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Das wilde Verlangen des Wikingers

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1. KAPITEL

Irland, 875

Der Stamm verhungerte langsam, aber sicher.

Caragh Ó Brannon betrachtete den fast leeren Getreidesack. Eine Handvoll Hafer war noch übrig; das würde kaum reichen. Sie schloss die Augen und fragte sich, was sie tun sollten. Ihre älteren Brüder Terence und Ronan waren vor zwei Wochen aufgebrochen, um mehr Nahrungsmittel zu besorgen. Sie hatte den beiden die goldene Brosche mitgegeben, die ihrer Mutter gehört hatte, in der Hoffnung, dass sie damit vielleicht ein paar Schafe oder Kühe erstehen konnten. Aber die Hungersnot war überall, und niemand trennte sich mehr von seinem Vieh.

„Haben wir genug zu essen, Caragh?“, fragte ihr jüngerer Bruder Brendan. Mit seinen siebzehn Jahren war sein Appetit dreimal so groß wie ihr eigener, und sie hatte sich alle Mühe gegeben, damit er möglichst keinen Hunger litt. Aber jetzt war es offensichtlich, dass ihnen die Nahrung schneller ausgehen würde, als sie gedacht hatte.

Statt einer Antwort zeigte sie ihm, was noch übrig war. Er schluckte; seine hageren Wangen wirkten schon ganz eingefallen. „Wir haben auch keine Fische fangen können“, sagte er. „Morgen versuchen wir es noch einmal.“

„Ich kann uns Eintopf machen“, bot sie an. „Ich schaue mal, ob ich wilde Zwiebeln oder Karotten finden kann.“ Obwohl sie sich Mühe gab, hoffnungsvoll zu klingen, wussten sie beide, dass die Wälder und Felder längst abgeerntet waren. Außer ein paar trockenen Grasbüscheln gab es dort nichts mehr zu holen.

Brendan legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Unsere Brüder werden bald zurück sein. Und dann werden wir mehr als genug zu essen haben.“

Sie sah ihm an, wie verzweifelt er sich an diese Hoffnung klammerte, und lächelte ihm zuversichtlich zu, obwohl ihr gar nicht danach zumute war. „Bestimmt.“

Nachdem er mit seinem Fischernetz nach draußen gegangen war, sah Caragh zurück zur leeren Hütte. Sie hatte im letzten Winter beide Elternteile verloren. Ihr Vater war zum Fischen hinausgefahren und ertrunken. Von dem Verlust hatte sich ihre Mutter nie erholt. Sie hatte ihre Essensration immer an Brendan weitergegeben und behauptet, sie hätte schon gegessen. Als sie die Wahrheit herausgefunden hatten, war es bereits zu spät gewesen, und sie hatten nichts mehr für sie tun können.

So viele waren schon dem Hunger erlegen, und es lastete Caragh schwer auf dem Gewissen, dass ihre beiden Eltern bei dem Versuch gestorben waren, ihre Kinder zu versorgen.

Heiße Tränen traten ihr in die Augen, als sie die Schmiede ihres Vaters betrachtete. So sehr hatte sie sich daran gewöhnt, das Schlagen seines Hammers zu hören, das glühende Metall zu bewundern, das er zu Werkzeugen formte. Das Herz wurde ihr so schwer wie der Amboss, auf den er schlug, als sie sich bewusst machte, dass sie nie wieder sein lautes Lachen würde hören können.

Sein Boot war ihnen geblieben, aber sie brachte nicht den Mut auf, sich damit in die See hinauszuwagen. Ihre Brüder konnten segeln, aber auch von ihnen war keiner seit Vaters Tod aufs Meer gefahren.

Sie wünschte, sie könnten Gall Tír verlassen. Dieses trostlose Land hatte ihnen nichts mehr zu bieten. Doch ihnen fehlte der nötige Proviant für eine längere Reise. Dabei hätten sie schon nach der mageren Ernte im letzten Sommer gehen sollen. Da hätten sie zumindest noch genug Vorräte gehabt, um die Reise zu überleben. Doch selbst wenn sie jetzt augenblicklich lossegelten, würde ihnen binnen eines Tages das Essen ausgehen.

Die Hand des Todes überschattete alles, und Caragh spürte die Veränderungen, die die Entbehrung in ihr hervorrief. Sie konnte kaum noch längere Strecken zurücklegen, ohne außer Atem zu kommen, und selbst die geringsten Tätigkeiten wurden ihr fast zu viel. Sie war so dünn geworden, dass ihr Leinengewand schlaff an ihr herunterhing und die Knochen an ihren Knien und Ellenbogen sichtbar hervortraten.

Aber sie würde nicht aufgeben. Wie alle anderen würde sie ums Überleben kämpfen.

Also hob sie ihren Sammelkorb auf und trat nach draußen, ins Sonnenlicht. In der Ringburg war alles ruhig; niemand verschwendete viel Kraft auf lange Gespräche, wenn die Suche nach Nahrung so viel wichtiger war. Ihre älteren Brüder waren nicht die Einzigen, die ausgezogen waren, um etwas zu Essen zu beschaffen. Die meisten der gesunden Männer waren fort, insbesondere diejenigen, die Kinder zu versorgen hatten. Noch war keiner von ihnen zurückgekehrt.

Einige der älteren Frauen nickten ihr grüßend zu, als sie an ihnen vorbeiging. Auch sie trugen Körbe über dem Arm. Caragh wusste, sie würde ihr Versprechen, Gemüse und essbare Pflanzen zu finden, nicht halten können. Selbst wenn es da draußen noch etwas gab, würden die anderen es vor ihr finden. Stattdessen machte sie sich auf den Weg Richtung Küste. Vielleicht fand sie dort ein paar Muscheln oder Seetang.

Zwischendurch musste sie mehrere Male innehalten und sich ausruhen, weil ihr schwindelig wurde und alles vor ihren Augen verschwamm. Das Wasser war heute Morgen beinahe schwarz, die See lag still und unbewegt da. Ihr Bruder stand am Strand mit seinem Netz, warf es aus in die Wellen. Als er sie sah, winkte er ihr zu.

Doch dann machte sie eine Entdeckung, die sie vor Furcht erstarren ließ: Ein Langschiff tauchte am Horizont auf, so groß und breit, dass es mühelos über einem Dutzend Männer Platz bot. Ein riesiges gestreiftes Segel flatterte am Mast, und an beiden Seiten waren weiße und rote Schilde befestigt. Die bronzene Mastspitze glänzte in der Sonne, und am Bug prangte ein geschnitzter Drachenkopf, bei dessen Anblick ihr Herz noch schneller schlug.

