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Das verlorene Symbol

Über dieses Buch

Robert Langdon ist zurück

Washington, D.C.: In der amerikanischen Hauptstadt liegt ein sorgsam gehütetes Geheimnis verborgen, und ein Mann ist bereit, dafür zu töten. Aber dazu benötigt er die Unterstützung eines Menschen, der ihm freiwillig niemals helfen würde: Robert Langdon, Harvard-Professor und Experte für die Entschlüsselung und Deutung mysteriöser Symbole.

Nur ein finsterer Plan ermöglicht es, Robert Langdon in die Geschichte hineinzuziehen. Fortan jagt der Professor über die berühmten Schauplätze der Hauptstadt. Doch er jagt nicht nur – er wird selbst zum Gejagten. Denn das Rätsel, das nur er zu lösen vermag, ist für viele Kreise von größter Bedeutung – im Guten wie im Bösen. Danach wird die Welt, die wir kennen, eine andere sein.

Das verlorene Symbol ist der dritte Roman aus der Thriller-Reihe um Robert Langdon, die Dan Brown zu einem weltweit gefeierten Bestsellerautor machte.

Über den Autor

Dan Brown unterrichtete Englisch, bevor er sich ganz seiner Tätigkeit als Schriftsteller widmete. Als Sohn eines mehrfach ausgezeichneten Mathematikprofessors und einer bekannten Kirchenmusikerin wuchs er in einem Umfeld auf, in dem Wissenschaft und Religion keine Gegensätze darstellen. Mit Robert Langdon schuf er einen Helden, der die Leser der Romane Illuminati, Sakrileg – The Da Vinci Code, Das Verlorene Symbol und Inferno im Sturm eroberte. Seitdem gehört Dan Brown zu den erfolgreichsten Autoren aller Zeiten. Dan Brown ist verheiratet und lebt mit seiner Frau, einer Kunsthistorikerin, in Neuengland.

Das verlorene Symbol

Aus dem amerikanischen
Englisch übersetzt und entschlüsselt
vom Bonner Kreis

BASTEI ENTERTAINMENT

Für Blythe

DANKSAGUNGEN

Mein tiefempfundener Dank gilt drei guten Freunden, mit denen ich zusammenarbeiten durfte: meinem Lektor Jason Kaufman, meiner Agentin Heide Lange und meinem Berater Michael Rudell. Außerdem geht ein herzliches Dankeschön an Doubleday und an meine Verlage in aller Welt – und natürlich an meine Leser.

Ohne die großzügige Unterstützung zahlreicher Menschen, die mich an ihrem Wissen und ihren Kenntnissen teilhaben ließen, hätte dieser Roman nicht geschrieben werden können. Ihnen allen spreche ich meine tiefe Wertschätzung aus.

In der Welt zu leben, ohne sich ihrer Bedeutung bewusst zu werden, ist wie in einer großen Bibliothek herumzuirren, ohne die Bücher anzurühren.

Die Geheimen Lehren aller Zeiten

FAKT

Im Jahre 1991 wurde ein Dokument im Safe des CIA-Direktors eingeschlossen. Dieses Dokument befindet sich heute noch dort. Sein kryptischer Text enthält Hinweise auf ein altes Portal und einen unbekannten Ort im Untergrund. Außerdem enthält das Schriftstück den Satz:
»Irgendwo da draußen liegt es vergraben.«

Die Organisationen, die in diesem Roman eine Rolle spielen, existieren tatsächlich, einschließlich der Freimaurer, des Unsichtbaren Collegiums, des Office of Security, des SMSC und des Instituts für Noetische Wissenschaften.

Sämtliche Rituale, die geschildert werden, sind authentisch, und die aufgeführten wissenschaftlichen Fakten entsprechen den Tatsachen.

Die im Roman genannten Kunstwerke und Monumente sind real.

PROLOG

Haus des Tempels
20.33 Uhr

Das Geheimnis liegt darin, wie man stirbt.

So ist es seit Anbeginn der Zeit.

Der vierunddreißigjährige Anwärter blickte auf den menschlichen Schädel, den er in Händen hielt. Der Totenkopf war hohl wie eine Schale und gefüllt mit blutrotem Wein.

Trink, sagte er sich. Du hast nichts zu befürchten.

Wie die Tradition es verlangte, hatte der Anwärter seine Reise im rituellen Gewand eines mittelalterlichen Ketzers angetreten, der zum Galgen geführt wird, mit weit aufklaffendem Hemd, sodass die blasse Brust zu sehen war; das linke Hosenbein bis zum Knie aufgerollt, den rechten Ärmel bis zum Ellbogen. Um seinen Hals hatte eine schwere geknüpfte Schlinge gelegen – ein »Kabeltau«, wie die Brüder es nannten. Heute jedoch trug der Anwärter – ebenso wie die Bruderschaft, die das Geschehen bezeugte – die Kleidung eines Meisters.

Die versammelten Brüder, die den Anwärter umstanden, trugen volles Ornat: Schurz, Schärpe und weiße Handschuhe. Um den Hals trugen sie Bijous, zeremonielle Schmuckabzeichen, die in dem gedämpften Licht wie geisterhafte Augen funkelten. Viele dieser Männer hatten außerhalb der Loge bedeutende Ämter und Machtpositionen inne, und doch wusste der Anwärter, dass ihr weltlicher Rang innerhalb dieser Mauern nichts bedeutete. Hier waren alle gleich – eine verschworene Gemeinschaft, vereint durch ein mystisches Band.

Als der Blick des Anwärters über die beeindruckende Versammlung schweifte, fragte er sich, wer in der Welt außerhalb des Tempels wohl glauben würde, dass eine solche Gruppe von Männern tatsächlich zusammenkam – zumal an einem Ort wie diesem, der wie ein antikes Heiligtum aus einer versunkenen Welt erschien.

Die Wahrheit jedoch war noch unglaublicher.

Ich bin nur ein paar Hundert Meter vom Weißen Haus entfernt.

Dieses machtvolle Gebäude an der Sechzehnten Straße NW, Nr. 1733, in Washington, D.C., war die Nachbildung eines vorchristlichen Heiligtums, des Tempels König Mausolos II., des ursprünglichen Mausoleums – ein Tempel der Toten. Vor dem Haupteingang bewachten zwei siebzehn Tonnen schwere Sphingen das bronzene Portal. Das Innere war ein reich verziertes Labyrinth von Ritualkammern, Sälen, verschlossenen Räumen und Bibliotheken; eine hohle Wand barg die Überreste zweier menschlicher Körper. Jede der Kammern und jeder der Säle in diesem Gebäude enthielte ein Geheimnis, hatte man dem Anwärter anvertraut.

Die größten Mysterien jedoch barg jener riesige Saal, in dem er nun kniete, den Totenschädel in den Händen.

Der Tempelsaal.

Dieser Saal war von quadratischem Grundriss – die vollkommene Form – und hatte gewaltige Ausmaße. Die Decke, gestützt von monolithischen Säulen aus grünem Granit, befand sich hundert Fuß über dem Boden. Eine mehrstufige Galerie mit dunklem Gestühl aus russischem Walnussholz und Schweinsleder, von Hand punziert, zog sich an den Wänden entlang. Ein dreiunddreißig Fuß hoher Thron beherrschte die westliche Wand; auf der gegenüberliegenden Seite erhob sich eine verdeckte Orgel. Die Wände waren ein Kaleidoskop uralter Symbole – ägyptische und hebräische Zeichen, astronomische und alchimistische Symbole sowie Darstellungen noch unbekannter Natur.

Am heutigen Abend wurde der Tempelsaal von einer Reihe genau ausgerichteter Kerzen erhellt. Ihr matter Schein vermischte sich mit einem bleichen Lichtstrahl, der durch das Deckenfenster in den Tempelraum fiel und dessen eindrucksvollstes Element beleuchtete: einen mächtigen Altar aus poliertem schwarzem Marmor, der genau im Zentrum des Saales stand.

Das Geheimnis liegt darin, wie man stirbt, rief der Anwärter sich ins Gedächtnis.

»Es ist Zeit«, flüsterte eine Stimme.

Der Anwärter richtete den Blick auf die ehrwürdige, weiß gekleidete Gestalt, die vor ihm stand. Der oberste Meister vom Stuhl. Dieser Mann, Ende fünfzig und mit silbergrauem Haar, war eine amerikanische Ikone – beliebt, bodenständig und unermesslich reich. Auf seinen Gesichtszügen, die in den Vereinigten Staaten jeder kannte, spiegelten sich ein Leben voller Macht und ein kraftvoller Geist.

»Sprechen Sie den Eid«, sagte der Meister vom Stuhl, und seine Stimme war weich und sanft wie Schnee, der zu Boden rieselt. »Vollenden Sie Ihre Reise.«

Die Reise des Anwärters hatte mit dem ersten Grad begonnen, wie alle derartigen Reisen. Damals, bei einem ähnlichen abendlichen Ritual wie diesem, hatte der Meister vom Stuhl ihm mit einer samtenen Binde die Augen verbunden, hatte ihm einen zeremoniellen Degen an die bloße Brust gehalten und ihm die Frage gestellt: »Erklären Sie aufrichtig bei Ihrer Ehre, unbeeinflusst von Gewinnstreben oder anderen unwürdigen Motiven, dass Sie aus freiem Entschluss und Willen Aufnahme in diese Bruderschaft begehren?«

»Ja«, hatte der Suchende gelogen.

»Dann möge dies ein Stich für Ihr Gewissen sein«, hatte der Meister ihn gewarnt, »und desgleichen sofortiger Tod, sollten Sie je die Geheimnisse verraten, die man Ihnen anvertrauen wird.«

Damals hatte er keine Furcht verspürt. Sie werden meine wahre Absicht niemals erkennen.

Am heutigen Abend jedoch glaubte er eine düstere, bedrohliche Stimmung im Tempelsaal wahrzunehmen, einen ahnungsvollen Ernst. Schaudernd musste er an die grausamen Strafen denken, die ihm auf seiner bisherigen Reise angedroht worden waren für den Fall, dass er eines der uralten Geheimnisse verriet, die man ihm anvertraut hatte: Der Hals durchschnitten von Ohr zu Ohr … die Zunge bei der Wurzel ausgerissen … die Eingeweide herausgerissen und verbrannt … in die vier Winde des Himmels zerstreut … das Herz aus der Brust gerissen und streunenden Tieren zum Fraß vorgeworfen …

»Bruder«, sagte der grauäugige Meister und legte dem Anwärter die linke Hand auf die Schulter. »Sprechen Sie den letzten Eid.«

Der Anwärter wappnete sich für den abschließenden Schritt seiner Reise, straffte seine kräftige Gestalt und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Totenkopf zu, den er noch immer in Händen hielt. Der rote Wein in der Schädelhöhle sah im matten Kerzenlicht fast schwarz aus. Tiefes Schweigen hatte sich über den Tempelsaal gesenkt. Der Anwärter spürte beinahe körperlich, wie die aufmerksamen Blicke sämtlicher Zeugen auf ihm ruhten, wie diese darauf warteten, dass er den letzten Eid ablegte und sich ihren Reihen hinzugesellte, den Reihen der Auserwählten.

Heute Abend, ging es ihm durch den Kopf, wird in diesen Mauern etwas geschehen, was es in der Geschichte dieser Bruderschaft noch nie gegeben hat, nicht ein einziges Mal in all den Jahrhunderten …

Er wusste, es würde der entscheidende Funke sein und es würde ihm unermessliche Macht verleihen.

Mit neuem Mut holte er tief Atem und sprach laut dieselben Worte, die zahllose Männer vor ihm in allen Ländern der Erde gesprochen hatten:

»Möge dieser Wein, den ich nun trinke, mir ein tödliches Gift werden … sollte ich je wissentlich oder willentlich meinen Eid verletzen.«

Seine Worte hallten von den hohen Wänden wider. Dann breitete sich tiefe Stille aus.

Mit ruhigen Händen hob der Anwärter den Schädel an den Mund und spürte, wie seine Lippen das trockene Gebein berührten. Er schloss die Augen, hob den Schädel an und trank in langen, tiefen Schlucken. Als der letzte Tropfen getrunken war, ließ er den Totenschädel sinken …

… und bekam plötzlich keine Luft mehr, während sein Herz wild zu pochen begann und seine Hände zitterten. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen.

Mein Gott, sie wissen Bescheid!

Dann schwand das beängstigende Gefühl so schnell, wie es gekommen war.

Eine angenehme Wärme durchströmte den Körper des Anwärters. Er atmete aus und lächelte in sich hinein, als er zu dem grauäugigen Mann aufblickte, der so arglos gewesen war, ihn in die allergeheimsten Ränge der Bruderschaft aufzunehmen.

Bald wirst du alles verlieren, was dir lieb und wert ist.

1. KAPITEL

Im Otis-Aufzug an der Südseite des Eiffelturms drängten sich die Touristen. In der beengten Kabine blickte ein seriös gekleideter Herr auf den Jungen neben ihm hinunter. »Du siehst blass aus. Du hättest lieber unten bleiben sollen.«

»Mir geht’s gut …«, antwortete der Junge, bemüht, seine Angst in den Griff zu bekommen. »Ich steig auf der nächsten Etage aus.«

Der Mann beugte sich tiefer zu dem Jungen. »Ich dachte, du hättest deine Angst überwunden.« Er strich dem Kind zärtlich über die Wange.

Der Junge schämte sich, weil er seinen Vater enttäuscht hatte, doch durch das Klingeln in seinen Ohren konnte er kaum etwas hören.

O Gott, ich krieg keine Luft! Ich muss hier raus!

Der Fahrstuhlführer sagte irgendetwas Beruhigendes über Pendelschaftkolben und Puddeleisenkonstruktion, doch der Junge blickte voller Furcht auf die Straßen von Paris, die sich tief unter ihnen in sämtliche Richtungen erstreckten.

Wir sind fast da, sagte er sich im Stillen, legte den Kopf in den Nacken und blickte hinauf zur Ausstiegsplattform. Halt durch!

Als die Kabine sich steil auf die obere Aussichtsplattform zubewegte, verengte sich der Schacht. Die massiven Stützen wuchsen zu einem engen, senkrecht in die Höhe führenden Tunnel zusammen.

»Dad, ich glaub nicht …«

Plötzlich ein Knall. Dann noch einer. Der Aufzug ruckte, schwankte, neigte sich gefährlich zur Seite. Zerrissene Kabel peitschten um die Kabine, zuckend wie gereizte Schlangen. Der Junge griff Hilfe suchend nach der Hand seines Vaters.

»Dad!«

Ihre Blicke trafen sich eine Schrecksekunde lang.

Dann sackte der Fußboden unter ihren Füßen weg, und der Lift schoss in die Tiefe.

Mit einem Ruck schreckte Robert Langdon in seinem weichen Ledersitz aus dem Halbdämmern seines Tagtraums. Er saß ganz allein in dem großzügig bemessenen Passagierraum eines Falcon-2000EX-Firmenjets, der soeben von Turbulenzen durchgeschüttelt wurde. Im Hintergrund summten im Gleichklang die zwei Pratt-&-Whitney-Triebwerke.

»Mr. Langdon?« Der Lautsprecher unter der Decke knisterte. »Wir setzen jetzt zur Landung an.«

Langdon richtete sich auf und schob seine Vortragsnotizen zurück in die lederne Umhängetasche. Er war mit einer Rekapitulation freimaurerischer Symbolik beschäftigt gewesen, als seine Gedanken abgedriftet waren. Der Traum über seinen verstorbenen Vater war, so vermutete er, auf die unerwartete Einladung durch seinen langjährigen Mentor Peter Solomon zurückzuführen.

Der andere Mann, den ich niemals enttäuschen will.

Der achtundfünfzigjährige Philanthrop, Historiker und Wissenschaftler hatte Langdon vor nahezu dreißig Jahren unter seine Fittiche genommen und damit in mancher Hinsicht die Leere gefüllt, die nach dem Tod von Langdons Vater entstanden war. Wenngleich Solomon einer einflussreichen Familiendynastie angehörte und über immensen Reichtum verfügte, hatte Langdon in den sanften grauen Augen dieses Mannes Demut und Wärme gefunden.

