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Das zweite Gesicht

Über die Autorin

Anna Wolff, geboren 1963, aufgewachsen im Raum Frankfurt, wanderte nach Abschluss ihres Studiums nach Spanien aus und lebt heute mit ihrem französischen Ehemann und ihren beiden Kindern im Süden des Landes. Viele erfolglose Versuche lagen bereits hinter ihr, bis sie endlich die richtige Therapie für ihre Neurodermitis fand. Heute hat sie die Erkrankung gut im Griff. Anna Wolff arbeitet als freischaffende Schriftstellerin, Journalistin und Übersetzerin.

www.anna-wolff.com

INHALT

PROLOG

KAPITEL 1: Auf der Suche nach Hilfe

KAPITEL 2: Die ersten Tage im Krankenhaus

KAPITEL 3: Die Explosion

KAPITEL 4: Eine Mutprobe der besonderen Art

KAPITEL 5: Krankheitsgewinn

KAPITEL 6: Weihnachten

KAPITEL 7: Ein Leben auf der Zuschauerbank

KAPITEL 8: Paula

KAPITEL 9: ESSEN

KAPITEL 10: Ein neues Jahr beginnt

KAPITEL 11: Die drohende Entlassung

KAPITEL 12: Abschied

KAPITEL 13: Erste Schritte zurück ins Leben

KAPITEL 14: Kiara

KAPITEL 15: Ringen um Normalität

KAPITEL 16: Nur eine dumme Mango

KAPITEL 17: Licht am Horizont

KAPITEL 18: Ein Stück richtige Haut

KAPITEL 19: DIE REHA

KAPITEL 20: Der Alltag kehrt zurück

KAPITEL 21: Heilung?

AUSKLANG

NACHWORT
Von Dr. Raphael Shimshoni

ANHANG

Was ist Neurodermitis?

Was sind die Ursachen?

Ist Neurodermitis heilbar?

Was hilft im Kampf gegen die Neurodermitis?

Imaginationstraining nach Simonton

Meine Erste-Hilfe-Tricks bei Juckreiz

Kalte Dusche

Kühlakkus

Imaginationstraining mit dem Wasserfall

Knöchelkratzen und Hautklopfen

Verband

Fachkliniken

Interessante Webseiten

Thema Histamin

Literatur

Webseiten

Thema Brottrunk

Bioresonanz

Thema Korruption Pharma

DANKSAGUNG

PROLOG

Fassungslos sah ich mich im Spiegel an und fuhr mit den Fingerspitzen über meine verschorften Lippen, die verschwollenen Augenlider, die riefige, brandrote Haut auf der Stirn, auf den Wangen, um die Augen und den Mund herum. Tote Hautstücke rieselten dabei herab. Ich schaute ihnen nach, wobei mein Blick auf meinen aufgekratzten Hals fiel. Mir kamen die Tränen. Sie brannten auf der entzündeten Haut wie Feuer und lösten eine neue Juckattacke aus. Ich bohrte die Fingernägel in die ärgsten Stellen, fühlte durch den Schmerz kurzfristig Erleichterung, aber schließlich musste ich doch kratzen, und einmal angefangen, konnte ich nicht wieder aufhören. Ich schabte und bohrte meine Fingernägel in die Haut hinein, und mir war egal, wie sehr ich mein Gesicht damit zerschindete. Erkennen konnte ich mich ohnehin nicht mehr. Die Frau im Spiegel war uralt; ich aber erst 42 …

KAPITEL 1

Auf der Suche nach Hilfe

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Auch der längste Weg
beginnt mit dem ersten Schritt.

Asiatische Weisheit

Das Warten machte mich nervös. Geduld war noch nie meine Stärke. Außerdem machte ich mir Sorgen – und ich hatte Angst. Ziemliche Angst sogar. Ich wusste so gar nicht, was mich hier erwartete …

Die Sekretärin der Hautklinik hatte mich in diese Bibliothek geführt.

»Die Frau Doktor wird gleich kommen und die Aufnahmebesprechung mit Ihnen machen«, hatte sie gemeint und mich dann in dem großen Raum allein gelassen. Von der Decke strahlten erbarmungslos grelle Neonlampen auf mich herunter. Sicher sehen die großen roten Ekzemflecke in meinem Gesicht und an meinem Hals bei diesem Licht besonders scheußlich aus, grummelte ich unwirsch in mich hinein. Am liebsten hätte ich das Licht ausgemacht, aber draußen fing es schon an zu dämmern, und wenn die Ärztin kam, würde sie es vielleicht komisch finden, mich hier im Halbdunkel sitzen zu sehen. Ich ging ans Fenster. Im letzten Tageslicht segelten dicke weiße Schneeflocken herab und deckten die Erde zu. Zu gern wäre auch ich mit meiner entzündeten Haut in diesem Moment unter einer solch herrlich weißen, alles verdeckenden Schicht verschwunden. Einfach so aussehen, wie alle anderen um mich herum aussahen: heil und gesund.

Seufzend wandte ich mich vom Fenster ab und ließ mich auf einem der vielen Stühle nieder, die um den großen Tisch in der Mitte des Raumes herumstanden. Ich sah mich um. An der Wand hing ein Kalender. Das Tagesblatt zeigte den 13. Dezember 2005. Mein Blick wanderte weiter zu den Regalen, die mich umgaben. Sie reichten bis zur Decke hinauf und waren vollgestopft mit Fachliteratur über Neurodermitis, Vitiligo und Psoriasis. Na also, sprach ich mir Mut zu, wenn schon so viele Bücher über Neurodermitis geschrieben worden sind, steht doch in einem von ihnen sicher auch, was in meinem ganz konkreten Fall zu tun ist! Ich war versucht, mir eines der Bücher zu nehmen und darin zu stöbern, wagte es dann aber doch nicht.

Die Tür ging auf. Eine hübsche, überraschend junge Ärztin schwirrte mit wehendem weißen Kittel herein und begrüßte mich mit einem herzlichen Lächeln.

»Hallo, Frau Wolff, ich bin Doktor Schneider.«

Ihr Händedruck war fest, verbindlich und angenehm warm. Sie setzte sich mir gegenüber.

»Die Schwester hat Ihnen ja sicher schon gesagt, dass wir erst einmal eine gründliche Anamnese machen müssen«, meinte sie.

Ich nickte. Als ihr prüfender Blick über mich glitt, hätte ich mich am liebsten in eine dunkle Ecke verkrochen. Ich mochte es nicht, wenn man mich so ansah, auch wenn ihr, als meiner Ärztin, natürlich keine andere Wahl blieb. Schließlich musste sie sich ein Bild von mir und meinem Hautzustand machen. Trotzdem war es mir unangenehm, dass sie so auf diese geröteten, riefigen Stellen um meine Augen blickte und auf die roten Flecken auf der Wange, am Kinn und am Hals … Endlich beendete sie ihre Hautschau. Sie machte sich ein paar Notizen und las noch einmal kurz, was in ihren Unterlagen über mich stand.

