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Das verlorene Symbol

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Vorwort
  8. 1. Tour de Force durch Washington
    1. 1.1. Verlorene Jahre: Was hat Robert Langdon in den letzten sechs Jahren getan?
    2. 1.2. Etappe 1: Vom Tempel in das rätselhafte Parlament
      1. Der Tempel, das Heredom
      2. Das symbolträchtige Kapitol
      3. Die Hand der Mysterien
      4. VITRIOL oder die Kammer des stillen Nachdenkens
    3. 1.3. Etappe 2: Auf der Hatz durch Washington
      1. Der Architekt des Kapitols
      2. Das Smithsonian Museum
      3. Naturwissenschaftlicher Exkurs: Das Gewicht der Seele
      4. Die Kongressbibliothek
      5. Die Washington National Cathedral
      6. Die Newton-Skala und die leuchtende Schrift
      7. Flüssigkeitsatmung im Deprivationstank
    4. 1.4. Etappe 3: Nach dem Showdown
      1. Die Freimaurer und das Washington Monument
      2. Das geheimnisvolle Aluminium
      3. In der Kuppel des Kapitols
    5. 1.5. Das erzwungene Arkanum: Warum gibt es überhaupt versteckte Symbole?
      1. Die Erklärung des Unerklärlichen: Die Geburt des Rituals im antiken Eleusium
      2. Die fehlende Wissenschaftsfreiheit
      3. Die unsichtbare Hochschule?
      4. Die Freimaurergeheimschriften und die magischen Quadrate
  9. 2. »Sagt es niemand, nur den Weisen …«
    1. 2.1. Rituale: Das freimaurerische Konzept
      1. Der 33. Grad
      2. Die Bedeutung der Rituale
      3. Der Tempel und das alte Wissen
      4. Die Aussagen des Alten Testaments über Salomo, den Tempel und den Baumeister Hiram (Zusammenfassung)
      5. Die Grade und ihre Besonderheiten
    2. 2.2. Eine uralte Bruderschaft?
      1. Mythos und Realität, Gans und Bratrost
      2. Der Weg nach Nordamerika
      3. Der Freimaurerpräsident George Washington
      4. Der Morgan-Zwischenfall
      5. Der Aufschwung in den 1850er Jahren
      6. Der Stern des Ostens
      7. Der Siegeszug des Schottischen Ritus
      8. Moral und Dogma: Die geistige Welt des Albert Pike
      9. Pike und die Lehren der Alchemie
      10. Kritik an Albert Pike
    3. 2.3. Der Grundstein für die »Neue Weltordnung«?
      1. Das Pentagramm
      2. Die Umsetzung des Plans
    4. 2.4. Von der Alchemie zur Freimaurerei?
      1. Der dreimagische Hermes
      2. Der Katalysator: Paracelsus
      3. Die Reisen des legendären Christian Rosenkreutz
      4. Der Gelehrte Robert Fludd
      5. Das Missing Link: Elias Ashmole
    5. 2.5. Der Hass auf die Freimaurer
      1. Die Ausrottung der Freimaurerei in Deutschland
      2. »Schwindel« und »Verschwörung«: antifreimaurerische Propaganda im deutschen Internet
      3. In den USA: Der Freimaurer Obama
  10. 3. »Unser Missverständnis beruht auf Worten«
    1. 3.1. Der Todesengel
      1. Das Konzept
      2. Die Namensgebung des Mal’akh
    2. 3.2. Tätowierte Mystik
      1. Der Phönix
      2. Die Klauen des Falken
      3. Boaz und Jachin
      4. Der Bogen
      5. Die 33 Stufen: Verweis auf die Jakobsleiter
      6. Die Schlange
    3. 3.3. Die anderen magischen Mittel des Mal’akh
      1. Der machtvolle Kastrat
      2. Die Eunuchen von Katharoi und die Katharer
      3. Die Aussage der Bibel
      4. Die Sixtinische Kapelle eines Wahnsinnigen
      5. Das Wassermannzeitalter und die Apokalypse
      6. Akedah: Das Messer der Opferung
      7. Abramelin: Das Öl der großen Magier
    4. 3.4. Organisierte und gedruckte Scharlatanerie
      1. Die inspirierende Figur: Aleister Crowley
      2. Die Degenerierung der Alchemie
      3. Der Graf von St. Germain und Cagliostro
    5. 3.5. Politischer Missbrauch und die Zukunft der Orden
      1. Italienischer Wirrwarr
      2. Die Geheimloge P2
      3. Wahrheitssuche im Orden
  11. 4. »Ordo ab Chao«
    1. 4.1. Noetik und die Weltformel
      1. Die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben
      2. Einstein und die Superstrings
      3. Die Kosmologie des Robert Fludd
    2. 4.2. Kabbala in 30 Minuten
    3. 4.3. Hoffnung?
      1. Christliche Kabbala und Vulgärkabbala
      2. Ordnung durch das Weltethos
      3. Abschluss: Plädoyer für die Unordnung
  12. 5. Anhang
    1. 5.1. Alchemistisch-freimaurerischer Reiseführer
      1. USA
      2. Deutschland
      3. Schweiz
      4. Großbritannien
      5. Frankreich
    2. 5.2. Benutzte Lexika und Literaturempfehlungen
    3. 5.3. Abbildungsnachweis und Übersetzungen
    4. 5.4. Dank

