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Das verletzte Gesicht

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

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Mary Alice Monroe

Das verletzte Gesicht

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Margret Krätzig

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Das verletzte Gesicht

Als Charlotte nach ihrer Schönheitsoperation in den Spiegel schaut, blickt ihr eine makellose Fremde entgegen. Plötzlich steht ihr die Welt offen. Sie wird ein gefeierter Hollywoodstar, sie begegnet dem attraktiven Michael Mondragon: eine stürmische Affäre, die große Liebe, ein Diamantring, der von der Hoffnung auf ein gemeinsames Leben spricht. Alles scheint perfekt. Dann beginnen Charlottes quälende Schmerzen, Spätfolgen der Operation. Doch ein erneuter Eingriff könnte ihr Gesicht entstellen. Charlottes Welt, auf Schönheit und Perfektion aufgebaut, würde zerbrechen. Alles wäre zerstört, was Charlotte erreicht hat …

 

 

 

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen
sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

1. KAPITEL

April 1996

Da die Welt angeblich eine Bühne war, wurde es wieder Zeit für sie, ihre Rolle zu spielen.

Charlotte saß im grünen Raum des Fernsehstudios, während sich draußen die Titelmelodie der Talkshow mit dem Applaus des Publikums mischte. Sie hatte Vicki Ray dieses Interview versprochen, und es gab kein Zurück mehr. Lieber diese Stunde durchstehen, als monatelang eine schlechte Presse erdulden. Sie hatte in letzter Zeit genug schlechte Presse gehabt. Ihr Plan stand fest. Freddy hatte gewohnt zwanghaft alle Details geklärt. Wie hatte er noch gesagt? „Interview, Trauung, Operation. Zack, zack, genau in der Reihenfolge.“

Ihre Schläfen hämmerten im Rhythmus des Pulsschlags. Wie heiß es hier war! Sie legte eine zitternde Hand an die fiebrige Stirn. Ihre Lippen waren wie ausgedörrt. Sie presste die Finger zusammen, um sie am Zittern zu hindern. Bitte, lass die Symptome nicht schlimmer werden, flehte sie im Stillen. Vielleicht nahm sie besser noch eine Tablette. Sie suchte in ihrer Handtasche danach. Nur für alle Fälle.

Drei kurze Klopfzeichen an der Tür.

„Charlotte?“ Freddy Walen trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten. Obwohl nicht groß gewachsen, füllte er mit seiner dominanten Präsenz den Raum und ließ Charlotte innerlich schrumpfen, während er sie mit forschendem Blick besitzergreifend musterte.

„Gut … gut“, sagte er offenbar zufrieden und strich sich über den ordentlich gestutzten Oberlippenbart. Kein Schmuck am schlanken Schwanenhals, das lange blonde Haar fiel locker auf die Schultern und die großen blauen Augen strahlten. Dieses Aussehen bezeichnete Freddy als das „Strahlen eines Stars“. Er hatte ihr beigebracht, das Publikum erwarte von Charlotte Godfrey unterkühlte Eleganz. Und sie enttäuschte es nicht.

„Was nimmst du da?“ fragte er.

„Eine Schmerztablette, um das Interview zu überstehen.“ Sie starrte auf die weiße Pille in ihrer Hand und hob besorgt den Blick. „Freddy, sag das Interview ab. Es geht mir nicht gut. Die Symptome kehren zurück. Meine Hände zittern, und noch eine Tablette zu nehmen ist keine Lösung.“

„Es wird schon gehen“, erwiderte er brüsk und tätschelte ihr die Schulter. „Kopf hoch. Wir können jetzt nicht mehr absagen. Außerdem brauchen wir dieses Interview, um Gerüchte zu zerstreuen. Danach haben wir Ruhe vor der Presse und können nach Südamerika abreisen, damit du wieder in Ordnung kommst. Zieh die Show durch, und wir sind weg hier. Versprochen. Nimm jetzt die Pille.“

Charlotte schenkte sich ein Glas Wasser ein. „Ich traue Vicki Ray nicht. Sie ist hart. Gewitzt. Was, wenn sie etwas vermutet?“

„Vergiss es. Vicki hat keine Ahnung. Andernfalls würde ich es wissen.

„Miss Godfrey?“ Von jenseits der Tür kam die hohe, angestrengte Stimme eines Inspizienten. „Sind Sie fertig? Es ist wirklich Zeit.“

Sie verstand seine Panik und hatte Mitleid. Hinauszögern war ohnehin sinnlos. „Ja!“ rief sie und schluckte rasch ihre Medizin. „Natürlich. Sofort.“

„Denk dran.“ Freddy nahm sie bei den Schultern. „Es ist nur eine weitere Rolle. Halte dich an das Drehbuch, Baby, und du wirst großartig sein.“

Charlotte schüttelte seine Hände ab. „Sei nicht albern, Freddy. Bei Vicki Ray gibt es kein Drehbuch.“ Sie öffnete die Tür und sah sich einem jungen Mann mit Panik im Blick gegenüber, der sie im Eiltempo den Flur entlanggeleitete, vorbei an Mitarbeitern, die sie verehrend anlächelten. In den letzten Jahren war sie gegen diese Verzückung immun geworden. Diese Leute wussten nichts von ihr und kannten den Menschen hinter der Glamourerscheinung nicht. Freundlich nickend ging sie rasch vorbei.

Sie erreichten die Bühne, als Vicki Ray ihren Gast ankündigte, indem sie einige ihrer Filmrollen nannte und ihren kometenhaften Aufstieg betonte. Charlotte hörte aufmerksam zu und schlüpfte in die Rolle der Beschriebenen: ein Star von legendärer Schönheit, vor der Kamera ein Phänomen, im Privatleben ein Einsiedler. Die neue Garbo.

Es gab eine kurze Pause, einen Moment, die Hand an die Stirn zu legen und sich zu sammeln. Charlotte atmete tief durch, zwang sich, die Hände still zu halten, und setzte jenes geheimnisvoll sinnliche Lächeln auf, das ihr Markenzeichen war.

