde, als man die Eisenbahn nach Birmingham durch diesen Stadtteil führte. Damals aber war das Schulzimmer weder durch Eisenbahndirektoren noch durch Ingenieure bedroht und über der Tür befand sich ein Schild, geziert mit den Worten: »Wellington House Academy«.

In der »Akademie« in Wellingtonhouse blieb er fast zwei Jahre, denn er war etwas über 14 Jahre alt, als er sie verließ. Sowohl in seinen kleineren Schriften als im Copperfield finden sich allgemeine Andeutungen darüber, und unter den aus den Household Words gesammelten Artikeln ist einer, der ganz besonders den Zweck hat, sie zu beschreiben. Er bezeichnet sie darin als besonders merkwürdig wegen ihrer weißen Mäuse. Er sagt, daß sich die Jungen allerhand Vögel, Finken, Hänflinge und Kanarienhähne in ihren Pulten, Schubkästen oder Hutschachteln hielten, daß aber weiße Mäuse die Haupttiere waren und daß die Jungen die Mäuse viel besser unterrichteten, als die Lehrer die Jungen. Nichtsdestoweniger erwähnt er, daß die Schule einer gewissen Berühmtheit in der Nachbarschaft genossen habe, obgleich niemand sagen konnte, worin sie bestanden hätte, und fügt hinzu, die Jungen seien der Ansicht gewesen, daß der Prinzipal nichts wisse und einer der Hilfslehrer alles!

Nach dem Austritt aus dieser Schule trat Dickens als Schreiber in das Bureau eines Sachwalters ein und verfiel, noch während er diese Stelle bekleidete, auf den Gedanken, sich durch Erlernung der Stenographie auf die Reporterlaufbahn vorzubereiten. Von der Mühe, die ihm diese, achtzehn Monate, hindurch eifrigst betriebenen stenographischen Studien verursachten, hat er ebenfalls einiges im Copperfield mitgeteilt. Sein Vater, bei dem er noch wohnte, war bereits als parlamentarischer Berichterstatter an einer der Morgenzeitungen angestellt und befand sich nun, auch infolge der Vermehrung seiner amtlichen Pension, durch den Ertrag dieser lobenswerten Beschäftigung in behaglicheren Verhältnissen, Um die Mittel für den Unterhalt seiner Familie zu vermehren, beschloß also der junge Dickens, es seinem Vater gleich zu tun. Und er erreichte sein Ziel durch die eiserne Konsequenz und die Selbstzucht, die ihm eigen war, und den Prozeß seiner Selbsterziehung erleichterte. Man würde auch keinen besseren erläuternden Kommentar über diese Jahre seines »Bureaujungentums« finden, als in der Antwort seines Vaters auf die Frage eines Freundes: »Wo hat Ihr Sohn denn seine Erziehung erhalten?« »Nun, Sir, man kann sagen – ha! ha! – er hat sich sozusagen selbst erzogen!« –

Von den zwei Arten der Erziehung, die nach Gibbons Ausspruch alle Menschen empfangen, die über das gewöhnliche Durchschnittsmaß hinaussteigen, der seiner Lehrer und der persönlicheren und wichtigeren, die er sich selbst gab, genoß er nur den Vorzug der letzteren. Nichtsdestoweniger reichte sie für ihn aus. Er machte sich also eifrig an das Studium der Stenographie und teils um seine allgemeinen Kenntnisse soweit zu vervollständigen, als man von einem jungen wohlerzogenen Mann erwarten durfte, teils der Befriedigung eines höheren Bedürfnisses wegen, wurde er ein fleißiger Besucher der Lesezimmer des Britischen Museums. Er wies oft auf jene Tage als auf die ihm persönlich nützlichsten hin, die er je verlebt habe, und nach den Resultaten zu urteilen, müssen sie dies in der Tat gewesen sein. Niemand, der ihn in späteren Jahren kannte und mit ihm eingehend von Büchern und Dingen sprach, würde geahnt haben, daß seine Erziehung im Knabenalter, fast völlig selbsterworben wie sie war, von so schwankender und zufälliger Art gewesen ist. Das Geheimnis lag darin, daß er sich stets auf die Höhe der Sache erhob, die ihn gerade beschäftigte, und daß er nie die Regeln unberücksichtigt ließ, die den Helden seines Romans leiteten. »Was ich in meinem Leben zu tun versucht habe, habe ich mit ganzem Herzen und gut zu tun versucht. Wenn ich mich einer Aufgabe widmete, so widmete ich mich ihr ganz. Niemals nur eine Hand an das zu legen, worauf ich mein ganzes Selbst wirken lassen konnte, und nie meine Arbeit zu unterschätzen, was sie auch sein mochte, das waren meine goldenen Regeln.«

Dickens war neunzehn Jahre alt, als er endlich in der Galerie der Berichterstatter im Parlament seinen Sitz einnahm. Anfänglich wurde er zwar nur dazu verwandt, Bericht über die Verhandlungen in Doctor's Commons und anderen Londoner Gerichtshöfen zu erstatten, indes schon nach kaum drei Jahren fand er als Dreiundzwanzigjähriger an der Morning Chronicle Anstellung als Parlaments-Reporter. Dieser Beschäftigung ist es gewiß zuzuschreiben, daß er später ein so gewandter Stilist wurde; andererseits trug sie ihm aber jene gründliche Verachtung des Parlamentarismus ein, die sich in so vielen seiner Romane kundgibt: er hatte eben aus allzu großer Nähe mitangesehen, wie Politik gemacht wird, und konnte daher vor ihr und ihren Helden keinerlei Ehrerbietung empfinden.

Einen weit bedeutungsvolleren Schritt als den zum Berichterstatter (obgleich er dies damals nicht wußte), hatte er kurz zuvor getan, indem er dem Old Monthly Magazine sein erstes schriftstellerisches Erzeugnis übersandte, das auch in der Dezembernummer von 1833 das Licht erblickte. Er selbst hat es beschrieben, wie er den – später als »Mr. Minns und sein Vetter« in das Londoner Skizzenbuch aufgenommenen – Artikel eines Abends im Zwielicht, mit Furcht und Zagen, verstohlen in einen dunkeln Briefkasten in einem dunkeln Postbureau in einem dunkeln Hofe bei Fleetstreet steckte, und er hat seine Aufregung geschildert, als der Artikel in vollem Glanze des Drucks erschien. »Ich ging bei dieser Gelegenheit nach der Westminsterhalle und blieb eine halbe Stunde dort, denn meine Augen waren so dunkel vor Stolz und Freude, daß sie die Straße nicht ertragen und sich dort nicht sehen lassen konnten.« Er hatte das »Magazin« in einem Laden am Strand gekauft, und genau zwei Jahre später erkannte er in dem jüngeren Teilhaber einer Verlagshandlung, der ihn in seiner Mietswohnung in Furnivals-Inn mit einem Vorschlage besuchte, aus dem die »Pickwickier« entstanden, dieselbe Person wieder, von der er jenes »Magazin« gekauft und die er weder vorher noch seitdem gesehen hatte.

Diese Zwischenzeit von zwei Jahren umfaßte mehr als den Rest seiner Laufbahn in der »Galerie« und der damit zusammenhängenden Arbeiten. Aber daß diese Beschäftigung in ihrem Einfluß auf sein Leben, für die Ausbildung seines Talents wie seines Charakters von höchster Bedeutung war, kann nicht bezweifelt werden, »Aus der heilsamen Schule der harten Zeitungsarbeit, die ich als ganz junger Mann durchmachte, leite ich immer meine ersten Erfolge her«, sagte er zu den Zeitungsredakteuren in Neuyork, als er auf seiner zweiten Amerikareise von ihnen Abschied nahm. Diese Schule eröffnete ihm einen weiten und abwechselungsreichen Kreis von Erfahrungen, die ihm seine wunderbare, ebenso getreue als humoristische Beobachtungsgabe ganz zu eigen machten. »Niemand, der je für Zeitungen gearbeitet hat (schrieb er 1845) hat innerhalb desselben Zeitraumes soviel Expreß- und Extraposterfahrungen gesammelt wie ich. Und was für Herren waren es, denen man am alten Morning Chronicle diente! Groß oder Klein, es kam nicht drauf an! Ich habe die Kosten für ein halb Dutzend Umstürze binnen einer Zeit von einem halben Dutzend mal sovielen Meilen zu berechnen gehabt. Ich habe Ersatz zu fordern gehabt für den Schaden, den das Herabtröpfeln von einer Wachskerze meinem Überzieher zufügte, wenn ich in den frühesten Morgenstunden in einem dahinsausenden Wagen schrieb. Ich habe wohl fünfzigmal während einer einzigen Reise für alle möglichen Beschädigungen Kosten berechnen müssen: solcherart waren die gewöhnlichen Folgen der Schnelligkeit, mit der wir uns fortbewegten. Ich habe für zerbrochene Hüte, zerbrochenes Gepäck, zerbrochene Stühle, zerbrochenes Pferdegeschirr Kosten berechnet; für alles: außer für einen zerbrochenen Kopf, das einzige, wofür man ungern bezahlt haben würde.«

In ähnlicher Weise äußerte er sich noch zwanzig Jahre später, als er im Mai 1865 bei dem zweiten jährlichen Festessen des Newspaper-preßfund, einer zum Besten notleidender Zeitungsangestellten gegründeten Gesellschaft, den Vorsitz führte und in seine Rede eine kurze Darstellung seines ganzen Berichterstatterlebens verflocht, »Ich vertrete hier«, sagte er, »nicht die Sache eines gewöhnlichen Klienten, von dem ich wenig oder nichts weiß. Ich vertrete hier die Angelegenheit meiner Brüder. Ich begann meine Tätigkeit als parlamentarischer Berichterstatter als achtzehnjähriger Knabe und gab sie – ich kann kaum an die unerbittliche Wahrheit glauben – vor ungefähr 30 Jahren auf! Und ich bin meinem Berufe unter Umständen nachgekommen, von denen sich meine hier anwesenden Brüder schwerlich eine hinreichende Vorstellung machen können. Oft habe ich wichtige öffentliche Reden, bei denen die peinlichste Genauigkeit erforderlich war und bei denen ein Versehen für einen jungen Mann äußerst bloßstellend gewesen sein würde, nach meinen stenographischen Skizzen für den Druck übertragen in der flachen Hand, bei dem Licht einer Laterne, in einer mit vier Pferden bespannten schaukelnden Postkutsche, die mit der damals erstaunlichen Geschwindigkeit von fünfzehn Meilen die Stunde in tiefer Nacht durch eine wilde Gegend dahingaloppierte. Als ich das letztemal in Exeter war, besuchte ich den dortigen Schloßhof, um einem Freunde zu Gefallen die Stelle zu identifizieren, wo ich einmal während des Wahlkampfes in Devonshire eine Rede Lord John Russels »aufnahm«, wie wir es nannten, inmitten eines von sämtlichen Vagabunden jener Gegend unterhaltenen lebhaften Handgemenges und in einem solchen Platzregen, daß zwei gutmütige Kollegen, die gerade nichts zu tun hatten, mir ein Taschentuch nach Art eines Thronhimmels bei geistlichen Prozessionen, schützend über mein Notizbuch hielten. Ich habe mir die Knie wundgeschrieben auf der alten Hinterbank der alten Galerie des alten Unterhauses, und ich habe mir die Füße wundgestanden in einem abgeschmackten Pferch im alten Oberhause, wo man uns wie ebensoviele zusammengedrängte Hammel warten ließ, bis etwa der Wollsack einer neuen Stopfung bedürfe. Bei der Rückkehr von aufgeregten politischen Meetings auf dem Lande zu den wartenden Londoner Druckern bin ich, wie ich glaube, in fast allen in England bekannten Arten von Fuhrwerken umhergeworfen worden. Auf schlammigen Landwegen wurde ich in der Nacht, vierzig bis fünfzig Meilen vor London, in alten Rumpelkästen, mit erschöpften Gäulen und betrunkenen Postillionen aufgehalten und kam doch noch vor Ausgabe der Zeitungen an Ort und Stelle rechtzeitig an, um von Mr. Black, dem verstorbenen Redakteur des Morning Chronicle in dem breitesten Schottisch, das aus dem weitesten aller Herzen kam, die ich je kannte, mit nie vergessenen Komplimenten empfangen zu werden. Ich erwähne diese kleinen Umstände zum Beweise, daß ich den Zauber jener alten Berufstätigkeit nie vergessen habe. Das Vergnügen, das ich über die Geschwindigkeit und das Geschick in der Ausübung zu empfinden pflegte, ist nie in meiner Brust erloschen. Von der Gewandtheit, die ich damals darin erwarb, ist mir noch soviel geblieben, daß ich fest überzeugt bin, ich könnte morgen wieder damit beginnen. Bis auf den heutigen Tag vertreibe ich mir, wenn ich (was mitunter vorkommt) eine langweilige Rede anhören muß, gelegentlich die Zeit damit, daß ich dem Redner in der alten, alten Weise folge, und manchmal ertappe ich mich sogar dabei, wie meine Hand, mit imaginären Aufzeichnungen beschäftigt, auf dem Tischtuch hin und her geht.«

Soviel von der Darstellung seiner Laufbahn in der »Galerie«. Inzwischen hatte er seine andere Beschäftigung nicht aus den Augen verloren. Seit dem Erscheinen der ersten Skizze im Monthly Magazine hatten schon neun andere die Seiten der späteren Nummern dieser Zeitschrift bereichert, die letzte im Februar 1835 und jene, die im August 1834 erschienen war, hatte zuerst die Unterschrift »Boz« getragen. Dies war der Spitzname seines von ihm zärtlich geliebten jüngeren Bruders Augustus, den er zu Ehren des Vicars von Wakefield Moses getauft hatte, was (scherzhaft durch die Nase gesprochen) zu Böses wurde, woraus dann die Abkürzung Boz entstand. »Boz war mir ein wohlbekannter Familienname, lange ehe ich mich der Schriftstellerei widmete, und so kam es, daß ich dies Pseudonym annahm.«

Zwei entscheidende Ereignisse im Leben von Dickens fallen fast gleichzeitig. Der Anfang des Jahres 1836 fand ihn noch damit beschäftigt, die erste Reihe der »Skizzen von Boz« gegen ein Honorar von etwa 3000 Mark in zwei Bänden herauszugeben. Aber schon am 31. März 1836 erschien das erste Schillings-Heft seines in Lieferungen veröffentlichten Romans der »Pickwickier«, nachdem es die Times vom 26. März angekündigt hatte, und am 2. April meldete dasselbe Blatt, daß sich Charles Dickens verheiratet habe mit Katharine, der ältesten Tochter George Hogarths, seines Freundes und Kollegen am Morning Chronicle. Die Flitterwochen verlebte der 24jährige Ehemann in der Gegend, zu der er in allen bedeutungsvollen Epochen seines Lebens mit einer sich seltsam erneuernden Vorliebe zurückkehrte, in dem ruhigen kleinen Dorfe Chalk an der Straße zwischen Gravesend und Rochester.