Über das Buch

Das Sachbuch zum Verlorenen Symbol Ein mystischer Tempel im Herzen Washingtons, eine geheime Kammer tief unter dem Kapitol, eine unvollendete Pyramide, ein goldener Deckstein, die Hand der Mysterien - nur einige der rätselhaften Bauten, Symbole und Herausforderungen, mit denen Dan Brown seinen Held Robert Langdon und die Fans im Verlorenen Symbol bekannt macht. Was hat es mit ihnen auf sich? Was ist Fakt? Was Fiktion? Henrik Eberle legt die Hintergründe zu Dan Browns Bestseller offen und erklärt, was Dan Brown nur andeutet: Ist Washington eine Freimaurer-Stadt? Warum verschlüsseln die Freimaurer ihr Wissen? Welchen schwarzmagischen Gesetzen folgt Mal’akh? Birgt die Noetik die neue Weltformel? Welches Wissen hilft Robert Langdon, die Rätsel zu lösen? Ein Muss für alle Dan-Brown-Fans!  

Über den Autor

Henrik Eberle, geboren 1970 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz), ist promovierter Historiker und lehrt Zeitgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle (Saale). Nach dem Studium arbeitete er zunächst als Journalist und später als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er publizierte zur Geschichte der DDR und des Nationalsozialismus, unter anderem in der Zeit, in Bild und im Deutschlandarchiv. 2005 veröffentlichte er gemeinsam mit Matthias Uhl den weltweit erfolgreichen Band »Das Buch Hitler«, der mit mehr als 30 Übersetzungen zum internationalen Bestseller wurde. Auch die von ihm herausgegebenen »Briefe an Hitler« wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und hielten sich wochenlang auf der Spiegel-Bestsellerliste.

Henrik Eberle

DAS
VERLORENE
SYMBOL

Der Schlüssel zu
Dan Browns Bestselle

Vorwort

Schon lange vor dem Erscheinungstermin von Dan Browns sehnsüchtig erwartetem Roman Das verlorene Symbol war das Internet voll von Gerüchten zu Inhalt und Themen. Doch wer glaubte, dass Dan Brown seinen Helden in die Zeit der Gründungsväter der USA führen würde, sah sich getäuscht: Weder George Washington noch die revolutionären Heißsporne um den Freiheitskämpfer Paul Revere (beteiligt an der berühmten Boston Tea Party 1773 – Sie erinnern sich vielleicht an Ihren Geschichtsunterricht in der Schule) spielen eine Rolle. Und auch jene, die vermuteten, das neue Werk würde ein Buch über die Geschichte und Symbolik der Freimaurer, behielten nur zum Teil Recht. Denn die Freimaurer, ihre Rituale und die sagenhafte Pyramide bilden nur einen Handlungsstrang.

Der andere Strang konzentriert sich auf das Böse, eine Macht, die Zerstörung und Chaos bringt. Interessant ist, dass das Böse in Browns Thriller aus dem Guten entsteht. Auch diese Seite praktiziert hochkomplexe Rituale und befolgt eigene Regeln. Ihr Ziel ist das Chaos: Die erwartete dämonische Macht soll den Siegeszug der Vernunft verhindern.

