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Date mit dem Tod

PROLOG

„Miss, wachen Sie auf! Sie können hier nicht im Auto übernachten. Dies ist kein Campingplatz!“ Der Straßenarbeiter klopfte gegen das Fenster des dunkelblauen Fords. Doch die junge Frau auf dem Fahrersitz reagierte nicht. Ihr Kopf lehnte an der Scheibe. Die zerzausten Haare fielen ihr ins Gesicht. Ihr Mund war leicht geöffnet. Sie hatte die Augen geschlossen und schlief tief und fest. Hilflos drehte sich der Straßenarbeiter zu seinem Kollegen um, der startklar auf der Straßenwalze saß und ihm Zeichen gab, das Mädchen notfalls unsanft zu wecken. Schließlich sollte der Parkplatz in den kalifornischen Bergen mit Panoramablick auf das Städtchen Avalon binnen eines Tages planiert und neu asphaltiert werden.

„Hallo! Aufwachen!“ Er unternahm einen zweiten Versuch und hämmerte diesmal kräftig mit der Faust gegen das Fenster.

Doch nichts rührte sich.

„Nun mach schon!“, forderte ihn sein Kollege auf. „Ich bin nicht schon vor Sonnenaufgang aufgestanden, um wegen eines Collegemädchens, das seinen Rausch ausschläft, die Zeit zu vertrödeln.“

„Schon gut!“, wiegelte der erste Straßenarbeiter ab und rüttelte an der Autotür, die nicht verschlossen war. „Ich mach jetzt auf!“, kündigte er an und betätigte den Türgriff. Damit das Mädchen nicht wegrutschte, öffnete er die Tür ganz langsam. „Mann! Die hat den Schlaf einer Toten“, bemerkte er, als die Frau – trotz seiner Vorsichtsmaßnahme – zur Seite glitt und aus dem Auto fiel.

„Miss! Ist alles okay? Haben Sie sich wehgetan?“, fragte der Straßenarbeiter.

„Der tut gar nichts mehr weh“, stellte sein Kollege mit einem Blick auf das Loch in ihrer rechten Schläfe fest. „Die pennt nicht nur wie eine Tote. Sie ist tatsächlich tot.“

1. KAPITEL

„Olivia Cooper und Tucker Trent, verlassen Sie den Seminarraum bitte noch nicht. Ich möchte mit Ihnen sprechen.“ Professor Smith lächelte die beiden an und wandte sich wieder der Studentin zu, die wegen ihres Referats einige Verständnisfragen klären musste.

Olivia sah auf die Uhr. Hoffentlich dauerte das Gespräch mit Prof Smith nicht zu lange. Sie war mit ihrer Freundin Jordan in der Mensa verabredet und wollte sie nicht warten lassen. Verstohlen blickte sie aus den Augenwinkeln zu Tucker hinüber, der gelangweilt Strichmännchen auf seinen Schreibblock kritzelte. Nicht, dass Olivia sehen konnte, was er zeichnete. Schließlich saßen sie so weit wie möglich voneinander entfernt am jeweils anderen Ende des Seminarraums. Dennoch wusste sie genau, was er malte. Immerhin waren sie fast ein Jahr ein Paar gewesen. Und in einem so langen Zeitraum lernte man die Macken des Partners kennen – wie etwa die, angeödet Strichmännchen zu entwerfen.

„Olivia! Tucker!“ Professor Smith winkte sie zu sich ans Pult.

Olivia mied den Blickkontakt mit Tucker. Doch ihre grauen Zellen arbeiteten auf Hochtouren. Was konnte Prof Smith von ihr und Tucker wollen?

„Nun …“, begann der Professor, als sie vor ihm standen, und grinste breit. „Miss Cooper, Mr Trent, ich erzähle Ihnen nichts Neues, wenn ich sage, dass Sie meine besten Studenten sind.“

„Hä, hä“, stieß Tucker selbstzufrieden aus.