»Sie kommen aus Spanien zu uns?«, meinte sie anschließend erstaunt.

»Ja, dort lebe ich, zumindest zeitweise, und nicht zuletzt wegen meiner Haut.«

»Beneidenswert.« Sie lächelte mich an. »Da haben Sie ja einen weiten Weg zurückgelegt, um zu uns zu kommen. Und der Hauptgrund, warum Sie um Ihre Aufnahme gebeten haben, ist, dass Sie schon seit längerer Zeit hohe Dosen Cortison einnehmen und dies nun absetzen möchten?«

Ich nickte. »Vor einem Jahr hatte ich den bisher schlimmsten Neurodermitisschub meines Lebens, und leider waren ausgerechnet das Gesicht und der Hals am stärksten betroffen.«

»Sie sahen aber nicht wie jetzt aus, nehme ich an, oder?«

»Nein, allerdings nichts. Das hier«, ich machte eine vage Handbewegung über mein Gesicht, »ist gar nichts im Vergleich dazu, wie es schon einmal war. Allerdings würde ich auch so nicht gern auf Dauer herumlaufen.«

»Wie viel schlimmer war es denn?«

»Um die Augen herum war eigentlich die ganze Haut großflächig entzündet, aufgeplatzt und geschwollen, auch auf den Wangen hatte ich etliche Stellen, und dann der Mund, der war am ärgsten betroffen. Die Lippen waren so trocken und rissig, dass ich kaum noch reden und noch weniger essen konnte, weil die Haut bei der kleinsten Bewegung noch weiter aufriss. Und den Hals und die Armbeugen hatte ich auch komplett aufgekratzt.«

»Seit wann leiden Sie unter Neurodermitis?«

»Von klein auf.« Ich zuckte mit den Achseln, als wolle ich mich für etwas entschuldigen. »Schon in meinem ersten Winter musste meine Mutter mit mir deswegen zum Arzt gehen. Ich hatte mir die ganzen Handrücken aufgekratzt.«

Sie schrieb fleißig mit. »Und der letzte große Schub – wann genau war der?«

»Das muss so Ende Oktober 2004 angefangen haben und wurde dann immer schlimmer.«

»Und was haben Sie dagegen gemacht?«

»Zuerst habe ich selbst herumgedoktert. Mit Diäten, Akupunktur und verschiedenen homöopathischen Mitteln, die mir sonst immer ganz gut geholfen haben. Aber diesmal hat es rein gar nichts gebracht.«

»Und dann?«

»Kurz nach Silvester war ich in Deutschland und bin dort gleich zu meinem Hausarzt gegangen.«

»Und was hat der gemacht?«

»Er meinte, das Einzige, was er in diesem akuten Zustand tun könne, sei, mir Cortison zu spritzen.«

»Eine Depotspritze?«

Ich nickte. »Eigentlich wollte ich kein Cortison, aber ich sah so schlimm aus, dass ich schließlich doch nickte. Ich wollte einfach mein Gesicht wiederhaben und mich wieder wie ein Mensch fühlen können!«

»Gab es für diesen Schub einen bestimmten Auslöser?«

»Ja.« Bei dem Gedanken an »den Auslöser« brach mir die Stimme weg. Der Auslöser war Holländer, drei Jahre jünger als ich, groß, hatte blonde Locken, unbeschreiblich blaue Augen, war sehr männlich und hieß Arno. Der Kloß in meinem Hals ließ sich auch durch Räuspern nicht verdrängen. Zu allem Überfluss traten mir auch noch Tränen in die Augen. Frau Dr. Schneider strich mir über die Hand. Ich rang um Fassung. »Nun ja, es war eine unglückliche Liebe. Eine von denen, auf die man sich besser nie einlässt.« Wieder musste ich mich räuspern.

»Vielleicht wollen Sie lieber ein anderes Mal darüber reden …«

Ich nickte und stieß einen Schwall Luft aus.

»Wie lange hielt die Wirkung der Spritze denn an?«

»Der Arzt meinte, sie müsste drei Monate lang wirken und dass der ganze Schub mit ein bisschen Glück bis dahin vergessen sei, aber leider ist meine Haut sogar schon nach sechs Wochen wieder aufgeblüht und das noch schlimmer als zuvor.«

Frau Dr. Schneider notierte weiter. »Und was haben Sie dann gemacht?«

»Inzwischen war ich wieder in Spanien. Zuerst habe ich es erneut mit Diät und Homöopathie versucht, aber leider hat das wieder nichts gebracht. Also habe ich meinen Hausarzt in Deutschland angerufen. Er hat gemeint, so kurz hintereinander könne man nicht noch eine Depotspritze geben und ich solle Cortisontabletten nehmen, bis meine Haut sich wieder beruhigt hat.« Ich kramte aus meiner Tasche eine Schachtel hervor.

»Prednisona 10 alonga«, notierte Frau Dr. Schneider. »Und wie viel Milligramm davon am Tag nehmen Sie?«

»Sechzig, manchmal auch noch mehr.«

Sie sah mich ungläubig an. »Sie nehmen seit …«, sie rechnete, »… seit einem Dreivierteljahr täglich sechzig Milligramm Prednisona und mehr?« Ihre Augen wurden noch größer.

»Was soll ich denn machen? Teilweise reichen inzwischen selbst die sechzig Milligramm nicht mehr, und sobald ich die Dosis reduziere, werden die Ekzeme noch schlimmer als vor der Cortisonspritze!«

»Haben Sie die Tabletten langsam reduziert oder radikal abgesetzt?«

»Natürlich langsam abgesetzt. Ich habe die Dosis alle drei Tage um die Hälfte reduziert.« Schon als Kind hatte ich gelernt, dass man Cortison immer nur stufenweise absetzen darf, damit die Nebenniere ihre eigene Cortisonproduktion wieder aufnimmt. Außerdem nahm ich die Tabletten morgens zwischen sechs und acht Uhr – weil zu dieser Zeit der körpereigene Cortisonspiegel ansteigt und der Körper damit am wenigsten irritiert wird. Meist kombinierte ich dies auch noch mit einer eiskalten Dusche, weil auch dies die Cortisonausschüttung des Körpers anregt.