Draußen war die Sonne bereits untergegangen, doch durch das Fenster konnte Langdon noch die schlanke Silhouette des größten Obelisken der Welt ausmachen, der wie der Zeiger einer riesigen Sonnenuhr am Horizont aufragte. Das 555 Fuß hohe Monument markierte das Herz der Nation. Um den Obelisken herum erstreckten sich die geometrischen Kraftlinien der Straßen und Bauwerke der Stadt.

Selbst aus der Luft strahlte Washington, D.C., eine beinahe mystische Macht aus.

Langdon liebte diese Stadt. Als der Jet auf der Landebahn aufsetzte, spürte er eine wachsende Erregung bei dem Gedanken daran, was vor ihm lag. Die Maschine rollte zu einem privaten Terminal auf der ausgedehnten Fläche des Dulles International Airport und kam zum Stehen.

Langdon packte seine Sachen, dankte den Piloten und trat aus dem luxuriösen Innern des Falcon hinaus auf die Gangway. Die kalte Luft war eine Wohltat.

Tief durchatmen, Robert, sagte er sich und nahm erleichtert die Weite der Umgebung in sich auf.

Weiße Nebelschwaden zogen über den Boden. Langdon hatte das Gefühl, sich einem Sumpf zu nähern, als er die Rolltreppe hinunterstieg.

»Hallo!«, rief eine singende Stimme mit britischem Akzent. »Hallo! Professor Langdon?«

Langdon blickte auf und sah eine Frau mittleren Alters mit einem Abzeichen und einem Klemmbrett auf ihn zueilen, wobei sie freudig winkte. Lockiges blondes Haar lugte unter einer modischen Strickmütze hervor.

»Willkommen in Washington, Sir.«

Langdon lächelte. »Vielen Dank.«

»Mein Name ist Pam, Sir, vom Passagierservice!« Die Frau sprach mit einem Überschwang, der beinahe schon auf die Nerven ging. »Wenn Sie bitte mit mir kommen wollen, Sir, Ihr Wagen steht bereit.«

Langdon folgte ihr über die Rollbahn zum Signature-Terminal, der von funkelnden Privatjets umgeben war. Ein Taxistand für die Reichen und Berühmten.

»Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen lästig falle, Professor«, sagte die Frau, »aber sind Sie der Robert Langdon, der die Bücher über Symbole und Religion schreibt?«

Langdon zögerte und nickte dann.

»Hab ich’s mir doch gedacht!«, sagte die Frau strahlend. »Mein Lesekreis hat Ihr Buch über das göttlich Weibliche und die Kirche verschlungen. Hat ja für einen schönen Skandal gesorgt! Es macht Ihnen wohl Spaß, den Fuchs im Hühnerstall zu spielen?«

Langdon lächelte. »Das war nie meine Absicht.«

Die Frau schien zu spüren, dass Langdon nicht in der Stimmung war, über sein Werk zu diskutieren. »Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht vollquatschen. Ich kann mir denken, dass Sie es leid sind, erkannt zu werden, aber das ist ja Ihre eigene Schuld.« Neckisch wies sie auf seine Kleidung. »Ihre Uniform hat Sie verraten.«

Meine Uniform? Langdon blickte an sich hinunter. Er trug seinen gewohnten anthrazitfarbenen Rollkragenpullover, ein Harris-Tweed-Jackett, eine Kakihose und Halbschuhe aus Korduanleder – seine übliche Kleidung für den Hörsaal, Vortragsreisen, Autorenfotos und gesellschaftliche Anlässe.

Die Frau lachte. »Ihr Rolli ist völlig aus der Mode. Außerdem würde eine Krawatte Ihnen viel besser stehen!«

Nur über meine Leiche, dachte Langdon. Bloß kein Galgenstrick.

An der Phillips Exeter Academy, die er besucht hatte, waren Krawatten Pflicht gewesen, und trotz der romantischen Vorstellungen des Direktors, der Ursprung dieser Halszierde ginge auf die seidenen fascalia zurück, die von römischen Rednern getragen wurden, um ihre Stimmbänder zu wärmen, wusste Langdon, dass das Wort Krawatte sich etymologisch von einer brutalen Horde »kroatischer« Söldner herleitete, die sich Halstücher umgeknüpft hatten, bevor sie in die Schlacht gestürmt waren. Bis heute wurde diese alte Kriegstracht Tag für Tag von modernen Bürokriegern angelegt, um ihre Feinde beim Kampf an den Konferenztischen einzuschüchtern.

»Vielen Dank für den Hinweis«, sagte Langdon mit einem Glucksen. »Ich werde es mir für die Zukunft merken.«

Zum Glück stieg in diesem Augenblick ein elegant gekleideter Mann in dunklem Anzug aus einem funkelnden Lincoln Town Car, der nahe dem Terminal parkte, und hob den Finger. »Mr. Langdon? Ich bin Charles von Beltway Limousine.« Er öffnete die hintere Beifahrertür. »Guten Abend, Sir. Willkommen in Washington.«

Langdon drückte Pam für ihre Freundlichkeit ein Trinkgeld in die Hand und stieg ins feudale Innere des Town Car. Der Fahrer zeigte ihm den Temperaturregler, die Mineralwasserflaschen und das Körbchen mit heißen Muffins. Sekunden später rauschte Langdon auf einer privaten Zufahrtsstraße davon. Schön, mal wieder wie einer von den oberen Zehntausend zu leben.

Als der Fahrer den Wagen den Windsock Drive hinauf beschleunigte, konsultierte er seinen Auftragszettel und tätigte einen kurzen Anruf. »Hier Beltway Limousine«, sagte er in geschäftsmäßigem Tonfall. »Ich sollte bestätigen, dass mein Passagier gelandet ist …« Er machte eine Pause. »Ja, Sir. Ihr Gast ist angekommen. Ich setze Mr. Langdon um neunzehn Uhr am Capitol Building ab … gern geschehen, Sir.«

Langdon konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Nichts dem Zufall überlassen. Peter Solomons Aufmerksamkeit fürs Detail war eine seiner größten Stärken; sie allein machte es ihm möglich, seine nicht unwesentliche Macht mit scheinbarer Mühelosigkeit auszuüben. Ein paar Milliarden Dollar auf der Bank schaden dabei allerdings auch nicht.

Langdon ließ sich in den weichen Ledersitz sinken und schloss die Augen, als die Geräusche des Flughafens hinter ihm verklangen. Das U.S. Capitol war eine halbe Stunde entfernt, und er war froh, dass ihm ein wenig Zeit blieb, seine Gedanken zu ordnen. Alles war heute so schnell gegangen, dass er erst jetzt in Ruhe über den unglaublichen Abend nachdenken konnte, der vor ihm lag.

Ankunft unter dem Siegel der Geheimhaltung, ging es ihm durch den Kopf. Die Vorstellung erheiterte ihn.

Sechzehn Kilometer vom Kapitol entfernt traf eine einsame Gestalt ungeduldig die letzten Vorbereitungen für Robert Langdons Ankunft.

2. KAPITEL

Der Mann, der sich Mal’akh nannte, drückte die Nadel gegen seinen rasierten Kopf und seufzte befriedigt, als die scharfe Spitze rhythmisch in sein Fleisch stach. Das leise Summen des elektrischen Werkzeugs machte süchtig … so wie der Stich der Nadel, die sich in seine Dermis bohrte und dort Farbpartikel hinterließ.

Ich bin ein Meisterwerk.

Das Ziel des Tätowierens war niemals Schönheit. Das Ziel war Veränderung. Von den narbengeschmückten nubischen Priestern des dritten vorchristlichen Jahrtausends über die tätowierten Akolythen des Kybele-Kults im alten Rom bis hin zu den modernen Maori mit ihren Moko-Narben hatten Menschen die Tätowierung als einen Weg betrachtet, ihren Körper als partielles Opfer darzubieten, den physischen Schmerz der Prozedur zu erdulden und als veränderte Wesen daraus hervorzugehen.

Trotz des ominösen Gebots in Levitikus 19, Vers 28, sich keine Zeichen auf dem Körper einritzen zu lassen, waren Tattoos für Millionen von Menschen im modernen Zeitalter Mutprobe und Ritus zugleich geworden – für adrette Teenager über verdreckte Junkies bis hin zu gelangweilten Hausfrauen.

Der Akt des Sich-Tätowieren-Lassens war eine machtvolle Transformation und zugleich eine Botschaft an die Welt: Siehe, ich bin Herr meines eigenen Fleisches. Das berauschende Gefühl der Kontrolle, das sich aus der körperlichen Wandlung speist, hatte Millionen süchtig gemacht nach Veränderungen des eigenen Körpers: kosmetische Chirurgie, Piercing und Branding, Bodybuilding und Steroide, selbst Bulimie und Geschlechtsumwandlung. Der menschliche Geist verlangt nach Herrschaft über seine fleischliche Hülle.

Ein Glockenschlag ertönte von Mal’akhs Standuhr, und er blickte auf. Halb sieben. Er legte das Tätowierwerkzeug beiseite, hüllte seinen nackten, ein Meter neunzig großen Körper in einen Badeumhang aus japanischer Seide und trat hinaus auf den Flur. Die Luft in dem großräumigen Wohnhaus war geschwängert vom beißenden Geruch der Tätowierfarbe und dem Rauch der Bienenwachskerzen, mit denen Mal’akh seine Nadeln sterilisierte. Vorbei an wertvollen italienischen Antiquitäten – einer Radierung von Piranesi, einem Savonarolastuhl, einer silbernen Bugarini-Öllampe – ging der hochgewachsene junge Mann über den Flur.

Im Vorübergehen warf er einen Blick durch ein wandhohes Fenster und bewunderte die klassische Skyline in der Ferne. Die angestrahlte Kuppel des Kapitols hob sich machtvoll und majestätisch vor dem dunklen Winterhimmel ab.

Das ist der Ort des Geheimnisses, ging es Mal’akh durch den Kopf. Irgendwo da draußen liegt es vergraben.

Wenige Menschen wussten von seiner Existenz … und noch weniger kannten seine beeindruckende Macht oder waren darin eingeweiht, auf welch raffinierte Weise es versteckt worden war. Bis heute blieb es das größte unerforschte Rätsel des Landes. Die wenigen, die die Wahrheit kannten, hielten sie hinter einem Schleier von Symbolen, Legenden und Allegorien verborgen.

Jetzt haben sie ihre Türen für mich geöffnet, dachte Mal’akh.

Vor drei Wochen war er in einem dunklen Ritual im Beisein einiger der einflussreichsten Männer Amerikas in den 33. Grad erhoben worden, die höchste Stufe der ältesten noch existierenden Bruderschaft der Welt. Trotz Mal’akhs neuem Rang hatten die Brüder ihm nichts erzählt. Und das werden sie auch nicht, dachte er. So läuft das nun mal nicht. Es gab Kreise innerhalb von Kreisen … Bruderschaften innerhalb von Bruderschaften. Selbst wenn Mal’akh Jahre wartete – ihr letztes Vertrauen würde er vielleicht nie gewinnen.

Zum Glück brauchte er ihr Vertrauen nicht, um an ihr tiefstes und kostbarstes Geheimnis zu gelangen.

Meine Erhebung hat ihren Zweck erfüllt.

Mal’akh ging zum Schlafzimmer, angespornt von dem, was vor ihm lag. Im ganzen Haus drangen betörende Klänge aus den Lautsprechern: die seltene Aufnahme einer Kastratenstimme, die das »Lux Aeterna« aus dem Verdi-Requiem sang – eine Erinnerung an ein früheres Leben. Mal’akh drückte auf eine Fernbedienung, um zu dem majestätischen »Dies Irae« zu gelangen. Begleitet von donnernden Pauken und parallelen Quinten sprang er sodann die breite Marmortreppe hinauf, dass die Robe sich um seine muskulösen Beine bauschte.

Während er rannte, knurrte protestierend sein leerer Magen. Seit zwei Tagen hatte Mal’akh nun gefastet, hatte nur Wasser getrunken und nichts gegessen, um seinen Körper gemäß den alten Vorschriften bereit zu machen. Bei Sonnenaufgang wird dein Hunger gestillt sein, sagte er sich. Und dein Schmerz gelindert.

Mal’akh betrat das Allerheiligste seines Schlafgemachs und schloss hinter sich die Tür. Als er zum Ankleidebereich schritt, hielt er inne. Er fühlte sich hingezogen zu dem großen, von einem Goldrahmen eingefassten Spiegel; die Versuchung, sein eigenes Spiegelbild zu betrachten, war zu stark. Langsam, als würde er ein Geschenk von unschätzbarem Wert auspacken, öffnete Mal’akh seine Robe und enthüllte seine nackte Gestalt. Der Anblick verschlug ihm die Sprache.

Ich bin ein Meisterwerk.

Sein massiger Körper war rasiert und glatt. Mal’akh schaute zuerst auf seine Füße, die mit den Schuppen und Klauen eines Falken tätowiert waren; dann bewegte sein Blick sich hinauf zu seinen muskulösen Beinen, die als gemeißelte Säulen gestaltet waren – das linke Bein spiralförmig tätowiert, das rechte mit vertikalen Streifen. Boas und Jachin. Seine Lenden und sein Magen bildeten einen verzierten Torbogen, und seine mächtige Brust war mit dem doppelköpfigen Phönix geschmückt … jeder der zwei Köpfe im Profil zur Seite gewandt, sodass Mal’akhs Brustwarzen das jeweilige Auge bildeten. Schultern, Hals, Gesicht und der rasierte Kopf waren vollständig mit einem verschlungenen Muster von uralten Symbolen und Zeichen bedeckt.

Ich bin ein Artefakt … ein sich entfaltendes Bild.

Es gab nur einen sterblichen Menschen, der Mal’akh jemals nackt gesehen hatte – achtzehn Stunden zuvor. Der Mann hatte vor Angst geschrien: »O Gott, Sie sind ein Dämon!«

»Wenn Sie mich als solchen betrachten«, hatte Mal’akh kühl geantwortet. Für die Menschen der Antike waren Engel und Dämonen ein und dasselbe gewesen – zwei Seiten einer Münze, alles eine Sache der Polarität: Der Schutzengel, der deinen Feind im Kampf besiegte, wurde von deinem Feind als dämonischer Zerstörer betrachtet.

Mal’akh senkte das Haupt, um im riesigen Spiegel einen Blick auf die Oberseite seines Kopfes werfen zu können. Dort, innerhalb eines kronengleichen Strahlenkranzes, leuchtete ein kleiner Kreis blassen, nicht tätowierten Fleisches. Diese sorgfältig ausgesparte Fläche war Mal’akhs einziges Stück jungfräulicher Haut. Diese geweihte Stelle hatte geduldig gewartet, und heute Nacht würde sie gefüllt werden. Auch wenn Mal’akh noch nicht besaß, was er zur Vollendung seines Meisterwerks benötigte, so wusste er doch, dass es sehr bald so weit sein würde.

Erregt von seinem eigenen Spiegelbild spürte er bereits, wie seine Macht wuchs. Er schloss seine Robe, trat ans Fenster und blickte noch einmal hinaus auf die mystische Stadt.

Irgendwo da draußen liegt es vergraben.

Mal’akh konzentrierte sich wieder ganz auf die vor ihm liegende Aufgabe. Er ging zum Frisiertisch und trug sorgfältig eine Schicht von deckendem Make-up auf Gesicht, Kopfhaut und Hals auf, bis seine Tattoos davon bedeckt waren. Dann legte er die vorbereitete Kleidung und einige andere Dinge an, die er zuvor sorgfältig für diesen Abend zusammengestellt hatte. Als er fertig war, überprüfte er noch einmal sein Äußeres im Spiegel. Zufrieden strich er sich mit der Hand über den blanken Schädel und lächelte.

Es ist da draußen, dachte er. Und heute Nacht wird mir jemand helfen, es zu finden.

Als Mal’akh sein Haus verließ, bereitete er sich geistig auf jenes Ereignis vor, das sehr bald das Kapitol erschüttern würde. Er hatte weder Kosten noch Mühen gescheut, um das Spielbrett für den heutigen Abend auszubreiten und die Figuren aufzustellen.

Und jetzt endlich war seine letzte Figur ins Spiel gekommen.