Der Hinweis, zu applaudieren, leuchtete auf. Im blendenden Scheinwerferlicht betrat sie die Bühne – Suchscheinwerfer eines Gefängnisses, die ihr jeden Fluchtweg versperrten. Mit geschulter Grazie ging sie zu dem einzelnen weißen Sessel. Unter dem gleißenden Licht fühlte sie sich wie eine Laborratte auf dem Seziertisch. Sie sah auf das Meer von Gesichtern und erkannte im Blick vieler Frauen den vertrauten Neid und bei den Männern Begehren. So war es immer, und sie fühlte sich einsamer denn je.

Entschlossen verdrängte sie die Gefühle der Charlotte Godowski und schlüpfte in die Rolle der Charlotte Godfrey, die sie so grandios beherrschte. Die Verwandlung war ein nützlicher Trick, doch schien ihr dabei jedes Mal ein wenig mehr ihrer Persönlichkeit abhanden zu kommen. Dennoch blieb es eine Notwendigkeit, sich von der Welt abzugrenzen. Sie gestattete niemandem, ihren Panzer zu durchdringen. Auch Freddy nicht. Schon gar nicht Freddy. Nur Michael … Beim Gedanken an ihn bekam ihr Panzer Risse.

Das Interview begann locker. In der ersten Hälfte der Show zeigte Vicki einige Filmausschnitte. Charlotte würzte sie mit Anekdoten, besonders über ihre attraktiven Co-Stars. Das Publikum nahm es begierig auf und ahnte nichts von ihrem inneren Kampf. Sie wirkte entspannt, löste die ineinander verschlungenen Finger und schlug die Beine nicht mehr übereinander. Gelegentlich lachte sie sogar über eine alberne Frage aus dem Publikum, vor allem, wenn es um ihr hinlänglich publiziertes Liebesleben ging.

„Wasser!“ flehte sie in der Pause. In wundersamer Schnelligkeit brachte man ihr Perrier mit Zitrone, und sie trank gierig. Ihre Lippen fühlten sich geborsten an, sie schmorte geradezu in der zunehmenden Glut ihres Fiebers.

Sobald das Leuchtsignal den Fortgang der Show anzeigte, betupfte sie sich mit einem Spitzentaschentuch die Stirn und nahm sich zusammen. In letzter Sekunde suchte sie Blickkontakt zum Kameramann und zwinkerte ihm zu. Er grinste errötend zurück. Freddy hatte sie einige Tricks des Metiers gelehrt, vor allem, wie man sich schmeichelhafte Kameraeinstellungen sicherte. Dieses Interview war leichter durchzustehen, wenn sie die Initiative ergriff.

„Noch einmal, willkommen“, begann Vicki. „Wir sprachen gerade über Ihre bevorstehende Eheschließung.“ An die Kamera gewandt, fügte sie hinzu: „Für alle, die es nicht wissen, Freddy Walen ist nicht nur ihr Verlobter, sondern auch ihr Agent.“

„Was soll ich sagen“, erwiderte Charlotte und machte eine kleine hilflose Handbewegung. „Er ist wunderbar. Unterstützend. Er ist immer für mich da.“ Sie blickte kurz in die Kulissen. Dort stand Freddy, breitbeinig, die Hände gefaltet. Der Kapitän des Schiffes in stürmischer See.

Er lächelte ihr zu. Freddy sah blendend aus in dem dunkelgrauen Dreiteiler, der gut zu seinem grau melierten Haar passte. Offenbar hatte er ihren Worten aufmerksam gelauscht, denn seine blauen Augen strahlten vor Zufriedenheit über ihre Antwort. Es schien ihn nicht zu stören, dass sie ihm keine Liebeserklärung gemacht hatte.

„Walen hat Sie entdeckt, nicht wahr? Einige behaupten sogar, er hätte Ihre Karriere aufgebaut.“

Charlotte rückte sich in ihrem Sessel zurecht. „Er glaubte an mein Talent, und jeder gute Agent berät seinen Klienten. Das ist seine Aufgabe.“

Vicki lächelte. „In Ihrem Fall sagt man allerdings, Freddy Walen sei besessen von Ihrer Karriere – und von Ihnen.“

Charlotte besaß die Geistesgegenwart zu lachen. „Sagt man das?“

„Vermutlich ist es für einen Mann nur natürlich, von Ihnen besessen zu sein“, fügte Vicki großzügig hinzu. Zustimmendes Raunen und Kichern im Publikum. Charlotte zuckte humorvoll die Schultern.

„Sollte ich besser sagen, für ziemlich viele Männer?“ fügte Vicki mit boshaftem Aufblitzen der Augen hinzu. Der Kameramann blinzelte.

Charlotte wusste, aus welcher Ecke das kam, und konnte Vicki die Anspielung nicht verübeln. Freddy hatte ihr Image sorgfältig aufgebaut. Er gab ihre natürliche Schüchternheit als die Zurückgezogenheit des Stars aus, arrangierte zahllose Verabredungen mit ihren Co-Stars und ließ bei der Presse durchsickern, dass sie Affären habe. Das war nichts Neues, sondern ein uralter Publicity-Trick. Aber Presse und Publikum glaubten ihn immer wieder gern.

„Jetzt gibt es nur noch Freddy“, erwiderte sie freundlich, und das Publikum reagierte mit herzlichem Applaus. Sie stellte sich Freddy mit stolz geschwellter Brust in den Kulissen vor. Er liebte das Rampenlicht.

„Ihre Schönheit ist von der Art, die Legenden entstehen lässt. Aber für manche ist sie auch ein Fluch. Denken wir an Helena von Troja oder an Marilyn Monroe.“

Charlotte machte eine Pause. Wieder mal die Schönheit … Ist das alles, was sie an mir sehen? Erkennt niemand etwas anderes von Wert an mir?