Olivia verdrehte die Augen. Auch sechs Monate nach ihrer Trennung hatte Tucker sich kein Stück verändert. Ein Lob, und schon platzte er vor Eitelkeit.

„Weil Sie meine Besten sind, habe ich eine Überraschung für Sie“, fuhr der Prof fort. „Normalerweise ist der Unterrichtsstoff für aufstrebende Kriminalisten sehr trocken. Akten werden gewälzt, alte Fälle durchgegangen, Erklärungsansätze für Verbrechen erstellt … Ich bin mir sicher, Sie haben mehr Action erwartet, als Sie sich für das Studium eingeschrieben haben. Na ja, und die können Sie jetzt haben.“ Seine Augen glänzten. „Sie haben sicherlich von Clara Parker gehört, der Studentin, die ermordet auf dem Parkplatz am Mount Shasta gefunden wurde?“

Olivia und Tucker nickten.

„Sie werden an dem Fall mitarbeiten.“ Erwartungsvoll sah Professor Smith sie an.

„Was?“ Olivia glaubte, sich verhört zu haben. Ein solches Angebot war der Traum jedes Kriminalistikstudenten. Überglücklich lächelte sie Professor Smith an, vergaß, dass sie Tucker eigentlich ignorierte, und strahlte sogar ihn an.

Tucker grinste. „Geil!“

„Ich habe mir gedacht, dass Sie sich freuen“, stellte Professor Smith zufrieden fest. „Der Fall bietet optimale Voraussetzungen, einen umfassenden Einblick in die Polizeiarbeit zu bekommen. Während der Ermittlungen sind Sie vom Unterricht freigestellt. Ich erwarte aber einen wöchentlichen Bericht über den Stand der Dinge. Selbstverständlich bekommen Sie Ihre Mitarbeit an dem Fall benotet. Natürlich erwarte ich nicht, dass Sie den Mörder dingfest machen. Die Aufgabe überlassen Sie der Polizei. Und begeben Sie sich nicht in Lebensgefahr – weder aus vermeintlichem Heldentum noch wegen einer guten Note! Draufgängertum wird von mir nicht belohnt. Ich denke, wir haben uns verstanden. Also, dann wenden Sie sich an Polizeichef Clark. Er ist ein alter Freund von mir und hat nach langem Zögern meinem Drängen nachgegeben, Studenten an Fällen mitarbeiten zu lassen. Sie sind die ersten. Also machen Sie mir und Ihren Mitstudenten alle Ehre. Wenn Sie es vermasseln, bekommen Ihre Kommilitonen keine Chance mehr.“

„Keine Sorge! Ich schaukel das Ding“, meinte Tucker.

Ich?! Olivia verzog die Mundwinkel. Tuckers Super-Ego nervte sie jetzt schon.

„Es geht nicht darum, dass sich einer von Ihnen profiliert“, entgegnete Professor Smith prompt. „Ich erwarte Teamwork, oder ist das zwischen Ihnen ein Problem?“

„Von meiner Seite aus nicht“, erwiderte Olivia. Obwohl sie wenig Lust hatte, ausgerechnet mit ihrem Macho-Ex den Fall zu bearbeiten. Aber die Gelegenheit war zu einmalig, als dass sie sie wegen persönlicher Differenzen ausschlagen wollte. Außerdem würde sie künftig im Berufsleben oft genug mit A… klarkommen müssen. Sie konnte also mit Tucker schon mal für den Ernstfall proben.

„Nee, nee, schon okay“, entgegnete Tucker schnell. Der Dämpfer, den Professor Smith ihm verpasst hatte, saß.

„Gut! Dann legen Sie los.“ Professor Smith reichte ihnen zwei Visitenkarten. „Hier finden Sie Polizeichef Clarks Büronummer. Er erwartet Ihren Anruf.“

„Irre! Hättest du gedacht, dass Prof Smith uns einen so brisanten Fall anvertraut?“, fragte Tucker Olivia, nachdem sie den Seminarraum verlassen hatten und in Richtung Mensa gingen.