3. KAPITEL

Robert Langdon war mit dem Studium seiner Karteikarten beschäftigt, als das Surren der Reifen auf dem Asphalt heller wurde. Erstaunt hob er den Kopf, um zu sehen, wo er sich befand.

Schon auf der Memorial Bridge?

Er legte seine Karteikarten beiseite und blickte nach draußen, wo die trägen Wasser des Potomac unter der Brücke hindurchflossen. Dichter Dunst hing über der ausgedehnten Fläche. Foggy Bottom, wie man diesen Landstrich so treffend nannte, war ihm stets als eine merkwürdige Gegend erschienen, um hier die Hauptstadt der Vereinigten Staaten zu errichten. In der riesigen Neuen Welt hatten die Gründerväter ausgerechnet eine sumpfige Uferlandschaft auserkoren, um den Grundpfeiler ihrer utopischen Gesellschaft zu setzen.

Langdon blickte nach links über das Tidal Basin hinweg auf die anmutige Silhouette des Jefferson Memorial, des amerikanischen Pantheon, wie es von vielen genannt wurde. Direkt voraus, am Ende der Brücke, erhob sich mit unnachgiebiger, erhabener Strenge das Lincoln Memorial, dessen orthogonale Linien eine unverkennbare Reminiszenz an den Parthenon in Athen darstellten. Noch ein Stück weiter entfernt erblickte Langdon das Herzstück der Stadt – die gleiche Spitze, die er schon aus der Luft gesehen hatte. Die architektonische Inspiration dieses Monuments reichte viel weiter in die Vergangenheit als bis zu den Römern oder Griechen.

Amerikas ägyptischer Obelisk.

Direkt vor ihm ragte das hell angestrahlte monolithische Gebilde des Washington Monument in den Himmel wie der majestätische Mast eines gigantischen Schiffes. Aus Langdons schrägem Blickwinkel wirkte es wie losgelöst, schwankend vor dem düsteren Firmament wie auf unruhiger See. Langdon fühlte sich ähnlich losgelöst. Sein Besuch in Washington war vollkommen unerwartet. Als ich heute Morgen aufgewacht bin, habe ich mich auf einen ruhigen Sonntag zu Hause gefreut … und jetzt bin ich bloß ein paar Hundert Meter vom Kapitol entfernt.

Langdon hatte den Tag begonnen wie jeden anderen: Er war um Viertel vor fünf ins Wasser des einsamen Schwimmbads von Harvard gesprungen und hatte fünfzig Bahnen absolviert. Seine Kondition war nicht mehr ganz so gut wie zu seinen College-Zeiten – damals hatte er in der amerikanischen Nationalmannschaft Wasserball gespielt –, doch er war immer noch schlank und durchtrainiert und in beachtlicher Form für einen Mann Mitte vierzig. Der einzige Unterschied war der Aufwand, den er mittlerweile betreiben musste, damit es so blieb.

Gegen sechs Uhr kam Langdon nach Hause und begab sich sogleich an sein morgendliches Ritual, Sumatra-Kaffeebohnen von Hand zu mahlen. Er genoss den exotischen Duft, der sich in seiner Küche ausbreitete. An diesem Morgen jedoch stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass das rote Licht seines Anrufbeantworters blinkte. Wer ruft an einem Sonntag um sechs Uhr morgens an? Er drückte den Abspielknopf und lauschte der gespeicherten Nachricht.

»Guten Morgen, Professor Langdon. Es tut mir schrecklich leid, Sie zu so früher Stunde zu stören.« Die höfliche Stimme des Anrufers besaß einen schwachen Südstaatenakzent und klang merklich zögernd, als der Mann fortfuhr: »Mein Name ist Anthony Jelbart. Ich bin der persönliche Assistent von Peter Solomon. Mr. Solomon hat mir verraten, dass Sie Frühaufsteher sind … er muss Sie unbedingt sprechen. Wenn Sie so freundlich wären, Mr. Solomon direkt anzurufen, sobald Sie diese Nachricht hören? Wahrscheinlich sind Sie im Besitz seiner neuen Privatnummer. Falls nicht – sie lautet 202-329-5746.«

Sorge um seinen alten Freund stieg in Langdon auf. Peter Solomon gehörte nicht zu den Leuten, die sonntags in aller Herrgottsfrühe anriefen, wenn nicht irgendetwas furchtbar schiefgegangen war.

Langdon ließ den halb fertig gemahlenen Kaffee stehen und eilte ins Arbeitszimmer, um den Rückruf zu tätigen.

Hoffentlich ist Peter nichts passiert.

Solomon war ein Freund, ein Mentor und – obwohl nur zwölf Jahre älter – seit ihrer ersten Begegnung an der Princeton University eine Vaterfigur für Langdon gewesen. Während des Studiums hatte Langdon eine abendliche Gastvorlesung des damals schon weithin bekannten jungen Historikers und Philanthropen besuchen müssen. Solomon hatte mit ansteckender Begeisterung vorgetragen und eine verblüffende Vision von Semiotik und Urgeschichte abgeliefert, die in Langdon den Funken für seine spätere lebenslange Leidenschaft für Symbole und deren verborgene Bedeutungen entzündet hatte. Doch es war nicht Peter Solomons strahlende Aura gewesen, sondern die Bescheidenheit in seinen sanften grauen Augen, die Langdon damals den Mut fassen ließ, ihm einen Dankesbrief zu schreiben. Der junge Student hätte sich nicht träumen lassen, dass Solomon, einer der faszinierendsten jungen Intellektuellen Amerikas, jemals auf seinen Brief antworten würde. Doch genau das hatte Solomon getan. Es war der Beginn einer tiefen Freundschaft gewesen.

Peter Solomon, dessen ruhiges, bescheidenes Auftreten über seine wahre Herkunft hinwegtäuschte, entstammte einem wohlhabenden Familienclan, dessen Name überall in den Vereinigten Staaten auf Bauwerken und Universitätsgebäuden zu lesen stand. Wie bei den Rothschilds in Europa war der Name Solomon von einer geheimnisvollen Aura aus Vornehmheit und Erfolg umgeben. Alter Geldadel. Peter hatte den Mantel in jungen Jahren übergestreift, nach dem frühen Tod seines Vaters. Heute, mit achtundfünfzig Jahren, hatte er zahlreiche Ämter und Funktionen inne, die ihm Macht und Einfluss bescherten. Derzeit war er Vorsitzender der Smithsonian Institution. Gelegentlich pflegte Langdon seinen Freund damit aufzuziehen, der einzige Makel in seinem ansonsten blütenreinen Lebenslauf sei das Diplom an einer zweitklassigen Universität – Yale.

Als Langdon nun sein Arbeitszimmer betrat, stellte er zu seiner Überraschung fest, dass ein Fax von Peter gekommen war:

Peter Solomon

Office of the Secretary

Smithsonian Institution

Guten Morgen Robert,

ich muss dringend mit dir reden. Bitte ruf mich schnellstmöglich unter 202-329-5746 an.

Peter

Langdon wählte die Nummer und lehnte sich gegen die Platte seines handgeschnitzten Eichentisches, während er darauf wartete, dass die Verbindung zustande kam.

»Büro von Peter Solomon«, meldete sich die vertraute Stimme des Sekretärs. »Anthony Jelbart am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«

»Hier Robert Langdon. Sie haben mir vorhin eine Nachricht hinterlassen …«

»Ah, Professor Langdon!« Der junge Mann klang erleichtert. »Danke, dass Sie so schnell zurückrufen, Sir. Mr. Solomon muss Sie dringend sprechen. Darf ich ihm melden, dass Sie in der Leitung sind? Kann ich Sie solange in die Warteschleife legen?«

»Selbstverständlich.«

Während Langdon darauf wartete, dass Solomon an den Apparat kam, fiel sein Blick auf Peters Namen über dem Briefkopf der Smithsonian. Er musste lächeln. Es gibt nicht viele Müßiggänger im Clan der Solomons. Peters Stammbaum war gefüllt mit den Namen erfolgreicher Geschäftsleute und Politiker sowie einer Anzahl bedeutender Wissenschaftler, darunter sogar Mitglieder der Londoner Royal Society. Die einzige noch lebende direkte Angehörige, Peters jüngere Schwester Katherine, hatte offensichtlich das Wissenschaftsgen geerbt und war zu einer führenden Persönlichkeit in der neuen Disziplin aufgestiegen, die sich Noetische Wissenschaften oder kurz Noetik nannte.

Das alles kommt mir spanisch vor, dachte Langdon erheitert, als er sich an Katherines erfolglose Bemühungen erinnerte, ihm auf einer Party im Haus ihres Bruders im Jahr zuvor das Wesen der Noetik zu erklären. Langdon hatte Katherine aufmerksam zugehört und anschließend gemeint: »Das klingt eher nach Magie als nach Wissenschaft.«

Katherine hatte ihm neckisch zugezwinkert. »Magie und Wissenschaft ähneln einander mehr, als du dir vielleicht vorstellen kannst, Robert.«

Peters Sekretär war wieder in der Leitung. »Es tut mir leid, Sir, Mr. Solomon versucht gerade, sich aus einem Konferenzgespräch zu verabschieden. Hier geht es heute Morgen ein wenig chaotisch zu.«

»Kein Problem, ich kann jederzeit zurückrufen.«

»Er hat mich gebeten, Sie über den Grund seines Anrufs zu informieren, Sir, falls Sie nichts dagegen haben.«

»Selbstverständlich nicht.«

Der Assistent atmete tief durch. »Wie Sie sicherlich wissen, veranstaltet der Vorstand der Smithsonian Institution jedes Jahr eine private Gala hier in Washington, um den großzügigsten Förderern zu danken. Viele bedeutende Persönlichkeiten des Landes sind als Gäste zugegen.«

Langdons eigenes Bankkonto wies zu wenig Nullen auf, als dass er zu den bedeutenden Persönlichkeiten des Landes gehört hätte, doch er fragte sich, ob Solomon ihn trotzdem einladen wollte.

»Wie üblich soll dem Dinner auch dieses Jahr eine Grundsatzrede vorausgehen«, fuhr der Sekretär fort. »Wir hatten das Glück, uns für diesen Anlass die National Statuary Hall zu sichern.«

Der beste Saal in ganz D.C., dachte Langdon und rief sich einen politischen Vortrag ins Gedächtnis, den er in dem beeindruckenden einstigen Sitzungssaal des Repräsentantenhauses besucht hatte. Den Anblick von fünfhundert Klappstühlen, in perfektem Kreisbogen aufgestellt und umgeben von achtunddreißig lebensgroßen Statuen, vergaß man nicht so schnell.

»Das Problem ist Folgendes«, fuhr der Sekretär fort. »Unsere Rednerin ist erkrankt und hat uns eben erst informiert, dass sie ihren Vortrag nicht halten kann.« Er zögerte verlegen. »Das bedeutet, wir brauchen dringend einen Ersatzredner. Mr. Solomon hofft, dass Sie vielleicht einspringen könnten.«

Langdon blinzelte überrascht. »Ich?« Damit hatte er ganz und gar nicht gerechnet. »Ich bin sicher, Peter findet einen besseren Ersatz als mich.«

»Sie sind zu bescheiden, Sir. Sie sind Mr. Solomons erste Wahl. Die Gäste wären fasziniert, sich Ihren Vortrag anhören zu dürfen. Mr. Solomon dachte an den gleichen Vortrag, den Sie vor einigen Jahren bei Bookspan TV gehalten haben. In diesem Fall müssten Sie kaum etwas vorbereiten. Er sagt, in Ihrer Rede sei es um die Symbole in der Architektur unserer Hauptstadt gegangen – was sich für den gegebenen Anlass wie geschaffen anhört.«

Langdon war sich da nicht so sicher. »Wenn ich mich recht entsinne, hatte der Vortrag mehr mit der freimaurerischen Geschichte der Stadt zu tun …«

»Ganz recht, Sir. Wie Sie wissen, ist Mr. Solomon Freimaurer, genau wie viele seiner anwesenden Geschäftsfreunde, die sich bestimmt sehr freuen würden, Ihren Vortrag zu diesem Thema zu hören.«

Es wäre nicht allzu schwierig für mich … Langdon hatte die Unterlagen sämtlicher Vorträge aufbewahrt, die er je gehalten hatte. »Gut, ich lasse es mir durch den Kopf gehen. Wann soll die Sache stattfinden?«

Der Assistent räusperte sich und klang mit einem Mal unbehaglich. »Nun ja, Sir, da liegt das Problem. Heute Abend.«

Langdon lachte ungläubig auf. »Heute Abend?«

»Deshalb geht es bei uns heute Morgen ja so hektisch zu. Die Smithsonian Institution ist in einer peinlichen Notlage …« Der Assistent redete gehetzt weiter. »Mr. Solomon wäre bereit, einen Privatjet nach Boston zu schicken, um Sie abholen zu lassen. Der Flug dauert nur eine Stunde, und Sie wären noch vor Mitternacht wieder zu Hause. Sie kennen sich aus im privaten Terminal des Logan Airport von Boston?«

»Ja«, räumte Langdon zögernd ein. Kein Wunder, dass Peter immer seinen Willen bekommt.

»Wunderbar! Könnten Sie gegen … sagen wir, siebzehn Uhr dort sein?«

»Sie lassen mir keine große Wahl, oder?« Langdon kicherte.

»Ich möchte nur, dass Mr. Solomon rundum zufrieden ist, Sir.«

Ich weiß, ging es Langdon durch den Kopf. Peter hat diese Wirkung auf andere Menschen. Er dachte einen Augenblick nach, sah aber keinen Ausweg. »Also schön. Sagen Sie ihm, ich bin einverstanden.«

»Großartig, Sir!«, stieß der Assistent erleichtert hervor. Er nannte Langdon die Registriernummer des Jets und versorgte ihn mit einigen weiteren Informationen.

Als Langdon auflegte, fragte er sich, ob Peter Solomon jemals ein Nein zur Antwort bekommen hatte.

Er ging in die Küche zurück und gab ein paar Bohnen extra in die Kaffeemühle. Ein bisschen zusätzliches Koffein kann nicht schaden, sagte er sich. Vor mir liegt ein anstrengender Tag.

4. KAPITEL

Das U.S. Capitol Building erhebt sich majestätisch am östlichen Ende der National Mall auf einem Plateau, das der Stadtplaner Pierre L’Enfant als einen »Sockel« beschrieb, »der auf sein Monument wartet«. Das gewaltige Bauwerk misst etwa zweihundertdreißig Meter in der Länge und über einhundert Meter in der Breite. Auf einer Wohnfläche von fast fünfundsechzigtausend Quadratmetern gibt es die erstaunliche Zahl von fünfhunderteinundvierzig Zimmern. Die neoklassizistische Architektur spiegelt die Erhabenheit des alten Rom wider, dessen Ideale den amerikanischen Gründervätern Inspiration für die Formulierung der Gesetze und Maßstäbe der neuen Republik waren.

Die Sicherheitskontrollpunkte für Besucher des Kapitols befinden sich tief im Innern des im Jahre 2008 fertiggestellten unterirdischen Besucherzentrums unter einem gewaltigen Glasdach, das die Kuppel des Kapitols einzurahmen scheint.

Alfonso Nuñez, der neue Sicherheitsmann, musterte aufmerksam den männlichen Besucher, der sich dem Kontrollpunkt näherte. Der Mann mit dem kahl geschorenen Kopf hatte sich einige Zeit im Eingangsbereich aufgehalten und telefoniert. Sein rechter Arm steckte in einer Schlinge, und er humpelte. Er trug einen verschlissenen Armeemantel, was Nuñez in Verbindung mit dem rasierten Schädel zu der Annahme führte, einen Ex-Militär vor sich zu haben. Ehemalige Angehörige der Streitkräfte gehörten mit zu den häufigsten Besuchern von Washington, D.C.

»Guten Abend, Sir«, begrüßte Nuñez den Fremden gemäß den Vorschriften, nach denen jeder männliche Besucher, der das Gebäude allein betrat, direkt anzusprechen war.