Daß in der jungen Ehe ein Mißverhältnis bestanden hätte, wird von keiner Seite aus berichtet. Freilich nahm er von vornherein noch eine jüngere Schwester seiner Frau, Mary, mit ins Haus, zu der er bald, wenn man seinen eigenen Worten Glauben schenken darf, eine leidenschaftliche Zuneigung faßte. Und als sie schon im nächsten Jahre sehr plötzlich starb, war er gänzlich niedergeschmettert. Er wollte sein Grab neben dem ihrigen haben, und noch fünf Jahre später, als über den Raum anders verfügt werden sollte, geriet er fast in Verzweiflung. »Die Sehnsucht, einst neben ihr begraben zu werden, ist bei mir noch so stark wie vor fünf Jahren, und ich weiß jetzt – denn ich glaube nicht, daß es jemals eine so starke Liebe gab wie die meinige zu ihr – daß sich diese Sehnsucht niemals vermindern wird. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, von ihrem Staube ausgeschlossen zu sein. Es schiene mir, daß ich sie zum zweiten Male verliere.« Auch während seiner zweiten amerikanischen Reise glaubte er, daß ihr Geist ihn immer umschwebe.

Wenn man dies nun alles wortwörtlich nähme, so würde die arme Katharine von Anfang an einen schweren Stand neben ihrem Manne gehabt haben. Aber Dickens war Dichter, und wie es innerlich mit seinen Liebesneigungen stand, hat er im Copperfield in seinem Verhältnis zu Klein-Emily, Dora und Agnes geschildert: es wird wohl etwas Übertreibung und etwas Einbildung seine Hand dabei mit im Spiele gehabt haben. Marys Grabschrift, von ihm geschrieben, ist auf einem Grabstein des Kirchhofs in Kensal-Green zu lesen:

»Jung, schön und gut, zählte sie Gott in seiner Gnade in dem frühen Alter von siebenzehn Jahren seinen Engeln zu.«

Es ist hier der Ort, darauf hinzuweisen, daß Käthe nicht in der Dora porträtiert ist, die wir aus dem Copperfield so liebgewonnen haben. Eine Bostoner Gesellschaft von Bücherliebhabern veröffentlichte vor kurzem die Liebesbriefe des Dichters an Maria Beadnell. Diese Publikation beweist nun wiederum die Tatsache, daß Dickens David Copperfield selbst ist und daß Maria Dora ist. Der letzte Brief des 22jährigen an die, einem reichen Mann angeheiratete, schloß: »Ich habe nie jemand vor Dir geliebt und kann auch kein menschliches Wesen außer Dir lieben! Und die Liebe, die ich jetzt zu Dir hege, ist so rein und so ewig wie zu irgend einer Zeit unseres Briefwechsels. Meine Gefühle wurden früh auf ein einziges Ziel gerichtet, und sie waren stark und werden ewig dauern.«

Nach 23 Jahren, nachdem Maria von den Fittichen des Schicksals hart geschlagen worden war, schrieben sich die beiden wieder. Einer der rührendsten Briefe von Dickens an Mrs. Winter lautet:

»Was ich heute an Einbildungskraft, Erzählungstalent, Energie, Leidenschaft, Streben und Entschlossenheit besitze habe ich nie getrennt und werde ich nie trennen von der hartherzigen kleinen Frau ... von Ihnen ... für die ich buchstäblich mit der größten Bereitwilligkeit gestorben wäre. Mir ist vollständig klar, daß ich meinen Weg aus der Armut und der Verborgenheit zu erkämpfen anfing mit dem beständigen Gedanken an Sie .... Meine große Hingebung und meine unnütze Zärtlichkeit in jenen harten Jahren, derer ich mich seitdem teils mit Freude, teils mit Grauen erinnere, haben auf mich einen solchen Einfluß ausgeübt, daß ich auf diese Zeit der Unterdrückung meiner Gefühle meine jetzige Zurückhaltung zurückführen muß, die sicherlich nicht ein Teil meiner ursprünglichen Natur ist, aber die mich jetzt abhält, meine Gefühle zu zeigen, selbst meinen Kindern gegenüber, außer wenn sie noch ganz klein sind ... Dies alles sind Dinge, die ich in meiner Brust verschlossen hielt und von denen ich nie glaubte, daß ich sie einmal sehen lassen würde. Aber jetzt, wo ich wieder an Sie schreibe, ... an Sie ganz allein ... wie könnte ich es unterlassen, Sie in mich hineinsehen zu lassen, um Ihnen zu zeigen, daß sie immer noch da sind. Wenn die reinsten, die glühendsten und die selbstlosesten Tage meines Lebens Sie als Sonne hatten ... und es war wirklich so ... und wenn ich weiß, daß der Traum, in dem ich damals lebte, mir gut tat, mein Herz läuterte und mich geduldig und standhaft machte, und wenn der Traum nur Sie kannte .. Gott weiß, daß es so war ... wie kann ich von Ihnen Vertrautes erfahren und Sie Vertrautes von mir hören, wenn ich Ihnen vorheuchelte, daß dies alles bei mir ausgelöscht wäre?« Später einmal schreibt Dickens an Mrs. Winter:

»Sie sind und bleiben immer dieselbe in meiner Erinnerung. Und wenn Sie sagen, daß Sie ›zahnlos, dick, alt und häßlich‹ geworden seien (was ich nebenbei nicht glaube), dann eile ich in Gedanken zu dem Hause in Lombard Street, das ebenso wie meine Luftschlösser verschwunden ist und dessen Backsteine und Mörtel zerfallen sind, und ich sehe Sie in einem himbeerfarbigen Kleide, mit einer kleinen schwarzen Einfassung oben ... aus schwarzem Plüsch, scheint es ... in Zackenspitzen geschnitten ... in unzähligen Zackenspitzen ... und mich mit meinem jugendlichen Herzen wie ein gefangener Schmetterling auf jeder Spitze aufgespießt.«

Von Käthe selbst hören wir erst aus der amerikanischen Reise (1842) etwas ausführlicher. Er schildert ihr Wesen dort recht humoristisch. Käthe hat allerdings die ständige Neigung anzustoßen: aus jeder Droschke zu fallen, sich den Fuß zu verstauchen, mit der Stirn an alle Laternenpfähle anzurennen. Doch gibt ihr Dickens das Zeugnis einer in jeder Hinsicht bewundernswürdigen Reisegefährtin. Sie ist nie müde, nie verstimmt, klagt nie und beklagt sich über nichts, obgleich er ihr starke Anstrengungen zumutet; sie ist immer willig und heiter: »kurz« – so schließt Dickens – »sie hat mir sehr gut gefallen.« Selbst seinem Wunsche, gleich ihm eine Rolle auf dem Theater zu übernehmen, gibt sie nach, obwohl nicht gerne. »Ich spielte das ganze Stück hindurch unter lautem Gelächter; was sagst Du aber dazu,« schreibt Dickens aus Montreal an Forster, »daß Käthe spielte, und zwar verteufelt gut, wie ich Dir versichern kann?«

Mit der Parlamentssession von 1836 endete übrigens seine Tätigkeit als Berichterstatter, und einige Früchte seiner vermehrten Muße zeigten sich noch vor dem Schlusse dieses Jahres. Die musikalischen Talente und Verbindungen seiner ältesten Schwester hatten ihn mit vielen Freunden und Professoren dieser Kunst bekanntgemacht. So kam es, daß er sich lebhaft für Brahams Unternehmen an dem St. James-Theater interessierte. Braham war ein damals bekannter englischer Sänger und Komponist, der in diesem Jahre den Versuch machte, im St. James-Theater eine englische Oper zu begründen. Dickens schrieb zu seinem Besten eine auf einer seiner Skizzen beruhende Posse und das Textbuch für eine Oper, zu der sein Freund Hullah die Musik komponierte. Sowohl die Posse, die unter dem Titel »Der fremde Herr« im September, als die »Die Dorfkoketten« betitelte Oper, die im Dezember 1836 aufgeführt wurden, hatten einen guten Erfolg.

Das Aussehen von Dickens war in jenen Tagen sehr verschieden von dem Antlitz, wie es die Photographien der späteren Generation bekanntgemacht haben. »Zuerst wurde man (so schreibt sein Biograph John Forster) durch ein Aussehen von kindlicher Jugend angezogen und dann durch einen Freimut und eine Offenheit des Ausdrucks, die ein sicheres Zeugnis ablegten für die inneren guten Eigenschaften. Die Züge waren sehr edel. Er hatte eine prächtige Stirn, eine feste Nase mit vollen weiten Flügeln, Augen, die wunderbar glänzten von Geist, und die überströmten von Humor und Heiterkeit, und einen ziemlich hervortretenden, von lebhafter Erregbarkeit zeugenden Mund.[1] Der ganze Kopf war gut geformt und symmetrisch und von äußerst kühner Miene und Haltung. Das in späteren Jahren so spärliche und ergraute Haar war damals von reichem Braun und üppigster Fülle, und das bärtige Gesicht seiner letzten zwei Jahrzehnte zeigte kaum eine Spur mehr davon; aber es war etwas in dem Gesichte, wie ich mich dessen zuerst erinnere, das keine Zeit verändern konnte und was ihm bis zuletzt unverwandelt aufgeprägt blieb. Das war die Schnelligkeit, die Schärfe, die praktische Macht, der eifrige, ruhelose, energische Ausdruck aller Züge, der so wenig von einem Gelehrten oder Schreiber von Büchern und soviel von einem Manne der Tat und der Welterfahrung kundtat. Licht und Bewegung glänzte aus allen Teilen dieses Angesichtes. Es war wie aus Stahl gemacht, bemerkte vier oder fünf Jahre nach der Zeit, von der ich rede, eine höchst selbständige und feine Beobachterin, die verstorbene Mrs. Carlyle. ›Was für ein Gesicht in einem Gesellschaftszimmer!‹ schrieb mir Leigh Hunt am Morgen, nachdem ich sie miteinander bekanntgemacht hatte. ›Es hat Leben und Seele für fünfzig menschliche Geschöpfe.‹ In solchen Ausdrücken erkennt man nicht allein die ruhelose und unwiderstehliche Lebhaftigkeit und Kraft, von der ich gesprochen habe, sondern auch das, was von Beständigkeit und fester Ausdauer darunterlag.«

Wenn die Erfindung den wesentlichsten Bestandteil eines Dichters ausmacht, so war Dickens ein sehr großer Dichter. Er hat gleich Shakespeare gewiß reichlich hundert von Gestalten geschaffen, die von Wahrheit und Lebenskraft strotzen. Die Neigung zur Karikatur, zur »Charge« ist allerdings ein nicht zu entkräftender Vorwurf, den man gegen die Künstlerschaft dieses großen Humoristen erheben kann, aber diese Neigung ist doch mehr eine Äußerlichkeit, die der Lebenswahrheit seiner Gestalten keinen großen Abbruch tut, um so mehr sich seit den Pickwickiern bis zu seinem letzten Werke eine fortwährende Abnahme dieser Untugend feststellen läßt. Schwerlich hat die englische Literatur einen zweiten Schriftsteller aufzuweisen, der so wie er mit der Hauptstadt verwachsen und mit ihren Verhältnissen vertraut gewesen wäre, der sie gleichzeitig so fest und unlöslich mit seinen Dichtwerken verflochten hätte. Zwar verstand er vornehmlich nur das Leben der mittleren und unteren Volksschichten zu schildern – die Darstellung des Highlife war seinem Zeitgenossen Thackeray vorbehalten – aber es gab dafür auch innerhalb dieses beschränkten Gebietes keine Pforte, die sich vor ihm und seiner Kunst nicht erschlossen hätte. Unterstützt wird er hierin durch seine alles durchdringende Beobachtungsgabe und seine staunenswerte Gewandtheit und Sicherheit in der Handhabung der Sprache.

Was die peinliche Treue seiner Schilderung anbetrifft, so wird Dickens nur von Defoe, was das Malerische und Anschauliche betrifft, nur von Balzac erreicht, mit dem er noch die Eigenschaft teilt, daß seine kühne und kräftiggestaltende Phantasie alle leblosen Dinge zu beseelen vermag. Bei Dickens wird ein messingener Türklopfer zu einer menschlichen Gestalt, ein alter Stuhl zu einem neuen Märchen und ein prosaischer Bettpfosten zu einer poetischen Traumerscheinung. So lebendig und kraftvoll ist die Entfaltung der Phantasie, daß alles von ihr mit fortgerissen wird. Erdichtete Gegenstände nehmen die Genauigkeit wirklicher Gegenstände an. Lebendige Gedanken werden durch leblose Dinge beeinflußt. Die Glocken trösten den armen alten Zettelausträger, das Heimchen bringt die Zweifel des rauhen Kärrners zur Ruhe, die Meereswogen besänftigen den sterbenden Knaben, Wolken, Blumen, Blätter, alle spielen ihre Rolle, kaum eine Form der Materie ist ohne eine lebendige Eigenschaft, kein schweigendes Ding ohne seine Stimme. Dazu kommt die lebensfrohe Überzeugung, daß es in der Welt nicht mit allem so schlimm bestellt sei, wie es oft den Anschein habe, und aus diesem Optimismus erwächst ihm der gesunde Humor, mit dem er in seinen Romanen die schroffsten Gegensätze wohltuend zu versöhnen weiß. Sein Humor hat nicht den bloßen spaßhaften Charakter, seine Komik ist stets drastisch, sein Spott verletzt nicht, und selbst da, wo seine Satire ätzend wirkt, fühlt man noch sicher heraus, daß der Dichter kein eifernder Sittenprediger ist, sondern ein Herz hat voll von warmer Menschenliebe. Als Anwalt der Schutzlosen und Mißhandelten, namentlich der Kinder, wandte er sich an die Herzen seiner Leser, die von solchen Existenzen zuvor kaum eine Ahnung hatten und für die sich damit in den Dickensschen Romanen eine ganz neue Welt auftat, die Welt des Alltags, der Darbenden und Hungernden. Sein Freund Forster erzählt, wie der Schöpfer des modernen Londoner Romans bei Tag und Nacht die Straßen der Metropole zu durchstreifen liebte, wie er sich in die Höhlen des Lasters und Verbrechens begab und so an der Quelle studierte. Daher die Echtheit der Schilderung, die selbst der Ausländer fühlt, z. B. in den Landschaftsbildern an den Themseufern bei Nacht, oder in den Straßen im flackernden Schimmer der Laternen, die der braune Nebel mit seinen flutenden Bändern umflort. Freilich geht ihm eine Gabe bis zum gewissen Grade ab: das ist die konsequente Charakterzeichnung.