„Ich glaube nicht, dass Marilyns Schönheit ein Fluch war“, erwiderte sie vorsichtig. „Der Fluch war, dass niemand etwas anderes sah als ihre Schönheit und man sie nicht ernst nahm.“

„Sie beziehen sich auf den alten Mythos: Sie ist schön, also muss sie dumm sein.“

„Eine Frau hat es schwer, wenn nur ihre Schönheit gesehen wird. Ich weiß das.“

„Könnte man dasselbe nicht von einer hässlichen Frau sagen?“

Das versetzte Charlotte einen Stich, und sie blickte auf ihre im Schoß gefalteten Hände. „Ich bin sicher“, begann sie zögernd, „dass jede hässliche Frau davon träumt, jemand möge ihre inneren Werte erkennen und einen Ausgleich durch Liebe schaffen. Ist das nicht der Kern aller Märchen?“

„Aber das Leben ist kein Märchen.“

„Leider“, bestätigte sie ohne Bitterkeit. „Die Realität lehrt uns, dass Männer als Beweis ihrer Macht und zur Hebung des Selbstwertgefühls schöne Frauen bevorzugen. Eine hässliche Frau kann kaum darauf hoffen, dass ihre Wünsche und Träume in Erfüllung gehen.“

„Aber vergeht mit der Zeit nicht auch die Schönheit? Was bleibt dann?“

Charlotte schluckte trocken. „Verzweiflung.“

„Also ist Schönheit doch ein Fluch?“

„Ich …“ Sie dachte wieder an Michael und seufzte resigniert. „Ja, vielleicht ist es das. Genau wie Hässlichkeit.“

„Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll. Ich meine, sind Frauen nicht gerade dabei, sich zu verändern? Wir reden von den Stärken der Frauen, ihrer Intelligenz, ihrer Güte. Machen diese Attribute nicht die eigentliche Schönheit eines Menschen aus?“

Charlotte wollte zustimmen, von Herzen sogar. Sie dachte an die Zeit, als sie daran geglaubt und ihre ganze Hoffnung darauf gesetzt hatte. Doch Michael hatte diesen Glauben zerstört. Sie hatte erfahren, dass niemand sie wegen ihrer Intelligenz oder ihrer Güte lieben würde. Ohne ihre Schönheit war kein Mann bereit, diesen Qualitäten eine Chance zu geben.

„Plus ça change, plus c’est la même chose.“

„Stehen Sie hinter dieser Haltung?“ fragte Vicki Ray tadelnd. Trotz des scharfen Tons erkannte Charlotte in ihrem Blick die stumme Panik einer Frau, die nichts gegen den unvermeidlichen Verlust des guten Aussehens und des damit nahenden Endes ihrer Karriere als Talkshow-Moderatorin tun konnte. „Glauben Sie, dass Frauen von heute alles tun sollten, so attraktiv wie möglich zu sein?“

Charlottes Lider flatterten kaum merklich, als sie an ihre persönliche Geschichte dachte, ehe sie die Frage beantwortete. Alles tun für Schönheit? „Ja, das glaube ich“, sagte sie entschieden, und jede Silbe klang wie eine Totenglocke in ihren Ohren. „Ja, absolut.“

Sie hörte das missbilligende Raunen im Publikum. Etliche Frauen hoben jetzt wild gestikulierend die Hände. Vicki eilte erfreut hin und reichte ihnen das Mikrofon.

„Und was haben Sie getan, um so großartig auszusehen?“ wollte eine der Zuschauerinnen wissen.

Charlotte atmete langsam aus und lächelte. Sie wollte antworten, dass sie ihre Seele dem Teufel verkauft hatte, aber nein, das konnte sie nicht tun.

„Ich habe gar nichts gemacht“, log sie geheuchelt lässig. Mit einem zarten Hinweis auf die Wahrheit fügte sie jedoch hinzu: „Vergessen Sie nicht, dass eine Legion von Experten stundenlang daran arbeitet, mich so gut aussehen zu lassen.“ Die Frau lachte und schien Charlotte ihre Schönheit zu verzeihen.

„Waren Sie immer so schön?“ fragte Vicki und verengte leicht die Augen. Sie schwang das Mikro von rechts nach links wie eine Keule. „Zeit zu beichten!“

Charlotte hielt sich an den Armlehnen fest. „Nun ja …“

„Erwachen Sie nie mit Tränensäcken unter den Augen und einem Pickel auf der Nase?“ Das Publikum lachte.

Charlotte legte die Hände gegeneinander und blickte zur Decke. Sie war soeben einer Kugel ausgewichen. Sollte sie ihnen sagen, dass sie jeden Morgen mit entsetzlichen Schmerzen erwachte und mit dem Wissen, dass diese wunderbare Fassade unter der Oberfläche bröckelte?

„Ich unterscheide mich nicht von anderen Menschen“, antwortete sie und wünschte, es wäre so.

„Waren Sie ein hübsches kleines Mädchen?“

Die Frage schmerzte und brachte sie leicht aus dem Gleichgewicht. Ihr wurde schwindelig, als sie vor ihrem geistigen Auge das kleine Mädchen mit den traurigen Augen, der dürren, schlaksigen Gestalt und dem komischen Gesicht sah. Die Erinnerung an die Einsamkeit ihrer Kindheit drückte ihr wie ein bleiernes Gewicht aufs Herz. Sie dachte daran, wie sie durch die wohlhabenderen Viertel spaziert war und darauf gewartet hatte, dass ihre Mutter mit Putzen fertig wurde. Das Warten hatte ihr nichts ausgemacht. Diese Häuser lagen weit weg von ihrer lauten kleinen Wohnung, und sie sah gern durch die Fenster auf Menschen in schöner Umgebung. Sie mussten glücklich sein, in all dem Luxus leben zu dürfen.

„Miss Godfrey?“ drängte Vicki.

Charlotte schreckte auf. „Wie bitte? O ja, ich versuchte mich zu erinnern“, entschuldigte sie sich, um Konzentration bemüht. Herrgott, diese zusätzliche Tablette zeigte Wirkung. Ihr Hirn war wie benebelt. „Ich … ich erinnere mich nicht sehr gut an meine Kindheit. Zumindest weiß ich nicht mehr, wie ich aussah.“ Die Lügen ließen ihren Kopf noch heftiger schmerzen. Wie lange musste sie das noch durchhalten?

„An was erinnern Sie sich denn?“ bohrte Vicki weiter.

Charlotte seufzte tief. „An triviale Dinge.“ Sie rieb sich die Schläfen. „Ich war beispielsweise ein Bücherwurm. Besonders Charles Dickens habe ich verschlungen. Ich wünschte mir immer einen Garten, und natürlich erinnere ich mich an die Spiele.“ Sie schluckte wieder mit trockener Kehle und erinnerte sich, wie oft sie das Opfer grausamer Spiele geworden war.