„Sind das die Lochlannach?“, rief sie ihrem Bruder zu. Sie hatte so viele Geschichten gehört über die barbarischen Wikinger aus den Nordlanden, die über Unschuldige herfielen und ihre Ländereien plünderten. Wenn dies ihr Schiff war, dann blieb ihnen weniger als eine Stunde, bevor der Albtraum begann. Eine Gänsehaut überkam sie beim Gedanken daran, von einem von ihnen entführt oder gar beim lebendigen Leibe verbrannt zu werden, wenn sie in ihr Heim eindrangen.

„Geh zurück ins Haus“, befahl Brendan. „Bleib drinnen, Caragh, und was immer du tust, lass niemanden herein!“ Er zog sein Fischernetz ein und rannte zurück in Richtung der Ringburg.

„Was hast du vor?“ Sie bemühte sich, ihn einzuholen, voller Sorge, dass er irgendeine Dummheit beging.

Mit ungewohnter Kälte in seinen grauen Augen sah ihr Bruder sie an. „Sie haben Vorräte, oder nicht? Und Essen.“

Entsetzt starrte sie ihn an. „Nein! Du darfst nicht versuchen, sie zu bestehlen!“ Diese Nordmänner waren ruchlose Krieger, die ihren Bruder ohne zu zögern töten würden.

„Sie werden die Burg überfallen. Währenddessen ist ihr Schiff leer, und ich kann mir alles nehmen, was an Bord ist.“

„Und was wird aus uns?“, fragte sie. „Wir müssen derweil um unser Leben kämpfen, und vielleicht sind wir alle tot, wenn du zurückkehrst. Falls du überhaupt zurückkehrst“, fügte sie hinzu. „Nein, das kannst du nicht tun!“

Ihr Bruder betrat die Hütte ihres Vaters und durchsuchte die Schmiedewerkzeuge nach einem Schwert. „Dann versteck dich eben im Wald, wenn dir das lieber ist. Klettere auf einen der Bäume, so hoch du kannst, und warte ab, bis alles vorüber ist.“

„Ich werde den Stamm nicht im Stich lassen.“ Unter den Zurückgebliebenen waren viele ältere Leute, die zu schwach waren, um zu kämpfen. Auch wenn ihre eigene Kraft zur Neige ging, würde sie ihre Leute nicht im Stich lassen.

Ihre Hände zitterten, als die Furcht in ihr immer mächtiger wurde. Brendan ergriff eine ihrer Hände und drückte sie. „Wenn wir uns nicht ihre Vorräte nehmen, sterben wir so oder so. Entweder heute oder in ein paar Wochen. Das weißt du ebenso gut wie ich.“

Ja, sie wusste es. Aber der Gedanke, zu stehlen, gefiel ihr nicht. Sie hatten fast allen Besitz verloren, aber sie hatten immer noch ihre Ehre. Und die bedeutete ihr etwas.

„Wir könnten fragen“, sagte sie. „Wenn sie sehen, wie wenig wir noch besitzen, vielleicht teilen sie dann mit uns.“

Ihr Bruder sah sie finster an. „Seit wann sind die Lochlannach für ihr Mitgefühl bekannt?“ Er hatte ein Schwert gefunden und befestigte es an seinem Gürtel. „Ruf die anderen zusammen und führ sie fort von hier, wenn du möchtest. Wenn die Ringburg nicht verteidigt wird, vielleicht nehmen sie sich dann einfach, was sie wollen, ohne dass jemand verletzt wird.“

Sie starrte ihn an. Die Angst schien ihre Gedanken in ein undurchdringbares Netz zu verwandeln. „Geh nicht, Brendan. Die Gefahr ist viel zu groß!“

„Hab keine Angst, a deirfiúr.“ Er beugte sich herab und küsste sie auf die Stirn. „Ich möchte lieber im Kampf sterben als so, wie unsere Eltern gestorben sind.“

Sie wusste, dass nichts, was sie sagte, ihn umstimmen könnte. Aber sie konnte mit seinen Freunden reden. Möglicherweise hörte er ihnen zu, wenn er schon nichts auf ihre Warnungen gab.

Wenigstens konnte sie es versuchen.

Kein Mann gab gerne zu, dass seine Ehe gescheitert war.

Styr Hardrata starrte hinaus auf das graue Wasser, über dem Nebel waberte, und wachte über seine Ehefrau Elena. Sie stand am Bug des Schiffs, und ihr langes rotblondes Haar wehte hinter ihr im Wind. Sie war schön und stark, und das hatte ihn immer fasziniert.

Aber mittlerweile war diese Stärke zu einer Kälte zwischen ihnen geworden, bildete eine unsichtbare Mauer, die sie trennte. Sie gab sich selbst die Schuld für ihre Kinderlosigkeit, und er wusste nicht, was er tun sollte. Sie hatten schon so viel versucht. Jedes Mal, wenn er sie jetzt berührte, sah er nur Traurigkeit. Sie liebten sich nur noch aus Pflichtgefühl, nicht aus Leidenschaft.

Er hatte versucht, ihre wachsende Abneigung zu ignorieren, doch er hatte genug davon, dass sie jedes Mal zusammenzuckte, wenn er versuchte, sie an sich zu ziehen. Oder, was noch schlimmer war, dass sie Lust vorgab, obwohl er doch genau wusste, dass ihr seine Berührungen inzwischen zuwider waren.

Die Frustration nagte an ihm. Diesen Kampf wusste er nicht zu kämpfen; diese Schlacht konnte er nicht gewinnen. Langsam näherte er sich Elena, die am Bug des Schiffes stand, und stellte sich hinter sie. Er sagte nichts und starrte weiterhin auf die grauen Wellen hinab, die gegen die Bordwand schlugen.

„Ich weiß, dass du da bist“, sagte sie nach einer Weile. Aber sie drehte sich nicht zu ihm um, lächelte ihm nicht zu – da war nur die stumme Ergebenheit, die sie wie einen Panzer trug.

Da er nicht wusste, wie er auf ihre Kälte reagieren sollte, sagte er das Einzige, was ihm in den Sinn kam. „Wir werden bald ankommen.“ Und den Göttern sei Dank dafür. Ihr Schiff war von Unwettern geplagt worden, und seit drei Tagen hatte er nicht mehr geschlafen. Keiner von ihnen hatte das, nachdem der Sturm das Schiff beinahe zum Kentern gebracht hatte. Seine Gedanken waren wie benebelt und nur noch beherrscht von dem Wunsch, auf eine Bettstatt zu sinken und in tiefen Schlaf zu fallen.