Ein feiner Kenner der Dickensschen Romane hat gesagt, sie gleichen fast ohne Ausnahme Märchen, die glaubhaft gemacht seien durch den meisterhaften Realismus, mit dem der Dichter die ganze Umgebung, das äußere Beiwerk zu schildern weiß. Und Johann Proescholdt bestätigt es, wenn er sagt: Jeder aufmerksame Leser wird bemerken, daß sich in den einzelnen Dickensschen Romanen eine Reihe von Charaktertypen wiederholt, die sich weniger durch immanente Eigenschaften, als vielmehr durch zufällige Äußerlichkeiten, sei es durch sprachliche Eigentümlichkeiten, sei es durch seltsame Gewohnheiten, voneinander abheben. – Gerade hierauf sei noch einmal als auf eine Eigenschaft hingewiesen, durch die sich Dickens wesentlich von seinem Rivalen Thackeray unterscheidet: Thackeray ergreift nur die inneren Vorgänge und läßt das äußere Akzidens lediglich aus sich selbst heraus erwachsen, Dickens legt das Hauptgewicht auf die Schilderung der umgebenden Außenwelt, und geht von dieser aus erst in zweiter Linie auf das Seelische ein. Diese Eigenheit ist zur Achillesferse der Dickensschen Muse geworden; denn als sich der Dichter in der Beobachtung und Schilderung der realen Welt erschöpft hatte (und selbst eine Dickenssche Beobachtung mußte sich endlich einmal erschöpfen), da war er gezwungen, seine Zuflucht zu Phantasiegebilden zu nehmen, die in seinen späteren Werken um so weniger lebenswahr oder auch nur lebensfähig ausfielen, jemehr sich seine ungezügelte Phantasie der Kontrolle der Verstandestätigkeit zu entziehen wußte.

Das in vorstehendem kurz Dargelegte zeigt sich in allen Schöpfungen von Dickens, der schon 1837 das Fundament zu seinem Ruhme mit den Pickwickiern legte, die er im Verein mit dem Illustrator Hablot Browne herausgab und die in kürzester Zeit in 30 000 Exemplaren verkauft wurden und wodurch der Autor »the rage« wurde. Man könnte glauben, daß diese Geschichten aus fertigen Illustrationen hervorgegangen wären, doch ist dem nicht so; die Zeichnungen sind erst nach Angabe des Dichters entworfen. Obwohl ich den in den meisten dieser satirischen Zeichnungen obwaltenden glücklichen Humor durchaus nicht verkenne, muß ich die Bilder im Ganzen doch roh in der Erfindung und plump in der Ausführung nennen. Und ich muß mich, so oft ich sie betrachte, immer wieder wundern, daß Dickens mit all seinen verschiedenen Zeichnern im Wesentlichen stets zufrieden gewesen ist. Die Illustrationen müssen doch daher eine gewisse Ähnlichkeit mit den Personen gehabt haben, wie sich der Autor von ihnen in seiner Seele eine Vorstellung gemacht hatte: also charakteristisch, aber einseitig und etwas fratzenhaft. Der tollausgelassene Humor der Pickwickier kann auf allzu hohen künstlerischen Wert keinen Anspruch machen, weit mehr aber sein nächster Roman Nikolas Nickleby, während im Oliver Twist die geschilderten Vorgänge teilweis etwas an den Kolportage-Roman erinnern. Doch gerade in diesem letzten Roman hat Dickens im Sinne des praktischen Christentums gewirkt wie kein zweiter Romanschriftsteller.

Schon früh öffnete ihm sein Ruf die beste Gesellschaft, und er wurde allgemach mit den berühmtesten Schriftstellern bekannt und befreundet. Vornan stand Carlyle, den er bei allen späteren Entwürfen und Arbeiten zu Rate zog, und namentlich Harte Zeiten und die Geschichte zweier Städte sind ganz unter dem Einflüsse der Gespräche und der Lektüre der Carlyleschen Werke geschrieben worden. Dann kamen Wilkin Collins, Bulwer, der sich immer sehr freundlich und anerkennend gegen ihn benahm, Ainsworth, Yates, Thackeray und zuletzt George Eliot, »Dies ist ein Umstand,« sagt Julian Schmidt, »um die wir die Engländer sehr zu beneiden haben; ihre hervorragenden Talente halten eng zusammen und zeigen in ihrem Verkehr nicht nur gegenseitige Achtung, sondern wirkliche Teilnahme.« Freilich haben wir noch einen anderen Grund des Neides: für den ersten Abdruck des »Barnaby Rudge« (1840) erhielt Dickens 60 000 Mark. Aber auch damit war der erfolgreiche Novellist nicht zufrieden, sondern suchte immer nach neuen Mitteln, einen höheren Ertrag zu erzielen. So schrieb er im Oktober 1840: »Es erfüllt mich mit Zorn, daß meine Bücher jedermann bereichern, nur nicht mich, daß sie dem Verleger ein ungeheures Vermögen, mir selbst aber nur eine klägliche, dürftige Summe eingebracht haben.« Man vergleiche dazu sein Testament, in dem er fast 2 Mllionen Mark nach unserem Gelde hinterließ und das doch nur aus Honoraren bestand.

Die politische Gesinnung von Dickens war von jeher eine radikale gewesen, d. h. was die Engländer darunter verstehen: er suchte eine Partei, die sich gleich unabhängig von den Tories wie von den Whigs, hauptsächlich mit den Interessen der notleidenden Klassen beschäftigte. Sein Haß gegen das Manchestertum stammt von Carlyle her. Aber über das, was geschehen sollte, war er sich ebensowenig klar wie sein Vorbild; er suchte nur zu zeigen, daß die Lösung in keiner Weise befriedigen könne, die man bisher gefunden zu haben glaubte. Wenn er von politischen Grundsätzen im allgemeinen spricht, ist er ziemlich unbedeutend in dem, was er heranzubringen weiß. Dagegen hat er, wie ich schon oben bemerkte, auf bestimmte Schäden der Londoner Gesellschaft sehr nachdrücklich hingewiesen und zu ihrer Abhilfe in vielen Punkten beigetragen; ja es ließe sich wohl im einzelnen leicht nachweisen, welche bestimmten Reformen aus den oder jenen seiner Romane zurückzuführen sind. Man erinnere sich der Schuldgefängnisse in den Pickwickiern, in Copperfield und in Klein-Dorrit, man denke an die Satire auf die Kirchspielsverwaltung in Oliver Twist, man vergegenwärtige sich wieder das Verfahren des Kanzleigerichtshofes in Bleak House.

Was hier auch in künstlerischer Hinsicht getadelt werden muß, z. B. die Einseitigkeit und Übertreibung, sowie das Abstrakte in der Zeichnung der tadelnswerten Charaktere, das wird reichlich wettgemacht durch die praktische Wirkung seiner Schriften, die sich noch im heutigen England bemerkbar macht, nämlich das rühmenswerte Bestreben, das Los der Armen und Enterbten nach besten Kräften zu erleichtern. Nicht frei von den soeben erwähnten Mängeln ist auch Humphrys Clock, ein 1842 veröffentlichter Roman, der überhaupt an Längen und Unklarheiten leidet, aber als Ersatz einige der ergreifendsten Szenen bietet, die dem liebenswürdigen Novellisten jemals glückten. Vor allem müssen wir hier der berühmten Figur der Kleinen Nell gedenken, die schon damals zahllose Leser in Tränen auflöste und sogar den greisen Kritiker Lord Jeffrey zu dem Ausruf hinriß, daß seit Cordelia keine so rührende Gestalt gezeichnet worden sei!

So war denn auch der pekuniäre Erfolg gerade dieses Romans ein ganz beispielloser; außerdem wurde der junge Verfasser von der schottischen Nation als Ehrengast eingeladen und in Edinburg auf einem öffentlichen Festmahl gefeiert, so daß er mit einem Schlage eine europäische Berühmtheit wurde. Natürlich wollte, wie schon damals und noch heute, Amerika nicht zurückbleiben und lud den Dichter gleichfalls ein, was Dickens, wie er nachher erfahren mußte, zu seinem Leidwesen annahm, da eine gegenseitige Entfremdung die Folge war.

Im Januar 1842 tritt er seine Reise nach Nordamerika an. Der Entschluß kam wie alle seine Entschlüsse plötzlich, ohne alle Vorbereitung, und er befand sich in dem gewöhnlichen Fieber, bis die der Ausführung entgegenstehenden Schwierigkeiten beseitigt waren. Die Frau begleitete ihn, die Kinder blieben bei einer befreundeten Familie zurück. Was er in Amerika erlebte und erfuhr, hat er in den American Note's und im Martin Chuzzlewit so vollständig beschrieben, daß den Briefen nur eine dürftige Nachlese übrigblieb, die sich in der Hauptsache auf die Aufzählung der festlichen Gastmähler beschränkt. Aber wir erfahren etwas gründlicher, was ihn damals verstimmte: wenn man ihn in der Gesellschaft seinem eigenen Urteile nach so glänzend empfing wie vorher nur Lafayette, so wurde er dagegen im Privatverkehre »unerhört begaunert«.

Ferner mußte er auf Schritt und Tritt Rede stehen, was er über die Sklaverei denke, und da konnte er natürlich mit seinem gerechten Zorn nicht zurückhalten, sondern machte seiner Entrüstung darüber ungescheut Luft. Endlich hatte er gehofft, es durch seinen persönlichen Einfluß dahin zu bringen, daß ein Gesetz gegen den unberechtigten Nachdruck englischer Bücher erlassen würde, und damit fand er nirgend auch nicht den geringsten Anklang. Seine gründliche Verachtung gegen dies amerikanische Piratentum und gegen fast alle Einrichtungen des großen Staatswesens, sowie seinen Widerwillen gegen die Amerikaner an sich, gegen ihr Menschentum, ihren Snobismus, ihren teils recht verlogenen Lebenswandel und ihren ekelhaften Geschäftsgeist legte er in den erwähnten Noten zur allgemeinen Zirkulierung (1842) und in Martin Chuzzlewit (1843) nieder. Letzterer Roman enthält die wütendsten Ergüsse seiner ausfallenden Satire und die bissigsten Übertreibungen in der Karikierung seiner Personen, z. B. des Architekten Pecksniff und der Hebeamme Mrs. Gamp mit ihrem Idol Mrs. Harris. Es ist wohl das bitterste, was überhaupt gegen das Erblaster des heuchlerischen Cant geschrieben worden ist, und Mr. Pecksniff kann sich sehr gut neben Molières Tartuffe behaupten. Allerdings sah er bei seinem scharfen Auge und seiner blühenden Phantasie alles greller, als es in Wirklichkeit war, und vergebens widerrieten ihm gute Freunde den allzu lebhaften Ausdruck seines Widerwillens. In solchen Dingen war ihm aber schwer beizukommen. Das einzige, was sie erreichten, war die Unterdrückung des geplanten Mottos zu den Noten: »Auf eine Frage des Richters bemerkte der Bank-Advokat, diese Sorten Noten zirkulierten am allgemeinsten in den Ländern, wo sie gestohlen und gefälscht seien. Gerichtsverhandlungen in Old Bailey.« Jedenfalls muß man seine obenerwähnte Verstimmung in Anschlag bringen, um die übrigens glänzend hingemalten Bilder von den amerikanischen Zuständen richtig zu würdigen.

Nach der Rückkehr aus Nordamerika ließ sich Dickens auf zwei Dinge ein, die für sein späteres Leben nicht ohne Folgen blieben: er gründete eine Zeitung, zu deren Leitung er doch nicht der berufene Mann war, und er nahm seine jüngere Schwägerin Georgine zu sich, die ihm, ebenso wie vorher Mary, in geistiger Beziehung bald bedeutend näher trat als seine Frau.

In das Jahr 1844 fällt ein längerer Aufenthalt in Italien, Ende Juni 1845 landete er wieder in England, um schon ein Jahr darauf, am 30. Mai 1846, abermals England zu verlassen. Er reiste über Ostende, Verviers, Coblenz, Mannheim, Straßburg und Basel in die Schweiz, wo er einige Zeit in Lausanne verblieb, dann in Genf der Revolution (Aufstand gegen die Jesuiten) beiwohnte und dort am 9. November seinen Dombey abschloß. Hierauf fuhr er in fünf Tagen mit drei Wagen (einer für die Kinder, einer für das Gepäck und der dritte für ihn und seine Frau) nach Paris, wo er zu dreimonatigem Aufenthalte am 20. November eintraf.

Es ist bemerkenswert, wie in Beziehung auf diese verschiedenen Reisen die Stimmung bei ihm wechselt. Ihm liegt daran, seiner selbst und seiner Arbeit wegen, einen ruhigen, abgelegenen Aufenthaltsort zu finden, wie in Lausanne, aber dann ergreift ihn plötzlich wieder die alte Unrast: es fehlt ihm der Londoner Straßenlärm, und ohne diesen Faktor fühlt sich die Schwinge seiner Phantasie gelähmt. »Meine Figuren«, sagt er einmal von sich selber, »kommen ins Schwanken, sobald sie nicht eine Masse Volks um sich haben.« Man sieht, der gewiegte Menschenschilderer versteht auch sich selbst zu beobachten; denn da ihm für eine ruhige einfache Erzählung in der Tat die nötige Stimmung fehlt, so muß man diese Bemerkung über seine Schaffensart als durchaus treffend bezeichnen. Und an einer anderen Stelle berichtet er, wie ihn selbst nachts der Gedanke beunruhigt, daß er nicht in einer Londoner Straße herumlaufen könne, wenn ihn gerade die Lust dazu anwandle. »Ich werde meine Gespenster nicht los, wenn ich mich nicht in einem Volksgedränge bewegen kann.«

Hierbei ist hauptsächlich in Betracht zu ziehen, daß er seiner Phantasie, obgleich sie vieles vertrug, allzu Starkes zumutete, indem er gleichzeitig verschiedene Romane anfing, und er sich infolgedessen fortwährend aus dem einen Milieu ins andere hineinleben und umstimmen mußte. Und das erträgt auf die Dauer kaum die willigste und ergiebigste Einbildungskraft.

Bei seinem bereits erwähnten längeren Aufenthalte in Paris lernte er alle dortigen Größen und Berühmtheiten kennen und wurde mit weit mehr als der gewöhnlichen Pariser Höflichkeit aufgenommen, ja geradezu angeschwärmt. Diese Anerkennung tat ihm umso wohler, als sie sich in viel gebildeteren Formen kundtat als beispielsweise bei den Amerikanern. In Deutschland hielt er sich nicht lange auf und mochte es wohl auch darum nicht, weil ihm die Sprache zeitlebens fremd geblieben war. Infolgedessen nahm er auch von der deutschen Literatur wenig Notiz, und das wenige rührte nur aus Übersetzungen her.