Gut und Böse sind damit zwar natürlich verschieden, liegen aber nicht weit auseinander. »Tu was Du willst, soll sein das ganze Gesetz«1 ist der Leitspruch der dunklen Seite. Doch auch die, die nach dem »Licht« streben, befreiten sich von religiösen und gesellschaftlichen Zwängen. Ihr Motto klingt daher ähnlich und betont das Recht auf Egoismus: Deus meumque jus, »Gott und mein Recht«.

In den Kampf zwischen Gut und Böse hat Dan Brown noch einen dritten Handlungsstrang eingewoben: die uralte und noch immer aktuelle Suche nach dem Wissen, der Weltformel. Es ist in Deutschland zwar aus der Mode gekommen, wie einst Faust danach zu suchen, »was die Welt im Innersten zusammenhält«2. Für die USA gilt das jedoch nicht; in der Wissenschaftslandschaft jenseits des Atlantiks haben auch diejenigen Naturwissenschaftler ihren Platz, die sich als Philosophen oder Entdecker verstehen.

Die historische Dimension, die Dan Brown mit der Kombination der Handlungsstränge entwickelt, reicht tief in die europäische Geistesgeschichte. Wie immer geht der Autor dabei weit über das eigentliche Thema hinaus. Er verknüpft die Geschichte der Freimaurer mit der mythischen Legende der Rosenkreuzer. Er vermischt abstrakte Religiosität mit esoterisch geprägtem Glauben und okkultistischem Irrsinn. Höchst kunstvoll springt er dabei von der Kabbala zum ersten von Menschen geschaffenen Metall, zum Aluminium. Handelnde Personen in Roman wie Historie sind Isaak Newton, Robert Fludd und Aleister Crowley, aber auch jene, deren Ideen Dan Brown benutzt hat, ohne ihre Namen zu nennen, etwa der sagenhafte Abraham von Worms.

Dieses Buch deckt auf, auf welche Ideen und Theorien sich Dan Brown bezieht, ist darüber hinaus aber auch ein Wegweiser zu den Schauplätzen der amerikanischen Bundeshauptstadt. Diese wechseln in atemberaubender Geschwindigkeit, und einige von ihnen hat der Autor schlicht erfunden.

Dieses Buch beabsichtigt jedoch nicht, lediglich trocken und höchst theoretisch die Geschichte hinter der Geschichte zu erzählen. Bücher über Freimaurer und Rosenkreuzer gibt es schließlich genug. Es ist vielmehr ganz konkret ein Schlüssel zum Verlorenen Symbol und verzichtet auch nicht darauf, Fehler oder Ungenauigkeiten zu benennen. Dennoch vergesse ich nicht, was mir der Architekt des Kapitols genervt mitteilte, als ich anfragte, ob es die von Dan Brown beschriebene »Kammer der Besinnung« im Keller des Gebäudes wirklich gebe: »The book is a work of fiction.«

Henrik Eberle

Halle (Saale), 5. 11. 2009

1 Mal’akh bezieht sich mehrfach auf Aleister Crowley und zitiert aus dessen Goetia. Hier wiedergegeben ist das »Gesetz von Thelema«, Crowleys Leitspruch.

2 Goethe, Johann Wolfgang von: Faust. Der Tragödie erster Teil, Vers 382 f.

1.
Tour de Force durch Washington

1.1. Verlorene Jahre:
Was hat Robert Langdon in den letzten sechs Jahren getan?

Zu den Aufgaben eines Professors gehört es bekanntermaßen, Studenten zu unterrichten und Bücher zu schreiben. Von Bedeutung sind daneben auch die Mitwirkung an der akademischen Selbstverwaltung und die Akquise von Drittmitteln sowie – damit verbunden – der Streit mit Geldgebern. Doch davon abgesehen verläuft ein Professorenleben eigentlich in ruhigen Bahnen.

Robert Langdon aber, die von Dan Brown geschaffene Figur, ist daher ein untypischer Professor. An seinem Lehrstuhl für Religiöse Ikonographie und Symbolologie an der altehrwürdigen Harvard-Universität läuft alles wie gewünscht. Darüber hinaus ist ihm im Gegensatz zu anderen Geisteswissenschaftlern, die in und mit Büchern leben, ein echtes Leben vergönnt: Langdon rettete etwas widerwillig den Vatikan (in Illuminati) und konnte die Nachfahren von Jesus Christus beschützen (in Sakrileg). Ihm gelang es dabei, das Rätsel des heiligen Grals zu lösen und unbekannte Manuskripte Galileo Galileis in der Geheimbibliothek des Vatikans einzusehen. Das ist mehr als genug für ein Gelehrtenleben. Und noch immer leidet Robert Langdon unter Albträumen, die aus seiner Zeit in Paris herrühren. Im nächsten Buch – das ist zumindest zu vermuten – wird Langdon die traumatischen Erlebnisse von Washington verarbeiten müssen.