Tatsächlich drängte es ihn danach, sobald er wieder festen Boden unter den Füßen haben würde, sich darauf auszustrecken und zwei Tage lang durchzuschlafen.

„Ich freue mich darauf, an Land zu kommen“, gab Elena zu. „Ich habe genug vom Reisen.“

Er streckte eine Hand aus, um sie ihr auf die Schulter zu legen, aber sie drehte sich immer noch nicht zu ihm um. Stattdessen stand sie reglos da und starrte aufs Wasser. Also zog Styr den Arm zurück und unterdrückte seine Enttäuschung.

Er wusste noch, wie überrascht er gewesen war über Elenas Entscheidung, Hordafylke zu verlassen und mit ihm in Éire einen Neuanfang zu wagen. Trotz der Schwierigkeiten, mit denen sie in ihrer Ehe zu kämpfen hatten, war er bereit zu glauben, dass sie noch nicht aufgegeben hatte. Er hielt an der Hoffnung fest, dass sie irgendwie das erloschene Feuer zwischen sich erneut entfachen konnten.

Also wartete Styr darauf, dass sie sprach, dass sie ihre Gedanken mit ihm teilte, aber sie blieb stumm. Tausende von Dingen gingen ihm durch den Kopf, die er zu ihr sagen könnte. Er wollte sie fragen, was für eine Art Haus sie bauen sollten. Ob sie gerne einen neuen Webstuhl hätte, oder vielleicht einen Hund, der ihr Gesellschaft leistete, während er zum Fischen hinausfuhr. Sie liebte Tiere.

„Möchtest du …“

„Lass uns jetzt bitte nicht reden“, sagte sie leise. „Mir ist nicht wohl.“

Die Worte erstickten jeden Gesprächsversuch im Keim, und Styr versteifte sich. „Ganz wie du willst.“ Dann ging er zum Heck des Schiffes. Er brauchte Abstand zu ihr, bevor er noch etwas sagte, was er später bedauern würde.

Die Enttäuschung wandelte sich in Ärger. Was, in Thors Namen, sollte er denn ihrer Meinung nach tun? Er würde sich nicht dazu herablassen, um ihre Zuneigung zu betteln. Alles, was in seiner Macht stand, um sie glücklich zu machen, hatte er getan, und es schien ihr nie genug.

Die Küste von Éire tauchte am Horizont auf, und er betrachtete die trostlosen, von der Sonne gebräunten Weiden. Er hatte Geschichten darüber gehört, wie grün das Land war, doch aus dieser Entfernung schien es ihm, als litte man dort unter einer Dürre.

Sein Freund Ragnar trat an den rudernden Männern vorbei und stellte sich neben ihn. „Ich verstehe immer noch nicht, warum du ausgerechnet hier sesshaft werden willst und nicht in Dubh Linn.“ Er deutete Richtung Osten. „Dort gibt es seit hundert Jahren schon Siedlungen. Du könntest unter deinesgleichen sein.“

„Ich möchte nicht, dass Elena von so vielen Leuten umgeben ist“, gab Styr zu. „Wir wollen einen Neuanfang, in einer einsameren Gegend.“ Während sie sich dem Land näherten, entdeckte er eine kleine Siedlung, ein kleines Stück von der Küste entfernt.

Ragnar setzte sich ihm gegenüber hin und nahm ein Ruder auf. Styr tat es ihm gleich. Die gewohnte Bewegung half ihm, die körperliche Anspannung zu lösen. Er war froh, dass sein Freund sich dazu entschieden hatte, ihn zu begleiten, gemeinsam mit einem Dutzend weiterer Freunde und Verwandte aus Hordafylke. Die Nähe seiner engsten Vertrauten machte es ihm leichter, seine Heimat hinter sich zu lassen. Ragnar kannte er seit seiner Kindheit und betrachtete ihn wie einen Bruder.

„Hat sie mit dir über diese Reise gesprochen?“, fragte Styr und deutete mit dem Kopf auf Elena. Auch sie kannte Ragnar schon seit ihrer Kindheit. Möglicherweise hatte sie ihm etwas anvertraut.

Ragnar wurde ernst. „Elena hat während der ganzen Reise kaum gesprochen. Aber sie hat Angst – soviel kann ich dir sagen.“

Styr zog kräftig am Ruder, spannte die Arme, während das hölzerne Ruderblatt die Wellen teilte. Angst wovor? Er würde sie vor jeder Gefahr schützen, und er war sehr gut in der Lage, für sie zu sorgen.

„Was weißt du noch?“, fragte er.

„Die Männer sind erschöpft. Sie brauchen Rast, und etwas zu essen.“

In seinem Gesicht sah Styr die gleiche Müdigkeit, die er selbst verspürte. „Von den Männern habe ich nicht gesprochen.“

Für einen Augenblick zog Ragnar das Ruder hoch und sah ihn voller Mitgefühl an. „Rede mit Elena, mein Freund. Sie leidet.“

Das war die offensichtliche Lösung, das wusste Styr. Doch Elena sprach kaum noch mit ihm, sagte ihm nie, was sie fühlte. Er konnte nur raten, was in ihr vorging, und wenn er Antworten verlangte, verschloss sie sich nur noch mehr vor ihm.

Er verstand die Frauen nicht. In einem Moment unterhielt er sich mit ihr, und im nächsten weinte sie leise vor sich hin, ohne dass er eine Ahnung hatte, warum. In solchen Augenblicken fühlte er sich vollkommen hilflos.

Während sich ihr Boot weiter der Küste näherte, betrachtete er Ragnar. „Ich habe ein Geschenk für sie. Etwas, das sie wieder zum Lächeln bringen soll.“ Er hatte den Elfenbeinkamm in Hordafylke gekauft. Darin war ein Bildnis der Göttin Freya geschnitzt. Als er ihn seinem Freund zeigte, zuckte Ragnar nur mit den Schultern.

„Ein hübsches Geschenk, aber es ist nicht das, was sie sich wünscht.“

Obwohl er wusste, dass sein Freund nur ehrlich war, war dies nicht das, was Styr jetzt hören wollte. „Glaubst du, das weiß ich nicht? Glaubst du, wir hätten es uns gewünscht, all die Jahre ohne Nachwuchs zu bleiben?“ Allmählich verlor er die Beherrschung und stieß die Worte lauter hervor, als er beabsichtigt hatte. Elena hatte die Arme in die Hüften gestemmt und drehte sich nicht zu ihnen um, dennoch zweifelte er nicht daran, dass sie ihr Gespräch mitbekommen hatte. Doch in ihrer kühlen, besonnenen Art würde sie ihn niemals darauf ansprechen.