»Hallo«, antwortete der Fremde mit einem flüchtigen Blick in den nahezu verlassenen Raum. »Ruhiger Abend heute.«

»Die Play-offs«, erwiderte Nuñez. »Alles sitzt vor den Flimmerkisten und schaut sich das Spiel der Redskins an.« Auch Nuñez hätte das Spiel gerne gesehen, doch es war sein erster Monat im neuen Job, und er hatte das kurze Streichholz gezogen. »Metallgegenstände bitte in die Schale, Sir.«

Unter Nuñez’ aufmerksamen Blicken kramte der Besucher umständlich mit seiner gesunden Hand in den Taschen des langen Mantels. Der menschliche Instinkt neigt zu Nachsicht gegenüber Verletzten und Behinderten, doch Nuñez war ausgebildet, diesen Instinkt zu ignorieren.

Er wartete, als der Besucher das übliche Sammelsurium von Kleingeld und Schlüsseln und zwei Mobiltelefone aus den Manteltaschen kramte. »Verstaucht?«, fragte Nuñez, wobei er die Hand des Mannes musterte, die in einen dicken elastischen Verband eingewickelt war.

Der Kahlköpfige nickte. »Bin vor einer Woche auf dem Eis ausgerutscht. Tut immer noch höllisch weh.«

»Das tut mir leid, Sir. Bitte, gehen Sie durch den Detektor.«

Als der Besucher durch den Torbogen humpelte, summte protestierend der Metalldetektor.

Der Mann runzelte die Stirn. »Das hatte ich befürchtet. Ich trage einen Ring unter dem Verband und konnte ihn nicht abziehen, weil der Finger zu dick geschwollen ist. Der Arzt hat den Verband darüber gewickelt.«

»Kein Problem«, sagte Nuñez. »Ich nehme den Handdetektor.«

Er strich mit dem Gerät über die verbundene Hand des Besuchers. Wie erwartet war das einzige Metall ein großer Klumpen am verletzten Ringfinger. Nuñez nahm sich Zeit und strich über jeden Quadratzentimeter des Verbands und der Schlinge. Er wusste, dass sein Vorgesetzter wahrscheinlich im Sicherheitszentrum saß und ihn über die Kameras beobachtete, und Nuñez brauchte den Job. Lieber Vorsicht als Nachsehen, sagte er sich. Behutsam schob er den Detektor hinauf in die Schlinge.

Der Besucher zuckte schmerzerfüllt zusammen.

»Oh, das tut mir leid, Sir.«

»Schon gut«, sagte der Besucher. »Man kann heutzutage nicht vorsichtig genug sein.«

»Wahre Worte, Sir.« Der Mann war Nuñez sympathisch. Eigenartigerweise zählte das in diesem Job eine Menge. Menschlicher Instinkt war Amerikas erste Verteidigungslinie gegen den Terrorismus. Es ist erwiesen, dass kein elektronisches Gerät ein so treffsicherer Detektor für Gefahren ist wie die menschliche Intuition – die Gabe der Angst, wie es in einem der Handbücher für Sicherheitsleute heißt.

In diesem Fall spürte Nuñez nichts, was Angst in ihm geweckt hätte. Die einzige Merkwürdigkeit, die ihm bewusst wurde – jetzt, wo er und der Besucher einander so nah gegenüberstanden –, war die Selbstbräunungscreme oder Abdeckschminke, die dieser hart aussehende Bursche im Gesicht aufgetragen hatte. Nun ja, wer läuft schon gerne leichenblass durch den Winter.

»Alles in Ordnung«, sagte Nuñez, als er mit der Überprüfung fertig war und den Detektor beiseitelegte.

»Danke.« Der Mann machte sich daran, seine Habseligkeiten aus der Schale einzusammeln.

Dabei fiel Nuñez auf, dass die zwei Finger, die unten aus dem Verband lugten, tätowiert waren: Die Kuppe des Zeigefingers wies eine Krone auf, die des Daumens einen Stern. Anscheinend hat heutzutage jeder Tattoos, dachte Nuñez, auch wenn ihm die Fingerkuppen als besonders schmerzhafte Stellen für Tätowierungen erschienen. »Hat das nicht wehgetan?«

Der Besucher blickte auf seine Hand und schmunzelte. »Weniger, als Sie wahrscheinlich glauben.«

»Glück gehabt«, sagte Nuñez. »Ich hätte schreien können vor Schmerz, als ich mir im Ausbildungslager eine Meerjungfrau auf den Rücken habe stechen lassen.«

»Eine Meerjungfrau?« Der Kahlköpfige lachte leise.

»Ja«, gestand Nuñez. »Jugendlicher Leichtsinn.«

»Oh, den kenne ich«, entgegnete der Kahlköpfige. »Auch ich habe in meiner Jugend einen Fehler gemacht. Heute wache ich jeden Morgen mit ihr auf.«

Beide lachten; dann entfernte der Besucher sich ins Innere des Gebäudes.

Ein Kinderspiel, dachte Mal’akh, als er an Nuñez vorbeiging und die Rolltreppe hinauf in Richtung Kapitol fuhr. Die Kontrollen waren leichter zu überwinden gewesen, als er angenommen hatte. Mal’akhs gekrümmte Haltung und der ausgepolsterte Bauch hatten den Sicherheitsmann über seine wahre körperliche Verfassung hinweggetäuscht, und das Make-up im Gesicht und die Verbände hatten die Tattoos verborgen, die seinen ganzen Körper bedeckten. Das wirklich Geniale jedoch war die Schlinge, die den gefährlichen Gegenstand verhüllte, den Mal’akh nun ins Gebäude schmuggelte.

Ein Geschenk – für den einen Menschen auf der Welt, der mir helfen kann, das zu finden, wonach ich suche.

5. KAPITEL

Das größte und technologisch fortgeschrittenste Museum der Welt ist zugleich eines ihrer bestgehüteten Geheimnisse. Es beherbergt mehr Ausstellungsstücke als die Eremitage, die Vatikanischen Museen und das New York Metropolitan … zusammen. Trotz dieser einzigartigen Sammlung erhält die Öffentlichkeit praktisch keinen Zutritt in die streng bewachten Mauern.

Das Museum befindet sich in der Silver Hill Road 4210, unmittelbar außerhalb von Washington, D.C. – ein gewaltiges, zickzackförmiges Gebilde aus fünf ineinander verschachtelten Magazinen, jedes einzelne größer als ein Fußballfeld. Die blau schimmernde metallene Fassade des Gebäudes verrät so gut wie nichts über das Fremdartige in seinem Innern – eine mehr als fünfzigtausend Quadratmeter große unirdische Welt, die eine »Todeszone«, ein »Feuchtbiotop« – das Präparatelager – und fast zwanzig Kilometer Lagerregale und -schränke enthält.

An diesem Abend war Katherine Solomon von innerer Unruhe erfüllt, als sie sich in ihrem weißen Volvo dem Sicherheitstor des Gebäudes näherte.

Der Wachmann lächelte. »Kein Football-Fan, Miss Solomon?« Er drehte die Lautstärke herunter. Das Vorprogramm lief; die Übertragung des eigentlichen Spiels hatte noch nicht begonnen.

Katherine zwang sich zu einem Lächeln. »Es ist Sonntagabend.«

Der Wachmann wurde ernst. »Ja, richtig. Ihr Meeting.«

»Ist er schon da?«, fragte sie nervös.

Der Wachmann warf einen Blick auf seine Liste. »Im Journal ist nichts eingetragen.«

»Ich bin früh dran.« Katherine winkte freundlich und fuhr über die gewundene Zufahrtsstraße bis zu ihrem gewohnten Platz im Untergeschoss des kleinen zweistöckigen Parkhauses. Dort sammelte sie ihre Sachen ein und warf einen raschen Blick in den Innenspiegel, um ihr Make-up zu überprüfen – mehr aus alter Gewohnheit als aus irgendeinem anderen Grund.

Katherine Solomon war mit der straffen Haut ihrer mediterranen Vorfahren gesegnet, und ihre bronzefarbenen Gesichtszüge waren trotz ihrer fünfzig Jahre noch glatt und jugendlich. Sie benutzte kaum Schminke und trug das dichte schwarze Haar lang und offen. Wie ihr älterer Bruder Peter besaß sie graue Augen und eine schlanke, patrizierhafte Eleganz.

Ihr könntet Zwillinge sein, hatten die Leute oft zu ihr und Peter gesagt.

Katherines Vater war an Krebs gestorben, als sie gerade sieben Jahre alt gewesen war, und ihre Erinnerungen an ihn waren blass und nebelhaft. Ihr Bruder, acht Jahre älter und damals kaum fünfzehn, hatte das schwere Erbe angetreten und war viel früher zum Patriarchen des Solomon-Clans herangereift, als irgendjemand sich je hätte träumen lassen. Wie nicht anders zu erwarten, war Peter mit jener Kraft und Würde in diese Rolle geschlüpft, die einem Solomon angemessen war. Außerdem wachte er bis zum heutigen Tag so aufmerksam über seine Schwester, als wären sie immer noch Kinder.

Obwohl nie ein Mangel an Bewerbern geherrscht hatte – und trotz gelegentlicher Aufmunterungen durch Peter –, hatte Katherine nie geheiratet. Die Wissenschaft war ihr Lebenspartner geworden, und ihre Arbeit hatte sich als erfüllender und faszinierender erwiesen, als ein Mann es je hätte sein können. Katherine bedauerte nichts.

Ihr gewähltes Fachgebiet, die Noetik, war so gut wie unbekannt gewesen, als sie zum ersten Mal davon gehört hatte, doch in den vergangenen Jahren hatte diese Wissenschaft neue Türen aufgestoßen und zum Verständnis der Kraft des menschlichen Geistes beigetragen.

Unser brachliegendes Potenzial ist wahrhaft atemberaubend.

Katherine hatte zwei Bücher über Noetik verfasst und sich als führende Persönlichkeit auf diesem obskuren Gebiet etabliert, doch ihre jüngsten Entdeckungen versprachen, die Noetischen Wissenschaften zu einem der wichtigsten Gesprächsthemen weltweit zu machen, sobald die Forschungsergebnisse veröffentlicht waren.

Doch an diesem Abend hatte Katherine alles andere als die Wissenschaft im Kopf. Im Lauf des Tages waren ihr höchst beunruhigende Informationen über ihren Bruder bekannt geworden. Sie hatte den ganzen Nachmittag an nichts anderes denken können.

Ich kann immer noch nicht glauben, dass es wahr ist.

Katherine nahm ihre Tasche und wollte aussteigen, als ihr Handy summte. Sie warf einen Blick auf das Display und atmete tief ein.

Dann schob sie sich die Haare aus der Stirn und nahm das Gespräch entgegen.

Zehn Kilometer entfernt bewegte Mal’akh sich durch die Flure des Kapitols, ein Mobiltelefon am Ohr, während er geduldig darauf wartete, dass am anderen Ende abgenommen wurde.

Endlich meldete sich eine Frauenstimme. »Ja?«

»Wir müssen uns wieder treffen«, sagte Mal’akh.

Eine lange Pause entstand. »Ist alles in Ordnung?«

»Ich habe neue Informationen«, sagte Mal’akh.

»Sprechen Sie.«

Mal’akh atmete durch. »Das, wovon Ihr Bruder glaubt, dass es in Washington verborgen ist …«

»Ja?«

»Es kann gefunden werden.«

Katherines Stimme klang ungläubig. »Heißt das, es ist … real?«

Mal’akh grinste in sich hinein. »Manchmal überdauert eine Legende Jahrhunderte, und sie überdauert diese lange Zeit aus einem ganz bestimmten Grund.«

6. KAPITEL

»Näher kommen Sie nicht heran?« Robert Langdon wurde nervös, als sein Fahrer in der First Street hielt, gut fünfhundert Meter vom Kapitol entfernt.

»Ich fürchte nein«, sagte der Fahrer. »Sperrgebiet. In der Nähe bekannter Bauwerke sind keine Fahrzeuge erlaubt. Tut mir leid, Sir.«

Langdon blickte auf die Uhr und stellte erstaunt fest, dass es bereits zehn vor sieben war. Eine Baustelle auf der National Mall hatte sie aufgehalten. Sein Vortrag sollte in zehn Minuten beginnen.

»Das Wetter wird schlecht«, meinte der Fahrer, stieg aus und öffnete Langdon die Tür. »Sie sollten sich beeilen.« Langdon griff nach seiner Brieftasche, doch der Mann winkte ab. »Ihr Gastgeber hat mir bereits ein großzügiges Trinkgeld auf den Fahrpreis draufgelegt.«

Typisch Peter, dachte Langdon, während er seine Sachen zusammensuchte. »Okay, danke fürs Mitnehmen.«

Die ersten Regentropfen fielen, als Langdon in den leicht geschwungenen Weg einbog, der hinunter zu dem neuen »unterirdischen« Besuchereingang führte.

Das Besucherzentrum des Kapitols hatte sich als kostspieliges und heiß umstrittenes Projekt erwiesen. Angeblich bot die unterirdische »Stadt« auf mehr als fünfzigtausend Quadratmetern Platz für Ausstellungen, Restaurants und Versammlungshallen und machte in Teilen sogar Disneyworld Konkurrenz.

Langdon hatte sich darauf gefreut, das Center einmal mit eigenen Augen zu sehen, obwohl er nicht geahnt hatte, dass der Weg dorthin so lang war. Der Himmel war düster, und es nieselte. Langdon schritt schneller aus und verfiel in einen leichten Trab, obwohl seine Slipper auf dem nassen Beton kaum Halt boten. Ich bin für einen Vortrag gekleidet, nicht für einen 400-Meter-Lauf bergab bei Regen!

Als er sein Ziel erreichte, war er außer Atem und keuchte schwer. Er schob sich durch die Drehtür und blieb einen Moment im Foyer stehen, um Luft zu holen und abzuwarten, bis sein Puls sich beruhigt hatte. Währenddessen ließ er den Blick über die erst vor Kurzem fertiggestellte Anlage schweifen.

Das Besucherzentrum war ganz anders, als er es erwartet hatte. Da es unterirdisch lag, hatte Langdon seinem Besuch mit eher gemischten Gefühlen entgegengesehen. Seit seiner Kindheit, als er in einen Brunnenschacht gestürzt war und eine Nacht hilflos darin verbringen musste, litt er unter einer beinahe lähmenden Angst vor beengten, geschlossenen Räumen. Doch die Halle, vor der er nun stand, war groß, luftig und weitläufig.

Das Dach bestand aus einer riesigen Glasfläche mit einer Reihe beeindruckender Lichtinstallationen, die einen gedämpften Schimmer auf die perlmuttfarbenen Innenausbauten warfen.

Normalerweise hätte Langdon sich viel Zeit genommen, um die Architektur zu bewundern, aber da ihm nur fünf Minuten bis zum Vortrag blieben, riss er den Blick los und eilte zur Sicherheitskontrolle und zu den Rolltreppen. Nur die Ruhe, versuchte er sich zu beruhigen. Peter weiß, dass du unterwegs bist. Sie werden nicht ohne dich anfangen.

An der Sicherheitskontrolle sprach ihn ein junger hispanischer Wachmann im Plauderton an, während Langdon seine Taschen leerte und seine altmodische Uhr ablegte.

»Micky Maus?«, fragte der Wachmann amüsiert.

Langdon nickte. Er war an derartige Kommentare gewöhnt. Die Uhr, eine original Micky-Maus-Uhr, war ein Geschenk seiner Eltern zu seinem neunten Geburtstag gewesen. »Sie soll mich daran erinnern, langsamer zu machen und das Leben nicht ganz so ernst zu nehmen.«

»Das scheint aber nicht zu funktionieren«, meinte der Wachmann lächelnd. »Sie sehen aus, als hätten Sie’s furchtbar eilig.«

Langdon erwiderte das Lächeln und schob seine Umhängetasche in den Detektor. »Wie komme ich zur Statuary Hall?«

Der Mann deutete auf die Rolltreppen. »Ist ausgeschildert.«

»Danke.« Langdon nahm seine Tasche vom Förderband und eilte weiter.

Als er auf der Rolltreppe nach oben fuhr, atmete er tief durch und versuchte sich zu sammeln. Er hob den Blick und schaute durch das regennasse Glasdach, hinter dem sich die gewaltige Kuppel des angestrahlten Kapitols abzeichnete. Es war ein atemberaubendes Bauwerk. Auf der Spitze der Kuppel, in gut einhundert Metern Höhe, erhob sich die Freiheitsstatue und blickte wie eine geisterhafte Schildwache hinaus in die nebelverhangene Dunkelheit. Langdon war es schon immer ironisch vorgekommen, dass die Arbeiter, die jedes einzelne Stück der über sechs Meter großen Bronzestatue auf den Tragstein geschleppt hatten, Sklaven gewesen waren – eines der Geheimnisse des Kapitols, das selten Eingang in den Geschichtsunterricht fand.