„Mit den Gerüchten, die eine Berühmtheit umgeben, ist immer schwer zu leben“, fuhr Vicki fort und wechselte das Thema. „Aber um Sie scheinen sich besonders viele Gerüchte zu ranken. Sie waren auf den Titelseiten fast aller Magazine und scheinen ein Liebling der Klatschpresse zu sein.“

„Ich weiß nicht, warum. Ich führe ein ziemlich langweiliges Leben.“

„Vielleicht weil sich die Menschen gerade vom Unbekannten angezogen fühlen. Ihre Sucht nach Privatsphäre ist so legendär wie Ihre Schönheit.“

„Ist das so? Ich bin eben gern allein. Was hoffen die Leute zu entdecken? Wenn ich nicht arbeite, jäte ich im Garten Unkraut.“

Vicki lächelte flüchtig. „Nun, ist es nicht beispielsweise so, dass man Sie aus Ihrem letzten Film entließ? Am Set kursierten Gerüchte, Sie seien voll gepumpt mit Drogen gewesen, hätten sogar einen Zusammenbruch gehabt.“

Charlotte atmete tief durch. Ohne hinzuschauen wusste sie, dass Freddys Lächeln verflogen war und er vorgebeugt gespannt auf ihre Antwort wartete, bereit einzuschreiten. Sie entschied sich für die Wahrheit.

„Ich war krank“, gestand sie. Vickis Brauen gingen hoch in Erwartung der großen Beichte. „Ich hatte eine schreckliche Grippe verschleppt.“ Vickis Lächeln schwand, und Charlotte wusste, dass sie ihr das nicht abnahm. „Die Rolle bedeutete mir viel, und meine Mutter brachte mir bei, Krankheit sei eine Schwäche, die man durchstehen müsse. Leider entwickelte sich die Grippe zu einer Lungenentzündung.“ Sie zuckte leicht die Achseln. „Man sagte mir, es sei ernst. Und ich muss zugeben, ich hatte Angst.“

„Sie verschwanden.“ Vickis Blick wurde hart.

„Ja.“ Wieder tauchte eine flüchtige Erinnerung an Michael auf. Seine Berührungen, sein Blick, seine Liebe waren für sie gewesen, was Sonne, Erde und Luft für den Garten waren.

Sie hob eine zitternde Hand ans Gesicht, doch ein warnender Blick von Freddy mahnte sie, nichts zu verraten. Mit einer geschickten Drehung der Hand legte sie die schlanken Finger unter das Kinn.

Vicki wartete mit der Geduld des Profis.

„Ich bin nicht wirklich verschwunden“, erklärte Charlotte. „Das klingt so geheimnisvoll. Ich habe lediglich einige Zeit allein auf dem Land verbracht, um meine Gesundheit wieder herzustellen.“

„Wie Camille? Sie bekamen einen Oscar für diese Rolle.“

Charlotte lachte leicht, entschlossen, die Kontrolle über das Interview zurückzuerlangen. „Ja, vermutlich. Das Leben imitiert die Kunst … und umgekehrt.“ Sie lächelte überzeugend. „Ich habe aus Gesundheitsgründen darum gebeten, mich aus meinem letzten Film zu entlassen“, betonte sie. „Die Tabletten, die ich nahm, waren mir verschrieben worden. Es ist allgemein bekannt, dass ich mich sonst strikt auf Vitamine und Kräuter verlasse.“ Sie hob eine Hand. „Ich schwöre, ich kann keine Vitaminpille mehr schlucken, ohne als drogensüchtig zu gelten.“

Vicki lächelte verschlagen, und Charlotte wurde klar, dass ihre Gastgeberin die Samthandschuhe auszog. Sie fühlte sich betrogen, in die Falle gelockt. Zum pochenden Schmerz in den Schläfen kamen die ersten Schüttelfröste. Sie ballte die Hände auf dem Schoß, dass sich die Fingernägel halbmondförmig in die Handflächen bohrten. Wie sollte sie das durchstehen? Sie hatte Freddy gewarnt. Lieber Gott, flehte sie im Stillen, lass mich nicht vor laufender Kamera umkippen!

„Können Sie etwas zu den Gerüchten über einen Zusammenbruch sagen?“

Charlotte lächelte mit eiserner Disziplin. „Ich dachte, das hätte ich soeben getan.“

„Oh, natürlich können Sie so tun, als hätte Sie der Bruch mit Brad Sommers nicht mitgenommen.“

Diesmal war Charlottes Erheiterung echt. Freddys Pressearbeit tat ihre Wirkung. „Vicki, wirklich, machen Sie halblang. Brad und ich, wir sind Freunde“, log sie.

„Wenn nicht Brad, dann …“ Vicki überflog rasch ihre Notizen. „Was ist dann mit Michael Mondragon?“ Sie hob triumphierend den Blick. „Es gibt Gerüchte, dass Sie hinter Ihren efeubewachsenen Mauern tatsächlich eine heiße Liebesaffäre mit Ihrem Gärtner verbargen.“

Charlotte lehnte sich erschüttert zurück. Woher wusste Vicki von Michael? Wie konnte sie es wagen, ihn einen Gärtner zu nennen? Übelkeit zwang sie, trocken zu schlucken. Für die Kamera sah das aus, als habe die Frage sie überwältigt. Schuldig durch Schweigen.

Ihr flehender Blick glitt in die Kulissen zu Freddy. Bitte schreite ein, sagten ihre Augen. Du hast das hier eingefädelt. Oder willst du mich vorführen?

Ihr Freund, der Kameramann, gehorchte und schwenkte kurz auf Freddy, der die Arme jetzt vor der Brust verschränkt hatte. Sein Lächeln war hart, die Augen funkelten zornig. Freddy schwieg jedoch und machte eine abwinkende Geste zur Kamera. Vicki gab dem Kameramann ein Zeichen, und sofort war sie wieder im Bild.

„Michael wer?“ fragte Charlotte schließlich und richtete sich auf, zornig auf Vicki, weil sie in ihrem Privatleben herumgeschnüffelt hatte, zornig auf Freddy, weil er die Information hatte durchsickern lassen, und zornig auf sich, weil sie nicht den Mut aufbrachte, von der Bühne zu gehen. „Ich und mein Gärtner? Also wirklich, das ist doch wohl die Höhe!“ Sie konnte nicht anders, sie bedeckte die Augen mit der Hand. Ihr Zittern wurde heftiger, sie fühlte sich schwach und schwindelig. Armer Michael. Falls er das gehört hatte, musste er tief verletzt sein.