„Ich habe den Göttern Opfer dargebracht“, fuhr er mit gesenkter Stimme fort. „Und ich war ihr ein guter Ehemann. Aber dieser Fluch zehrt an uns beiden. Es muss aufhören.“

Ragnar stand auf, um das Segel zu hissen. „Und wenn es das nicht tut?“

Styr sah auf seine Hände hinab. Darauf wusste er keine Antwort. Doch er hegte die Befürchtung, dass es in diesem Fall nichts gab, womit er seine Ehefrau jemals glücklich machen könnte. Er warf noch einen Blick auf sie, und genau in dem Moment drehte sie sich um. Schatten lagen auf ihrem bleichen Gesicht, und in ihren Augen stand so viel Schmerz, von dem er nicht wusste, wie er ihn heilen sollte.

Schließlich kümmerte er sich wieder um das Schiff, das sich langsam dem Ufer näherte. Die Distanz zwischen ihnen beiden zu überbrücken, dazu fühlte er sich nicht in der Lage.

Die Lochlannach waren hier. Caragh konnte kaum noch atmen, so schnell schlug ihr Herz. Ein Dutzend Männer watete durchs seichte Wasser, jeder von ihnen so groß, dass die Männer ihres Volkes neben ihnen wie Zwerge aussehen würden. Streitäxte und Schwerter hingen von ihren Gürteln, in den Händen trugen sie hölzerne Schilde. Einige der Männer trugen Kettenhemden und Helme mit schmalen Naseneisen. Ein Mann, möglicherweise der Anführer, überragte die anderen noch. Seine Augen wurden schmal, während er die Ringburg betrachtete, und Caragh duckte sich noch tiefer hinter den Stapel gestochenen Torfes, der sie verbarg.

Es war ihr gelungen, die meisten Dorfbewohner in Sicherheit zu bringen, abgesehen von Brendan und seinen Freunden. Um die jungen Männer sorgte sie sich, denn sie schienen fest entschlossen, die Lochlannach anzugreifen. Ohne Zweifel würden sie bei diesem Versuch allesamt abgeschlachtet werden.

Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Sollte sie zu ihnen hingehen und herausfinden, was sie wollten? Ihr Anführer kam immer näher, und so groß war er, dass er Brendan um mehr als eine Haupteslänge überragte. Sein langes blondes Haar war im Nacken zusammengebunden, und er hatte die breiten Schultern eines Mannes, der es gewohnt war, sich auf dem Schlachtfeld durchzukämpfen. Der schwarze Umhang, den er trug, wurde auf einer Seite von einer goldenen Spange zusammengehalten. Darunter erspähte sie ein Kettenhemd, obwohl er keinen Helm trug. Keine Spur von Gnade lag auf seinen Zügen, als sei er nur gekommen, um zu plündern und alles Wertvolle an sich zu reißen.

Sie versuchte, ihr wild schlagendes Herz zu beruhigen, als sie in einiger Entfernung ihren Bruder erspähte, der sich langsam von hinten an die Nordmänner schlich. Vier weitere pirschten aus allen Richtungen heran; offenbar wollten sie die Männer überraschen.

Warum versuchte Brendan nicht, aufs Schiff zu gelangen? Mit Entsetzen begriff Caragh, dass er seinen Plan geändert hatte. Er hatte nicht mehr vor, die Vorräte der Wikinger zu plündern.

Stattdessen wollten er und seine Freunde sie offenbar im Kampf besiegen. Caragh schluckte und betete um ein Wunder. Wenn nur ihre älteren Brüder hier wären, um ihn aufzuhalten. Oder einer der Männer aus dem Dorf. Sie musste etwas tun, um Brendan zu schützen, aber was?

Langsam erhob sie sich aus ihrem Versteck, als sie plötzlich etwas abseits von den Nordmännern eine Frau entdeckte. Ihre Röcke waren vollgesogen mit dem Wasser, durch das sie watete, und sie sah zur Ringburg hinauf, als wäre sie besorgt.

Wenn diese Männer gekommen waren, um sie zu überfallen, hätten sie niemals eine Frau mit sich gebracht. Wer war sie?

Allerdings hatte Caragh keine Zeit, weiter darüber nachzudenken, denn ihr Bruder und seine Freunde schlugen zu. Binnen weniger Sekunden hatten sie die Frau umzingelt und zerrten sie von den Männern fort.

Ihr Schrei zerriss die Luft, und der Anführer der Wikinger setzte den jungen Männern nach. Die anderen Lochlannach folgten, aber ihre Bewegungen wirkten kraftlos, als hätten sie seit einiger Zeit nicht mehr gekämpft. Einzig der Anführer zeigte keine Schwäche, sondern stieß einen Kampfschrei aus und zückte seine Streitaxt.

Er würde sie umbringen.

Caragh biss sich so fest auf die Lippe, dass sie Blut schmeckte, während sie zusah, wie der Wikinger von den Jungen aus ihrem Dorf eingekreist wurde. Er schwang seine Streitaxt, und unter dem Kettenhemd zeichneten sich gewaltige Muskeln ab. Offenbar war sein kräftiger Körper an Schlachten gewohnt. Die Klinge traf einen der jungen Männer, die ihn zu bezwingen versuchten.

Fest schloss Caragh die Augen. Ihr Puls hämmerte so stark, dass ihr schwindelig wurde. Obwohl der nordische Krieger gegen eine Überzahl kämpfte, waren die Anstrengungen seiner jungen Gegner umsonst. Sie würden diesen Angriff mit dem Leben bezahlen – auch Brendan.

Dabei konnte sie nicht einfach zusehen. Caragh huschte zurück in die Schmiede, um eine Waffe zu suchen, die sie mit ihrer Kraft schwingen konnte. Wertvolle Zeit verstrich, während sie vergeblich versuchte, den Hammer ihres Vaters zu heben.

Irgendetwas. Egal was. Sie wirbelte herum und entdeckte einen hölzernen Stock in einer Ecke. Obwohl er dick und schwer war, konnte sie ihn wenigstens anheben.