Zu allen seinen zahlreichen sonstigen Arbeiten übernahm er nun noch die Herausgabe der »Household-Words« (Hausworte) und damit journalistische Verpflichtungen gegen das Publikum, wahrend er gleichzeitig seinen »Copperfield« in Monatsheften erscheinen ließ. Vor dem Beginne dieses Romanes besuchte er zum ersten Male Yarmouth, seinen Geburtsort, aus dem er aber schon seit seinem zweiten Jahre entfernt gewesen war; die prächtigen Seebilder im Copperfield sind also aus der unmittelbarsten Anschauung geschöpft. Daß auch die Charaktere in diesem wie in fast allen anderen Romanen auf Porträts beruhen, ist leicht herauszukennen, wenn man dichterisches Schaffen einigermaßen versteht. Forster zählte alle seine Bekannten auf, die ihm Modell gesessen haben. Oft hat dies zu Unzuträglichkeiten Anlaß gegeben: das Modell zu Harald Skimpoln war z. B. sein Freund und Kollege, der bekannte Schriftsteller und Byronbiograph Leigh Hunt. Daß dieser nun mit völliger Anschaulichkeit porträtiert wurde, aber in einem Charakter, der schließlich auf einen vollkommenen Lumpen hinauslief, mußte die Freunde doch verletzen. Dickens beruhigte sie damit, daß er seinen eigenen Vater ja in ähnlicher Weise nach dem Leben abgezeichnet habe. Jedenfalls war dieser Zug für die Dickenssche Art zu sehen charakteristisch, ob es auch als kein Milderungsgrund für dies Freundschaftsstück anzusehen war, daß eine Natur wie die Skimpoles eben als Lump endigen mußte. Erfreulich war es da immer für mich, zu sehen, daß Dickens in Dora nicht seine Frau Käthe, sondern eine frühere Jugendliebe geschildert hat: aber Jip, der Mops, und Grip, der Rabe, haben wirklich existiert. Aus der Virtuosität in der Schilderung dieser Haustiere kann man jedenfalls noch mehr als aus seinen menschlichen Porträts die sympathische Beobachtung alles wirklichen Lebens erkennen, die nicht auf bloßem Verständnis, sondern auf einem völligen Mitleben und Mitfühlen beruhte.

Dickens hatte sich aber in dieser Zeit mit der Übernahme so vieler Arbeiten, der Herausgabe von Wochenschriften und Zeitungen neben der gleichzeitigen Abfassung verschiedener Romane entschieden zuviel zugemutet. Aber der Wechsel in seinem Schicksal vom armen Jungen zum reichen Manne war zu schnell gekommen, und er lebte nun in einer Art von ungezähmtem Drange zum Erwerb, er häufte seine Arbeiten auf unnatürliche Weise und sann unaufhörlich auf Mittel, sein Vermögen zu vergrößern. Schon im dreiundzwanzigsten Jahre hatte er durch seine Skizzen allein eine feste Einnahme von ungefähr 8000 Mark gehabt, ein Jahr darauf, nachdem die ersten Pickwickhefte in 400 Exemplaren gedruckt waren, stieg mit dem vierten Hefte die Zahl der Abonnenten auf 40 000, und so ging es immer weiter und weiter.

Julian Schmidt, der ein prächtiges Porträt von Dickens entworfen hat, zieht hier einen sehr anschaulichen Vergleich zwischen ihm und Walter Scott. Er sagt: Dieser sonst durch und durch geistig wie körperlich gesunde Mensch hatte die Marotte, ein gotisches Schloß mit Park besitzen zu wollen; zu diesem Zweck spannte er seine ohnehin riesige Arbeitskraft über die Maßen an und gab sich zu einer Spekulation her, die schließlich seinen Ruin nach sich zog. Aber es ist in beider Verhalten ein großer Unterschied. W. Scott betrieb die Spekulation als etwas, das zu seinem eigentlichen Leben gar nicht gehörte, und er schloß seinen Vertrag mit dem Buchhändler und ließ diesen dann gewähren. In seinem eigentlichen Leben war weder von seinen Romanen noch von seinen Spekulationen die Rede: er war der immer lustige Gentleman, der seine Bäume pflanzte, Antiquitäten aufkaufte und jedes gesellige Vergnügen unbefangen mitmachte. Seine Spekulation war aller Welt ein Geheimnis. Daraus ergab sich freilich, daß er selber nicht wußte, wie es um ihn stand, daß ihn der tödliche Schlag völlig unvorbereitet traf.

Dickens dagegen nahm die Spekulation ganz ernsthaft in sein eigentliches Leben auf; er grübelte und verhandelte darüber gerade so ausführlich wie über die Konzeption seiner Romane. Es war nicht allein die Gewinnsucht, die ihn bestimmte; es kam etwas anderes ins Spiel. Dickens hatte von der Natur einen großen Überschuß an Kräften erhalten, er hatte Nerven von Stahl. Unablässige Anstrengung war ihm Bedürfnis: als Fußgänger und Reiter machte er alle seine Freunde zu schanden; so kolossal sein poetisches Schaffen war, es genügte ihm nicht, er bedurfte Anstrengungen anderer Art!

Ein weiterer Unterschied: Scott fehlte das, was man bei Dichtern Eitelkeit zu nennen pflegt, in einem Maß, wie es in der Weltgeschichte noch nicht vorgekommen ist. Er war seinerzeit ohne Zweifel der gefeiertste Autor in Europa, aber keiner durfte ihm davon reden. Es hatte ihm Vergnügen gemacht, seine Romane zu schreiben, und er gewann durch sie ein großes Vermögen; weiter wollte er nichts davon wissen. Dickens dagegen bedurfte einer starken Resonanz: der Jubel, der ihm von allen Seiten entgegenscholl, die Festreden, mit denen man ihn in einer Weise überschüttete wie keinen anderen Sterblichen, reichten ihm nicht aus; er hatte das Bedürfnis, die Wirkung seines Schaffens unmittelbar vor Augen zu sehen. Er las seine Werke gern vor, er unternahm große theatralische Aufführungen, in denen er eigentlich alles war, Held, Direktor, Regisseur, Maschinist usw. Das war alles zunächst reiner Tätigkeitsdrang und Bedürfnis auch unmittelbar sinnlicher Anerkennung: erst allmählich kam er dahinter, daß es auch eine wichtige Erwerbsquelle werden könne, und nun verfolgte, er es mit fieberhafter Hast. Es wäre (besonders in seinen späteren Lebensjahren) besser für ihn gewesen, wenn er wie Hume gesagt hatte: Ich bin reich, fett, faul; daher mag ich nicht mehr schreiben!

In den letzten Jahren seines Lebens unternahm er die zweite Reise nach Amerika (1867-68) gegen den Rat aller seiner Freunde. Forster spricht sich mißbilligend darüber aus, weil er seinen Kräften zuviel zumutete und dadurch sein Ende beschleunigte. Mir ist ein anderer Grund, den Forster nur leise andeutet, wichtiger. Bei solchen mit Hetzjagd betriebenen Vorlesungen gibt man doch eigentlich dem Publikum eine Schaustellung seiner Person; diese wird bezahlt, nicht der Vortrag selbst, den man ja zu Hause bequemer haben kann: man will den berühmten Mann sehen und hören und zahlt dafür ein Honorar. Es ist eine Unterschiebung niedrigerer für höhere Ziele, ein Hinabsteigen von einem edleren Beruf zum gewöhnlichen, und es trägt so sehr den Charakter einer öffentlichen Bloßstellung für Geld, um mit der Frage der Achtung vor seinem Beruf als Schriftsteller auch die Frage der Achtung vor sich als Gentleman in Anregung zu bringen. Meinem Gefühl widerstrebt diese Schaustellung durchaus, aber doppelt in diesem Fall, da Dickens vorher den Amerikanern die blutigsten Insulten ins Gesicht geschleudert hatte. Auch hier war das Bedürfnis der Aufregung wieder ein ebenso starkes Motiv als die Absicht des Gewinnes. In dieser Beziehung liegt im Leben von Dickens etwas Ungestümes, Hastiges, Friedloses, was den Idealen seiner Dichtung widerspricht: denn hier scheint eine ruhige, behagliche, durch keine Stürme angefochtene Existenz das höchste Ziel der Wünsche. Die Ideale des Dichters und des Menschen deckten sich nicht.

Vielleicht war er sich selbst nicht im vollen Maße bewußt, wie sehr sein Verlangen, ein öffentlicher Vorleser zu werden, nur das Resultat der ruhelosen häuslichen Unzufriedenheit der letzten vier Jahre war, von denen weiter unten des Näheren die Rede sein wird, und daß er, indem er diesem Verlangen und den davon unzertrennlichen wandernden Gewohnheiten nachgab, jeder Hoffnung entsagte, sein gestörtes häusliches Glück wiederherzustellen. – Dies behaupten auch Schmidt und Forster.

Im Copperfield, um nun wieder auf diesen Roman zu sprechen zu kommen, hat Dickens die Natur seines Talentes dargelegt. Schon als Kind ein scharfer Beobachter, bewahrte sein Gedächtnis alle empfangenen Bilder treu und unverwischbar. Da er an den Spielen seiner Kameraden nicht teilnehmen konnte, sah er ihnen aufmerksam zu und prägte sich jeden Zug ihrer Gesichter ein. Im Schuldgefängnis seines Vaters beobachtete er jeden Gefangenen, fragte nach seiner Geschichte und ergänzte sie aus eigenen Mitteln. Dann las er eifrig, las immer und immer wieder, und sah so die Welt nicht nur mit seinen eigenen hellen Augen an, sondern auch mit den Augen seiner Romanverfasser, deren Figuren ihn veranlassen, ähnliche Erscheinungen zu suchen und zu finden. Von gleicher Wichtigkeit waren die Werke Hogarths für ihn, dessen Bilder noch bis in die letzte Zeit hinein stets aufgeschlagen auf seinem Tische lagen: diesem großen Zeichner hat er die Effekte abgelernt, Tugenden zu empfehlen und Laster zu geißeln.

Wenn er aber dieselben Wirkungen, die Hogarth durch seine Stiche erreichte, durch Worte erzielte, so beweist dies eine königliche Gewalt über die Sprache, die nicht durch Erziehung zu erlangen ist, sondern angeboren sein muß. Der unermeßliche Wortschatz des Englischen war ihm bis auf die kleinste Münze tributpflichtig; für jeden Begriff, jede Stimmung hatte er den bezeichnendsten Ausdruck in der passendsten Nüance zur Hand. Darin kann er nicht genug bewundert werden, denn jede Skizze, jeder Roman zeigt seine Meisterschaft, in Worten zu malen.

Mit Copperfield erreichte er die Höhe seines Ruhmes und er hat diesen Roman nie wieder überboten. Die Popularität, die dieses Werk von Anfang an errang, wuchs in einem Maße, wie bei keinem vorhergehenden Buche, mit Ausnahme Pickwicks. »Sie erfreuen mich mehr, als ich sagen kann«, schrieb er im Juli 1850 an Bulwer Lytton, »durch das, was Sie über Copperfield sagen, weil ich selbst hoffe, daß einige bisher fehlende Eigenschaften darin zum Vorschein gekommen sind.« Zwar kann Bleak House, was die Kunst und Kraft der Darstellung betrifft, mit Copperfield wetteifern, aber es liegt eine gewisse Mißstimmung darüber, die nicht allein vom Gegenstande ausgeht, und ihren Schatten auch auf die Seele des Dichters wirft. Besonders deutlich wird dies an jener Stelle, die wie ein Blitzlicht einen Vorgang erleuchtet, ich meine die Stelle, wo die kleine Miß Flite, die als eines der Opfer in dem großen Prozeß »Jarndyce und Jarndyee« halb blödsinnig geworden ist, in einem Gespräche gelegentlich die Frage tut: Ich denke, in England nehmen ausgezeichnete und verdiente Leute eine angesehene Stellung ein? – und Dickens hinzusetzt: »Bisweilen war die gute Dame wirklich völlig verrückt.«

Was muß da nicht alles in einer Seele vorgegangen sein, die solcher Empfindung fähig sein konnte! Was berechtigte den Dichter zu einem solchen Ausruf, ihn, der so unerhört glänzende Erfolge zu verzeichnen gehabt hat, wie kaum jemals ein Dichter? Seine Lebensgeschichte gibt auch hierüber wieder einige Winke. Forster macht auf die bekannte Stelle im Copperfield aufmerksam, wo Dickens schreibt, daß bei aller wirklichen Liebe zu Dora doch auf Copperfields Seele das unbestimmte Gefühl eines unglücklichen Verlustes gelastet habe oder von irgend etwas anderem, das ihm fehle. Dora ist, wie gesagt, nicht das Porträt von der Gattin des Dichters, aber die hier geschilderte Empfindung ist eine Dickenssche Empfindung.

Aber dies allein mag es nicht gewesen sein. »Denken Sie einmal an das«, schreibt er noch im Jahre 1862 an seinen Freund, »was ich Ihnen von meiner Kindheit erzählt hatte, und fragen Sie sich selbst, ob es nicht natürlich ist, daß etwas an dem Charakter, der sich damals bildete und in glücklicheren Tagen zu verschwinden schien, in den letzten fünf Jahren wieder auftauchte. Das nimmer zu vergessende Elend jener früheren Tage rief, verknüpft mit dem Bilde eines schlecht gekleideten und schlecht genährten Kindes, eine ängstliche Empfindung hervor, die in dem nimmer zu vergessenden Elend dieser letzten Tage wiederkehrt.« Vier Jahre vor diesem Briefe (1858) hatte sich Dickens von seiner Frau getrennt. Forster macht über diese Erklärung einige sehr eingehende Bemerkungen. Von den Eindrücken, die in ihm die Demütigung seiner Kindheit zurückließ, war am stärksten die Furcht vor einem möglichen neuen Elend, das ihm aufgespart sein könnte, verbunden mit dem leidenschaftlichen Entschluß, mit den Umständen und Zufällen des Lebens einen Krieg bis aufs Messer zu führen. Dieser Entschluß hatte ihn stark gemacht, aber die beständige Anspannung all seiner Kräfte, diese ruhelose Energie, die keinen Widerstand litt, hatte auch manchen Übelstand im Gefolge. Oft war er in Gesellschaft unbehaglich, scheu, von übertriebener Empfindlichkeit, und dann hatte er das wieder zu bekämpfen. Ein zu hochgesteigertes Selbstgefühl, der Glaube an eine Kraft in ihm, der alles möglich sei, reizte ihn, sich Lasten aufzubürden, denen auf die Dauer auch die stärksten Schultern nicht gewachsen waren. In solchen Entschlüssen konnte er zuweilen hart, strenge und heftig sein; solche Augenblicke waren nicht häufig, aber sie kehrten doch von Zeit zu Zeit immer wieder. Eine finstere und kalte Isolierung, die nur auf sich selbst vertraute, seltsam verbunden mit einer fast weiblichen Empfänglichkeit und einem leidenschaftsvollen Bedürfnis nach Sympathie. In solchen Momenten schien es, als seien seine angeborenen Impulse für alles Edle und Freundliche vorübergehend unterdrückt durch den harten und unerbittlichen Nachklang seines Jugendschicksals.