„Eben wegen solcher Gerüchte halte ich mein Privatleben geheim.“ Sie hob den Blick. Zorn gab ihr Kraft. Sie merkte nicht, dass ihre Hände die Armlehnen umklammerten. „Nach der Hochzeit werden Freddy und ich eine lange Reise antreten, damit sich meine Gesundheit wieder stabilisiert. Wenn ich zurückkomme, werde ich so gut wie neu sein und bereit für neue Aufgaben.“

Vicki zog sich ins Publikum zurück. Eine Frau mit einem lieben Gesicht, offenbar ein Fan, hielt sie auf. „Gibt es einen neuen Film, auf den wir uns freuen dürfen?“

Charlotte dankte der älteren Dame insgeheim. „Aber natürlich“, erwiderte sie mit einem strahlenden Lächeln. „Ich freue mich sehr auf mein neues Projekt. Ich wollte schon immer die Hauptrolle in Tess of the D’Urbervilles spielen.“

„Wieder eine fordernde Rolle“, meinte Vicki. „Angeblich verwandeln Sie sich in den Charakter, den Sie gerade spielen. Aber Sie werden nicht sterben wie die arme Tess, hoffe ich.“

Während das Publikum kicherte, hielt Charlotte kurz den Atem an. Ahnte Vicki etwas? Hatte Dr. Harmon Recht und Freddy Unrecht? Wem sollte sie glauben? Ihr Zustand verschlechterte sich eindeutig. Sie überstand kaum noch einen Tag ohne Kollaps.

Trotz Schwindels und verschwommener Sicht konzentrierte sie sich mit ganzer Kraft auf die Antwort. „Liebe Güte, das will ich doch nicht hoffen!“ Sie lächelte unbefangen in die Kamera. „Ich hoffe, Sie gehen alle in die Kinos, um meinen neuen Film anzuschauen.“

Vicki schien zufrieden, und das Publikum zeigte seine Zustimmung durch Applaus. Freddy nickte aus den Kulissen mit väterlichem Wohlwollen. Alle lächelten. Charlotte lehnte sich zurück und sah auf ihre Uhr. Es war vorüber. Sie hatte das Interview überstanden, ohne sich zu verraten. Ein paar heikle Momente lang hatte sie befürchtet, Vicki sei auf Sensation aus und versuche ihr wie einem schuldigen Zeugen vor Gericht ein Geständnis zu entlocken. Was für ein tolles Fernsehereignis das gewesen wäre – und das Ende einer Karriere.

Egal, dachte sie und ignorierte ihren Magenkrampf. In wenigen Minuten konnte sie heimfahren, sich in ihrem großen Himmelbett unter der Daunendecke zusammenrollen, noch ein paar Kräuterpillen nehmen und beten, dass es ihr bald besser ging.

„Wir haben nur noch Zeit für eine Frage.“

Im Publikum erhob sich ein Mann. Es lag etwas Vertrautes in der großen breitschultrigen Gestalt und dem zurückgekämmten schwarzen Haar. Geblendet durch die Lichter versuchte Charlotte nervös, den Mann genauer zu erkennen. Er kam näher, die Treppe herunter bis zum Bühnenrand. Mit jedem seiner Schritte atmete sie heftiger und verzweifelter.

Vicki, die eine Sensation ahnte, sah den Mann sich kühn der Bühne nähern. Sie öffnete den Mund, etwas zu sagen, doch entweder Instinkt oder eine plötzliche Erinnerung ließen sie schweigen. Mit einer raschen Handbewegung gebot sie dem Sicherheitsdienst Einhalt und ließ zu, dass sich Spannung im Publikum ausbreitete. Während die Kamera schwenkte, sanken die erhobenen Hände ringsum, und alle Augen richteten sich auf den gut aussehenden Mann am Bühnenrand, der die versteinerte Schauspielerin durchdringend ansah. Stille im Saal.

„Charlotte Godfrey“, sagte er mit klarer, vorwurfsvoller Stimme. „Du bist eine Betrügerin.“

Ein Raunen ging durch die Menge, und von weit her hörte Charlotte Freddys Aufforderung, diesen Irren zu entfernen.

Sprachlos starrte Charlotte in die undurchdringlichen dunklen Augen. Sie fand keine Worte, sie hatte kein Skript. Sie blieb stumm aus Verwirrung, aber mehr noch, weil sie überwältigt wurde von dem Schmerz, den dieser Mann ihr zugefügt hatte. Denn sie liebte niemanden mehr als Michael Mondragon.

Vicki beendete mit wenigen Worten rasch die Show und versprach einem verblüfften Publikum, sie werde für einen zweiten Interview-Termin sorgen.

Freddy musste gewaltsam zurückgehalten werden, doch Charlotte hörte trotz des allgemeinen Tumults sein wüstes Schimpfen. Mit letzter Kraft erhob sie sich würdevoll, stützte sich kurz am Sessel ab, drehte sich um und ging aus dem Scheinwerferlicht, weg von Freddy und vor allem weg von Michael Mondragon. Er rief ihr etwas nach. Es klang wie ein Befehl. Sie ignorierte ihn und ging schneller, lief fast, zurück in die Einsamkeit des grünen Raumes.

„Lassen Sie niemand ein“, befahl sie dem Wachmann. Der nickte und straffte die Schultern, als sie an ihm vorbeiging und die Tür hinter sich schloss.

Was mache ich nur? fragte sie sich immer wieder und ging auf und ab, die Hände am fiebrigen Gesicht.

„Charlotte!“ rief Michael vor ihrer Tür. Er schlug dagegen, dass das Holz vibrierte. „Mach auf! Wir müssen miteinander reden. Ich lasse nicht zu, dass du dein Leben wegwirfst!“ Die Tür bebte. „Charlotte!“

Dann Freddys Stimme. Jetzt riefen beide Männer ihren Namen. Sie warf sich aufs Sofa und bedeckte die Ohren. Die zwei keiften sich an wie Hunde, die ihren Besitz verteidigen. O Gott, schlugen sie sich etwa? Sie hörte entsprechende Geräusche und entsetzte Ausrufe von Vicki.