Tatsächlich war das ganze Gebäude eine Fundgrube bizarrer und mysteriöser Geschichten, einschließlich der »Killer-Badewanne«, in der angeblich Vizepräsident Henry Wilson ermordet worden war. Außerdem gab es eine Treppe mit einem Blutfleck, der nicht verschwinden wollte und über den zahllose Besucher zu stolpern neigten, sowie einen versiegelten Kellerraum, in dem Arbeiter im Jahre 1930 das vor langer Zeit verstorbene, ausgestopfte Pferd General John Alexander Logans entdeckt hatten.

Doch keine Legende hatte sich so lange gehalten wie die, dass dreizehn verschiedene Gespenster das Kapitol unsicher machten. Angeblich wandelte der Geist seines Architekten Pierre L’Enfant durch die Hallen und Gänge und forderte, dass endlich seine Rechnungen beglichen wurden, die seit mehr als zweihundert Jahren fällig waren. Auch den Geist eines Arbeiters, der während der Bauphase von der Kuppel des Kapitols gestürzt war, wollten Zeugen durch die Gänge wandeln gesehen haben, in der Hand einen Korb mit Werkzeugen. Und dann gab es noch zahllose Berichte über die berühmteste aller Erscheinungen im Keller des Kapitols: eine schwarze Geisterkatze, die durch das unterirdische Labyrinth von Korridoren, Durchgängen und Alkoven strich.

Langdon verließ die Rolltreppe und blickte erneut auf die Uhr. Drei Minuten. Er eilte den breiten Flur hinunter und folgte den Hinweisschildern zur Statuary Hall, wobei er in Gedanken noch einmal die Sätze durchging, mit denen er seine Rede eröffnen wollte. Peters Assistent hatte auf jeden Fall recht gehabt: Das Thema seines Vortrags passte perfekt zu Washington, D.C., und zu einem Gastgeber, der ein bedeutender Freimaurer war.

Es war kein Geheimnis, dass die amerikanische Hauptstadt eine vielfältige freimaurerische Geschichte besaß. Selbst der Grundstein des Kapitols war im Rahmen einer Freimaurerzeremonie von George Washington persönlich gelegt worden. Die Stadt war von Meistern des Ordens entworfen worden: George Washington selbst, Benjamin Franklin und Pierre L’Enfant – große Geister, die ihre neue Hauptstadt mit den Symbolen, der Architektur und der Kunst der Freimaurer schmückten.

Und genau diese Symbole bringen die Leute auf die seltsamsten Gedanken.

Viele Verschwörungstheoretiker behaupteten, die Gründungsväter aus den Reihen der Freimaurer hätten in ganz Washington machtvolle Geheimnisse versteckt, zusammen mit verschlüsselten Botschaften, die sich im Straßenplan der Stadt verbargen. Langdon hatte so etwas nie ernst genommen. Fehlinformationen über die Freimaurer waren so sehr verbreitet, dass selbst gebildete Harvard-Studenten seltsam verdrehte Vorstellungen über die Bruderschaft zu haben schienen.

Letztes Jahr war ein Erstsemester mit weit aufgerissenen Augen in Langdons Hörsaal gestürmt, einen Ausdruck aus dem Internet in der Hand. Es war eine Straßenkarte von Washington, auf der mehrere Straßenzüge hervorgehoben waren, sodass sich bestimmte Umrisse ergaben: satanische Pentagramme, Winkel und Zirkel eines Freimaurers, der Kopf des Baphomet – angeblich alles Beweise dafür, dass jene Freimaurer, die Washington entworfen hatten, in mysteriöse, dunkle Verschwörungen verwickelt gewesen waren.

»Interessant«, hatte Langdon gesagt, »aber wenig überzeugend. Sie müssen nur genügend Linien zeichnen, dann können Sie auf jeder beliebigen Karte alle möglichen Umrisse erkennen.«

»Aber das kann kein Zufall sein!«, behauptete der junge Mann.

Geduldig führte Langdon dem Studenten vor, dass sich auf einer Straßenkarte von Detroit exakt dieselben Linien einzeichnen ließen.

Der junge Mann schien bitter enttäuscht.

»Lassen Sie sich nicht entmutigen«, meinte Langdon. »Washington birgt tatsächlich einige Geheimnisse, nur nicht auf dieser Straßenkarte.«

Der junge Mann horchte auf. »Geheimnisse? Welche, zum Beispiel?«

»In jedem Frühjahr halte ich eine Vorlesung über sogenannte okkulte Symbole. Darin ist viel von Washington die Rede. Sie sollten sich dafür einschreiben.«

»Okkulte Symbole!« Der Student war wieder ganz aufgeregt. »Also gibt es doch teuflische Zeichen in D.C.!«

Langdon lächelte. »Tut mir leid, aber das Wort ›okkult‹ bedeutet eigentlich nichts anderes als ›versteckt‹ oder ›verborgen‹, auch wenn es Bilder von Teufelsanbetern heraufbeschwört. In Zeiten religiöser Unterdrückung musste Wissen, das gegen die Doktrinen verstieß, verborgen gehalten werden. Und da die Kirche sich dadurch bedroht fühlte, definierte sie ›okkult‹ als ›böse‹ und ›teuflisch‹. Dieses Vorurteil hat sich bis heute gehalten.«

»Oh …« Der Junge sank regelrecht in sich zusammen.

Dennoch entdeckte Langdon den jungen Mann im darauffolgenden Frühjahr in der ersten Reihe, als gut fünfhundert Studenten in das Sanders-Theater strömten, einen altehrwürdigen, mit knarzenden Holzbänken ausstaffierten Hörsaal der Harvard University.

»Guten Morgen allerseits«, rief Langdon vom großflächigen Podium in die Runde. Er schaltete einen Diaprojektor an, und hinter ihm erschien ein Bild. »Während Sie sich setzen, möchte ich Sie fragen: Wer von Ihnen erkennt das Gebäude auf diesem Bild?«

»Das Kapitol!«, erklangen Dutzende von Stimmen gleichzeitig. »Washington, D.C.«

»Richtig. In dieser Kuppel stecken über viertausend Tonnen Schmiedeeisen. Für die 1850er-Jahre ein unvergleichliches Meisterwerk architektonischer Baukunst.«

»Cool«, rief jemand.

Langdon verdrehte die Augen und wünschte sich, jemand würde solche Worte endlich verbieten. »Wie viele von Ihnen waren schon einmal in Washington?«

Vereinzelt wurden Hände gehoben.

»Mehr nicht?« Langdon tat überrascht. »Und wie viele von Ihnen waren bereits in Rom, Paris, Madrid oder London?«

Diesmal hoben fast alle im Saal die Hand.

Wie üblich. Zum Initiationsritus der amerikanischen College-Studenten gehörte unweigerlich ein Sommeraufenthalt mit einem Interrailticket in Europa, bevor der blutige Ernst des Lebens begann. »Es sieht ganz so aus, als hätten mehr von Ihnen Europa besucht als die Hauptstadt der Vereinigten Staaten. Wie kommt das? Was meinen Sie?«

»In Europa gibt’s keine Altersbeschränkung für Alkoholverkauf!«, rief jemand aus der letzten Reihe.

Langdon lächelte erneut. »Als würde das hiesige Verbot irgendjemanden davon abhalten, sich einen hinter die Binde zu kippen, wenn ihm danach ist …«

Alle lachten.

Es war der erste Vorlesungstag, und die Studenten brauchten länger als sonst, um ihre Plätze zu finden und sich einzurichten. Die Holzbänke knarzten und quietschten pausenlos. Langdon genoss es, seine Vorlesungen in diesem Hörsaal zu halten, weil er schon am Geräusch erkannte, ob seine Zuhörer aufmerksam waren oder nicht.

»Ernsthaft«, meinte er. »Washington zählt zu den Städten mit der weltweit schönsten Architektur. Es gibt bedeutende Kunstwerke und unzählige Symbole. Warum also in die Ferne schweifen, statt die eigene Hauptstadt zu besuchen?«

»Die Bruchbuden in Europa sind cooler«, rief jemand.

»Mit ›Bruchbuden‹«, stellte Langdon klar, »meinen Sie vermutlich Burgen, Grabgewölbe, Tempel und Ähnliches?«

Allgemeines Nicken.

»Okay. Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen verrate, dass Washington dies alles zu bieten hat? Burgen, Grabgewölbe, Pyramiden, Tempel …«

Das Quietschen der Bänke wurde leiser.

»Freunde«, fuhr Langdon fort, wobei er die Stimme senkte und an den Rand des Podiums trat, »in der nächsten Stunde werden Sie erfahren, dass die USA eine Fülle von Geheimnissen zu bieten hat und dass vieles von ihrer Historie im Verborgenen schlummert. Und genau wie in Europa sind die interessantesten Geheimnisse so versteckt, dass sie im Grunde für jeden deutlich zu sehen sind.«

Nun knarzte keine einzige Bank mehr.

Jetzt habe ich euch.

Langdon verdunkelte die Beleuchtung und projizierte das zweite Bild an die Wand. »Wer von Ihnen kann mir sagen, was George Washington hier tut?«

Alle blickten auf die Projektion eines berühmten Wandgemäldes, das George Washington in vollem Ornat mit Freimaurerschürze vor einer merkwürdig aussehenden Vorrichtung zeigte – einem gewaltigen hölzernen Dreibein mit einem Flaschenzug, an dem ein massiver Steinquader hing. Um Washington herum stand eine Gruppe elegant gekleideter Zuschauer.

»George Washington hebt mit dieser Vorrichtung den Steinbrocken hoch …?«, riet jemand.

Langdon schwieg, während er darauf wartete, dass einer der Studenten – falls möglich – eine bessere Antwort parat hatte.

»Ich glaube eher«, meldete sich ein anderer Zuhörer, »dass Washington den Stein hinabsenkt. Er trägt eine Freimaurerschürze. Ich habe schon andere Bilder von Freimaurern bei Grundsteinlegungen gesehen. Bei der Zeremonie wurde jedes Mal ein solches Dreibein benutzt, um den ersten Stein abzusenken.«

»Ausgezeichnet«, sagte Langdon. »Das Wandgemälde zeigt die Gründerväter unseres Landes, wie sie am 18. September 1793 zwischen 11.15 Uhr und 12.30 Uhr mit einem Dreibein und einem Flaschenzug den Grundstein für das Kapitol legen.« Langdon hielt inne und ließ den Blick durch den Saal schweifen. »Kann mir jemand sagen, was dieses Datum und diese Uhrzeit bedeuten?«

Schweigen.

»Und wenn ich Ihnen verrate, dass exakt dieser Zeitpunkt von drei berühmten Freimaurern gewählt wurde: George Washington, Benjamin Franklin und Pierre L’Enfant, dem verantwortlichen Architekten für Washington, D.C.?«

Das Schweigen hielt an.

»Ganz einfach. Der Grundstein wurde an diesem Tag und zu dieser Uhrzeit gelegt, weil – unter anderem – der Caput Draconis im Sternbild der Jungfrau stand.«

Die Studenten wechselten verblüffte Blicke.

»Moment, bitte«, meinte jemand. »Reden Sie von Astrologie?«

»Genau. Wenn auch von einer anderen Astrologie als der, die wir heute kennen.«

Jemand hob die Hand. »Sie behaupten also, die Gründerväter hätten an Astrologie geglaubt?«

Langdon grinste. »Volltreffer. Was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen verrate, dass in der Architektur Washingtons mehr astrologische Zeichen versteckt sind als in jeder anderen Stadt der Welt? Tierkreiszeichen, Sternendiagramme, Grundsteine, die zu ganz bestimmten astrologischen Zeitpunkten gesetzt wurden … Mehr als die Hälfte der Männer, die unsere Verfassung entworfen haben, waren Freimaurer, die fest daran glaubten, dass das Schicksal und die Sterne miteinander verknüpft sind. Es waren Männer, die die Anordnung am Himmelszelt bei der Errichtung ihrer neuen Welt sehr genau beachtet haben.«

»Aber wen kümmert es, dass der Drachenkopf im Sternbild der Jungfrau stand, als der Grundstein des Kapitols gelegt wurde? Kann das nicht bloß Zufall sein?«

»Ein merkwürdiger Zufall, wenn man bedenkt, dass die Grundsteine der drei Gebäude, die das sogenannte Federal Triangle bilden – das Kapitol, das Weiße Haus und das Washington-Denkmal –, zwar in verschiedenen Jahren, aber zu exakt dem gleichen astrologischen Zeitpunkt gelegt wurden.«

Langdon blickte in Dutzende erstaunter Mienen. Einige Studenten senkten die Köpfe und machten sich Notizen.

Weiter hinten hob jemand die Hand. »Warum hat man das gemacht?«

Langdon lachte leise. »Für die Antwort auf diese Frage bräuchte man ein ganzes Semester. Wenn es Sie interessiert, sollten Sie meinen Kurs über Mystizismus belegen. Offen gestanden glaube ich nicht, dass Sie emotional schon reif genug sind, um die Antwort zu verkraften.«

»Probieren Sie’s aus!«, rief jemand.

Langdon tat so, als würde er ernsthaft darüber nachdenken, und schüttelte dann den Kopf. »Tut mir leid, das darf ich nicht. Unter Ihnen sind einige Erstsemester. Ich fürchte, die Antwort könnte sie in den Wahnsinn treiben.«

»Los doch!«, forderte der ganze Saal.

Langdon zuckte mit den Schultern. »Vielleicht sollten Sie den Freimaurern oder dem Stern des Ostens beitreten, um es aus erster Hand zu erfahren.«

»Wie denn?«, meinte ein junger Mann. »Die Freimaurer sind eine supergeheime Gesellschaft.«

»Supergeheim? Tatsächlich?« Langdon musste an den großen Freimaurerring denken, den Peter Solomon stolz an der rechten Hand trug. »Warum tragen Freimaurer dann für jedermann sichtbar Ringe, Krawatten- oder Anstecknadeln? Warum sind die Gebäude von Freimaurern so deutlich gekennzeichnet? Warum steht es im Internet und in der Zeitung, wann ihre Zusammenkünfte stattfinden?« Langdon lächelte, als er die verwirrten Gesichter sah. »Die Freimaurer sind keine Geheimgesellschaft, sondern eine Gesellschaft mit Geheimnissen.«

»Das ist dasselbe«, meinte jemand.

»Wirklich? Würden Sie die Coca-Cola-Company als Geheimgesellschaft bezeichnen?«

»Natürlich nicht«, erwiderte der Student.

»Nun, was würde wohl passieren, wenn Sie zum Hauptsitz des Unternehmens gehen, an die Tür klopfen und nach dem Rezept für Coca-Cola fragen?«

»Das würde man mir nie verraten!«

»Ja, eben. Um das größte Geheimnis von Coca-Cola zu erfahren, müssten Sie ins Unternehmen eintreten, lange Jahre dort arbeiten, beweisen, dass Sie vertrauenswürdig sind und in der Hierarchie der Firma aufsteigen, bis man schließlich das große Geheimnis mit Ihnen teilt. Und dann würde man Sie zum Schweigen verpflichten.«

»Sie behaupten also, die Freimaurer wären so etwas wie ein Unternehmen?«

»Nur insofern, als sie eine strikte Hierarchie besitzen und Geheimnisse sehr ernst nehmen.«

»Mein Onkel ist Freimaurer«, meldete sich eine junge Frau zu Wort. »Meiner Tante ist das gar nicht recht, weil er nicht mit ihr darüber redet. Sie sagt, die Freimaurerei wäre irgendeine Art von seltsamer Religion.«

»Ein weitverbreitetes Missverständnis.«

»Wieso?«

»Wenden wir den Lackmustest an«, erwiderte Langdon. »Wer von Ihnen hat Professor Witherspoons Kurs in Vergleichender Religionswissenschaft belegt?«

Mehrere Studenten hoben die Hände.