»Und wie haben Sie diese hohen Cortisondosen vertragen?«

»Zunächst ganz gut, aber inzwischen …« Ich fuhr mir mit den Fingern durchs Haar und hielt ihr eine ansehnliche Anzahl langer Haare hin. »Sie sehen ja selbst«, brummte ich. »Mir gehen die Haare aus, und das nicht zu knapp. Und auch sonst … Das Cortison mag ja für die Haut helfen, aber allmählich habe ich das Gefühl, dass darüber mein ganzer übriger Körper den Bach runtergeht. Seit dem Sommer lagert sich in meinen Beinen immer mehr Wasser ein, dauernd habe ich Magenschmerzen, jede kleine Erkältung weitet sich zu einer handfesten Bronchitis aus, die ich nur noch mit Antibiotika in den Griff bekomme, und zu meiner Frauenärztin traue ich mich auch nicht mehr. Sie hat mir vorgehalten, dass das Cortison die Knochen entkalkt, und will unbedingt eine Knochendichtemessung bei mir durchführen, aber was bringt das denn, solange ich das Cortison weiternehme? Ehrlich gesagt genügt mir schon der übrige Niedergang meines Körpers. Da will ich nicht auch noch wissen, wie schlimm es jetzt in meinen Knochen aussieht. Dass das Cortison keine Lösung ist, weiß ich selbst, nur nicht, wie ich wieder davon loskommen soll.«

»Dafür sind Sie jetzt ja hier!« Sie lächelte mich beruhigend an. »Wie viele Tabletten nehmen Sie denn derzeit ein?«

»Ich habe schon zu Hause angefangen, die Dosis wieder runterzufahren. Erst von achtzig auf vierzig, dann auf zwanzig, und heute früh bin ich auf zehn Milligramm runter. Und Sie sehen ja«, ich fuhr mir mit einer Hand über das Gesicht, »die Haut platzt wieder auf.«

»Davor werden wir Sie leider auch hier nicht schützen können.« Sie sah mich nachdrücklich an. »Ich nehme an, man hat Sie darauf hingewiesen, dass Ihre Haut nach dem Absetzen des Cortisons erst einmal explodieren wird.«

Ich strich mir beklommen über den Hals. »Nun ja, die Ärztin hat so etwas in meinem Vorgespräch am Telefon angedeutet, aber auf Anraten meiner Heilpraktikerin nehme ich jetzt auch schon seit einigen Wochen homöopathisches Cortison – zum Ausleiten. Vielleicht fällt diese Explosion dann nicht so heftig aus.«

»Das kann schon helfen, aber ob es die Explosion verhindern wird …« Sie hob zweifelnd die Augenbrauen. »Große Hoffnungen würde ich mir da an Ihrer Stelle nicht machen.«

Ich nickte, dachte aber: Warten wir es ab. Vielleicht ging das Ganze dank des homöopathischen Mittels ja doch glimpflicher für mich aus. Woher ich meine Hoffnung nahm, weiß ich nicht. Bisher hatte ich mich auf meine Haut noch nie verlassen können.

Die Anamnese zog sich über zwei Stunden hin. Die Ärztin schrieb in den Aufnahmebefund: »42-jährige Patientin im reduzierten AZ und normalen EZ (Gewicht 66,8 kg, Größe 175 cm, BMI 21,5, RR 130/80 mm Hg, Puls 84 Schläge/min).

Die grob orientierende internistische und neurologische Untersuchung ist unauffällig.

Lokalbefund: bei Aufnahme unter 10 mg Prednisolon: sebostatischer Photohauttyp III. Dermographismus albus, positives Hertoghe-Zeichen, periorbitale Verschattung, Dennie-Morgan-Falte. Flammendrote, überwärmte, unscharf begrenzte Erytherne, bedeckt von pityriasiformer Schuppung und durchsetzt von Kratzexkoriationen bestehen im Gesicht, an Hals, Nacken, Dekolleté, Oberarmen, Schultergürtel und Beugeseiten der Arme. Starker Pruritus. Atopie-Scorad bei Aufnahme: 42.«

Verstehen tue ich von diesem Fachchinesisch bis heute nichts. Was Frau Dr. Schneider nicht notierte, war, wie es in mir drinnen aussah: Der Cortisonentzug machte mir eine Heidenangst, zumal mir auch das »halbe« Absetzen des Cortisons zu Hause schon gezeigt hatte, wie schnell und heftig sich die Ekzeme wieder ausbreiteten. Aber dass sie hier gleich von einer »Explosion« sprachen? Und wie, zum Teufel, musste ich mir diese »Explosion« meiner Haut eigentlich vorstellen? Was würden sie dagegen tun? Wie lange würde sie anhalten? Und wie ging es dann weiter? Würde ich nach Abschluss der Behandlung hier mit schöner, glatter, gesunder Haut nach Hause gehen können – und diese dann auch endlich einmal behalten? Fragen über Fragen … doch im Moment fehlte mir der Mut, sie zu stellen.

KAPITEL 2

Die ersten Tage im Krankenhaus

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Es ist besser, ein kleines Licht anzuzünden,
als über die Dunkelheit zu fluchen.

Konfuzius

Die Ärztin begleitete mich hoch zum Schwesternzimmer. Der Weg dorthin war ebenso kurzweilig wie verwinkelt: Die Klinik war in einer weit oben auf einem Berg gelegenen romantischen Burg eingerichtet worden. Wir überquerten den weitläufigen Innenhof, betraten einen der Ecktürme und stiegen bis zum ersten Stock hoch. Die Schwestern begrüßten mich mit einem verbindlichen Lächeln und wirkten allesamt sehr warmherzig und zugänglich. Ich hoffte, dass mich mein erster Eindruck nicht trog. Als Zehnjährige war ich am Magen operiert worden und gleich am Tag danach von einer ebenso riesigen wie kräftigen Krankenschwester, einer wahrhaftigen Dragonerin, mit einem einzigen fiesen Ruck aus dem Bett gerissen und auf die Füße gestellt worden. Ich weiß noch, wie ich vor Schmerzen aufschrie und in Tränen ausbrach, weil ich mir sicher war, dass die Operationswunde wieder aufgerissen war.

»Mein Gott, was stellst du dich an!«, herrschte die Krankenschwester mich an. »An so einem kleinen Ruck ist noch niemand gestorben! Außerdem muss man nach einer Operation aufstehen. Wie soll denn sonst der Kreislauf wieder in Schwung kommen?«

Als mich eine andere Schwester am Abend wieder zum Aufstehen überreden wollte, fing ich schon im Vorfeld zu weinen an. Geduldig redete die kleine, rundliche Frau auf mich ein und versprach mir, dass sie mir helfen würde.

»Du wirst sehen, wenn du dich erst auf die Seite drehst, tut das Aufstehen kaum weh. Aber aus dem Bett musst du mal, sonst wirst du uns hier noch ganz steif!«

Was soll ich sagen: Dank der behutsamen Unterstützung von Schwester Heide tat das Aufstehen tatsächlich nicht sehr weh; es war kaum mehr als ein feines Ziepen zu spüren, und natürlich erklärte ich damals Schwester Heide sofort zu meiner Lieblingsschwester. Aber selbst sie konnte nicht verhindern, dass ich seither einen Heidenrespekt vor Krankenschwestern habe und ihnen so ziemlich alles zutraue. Doch wie gesagt: Bisher hatte ich den Eindruck, dass ich hier eher von Schwestern vom Schwester-Heide-Typ umgeben war.