„Haut ab!“ rief Charlotte ihnen zu. „Lasst mich einfach in Ruhe!“

Sie rollte sich auf dem Sofa zusammen und zog zitternd die Knie an. Jeder Knochen in ihrem Körper schmerzte, jeder Muskel zitterte. „Geht weg!“ jammerte sie immer wieder, von Fieber geschüttelt. Sie konnte und wollte so nicht weitermachen. Sie würde weder auf Michael noch auf Freddy hören.

Hier ging es um ihr Gesicht, um ihr Leben. Sie musste diese Entscheidung allein treffen. Sie musste nachdenken, sich erinnern, dahin zurückkehren, wo alles begonnen hatte. Sobald sie den Widerstand aufgab, schien eine schützende Dunkelheit sie zu umfangen, und im Geist sah sie das Kind, an das sie während des Interviews erinnert worden war. Und sie hörte die hohe Stimme eines kleinen Mädchens, das immer wieder sagte: „Ich mache nicht mehr mit, okay?“

 

September 1976

Charlotte saß am Rande des Spielplatzes. Ihr gelbes Kleid hing lose um die Knie, und ihre Füße baumelten von der Bank. Sie summte vor sich hin und sah den anderen Kindern zu, die sich lachend in die vielen albernen und aufregenden Spiele stürzten, die ihr so vertraut waren. Doch niemand forderte sie auf mitzumachen.

Plötzlich sausten zwei kleine Mädchen, die sie gut kannte, an ihr vorbei und versteckten sich hinter der Bank. Charlotte saß aufrecht vor Anspannung. Die Wangen der hübschen Mädchen waren vor Aufregung gerötet, ihre Stimmen klangen schrill in gespieltem Alarm.

„Komm hier herunter, Charlotte“, flüsterte eine. „Sie werden dich sehen und unser Versteck erraten. Beeil dich!“

Charlotte sprang freudig auf. „Ich? Ich soll mitspielen?“

„Beeil dich!“

Sie wollten tatsächlich mit ihr spielen. Rasch kletterte sie hinter die grüne Holzbank und kauerte sich zu den beiden, die Hände aufgeregt gegen die Brust gepresst. Sie stellte sich vor, ihre eigenen Wangen seien so hübsch und rosig wie ihre. Als die Jungen sie entdeckten, kamen sie auf sie zu. Die Mädchen sprangen auf und rannten quiekend davon.

Charlottes Herz schlug fröhlich, während ihre kleinen Füße über den harten Grasboden flitzten. Sie lief mit ihnen, und sie war schnell! Sie spürte den Wind im Gesicht, der ihr das Kleid gegen die Beine presste. Sie hörte Schritte hinter sich und blickte sich kess um. Sie war eine der Klügsten in der Vorschule und zweifellos eine der Schnellsten. Der Junge, der sie verfolgte, lief vor Wut rot an.

Charlotte lachte auf und sprintete noch schneller. Während sie müder wurde, spürte sie jedoch eine Veränderung im Verhalten der Jungen. Die drei rotteten sich, offenbar frustriert, gegen sie zusammen. Wo waren die Mädchen?

„He, du bist schnell“, rief einer voller Zorn.

„Wie ein Pferd“, rief ein anderer.

„Ja, sie sieht auch aus wie ein Pferd!“

„He, Charley, du Pferd!“

Die Jungen platzten schier vor Lachen, hielten sich die Seiten und stießen mit den Schultern aneinander, während sie langsamer wurden. Der spontane Spitzname wurde zum Schlachtruf. „Fangt Charley, das Pferd!“

Die kleine Charlotte Godowski lief schneller, um das Lästern nicht hören zu müssen. Es war gemein, furchtbar gemein.

Sie hieß nicht Charley, sondern Charlotte, und das war ein schöner Name. Sah sie wirklich aus wie ein Pferd? Sie konnte doch nichts für ihr Aussehen. Warum sagten die das? Der Spitzname war verletzend, und das wussten sie. Sie schleuderten ihn ihr nach wie Steine. Charlotte bekam Angst, doch sie mobilisierte letzte Kräfte und lief weiter. Als sie die Tribünenbänke sah, rannte sie darauf zu. Sie würde sich verstecken wie vorhin.

Das war dumm, wie sie sofort feststellte, denn sie war von hinten durch einen Maschendrahtzaun gefangen. Wie eine Hundemeute kamen die Jungen von drei Seiten auf sie zu.

Instinktiv entfernte sich Charlotte vom Zaun. Die Jungen rotteten sich keuchend zusammen, Bosheit im Blick.

Sie kamen näher. Sie roch Süßigkeiten in ihrem Atem. Billys Turnschuhe waren verschmiert. Er hatte in einen Hundehaufen getreten. Der Wind trieb ihr den Gestank entgegen. Zitternd rümpfte Charlotte die Nase und blickte durch die Schlitze in den Bankreihen, zu den anderen spielenden Kindern. Deren hohen Schreie stiegen wie Vogelgezwitscher in den Himmel. Doch sie waren sehr weit weg.

Plötzlich fühlte sie sich schrecklich allein gelassen. Sie wollte zu ihrer Mutter, zu ihren Lehrern. Wo waren die anderen Mädchen? Sie mochte dieses Spiel nicht mehr, und sie wollte nicht mehr mitmachen.

„Okay“, sagte sie und streckte die Hände aus. „Jungs, ihr habt gewonnen.“ Sie lachte, doch es klang seltsam hoch.

Die Jungen sahen sich an und verlagerten nervös das Gewicht von einem Bein auf das andere. Einer ergriff das Wort, Billy. „Wenn wir dich fangen, dürfen wir dir die Hose runterziehen.“

Charlotte erbleichte und schnappte nach Luft. Von dieser Regel hatte sie noch nie gehört. Sie hätte nicht mitgemacht, wenn sie das gewusst hätte.

„Nee, nee, du Hundehaufenfuß“, wehrte sie kopfschüttelnd ab und wich mit vorgestreckten Händen zurück. Ihn so zu necken, war ein großer Fehler, wie sie an Billys wütendem Blick erkannte. „Ich habe es nicht so gemeint, Billy. Tut mir Leid. Ich mache nicht mehr mit, okay? Bitte.“

Billy übernahm die Führung, entschlossen, Stärke zu zeigen.