„Nein. Er muss wirklich viel von uns halten. Schließlich ist der Fall Clara Parker seit vierzig Jahren der erste Mord in Avalon.

„Das ist so cool!“ Tucker grinste und blickte verklärt ins Nichts.

Olivia wusste, dass er in seinem Tagtraum der Held war, der den Mörder fing und dafür mit offiziellen Ehrungen überhäuft wurde. Sie seufzte. „Ich hole dich ungern auf den Boden der Tatsachen zurück. Aber ich möchte anmerken, dass Smith uns den Fall nicht anvertraut hat. Vielmehr dürfen wir bei der Polizeiarbeit dabei sein. Aber den Job erledigen die Cops. Und ich bezweifle, dass sie Lust darauf haben, dass wir ihnen in ihre Ermittlungsarbeit reinquatschen.“

„Da ist es wieder.“ Tuckers gute Laune war schlagartig verflogen.

„Was? Wovon sprichst du?“ Olivia bemerkte den zickigen Unterton in ihrer Stimme, den sie am Ende ihrer Beziehung nur für Tucker reserviert hatte.

„Du weißt genau, wovon ich rede. Dauernd musst du einem den Spaß verderben.“

Dauernd? Was heißt denn dauernd? Wir haben seit einem halben Jahr nicht miteinander gesprochen!“, erwiderte Olivia aufgebracht.

„Unterbrich mich nicht! Wir sind nicht mehr zusammen“, herrschte er sie an. „Und weil das so ist, verbitte ich mir jegliche Bevormundung. Ich habe nicht vor, den Cops reinzureden. Aber wenn sich mir die tolle Möglichkeit bietet, als Viertsemestler an einem Mordfall mitzuarbeiten, dann werde ich genau das tun: mitarbeiten – und zwar so viel und so lange mich die Beamten lassen.“

„Ich habe nichts anderes gesagt“, begehrte Olivia auf. „Allerdings wundert mich, dass Prof Smith einen Chaoten wie dich bei einem so wichtigen Fall mitmachen lässt. Du verschlampst doch ständig irgendwelche Unterlagen.“

Einmal habe ich ein Referat im Café liegen lassen. Und du drehst mir immer noch einen Strick daraus. Hör auf!“

Wütend starrten sie einander an. Viel Unausgesprochenes stand noch immer zwischen ihnen. Doch die Zeit, Missverständnisse zu klären, war lange vorbei. Schade. Denn in Olivia kochte es. Am liebsten hätte sie ihm ins Gesicht geschrien, dass seine Überheblichkeit, sein Machogehabe und sein Mangel an Sensibilität ihre Liebe zerstört hatten. Aber eine Auseinandersetzung oder vielmehr ein Monolog – denn schon während ihrer Beziehung hatte Tucker die Ohren bei ernsten Themen auf Durchzug gestellt – war auf dem Flur der Universität nicht angebracht und hatte zudem keinen Sinn mehr.

„Okay, zurück auf null“, sagte Olivia stattdessen. „Wir müssen für unbestimmte Zeit zusammenarbeiten, ob wir wollen oder nicht. Dass wir früher ein Paar waren und unsere Geschichte nicht funktioniert hat, muss dabei außen vor bleiben. Streit beeinträchtigt unseren Job und gehört nicht dorthin. Also können wir uns darauf einigen, auf persönliche Sticheleien zu verzichten und professionell miteinander umzugehen?“

Tucker antwortete nicht, sondern sah sie trotzig an.

„Wir sollten unser Verhältnis klären, bevor wir Polizeichef Clark anrufen“, fügte Olivia hinzu.

„Von mir aus“, stimmte Tucker zu. „Aber diese Richtlinien gelten auch für dich.“

„Natürlich! Wieso denkst du …“ Mitten im Satz brach Olivia ab. Ihre Stimme hatte wieder diesen zickigen Unterton angenommen, und Tucker musterte sie mit hochgezogenen Augenbrauen. „Selbstverständlich“, sagte sie und zwang sich zur Ruhe. „Wir halten uns beide dran. Schließlich sind wir Profis, oder nicht?“ Sie versuchte sich an einem Lächeln, um die angespannte Situation aufzulockern.