»Gut. Können Sie mir die drei Voraussetzungen nennen, die es braucht, um aus einer Ideologie eine Religion zu formen?«

»VGB«, meldete eine Frau sich zu Wort. »Versprechen, glauben, bekehren.«

»Richtig«, bestätigte Langdon. »Religionen versprechen Erlösung, glauben an eine ausgefeilte Lehre und bekehren Ungläubige.« Er hielt inne. »Nichts davon trifft auf die Freimaurerei zu. Freimaurer versprechen keine Erlösung; sie besitzen keine bestimmte Glaubenslehre und versuchen auch nicht, Menschen zu bekehren. Um genau zu sein: Diskussionen über Religion sind innerhalb der Logen verboten.«

»Die Freimaurerei wendet sich gegen die Religion?«

»Im Gegenteil. Eine der Voraussetzungen, Freimaurer zu werden, ist der Glaube an eine höhere Macht. Freimaurerische Spiritualität unterscheidet sich von der institutionalisierter Religionen insofern, als Freimaurer diese höhere Macht nicht näher definieren und ihr keinen Namen geben. Statt ihr eine definitive theologische Identität wie Gott, Allah, Buddha oder Jesus zu verleihen, benutzen die Freimaurer eher allgemeine Begriffe wie ›Oberstes Wesen‹ oder ›Allmächtiger Baumeister aller Welten‹. Deshalb können Freimaurer unterschiedlichster Religionszugehörigkeit zusammenkommen.«

»Hört sich ein bisschen weit hergeholt an«, sagte jemand.

»Oder einfach nur erfrischend aufgeschlossen?«, bot Langdon an. »In einem Zeitalter, in dem sich die unterschiedlichsten Völker gegenseitig umbringen, weil sie darüber streiten, wessen Definition von Gott die bessere ist, könnte man sagen, dass die Tradition der Toleranz und Aufgeschlossenheit, wie sie von den Freimaurern propagiert wird, eher empfehlenswert ist.« Langdon ging auf dem Podium auf und ab. »Außerdem steht die Freimaurerei Menschen sämtlicher Rassen, Hautfarben und Glaubensrichtungen offen. Die Freimaurer sind eine spirituelle Bruderschaft, die keine Diskriminierung kennt.«

»Keine Diskriminierung?« Eine Vertreterin des Women’s Center der Universität erhob sich. »Wie viele Frauen sind denn bei den Freimaurern zugelassen, Professor Langdon?«

Langdon hob kapitulierend die Hände. »Treffer. Ursprünglich liegen die Wurzeln der Freimaurerei in den Gilden der europäischen Steinhauer, und sie war von daher traditionell eine Organisation von Männern. Vor ungefähr zweihundert Jahren – mitunter wird sogar behauptet, bereits im Jahre 1703 – wurde ein Frauenorden gegründet, genannt Stern des Ostens. Er hat mehr als eine Million Mitgliederinnen.«

»Dennoch«, sagte die Frau, »ist die Freimaurerei eine mächtige Organisation, von der Frauen ausgeschlossen sind.«

Langdon war sich nicht sicher, wie mächtig die Freimaurer heutzutage wirklich noch waren, und er war nicht gewillt, sich auf dieses Glatteis zu begeben. Das Bild der modernen Freimaurer reichte von Gruppen harmloser alter Herren, die sich gerne verkleideten, bis hin zu den Intrigen abgefeimter Spitzenmanager, die heimlich aus dem Untergrund die Welt regierten. Die Wahrheit lag ohne Zweifel – wie immer – irgendwo in der Mitte.

»Professor Langdon«, meldete sich ein junger Mann mit lockigen Haaren, der in der letzten Reihe saß, »wenn die Freimaurerei keine Geheimgesellschaft ist, kein Unternehmen und keine Religion, was ist sie dann?«

»Nun, würden Sie einen Freimaurer fragen, würde er Ihnen antworten: Die Freimaurerei ist ein System moralischer Werte, das von Allegorien verschleiert und durch Symbole erklärt wird.«

»Hört sich für mich nach einem Euphemismus für ›eigenartigen Kult‹ an.«

»Eigenartig, sagen Sie?«

»Ja, verdammt!«, rief der junge Mann und stand auf. »Ich habe gehört, was sie an diesen geheimen Versammlungsorten so alles treiben! Merkwürdige Rituale bei Kerzenschein mit Särgen und Schlingen. Und sie trinken Wein aus Totenschädeln. Das nenne ich eigenartig!«

Langdon ließ den Blick über die Gesichter der Studenten schweifen. »Hört sich das für noch jemanden eigenartig an?«

»Ja!«, antworteten mehrere Stimmen gleichzeitig.

Langdon tat so, als seufzte er aus vollem Herzen. »Das ist schlecht. Wenn Ihnen das schon eigenartig vorkommt, werden Sie meinem Kult wohl nie beitreten wollen.«

Erneut breitete sich Stille im Saal aus. Die Studentin aus dem Women’s Center schien sich nicht wohl in ihrer Haut zu fühlen. »Sie sind Mitglied eines Kults?«

Langdon nickte und senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Verraten Sie es niemandem, aber am Tag des heidnischen Sonnengottes Ra knie ich mich vor ein altertümliches Folterinstrument und verspeise auf symbolische Weise Fleisch und Blut.«

Schockiertes Schweigen im Hörsaal.

Langdon zuckte die Schultern. »Und falls sich jemand von Ihnen zu mir gesellen möchte, kommen Sie am Sonntag in die Harvard Chapel, knien Sie sich neben mir unter das Kruzifix und teilen Sie mit mir die heilige Kommunion.«

Die Studenten schwiegen noch immer.

Langdon zwinkerte ihnen zu. »Bleiben Sie unvoreingenommen, meine Freunde. Wir alle fürchten uns vor dem, was wir nicht verstehen.«

Sieben Glockenschläge hallten über die Gänge des Kapitols.

Robert Langdon rannte über den Verbindungskorridor. So viel zum Thema dramatischer Auftritt! Er entdeckte den Eingang zur National Statuary Hall und hielt darauf zu.

Als er sich der Tür näherte, verlangsamte er das Tempo, bis er nur noch lässig daherschritt. Er atmete mehrmals tief durch, knöpfte sein Jackett zu, strich sich das Haar zurück und bog genau in dem Augenblick um die Ecke, als der letzte Schlag der Uhr verklang.

Showtime.

Als Professor Robert Langdon die National Statuary Hall betrat, hob er den Blick und lächelte freundlich. Doch Augenblicke später war sein Lächeln verschwunden. Er blieb wie angewurzelt stehen.

Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.

7. KAPITEL

Katherine Solomon eilte im kalten Regen über den Parkplatz und wünschte sich, sie hätte sich mehr angezogen als Jeans und Kaschmirpulli. Je näher sie dem Haupteingang kam, umso deutlicher war das Brausen der großen Luftaufbereiter zu hören. Katherine nahm es kaum wahr, denn ihr klingelten noch die Ohren von dem Telefonanruf, den sie soeben erhalten hatte.

Das, wovon Ihr Bruder glaubt, dass es in Washington verborgen ist … Es kann gefunden werden.

Katherine fand diese Vorstellung unglaublich. Sie und der Anrufer hatten noch viel zu besprechen und vereinbart, dies später am Abend zu tun.

Als sie bei der Tür ankam, verspürte sie dieselbe Aufregung wie jedes Mal, wenn sie dieses riesige Gebäude betrat. Niemand weiß, dass es diesen Ort hier gibt.

Auf der Tür stand:

SMITHSONIAN MUSEUM SUPPORT CENTER

(SMSC)

Die Smithsonian Institution verfügte zwar über mehr als ein Dutzend Museen an der National Mall, besaß aber eine so große Sammlung, dass nur zwei Prozent davon ausgestellt werden konnten. Die restlichen achtundneunzig Prozent waren eingelagert. Und dieses Lager befand sich hier.

In dem Gebäude war – wenig überraschend – eine erstaunliche Vielfalt an Sammlungsstücken untergebracht: riesige Buddhas, alte Handschriften, Giftpfeile aus Neuguinea, juwelenbesetzte Messer, ein Kajak aus Fischbein. Nicht weniger staunenswert waren die naturkundlichen Schätze: Skelette von Plesiosauriern, eine einzigartige Meteoritensammlung, ein Riesenkalmar, sogar eine Anzahl Elefantenschädel, die Teddy Roosevelt von einer Safari aus Afrika mitgebracht hatte.

Aber das alles war nicht der Grund, weshalb der Vorsitzende der Smithsonian, Peter Solomon, seine Schwester vor drei Jahren ins SMSC hineingebracht hatte. Sie sollte sich keine Wunderdinge anschauen, sondern selbst welche erschaffen. Und genau das hatte Katherine seitdem getan.

Tief im Innern des Gebäudes, im abgelegensten Teil, befand sich ein kleines wissenschaftliches Labor, das auf der Welt einzigartig war. Der neueste Durchbruch, der Katherine dort auf dem Gebiet der Noetik gelungen war, hatte Auswirkungen auf sämtliche wissenschaftlichen Disziplinen, von der Physik über die Geschichtsforschung bis zur Philosophie und Religionswissenschaft.

Bald wird sich alles ändern.

Als Katherine die Eingangshalle betrat, ließ der Wachmann an der Rezeption hastig sein Radio verschwinden und zog sich die Ohrstöpsel heraus. »Miss Solomon!« Er lächelte breit.

»Wie steht’s bei den Redskins?«

Er wurde rot und machte ein verlegenes Gesicht. »Da läuft noch das Vorprogramm.«

Katherine lächelte. »Ich werde es keinem verraten.« Sie ging zum Metalldetektor und leerte ihre Taschen. Als sie ihre goldene Cartier vom Handgelenk streifte, überkam sie wie jedes Mal ein Anflug von Traurigkeit. Katherine hatte diese Uhr zum achtzehnten Geburtstag von ihrer Mutter geschenkt bekommen. Fast zehn Jahre war es jetzt her, seit Isabel Solomon einen gewaltsamen Tod gefunden hatte und in Katherines Armen gestorben war.

»Sagen Sie mal, Miss Solomon«, flüsterte der Wachmann und lächelte verschmitzt. »Werden Sie irgendwem jemals verraten, was Sie hier so treiben?«

Katherine blickte auf. »Irgendwann, Kyle. Aber nicht heute Abend.«

»Ach, kommen Sie. Ein geheimes Labor in einem geheimen Museum … Sie machen bestimmt was ganz Fantastisches, Miss Solomon. Stimmt’s?«

Fantastisch ist gar kein Ausdruck, dachte Katherine und sammelte ihre Sachen ein. Was sie tat, war wissenschaftlich so weit fortgeschritten, dass es gar nicht mehr wie eine Wissenschaft erschien.

8. KAPITEL

Robert Langdon stand wie erstarrt im Eingang der National Statuary Hall und machte ein verblüfftes Gesicht. Alles war genau so, wie er es in Erinnerung hatte – der Saal mit dem Grundriss eines griechischen Amphitheaters, die anmutig gewölbten Wände aus Sandstein und Stuckmarmor, unterbrochen durch bunte Breccie-Säulen, zwischen denen im Halbkreis um die weite Fläche des schwarz-weißen Marmorbodens die lebensgroßen Statuen von achtunddreißig berühmten Amerikanern standen.

Genau so hatte Langdon es noch von einem Vortragsbesuch in Erinnerung.

Bis auf eines.

Heute war der Saal leer.

Keine Stühle. Kein Publikum. Kein Peter Solomon. Nur eine Handvoll Touristen, die umherschlenderten und seinem großen Auftritt gar keine Beachtung schenkten. Hat Peter die Rotunde gemeint? Langdon spähte durch den Südgang dorthin und sah weitere Touristen.

Das Läuten der Uhr war verklungen. Jetzt war Langdon offiziell zu spät.

Er eilte auf den Gang zurück, wo ihm ein Dozent über den Weg lief. »Entschuldigen Sie«, sprach Langdon ihn an, »der Vortrag für die Smithsonian-Veranstaltung, wo findet der statt?«

Der Dozent überlegte. »Ich bin mir nicht sicher, Sir. Wann soll es denn losgehen?«

»Jetzt.«

Der Mann schüttelte den Kopf. »Ich weiß nichts von einer Smithsonian-Veranstaltung heute Abend – zumindest hier nicht.«

Verwundert lief Langdon in den Saal zurück und schaute sich noch einmal um. Hat Peter sich einen Streich erlaubt? Langdon konnte es sich nicht vorstellen. Er nahm sein Mobiltelefon und das Fax vom Morgen aus der Tasche und wählte Peters Nummer.

Es dauerte einen Moment, bis das Handy in dem riesigen Gebäude ein Signal gefunden hatte. Dann endlich kam die Verbindung zustande.

Eine vertraute Stimme mit Südstaatenakzent meldete sich. »Peter Solomons Büro, Anthony Jelbart am Apparat. Was kann ich für Sie tun?«

»Anthony!«, stieß Langdon erleichtert hervor. »Gut, dass Sie noch da sind. Hier ist Robert Langdon. Es gibt da offenbar ein Missverständnis wegen des Vortrags heute Abend. Ich bin im Moment in der Statuary Hall, aber hier ist niemand. Wurde der Vortrag in einen anderen Raum verlegt?«

»Ich glaube nicht, Sir. Lassen Sie mich nachsehen …« Der Assistent schwieg einen Moment. »Haben Sie mit Mr. Solomon persönlich gesprochen?«

Langdon blickte verwirrt. »Nein, mit Ihnen, Anthony. Heute Morgen.«

»Oh ja, ich erinnere mich.« Ein paar Sekunden war es still in der Leitung. Dann: »Das war ein bisschen unvorsichtig von Ihnen, meinen Sie nicht, Professor?«

Alarmiert fragte Langdon: »Wie bitte? Wer spricht denn da?«

»Überlegen Sie mal«, sagte der Mann. »Sie haben ein Fax bekommen, in dem Sie gebeten wurden, eine Nummer anzurufen. Genau das haben Sie getan. Sie haben mit einem Wildfremden gesprochen, der behauptet hat, Peter Solomons Assistent zu sein. Dann sind Sie bereitwillig in ein Privatflugzeug nach Washington und anschließend in einen wartenden Wagen gestiegen. Ist das korrekt?«

Langdon durchlief es eiskalt. »Wer zum Teufel sind Sie? Wo ist Peter Solomon?«

»Ich fürchte, Mr. Solomon hat keine Ahnung, dass Sie heute in Washington sind.« Der Südstaatenakzent verschwand, und die Stimme des Mannes verwandelte sich in ein tiefes, einschmeichelndes Flüstern. »Sie sind hier, Mr. Langdon, weil ich Sie hier haben will.«

9. KAPITEL

Das Handy ans Ohr gedrückt, blickte Langdon sich um. »Wo sind Sie? Mit wem spreche ich?«

»Keine Bange, Professor. Sie wurden nicht ohne Grund hierhergerufen.«

»Hierhergerufen?« Langdon kam sich vor wie ein Tier im Käfig. »Entführt, würde ich sagen!«

»Wohl kaum.« Der Mann redete mit einer überheblichen Heiterkeit, die Langdons Zorn entfachte. »Hätte ich den Wunsch gehabt, dass Sie sterben, säßen Sie jetzt als Leiche in der Limousine.« Er ließ den Satz für einen Moment im Raum stehen. »Meine Absichten sind edel und lauter, Mr. Langdon, das kann ich Ihnen versichern. Ich möchte Ihnen lediglich eine Einladung zukommen lassen.«

Eine Einladung? Nein, danke. Seit seinen Erlebnissen in Europa einige Jahre zuvor hatte Langdon seiner unfreiwilligen Berühmtheit wegen eine geradezu magnetische Wirkung auf Spinner, und dieser Bursche hatte soeben eine Grenze überschritten. »Hören Sie zu, mein Freund, ich weiß nicht, was das soll. Schönen Tag noch, und rufen Sie nicht wieder …«

»Machen Sie keine Dummheiten«, sagte der Mann. »Wenn Sie Peter Solomons Seele retten wollen, sollten Sie kooperativer sein.«

Langdon holte scharf Luft. »Was reden Sie da?«

»Ich bin sicher, Sie haben mich verstanden.«

Der Mann hatte Peters Namen in einem Tonfall ausgesprochen, der Langdon traf wie ein Schlag in den Magen. »Was wissen Sie über Solomon?«

»Inzwischen kenne ich seine tiefsten Geheimnisse. Mr. Solomon ist mein Gast, und ich kann ein sehr überzeugender Gastgeber sein.«

Das kann nicht wahr sein. »Sie haben ihn nicht.«

»Ich habe sein privates Handy. Das sollte Ihnen zu denken geben.«

»Ich rufe die Polizei.«

»Nicht nötig«, sagte der Mann. »Die wird jeden Augenblick auftauchen.«

Wovon redet dieser Spinner? Langdon schlug einen schärferen Ton an. »Wenn Sie Peter haben, dann holen Sie ihn ans Telefon. Na los!«

»Das ist unmöglich. Mr. Solomon sitzt an einem recht unglückseligen Ort fest.« Der Mann legte eine Kunstpause ein. »Er ist im Araf.«

»Wo?« Langdon merkte, dass ihm die Finger taub wurden, so verkrampft hielt er das Handy.