Für diese gemischten Empfindungen fand der Dichter eben in seinem Hause nicht die ersehnte Befriedigung, und von Jahr zu Jahr wurde ihm solch Mangel fühlbarer, zumal es ihm nicht gelang, in dem Ersatz zu finden, was man Gesellschaft nennt. Niemand war geeigneter als er, jedem Zirkel Ehre zu machen, in den er hätte eintreten wollen, aber er vermied es vielmehr, er gab sich fast ebensoviel Mühe, den Häusern der Großen fernzubleiben, als sich andere bemühten, dort Zugang zu finden. »Zum Teil bestimmte ihn dazu die Verachtung gegen das in England so häufige Laster der Kriecherei gegen Vornehme. Aber außer diesem Motiv spielte noch ein anderes mit, das er sich nicht so vollständig eingestand: er war sehr empfindlich gegen die sozialen Ungleichheiten, aus denen jenes Laster hervorgegangen ist. Immer stand das Gespenst seiner Kindheit hinter ihm. Er war von einer starken Empfindlichkeit für Lob und Tadel, aber es war sein Stolz, diese Empfindung zu verhehlen und gleichgültig zu scheinen; er hatte eine ungeheure Höhe erstiegen, aber diese Erinnerung war ihm eher bitter als süß, denn vor ihm stand eine Schranke, hinter der ihm die vornehme Welt zwar Beifall rief, aber doch von oben herunter: er verachtete die Schranke und wußte doch, daß er sie nicht übersteigen konnte. In Augenblicken, wo dies Gefühl mächtig über ihn wurde, konnte er im Ausdruck hart und intolerant erscheinen. Seine schlimme Kindheit hatte ihm den unermeßlichen Wert eines eisernen Kampfes gegen Schwierigkeiten gelehrt, aber die Fähigkeit, der Entsagung und des Opfers hatte sie ihm nicht gegeben. In dem Sprung aus einer dunkeln Existenz in eine weltberühmte war er Meister von allen Gaben, durch die man etwas erreicht, aber nicht Meister über sich selbst. Trotz der Ordnung und Regelmäßigkeit in seinem Tun, trotz seinem Sinn für Häuslichkeit, hatte er etwas von dem Ungestüm überkräftiger Naturen, die nach aller Existenz greifen, ohne die Kosten zu erwägen, und denen es ebenso unmöglich ist, sich in das einmal Fertige, zu finden, als einer Schwierigkeit zu weichen.«

Hatte sich früher, etwa bis zur Beendigung des Copperfield, seine innere Unruhe mehr darin gezeigt, daß er mit Vorliebe seinen Aufenthaltsort wechselte, so trat jetzt auch darin eine Veränderung ein. Die Erfindung sprudelte nicht mehr so leicht als früher hervor, was er schon bei der Beendigung von Bleak House gemerkt hatte, wo er diesem Mangel durch allerhand bis dahin verschmähte Mittel, wie Notizen und ähnliches, abzuhelfen suchte. Oft hatte er das beängstigende Gefühl, daß es ihm nicht gelingen werde, den weitausgespannten Rahmen seiner neuen Entwürfe genügend mit lebendigen Gestalten auszufüllen; dann wurde er ungeduldig, warf seine Arbeiten beiseite und stürzte sich mit Gier in Beschäftigungen, die außerhalb seines Talentes lagen, in Journalistik oder politische Agitationen. In dieser Stimmung wurde es ihm immer schwerer, zu entbehren; er sprach in Andeutungen von einer »so glücklichen und doch so unglücklichen Existenz«, und brach in die herzbewegliche Klage aus: »Wie seltsam es auch sein mag, niemals Ruhe, niemals Befriedigung zu finden, immer nach etwas zu suchen, was nie erreicht wird, sich immer mit Plänen, Entwürfen und Sorgen zu beladen, so ist es mir doch klar, daß es so sein muß, daß ich von einer unwiderstehlichen Macht getrieben werde, bis mein Tagewerk zu Ende ist. Für manche Menschen gibt es keine Ruhe.«

Später, im Frühherbst 1857, erwiderte er auf ernste Hinwendungen seines Freundes Forster folgendes: »Es ist zu spät zu sagen: Lege den Zaum an und stürme nicht die Berge hinauf! Du sagst es dem unrechten Manne. Meine einzige Befreiung liegt jetzt im Handeln. Ruhe ist mir unmöglich geworden. Ich bin vollkommen überzeugt, daß ich rosten, brechen und sterben würde, wenn ich mich schonte. Viel besser, tätig zu sterben. Zu dem, was ich auf diese Weise bin, schuf mich erst die Natur, und meine jüngste Lebensweise hat es leider bekräftigt. Ich muß den Nachteil – da es doch einmal einer ist – mit den Talenten, die ich habe, hinnehmen, und ich muß leben nach den mir vorgeschriebenen Bedingungen.«

Hierbei ist zu bemerken, sagt Forster, daß etwas von demselben traurigen Gefühl, auch im Zusammenhange mit dem Mangel an häuslicher Befriedigung und mit der Besorgnis, von Zeit zu Zeit während der vorhergegangenen drei Jahre (1853–56) Ausdruck gefunden hatte; aber ich schrieb dies anderen Ursachen zu und beachtete es wenig. Während seiner Abwesenheit auf dem Festlande in den Jahren 1854, 1855 und 1856, als seine älteren Kinder aus der Kindheit heranwuchsen und seine Bücher ihm weniger leicht wurden als im früheren Mannesalter, kamen in seinen Briefen schon Spuren jenes »unglücklichen Verlustes und Entbehrens eines gewissen Etwas« zum Vorschein, dem er im Copperfield eine durchdringende Bedeutung gegeben hatte.

In dem ersten jener Jahre machte er eine ausdrückliche Anspielung auf diese Art von Erfahrung, die er in jenem Lebenswerke beschrieben hatte, und identifizierte sie, im Hinweis auf die Nachteile seines eigenen Lebens, zum erstenmal mit seiner eigenen: »Nie so glückliche und doch so unglückliche Existenz, die ihre Wirklichkeiten in Unwirklichkeiten sucht und ihren gefährlichen Trost findet in einem beständigen Entrinnen aus den sie umgebenden Täuschungen des Herzens.« Und später schrieb er aus Boulogne: »Ich habe schreckliche Gedanken, ganz allein für mich irgend wohin fortzugehen – auf sechs Monate. Rastlosigkeit, wirst Du sagen! Was es auch sein mag, es treibt mich unaufhörlich und ich kann nichts dagegen tun ... Ich befinde mich in einem aufgelösten Zustande!... Wie kommt es, daß, wenn ich jetzt in trübe Stimmung verfalle, immer ein Gefühl über mich kommt wie bei dem armen David Copperfield, von einem Glück, das ich im Leben verfehlt, und von einem Freunde und Genossen, den ich nie gefunden habe?«

Immer wieder ist er bemüht, in einem bestimmten Verhältnis den Grund für seine Unbehaglichkeit zu suchen, bis er endlich gegen Forster mit der Sprache herausrückt: »Die arme Käthe und ich, wir sind nicht füreinander gemacht. Dem läßt sich nicht abhelfen. Es ist nicht nur, daß sie mich unbehaglich und unglücklich macht, ich mache sie ebenso und noch weit mehr. Was Freundlichkeit und Gefälligkeit betrifft, so ist sie noch ganz die alte, aber wir stimmen einmal nicht zusammen; Gott weiß, sie würde tausendmal glücklicher geworden sein, wenn sie einen anderen Mann geheiratet hätte. Es schneidet mir oft ins Herz, wenn ich daran denke, wie traurig es ist um ihrer selbst willen, daß ich ihr in den Weg kam. Würde ich heute krank, sie würde das größte Mitgefühl mit mir haben, aber der Augenblick, daß ich gesund wäre, würde das alte Elend wieder hervorrufen. Nichts in der Welt kann sie dahinbringen, mich wirklich zu verstehen. Auch ihr Temperament stimmt nicht zu dem meinigen. Ich habe es lange kommen sehen, niemand kann mir helfen. Warum ich das schreibe, weiß ich kaum, aber es ist immer eine Art erbärmlicher Trost, mich einmal aussprechen zu können.« Darauf hat ihm Forster anscheinend ernstliche Vorstellungen gemacht, denn Dickens antwortet ihm: »Ich weiß sehr gut, daß ein großer Teil meiner Rastlosigkeit mit dem imaginativen Leben zusammenhängt, das ich führe. Für die Freuden dieses Lebens, das mich mit den höchsten Empfindungen beglückt, bin ich nicht undankbar; ich habe mir wiederholt gesagt, man müsse davon auch die Schattenseite hinnehmen. Ich will in keiner Weise behaupten, daß ich keinen Tadel verdiene. Ich kenne meine tausend Ungewißheiten, Launen und Gemütsschwierigkeiten. Aber damit wird die Sache nicht besser. Für uns beide wird mit den Jahren das Mißverständnis immer schwieriger zu ertragen, und ich sehe kein Ende ab. Aber nur eines wird all dies ändern und das ist das Ende, das alles ändert.«

Es wird den meisten nicht scheinen, daß hier etwas vorlag, was nicht unter glücklicheren Umständen einer umsichtigen Erledigung fähig gewesen wäre. Aber alle Umstände waren ungünstig, und der mäßige Mittelweg, auf den die Eingeständnisse in jenem Briefe hinwiesen und den sie vollständig gerechtfertigt haben würden, wurde unglücklicherweise nicht eingeschlagen. Alle Einflüsse, die dem einen Gedanken, der ihn jetzt beherrschte, hätten entgegenwirken können, waren so geschwächt, daß sie beinahe machtlos waren. Seine älteren Kinder waren keine Kinder mehr; seine Bücher hatten damals die Bedeutung verloren, die sie früher vor allen Dingen in seinem Leben gehabt hatten, und in sich selbst besaß er nicht die Hilfsquellen, die man bei einem Manne wie ihn hätte erwarten mögen, wenn man ihn von der Oberfläche aus beurteilte. Nicht nur sein Genie, sondern seine ganze Natur war allzu ausschließlich aus der Sympathie für das Wirkliche in seiner intensivsten Gestalt zusammengesetzt, um gegen die Mängel der ihn umgebenden Wirklichkeiten hinreichend gerüstet zu sein. Es gab für ihn keine »Stadt des Geistes« zu innerem Schutz und Trost gegen alle äußeren Übel.

Von da an verbohrte er sich immer tiefer in den Gedanken, daß etwas geschehen müsse! Immer lautere Aufregungen suchte er und fand doch keine Befriedigung darin, immer wieder suchte er in und aus dem Wirklichen noch die Freiheit und Befriedigung eines Ideals, und eben durch seine Versuche, der Welt zu entrinnen, sah er sich immer nur wieder in ihr Gedränge zurückgetrieben. Aber was er dort hätte suchen mögen, gewährt sie niemandem, und das Bemühen, das Unendliche aus etwas so endlichem zu gewinnen, hat schon manches stärkere Herz gebrochen.

Zuletzt erfaßte ihn ein glühender Haß gegen den Gedanken an Haus und Heim. Nach 22jähriger Ehe, die ihn mit neun Kindern beschenkte, kam es im April 1858 zur Trennung. Der älteste Sohn blieb bei der Mutter, die anderen Kinder blieben beim Vater, dem von jetzt an seine Schwägerin Georgine den Haushalt führte. Im übrigen war es den Kindern unbenommen, mit der getrennten Mutter in jeder gewünschten Weise zu verkehren.

Forster fügt dieser »Anordnung streng privater Natur« mit Recht die Bemerkung hinzu, das das Weitere das Publikum nichts anginge. Er beklagt auch lebhaft, daß sich Dickens einmal, durch allerhand böswilliges Geschwätz verleitet sah, in seiner Zeitschrift, den Household Words, etwas darüber zu sagen. Indessen war das Los, das die beiden Ehegatten traf, kein ganz gleiches; denn während Dickens selbst nach wie vor im öffentlichen Leben stand und glänzte, führte seine Frau ein dunkles, einsames Leben. In seinem Testamente fordert er die Kinder dringend auf, ihrer Tante die größte Verehrung und Liebe zu bewahren, während von ihrer Mutter nur insofern die Rede ist, als daß sich Dickens gegen den etwaigen Verdacht zu rechtfertigen sucht, daß er sie in pekuniärer Hinsicht nicht reichlich genug bedacht habe. Auf seiner zweiten amerikanischen Reise (1867) ließ er sich durch wiederholte Anklagen abermals verleiten, einen Brief über seine Frau in die Öffentlichkeit zu schicken, der im Ton nicht nur im höchsten Grade unedelmütig ist, sondern überhaupt auf das gröblichste aller Würde eines Gentleman widerspricht.

Der trotz alledem bedauernswerte Dichter mußte übrigens sehr bald einsehen, daß er von der durch ihn selbst heraufbeschworenen Neuregelung der Dinge dennoch keinen inneren Frieden gewann. Die alte Unrast und Unbehaglichkeit, für deren einzigen oder doch hauptsächlichen Grund er die häuslichen Zustände gehalten hatte, kehrten nach der Trennung von seiner Gattin nicht nur wieder, sondern erhöhten sich in gesteigertem Maße, und zwar um so heftiger, je mehr er sich gegen die Einsicht sträubte, einen schweren Irrtum begangen zu haben. Dazu kam noch seit dem Jahre 1865 eine Kränklichkeit, der er durch das falsche Mittel zu trotzen versuchte, sich immer gesteigerte Anstrengungen zuzumuten. Von seinen jetzt noch erscheinenden Werken ist die Geschichte der zwei Städte das einzige, das noch das Gemüt innerlich beschäftigt; er hatte, wie er selbst berichtet, als Urstudie dazu seines Freundes Carlyle Revolutionsgeschichte einige fünfzig Male durchgelesen. Die anderen Romane zeigen in Aufbau und Handlung zwar noch immer die ursprüngliche Meisterschaft, doch es strömt einem aus ihnen nicht die Freude entgegen, die man aus seinen früheren Werken mit den herzerwärmenden Gestalten herausfühlte, weil das Leben, das der Dichter zeigt, sich ihm nicht mehr in der früheren Ungezwungenheit offenbart, sondern daß er es mit einiger Mühe suchen muß, um es zu zeigen.

Die erwähnte zweite amerikanische Reise, die ihm ungefähr eine halbe Million Mark einbrachte, hatte bei den unerhörten physischen und geistigen Anstrengungen seine Gesundheit stark angegriffen. Aber er wurde es kaum gewahr im Taumel der Begeisterung, die ihm von Stadt zu Stadt folgte. Bei einem großen, ihm zu Ehren gegebenen Festmahl in Neuyork sagte er den Amerikanern, daß sich in den letzten 25 Jahren dort alles auf das vorteilhafteste verändert habe und er darum nicht vergessen werde, dies bei einer neuen Ausgabe der Noten und des Chuzzlewit zu betonen.

Dickens starb plötzlich, durch einen Schlaganfall, inmitten der Abfassung eines neuen Romans »Das Geheimnis Edwin Droods«, der auf zwölf Monatshefte berechnet war, aber mit dem sechsten Hefte im Juni 1870 seinen vorzeitigen Abschluß fand. Aus seinen letzten Stunden erzählt Forster folgendes: »Er verließ das Schweizerhäuschen spät; aber vor dem Diner, das auf sechs Uhr bestellt war, da er nachher noch einen Spaziergang aufs Land machen wollte, schrieb er einige Briefe, darunter einen an seinen Freund Charles Kent, worin er eine Zusammenkunft mit ihm in London für den folgenden Tag verabredete, und das Diner hatte bereits angefangen, als Miß Hogarth mit Bestürzung einen eigentümlichen Ausdruck von Unruhe und Schmerz auf seinem Gesicht bemerkte.