„Profis!“ Tucker nickte und reichte ihr die Hand.

Als Olivia seinen festen Händedruck spürte, bekam sie weiche Knie. Diese Wirkung hatte Tucker vom ersten Tag an auf sie gehabt. Verdammt! Sie hatte geglaubt, inzwischen gegen seine Ausstrahlung gefeit zu sein.

Schnell ließ sie seine Hand los. „Gut. Lass uns Clark anrufen und ein Treffen vereinbaren. Ich gehe dann in die Mensa. Jordan wartet dort schon längere Zeit auf mich.“

„Alles klar.“ Tucker zückte sein Handy. „Soll ich Clark anrufen, oder möchtest du?“ Er hielt ihr sein Handy hin.

„Ich ruf ihn von meinem an“, entgegnete Olivia. Sie wollte nicht noch einmal weiche Knie bekommen, weil Tucker sie zufällig berührte.

„Tucker und du? Das geht niemals gut.“ Jordan sah Olivia zweifelnd an. „Entweder schlagt ihr euch die Köpfe ein. Oder ihr landet zusammen im Bett.“

„Auf keinen Fall gehe ich mit Tucker ins Bett. Niemals wieder! Und wenn er der letzte Typ auf der Welt wäre.“ Demonstrativ schob Olivia ihre halb gegessenen Spaghetti Bolognese von sich. Ihr war der Appetit vergangen. Seit sie sich mit Jordan an den Tisch gesetzt hatte, sprachen sie über nichts anderes als ihren Ex. „Können wir das Thema Tucker abhaken? Für mich ist er Geschichte.“

„Mhm“, entgegnete Jordan und vertiefte sich in ihr Essen.

Mhm … mich nicht! Ich habe ihn vergessen. Ehrlich!“

„Nun reg dich nicht künstlich auf! Aber da ist noch was zwischen euch. Ob Liebe, sexuelle Begierde, Hass … Pärchen-Kram halt.“

„Wie, bitte schön, willst du das beurteilen? Du hast doch immer nur One-Night-Stands“, warf Olivia spitz ein.

Jordan ließ sich nicht provozieren. „Auf jeden Fall wird es spannend, wenn ihr gezwungenermaßen Zeit miteinander verbringen müsst. Ich fände es prima, wenn ihr wieder ein Paar würdet. Ich steh auf Macker-Jungs wie Tucker.“

„Ich aber nicht. Wenn du willst, kannst du ihn haben. Aber wehe, du jammerst, wenn er dich mies behandelt und mit anderen Mädels ausgeht.“

„Ich will ihn überhaupt nicht. Außerdem verstehst du, wenn es um Tucker geht, keinen Spaß. Und ganz nebenbei: Nach außen gibt er den Macho. Aber im Innern ist er ein herzensguter Kerl. Und er hat dich abgöttisch geliebt.“

„Willst du, dass ich gehe?“ Olivia warf ihrer Freundin einen giftigen Blick über den Tisch zu.

„Nein. Aber ich darf ja wohl noch meine Meinung sagen. Schon gut. Ich bin still und verspreche, mich nicht einzumischen … Was glaubst du, was dich in dem Job erwartet? Meinst du, du musst dir das tote Mädchen ansehen?“

Olivia zuckte mit den Schultern. „Ich hab keine Ahnung …“

2. KAPITEL

„Die Wunde an Miss Parkers Schläfe ist charakteristisch für ein Butterfly-Messer. Eine solche Waffe ist in jedem Army-Shop erhältlich“, erklärte der Gerichtsmediziner und drehte den Kopf der Leiche auf die linke Seite, damit Olivia, Tucker und Polizeichef Clark die Einstichstelle sehen konnten. „Das Messer ist bis zum Schaft in den Kopf des Opfers gestoßen worden, was zu erheblichen Gehirnverletzungen und zur Zerstörung des Sehnervs führte. Wenn Miss Parker überlebt hätte, wäre sie intellektuell gesehen ein Gemüse gewesen und dazu noch blind.“ Der Forensiker öffnete den Reißverschluss des Leichensacks, in dem sich die tote Studentin befand und der sie bis zum Kinn bedeckte. Clara lag nun nackt vor ihnen.