„Gucken wir mal, ob sie da unten auch so hässlich ist.“

Ihr stockte der Atem. Sicher hatte sie nicht richtig gehört. Sie starrte Billy verständnislos an. Hässlich? Wie konnte das sein? Ihre Mama sagte immer, sie sei hübsch. Erst gestern Abend an ihrem Bett hatte Mama für ihre Schönheit gebetet. Niemand hatte sie je hässlich genannt. Nein! Die wollten nur gemein sein.

Und doch wusste sie tief im Innern, dass es stimmte. Mit fünf Jahren musste sie sich das erste Mal im Leben ihrer Hässlichkeit stellen. Sie ließ die Arme sinken und starrte die Jungen gekränkt an.

Sobald die ihre Schwäche spürten, stürzten sie sich auf sie und zerrten sie zu Boden. In Panik trat sie nach allen Seiten aus und hörte zufrieden einige Schmerzlaute. Doch die drei waren ihr überlegen. Mit ihren klebrigen Händen hielten sie sie nieder. Sie begann zu weinen und flehte: „Nein, bitte nein!“

Mit ihren kurzen Nägeln zerkratzten sie ihr die Hüften, als sie ihr die geblümte Baumwollhose über die Schenkel herabzogen. Dann starrten sie mit offenen Mündern, erschrocken, dass sie es tatsächlich getan hatten.

Die Schulglocke läutete, und alle drei sprangen auf. Charlotte schluchzte, das Gesicht im Schmutz, und schmeckte ihre salzigen Tränen. Sie verabscheute diese Jungen und schrie im heftigsten Tadel einer Fünfjähringen: „Ihr seid böse!“

Schuldbewusst stießen die Jungen in betretenem Schweigen die Schuhspitzen in den Boden. In Augenhöhe sah Charlotte noch den verschmierten Hundedreck an Billys Schuhen. Im Aufschauen fing sie kurz seinen Blick auf, ehe Billy sich abwandte und zu den anderen Kindern rannte, die ins Schulgebäude strömten. Er hatte entsetzt ausgesehen. Der Verstand einer Fünfjährigen interpretierte das nicht als Entsetzen über die eigene Freveltat, sondern als Entsetzen über ihre Hässlichkeit – sogar da unten.

Gekränkt weinte Charlotte hemmungslos, und die Tränen liefen über ihr fliehendes Kinn in den Schmutz. Sie hasste Jungen. Sie waren gemein. Man durfte ihnen nicht trauen. Und sie mochte auch die Mädchen nicht mehr. Warum hatten die ihr nicht geholfen? Sie hätte ihnen geholfen. Das mussten sie doch wissen.

Sie richtete sich auf und entdeckte ein Gänseblümchen, das von den Jungen zertreten worden war. Behutsam richtete sie es auf und stützte die geknickte Blüte mit einem kleinen Erdhaufen. „Armes Blümchen.“

Sie ging nicht ins Schulgebäude, bis die Lehrerin sie holte und mit ihr schimpfte, weil sie das Läuten der Glocke ignoriert hatte. Sie sagte der Lehrerin, sie sei krank und wolle heim. Die Lehrerin sah ihr tränenüberströmtes Gesicht und glaubte ihr. Es war eigentlich nicht gelogen, aber Charlotte entschuldigte sich trotzdem bei Gott.

2. KAPITEL

Dezember 1991

Charlotte schloss, müde nach einer fünfstündigen Kostümprobe von A Christmas Carol, die Tür der Vierzimmerwohnung auf, die sie sich mit ihrer Mutter teilte. Um den Türgriff war die Farbe abgeblättert, und die einzige Lampe im Flur warf nur Dämmerlicht. Ein Heim für Scrooge, dachte sie mit unterdrücktem Lachen. Was für ein hektischer Tag. Ihre Stimme war rau vom Rufen, wenn sie dem gehetzten Regisseur antworten und Schauspielern Stichworte geben musste, die unfähig zu sein schienen, sich eine einzige Dialogzeile zu merken. Sie verstand nicht, wie man so nachlässig sein konnte. Sie kannte den gesamten Text. Ihr Gedächtnis war tadellos, und alle verließen sich auf die Hilfe der guten alten Charlotte, wenn sie stecken blieben. Vielleicht lag darin das Problem. Als Bühnenmanagerin musste sie es allen leicht machen – und darin war sie sehr gut.

Nicht dass sie hoffen konnte, selbst einmal eine Rolle zu übernehmen, obwohl sie das gern getan hätte. Sie würde hinter der Bühne bleiben müssen. Sie hatte ihr Schicksal und damit ihre Entstellung vor Jahren schon akzeptiert. Theater war jedoch ihr Leben, wenn auch nur als Teilzeit-Bühnenmanager der örtlichen Theatertruppe.

Ihr oblag es, sich um alles zu kümmern, was sonst niemand machen wollte. Eine lohnende Aufgabe für einen detailverliebten Menschen wie sie. Sie sorgte für Ordnung in den Garderoben und bei den Drehbüchern, sprang bei Proben ein, wenn ein Schauspieler fehlte, und machte allgemein gut Wetter, damit alle glücklich waren. Es machte ihr nichts aus, im Hintergrund zu bleiben. Bei ihrem Aussehen war das nicht anders möglich. Ihren größten geheimen Triumph feierte sie bei der aktuellen Inszenierung, als sie hinter der Bühne stehend, das Gesicht in die Scheinwerfer gereckt, den Text mit all dem Einfühlungsvermögen gesprochen hatte, das den Schauspielern fehlte.

„Mama, ich bin zu Hause!“ rief sie und ließ den Mantel auf die Bank bei der Tür fallen. Sie ging in ihr Zimmer, schloss die Tür und schaltete Musik ein, um ein paar Minuten allein zu entspannen, ohne dass jemand nach ihr rief. Nachdem sie sich ausgezogen hatte, fiel sie aufs Bett, genoss die kuschelige Wärme und wollte dort bleiben bis morgen, Sonntag, zur Frühmesse.