So schnell sie konnte, lief sie aus der Hütte und entdeckte, dass noch weitere Dorfbewohner ihr Versteck verlassen hatten und die Lochlannach umzingelten. Ältere Männer griffen an, ihre eigenen Waffen gezückt. Einige von ihnen lagen bereits tot auf dem Boden. Anderen hingegen war es gelungen, mehrere Gegner gefangen zu nehmen und zu fesseln.

Doch Caragh richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Anführer der Wikinger. Er hatte den Ring seiner Angreifer durchbrochen und lief der Frau nach, wobei es in seinen Augen blutrünstig funkelte.

Und er rannte direkt auf ihren Bruder zu.

Ohne nachzudenken setzte Caragh ihm nach, so schnell, dass ihre Lungen schmerzten. Sie hatte keine Ahnung, wie sie den Krieger aufhalten könnte, aber sie umklammerte fest den hölzernen Stock und betete um die Kraft, die sie nicht hatte. Ihre Angst schien zu schrumpfen, zurückzutreten vor dem Drang, ihren Bruder zu retten. Brendan hielt die Frau mit beiden Armen umklammert, sodass er keine Hand freihatte, um sich zu verteidigen.

„Brendan, lass sie los!“, schrie sie, aber er hörte nicht auf sie. Der Wikinger hob seine Axt, bereit, zuzuschlagen.

Caragh hätte nicht sagen können, woher sie die Kraft nahm, als sie ihm den Stock mit voller Wucht gegen den Kopf hieb. Im letzten Moment drehte er sich um, und die Waffe traf ihn von der Seite. Schwer sank er zu Boden und ließ die Waffe fallen. Die Frau schrie auf und streckte die Arme nach ihm aus, während sie Worte in einer Sprache rief, die Caragh noch nie gehört hatte.

Sie konnte den Schmerz der Fremden nachfühlen, und als ihre Blicke sich trafen, wünschte Caragh, sie könnte sich irgendwie verständlich machen. Ihr erklären, dass sie keine Wahl gehabt hatte.

2. KAPITEL

Als Styr erwachte, fühlte er sich, als hätte ihm jemand den Schädel eingeschlagen. Er versuchte sich aufzusetzen, und Schmerz durchfuhr ihn.

Die Stille war nahezu unheimlich, und er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was geschehen war. Der Geruch von brennendem Torf stieg ihm in die Nase. Als er noch einmal versuchte, sich aufzusetzen, bemerkte er, dass seine Handgelenke mit Ketten an einen Holzpfeiler gefesselt waren. Er war ein Gefangener.

Wo war Elena? Wurde sie auch in Gewahrsam genommen? Seine Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit, und er rappelte sich mit Mühe auf. Nur eine Frau, die an der gegenüberliegenden Wand stand und ihn misstrauisch betrachtete. Er lauschte aufmerksam in der Hoffnung, ein Wort in seiner eigenen Sprache zu erhaschen, irgendein Anzeichen darauf, dass seine Landsleute noch am Leben waren. Aber er hörte nichts.

Sein Vater hatte ihn die Sprache der Iren gelehrt, sowie viele weitere fremdländische Weisen. Da er stets auf Reisen war, wusste Styr, wie wertvoll es sein konnte, fremde Sprachen zu sprechen. Aber er stellte der Fremden keine Fragen und zeigte nicht, dass er ihre Sprache beherrschte. Vielleicht erfuhr er etwas über Ragnar und Elena, wenn sie nicht wusste, dass er sie verstehen konnte.

„Wohin habt ihr die anderen gebracht?“, fuhr er sie in einem nordischen Dialekt an, von dem er sicher war, dass sie ihn nicht verstand.

Sie zuckte bei seinem harschen Tonfall zusammen und zog sich noch ein wenig mehr zurück. Gut so. In der Dunkelheit konnte er ihre Züge nicht genau erkennen, aber es überraschte ihn, dass man sie hier mit ihm allein gelassen hatte. Wo waren die Männer? Warum war niemand sonst hier, um ihn zu bewachen?

Sorgfältig untersuchte er seine Fesseln genauer. Man hatte ihm die Arme hinter dem Rücken zusammengekettet, um einen dicken Balken in der Wand. Der Balken schien mindestens den Umfang seines Oberschenkels zu haben, denn selbst als er sich mit aller Kraft dagegenstemmte, gab er nicht nach.

„Lasst mich gehen“, verlangte er in der gleichen nordischen Sprache wie vorher. Um seine Worte zu unterstreichen, zerrte er an seinen Fesseln.

Als die Frau ins Licht trat, erschrak er. Ihr Gesicht war unglaublich dürr, die Augen lagen tief in den Höhlen. Ihr Handgelenk wirkte knochig. Obwohl er sie als diejenige erkannte, die ihn niedergeschlagen hatte, konnte er sich nicht vorstellen, wie ihr das gelungen sein mochte. Unmöglich konnte sie stark genug gewesen sein, ihn hierher zu schleppen und ihm Ketten anzulegen. Sie sah aus, als könnte ein starker Windstoß sie umwerfen.

Ihre Augen waren von einem merkwürdigen Blau, so dunkel, dass sie fast violett wirkten. Das braune Haar fiel ihr bis auf die Hüften hinab. Sie trug es offen, lediglich über den Schläfen hatte sie es geflochten.

Sie hätte schön sein können, hätte sie genug zu essen gehabt.

Er ertappte sich dabei, wie er sie mit Elena verglich. Seine Ehefrau war beinahe ebenso groß wie er selbst, mit langem rotblondem Haar und Augen in der Farbe des Meeres. Ihre Ehe war von ihren Familien arrangiert worden, um ihre Stämme zu vereinen. Obwohl sie eine ruhige, zurückhaltende Frau war, waren ihre ersten Ehejahre harmonisch verlaufen.

Ein Schauer überkam ihn, als er sich fragte, was sie ihr wohl angetan hatten. War sie noch am Leben?

Doch es würde wohl zu nichts führen, eine Antwort von dieser verwahrlosten Frau zu verlangen. Besser war es, sich Zeit zu nehmen und ihr Vertrauen zu gewinnen. Vielleicht konnte er sie dann dazu bringen, seine Ketten zu lösen, sodass er sich in der Nacht davonstehlen konnte.

„Ich verstehe deine Sprache nicht“, gab sie zu und kam vorsichtig näher. Sie war viel kleiner als Elena und reichte ihm gerade einmal bis zur Schulter. „Aber all das hier tut mir leid. Ich wollte nur … meinen Bruder schützen.“

Er antwortete nicht, sondern starrte sie nur an. Ihre Stimme verriet ihre Angst, aber es lag auch eine Sanftheit darin, als wollte sie ein verwundetes Tier beruhigen.