»Seit einer Stunde«, sagte er ihr dann, »sei er sehr krank gewesen«, aber er wünschte, daß das Diner seinen Verlauf nehme. Dies waren die einzigen wirklich zusammenhängenden Worte, die er sprach. Es folgten ihnen einige Worte über ganz andere Dinge, die ihm unzusammenhängend entfielen: über eine bevorstehende Auktion im Hause eines Nachbars, darüber, ob Macreadys Sohn bei seinem Vater in Cheltenham sei und über seine eigene Absicht, sofort nach London zu gehen. Aber bei diesen letzten Worten war er aufgestanden und nur die Unterstützung seiner Schwägerin hinderte es, daß er da hinfiel, wo er stand. Sie bemühte sich dann, ihn nach dem Sofa zu führen, aber nach einem kurzen Kampfe sank er schwer auf seine linke Seite nieder. »Auf dem Boden«, waren die letzten Worte, die er sprach. Es war jetzt etwas mehr als zehn Minuten nach sechs Uhr. Seine beiden Töchter kamen noch an demselben Abend mit Mr. Beard, an den man auch telegraphiert hatte und den sie an der Station trafen. Sein ältester Sohn traf in der Frühe des nächsten Morgens ein, und am Abend folgte ihm (zu spät) sein jüngerer Sohn aus Cambridge. Alle mögliche ärztliche Hilfe war herbeigerufen worden. Der Arzt aus der Nachbarschaft war von Anfang an da, und außer Mr. Beard war noch ein anderer Arzt aus London eingetroffen. Aber alle menschliche Hilfe war vergeblich. Es hatte ein Bluterguß ins Gehirn stattgefunden, und obgleich ein röchelndes Atmen noch die ganze Nacht hindurch und bis 10 Minuten nach 6 Uhr am Donnerstag abend, den 9. Juni, fortdauerte, war während der vierundzwanzig Stunden nie ein Hoffnungsstrahl aufgedämmert. Er hatte ein Alter von 58 Jahren und 4 Monaten erreichte

Carlyle, der ihm bis zuletzt am nächsten gestanden hatte, schrieb: »Ich kenne ihn nun seit fast dreißig Jahren. Bei jedem neuen Zusammensein trat mir immer deutlicher der selten und große Wert dieses Menschenbruders entgegen, bis er mir zuletzt so nahe stand wie kein anderer Mann unserer Zeit. Ein herzlicher, aufrichtiger, klar blickender, ruhig entschiedener, gerechter und liebender Mann. Sein Tod ist ein Weltereignis: ein Unikum von Talenten plötzlich erloschen; mit ihm scheint die harmlose Fröhlichkeit der Nationen plötzlich verdunkelt. Der gute, freundliche, hochbegabte, edle Dickens; jeder Zoll an ihm ein anständiger Mann!« Und Julian Schmidt setzt hinzu: »Dieses Zeugnis eines würdigen Mannes muß man zu den Schilderungen Forsters hinzufügen, damit das Bild nicht schielend werde: was im Charakter von Dickens Unbefriedigendes bleibt, hängt aufs engste mit der Größe seiner Gaben zusammen und ruft mehr unser Mitleid als unseren Tadel hervor.«

Die Aufregung und der Schmerz bei seinem Tode sind noch in frischer Erinnerung der älteren Generation. Ehe die Nachricht auch nur die abgelegeneren Teile Englands erreichte, war sie schon über Europa hingeblitzt, war sie bekannt in den fernen Kontinenten von Indien, Australien und Amerika, und hatte nicht nur unter englisch redenden Völkern, sondern in jedem Lande der zivilisierten Erde Schmerz und Sympathie erweckt. In seinem eigenen Vaterlande war es, als wäre ein jeder von einem persönlichen Verluste betroffen worden. Die Königin telegraphierte aus Balmoral »ihr tiefstes Bedauern über die traurige Nachricht von Charles Dickens Tode«, und dies war die Empfindung aller Klassen ihres Volkes. Es gab keine englische Zeitung, die ihr nicht einen rührenden und edeln Ausdruck verlieh, und die Times war es, die zuerst die Ansicht aussprach, daß die einzig passende Ruhestätte für die Reste eines von dem englischen Volke so geliebten Mannes die Abtei sei, in der die berühmtesten Engländer bestattet sind.

Der Dekan von Westminster verlor keine Zeit, dem auf diese Weise ausgesprochenen allgemeinen Wunsche ein bereitwilliges Gehör zu schenken und machte schon am Morgen des Tages, an dem jener Artikel erschien, der Familie und deren Vertretern eine entsprechende Mitteilung. Die öffentliche Huldigung eines Begräbnisses in der Abtei mußte versöhnt werden mit Dickens' eigenen Verordnungen, daß er still, ohne vorhergehende Ankündigung der Zeit und des Ortes und ohne Denkmal oder Erinnerungszeichen begraben werden wolle. Er hätte selbst am liebsten in dem kleinen Kirchhofe unter der Schloßmauer in Rochester geruht, oder in den kleinen Kirchen von Cobham oder Shorne; aber es fand sich, daß alle diese geschlossen seien, und man war schon auf den Wunsch des Dekans und des Kapitels von Rochester, ihn in ihrer Kathedrale zu bestatten, eingegangen, als die Bitte des Dekans von Westminster und die rücksichtsvolle Freundlichkeit seiner edeln Versicherung, daß kein anderes Zeremoniell stattfinden solle, als ein solches, das mit allen Erfordernissen eines Privatbegräbnisses im Einklang stehe, die Annahme dieses Anerbietens zu einer wohltuenden Pflicht machte. Die Stätte war bereits von dem Dekan ausgewählt worden, und vor Mittag, am folgenden Morgen, Dienstag, den 14. Juni, war, unter dem ausschließlichen Mitwissen derer, die an dem Begräbnis teilnahmen, alles vollendet. Die Feierlichkeit hatte nichts verloren durch ihre Einfachheit. Nichts so Großartiges oder Ergreifendes hätte sie begleiten können als die Stille und das Schweigen der gewaltigen Kathedrale. Dann, später am Tage und den ganzen folgenden Tag, kamen freiwillige Leidtragende in solchen Scharen, daß der Dekan um Erlaubnis bitten mußte, das Grab bis Donnerstag offen zu halten; aber auch nachdem es geschlossen war, hörten sie nicht auf zu kommen, und »während des ganzen Tages«, schrieb Doktor Stanley, »war ein beständiges Gedränge nach der Stätte hin und viele Blumen wurden von unbekannten Händen gestreut, viele Tränen von unbekannten Augen vergossen.« Er bezog sich darauf in der ergreifenden Leichenrede, die von ihm am Sonntag morgen, den 19. Juni, in der Abtei gehalten wurde, indem er hinwies auf die von neuem gestreuten frischen Blumen (wie sie noch immer gestreut werden im vierten Jahre nach Dickens' Tode), und sagte, daß »diese Stätte hinfort eine heilige sein werde, in der Alten wie in der Neuen Welt, als die Ruhestätte des Repräsentanten der Literatur, nicht dieser Insel allein, sondern aller derer, die in englischer Zunge reden.« Der darauf gelegte Stein trägt die Inschrift:

Charles Dickens.
Geboren den siebenten Februar 1812.
Gestorben den neunten Juni 1870.

Die höchsten Erinnerungen an die beiden Künste, die er liebte, umgeben ihn, wo er ruht. Ihm zunächst ist Richard Cumberland. Mrs. Pritchards Denkmal blickt auf ihn nieder und unmittelbar dahinter ist das David Garricks. Auch ist die entzückende Kunst des Schauspielers nicht würdiger vertreten als das edlere Genie des Autors. Dem Grabe gegenüber und zu seiner Linken und Rechten sind die Denkmäler Chaucers, Shakespeares und Drydens, der drei Unsterblichen, die am meisten getan haben, die Sprache zu schaffen und zu gestalten, der Charles Dickens einen andern unvergänglichen Namen gegeben hat.

Dies möge von den Lebensnachrichten des großen englischen Humoristen genügen. Dem Leser, der sich für ein ausführlicheres Bild von Charles Dickens interessiert, sei das fesselnd und liebevoll eingehende Werk empfohlen: Charles Dickens Leben. Von John Forster. Ins Deutsche übertragen von Friedrich Althaus. (Vom Verfasser autorisierte Übersetzung.) Drei Bände in Lex. 8° (391, 458 und 542 Seiten, mit Porträts und Abbildungen). Berlin 1872-1875 bei R. v. Decker. Die englische Ausgabe »Life of Dickens« (London 1871-1873, 3 Vol.) ist auch bei Tauchnitz erschienen; ebenda Briefe von Dickens in 3 Bänden, herausgegeben von John Forster.

David Copperfield.
Einleitung des Herausgebers.

Der Ruhm von Dickens stand nie so hoch als zur Zeit der Vollendung von David Copperfield. Die Popularität, die dieses Buch von Anfang an errang, wuchs in einem Maße wie bei keinem vorhergehenden Werke, mit Ausnahme Pickwicks. Wenn das Talent nicht größer war als im Chuzzlewit, so übte der Gegenstand doch eine größere Anziehungskraft aus; die Begebenheiten waren mannigfaltiger, das Spiel der Charaktere freier, und außerdem herrschte eine, allerdings allgemeine und unbestimmte Vermutung, die das Interesse nicht wenig verschärft hatte, daß nämlich der Dichtung etwas aus dem Leben des Autors zugrunde liege. Aus seinem handschriftlichen Nachlasse hat sich nun einerseits ergeben, daß in David Copperfield allerdings Wahrheit und Dichtung eng miteinander verflochten sind, anderseits aber zugleich, daß man mit der Identifizierung von Dickens mit David Copperfield früher viel zu weit gegangen ist. Die Lebensgeschichte des Dichters deckt sich mit der des David Copperfield nicht weiter als die traurigen Hungerford-Szenen reichen! Hier ist nun freilich die interessante Tatsache zu verzeichnen, daß Dickens lange vor der Konzeption des David Copperfield seine Autobiographie zu schreiben begonnen hatte, und daß er das Bruchstück, das von seinen mit Bob Fagin und Paul Green verlebten Jahren handelte, ohne wesentliche Änderungen dem Romane einverleibte. Alles, was über diese Episode hinausgeht, ist nicht Autobiographie, sondern eitel Fiktion. Besonders irrig ist es, in dem Charakter des David Copperfield den von Dickens suchen zu wollen, man müßte denn beide nach Analogie des Satzes einander nahe bringen wollen, daß sich die Gegensätze berühren.

Hat nun auch das Bekanntwerden der wirklichen Dickensschen Lebensgeschichte auf der einen Seite dazu beigetragen, unsern Roman eines guten Teils seines autobiographischen Reizes zu entkleiden, so hat es doch auf der andren Seite zugleich das Interesse an ihm, sowie an allen übrigen Dickensschen Romanen wesentlich erhöht, in die Personen aus dem Kreise des Dichters in poetischer Umhüllung verwoben sind. Der Brauch, Romancharakteren Originale aus dem wirklichen Leben zugrunde zu legen, ist in der englischen Literatur zwar älter als Dickens (schon Smollett und Fielding, auch W. Scott haben ihn befolgt), aber keiner hat ihn in so originaler Weise auszubeuten verstanden wie gerade er. Wo ihm auch eine bemerkenswerte Charakterseite an einem Menschen entgegentrat, griff er sie auf und verwertete sie in seinen Werken. Ja, er ging nach Modellen förmlich auf die Suche. Daß in Mr. Micawber sein Vater porträtiert ist, wurde bereits in der Haupt-Einleitung: »Charles Dickens. Sein Leben und Schaffen« erwähnt.

Die Freiheit, mit der Dickens seine Romanfiguren lebenden Personen anähnelte, fand nicht bei allen, deren er sich bemächtigte, die gleiche Beurteilung. Während die einen ein wahres Vergnügen und selbst eine Ehre darin fanden, ihrem Ebenbilde in Dickensscher Idealisierung oder auch Karikierung in einem seiner Werke zu begegnen, fühlten sich andere unangenehm davon berührt, ihre persönlichen Eigenschaften und häuslichen Verhältnisse durch den Dichter auf den öffentlichen Markt hinausgetragen zu sehen. Obschon nun dem Dichter aus keinem seiner Romane peinlichere Unannehmlichkeiten erwuchsen, als aus Bleak House, in dem er seinen Freund Leigh Hunt unter dem Namen Skimpole eine mehr als zweifelhafte Rolle spielen ließ, so ist es ihm doch auch bei David Copperfield begegnet, daß jemand aus seiner Bekanntschaft Verwahrung dagegen einlegte, sich in unliebsamer Weise in den Roman verflochten zu sehen. Dies geschah von einer Dame, die in Miß Moucher die Karikatur ihres eigenen Ichs erkannte. Nun konnte Dickens zwar das einmal Geschehene nicht ungeschehen machen, aber er wußte doch noch Abhilfe zu schaffen. Während es nämlich ursprünglich in seinem Plane gelegen hatte, die Figur der Miß Moucher in höchst bedenklicher Weise zu verwerten, gab er nun noch zu rechter Zeit der ganzen Sache eine solche Wendung, daß ihr Charakter in durchaus günstigem Lichte erscheint und einen nichts weniger als unangenehmen Eindruck hinterläßt. Wie geschickt der Dichter dabei verfuhr, zeigt sich dem Leser bei einer aufmerksamen Vergleichung des 32. mit dem 22. Kapitel.

Alle Personen, die uns im David Copperfield entgegentreten, hier einzeln Revue passieren zu lassen, hieße der Wirkung des Romans Eintrag tun: die beredteste Sprache zum Herzen des Lesers sprechen sie selbst. Nur über den Roman als Ganzes mögen noch einige Worte hier Platz finden. Keines der Dickensschen Werke nimmt gegenüber der allgemeinen Bemerkung, der Dichter ermangele bis zu einem gewissen Grade der Gabe konsequenter Charakterzeichnung, eine solche Ausnahmestellung ein, wie gerade David Copperfield. Hier heben sich alle Personen in scharfen Konturen voneinander ab, und befinden sich unter ihnen auch nicht gerade jene Meistergebilde, durch die der Dickenssche Humor unsterblich geworden ist, so hat doch die Phantasie des Dichters nirgends eine reichere Fülle gänzlich voneinander verschiedener Charaktere zu schaffen vermocht. In keinem anderen Dickensschen Romane schließt sich die Handlung so folgerichtig und ungezwungen an Charaktere an, von denen sie ausgeht; nirgends zeigt sich des Dichters Begabung für das Pathetische in glänzenderem Lichte als in der Sturmszene am Schlusse des David Copperfield, wo der Leichnam des Verführers tot in die Trümmer des Hauses geschleudert wird, das er verödet, und an die Seite des Mannes, dessen Herz er gebrochen hat, während der eine ebensowenig weiß was ihm mißlungen war zu erreichen, als der andere, was er durch seinen Untergang gerettet. Aus seinem eigenen Munde weiß man, daß dieser Roman das Lieblingsprodukt seines Verfassers von Anfang an gewesen und bis ans Ende geblieben ist; aber auch ohne dieses Zeugnis würde man an der Wärme des Tones, der das ganze Werk durchweht, die liebende Hingabe, die ihm der Dichter gewidmet hat, erkennen. Keiner seiner Romane trägt das Gepräge seines Geistes deutlicher an der Stirne, und keiner wird mehr dazu beitragen, den Namen Dickens späteren Geschlechtern zu übermitteln, als gerade David Copperfield.