»Im Araf. Nie gehört? Hamistagan? Der Ort, dem Dante den Lobgesang widmet, der unmittelbar auf sein legendäres Inferno folgt?«

Die religiösen und literarischen Anspielungen dieses Mannes bestärkten Langdon in seinem Verdacht, dass er es mit einem Wahnsinnigen zu tun hatte. Der zweite Lobgesang. Langdon kannte ihn gut. Niemand verließ die Phillips Exeter Academy, ohne Dante gelesen zu haben. »Sie wollen damit sagen, Peter Solomon ist im Fegefeuer?«

»Ein derbes Wort, das ihr Christen da benutzt. Aber ja, Mr. Solomon befindet sich in der Zwischenwelt.«

Das Wort schwebte Langdon im Ohr. »Soll das heißen, Peter ist tot?«

»Nicht ganz.«

»Nicht ganz?«, rief Langdon so laut, dass es durch den ganzen Saal hallte. Eine Touristenfamilie starrte zu ihm herüber. Er drehte sich weg und senkte die Stimme. »Ein bisschen tot gibt es nicht.«

»Sie verwundern mich, Professor. Ich dachte, die Mysterien von Leben und Tod wären Ihnen geläufig. Es gibt eine Welt dazwischen. Es ist eine Welt, in der Peter Solomon im Moment … nun ja, schwebt. Er kann entweder in Ihre Welt zurückkehren oder in die nächste übergehen. Es hängt ganz von Ihnen ab.«

Langdon versuchte, diese Worte zu verarbeiten. »Was wollen Sie von mir?«, fragte er dann.

»Ganz einfach. Ihnen wurde der Zugang zu etwas sehr Altem gewährt. Heute Abend werden Sie diesen Zugang sozusagen an mich weitergeben.«

»Ich habe keine Ahnung, wovon Sie reden.«

»Nein? Wollen Sie mir etwa sagen, nichts von den Alten Mysterien zu wissen, die Ihnen anvertraut wurden?«

Langdons Magen verkrampfte sich, als eine Ahnung in ihm aufstieg. Alte Mysterien. Er hatte über seine Erlebnisse in Paris ein paar Jahre zuvor nie ein Wort verloren, doch die Gralsfanatiker hatten die Berichterstattung in den Medien genau verfolgt. Manche hatten sich wilde Theorien zusammengereimt und glaubten, Langdon sei nun in das geheime Wissen um den Gral eingeweiht, ja, er würde vielleicht sogar über dessen Verbleib Bescheid wissen.

»Hören Sie«, sagte Langdon, »wenn es um den Heiligen Gral geht, kann ich Ihnen versichern, dass ich auch nicht mehr weiß als …«

»Beleidigen Sie nicht meine Intelligenz, Mr. Langdon!«, schnauzte der Mann. »An etwas so Banalem wie dem Gral habe ich kein Interesse, ebenso wenig an der jämmerlichen Debatte, welche Version der Geschichte denn nun wahr ist. Die Zirkelschlüsse semantischer Glaubensprobleme kümmern mich nicht. Das sind Fragen, die allein durch den Tod beantwortet werden können.«

Langdon war ratlos. »Um was geht es Ihnen denn dann?«

Es dauerte ein paar Augenblicke, bis der Mann antwortete. »Wie Sie vielleicht wissen, gibt es in dieser Stadt ein altes Portal.«

Ein altes Portal?

»Und heute Nacht, Professor Langdon, werden Sie dieses Portal für mich öffnen. Sie sollten sich geehrt fühlen, dass ich mich in dieser Sache an Sie wende. Das ist die Einladung Ihres Lebens, Professor. Sie allein wurden ausgewählt.«

Du hast ja nicht mehr alle Tassen im Schrank. »Tut mir leid, aber da irren Sie sich«, sagte Langdon. »Ich weiß nichts von einem alten Portal.«

»Sie verstehen nicht, Professor. Nicht ich habe Sie ausgewählt, sondern Peter Solomon.«

»Was?« Langdon brachte nicht mehr als ein Flüstern zustande.

»Mr. Solomon hat mir verraten, wie das Portal zu finden ist, und auch, dass nur ein Mensch auf dieser Welt es öffnen kann. Und er sagte, dieser Mensch wären Sie

»Wenn Peter das gesagt hat, dann hat er sich geirrt … oder gelogen.«

»Bestimmt nicht. Er war in einem … sagen wir, heiklen Zustand, als er mir dieses Geständnis machte, und ich bin geneigt, ihm zu glauben.«

In Langdon kochte die Wut hoch. »Ich warne Sie! Wenn Sie Peter Solomon auch nur das Geringste …«

»Darüber sind wir längst hinaus«, unterbrach der Mann ihn, und seine Stimme klang belustigt. »Was ich von Solomon brauche, habe ich mir bereits genommen. Doch um seinetwillen schlage ich vor, dass Sie mir beschaffen, was ich von Ihnen benötige. Zeit ist von wesentlicher Bedeutung – für Sie beide. Ich schlage vor, Sie finden das Portal und öffnen es. Peter wird den Weg weisen.«

Peter? »Sagten Sie nicht, er ist im Fegefeuer?«

»Wie oben, so unten«, sagte der Mann.

Wieder überlief es Langdon eiskalt. Diese seltsame Antwort war ein hermetisches Sprichwort, mit dem der Glaube an eine materielle Verbindung zwischen Himmel und Erde ausgedrückt wurde. Wie oben, so unten. Langdon ließ den Blick durch den Saal schweifen und fragte sich, wie plötzlich alles so sehr außer Kontrolle geraten konnte. »Hören Sie, ich weiß nicht, wie ich dieses angebliche Portal finden soll. Ich rufe jetzt die Polizei an.«

»Sie begreifen es noch immer nicht, wie? Warum Sie ausgewählt wurden?«

»Nein«, sagte Langdon.

»Das werden Sie schon noch«, versicherte der Mann lachend. »Es müsste jeden Moment so weit sein.«

Dann war die Leitung tot.

Ein paar schreckliche Augenblicke lang stand Langdon wie erstarrt da und versuchte vergeblich, das Erlebte zu verarbeiten.

Plötzlich hörte er von Weitem einen unerwarteten Laut.

Es kam aus der Rotunde.

Jemand schrie.

10. KAPITEL

Robert Langdon hatte die Rotunde des Kapitols schon viele Male betreten, aber noch nie im Sprint. Als er durch den Nordeingang stürmte, hörte er noch immer Schreie und laute Stimmen. Er sah mehrere Touristen, die sich verängstigt in der Mitte der Rotunde drängten. Ein kleiner Junge weinte; seine Eltern versuchten, ihn zu trösten. Ein halbes Dutzend Sicherheitsleute taten ihr Bestes, die Ordnung wiederherzustellen.

»Er hat sie aus seiner Armbinde gezogen«, sagte jemand aufgeregt, »und einfach da hingestellt!«

Als Langdon näher kam, konnte er einen kurzen Blick auf den Gegenstand werfen, der die ganze Aufregung verursachte. Zugegeben, das Ding auf dem Boden war befremdlich, rechtfertigte aber kaum dieses Geschrei.

Langdon hatte so etwas schon oft gesehen. Im Fachbereich Kunst in Harvard gab es sie zu Dutzenden: lebensgroße Plastikmodelle, die von Bildhauern und Zeichnern gebraucht wurden, um die komplexeste Struktur des menschlichen Körpers abzubilden, die überraschenderweise nicht das Gesicht war, sondern die Hand. Jemand hat eine Modellhand in der Rotunde hinterlassen?

Modellhände besaßen Finger mit Gelenken, sodass der Künstler sie in jede gewünschte Stellung bringen und jede Geste darstellen konnte – für die jüngeren College-Studenten oft der ausgestreckte Mittelfinger. Diese Modellhand jedoch streckte Zeigefinger und Daumen zur Decke.

Aus der Nähe betrachtet, fand Langdon das Modell dann doch ziemlich ungewöhnlich. Die Plastikoberfläche war nicht glatt wie bei Modellhänden üblich, sondern fleckig und ein wenig faltig. Sie sah fast aus wie …

Echte Haut.

Langdon stockte.

Jetzt sah er das Blut. Mein Gott!

Das durchtrennte Handgelenk schien auf einem Zettelspieß zu stecken. Langdon wurde schlecht. Er rang nach Atem, rückte ganz langsam näher heran und sah, dass die Kuppen von Zeigefinger und Daumen tätowiert waren. Doch es waren nicht diese Tätowierungen, die Langdons Aufmerksamkeit auf sich zogen. Sein Blick haftete auf dem goldenen Ring, der ihm bekannt vorkam.

Nein.

Langdon prallte zurück. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen, als er erkannte, dass er auf die abgetrennte Hand von Peter Solomon starrte.

11. KAPITEL

Warum antwortet Peter nicht?, fragte sich Katherine und klappte ihr Handy zu. Wo bleibt er nur?

Seit drei Jahren war Peter Solomon stets als Erster bei ihren sonntäglichen Sieben-Uhr-Treffen erschienen. Diese Zusammenkünfte waren ihr privates Familienritual – eine Möglichkeit, einander zu sehen, ehe die neue Woche begann. Außerdem informierte Peter sich bei dieser Gelegenheit über Katherines Fortschritte im Labor.

Er kommt sonst nie zu spät, ging es ihr durch den Kopf, und er geht immer ans Telefon. Und als hätte sie nicht schon Sorgen genug, war Katherine sich nach wie vor nicht sicher, wie sie ihm begegnen sollte, wenn er endlich kam. Wie soll ich bloß zur Sprache bringen, was ich heute herausgefunden habe?

Ihre Absätze klackten rhythmisch auf dem Betonboden des Korridors, der das SMSC wie eine Wirbelsäule durchzog. Als »die Straße« bekannt, verband dieser Gang die fünf riesigen Magazine. Zwölf Meter über Katherines Kopf pochten die orangefarbenen Leitungen des Lüftungssystems im Herzschlag des Gebäudes – dem Pulsieren von Tausenden Kubikmetern gefilterter und umgewälzter Luft.

Auf dem knapp einen halben Kilometer weiten Weg zu ihrem Labor wirkten die Atemgeräusche des Gebäudes normalerweise beruhigend auf Katherine. An diesem Abend jedoch machte das Pulsieren sie nervös. Was sie heute über ihren Bruder erfahren hatte, hätte jeden mit Sorge erfüllt, und da Peter ihr einziger noch lebender Angehöriger war, belastete Katherine der Gedanke, er könne Geheimnisse vor ihr haben, umso mehr.

Soviel sie wusste, hatte Peter ihr nur ein einziges Mal etwas verschwiegen. Dabei war es allerdings um ein wundervolles Geheimnis gegangen, versteckt am Ende dieses Gangs. Vor drei Jahren hatte Peter sie hier entlanggeführt und in die weniger spektakulären Geheimnisse des SMSC eingeweiht, indem er ihr stolz einige Schaustücke der Sammlung gezeigt hatte – den Marsmeteoriten ALH-84001, das handgeschriebene piktografische Tagebuch von Sitting Bull und eine Sammlung wachsversiegelter Gläser, die Präparate enthielten, die Charles Darwin persönlich gesammelt hatte.

Dann waren sie an einer schweren Tür mit kleinem Fenster vorbeigekommen.

Katherines Blick fiel auf das, was sich hinter diesem Fenster befand, und sie schnappte nach Luft. »Was ist das, um alles in der Welt?«

Peter lachte stillvergnügt in sich hinein und ging weiter. »Magazin 3. Wir nennen es das ›Feuchtbiotop‹. Ein ganz schön ungewohnter Anblick, was?«

Furchteinflößend träfe es besser. Katherine eilte ihrem Bruder nach. Das Gebäude erschien ihr wie ein fremder Planet.

»Was ich dir eigentlich zeigen möchte, befindet sich in Magazin 5«, sagte Peter und führte seine Schwester weiter über den scheinbar endlosen Gang. »Es ist erst kürzlich erbaut worden und soll Teile der Sammlung aus den Kellergewölben des Naturgeschichtlichen Nationalmuseums aufnehmen. Die Stücke sollen in fünf Jahren hierhergebracht werden, deshalb ist Magazin 5 noch leer.«

»Warum schauen wir es uns dann an?«, fragte Katherine.

In den grauen Augen ihres Bruders blitzte der Schalk. »Weil ich mir gedacht habe, dass du den Raum vielleicht gebrauchen kannst, wenn sonst niemand ihn nutzt.«

»Ich?«

»Na klar. Ich dachte, vielleicht hast du Verwendung für einen Laborraum, der dir allein zur Verfügung steht – eine Anlage, in der du einige der Experimente, die du in den letzten Jahren in der Theorie entwickelt hast, tatsächlich ausführen kannst.«

Katherine blickte ihren Bruder an wie vom Donner gerührt. »Aber diese Experimente gibt es eben nur in der Theorie, Peter. Es ist unmöglich, sie durchzuführen.«

»Nichts ist unmöglich, Katherine. Und dieses Gebäude ist wie geschaffen für dich. Das SMSC ist nicht bloß ein Lagerhaus für wissenschaftliche Schätze, es ist eine der fortschrittlichsten Forschungseinrichtungen der Welt. Wir entnehmen der Sammlung ständig Exponate und untersuchen sie mit den modernsten Analysegeräten, die man für Geld kaufen kann. An Ausstattung würde dir hier alles zur Verfügung stehen, was dein Herz begehrt.«

»Aber die Technik, die erforderlich wäre, um die Experimente vorzunehmen …«

»Alles schon an Ort und Stelle.« Peter lächelte breit. »Das Labor ist fertig.«

Katherine verharrte mitten im Schritt.

Ihr Bruder wies den langen Korridor hinunter. »Komm, sehen wir’s uns an.«

Katherine brachte kaum ein Wort hervor. »Du … du hast mir ein Labor einrichten lassen?«

»Das gehört zu meinem Job. Die Smithsonian Institution wurde gegründet, um die Wissenschaft voranzubringen. Als Vorsitzender muss ich diese Aufgabe ernst nehmen. Deine geplanten Experimente werden es uns ermöglichen, den wissenschaftlichen Erkenntnisstand in bisher unerforschte Gefilde auszuweiten.« Peter hielt inne und blickte ihr in die Augen. »Unabhängig davon, dass du meine Schwester bist – ich hätte mich in jedem Fall verpflichtet gefühlt, dich zu unterstützen. Deine Ideen und Forschungen sind brillant. Die Welt verdient zu sehen, was sich daraus entwickelt.«

»Peter, ich kann unmöglich …«

»Doch, kannst du. Ich habe alles aus eigener Tasche bezahlt, und Magazin 5 ist derzeit ungenutzt, wie ich schon sagte. Außerdem besitzt es bestimmte einzigartige Eigenschaften, die für deine Arbeit ideal sein dürften. Wenn deine Experimente abgeschlossen sind, ziehst du wieder aus.«

Katherine konnte sich nicht vorstellen, wie ein gewaltiges, leeres Magazin ihrer Arbeit förderlich sein könnte, doch sie spürte, dass sie es bald erfahren würde.