Eine der Schwestern stellte sich als Schwester Ruth vor und erbot sich, mir das Haus zu zeigen. Ich sagte mir, dass sich dies eigentlich noch nicht direkt gefährlich anhörte, nickte und folgte ihr. In direkter Nähe des Schwesternzimmers lagen die Salbenzimmer – eines für Weiblein, eines für Männlein. In das für die Frauen nahm Schwester Ruth mich mit. In dem Raum waren zwei Patientinnen. Die eine streifte über ihren eingecremten Oberkörper gerade ein langärmliges Männerunterhemd; um ihren Unterkörper schlabberte eine langbeinige Männerunterhose, die sie mit einem alten Gürtel um die Hüfte festgezurrt hatte. Ich nahm an, dass sie auch unter der Hose großflächig Creme aufgetragen hatte. Die andere Frau trug noch gänzlich das Evaskostüm und wurde gerade von einer Krankenschwester vom Gesicht bis zu den Füßen mit einer gelben Salbe einbalsamiert. Auch für sie lag die wenig kleidsame Männerunterwäsche schon bereit. Dort, wo die gelbe Salbe die Haut noch nicht bedeckte, sah ich großflächige rote Ekzeme wuchern, in denen ihre Fingernägel tiefe Kratzspuren hinterlassen hatten. Nachdem die Schwester auch noch das hochentzündete Gesicht der Frau mit der gelben Salbe bestrichen hatte, sah sie endgültig wie ein Marsmensch aus – dafür aber auch auf einmal eigenartig heile. Besondere Lust auf eine ähnliche Behandlung hatte ich trotzdem nicht, und noch viel weniger wollte ich überhaupt je so schlimm wie diese beide Frauen aussehen. Erneut flammte in meinem Kopf die Frage auf, wie diese »Explosion« meiner Haut vonstattengehen und ob sie etwa die ganze Haut meines Körpers betreffen würde. Ich sah noch einmal zu den beiden Frauen hin und gestand mir ein, dass ich in diesem Moment noch viel weniger eine Antwort auf diese Frage haben und eigentlich nur noch auf dem schnellsten Wege wieder hier rauswollte.

»In diesem Raum hier«, meinte Schwester Ruth, »müssen Sie sich mindestens zweimal am Tag zu festgelegten Zeiten zum Eincremen einfinden.«

»Nun, das glaube ich eigentlich weniger«, gab ich mit aufkommendem Trotz zurück. »Ich vertrage nämlich generell keine Cremes.« Und mich in einen derart albernen »Herrenanzug« stecken lassen, will ich auch nicht, dachte ich weiter.

»Ach, bisher haben die Ärzte hier eigentlich noch für jeden eine passende Creme gefunden«, erwiderte die Schwester und nickte mir zuversichtlich zu. Ich schluckte beklommen und war mehr als erleichtert, als sie vorschlug, weiterzugehen.

Gegenüber dem Salbenraum lag das Büro der Diätassistentin und nicht weit davon ein Räumchen, in dem man sich zum Wiegen und Blutdruckmessen einzufinden hatte. Auch die reizende Männerunterwäsche lagerte hier und das in so gigantischen Mengen, dass mir auf den ersten Blick klar war, dass ich zumindest nie aus purem Wäschemangel um diese Art der Bekleidung herumkommen würde. Die Schwester schätzte meine Größe ab und drückte mir mein ganz persönliches Wäschepaket in die Hand. Ich presste mir ein Danke ab und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass meine Haut mich zumindest nicht so weit im Stich lassen möge, dass auch ich mich in diese grandiosen Liebestöter würde hüllen müssen.

»In genau diesen Raum kommen Sie bitte auch morgen früh um halb sieben, und zwar nüchtern«, fuhr die Schwester fort und drückte mir einen Urinbecher in die Hand. »Und den hier bringen Sie gefüllt wieder mit.«

Anschließend zeigte sie mir die Ärztezimmer und verschiedene Funktionsräume. Außer Inhalationsgeräten für Asthmatiker gab es dort auch eine Anlage für eine Sauerstoffbehandlung und eine Liege, auf der man die Magnetfeldtherapie durchführen oder Infusionen verabreichen konnte. Die Existenz dieser Geräte beruhigte mich: So gab es hier also jedenfalls mehr als nur Cremes zur Neurodermitisbehandlung. Und im Vergleich zu dem, was ich im Salbenraum gesehen hatte, fand ich dies hier alles harmlos, und hoffte, dass ich mich eher hier als im Salbenraum würde aufhalten müssen. Schließlich hatte die Ärztin im Vorgespräch doch gemeint, jeder Fall sei anders! Möge meiner doch bitte einer sein, der sich allein mit der Magnetfeldtherapie lösen ließ! Wirklich glauben konnte ich zwar nicht daran, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt – und für den Moment war es doch das Einzige, was mir blieb, das bisschen Hoffnung.

Schwester Ruth zeigte mir auch das übrige Haus: Es gab Versammlungsräume, in denen außer Vorträgen auch autogenes Training, progressive Muskelentspannung nach Jacobsen und Gruppensitzungen mit den Psychologen abgehalten wurden. Tief unten im Keller gab es eine finnische Sauna, einen Raum, in dem man sich der individuellen Tiefensuggestion hingeben konnte, und ein Stück weiter oben das Labor, in dem außer Blutabnahmen auch Allergietests durchgeführt wurden. Auch dies alles fand ich deutlich harmloser als den Salbenraum.

Schwester Ruth schleuste mich wieder einen Turm hoch und brachte mich nach etlichen Windungen und noch mehr Gängen zu meinem Zimmer. Es war tatsächlich ein Einzelzimmer. Klein, aber mein, mit Waschgelegenheit, einem kleinen Tisch vor dem Fenster und einem Fernseher unter der anheimelnden Dachschräge; das Bad und die Toilette lagen nur zwei Zimmer weiter.

»Sie haben Glück, dass Sie ein Einzelzimmer haben«, meinte die Schwester. »Die meisten müssen sich Zwei- oder Dreibettzimmer teilen. Eigentlich ist das hier ein Mutter-Kind-Zimmer, aber so kurz vor Weihnachten sind wir auch nicht stark belegt.«

Ich nickte und war durchaus dankbar für den Luxus eines Einzelzimmers. Allerdings hatte ich auch inständigst darum gebeten. Ich tue mich sehr schwer damit, mit anderen auf engstem Raum zusammen zu sein oder gar zu schlafen. Leider hätte es mir meine finanzielle Situation nicht erlaubt, einen Einzelzimmerzuschlag zu bezahlen. Umso glücklicher war ich, dass es auch so geklappt hatte. Allerdings erklärte die Schwester mir auch, dass sich die Klinik ab Mitte Januar wieder füllen würde – und ich dann vielleicht doch in ein Mehrbettzimmer würde weichen müssen. Also konnte ich nur hoffen, bis zu diesem Zeitpunkt wieder zu Hause zu sein. Das Meine dazu wollte ich gern tun.