Daß die Begebenheiten sich leicht entwickeln und bis ans Ende mit den Charakteren, von denen sie einen Teil ausmachen, in natürlichem und anspruchslosem Zusammenhange stehen, kann wohl hier mit größerer Wahrheit behauptet werden, als von irgend einem anderen Romane von Dickens. Es ist ein Überfluß von eigentümlichen und deutlich erkennbaren Personen darin und ein verschwenderischer Reichtum an Detail; aber die Einheit des Planes und Zweckes ist immer klar, und der Ton ist durchweg der richtige. Durch den Gang der Ereignisse lernen wir den Wert der Entsagung und Geduld, des ruhigen Ertragens unvermeidlicher Übel kennen, und alles in den Schicksalen der handelnden Personen fordert uns auf, unsere edeln Triebe zu stärken und die Reinheit des häuslichen Lebens zu wahren. Es ist daher leicht die außerordentliche Popularität Copperfields zu erklären, auch wenn man nicht das hinzufügt, daß der Roman wohl kaum einen Leser, Mann oder Knaben, Frau oder Mädchen, gehabt haben kann, der nicht entdeckte, daß er selbst etwas von diesem Kinde an sich hatte. Kindheit und Jugend leben für uns alle von neuem in seinen wunderbaren Kindeserfahrungen auf.

Daß das Werk auch seine Fehler hat, ist gewiß, aber keine, die mit den meisterhaftesten Eigenschaften unverträglich sind, und ein Buch wird unsterblich nicht durch den Umstand, daß keine Fehler darin sind, sondern dadurch, daß trotz alledem Genie darin ist. Wer sollte nicht, um nur einige Personen aus diesem Prachtroman namhaft zu machen, Betsey Trotwood lieben? Eckig, rauh, überspannt, aber die Großmut und Rechtschaffenheit selber, ein in allen seinen Teilen gründlich durchgeführter Charakter, ein knorriges Stück weibliches Holz, gesund bis ins Mark, eine Frau, die durch vollkommene Weiblichkeit den zartesten ihres Geschlechtes angehört. Dickens hat an durchgreifender Echtheit und Wahrheit nichts Besseres geschaffen als Betsey Trotwood. Es ist eine ihrer Wunderlichkeiten, einen Narren zum Gefährten zu haben, aber es ist auch eine Wunderlichkeit, in der die größte Angemessenheit und Weisheit liegt. Durch eine in »Wilhelm Meister« hingeworfene Zeile: daß die wahre und zugleich vollkommen mögliche Art, Wahnsinnige zu behandeln darin bestehe, mit ihnen zu verfahren, als ob sie gesund wären, antizipierte Goethe ein Mittel gegen das furchtbarste Leiden der Menschheit, das erst ein Jahrhundert später zur Anwendung gebracht wurde; und was Mrs. Trotwood für Mr. Dick tut, geht noch einen Schritt weiter, indem es zeigt, wie oft man ohne Irrenhäuser fertig werden und wie groß die Zahl schwachsinniger Menschen sein könnte, die sich, mit einiger Geduld, in ihren eigenen Häusern behandeln ließen.

Andere, sowohl durch Wahrheit als durch Wunderlichkeit gleich bemerkenswerte Gestalten sind die freundliche alte Pflegefrau und ihr Mann, der Fuhrmann, dessen Erlebnisse von Liebe wie von Sterblichkeit zusammengedrängt sind in drei seitdem in die allgemeine Verkehrssprache, übergegangenen Worte Barkis ist willens. Und obgleich Miß Dartle eigentümlich unangenehm ist, so hat doch auch sie einige recht natürliche Züge, so z. B. ihre Eigentümlichkeit nie etwas geradeheraus zu sagen, sondern es nur anzudeuten und dadurch die Sache, erst recht aufzubauschen. Was Ms. Steerforth betrifft, so verdient es Erwähnung, daß Thackeray eine Art Zuneigung für sie fühlte. »Ich wußte, wie es kommen würde, als ich zu lesen anfing« sagte er in einem ganz von ihm selbst handelnden Briefe, den er gleich nach, dem Auftreten von Mrs. Steerforth in dem Romane schrieb. »Meine Briefe an meine Mutter sind gerade so; aber sie hat sie gern, gerade wie Mrs. Steerforth. Gefällt Mrs. Steerforth Ihnen nicht?«

In der Verwandlung des brutalen Schulmeisters der früheren Kapitel in die milde Obrigkeitsperson von Middlesex am Schlüsse liegt eine gesunde und sehr wirksame Satire. Auch begegnet man nirgend einem feineren Humor, als bei dem provinziellen Leichenbesorger, der die Kürze seines Atems durch die Fülle seines Herzens ersetzt und so wenig von dem Vampirauge des städtischen Leichenbesorgers in Chuzzlewitt hat, daß er sich nicht einmal nach kranken Freunden erkundigen mag, aus Furcht vor unfreundlicher Deutung. Die ganze den Roman durchdringende Mischung von Heiterkeit und Trauer wird geschickt in die Behandlung dieses Teiles aufgenommen, und unter Heiratsanträgen und Vorbereitungen zu Hochzeiten und in das Lauten der Kirchenglocken zur Taufe hört man das beständige Rattattat des Hammers auf dem Sarge.

Von den Heldinnen, die die lebhafte, leicht gelenkte, nicht treulose, aber arg-verwirrte Neigung des Helden teilen, ist die verzogene Torheit und Zärtlichkeit der liebenden, kleinen und so kindlich-naiven Frau Dora anziehender, als die so unfehlbare Weisheit und selbstaufopfernde Güte der engelgleichen Frau Agnes. Die Szenen, die die Liebeswerbung und den Haushalt darstellen, sind unvergleichlich, und die Einblicke in Doktors-Commons, die jene Ansichten Mr. Spenlows über die Eitelkeit der menschlichen Erwartungen und die Inkonsequenz seiner Handlungsweise einleiten, bilden einen höchst angemessenen Hintergrund zu Davids häuslichem Leben. Dies gehörte unter die in den Roman aufgenommenen persönlichen Erlebnisse; aber eine traurigere Erkenntnis stellte sich einige Jahre später mit her Überzeugung ein, daß Davids Vergleiche, wahrend der ersten Zeit seines ehelichen Lebens, zwischen dem Glück, das er genoß, und dem Glück, das er einst erwartete, »der unbestimmte unglückliche Verlust oder Mangel an Etwas«, worüber er so oft klagte (vgl. die Haupt-Einleitung), auch eine persönliche Erfahrung abspiegelten, die in der Wirklichkeit nicht so erfolgreich ersetzt würde als in der Dichtung des Romanes. Schließlich sei noch erwähnt, daß der Einfluß Copperfields auf den deutschen Roman besonders klar zu spüren ist: Hammer und Amboß von Friedrich Spielhagen, und teilweise auch Soll und Haben von Gustav Freytag, sind dem Geiste und besonders in vielen Partien der Handlung nach mehr mit dem Dickensschen Werke verwandt, als sich die beiden Autoren dessen vielleicht selber bewußt waren.

Erstes Kapitel.
Meine Geburt.

Ob ich schließlich der Held meines eigenen Lebens werde, oder ob jemand anders diese Stelle einnehmen wird, das sollen diese Blätter zeigen. Um mit dem Anfang meines Lebens zu beginnen, berichte ich, daß ich (wie man mir später erzählt hat und wie ich auch glaube) an einem Freitag um zwölf Uhr mitternachts geboren bin. Wie man sagt, fing zu gleicher Zeit die Uhr zu schlagen und ich zu schreien an.

In Anbetracht von Tag und Stunde meiner Geburt erklärten die Wärterin und einige weise Frauen, die sich schon seit Monaten lebhaft für mich interessiert hatten, noch bevor die Möglichkeit einer persönlichen Bekanntschaft vorhanden war, erstens, daß ich im Leben kein Glück haben, und zweitens, daß mir die Fähigkeit beschieden sein würde, Geister und Gespenster zu sehen, denn beide Gaben würden unabänderlich allen unglücklichen Kindern beiderlei Geschlechts verliehen, die um Freitag Mitternacht zur Welt kämen.

Über ersteres brauche ich nichts zu sagen, denn meine Lebensgeschichte beweist besser als alles andere, ob sich diese Prophezeiung erfüllt hat oder nicht. Was die zweite Fähigkeit betrifft, so muß ich dies Erbteil entweder als bewußtloser Säugling verscherzt haben oder es ist mir noch nicht zugefallen. Aber ich beklage mich durchaus nicht, daß mir dieser Besitz bisher vorenthalten worden ist, und sollte sich jetzt ein anderer seiner erfreuen, so gönne ich ihm den herzlich gern.

Ich wurde mit einer Glückshaube geboren, und man bot sie in der Zeitung zu dem niedrigen Preise von fünfzehn Guineen aus. Ob damals die seefahrende Bevölkerung sehr arm an Geld oder arm an Glauben war und daher Korkjacken vorzog, weiß ich nicht, aber jedenfalls erfolgte nur ein einziges Angebot. Es kam von einem Notar her, einem Wechselmakler, der zwei Pfund Sterling bar anbot und das übrige in Sherry geben wollte, aber die Sicherheit gegen das Ertrinken zu keinem höheren Preise erkaufen mochte.

Ich erblickte in Blunderstone in Suffolk das Licht der Welt oder dort herum, wie sie in Schottland sagen. Ich bin ein nachgebornes Kind. Die Augen meines Vaters schlossen sich sechs Monate eher, als sich die meinigen öffneten. Noch jetzt kommt mir der Gedanke seltsam vor, daß er mich niemals gesehen habe, und noch seltsamer erscheint mir aus meiner ersten Kindheit die dunkle Erinnerung an den weißen Grabstein auf dem Kirchhofe, und meine innige Trauer bei dem Gedanken, daß er dort draußen allein liege in der dunklen Nacht, während unser kleines Wohnzimmer warm und hell war von Feuer und Licht; und daß die Haustür vor ihm verschlossen und verriegelt war, kam mir manchmal fast grausam vor.

Eine Tante meines Vaters, also eine Großtante von mir, über die ich noch viel zu erzählen haben werde, war die angesehenste Person in unsrer Familie. Miß Trotwood oder Miß Betsey, wie meine arme Mutter sie stets nannte, wenn sie die Scheu vor dieser gefürchteten Dame hinlänglich überwand, was nur selten geschah, war mit einem Gatten verheiratet gewesen, jünger als sie und sehr schön, nur nicht im Sinne des biedern Sprichworts: »Schön ist, wer schön handelt« – denn er stand im starken Verdachte, Miß Betsey geprügelt zu haben, und einmal sogar soll er einer Summe Geldes wegen in der Hitze nur zu deutliche Anstalten gemacht haben, sie zum Fenster im zweiten Stocke hinauszuwerfen. Diese Unerträglichkeit der Gemütsart veranlaßte Miß Betsey, sich von ihm loszukaufen und in eine Trennung durch gegenseitige Übereinkunft zu willigen. Er ging mit seinem Kapital nach Ostindien, und dort will man ihn nach einer abenteuerlichen Familiensage einmal mit einem Affen auf einem Elefanten haben reiten sehen; aber ich glaube, es wird wohl eine indische Äffin gewesen sein. Soviel ist sicher, daß zehn Jahre später aus Indien die Nachricht von seinem Tode eintraf. Was meine Tante dabei fühlte, weiß niemand, denn sie hatte unmittelbar nach der Trennung ihren Mädchennamen wieder angenommen und sich ein Landhäuschen in einem weit entlegenen Flecken an der Seeküste gekauft; dort lebte sie mit einer einzigen Dienerin in äußerster Zurückgezogenheit.

Mein Vater war früher einmal ihr Liebling gewesen, aber sie fühlte sich tödlich beleidigt durch seine Heirat, weil meine Mutter ein »Wachspüppchen« war. Sie hatte meine Mutter zwar nie gesehen, wußte aber, daß sie noch nicht zwanzig Jahre alt war. Mein Vater und Miß Betsey sahen sich seitdem nie wieder. Er war doppelt so alt wie meine Mutter, als er sie heiratete, und von zarter Gesundheit. Ein Jahr darauf starb er, wie gesagt, sechs Monate vor meiner Geburt.

Dies war der Stand der Dinge am Nachmittag jenes, wie ich mir wohl erlauben darf zu sagen, wichtigen und ereignisvollen Freitags. Ich kann natürlich keinen Anspruch darauf erheben, zu wissen, wie die Sachen damals standen; oder das, was hier folgt, aus eigener Anschauung zu berichten.

Meine Mutter saß am Kamin, sehr leidend und niedergedrückt, schaute durch ihre Tränen in das Feuer und sann trübe über ihr und des vor der Geburt Verwaisten Schicksal nach, zu dessen Empfang schon oben in einem Schubkasten einige Gros Nadelklammern bereit lagen, während sonst die Welt seinem Erscheinen mit ziemlichem Gleichmut entgegensah. Es war also ein heller, windiger Märznachmittag, und sie saß betrübt, niedergeschlagen und von bangen Zweifeln erfüllt, ob sie glücklich die zu erwartende schwere Prüfung durchmachen werde, am Kaminfeuer, als sie, ihre Augen trocknend, aufblickte, und durch das gegenüberliegende Fenster eine fremde Dame zum Garten hereintreten sah. Beim ersten Blick schon hatte meine Mutter die sichere Ahnung, daß es Miß Betsey sei. Die untergehende Sonne warf ihre Strahlen über die Garteneinzäunung auf die fremde Dame, und diese näherte sich der Tür mit einer so unbeugsamen Strenge in Gesicht und Haltung, wie sie nur ihr angehören konnte.

Als sie das Haus erreicht hatte, gab sie noch einen andern Beweis ihrer Identität. Mein Vater hatte nämlich oft erwähnt, daß sie sich selten wie ein gewöhnlicher Christenmensch benehme, und dies tat sie auch diesmal; denn anstatt die Glocke zu ziehen, trat sie ans Fenster und drückte ihre Nase mit solcher Heftigkeit gegen das Glas, daß meine arme gute Mutter nachher immer erzählte, die Nase sei urplötzlich ganz platt und weiß geworden.

So sehr erschrak meine Mutter über sie, daß ich immer überzeugt gewesen bin, ich verdanke es der Miß Betsey, an einem Freitag geboren worden zu sein.

In ihrem Schreck war die Mutter aufgestanden und hinter den Stuhl in eine Ecke getreten. Miß Betsey sah sich indes langsam und forschend im Zimmer um, wobei sie am andern Ende der Stube anfing, und wendete maschinenmäßig, wie ein Türkenkopf auf einer holländischen Wanduhr, ihren Kopf, bis ihre Blicke endlich auf meiner Mutter haften blieben. Dann zog sie die Stirne kraus und winkte meiner Mutter wie eine, die das Befehlen gewohnt ist, die Tür aufzumachen. Meine Mutter gehorchte.