Die Autopsie war bereits durchgeführt worden, und ein grob vernähter Y-Schnitt zog sich von Höhe ihres Schambeins bis zu ihrer wohlgeformten kleinen Brust. Beim Anblick des vom Mörder und Mediziner misshandelten Leibs musste Olivia schlucken. Die Tote war jung, etwa in ihrem Alter. Es hätte genauso gut sie sein können.

Zur falschen Zeit am falschen Ort oder den falschen Jungen angelächelt, und schon ist man tot, dachte Liv.

„Wenn dir schlecht wird … draußen auf dem Gang ist eine Damentoilette“, flüsterte Tucker, der neben Olivia in der Leichenkammer der Gerichtsmedizin stand.

„Es geht mir ausgezeichnet. Danke für deine Fürsorge“, entgegnete Olivia betont freundlich. „Aber deine Hautfarbe erscheint mir ein wenig käsig. Schlägt es dir auf den Magen, ein nacktes Mädchen auf einem Obduktionstisch und nicht in deinem Bett zu sehen?“

Tucker warf ihr einen undefinierbaren Blick zu. „Meine Gesichtsfarbe ist käsig? Das liegt am fahlen Neonlicht.“

„Die Platzierung der Hämatome lässt darauf schließen“, fuhr der Forensiker fort, „dass der Täter neben seinem Opfer auf dem Beifahrersitz gesessen hat und es zu einer körperlichen Auseinandersetzung kam, bevor er das Mädchen tötete.“

„Dann kannte Clara Parker ihren Mörder. Vielleicht war er ihr Date“, überlegte Tucker. „Der Parkplatz am Mount Shasta ist ein beliebter Treffpunkt für Liebespaare … vor allem Studenten.“

„Du musst es ja wissen“, murmelte Olivia.

Tucker blickte irritiert in ihre Richtung, hatte sie aber offensichtlich nicht verstanden.

„Laut ihrer Mitbewohnerin hatte Miss Parker eine Verabredung mit einem gewissen Taylor Scoresby. Er gilt als dringend tatverdächtig. Bei einer ersten Befragung hat sein Nachbar ausgesagt, ihn in den frühen Morgenstunden nach der Tatnacht mit einer Reisetasche am Greyhound-Busbahnhof gesehen zu haben“, bemerkte Polizeichef Clark. „Wir haben bereits Mr Scoresbys Apartment durchsucht und Detective Hawk mit einem aktuellen Bild des jungen Mannes zur Greyhound Station geschickt. Vielleicht kann sich einer der Ticketverkäufer an Mr Scoresbys Gesicht und sein Reiseziel erinnern. Detective Hawk ist übrigens der ermittelnde Beamte im Fall Parker. Sie werden ihn heute Nachmittag auf dem Revier kennenlernen. Er ist ein sehr kompetenter Polizist. Die Arbeit mit ihm wird Sie in Ihrem Studium gewiss weiterbringen. Auch wenn ich denke, dass der Fall schon so gut wie gelöst ist.“ Der Polizeichef wandte sich von Liv und Tucker ab und dem Gerichtsmediziner zu. „Wann, sagten Sie noch mal, war der Todeszeitpunkt?“

„Miss Parker wurde zwischen 22 und 23 Uhr erstochen.“

„Gut, gut“, murmelte Clark. „Taylor Scoresby wurde um sechs Uhr morgens in der Greyhound Station gesehen. Um die Uhrzeit dürfte dort nicht viel los gewesen sein. Es war höchstens ein Schalter geöffnet. Warten wir ab, was Detective Hawk in Erfahrung gebracht hat. Doktor Mitchell, hat die Autopsie weitere wichtige Details ergeben?“

„Nein. Prügel und ein Messer im Kopf. Das war‘s“, erwiderte der Forensiker. „Ansonsten war Miss Parker vor ihrem Tod mexikanisch essen.“

„Was gab es denn?“, fragte der Polizeichef neugierig.