Mein Gepäck hatte der Hausmeister schon auf mein Zimmer gebracht. Die Schwester riet mir, das Auspacken auf später zu verschieben. »Gleich gibt es Abendessen; das wollen Sie sicher nicht verpassen. Bei uns essen alle gemeinsam im großen Speisesaal.«

Ich ging wieder mit ihr nach unten. Von den vielen Gängen, Türmen und Treppen war ich inzwischen so verwirrt, dass ich befürchtete, mich ohne sie hoffnungslos zu verlaufen. Auf dem Weg zum Speisesaal fragte mich Schwester Ruth, ob ich schon einen Speiseplan bekommen hätte.

»Nein, davon hat die Ärztin vorhin eigentlich nichts gesagt.«

»Dann schlagen Sie noch mal richtig zu, ehe die Ärzte Sie morgen auf Diät setzen!«, ermunterte sie mich und wies einladend auf das Buffet.

Erwartungsvoll und auf einmal sehr hungrig ging ich näher. Ich hätte nichts gegen einen leckeren Obstsalat gehabt oder ein paar Scheiben Käse und Tomatenscheiben auf einem guten deutschen Mehrkornbrot, für mich eine herrliche Abwechslung zu dem spanischen Baguette. Doch dort gab es nichts von alledem, und auch keine Wurst oder raffiniert angemachte Salate. Ich sah eine Schüssel mit Feldsalat, eine mit Eisbergsalat, eine mit Chicoréesalat, in der nächsten war noch einmal Feldsalat, daneben eine Schüssel eingelegte Rote Bete, die, wie ein angehefteter Zettel verriet, aus eigener Herstellung stammten und ohne Zusatzstoffe zubereitet waren. Und dahinter standen etliche Schüsseln mit Mischungen von verschiedenen Gemüsesorten mit Nudeln oder Reis, die allerdings allesamt entweder Brokkoli oder Blumenkohl enthielten, was ich beides nicht vertrug. Insgesamt war das Büfett also vor allem sehr grün.

Da die Salate allesamt nicht angemacht waren, sah ich mich nach einer Salatsoße um, entdeckte aber nur eine Karaffe mit Olivenöl und eine Schüssel mit verrührtem Joghurt, in den ein paar Dillblättchen eingerührt waren. Ich seufzte, belud mir einen Teller mit Feldsalat und Eisbergsalat, entdeckte schließlich auch noch eine Schüssel mit Mozzarellascheiben, gab ein bisschen Öl darüber und dekorierte das Ganze mit ein paar Körnern Salz. Essig konnte ich keinen finden. Immerhin gab es auch Butter und Roggenbrot, von dem ich mir gleich drei Scheiben auf einmal nahm. Von irgendetwas musste ich schließlich auch satt werden. Anschließend hielt ich nach einem Platz Ausschau, an dem ich mich meiner bescheidenen Henkersmahlzeit hingeben konnte.

An einem der langen Tische saßen ein paar sehr nett aussehende Frauen zwischen zwanzig und fünfzig; die meisten von ihnen steckten in diesen fabulösen Männerunterwäscheanzügen und trugen kaum kleidsamere Männerbademäntel in gedeckten Farben darüber. Auch diese Bademäntel konnte man vom Krankenhaus bekommen. Die Schwester hatte mir erklärt, dass viele der hier verwendeten Cremes in der Kleidung dauerhafte Flecken hinterließen, sodass sich die meisten Patienten lieber in die altertümlichen Mäntel hier hüllten, als ihre guten, von zu Hause mitgebrachten Morgenmäntel zu ruinieren. Einige der Frauen am Tisch hatten weiß, andere gelb eingecremte Gesichter. Und sie alle stopften fleißig grünen Salat in sich hinein, der sich vor allem von den gelben Gesichtern sehr dekorativ abhob. Nur mit Mühe konnte ich mir ein Grinsen verkneifen.

Zwei der Frauen trugen zu dem neckischen Männerunterwäscheanzug auch noch Baumwollhandschuhe. Als eine dieser beiden Frauen zu mir sah, fragte ich sie, ob ich mich zu ihnen setzen könne.

»Aber klar doch!« Sie machte eine einladende Geste. Mit sichtlich großem Hunger machte sie sich gleich weiter über ihren großen Teller Reis mit Reis und Reis her.

»Ich mache Suchdiät«, erklärte sie mir auf meinen erstaunten Blick. »Den Reis habe ich aus der Küche. Für die anderen gibt es heute nur Bratkartoffeln. Wenn du auch welche möchtest, solltest du sie dir besser gleich holen gehen, ehe keine mehr da sind.« Sie zwinkerte mir gut gelaunt zu und stellte sich als Alexandra vor. Ich schätzte sie auf knapp über vierzig, also auf mein Alter. »Wir duzen uns hier alle, weißt du.«

Ich nickte. Duzen war mir recht. In Spanien benutzte man das förmliche Sie ohnehin nur selten.

Alexandra war Lehrerin. Sie litt schon »seit ewig und drei Tagen« an Neurodermitis, erzählte sie mir, und fand, dass es ihr schon wieder ganz gut ging. Immerhin war ihr Gesicht makellos.

»Ich habe es mehr am Körper, vor allem an den Fingern«, erzählte sie weiter und hob ihre behandschuhten Hände. »Ich hoffe, der Teergeruch der Salbe verdirbt dir nicht den Appetit. Ich kann ihn schon lange nicht mehr riechen, aber die Salbe hilft total gut.«

Der Geruch war in der Tat ziemlich unangenehm, aber er störte mich nicht.

»Du siehst eigentlich gar nicht so schlimm aus«, meinte sie dann noch nach einem prüfenden Blick über mein Gesicht, meinen Hals und meine Hände. Im Vergleich zu manchen meiner Mitpatientinnen und Mitpatienten hier hatte sie da sicher recht, im Vergleich zu meinem kerngesunden Umfeld zu Hause nicht.

»Na ja, noch geht es«, gab ich zurück. »Aber das kann sich schnell ändern. Ich setze gerade das Cortison ab.«

»Oha«, machte sie. Ich nahm an, dass sie diese Erfahrung auch schon gemacht oder von anderen davon gehört hatte, fragte aber nicht nach. Mir stand der Sinn noch immer mehr nach hoffen als nach wissen.

Nach dem ersten Bissen von meinem wenig würzigen, dafür jedoch umso chlorophyllreicheren Abendmahl fragte ich sie, ob das Buffet hier jeden Abend in dieser Art ausfiele.