„Mein Name ist Caragh Ó Brannon“, erklärte sie. Dann legte sie sich eine Hand auf die Brust und wiederholte: „Caragh.“

Styr sagte immer noch nichts. Wenn sie seinen Namen erfahren wollte, musste sie ihn erst einmal freilassen. Unentwegt sah er sie an, versuchte sie mit Gedanken dazu zu bewegen, ihm die Fesseln abzunehmen.

„Wenn du es gestattest, kann ich deine Wunde versorgen“, bot sie an. „Es tut mir wirklich leid, dass ich dich geschlagen habe. Für einen Moment habe ich schon befürchtet, ich hätte dich umgebracht.“ Sie senkte den Blick auf ihre Hände, die sie ineinander verschlungen hatte. „So ein Mensch bin ich nämlich nicht.“ Sie seufzte. „Und ich habe keine Ahnung, warum ich das alles zu dir sage, obwohl du doch kein einziges Wort verstehen kannst.“

Das schien sie allerdings nicht davon abzuhalten, weiterzusprechen. Caragh begann einen wahren Redefluss, und Styr war so überrumpelt von ihrem ununterbrochenen Gerede, dass er Schwierigkeiten hatte, ihr zu folgen. Immer wieder entschuldigte sie sich, während sie eine Schüssel mit Wasser und eine Schale voll Suppe herbeischaffte. Schließlich begriff er, dass dies einfach ihre Art war, mit der Angst umzugehen. Indem sie ihren Feind zu Tode quatschte.

Als sie auf Armeslänge an ihn herangekommen war, hielt sie mitten im Satz inne. Voller Bedauern sah sie ihn an und stellte die Suppe vor seinen Füßen ab. Daneben stellte sie eine weitere leere Schüssel; vermutlich sollte diese seinen körperlichen Bedürfnissen dienen.

„Tut mir leid, dass ich dir das antun muss“, sagte sie leise. „Aber wenn ich dich gehen lasse, tötest du meine Familie.“ Wieder sah sie nach unten. „Und wahrscheinlich auch mich.“ Sie nahm ein Leinentuch und tauchte es in die Waschschüssel, dann zögerte sie erneut, während das Wasser in die Schüssel tropfte. „Ich hätte dich wohl nicht gefangen nehmen dürfen“, gab sie zu. „Aber wenn ich es nicht getan hätte, wärst du meinem Bruder gefolgt.“

Es beunruhigte Styr, dass es ihr überhaupt gelungen war, ihn gefangen zu nehmen. Wären er und seine Männer im Vollbesitz ihrer Kräfte gewesen, hätte das niemals geschehen können. Durch den Schlafmangel waren ihre Reflexe langsamer geworden, sodass sie auf den Überraschungsangriff zu spät reagiert hatten.

Mit dem feuchten Leinentuch berührte Caragh seine Stirn und wusch das getrocknete Blut ab. Die zarte Geste war so unerwartet, dass er nach Luft schnappte. Sie konzentrierte sich ganz auf die Tätigkeit, obwohl er am leichten Zittern ihrer Hand erkannte, dass sie immer noch Angst vor ihm hatte. Das kalte Wasser tat gut, aber er sagte kein Wort.

Warum machte sie sich die Mühe, seine Wunde zu versorgen? Er war ihr Feind, nicht ihr Freund. Niemand hatte ihn je auf diese Art berührt, und er verstand nicht, warum ausgerechnet dieses abgerissene Geschöpf es tat. Entweder war sie mutiger, als er geglaubt hatte, oder sie war zu närrisch, um zu begreifen, dass ein Mann wie er keine Gnade verdiente.

„Ich wünschte, du könntest mich verstehen“, murmelte sie, während ein Wassertropfen seine Wange hinunterrann. So intensiv sah sie ihn aus ihren dunklen blauen Augen an, dass er den Blick nicht von ihr lösen konnte. Als sie mit einem Finger den Wassertropfen wegwischte, reagierte sein Körper auf die Berührung mit unerwarteter Heftigkeit. Styr machte einen Schritt nach vorne, soweit es die Ketten zuließen.

Er musste sie zwingen, Angst vor ihm zu haben.

Sie fuhr zurück und stammelte: „Ich … Es tut mir leid, ich habe dir wieder wehgetan.“ Schnell deutete sie auf die Suppenschale am Boden. „Es ist nicht gerade viel, aber mehr zu essen habe ich einfach nicht für dich.“ Bedauernd zuckte sie mit den Schultern und zog sich zurück, während sie ihn mit einer Kopfbewegung aufforderte, sich zu bedienen.

Styr betrachtete die wässerige Suppe und sah Caragh dann fragend an. Wie stellte sie sich bloß vor, dass er etwas zu sich nehmen konnte, solange sie ihm die Hände hinter dem Rücken gefesselt hatte?

Für einen Moment beachtete sie ihn nicht, während sie sich selbst etwas von der Suppe in eine Schale gab. Sie nahm den Löffel zur Hand und begann langsam zu essen, als genieße sie jeden Löffel der Brühe. „Magst du keine …?“ Sie unterbrach sich. Offenbar wurde ihr gerade klar, dass er nur dann etwas essen konnte, wenn sie ihn fütterte.

Sie stieß den Atem aus. „Daran hätte ich denken sollen.“ Dann stand sie auf und griff nach einem weiteren Holzlöffel. Styr bemerkte, wie sie ihn musterte. Sie schien besorgt, aber sie nahm die Schale wieder auf.

Er konnte es nicht fassen. Nicht nur, dass sie seine Wunden versorgt hatte, sie bot ihm auch noch etwas zu essen an, und sie war drauf und dran, ihn selbst damit zu füttern!

Dafür, dass sie ihn gefangen genommen hatte, zeigte sie viel zu viel Gnade. Und es machte ihn rasend, dass er hier mit dieser gutherzigen Frau festsaß, die versuchte, das Beste aus der Angelegenheit zu machen, während Elena irgendwo dort draußen war. Er musste diese Ketten ablegen und seine Ehefrau finden.

Sein Gewissen plagte ihn, weil es ihm nicht gelungen war, Elena zu beschützen. Er wusste nicht einmal, ob sie noch lebte, und diese Schuld lastete schwer auf ihm. Was, wenn ein anderer Mann sie geschändet hatte? Wenn sie litt, wenn ihr Körper von Schmerzen geschüttelt wurde?