„Bohneneintopf.“

„Igitt!“ Polizeichef Clark fasste sich an den Bauch und schüttelte sich. „Schicken Sie mir den detaillierten Autopsiebericht per E-Mail. Und senden Sie eine Kopie an Detective Hawk mit dem Vermerk, dass er Ausdrucke für Miss Cooper und Mr Trent machen soll. Falls sich etwas Neues ergibt, erreichen Sie uns auf dem Revier.“

Liv folgte dem Polizeichef und Tucker aus der Gerichtsmedizin. Bevor die Tür hinter ihr zuschlug, drehte sie sich noch einmal nach der Toten um. Der Forensiker schloss gerade den Leichensack. Olivia erhaschte einen letzten Blick auf Claras bleiches Gesicht und schwor sich und dem toten Mädchen, dass sie alles daransetzen würde, seinen Killer aufzuspüren. Sie verließ die Leichenkammer, und als sie den Flur entlangging, hörte sie das scharrende Geräusch von Metall auf Marmor, das ihr verriet, dass der Gerichtsmediziner Clara Parker zurück zu ihrem Kühlfach schob.

„Detective Hawk, was haben Ihre Ermittlungen in der Greyhound Station ergeben?“ Zurück auf dem Revier, steuerte Polizeichef Clark zielstrebig auf einen jungen Beamten zu, der konzentriert einen Bericht am Bildschirm seines PCs las.

Cop Hawk stand mit dem Rücken zum Polizeichef und seinen studentischen Begleitern. Aber Olivia bemerkte sofort seine athletische Figur und bewunderte seine kompakten Oberarmmuskeln, die sich unter seinem dunkelblauen Uniformhemd abzeichneten.

„Taylor Scoresby hat am Morgen nach der Tat ein einfaches Ticket nach San Diego gekauft, Sir“, antwortete Detective Hawk und wandte sich um. „Ich habe bereits überprüft, ob der Verdächtige Familie oder Freunde in der Stadt hat. Dem ist nicht so. Ich befürchte, er hat sich nach Mexiko abgesetzt. Die Grenzbeamten sind bereits informiert. Sie überprüfen anhand der Einreisedaten, ob er die Landesgrenze überquert hat. Außerdem suchen unsere Leute in San Diego nach ihm, falls er sich noch dort aufhält.“

„Exzellente Arbeit“, lobte Polizeichef Clark und gab dem jungen Cop weitere Anweisungen, von denen Olivia kein Wort mitbekam. Wie vom Blitz getroffen starrte sie Detective Hawk an.

Noch nie war ihr ein derart gut aussehender Mann begegnet. Sein ebenmäßiges Gesicht mit den hohen Wangenknochen und dem ausgeprägten Kinn entsprach absolut ihrem Schönheitsideal. Er hatte hellbraune Haare, blaue Augen, einen sanft geschwungenen Mund und war groß und durchtrainiert. Wenn er nicht in Fleisch und Blut vor ihr gestanden hätte, hätte sie ihn für ein Wunschbild ihrer Fantasie gehalten.

Ein Stoß in ihre Rippen holte sie in die Realität zurück. Tucker hatte sie geboxt und betrachtete sie mit gerunzelter Stirn. „Mach den Mund zu! Du siehst echt gaga aus. Stehst du etwa auf den Cop?“

„Blödsinn!“, konterte Olivia und drehte sich weg, damit Tucker nicht sah, dass sie rot wurde.