Kritiker Dan Browns haben eingewandt, dass es solch einen Professor überhaupt nicht geben kann. Tatsächlich ist das Wort »Symbolologie« seine Wortschöpfung. Eigentlich nennt sich die Wissenschaft, die Kollege Langdon betreibt, Semiotik und ist ein wenig bearbeiteter Zweig der Philosophie. Sie untersucht und beschreibt Vorgänge, die sich zwischen Sender und Empfänger einer Nachricht, also beispielsweise zwischen Sprecher und Zuhörer, ereignen. Als philosophische Problemstellung eignen sich die Adressaten ebenso wie die Nachricht selbst. Denn Nachrichten zwischen Sender und Empfänger sind oft missverständlich oder auch missverstehbar. Die alten Ägypter zum Beispiel waren davon überzeugt, dass sie für die folgenden Generationen Nachrichten formulieren müssten. Ihre in Stein gemeißelten Botschaften waren jedoch für mindestens 2000 Jahre nicht lesbar, denn erst 1822 entschlüsselte der französische Forscher Jean François Champollion die einst volkstümlichen, aber inzwischen nicht mehr verständlichen Hieroglyphen. Auch die christlichen Botschaften sind inzwischen missverständlich geworden, weil es so viele Lesarten gibt. Und sogar aktuelle Nachrichten unterliegen oft der Missdeutung, nicht zuletzt deshalb, weil sie in verschiedenen Kulturkreisen unterschiedlich lesbar sind. Wichtig ist die Wissenschaft von den Zeichen und Nachrichten daher durchaus, denn – so formulierte es der vergessene Begründer der Semiotik Charles Sanders Peirce: »Wir haben kein Vermögen, ohne Zeichen zu denken.«3

Jede deutsche Philosophische Fakultät hätte wahrscheinlich gerne einen Lehrstuhl für religiöse Symbolologie, wie ihn Robert Langdon innehat. Zumindest im amerikanischen Harvard gibt es Vergleichbares, zum Beispiel den Studiengang »Folklore und Mythologie«. Studenten scheinen hier auf paradiesische Zustände zu treffen – jedenfalls verfügt das Philosophische Departement der Harvard-Universität über mehr Lehrkräfte als jede vergleichbare europäische Institution.

Um die Romanfigur Robert Langdon als etwas weniger überirdisch darzustellen, ihn sozusagen zu »erden«, charakterisiert ihn Dan Brown als einen Menschen mit wiederkehrenden Albträumen und einer schwer zu überwindenden Klaustrophobie. Doch wie die depressiven Wallander-Figuren der skandinavischen Thriller ist auch Langdon ein echter Held. Immerhin erkennt man »Helden … nicht nur an ihrer Macht über Menschen, denn die haben Scharlatane auch, sondern an der Macht über die Ereignisse, über die äußere Wirklichkeit, über die Materie«4.

Aus ganz pragmatischen Gründen fühlte sich Dan Brown im Verlorenen Symbol genötigt, die lange Ruhepause seines Helden zu rechtfertigen. Ganz im Sinne einer mehrteiligen Biographie berichtet er daher davon, was sein Held in der Zwischenzeit nicht getan hat.5 Langdon nämlich wollte seine Ruhe haben und lehnte mindestens drei an ihn herangetragene Vorschläge zur Entschlüsselung angeblicher Mysterien ab. Durchaus ironisch griff Dan Brown dabei auf sehr lebendige Legenden zurück. Die Dinge, die der Symbolologe entschlüsseln sollte, sind drei der bekanntesten Fälschungen der Geschichte: der Diskos von Phaistos, das Voynich-Manuskript und die Dorabella-Chiffre. Im englischen Wissenschaftlerslang gelten sie als »Hoaxes«, abgeleitet von dem alten deutschen Wort »Hux«, das so viel wie »Hohn« und »Spott« bedeutete. Trotzdem befassen sich auch heute immer wieder Studenten und Nachwuchswissenschaftler mit den vorgeblichen Mysterien, nicht zuletzt, um vielleicht doch einen Scoop zu landen, der in den USA bisweilen den Sprung auf eine Professorenstelle ermöglicht.