Sie und Peter gelangten an eine Stahltür, auf der in großen Lettern stand:

MAGAZIN 5

Peter schob seine Schlüsselkarte in den Schlitz. Ein elektronisches Tastenfeld leuchtete auf. Peter hob den Finger, um seinen Zugangscode einzugeben, hielt dann aber inne und wölbte die Augenbrauen auf jene spitzbübische Art, die ihm schon als Junge eigen gewesen war. »Bist du ganz sicher, dass du so weit bist?«

Katherine nickte und lächelte in sich hinein. Peter war immer schon ein Entertainer gewesen.

»Zurücktreten, bitte.« Peter drückte die Tasten.

Mit einem lauten Zischen öffnete sich die Stahltür.

Hinter der Schwelle war nur Schwärze … eine unermessliche, gähnende Leere. In den Tiefen des Raums schien ein hohles Ächzen widerzuhallen. Katherine spürte einen kalten Luftzug, der aus dem Innern heranstrich. Es war, als starrte sie bei Nacht in die Unermesslichkeit des Grand Canyon.

»Stell dir einen leeren Flugzeughangar vor, der groß genug ist für eine Airbusflotte«, sagte Peter. »Dann weißt du in etwa, was dich erwartet.«

Unwillkürlich trat Katherine einen Schritt zurück.

»Das Magazin ist bei Weitem zu groß, um geheizt zu werden«, erklärte Peter, »aber dein Labor befindet sich in einem wärmeisolierten, würfelförmigen Betonziegelraum im abgelegensten Winkel, so weit wie nur möglich von den Experimenten entfernt.«

Katherine versuchte es sich vorzustellen. Ein Kasten in einem Kasten. Angestrengt spähte sie in die Dunkelheit, doch die Finsternis war undurchdringlich. »Wie weit ist es weg?«

»Ziemlich weit. Ein Footballfeld würde problemlos dazwischen passen. Aber ich sollte dich warnen: Der Weg dorthin ist ein bisschen … nun ja, nervenaufreibend. Es ist extrem dunkel hier drin.«

Katherine lugte zögernd um die Ecke. »Kein Lichtschalter?«

»Magazin 5 ist noch nicht ans Stromnetz angeschlossen.«

»Aber wie soll dann das Labor betrieben werden?«

Peter zwinkerte ihr zu. »Wasserstoffzelle.«

Katherine blickte ihn staunend an. »Jetzt nimmst du mich auf den Arm!«

»Genügend saubere Energie, um eine Kleinstadt zu versorgen. Dein Labor ist zu hundert Prozent funkabgeschirmt. Außerdem sind sämtliche Außenflächen des Magazins mit lichtresistenten Membranen verschlossen, um die Objekte der Sammlung vor Sonneneinstrahlung zu schützen. Im Grunde ist dieses Magazin eine verkapselte, energieneutrale Umgebung.«

Allmählich begriff Katherine die Vorzüge von Magazin 5. Da die Quantifizierung bislang unbekannter Energiefelder im Mittelpunkt ihrer Arbeit stand, mussten ihre Experimente in einer Umgebung vorgenommen werden, die von jeder Fremdstrahlung und »Grundrauschen« isoliert war. Dazu gehörten auch extrem schwache Störungen wie »Hirnwellen« oder »Gedankenemissionen« von Menschen, die sich in der Nähe aufhielten. Aus diesem Grund konnten die Experimente auf keinem Universitätscampus und in keinem Krankenhauslabor durchgeführt werden. Katherine hätte nichts finden können, das besser geeignet gewesen wäre als ein menschenleeres Magazin des SMSC.

»Gehen wir hinein und sehen es uns an.« Peter grinste, als er in die grenzenlose Finsternis trat. »Komm mir einfach nach.«

Auf der Schwelle zögerte Katherine. Mehr als hundert Meter durch völlige Dunkelheit? Sie wollte fragen, ob sie eine Taschenlampe mitnehmen könnten, doch ihr Bruder war bereits in der Schwärze verschwunden.

»Peter?«, rief sie.

»Ein Sprung ins Ungewisse«, antwortete er, und seine Stimme verhallte bereits. »Du findest den Weg, vertrau mir.«

Er nimmt mich auf den Arm. Oder doch nicht …? Mit pochendem Herzen machte Katherine ein paar Schritte über die Schwelle hinaus und versuchte erneut, in dem stockfinsteren Raum etwas zu erkennen. Verflixt noch mal, ich sehe nichts! Plötzlich zischte die Stahltür und schlug mit lautem Knall hinter ihr zu. Katherine war in undurchdringliche Schwärze gehüllt. Nirgendwo gab es auch nur ein Fünkchen Licht.

»Peter?«

Stille.

Du findest den Weg, vertrau mir.

Vorsichtig schritt sie blind voran. Ein Sprung ins Ungewisse. Katherine konnte die Hand vor Augen nicht sehen. Sie blieb stehen, machte dann ein paar weitere kleine Schritte, doch es war nur eine Frage von Sekunden, und sie hatte sich hoffnungslos verirrt.

Wohin gehe ich eigentlich?

Das war vor drei Jahren gewesen.

Als Katherine nun vor der gleichen schweren Stahltür stand, wurde ihr bewusst, wie weit sie seit diesem ersten Abend gekommen war. Ihr Labor – das der »Würfel« genannt wurde – war zu ihrem Zuhause geworden, eine Zuflucht in den Tiefen von Magazin 5. Genau wie Peter ihr versichert hatte, war es ihr damals gelungen, den Weg durch die Dunkelheit zu finden – und seither jeden Tag, dank eines genial einfachen Leitsystems, das zu entdecken Peter ihr selbst überlassen hatte.

Und was noch viel wichtiger war – Peters andere Vorhersage hatte sich ebenfalls bewahrheitet: Bei ihren Experimenten war Katherine zu atemberaubenden Ergebnissen gelangt. Insbesondere in den letzten sechs Monaten hatte sie Durchbrüche erzielt, die ganze Paradigmen verändern würden. Katherine und Peter waren übereingekommen, absolutes Stillschweigen über die Versuchsergebnisse zu wahren, bis sie deren mögliche Konsequenzen besser verstanden hatten. Doch schon jetzt stand fest, dass Katherine in naher Zukunft einige der revolutionärsten wissenschaftlichen Entdeckungen der Menschheitsgeschichte machen würde.

Ein Geheimlabor in einem Geheimmuseum, dachte sie nun, als sie ihre Schlüsselkarte in die Tür von Magazin 5 einführte. Das Tastenfeld leuchtete auf, und Katherine gab ihren Zugangscode ein.

Zischend öffnete sich die Stahltür.

Das vertraute hohle Ächzen wurde von dem ebenso vertrauten kalten Luftzug begleitet. Wie immer spürte Katherine, dass ihr Puls anstieg. Die merkwürdigste Pendlerstrecke der Welt.

Katherine wappnete sich für den Marsch und blickte auf die Uhr, ehe sie in die Leere trat. Heute allerdings folgte ihr ein beunruhigender Gedanke ins Magazin:

Wo bleibt Peter?

12. KAPITEL

Trent Anderson war seit mehr als zehn Jahren Sicherheitschef im Komplex des Kapitols in Washington, D.C. Er war ein stämmiger Mann mit breiter Brust, kantigem Gesicht und rotem Haar, das er kurz geschoren trug, was ihm eine Aura militärischer Autorität verlieh. Als Warnung an jeden, der dumm genug sein könnte, seine Macht und Kompetenz infrage zu stellen, trug er sichtbar eine Schusswaffe in einem Schulterholster.

Den Großteil seiner Zeit verbrachte Anderson im Kellergeschoss des Kapitols, wo er aus einem hoch technisierten Überwachungszentrum eine kleine Armee von Sicherheitsbeamten koordinierte. Außerdem beaufsichtigte er einen Stab von Technikern, die Monitore überwachten, Computerdisplays beobachteten und eine Telefonvermittlungstafel bedienten, über die Anderson Verbindung zu der Heerschar der Wachleute hielt, die unter seinem Befehl standen.

An diesem Abend war es ungewöhnlich ruhig, was Anderson nur recht gewesen war, denn er hatte gehofft, sich auf dem Flachbildfernseher in seinem Büro das Spiel der Redskins anschauen zu können. Der Anpfiff war gerade erfolgt, als seine Gegensprechanlage einen Summton von sich gab.

»Chief?«

Anderson fluchte leise und drückte den Knopf, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen. »Ja.«

»In der Rotunde ist irgendwas passiert. Einige unserer Leute sind bereits da, aber ich glaube, Sie sollten es sich selbst ansehen.«

»Okay.« Anderson ging hinüber ins Nervenzentrum der Sicherheitsabteilung – eine kompakte, neomoderne Einrichtung voller Computermonitore. »Was ist los?«

Der Techniker legte einen digitalen Videoclip auf den Bildschirm. »Ostbalkon-Kamera in der Rotunde, Chief. Vor zwanzig Sekunden.« Er spielte den Clip ab.

Anderson schaute ihn sich über die Schulter des Technikers hinweg an.

Die Rotunde war an diesem Tag kaum besucht; nur wenige Touristen waren zu sehen. Andersons geschulter Blick fiel sofort auf die eine Person, die allein war und sich schneller bewegte als die anderen. Kahl geschorener Kopf. Alter grüner Armeemantel. Verletzter Arm in einer Schlinge. Leichtes Hinken. Gebeugte Körperhaltung. Sprach in ein Handy.

Die Schritte des Kahlköpfigen klangen deutlich aus den Lautsprechern, bis er genau im Zentrum der Rotunde unvermittelt stehen blieb, den Anruf beendete und sich hinkniete, als wollte er sich den Schuh zubinden. Stattdessen zog er irgendetwas aus der Armschlinge und legte es auf den Boden. Dann stand er auf und hinkte mit eiligen Schritten zum Ostausgang.

Anderson beäugte das eigenartig geformte Objekt, das der Mann zurückgelassen hatte.

Was, um alles in der Welt …

Der Gegenstand war ungefähr zwanzig Zentimeter hoch und stand senkrecht. Anderson beugte sich näher an den Bildschirm heran und kniff die Augen zusammen.

Das kann unmöglich sein, wonach es aussieht!

Als der kahlköpfige Mann durch den Ostportikus verschwand, hörte Anderson, wie ein kleiner Junge in der Nähe sagte: »Mami, der Mann da hat was verloren.« Der Junge ging auf den Gegenstand zu und blieb unvermittelt stehen. Nach einem langen, atemlosen Augenblick zeigte er darauf und stieß einen schrillen Schrei aus.

Anderson wirbelte herum und rannte zur Tür. »An alle Kontrollpunkte! Sucht den Glatzkopf mit der Armschlinge! Nehmt den Mann fest! Los, los!«

Er stürmte aus dem Überwachungszentrum und nahm auf der ausgetretenen Treppe immer drei Stufen auf einmal. Das Überwachungsvideo hatte gezeigt, wie der Kahlköpfige die Rotunde durch den Ostportikus verließ. Der kürzeste Weg aus dem Gebäude würde ihn daher durch den Ost-West-Korridor führen – und der lag gleich vor Anderson.

Ich kann dem Kerl den Weg abschneiden!

Als Anderson das obere Ende der Treppe erreichte, rannte er um die Ecke und blickte keuchend in den Gang, der vor ihm lag. Am gegenüberliegenden Ende schlenderte Hand in Hand ein älteres Paar. Nur ein kurzes Stück von Anderson entfernt las ein blonder Tourist, der einen blauen Blazer trug, in einem Reiseführer und betrachtete die Mosaikdecke vor dem Sitzungssaal des Repräsentantenhauses.

»Entschuldigen Sie!«, rief Anderson und rannte auf ihn zu. »Haben Sie einen kahlköpfigen Mann gesehen, der den Arm in einer Schlinge trägt?«

Der Tourist blickte mit verwirrtem Gesicht von seinem Buch auf.

»Ein Glatzkopf mit Armschlinge!«, wiederholte Anderson nachdrücklicher. »Haben Sie ihn gesehen?«

Der Tourist zögerte und blickte nervös zum östlichen Ende des Korridors. »Äh … ja«, sagte er. »Ich glaube, er ist an mir vorbeigerannt … zu der Treppe da.« Er wies den Gang hinunter.

Anderson zog sein Funkgerät hervor und brüllte hinein: »Alle Kontrollpunkte! Der Verdächtige ist zum Südostausgang unterwegs. Alle Mann dorthin!« Er steckte das Funkgerät wieder ein und zog die Pistole, während er losrannte.

Dreißig Sekunden später nahm der kräftig gebaute blonde Mann in dem blauen Blazer den Ausgang an der Ostseite des Kapitols. Er lächelte und genoss die kühle Abendluft.

Transformation. Es war so einfach.

Nur eine Minute zuvor war er in seinem Armeemantel aus der Rotunde gehinkt, so schnell er konnte, war in einer dunklen Nische verschwunden und hatte den Mantel ausgezogen, sodass der blaue Blazer zum Vorschein kam, den er darunter trug. Ehe er den Armeemantel in die Ecke warf, zog er eine blonde Perücke aus der Tasche und setzte sie sich mit geübten Bewegungen auf. Dann richtete er sich gerade auf, zog einen dünnen Reiseführer für Washington aus der Tasche seines Blazers, kam aus der Nische zum Vorschein und ging mit forschen Schritten davon.

Die Fähigkeit zur Verwandlung ist meine größte Gabe.

Während Mal’akh zu seiner wartenden Limousine ging, wölbte er den Rücken, erhob sich zu seinen vollen hundertneunzig Zentimetern und nahm die Schultern zurück. Er atmete tief ein, füllte die Lunge mit kühler Luft und spürte, wie der tätowierte Phönix auf seiner Brust die Schwingen ausbreitete.

Wenn sie doch nur schon meine Macht kennen würden. Er blickte über die Stadt hinweg. Heute Nacht wird meine Transformation abgeschlossen.

Im Kapitol hatte Mal’akh seine Karten kunstvoll ausgespielt und dem uralten Zeremoniell gehuldigt. Die alte Einladung ist ergangen. Wenn Langdon die Rolle, die er heute Abend hier spielte, noch immer nicht begriffen hatte – jetzt würde es nicht mehr lange dauern.

13. KAPITEL

Was Robert Langdon betraf, war die Rotunde des Kapitols – genau wie der Petersdom – immer für eine Überraschung gut. Rein sachlich betrachtet, wusste Langdon, dass die Rotunde groß genug war, um die Freiheitsstatue bequem darin unterzubringen; dennoch kam sie ihm jedes Mal größer und Ehrfurcht gebietender vor, als er es erwartete, beinahe so, als schwebten dort Geister umher. An diesem Abend allerdings fand er nur Chaos vor.

Beamte der Capitol Police riegelten die Rotunde ab und versuchten gleichzeitig, verstörte Touristen von der abgetrennten Hand wegzulotsen. Der kleine Junge weinte noch immer. Ein helles Licht flammte auf: Ein Tourist hatte die Hand fotografiert. Sofort packten ihn mehrere Sicherheitsleute, nahmen ihm die Kamera ab und führten ihn hinaus. Langdon nutzte den Tumult, bewegte sich durch die Menge und näherte sich wie in Trance dem grässlichen Gegenstand.

Peter Solomons abgetrennte Hand ragte senkrecht empor. Die Schnittebene des durchtrennten Handgelenks war auf einen Dorn an einem kleinen Ständer aus Holz gespießt. Drei Finger waren wie zur Faust geschlossen, während Daumen und Zeigefinger ausgestreckt zur lichten Kuppel zeigten.

»Alles zurücktreten!«, rief ein Sicherheitsmann.

Langdon stand nun so nahe bei der Hand, dass er getrocknetes Blut sehen konnte, das aus dem Handgelenk gelaufen und auf dem Holzständer geronnen war. Wunden, die nach dem Tod zugefügt werden, bluten nicht. Das bedeutet, Peter lebt noch. Langdon wusste nicht, ob er erleichtert oder angewidert sein sollte. Mein Gott … wurde Peter bei lebendigem Leib die Hand abgetrennt? Langdon musste würgen. Wie oft hatte Peter ihm diese Hand hingestreckt …

Mehrere Sekunden lang konnte Langdon keinen klaren Gedanken fassen. Sein Geist war leer wie ein Fernsehbildschirm, der nur Grundrauschen wiedergibt. Dann aber erschien das erste klare Bild – und es kam völlig unerwartet.

Eine Krone … und ein Stern.

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