»Nicht nur in dieser Art, sondern wie abfotografiert!« Sie grinste breit. »Aber man gewöhnt sich schnell daran. Und dann ist es eben auch genau das, was man essen sollte, wenn man Neurodermitis hat: viel Grünzeug, weil da viel Sauerstoff drin ist und der wichtig für die Haut ist, und alles Übrige ist allergen- und histaminarm!«

Sie nahm einen weiteren Löffel von ihrem gigantischen Reisteller. »Übrigens gibt es in dem Durchgang vor der Küche auch noch ein paar Nudelaufläufe. Vielleicht sagt dir davon ja was zu. Der Rest vom Fisch vom Mittag ist, glaube ich, schon weg. Manchmal gibt es abends auch Bratenaufschnitt oder selbst gemachte Kaninchenwurst. Die ist superlecker!«

»Nudelauflauf?« Ich spitzte die Ohren und war schon so gut wie am Aufstehen. »Was denn für einer?«

Sie wies auf den Teller ihrer Tischnachbarin. Zwischen den Nudeln blitzten Brokkoli und Blumenkohl hervor. Ich sackte in mich zusammen. Schon wieder Brokkoli und Blumenkohl – den Weg konnte ich mir also sparen.

»Gibt es hier eigentlich irgendwo Essig für den Salat?«, fragte ich unglücklich weiter.

»Nein, und das aus gutem Grund: Essig ist Salz für die Wunden der Neurodermitiker. Den kannst dir für dein weiteres Leben ganz abschminken. Der enthält viel zu viel Histamin!«

Schon wieder dieses Wort, mit dem ich nichts anfangen konnte, doch ich wollte mir keine Blöße geben und nahm mir vor, demnächst einen Arzt nach diesem ominösen Histamin zu fragen. Ich muss auf ihren Exkurs über den Essig hin ein ziemlich langes Gesicht gemacht haben, auf jeden Fall fing Alexandra zu lachen an.

»Trag es mit Fassung. Entweder gut essen oder gut aussehen – mehr Wahlmöglichkeiten haben wir Neurodermitiker nicht!«

»Eigentlich machen mir Diäten nicht viel aus. Ich muss schon mein ganzes Leben lang welche machen, aber ein wenig mehr als Salat mit Salat und etwas Brot habe ich zu Hause schon noch gegessen.« Ich hob die Achseln und brummte weiter: »Na ja, solange sie mich wenigstens noch das Brot und den Salat essen lassen …«

»Eben«, grinste Alexandra weiter, nahm eine neue Gabel voll Reis mit Reis auf und zwinkerte mir zu.

Nach dem Essen zog ich mich auf mein Zimmer zurück. Die anderen am Tisch waren alle schon so vertraut miteinander. Ich fühlte mich fehl am Platz, ausgeschlossen und fremd, und hoffte, dass ich hier mit der Zeit noch reinwachsen würde. Immerhin war mir gesagt worden, dass ich mindestens drei Wochen bleiben müsste. Im Moment erschien mir das wie eine kleine Ewigkeit.

Die Stille meines Zimmers behagte mir jedoch auch nicht. Mir fehlten meine Kinder, ihr ewiges munteres Geschnatter, selbst ihre kleinen Zankereien. Meine Tochter war neun, mein Sohn vor einem Monat fünf geworden, und es war das erste Mal, dass wir mehr als einen halben Tag voneinander getrennt waren. Sie fehlten mir so sehr, dass mir der Hals eng wurde. Ich stellte mir vor, wie die beiden jetzt mit meiner Mutter, meinem Stiefvater und Julien beim Abendessen saßen. Sicher hatte meine Mutter ihnen eines ihrer Lieblingsgerichte gekocht und versuchte, ihnen mit Späßen über unsere Trennung hinwegzuhelfen und sie zugleich so ruhig zu halten, dass mein an Alzheimer erkrankter Stiefvater nicht über Gebühr belastet wurde. Julien, damals seit einem halben Jahr mein Lebensgefährte, ein Mann, den die Engel in mein Leben geschickt haben mussten und den ich sehr liebe, stellte ich mir in diesem Kreis eher still und zurückhaltend vor: Er ist Franzose, konnte auf Deutsch bisher nur ja, nein, danke und gute Nacht sagen und hatte – als echter Franzose – auch kein großes Interesse daran, Deutsch zu lernen. Mit den mehr als eingerosteten Schulfranzösischkenntnissen meiner Mutter würden sie auch keine großartige Unterhaltung zustande bringen, und mein Stiefvater mit seinen achtzig Jahren sprach gar keine Fremdsprachen. Auf einmal musste ich grinsen, weil mir in den Kopf kam, dass mein Stiefvater Julien vielleicht gerade mal wieder von seinen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg erzählte, die diesem, je weiter seine Erkrankung fortschritt, desto präsenter zu werden schienen. Dass Julien kein Deutsch verstand, störte ihn dabei nicht, oder vielleicht vergaß er es auch nur immer wieder.

Beneidenswert war Juliens Lage also nicht, und umso höher rechnete ich ihm an, dass er mir angeboten hatte, meine Mutter bei meinen beiden Wildfängen zu unterstützen. Allein wäre es für sie wegen der Erkrankung meines Stiefvaters sicher zu viel geworden, auch wenn sie nie abgelehnt hätte, die Kinder während meines Krankenhausaufenthaltes zu versorgen. Aber für mich war es wichtig, sie nicht zu überfordern. Ich lade anderen nicht gern meine Probleme auf und bitte nicht gern um Hilfe, selbst meine Mutter damals nicht, obwohl sie mir noch nie eine Bitte abgeschlagen hatte und auch nicht zu denen gehörte, die einem später vorhielten, was sie alles für einen getan hatten. Sie tat es gern; es war ihr ein Bedürfnis, für andere und vor allem für ihre Familie da zu sein. Aber ich gehöre zu denen, die lieber alles selbst in die Hand nehmen – und darunter leiden, wenn sie auf andere angewiesen sind. Von daher erleichterte es mich, dass Julien ihr wenigstens mit den Kindern half.

Ich schaute auf die Uhr. Inzwischen könnten sie mit dem Abendbrot fertig sein. Ich rief sie an. Meine Mutter hob den Hörer ab.

»Na, mein Schatz, wie geht es dir? Hast du dich schon eingelebt? Erzähl doch mal: Wie ist es so in dem Krankenhaus?«

»Na ja, viel kann ich noch nicht sagen, aber bisher fühle ich mich hier eigentlich recht wohl. Die Schwestern machen einen durchweg netten Eindruck, und die anderen Patienten wirken auch alle sehr aufgeschlossen und sympathisch. Insgesamt ist das hier eine sehr angenehme Atmosphäre. Und wie geht es bei euch? Ich hoffe, die Kinder sind nicht allzu anstrengend!«

»Aber nein, mach dir keine Gedanken, das kriegen wir schon alles hin. Sieh du nur zu, dass du wieder gesund wirst und dass du die Zeit, die du dort für dich hast, genießt!«

Wir redeten noch eine Weile, dann rief sie meine Tochter.

»Hallo, meine Süße. Wie geht es dir?«, fragte ich sie.

»Mmh.«

»He! Ist dir die Zunge abgefallen?« Ich lachte.

»Gut«, kam nun nach einem Zögern von ihr. Ich hörte ihrer Stimme an, dass sie kurz davor war loszuweinen.