„Detective Hawk, darf ich Ihnen Ihre neuen Mitstreiter im Fall Clara Parker vorstellen. Miss Olivia Cooper und Mr Tucker Trent. Die beiden studieren Kriminalistik an der lokalen Universität und sind unsere ersten Versuchskaninchen, wenn ich das so sagen darf. Gemeinsam mit Professor Smith, einem landesweit bekannten Kriminologen, möchte ich ein Programm initiieren, in dem angehende Kriminalisten wie Miss Cooper und Mr Trent praktische Erfahrungen im Polizeidienst sammeln und von Fachmännern wie Ihnen lernen.“

„Wie schön“, meinte Detective Hawk, klang aber wenig erfreut.

„Weisen Sie Miss Cooper und Mr Trent in den Arbeitsalltag der Polizei ein“, fuhr Clark fort, „sie sollen wie vollwertige Beamte mitarbeiten. Ich verlasse mich auf Sie.“ Er klopfte dem Detective auf die Schulter und verabschiedete sich von Tucker und Liv.

„Zwei Greenhorns. Das hat mir gerade noch gefehlt“, murrte Hawk, nachdem sein Chef gegangen war. Seufzend lehnte er sich an seinen Schreibtisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Lasst mich gleich ein paar Dinge klarstellen: Ich arbeite normalerweise allein. Und meine Begeisterung, zwei unerfahrene Kids von der Uni bei den Ermittlungen zu einem Mordfall mitschleppen zu dürfen, hält sich in Grenzen. Dennoch zeige ich euch, wie meine Arbeit abläuft. Aber nervt mich nicht mit überflüssigen Fragen. Und glaubt nicht, Sheriff spielen zu müssen. Darauf stehe ich gar nicht. Wenn ihr mir nicht in die Quere kommt, werden wir uns gut verstehen. Alles klar?“

„Alles klar“, erwiderte Tucker. Aber an seinem Gesichtsausdruck las Olivia ab, dass es ihm gehörig gegen den Strich ging, von dem Detective wie ein unreifes Kind behandelt zu werden. Normalerweise hätte Liv vor Schadenfreude gegrinst. Nur leider betraf Detective Hawks Ansage auch sie. Und obwohl sie nicht so ein Ego wie Tucker besaß, verletzte Hawks Unfreundlichkeit sie sehr. Schließlich gehörte sie zu den besten Studenten ihres Jahrgangs und fand Detective Hawk obendrein auch noch sexy – was ganz offensichtlich nicht auf Gegenseitigkeit beruhte.

„Also gut. Nachdem wir die Grundregeln geklärt haben, kann‘s losgehen“, meinte Detective Hawk. „Ich drucke noch schnell den Abschlussbericht von Miss Parkers Obduktion aus. Und dann fahren wir zu Taylor Scoresbys Apartment. Es ist zwar schon durchsucht worden, aber ich möchte sichergehen, dass nichts übersehen wurde.“

Er wandte sich seinem Computer zu, aktivierte den Drucker, gab Olivia und Tucker ein Handzeichen, im Büro auf ihn zu warten, und verschwand in einem der hinteren Räume, in dem sich anscheinend der Drucker befand.

Olivia und Tucker warteten wie bestellt und nicht abgeholt. Die anderen Beamten im Büro musterten sie und grinsten spöttisch.

„Na dann viel Spaß mit Captain Hollywood“, bemerkte ein Cop lakonisch in ihre Richtung, während er amüsiert in sein Sandwich biss.

„Sprechen Sie mit uns?“, fragte Liv irritiert. „Wer ist denn Captain Hollywood?“

Die anderen Beamten lachten und wandten sich neugierig Olivia und Tucker zu.

„Hawk ist Hollywood“, meinte der erste Cop mit vollem Mund. „Das kann doch nicht so schwer zu erraten sein. Er ist der hübscheste Bastard in unserem Police Department – und noch Single. Alle Frauen stehen auf ihn, sogar die, die er einbuchtet.“ Der Polizist sah Olivia mit einem Blick an, als habe er ihre Reaktion auf den heißen Detective sehr wohl mitbekommen. „Hawk ist nicht immer so abweisend. Keine Sorge. Er taut noch auf. Er ist eben ein Perfektionist und will seinen Job optimal erledigen.

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