Relativ uninteressant ist das letztgenannte »Mysterium«, die Dorabella-Chiffre. Sie verbirgt sich auf einem Zettel, den der englische Komponist Edward Elgar 1897 einem Brief an eine Verehrerin beilegte. Auf dem Stück Papier sind insgesamt siebenundachtzig Zeichen abgebildet, die alle einem E ähneln oder aus einem, zwei oder drei Halbkreisen zusammengesetzt sind. Da für die Entzifferung von Chiffren eine exakte Ersetzung eines Zeichens durch ein anderes notwendig ist, konnte der Text bisher nicht entziffert werden. Denn vermutlich unterliefen dem Komponisten während des Verschlüsselns Fehler, und ein fehlerhafter Text enthält nun einmal keine mathematisch zwingend logischen Zeichenfolgen und ist damit nicht lösbar.

Absurder ist die lang andauernde Beschäftigung mit dem sogenannten Voynich-Manuskript. Bei diesem Text, der 1912 nach seinem wohlhabenden Käufer benannt wurde, sind weder das genaue Alter noch der Autor bekannt. Material und Schreibstil deuten lediglich auf eine Entstehung um 1500 hin. Auch die Art der Zeichnungen aus den Themenbereichen Kräuterkunde, Medizin und Kosmologie weisen in das späte Mittelalter. Es scheint jedoch in einem Alphabet geschrieben zu sein, aus dem bisher keine Wörter enträtselt werden konnten.

Natürlich gab es auch für dieses Rätsel bereits zahlreiche Lösungsansätze. So vermuteten einige, dass der Philosoph Roger Bacon eine Botschaft in griechischen Buchstaben eingeschmuggelt habe. Obwohl das völlig unmöglich ist – die Handschrift stammt wie ausgeführt vermutlich aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, Bacon starb jedoch bereits 1292 oder 1294 –, schossen die Legenden ins Kraut, als der Befürworter der These plötzlich und unerwartet starb. Immerhin: Einem Botaniker gelang es, in einer der zahlreichen Abbildungen eine Sonnenblume zu erkennen. Da es diese vor Kolumbus in Europa nicht gab, konnte zumindest Bacon als Verfasser ausgeschlossen werden.

Egal ob Sprachwissenschaftler, Mathematiker oder Kryptographen – die selbsternannten Experten blieben bis heute erfolglos. Inzwischen ist das Manuskript als unlösbares Rätsel fester Bestandteil der Popkultur, und zahlreiche Romane und Filme haben sich mit dem Text beschäftigt. Es ist anzunehmen, dass es keine Lösung gibt, weil es sich um eine vorsätzliche und damit nicht entzifferbare Fälschung handelt. Dafür jedenfalls spricht die Überlieferungsgeschichte, denn auf dem Manuskript findet sich der Name des Jakub Horc˘icky´ de Tepenec, der zur Zeit Rudolfs II. (1552 1612) kaiserlicher Hofapotheker in Prag war.

»Dieser Kaiser war verrückt«, sagen die einen. Er sei ein genialer Förderer der Kunst und Wissenschaften gewesen, urteilen die anderen. Zumindest – das kann mit Sicherheit angenommen werden – war Rudolf II. verrückt nach allem, was Geheimnisse in sich barg. Daher beschäftigte er in seiner Prager Residenz Astronomen und Astrologen, Alchemisten, Botaniker und die besten Uhrmacher ihrer Zeit. Raum, Zeit, Transformationen und Mutationen aller Art – dafür interessierte sich der Kaiser brennend, nicht immer allerdings zur Freude seines Hofstaats. Von seinem Astronomen Johannes Kepler etwa ist folgender Stoßseufzer überliefert: »Wenn ich bisweilen Horoskope und Kalender schreibe, so ist mir das, bei Gott, eine höchst lästige Sklavenarbeit«, aber – so Kepler weiter – »um also das jährliche Gehalt, meinen Titel und Wohnort zu halten, muss ich törichtem Vorwitz willfahren.«6