»Na komm, mein Schatz, Kopf hoch!«, rief ich. »Ihr kommt mich doch bald besuchen! Und du weißt, dass ich nicht zu meinem Vergnügen in dem Krankenhaus bin. Ich brauche Hilfe, um wieder gesund zu werden!«

»Mmh.«

Im Hintergrund meckerte mein Sohn. »Jetzt will ich die Mama haben! Du sagst ja eh nichts!«

Noch ehe ich mich verabschieden konnte, hatte Leon seiner Schwester den Telefonhörer entrissen. Leon war weit redseliger als sie. Ich nahm an, dass Kiara ganz froh war, nicht weiter mit mir sprechen zu müssen – ansonsten hätte sie sich gewiss zur Wehr gesetzt. Damit hatte sie sonst auch keine Probleme. Von Anfang an war mir klar gewesen, dass sie, obwohl sie »die Große« war, unter der Trennung weit mehr als Leon leiden würde. Sie ist viel anhänglicher als Leon, schon immer gewesen. Leon ist ein sehr unabhängiger Junge.

»Wir waren mit Julien am See und haben Enten gefüttert«, erzählte mir Leon begeistert und dass sie Fußball gespielt hätten und Kastanien gesammelt und morgen damit basteln und anschließend Weihnachtsplätzchen backen würden – mit der Oma, versteht sich. Mit Basteln und Backen hatte Julien weniger am Hut.

»Na prima«, freute ich mich. »Dann habt ihr ja richtig viel Spaß gehabt!«

»Aber du fehlst mir so!« Seine Stimme wurde weinerlich.

Auch ich musste mich räuspern. »Wir sehen uns bald«, tröstete ich ihn. »Und du siehst mich sogar noch vor Kiara: Du kommst doch schon nächste Woche her!«

Da auch mein Sohn unter Neurodermitis litt, hatte ich veranlasst, dass er für eine gewisse Zeit im Krankenhaus aufgenommen wurde – auf dass er nie derart massive Probleme mit seiner Haut bekommen sollte wie ich. Zumindest hatte er noch nie Cortison bekommen, weder als Creme noch in Tablettenform. Wenn er sich kratzte, gab ich ihm nur homöopathische Mittel; auch eine Behandlungskur mit Prosymbioflor hatte ich einmal mit ihm gemacht – mit recht gutem Erfolg sogar. Seine größte Schwachstelle war die Haut hinter den Ohren. Nach dem Verzehr mancher Lebensmittel platzte die Haut hinter den Ohren einfach auf. Das sah dann aus, als hätte jemand versucht, ihm das Ohr abzuschneiden. Aus der »Schnittstelle« drang eine klebrige Flüssigkeit – Lymphe –, an der inklusive Kleiderfusseln so ziemlich alles hängen blieb. Vor allem am Morgen war es schlimm, weil sich seine Haare über Nacht gern in dieser Lymphe-Kruste-Pampe verfingen und schließlich wie eingebacken darin festhingen. Wenn ich die Haare rauszulösen versuchte, riss die Wunde meist mit auf, egal, wie behutsam ich vorging. Noch mehr als dies aber belasteten ihn ständig wiederkehrende Durchfälle, für die noch kein Arzt eine Ursache hatte finden können. Auch diesem Phänomen hoffte ich hier auf den Grund gehen zu können. Wie alle kleinen Jungs fand er es nämlich gar nicht spaßig, bisweilen über Wochen nur Schonkost essen zu dürfen, während sich seine Freunde vor seinen Augen die Bäuche mit Pommes, Schokoriegeln und Gummibärchen füllten. Auch Asthma hatte er manchmal, doch bisher hatten auch hier homöopathische Mittel zur Behandlung ausgereicht.

»Wie ist es denn so im Krankenhaus?«, fragte Leon.

»Es wird dir gefallen«, machte ich ihm Mut. »Es befindet sich in einer alten Ritterburg. Und es gibt viele Kinder und ein Spielzimmer; du wirst dich also kaum langweilen!«

Nun wollte Julien mich sprechen. »Et, ma petite, ça va?«

»Ja, es geht mir gut. Es ist gar nicht so übel hier, eher wie in einer Kurklinik als in einem Krankenhaus. Trotzdem bin ich froh, dass ihr bald nachkommt! Ehrlich gesagt komme ich mir ohne euch ziemlich verlassen vor.«

Julien würde Leon ins Krankenhaus bringen und mit ihm hierbleiben. Wie alle Kinder hier konnte auch Leon nur mit einer Begleitperson aufgenommen werden. Da ich selbst Patient war, konnte ich diese Begleitperson nicht sein. Julien hatte sofort angeboten, dass er dann hier auf Leon aufpassen würde. Das war eine seiner vielen liebenswerten Seiten: Er war immer für uns da.

»Ich vermisse euch echt sehr!«, sagte ich leise.

»Wir dich auch«, erwiderte Julien, und der Tonfall, in dem er es sagte, verriet mir noch viel mehr.

In diesem Moment hätte ich sie am liebsten jetzt gleich schon alle bei mir gehabt. Ich versuchte, nicht daran zu denken, dass ich Kiara sogar erst nach Weihnachten wiedersehen würde. Vorher, meinte meine Mutter, könne sie nicht mit ihr herfahren, um mich zu besuchen. Das Krankenhaus lag leider nicht um die Ecke, sondern über 350 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt. Es würde mein erstes Weihnachtsfest ohne Kiara sein.

»Bonne nuit, ma petite«, sagte Julien. Das warme, dunkle Timbre seiner Stimme machte mir das Herz noch schwerer.

»Bonne nuit«, erwiderte ich.

Als ich den Hörer auflegte, kam ich mir in meinem kleinen Dachzimmer auf einmal noch einsamer und verlassener vor.

Ich legte mich auf mein Bett, erwog, den Fernseher anzuschalten, tat es dann aber doch nicht. Irgendwie war ich unruhig. Ich trat ans Fenster und blickte hinunter in den schwach beleuchteten, menschenleeren Burghof. Zu Hause würde ich jetzt mit Kiara Hausaufgaben machen oder mit ihr und Leon spielen. Und wieder musste ich denken: Weihnachten ohne Kiara, Weihnachten ohne Kiara … Aber ich hatte den Krankenhausaufenthalt nicht noch länger hinausschieben können; außerdem konnte während der Weihnachtsferien wenigstens Leon bei mir sein. Trotzdem kam ich mir wie eine Rabenmutter vor und fragte mich, wie ich es, die ich mich für recht stabil, intelligent und leidlich lebenserfahren halte, bloß »geschafft« hatte, mich und meine Haut dermaßen aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass ich ohne Hilfe von anderen nicht mehr weiterkam. Ursachen und ihre Wirkungen. Vor der Cortisonspritze war die unglückliche Liebe. Vor der unglücklichen Liebe die Zeit der glücklichen Verliebtheit.