Styr beachtete die Suppe nicht weiter, sondern rief mit rauer Stimme: „Elena!“ Keine Antwort. Wieder und wieder rief er ihren Namen, in der Hoffnung, dass sie sich irgendwo innerhalb der Ringburg aufhielt und ihn hören konnte. Dann rief er nach Ragnar, nach jedem einzelnen seiner Männer, und versuchte herauszufinden, ob er der einzige Gefangene war. Oder vielleicht der Einzige, der noch am Leben war.

„Sie sind fort“, unterbrach ihn Caragh, als er kurz innehielt, um Atem zu schöpfen. „Ich weiß nicht, wohin, aber das Schiff ist nicht mehr hier.“ Errötend fügte sie hinzu: „Brendan hat die Frau als Geisel genommen. Ich sah noch, wie deine Männer die Waffen niederlegten, aber nicht mehr, was danach geschah.“

Sie sah zu Boden. Styr vermutete, dass sie noch mehr Informationen vor ihm verbarg. Schnell wandte er den Blick ab, damit sie nicht bemerkte, dass er ihre Worte verstanden hatte.

In seinem Inneren überschlugen sich die Gedanken, steigerten sich zu rasender Wut. Wo war seine Ehefrau? War sie noch am Leben? Und was war mit seinen Männern?

Als Caragh es schließlich wagte, einen Löffel voll Brühe an seine Lippen zu führen, preschte er mit dem Kopf nach vorne wie mit einem Rammbock, und die Schüssel flog durch den Raum. Ganz bleich im Gesicht hob Caragh sie auf und wischte die verschüttete Suppe weg.

In blindem Zorn trat er gegen die Wand, so dass Lehm und Weidenzweige in alle Richtungen flogen, bis er ein beachtliches Loch im Flechtwerk zustande gebracht hatte. Frustriert schrie er auf und zerrte an den Handfesseln in einem verzweifelten Versuch, sich loszureißen. Wieder und wieder zog er an den Ketten, doch sie gaben nicht nach.

Schließlich sah er ein, dass es aussichtslos war, und sah wieder zu Caragh hinüber. Sie hatte die Reste seiner Suppe in ihre eigene Schüssel gefüllt. Als er sie anstarrte, zeigte sie keine Anzeichen von Furcht. Im Gegenteil, sie sah ihn mit einem derart trotzigen Ausdruck im Gesicht an, als wolle sie sagen, dass er sich schämen sollte.

In dieser Nacht schlief Caragh unruhig und wachte mehrmals auf. Gott im Himmel, was hatte sie getan? Im Eifer des Gefechts war es ihr wie eine gute Idee vorgekommen, den Wikinger gefangen zu nehmen; inzwischen allerdings bedauerte sie diese Entscheidung. Sie hätte ihn nicht verschonen dürfen. Nachdem er bereits zwei der Ihren getötet hatte, hatte er ihren Bruder Brendan angreifen wollen. Er verdiente es nicht, zu leben.

Einige Stunden, bevor es dämmerte, stand sie schließlich von ihrer Bettstatt auf und schlich auf Zehenspitzen zur Feuerstelle, um ein weiteres Stück Torf nachzulegen. Funken stoben auf, und sie fachte das Feuer an, um den ausgekühlten Raum schnell zu wärmen. Im schwachen Licht der Glut betrachtete sie den Lochlannach, der sich auf dem Boden zusammengerollt hatte.

Den Umhang hatte sie ihm abgenommen, damit er nicht die Nadel der Spange, die diesen zusammengehalten hatte, als Waffe verwendete. Unter dem Kettenpanzer, der seine Brust schützte, trug er eine grobe Leinentunika, sein blondes Haar war am Hinterkopf zusammengebunden. Selbst im Schlaf übte sein Gesicht eine eigentümliche Faszination aus. Caragh setzte sich auf einen Hocker und betrachtete ihn.

Obwohl er ein grober Mensch war, sein Körper gestählt von vielen Kämpfen, konnte sie nicht leugnen, dass er gut aussah, wie ein gefallener Engel. Kein anderer Mann, den sie im Laufe ihres Lebens getroffen hatte, konnte mit seiner Ausstrahlung mithalten.

Er war die Art Mann, die eine Frau einfach an sich rissen und in Besitz nahmen. Ungebeten kam ihr der Gedanke in den Sinn, wie es wohl sein mochte, einen solchen Mann zu küssen. Er wäre nicht zärtlich, sondern stürmisch, würde ihren Mund erobern. Ein Schauer überlief sie, da sie sich so etwas nie zuvor vorgestellt hatte. Was für ein Wahnsinn, auch nur daran zu denken!

Doch sie hatte die Wut in seinem Blick gesehen, als die Frau gefangen genommen worden war. Er hatte um sie gekämpft und jeden Mann niedergestreckt, der sie bedroht hatte.

Im Schein des Feuers betrachtete Caragh sein Profil und fragte sich, was für ein Mann er wohl wirklich war. War er ein wilder Barbar, der sie töten würde, sobald sie ihn von den Fesseln befreite? Oder besaß er tatsächlich so etwas wie Ehrgefühl?

Er wälzte sich im Schlaf hin und her, und ihr wurde bewusst, dass er der kühlen Nachtluft ausgesetzt war, die durch das Loch in der Wand hereinströmte. Pragmatisch entschied sie, dass er ein wenig Unbequemlichkeit verdiente; schließlich hatte er selbst die Wand eingetreten.

Hättest du nicht dasselbe getan, wenn man dich gefangen genommen hätte? fragte sie ihr Gewissen. Hättest du nicht auch alles versucht, um zu entkommen?

Vielleicht hätte sie das. Aber er hatte ihre Leute getötet. Dafür verdiente er es, zu leiden.

Sie haben seine Frau geraubt, und er wollte sie beschützen.

Immer und immer wieder hatte er ihren Namen gerufen, Elena. Vermutlich war sie seine Ehefrau, oder vielleicht seine Schwester.

Dieser Gedanke nagte am meisten an ihr. Wenn die Lage umgekehrt gewesen wäre, wenn man sie ergriffen hätte, hätten ihre Brüder jeden erschlagen, der ihr auch nur zu nahe gekommen wäre. Sie konnte es diesem Mann nicht übel nehmen, dass er sein Familienmitglied hatte schützen wollen.

Aber wenn sie nicht eingegriffen hätte, hätte er Brendan getötet. Und wenn sie den Mann jetzt freiließ, würde er ihren Bruder ausfindig machen und Rache üben.