Die Zeitgenossen wussten von Rudolfs Gier nach Mysterien. Warum dem Kaiser also nicht einfach ein hübsch entworfenes, rätselhaftes Manuskript verkaufen? Von Prag aus war der Weg zur sächsischen Grenze nicht weit, und es würde einige Zeit dauern, bis der Text entschlüsselt oder als Fälschung entlarvt wäre …

Der Diskos von Phaistos, das dritte Rätsel, mit dem sich Langdon hätte befassen können, wird hingegen zumindest im Hinblick auf sein Alter für echt gehalten und gilt als eines der bedeutendsten Fundstücke aus der Bronzezeit. Viele Kreta-Touristen haben das Artefakt bzw. angelehnt an die Scheibe gestaltete Mitbringsel inzwischen bei sich zu Hause, etwa in Form eines Flaschenöffners oder Aschenbechers.

Die angeblich 3500 Jahre alte Scheibe mit einem Durchmesser von sechzehn Zentimetern ist in der Tat bemerkenswert. Denn auf dem Diskos finden sich zweihunderteinundvierzig Stempelabdrücke, die zu einundsechzig Zeichengruppen zusammengefasst sind, möglicherweise also zu Wörtern. Insgesamt gibt es fünfundvierzig Motive, zum Beispiel Menschen, Tiere oder Pflanzenteile. Außerdem sind Winkelsymbole, Abbildungen, die als Waffen gedeutet werden können, und ein Fisch zu erkennen. Im Zentrum der Spirale steht eine achtblättrige Rosette. Viermal gibt es den Pfeil, zweimal einen tätowierten Kopf und achtzehnmal einen Helm.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass der Diskos ein echtes, entzifferbares Schriftstück ist, wäre er das erste mit beweglichen Lettern hergestellte Textdokument. Bei Studierenden sorgt der Diskos immer wieder für Gesprächsstoff und schäbige Witze, weil das Helmsymbol einem Kondom ähnelt. In Deutschland besteht kein Zweifel, dass dem italienischen Archäologen Luigi Pernier eine Fälschung untergejubelt wurde. Und auch die Times berichtete am 12. Juli 2008, dass entweder der Archäologe oder aber einer seiner Schüler den Diskos selbst gefälscht habe, um Aufsehen zu erregen.7 Die Anwendung moderner physikalischer oder chemischer Datierungsmethoden lässt die griechische Regierung allerdings nicht zu. Der Diskos wird die Dechiffrierer aller Länder daher wohl noch eine Weile beschäftigen.

Dan Browns Geschöpf Robert Langdon hatte zur Lösung der drei angeblichen Mysterien verständlicherweise keine Lust. Jetzt jedoch erhält er ein Angebot, das er nicht ablehnen kann: Er soll seinem Freund Peter Solomon mit einem Vortrag über die Symbole in der Architektur von Washington aushelfen – trotz der Kurzfristigkeit kein großes Problem für den Symbolologen, gehört dieses Thema doch zu seinen Steckenpferden. Er besteigt also das Flugzeug nach Washington, und das Abenteuer beginnt.

3 Peirce, Charles Sanders: Incapacities (CP 5.265), zitiert nach: Joachim Lege: Pragmatismus und Jurisprudenz, Tübingen 1999, S. 24.

4 Cauldwell, Christopher: T. E. Lawrence. Eine Studie über Heldentum, in: Ders.: Studien zu einer sterbenden Kultur, Dresden 1973, S. 31.

5 Zur literarischen Methode vgl.: Eco, Umberto: Im Wald der Fiktionen, München 1994.

6 Ehtreiber, Jörg/Hohenester/Rath: Der kosmische Träumer: Johannes Kepler– die andere Seite, Graz 1994, S. 126.

7 Vgl.: Alberge, Dalya: Phaistos Disc declared as fake by scholar. In: Times Online, 12.07.2008. Im Internet unter: https://entertainment.timesonline.co.uk/tol/arts_and_entertainment/visual_arts/article4318911.ece. Im selben Artikel wird die berühmte capitolinische Wölfin als mittelalterliche Fälschung bezeichnet.