»Mrs. David Copperfield, wie ich vermute«, sagte Miß Betsey. Der Nachsatz galt wohl der Trauerkleidung und dem Zustande meiner Mutter.

»Ja«, sagte meine Mutter schüchtern.

»Miß Trotwood«, sagte der Besuch. »Sie haben von ihr gehört, hoffe ich.«

Meine Mutter entgegnete, sie habe das Vergnügen gehabt, und hatte dabei das unangenehme Bewußtsein, nicht danach auszusehen, als ob es ein überwältigendes Vergnügen gewesen sei. »Jetzt steht sie vor Ihnen«, erklärte Miß Betsey. Meine Mutter verbeugte sich und bat sie einzutreten.

Sie trat in die Wohnstube, wo meine Mutter gesessen hatte, denn das Besuchszimmer auf der andern Seite des Flures war dunkel und war nicht erleuchtet gewesen seit meines Vaters Leichenbegängnis; und als sie beide Platz genommen hatten und Miß Betsey nichts sagte, fing meine Mutter, nach vergeblichem Bemühen sich zu fassen, zu weinen an.

»O still doch, still!« sagte Miß Betsey beschwichtigend. »Nur das eine nicht! Bitte, bitte!«

Aber meine Mutter konnte doch nicht anders, und ihre Tränen flossen, bis sie sich ausgeweint hatte.

»Nehmen Sie die Trauerhaube ab, Kind,« sagte Miß Betsey, »daß ich Sie ansehen kann.«

Meine Mutter war zu sehr eingeschüchtert, um dieses wunderliche Verlangen abzuschlagen, selbst wenn sie es gewollt hätte. Daher entsprach sie dem Wunsche, tat es aber mit so zitternden Händen, daß ihr das Haar, das sehr üppig und schön war, wirr über das Gesicht fiel.

»Ach mein Himmel, du bist ja noch ein wahres Kind!« rief Miß Betsey aus, in das Du verfallend.

Allerdings sah meine Mutter selbst für ihre Jahre noch ungewöhnlich jung aus, und nun ließ sie den Kopf sinken, als ob es ihre Schuld wäre, und sagte schluchzend, daß sie freilich befürchte, sie sei ein wahres Kind von einer Witwe, und werde wohl auch ein Kind von einer Mutter sein, falls sie am Leben bliebe. In der kurzen Pause, die hierauf folgte, kam es ihr fast vor, als ob Miß Betsey ihr Haar berühre und zwar mit keiner unsanften Hand; aber als sie schüchtern hoffend aufblickte, saß die Dame steif da, ihr Kleid aufgenommen, die Hände über ein Knie gefaltet, die Füße auf den Kaminvorsetzer gestemmt und mit grimmigem Blick ins Feuer schauend.

»Aber in des Himmels Namen«, sagte Miß Betsey plötzlich. »Warum Krähenhorst?« »Meinen Sie das Haus, Madame?« fragte meine Mutter.

»Warum Krähenhorst?« sagte Miß Betsey. »Hühnerstall oder dergleichen wäre passender gewesen, wenn ihr beide überhaupt Begriffe vom praktischen Leben gehabt hättet.«

»Mr. Copperfield hat den Namen gewählt«, erwiderte meine Mutter »Als er das Haus kaufte, war ihm der Gedanke lieb, daß Krähen in der Nähe waren.«

Der Abendwind fegte in diesem Augenblick so heftig durch die alten, hohen Ulmen am Ende des Gartens, daß sowohl meine Mutter als Miß Betsey ihre Augen dorthin wandten. Als sich die Ulmen so gegeneinander neigten wie Riesen, die sich Geheimnisse zuflüsterten, dann, nachdem sie einige Sekunden so niedergebeugt verharrt hatten, in heftige Bewegungen gerieten und mit ihren phantastischen Armen in die Luft emporfuhren, als ob diese Geheimnisse zu gräßlich wären für ihre Seelenruhe, wurden auf ihren höchsten Zweigen ein paar alte, vom Sturm zerzauste Krähennester wie Wracks auf stürmischer See hin und her geschleudert.

»Wo sind die Vögel?« fragte Miß Betsey.

»Wie?« Meine Mutter hatte bereits an etwas anderes gedacht.

»Die Krähen – wo sind sie hingekommen?« fragte Miß Betsey.

»Seit wir hier sind, haben wir keine gesehen«, sagte meine Mutter. »Wir glaubten – Mr. Copperfield glaubte, es sei ein großer Krähenhorst, aber die Nester waren alt, und die Vögel haben sie seit langer Zeit verlassen,«

»Ganz David Copperfield'sch!« sagte Miß Betsey. »Der echte wirkliche David Copperfield; nennt ein Haus einen Krähenhorst, wenn keine Krähe in der Nähe ist, und hält die Vögel im guten Glauben für vorhanden, weil er die Nester sieht!«

»Mr. Copperfield ist tot,« gab meine Mutter zur Antwort »und wenn Sie es wagen, unfreundlich über ihn zu sprechen mir gegenüber –« Ich glaube, meine arme Mutter hatte einen Augenblick wirklich die Absicht, sich an meiner Tante tätlich zu vergehen, die sie leicht mit einer Hand bezwungen hätte, selbst wenn meine Mutter in einer bessern Verfassung für einen solchen Kampf gewesen wäre, als heute abend. Aber beim Aufstehen verging die Anwandlung und sie setzte sich wieder sehr demütig hin und sank in Ohnmacht.

Als sie wieder zu sich kam, oder als Miß Betsey sie zu sich gebracht hatte, sah sie letztere am Fenster stehen. Die Dämmerung war inzwischen bereits zur Dunkelheit geworden, daß sich die beiden Frauen beim Scheine des Feuers noch gerade erkennen konnten.

»Nun?« sagte Miß Betsey und trat wieder an den Stuhl, als ob sie nur einen Augenblick habe hinaussehen wollen, »und wann, meinst du –?«

»Ich zittere an allen Gliedern«, stammelte meine Mutter. »Ich weiß nicht, was mir fehlt, ach, ich sterbe sicherlich,«

»Nein, nein, nein!« sagte Miß Betsey. »Trink eine Tasse Tee.«

»Ach Gott, ach Gott! Meinen Sie, daß mir das gut sein wird?« rief meine Mutter in weinerlichem Tone und ganz hilflos.

»Natürlich«, sagte Miß Betsey. »Es ist alles nur Einbildung. – Wie heißt denn das Mädchen?«

»Ich weiß nicht, ob es ein Mädchen sein wird«, sagte meine Mütter unschuldig. ^

»Gott segne dich mein Kind«, rief Miß Betsey und zitierte unwillkürlich die Inschrift auf dem Nadelkissen, das auf der Kommode lag, nur meinte sie mit dem Kind meine Mutter und nicht mich. – »Das meine ich nicht. Ich meine das Dienstmädchen.«

»Peggotty«, sagte meine Mutter.

»Peggotty!« wiederholte Miß Betsey mit einiger Entrüstung. »Willst du damit sagen, Kind, daß ein Mensch jemanden in einer Christenkirche Peggotty habe taufen lassen?«

»Es ist ihr Vatersname«, sagte meine Mutter schüchtern. »Mr. Copperfield nannte sie so, weil sie den gleichen Taufnamen mit mir hat.«

»Heda, Peggotty!« rief Miß Betsey hinaus, indem sie die Stubentür öffnete. »Tee! Deine Herrschaft ist ein bißchen unwohl. Aber rasch ein bißchen!«

Nachdem sie diesen Befehl so herrisch gesprochen hatte, als ob sie von jeher die anerkannte Gebieterin des Hauses gewesen wäre, und die erstaunte Peggotty gemustert hatte, die verwundert über die fremde Stimme mit einem Lichte in der Hand in den Flur hinausgetreten war, machte Miß Betsey die Tür wieder zu und nahm Platz wie vorhin, die Füße abermals auf den Kaminvorsetzer gestemmt, das Kleid etwas aufgenommen, und die Hände über ein Knie gefaltet.

»Du meinst also, es könnte ein Mädchen werden«, sagte Miß Betsey. »Ich zweifle gar nicht daran, ich habe eine Ahnung, daß es ein Mädchen sein muß. Also, Kind, von dem Augenblick der Geburt des Mädchens an –«

»Oder vielleicht Knaben«, erlaubte sich meine Mutter einzuwerfen.

»Ich sage dir ja, ich ahne gänzlicher, daß es ein Mädchen ist«, entgegnete Miß Betsey. »Widersprich mir also nicht! Von dem Augenblick der Geburt dieses Mädchens an, Kind, will ich seine Freundin sein. Ich will seine Patin werden, und sie soll Betsey Trotwood Copperfield heißen. Mit dieser Betsey Trotwood Copperfield muß im Leben alles gut gelingen. Mit ihren Gefühlen soll nicht frevelhaft gespielt werden. Sie muß gut auferzogen und in acht genommen werden, damit sie ihr Vertrauen nicht törichterweise an Unwürdige verschenkt. Und das soll meine Sorge sein!«

Miß Betsey warf bei jedem dieser Sätze den Kopf zur Seite, als ob das erlittene Unrecht vergangener Zeiten in ihr wieder lebendig würde, und sie jede noch deutlichere Anspielung darauf nur mit großer Anstrengung zurückhielte. So dachte wenigstens meine Mutter, als sie sie bei dem schwachen Feuerschein beobachtete, aber sie war von Miß Betsey zu sehr eingeschüchtert, selbst zu verlegen, und von dem Besuch zu bestürzt, als daß sie hätte genau beobachten oder etwas sagen können.

»Und war David gut gegen dich, Kind?« fragte Miß Betsey, als sie eine Weile geschwiegen hatte und die Bewegungen ihres Kopfes allmählich ausgehört hatten. »Habt Ihr Euch immer gut vertragen?«

»Wir lebten sehr glücklich«, sagte meine Mutter. »Mr. Copperfield war nur zu gut gegen mich.«

»Ah, er hat dich also verzogen?« erwiderte Miß Betsey.

»Ich fürchte sehr, er hat mich insofern verzogen, als es mir schwer sein wird, ganz allein und ohne Stütze wieder in die rauhe Welt zu treten«, schluchzte meine Mutter.

»Na, na, schon gut, nur nicht weinen!« sagte Miß Betsey. »Ihr wart eben nicht passend verheiratet, Kind – wenn man überhaupt passend verheiratet sein kann – und deshalb frage ich. Du warst ja Wohl eine Waise, Kind, nicht wahr?«

»Ja!«

»Und Gouvernante?«

»Ja, zweite Gouvernante in einer Familie, die Mr. Copperfield als Gast häufig besuchte. Mr. Copperfield war immer sehr freundlich und aufmerksam gegen mich und machte mir zuletzt einen Heiratsantrag. Und ich sagte: Ja. Und so wurden wir Mann und Frau«, sagte meine Mutter ganz schlicht und treuherzig.

»Hm! armes Kind!« murmelte Miß Betsey und sah immer noch grimmig ins Feuer. »Verstehst du denn etwas?«

»Was beliebt, Madame?« entgegnete meine Mutter.

»Na, z.B. von der Wirtschaft?« fragte Miß Betsey.

»Ich fürchte, nicht viel«, erwiderte meine Mutter. »Nicht so viel wie ich wünschen möchte. Aber Mr. Copperfield unterwies mich darin –«

»Verstand selber recht viel davon«, schaltete Miß Betsey ein.

»– Und ich hätte sicherlich Fortschritte darin gemacht, da ich sehr eifrig im Lernen und er sehr geduldig im Lehren war, wenn nicht das große Unglück seines Todes« – meine Mutter verlor wieder die Fassung und konnte nicht weiter sprechen.

»Nun ja, nun ja!« begütigte Miß Betsey.

»Ich führte mein Wirtschaftsbuch regelmäßig und schloß es mit ihm gewissenhaft jeden Abend ab«, rief meine Mutter, in einem neuen Ausbruch des Schmerzes aufschluchzend.

»Nun, nun, weine nur nicht mehr!« sagte Miß Betsey.

»Und es fiel niemals auch nur das kleinste Wort der Uneinigkeit darüber, außer wenn Mr. Copperfield tadelte, daß ich die Drei und Fünf einander so ähnlich und an die Sieben und die Neun Schleifen machte«, schluchzte meine Mutter weiter und sah sich immer wieder von Tranen unterbrochen.

»Du wirst dich noch krank machen«, sagte Miß Betsey fürsorglich, »und das ist weder für dich noch für mein Patchen gut. Komm, komm! «Du mußt das unterlassen!«

Diese Begründung trug einiges zur Beruhigung meiner Mutter bei, obgleich ihr zunehmendes Übelbefinden einen größern Anteil daran hatte. Es folgte eine Pause des Schweigens, das nur unterbrochen würde von einem gelegentlichen »Hm!« der Miß Betsey, die immer noch dasaß, die Füße auf den Kaminvorsetzer gestemmt.

»David hatte sich für sein Geld eine Leibrente gekauft«, sagte sie nach einer Weile. »Was hat er für dich getan?«

»Mr. Copperfield«, sagte meine Mutter mit einiger Anstrengung, »war so rücksichtsvoll und gut gegen mich, mir einen Teil der Leibrente zu sichern.«

»Wieviel?« fragte Miß Betsey.

»Hundertundfünf Pfund jährlich«, sagte meine Mutter.

»Es hatte übler kommen können«, sagte meine Tante.

Das war eine in doppelter Hinsicht treffende Bemerkung, denn der Zustand meiner Mutter hatte sich so sehr verschlimmert, daß Peggotty, die soeben mit Teebrett und Lampe hereintrat und auf den ersten Blick ihren Zustand erkannte, – was Miß Betsey natürlich schon längst bemerkt hätte, wenn das Zimmer nicht so finster gewesen wäre –- daß sie also Peggotty so rasch wie möglich in die Stube hinauf brachte und sofort Ham Peggotty, ihren Neffen, der seit einigen Tagen als immer verfügbarer Bote für unvorhergesehene Fälle im Hause verborgen gewesen war, nach der Hebamme und dem Doktor schickte.

Diese verbündeten Mächte wunderten sich nicht wenig, bei ihrer kurz hintereinander erfolgenden Ankunft eine unbekannte Dame von gewichtigem Aussehen vor dem Feuer sitzen zu sehen, die den Hut an dem zusammengeknüpften Bande über den linken Arm hängen hatte und sich die Ohren mit einer seinen Watte zustopfte. Da Peggotty nichts von ihr wußte und meine Mutter sich über sie nicht geäußert hatte, so blieb sie ein vollständiges Geheimnis in der Wohnstube, und die rätselhafte Tatsache, daß sie ein ganzes Wattemagazin in der Tasche zu haben schien und sich Watte auf besagte Art in die Ohren stopfte, schmälerte die Feierlichkeit ihrer Anwesenheit nicht im mindesten.

Nachdem der Doktor oben gewesen und wieder heruntergekommen war, und nun vermutete, daß er wahrscheinlich mit der unbekannten Dame einige Stunden würde beisammen bleiben müssen, so schickte er sich an, höflich und gesellig zu sein. Es war der sanfteste seines Geschlechts und der gutmütigste aller Männer.

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