Bisher hatte ich gedacht, nur als Teenager und höchstens noch ein paar Jährchen länger könne man sich so »doll« in jemanden verlieben, dass jede einzelne Zelle des Körpers davon betroffen ist und der Verstand auf Tauchstation geht. Irrtum. Mir ist das erst mit einundvierzig passiert. Als alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Fest im Berufsleben stehend. Selbstständig. Unabhängig. Ausgeglichen. Grundeinstellung: positiv.

Blond war er, mit blauen Augen, in die ich mich irgendwie verloren habe. Arno war Holländer und erst wenige Wochen vor unserer ersten Begegnung zusammen mit seiner spanischen Lebensgefährtin Belen und ihrer gemeinsamen sechsjährigen Tochter in »mein« kleines spanisches Fischerdorf gezogen. Ich lernte die drei über gemeinsame Bekannte kennen. Ein paar Tage später traf ich seine Freundin vor der Schule wieder. Ich hatte ihr kaum zugenickt, als sie mir auch schon erzählte, wie unglücklich sie mit ihrem Freund sei und dass sie eigentlich nur hergezogen war, weil ihre Eltern hier lebten und sie sich von ihrem Freund trennen wollte, ohne hinterher mit dem Kind allein dazustehen. »Cuanto antes nos separemos, mejor estaré«, erklärte sie mir. »Je eher wir uns trennen, desto besser für mich.«

Ich war ziemlich erstaunt über ihre Offenheit; immerhin kannte sie mich so gut wie gar nicht. Wenige Wochen später beendete sie in der Tat ihre Beziehung mit Arno und teilte mir auch dies wortreich mit. Kurz darauf lief mir Arno zum ersten Mal allein über den Weg, und dies von da an immer öfter, so oft, dass mir klar wurde, dass er es darauf anlegte, dass wir uns trafen. Eines Nachmittags lud er mich auf einen Kaffee in eines der Hafenlokale ein. Während die Kinder am Strand mit ihren Freunden herumtobten, unterhielten wir uns, und schon nach wenigen Minuten fühlte ich mich ihm so nah und vertraut, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Ich fühlte mich wohl in seiner Nähe, ließ mich von ihm zum Lachen bringen, und man brauchte keine hellseherischen Kräfte, um die Blicke, die er mir zuwarf, richtig einordnen zu können. Sein erster Kuss überraschte mich also nicht. Nur die Heftigkeit der Gefühle, die er in mir auslöste. Ich bremste ihn trotzdem.

»Hör mal, du hast dich gerade erst von deiner Freundin getrennt, ihr habt ein gemeinsames Kind …«

»Das haben wir alles schon geregelt«, fiel er mir ins Wort. »Es ist aus und vorbei.«

Ich hielt Arno trotzdem auf Distanz. Dieses »Aus-und-vorbei« wollte ich mir erst einmal eine Weile ansehen. Irgendwie roch ich die Verletzungsgefahr. Als ich Belen zwei Wochen später wieder einmal vor der Schule traf, erzählte sie mir das Gleiche: »Ja, Arno ist ausgezogen. Soy libre! Ich bin frei. Ich kann dir gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin! Endlich haben wir klare Verhältnisse, und ich muss niemandem mehr etwas vormachen. Das Beste wäre, er würde gleich jemand anderen kennenlernen, und ich müsste nie mehr etwas von ihm sehen oder hören!«

Zwei glücklich Getrennte also? Für mich sah es danach aus. Als Belen nun mit weitläufigen Berichten über ihre Beziehung anfing und sich dabei immer mehr in Hasstiraden hineinsteigerte, sah ich zu, dass ich wegkam. Wer von den beiden wem was warum angetan hatte, war eine Sache allein zwischen ihnen.

Auch in den nächsten Wochen richtete Arno es so ein, dass wir uns wieder und wieder »über den Weg liefen«, und bedrängte mich weiter. Vertrauend darauf, dass seine Beziehung mit Belen in der Tat zu Ende war, gab ich schließlich nach. Seine Küsse brachten mich zum Schweben. Wenn wir uns in die Augen blickten, versank die Welt um uns herum. Es war wie ein Rausch, ein Sog, der mich mitzog. Es war einzigartig.

Meine Kinder fanden es sehr amüsant, dass es auf einmal einen Mann in meinem Leben gab. An einen Mann im Haus waren sie nicht gewöhnt. An eine verträumt aus dem Fenster blickende Mutter noch weniger. Am besten fanden sie, dass mich auf einmal weit mehr interessierte, wann Arno kam, als ob sie ihre Zimmer aufgeräumt oder ihre Hausaufgaben gemacht hatten.

Arno hatte viel von einem Vogel. Man wusste nie genau, durch welchen Ritz er als Nächstes ins oder aus dem Haus flatterte. Er war da, dann plötzlich wieder weg, und jedes Wiedersehen mit ihm mündete in nicht enden wollenden Küssen. Es war wie eine Explosion. Der pure Magnetismus. Eine bloße Berührung reichte aus, um mich alles andere vergessen zu lassen. Überirdisches Glück. Dann zogen Wolken auf. Sie trugen Belens Züge und ließen ihren Hass und ihre Missgunst wie Hagelkörner auf uns niederprasseln. Sie platzte vor Wut und Empörung, dass der Mann, den sie aus dem Haus geworfen hatte, nicht verzweifelt vor ihrer Tür lag und sie um Wiederaufnahme anflehte, sondern sich mit einer anderen vergnügte und so glücklich war, dass man ihm seine Seligkeit schon auf vier Kilometer Entfernung ansehen konnte. Sie rächte sich und erklärte Arno, dass er ihre gemeinsame Tochter nicht mehr sehen dürfe. »Nunca más vas a verla, nunca más! – Nie mehr wird du sie sehen, nie mehr!«

Der Hieb saß: Arno verlor den Boden unter den Füßen. Seine Tochter war sein Ein und Alles. Von der Geliebten wurde ich zur Trösterin, hörte mir stundenlang seine Geschichten von früher an, versuchte zu verstehen, was in ihm und seiner Exfreundin vorging, und riet ihm, dass wir uns trennen sollten, bis sich alles beruhigt hatte. Doch das wollte Arno nicht.

»Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Ich liebe dich und will nie mehr auch nur einen Tag ohne dich sein!«

Zwei Wochen später verließ mich Arno auf einmal doch. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich damit schon nicht mehr gerechnet. Ich war geschockt, verzweifelt, weinte. Und noch mehr, als ich hörte, dass er zu Belen zurückgekehrt war. Sie wollten es noch einmal miteinander versuchen, erzählten mir gemeinsame Bekannte und warfen mir mitleidige Blicke zu. Ich verzog mich in mein Haus, fühlte mich amputiert, verraten und verloren. Und ich verstand nichts. Gar nichts.

Drei Tage später stand Arno wieder vor meiner Tür. »Ich liebe Belen nicht mehr, Anna, das ist mir nun klar geworden. Keinen Tag halte ich mehr mit dieser Furie unter einem Dach aus. Und außerdem werde ich verrückt, wenn ich dich nicht sehe!«

Ich sah ihn an.

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