1.2. Etappe 1:
Vom Tempel in das rätselhafte Parlament

Eigentlich beginnt die Geschichte, lange bevor Robert Langdon in die Hauptstadt der Vereinigten Staaten aufbricht. Quell des sich entwickelnden Übels ist nämlich die Familientragödie der Solomons, von deren Ausmaßen Langdon noch nichts oder doch zumindest nur wenig ahnt. Zwar trauerte Langdon mit seinem väterlichen Freund um dessen ermordete Mutter und den in der Türkei zu Tode gefolterten Sohn, aber er weiß nichts über die missglückte Vater-Sohn-Beziehung. Und so begreift er zunächst auch nicht, dass er in dem Moment, in dem ihm Peter Solomon ein verschnürtes und versiegeltes Päckchen zur Aufbewahrung übergab, Teil der Auseinandersetzung wurde.

Solomon erledigte die Übergabe inoffiziell und ohne jede Zeremonie, sodass Langdon das Päckchen einfach so in seinen Safe schloss. Zum Nachdenken bleibt Robert Langdon zu Beginn des Thrillers ohnehin keine Zeit. Verwirrt und gejagt von den Ereignissen kommt er daher nicht auf die Idee, dass das Paket ein spektakuläres Artefakt enthalten könnte: den aus massivem Gold gefertigten Schlussstein der legendären Freimaurerpyramide, die wiederum der Schlüssel zum Wissen der Alten Mysterien ist.

Wer den Alten Mysterien nachspüren möchte, kann an jedem beliebigen Punkt der Geistesgeschichte ansetzen. Es ist möglich, in der Bibel nach Mysterien zu suchen; finden lässt sich Mysteriöses aber auch bei den alten Ägyptern, in Rom oder bei den Schamanen der russischen Steppen. Wer allerdings in der europäischen Freimaurerei danach sucht, läuft ins Leere. Denn hier gibt es keine Pyramiden und entsprechend auch keine symbolische Bedeutung.8

Im Verlorenen Symbol aber stößt, wer nach der Freimaurerpyramide und ihrer Bedeutung sucht, erst indirekt, ganz am Schluss aber auch namentlich auf die seltsame Gedankenwelt des Albert Pike. Pike, der Erneuerer des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus (AASR) der Freimaurerei in den Vereinigten Staaten, war ein Anhänger der pythagoreischen Zahlenmagie. Daher betrachtete er die Vier als die perfekte Zahl, als die Wurzel anderer Zahlen und Ursache aller Dinge. Nicht umsonst, so argumentierte Pike, äußerte Gott seinen Namen Jehowa/Jahwe im Hebräischen in vier Zeichen: JHWH. Die Vier ist also für Pike das universale Symbol der Unsterblichkeit, wie auch die Pyramide, deren Grundfläche ein Quadrat bildet.9 Letztere symbolisiert für ihn darüber hinaus die Ordnung der Gesellschaft.10

Indem er die Entschlüsselung des goldenen Schlusssteins und der Pyramide ins Zentrum seines Thrillers stellt, begibt sich Dan Brown direkt in das Herz der amerikanischen Nation. Denn den Ein-Dollar-Schein hat jeder im Portemonnaie, und alle dreihundert Millionen Amerikaner haben sich schon einmal gefragt, warum zur Hölle auf ihm eine Pyramide zu sehen ist, die noch dazu von einer kleinen Pyramide mit einem leuchtenden Auge bekrönt wird.

Die Gestaltung des Geldscheins stammt aus den 1930er Jahren, und tatsächlich waren es zwei Freimaurer des 32. Grades, die sie genehmigten: Franklin Delano Roosevelt, amerikanischer Präsident von 1933 bis 1945, und sein Vizepräsident Henry Wallace.11 Sie suchten nach einem Symbol für ihren »New Deal«, also die neue Wirtschaftsordnung, die sie nach dem Zusammenbruch der amerikanischen Wirtschaft 1929 errichten wollten.12 Wie wir heute wissen, waren die beiden Freimaurer mit ihrem Versuch, den Kapitalismus zu zügeln, nur vorübergehend erfolgreich. Geblieben ist jedoch der Spruch auf der Rückseite des Scheins: Novus ordo seculorum»Eine neue Ordnung der Zeitalter«.

Im Laufe des Thrillers wird offenbar, dass der Schlussstein der hier zu entschlüsselnden Pyramide anders als derjenige auf dem Dollarschein kein leuchtendes Auge verbirgt. Das Symbol des allsehenden Gottes findet sich also nicht, stattdessen wird durch die Erhitzung der Goldpyramide eine sinnvolle Buchstabenfolge sichtbar. Dazu an anderer Stelle mehr.