Vor Sorge krampfte sich ihr Magen zusammen, da sie keine Ahnung hatte, wo Brendan war. Sie hatte einen letzten flüchtigen Blick auf ihn erhascht, als er der Frau ein Messer an die Kehle gehalten und sie in Richtung des Schiffs geschleppt hatte. In dem Moment war Caragh so beschäftigt damit gewesen, ihren Gefangenen zu fesseln, dass sie kaum wahrgenommen hatte, was um sie herum geschah.

Einer der älteren Männer hatte ihr geholfen, den Gefangenen fortzuziehen, da sie alleine nicht die Kraft dazu gehabt hätte. Sobald sie den Wikinger in der Hütte angekettet hatte, war sie wieder nach draußen getreten – und hatte den Alten tot vorgefunden, von einem Schwert niedergestreckt. Beim Gedanken daran, dass er hatte sterben müssen, nur weil er ihr geholfen hatte, drehte sich ihr der Magen um.

Sie rief sich noch einmal alles vor Augen, woran sie sich erinnerte. Brendan und seine Geisel … und die anderen Lochlannach hatten ihre Waffen in den Sand fallen lassen, bevor sie ins Wasser gewatet waren.

Obwohl Brendan sich mit einigen seiner Freunde zusammengetan hatte, waren sie in der Unterzahl. Und Caragh zweifelte nicht daran, dass die Wikinger, auch ohne Waffen, vorhatten, ihm aufzulauern und Frau und Schiff zurückzuerobern. Sie brauchten keine Klingen, um Brendan zu töten.

Sie hätte ihm unmöglich helfen können, ohne die Aufmerksamkeit der Lochlannach wieder auf sich und die anderen Dorfbewohner zu lenken.

Warum hatte er sie von Gall Tír fortgelockt? Das war tollkühn und gefährlich. Hatte er etwa vor, den Feind in einem verzweifelten, wagemutigen Unterfangen fernab vom Dorf zu stellen?

Caragh schloss die Augen und versuchte sich der Möglichkeit zu stellen, dass ihr Bruder bereits tot war. Stunden waren inzwischen vergangen, und er war nicht zurückgekehrt. Ihr blieb nichts, als zu beten, dass er noch am Leben war.

Unglaube und Angst stiegen in ihr auf. Alle ihre Brüder hatten sie im Stich gelassen. Sie hatte nicht protestiert, als Terence und Ronan gegangen waren, da sie sicher gewesen war, dass die beiden bald mit der versprochenen Nahrung zurückkehren würden. Doch das war mittlerweile fast zwei Wochen her, und es gab keine Spur von den beiden.

Was, wenn keiner ihrer Brüder je zurückkehren würde? Wenn sie alle tot waren?

Der Gedanke, allein zu sein, niemanden zu haben, der sie beschützte, jagte ihr Angst ein.

Schweren Herzens überlegte sie, was die beste Vorgehensweise wäre. Ihren Gefangenen freilassen konnte sie nicht. Er würde sie auf der Stelle erschlagen. Seine dunklen, kalten Augen zeugten von einem mitleidlosen Gemüt. Nichts an ihm war sanft, und so sah sie keine andere Möglichkeit, als ihn angekettet zu lassen, bis ihre älteren Brüder zurückkehrten.

Falls sie zurückkehrten.

Sie schloss die Augen und rang die Zweifel nieder. Nein, Terence und Ronan würden zurückkehren. Sie mussten.

Caragh nahm das wollene brat auf, das sie im Winter als Decke nutzte, und ging so leise wie möglich zur brüchigen Wand hinüber. Sie bückte sich und befestigte es über dem Loch, sodass es den größten Teil des Winds abhielt.

Als sie sich umdrehte, sah sie, wie er sie beobachtete. Dicht presste sie sich an die Wand, während er sich erhob. Aus seinen dunkelbraunen Augen sah er sie unverwandt an, und sie konnte seine Miene nicht deuten. Aber sie würde nicht den Fehler machen, ihm einfach zu vertrauen. Zoll für Zoll tastete sie sich rückwärts. Er sagte etwas, das sie nicht verstand.

„Was willst du?“, fragte sie.

Sein Blick war noch immer auf sie gerichtet, und er schien einen Moment zu überlegen. „Wasser.“

Völlig verblüfft hörte sie, wie dieser Mann ihre Sprache sprach. „Du verstehst Irisch?“

Aber er wiederholte nur: „Wasser.“

Sie ging und füllte einen Holzbecher mit Wasser, wobei sie die ganze Zeit seinen Blick im Rücken spürte. Zögernd trat sie auf ihn zu, wagte nicht, ihm zu nahe zu kommen, nachdem er bereits die Schale mit Brühe verschmäht hatte. Aber da seine Hände hinter seinem Rücken gefesselt waren, hatte sie keine Wahl.

Sie schluckte ihre Angst hinunter, führte den Becher an seine Lippen und neigte ihn leicht. Er trank, und im matten Licht sah sie raue Bartstoppeln auf seinen Wangen. Sie waren von derselben hellblonden Farbe wie seine Haare, und als sie den Becher senkte, wurde ihr Blick von seinen Lippen wie magisch angezogen. Sie waren fest, sein Mund so streng, dass sie sich fragte, ob er jemals lächelte. In seinen dunklen Augen spiegelte sich ebenso große Sorge, wie sie selbst verspürte.

„Wo ist sie?“, fragte er in ihrer Sprache.

Caragh trat einen Schritt zurück. „Also sprichst du tatsächlich Irisch.“ Das hieß, er hatte jedes Wort verstanden, das sie zu ihm gesagt hatte.

„Wo?“ Die Kälte in seiner Stimme zeugte von seinem Wunsch nach Rache, und sie zog sich noch weiter zurück. Obwohl er ihr nichts tun konnte, solange er noch angekettet war, zweifelte sie nicht daran, dass er jeden töten würde, der die Frau namens Elena bedrohte.

Alles Blut wich aus ihren Wangen; dennoch konnte sie nur ihre Worte von gestern wiederholen. „Ich habe dir doch bereits gesagt, ich weiß es nicht.“ Während sie verzweifelt versuchte, die Angst zu vergessen, die in ihr brodelte, gab sie zu: „Brendan hat sie als Geisel genommen und die Segel gesetzt.“

Sein Gesicht verzerrte sich vor Wut und Enttäuschung. „Ich muss sie finden. Lass mich frei.“ Er sprach den Befehl mit stahlharter Stimme, als wäre er gewohnt, dass seinen Anweisungen Folge geleistet wurde.

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