„Charlotte, du kommst spät!“ rief Helena, als sie eintrat. Die große, breitschultrige Polin, deren Rücken vom jahrelangen Putzen in fremden Häusern bereits leicht krumm war, sackte noch ein wenig mehr zusammen vor Erleichterung, weil ihr einziges Kind sicher heimgekehrt war. Mit siebenundvierzig war Helena Godowskis Gesicht so blass, durchscheinend und von Linien durchzogen wie altes Porzellan. Allerdings war sie stark genug, einen großen Porzellanschrank zu heben. Und ihre Körperkräfte verblassten noch im Vergleich zu ihrem eisernen Willen.

„Ich weiß, ich weiß. Tut mir Leid.“ Charlotte beeilte sich, ihre Mutter zu beschwichtigen. „Die Proben heute waren verrückt, und ich musste bleiben, bis alle den Text konnten. Vor einer Premiere ist das immer so.“ Sie fuhr sich mit einer Hand durch das Haar und schüttelte es aus. „Ich bin erledigt. Ich glaube, ich gehe früh zu Bett.“

„Zu Bett? Unmöglich!“ Helena hob den blau-rosa Plastikbehälter, den sie unter dem Arm trug. „Heute Abend ist eine schöne Party!“ Ihre Augen strahlten. „Ich habe mein Make-up geholt. Wir werden etwas Schönes ausprobieren.“

„O nein!“ stöhnte Charlotte und kniff entsetzt die Augen zusammen. Ihr Magen rebellierte, und sie hatte keinen Appetit mehr. „Die Büroparty. Die hatte ich total vergessen. Mom, ich bleibe lieber zu Hause. Heute läuft A Christmas Carol im Fernsehen, die alte Verfilmung mit Alastair Sim. Die beste. Und ich bin so müde.“

„Filme!“ grummelte Helena. „Immer nur Filme und Theaterstücke. Du bist nur Zuschauer, Tag und Nacht. Nie gehst du aus. Nur in dieses alberne Theater, das dir nicht genug bezahlt für das Fahrgeld. Das ist nicht gut für dich. Du musst leben in richtiger Welt. Du kannst dich nicht immer verstecken in deine Zimmer. So findest du nie eine Mann.“ Helena beugte sich herab, hob Charlottes Sachen auf, faltete sie und stapelte sie ordentlich auf dem Bett.

„Ach Mama, ich finde auch auf der Weihnachtsparty vom Büro keinen Mann. Da findet man höchstens Betrunkene.“ Schaudernd rieb sie sich die Arme bei der Aussicht auf eine weitere endlose Party mit spitzen Bemerkungen. „Also gut, ich gehe“, gab sie nach, als sie Helenas Enttäuschung bemerkte. „Aber nur, weil Mr. Kopp ein Memo geschickt hat, das uns alle zur Anwesenheit verpflichtet.“

„Dein Boss wird nicht zulassen, dass Party wird zu wild. Du wirst dich amüsieren. Mach dir keine Sorgen.“

Gerade ihr Boss, Lou Kopp mit den „flinken Händen“, war bei allen Frauen Anlass zur Sorge. „Ich versuche mich zu amüsieren“, versprach sie resigniert. „Falls ich etwas zum Anziehen finde.“ Sie suchte im Schrank, der voll gestopft war mit alten Schuhen, abgetragenen Kostümen und einer Sammlung staubiger Hüte. Ihre Mutter warf nie etwas weg. In allem steckte noch ein wenig Leben.

Sich begnügen war das Lebensmotto für Charlotte und ihre Mutter. Ihre Wohnung war klein und ohne jeden Charme. Aber sie lag bequem an einer Buslinie, und die Miete war gering. Also begnügte man sich damit.

Wenn die Wohnung auch nicht schön war, so war sie doch zumindest sauber. Das alte Linoleum glänzte, und der schlichte braune Teppichboden war makellos. Auch Charlottes alte Röcke waren tadellos, und an ihren Blusen fehlte nie ein Knopf. Das blassgrüne Resopal in der Küche war hässlich, aber strahlend wie Charlottes polierte Schuhe. Und jeder, der den schmalen Flur an der Harlem Avenue betrat, hob den Kopf und schnupperte mit geschlossenen Augen nach den delikaten Düften, die aus Apartment 2B kamen.

„Ich habe ein gutes Gefühl bei dieser Party. Du lernst vielleicht jemand kennen“, sagte Helena zufrieden lächelnd. „Ich habe dafür gebetet.“

Charlotte verdrehte die Augen und wandte ihr den Rücken zu, um in ein altes rotes Wollkleid zu steigen.

„Eine Frau braucht eine Mann, der auf sie aufpasst“, setzte ihre Mutter eifrig ihren Monolog fort. „Und sie muss für ihn und sein Heim sorgen. Und für seine Kinder. Die Ehe ist ein heiliger Stand, ein Sakrament. Ja, dafür bete ich.“ Ihre Stimme bebte vor Rührung. „Ich möchte nicht, dass du allein und unglücklich bist.“

Charlotte verharrte und hielt den Kleiderbügel fester. Im Spiegel sah sie sich, wie ihre Mutter sie nicht sehen wollte: eine dünne Zwanzigjährige, eine Hinterzimmerbuchhalterin, dazu verdammt, bis an ihr Lebensende mit ihrer Mutter in einer schäbigen Wohnung zu leben.

„Mom.“ Charlotte legte ihrer Mutter einen Arm um die Schultern. Sie wollte Trost spenden, obwohl sie ihn eigentlich selbst brauchte. „Mach dir um mich keine Gedanken. Ich kann für mich sorgen – und für dich. Wir werden nicht allein sein. Ich liebe dich.“ Sie küsste ihrer Mutter die eingefallenen Wangen.

Helena straffte sich, tätschelte ihr den Arm und schob sie sacht von sich. „Zieh dich besser an. Hübsch, ja?“

Charlotte wich rasch zurück. „Hübsch …“, wiederholte sie, gekränkt von dem Wort. Sie zog das Kleid über den Kopf und stöhnte, als die enge Taille ihr die Brüste quetschte. Entweder war das Kleid eingelaufen, oder ihr Busen war üppiger geworden, denn der Stoff presste ihn zusammen.

„Das kannst du nicht tragen zu Party!“ entschied ihre Mutter missbilligend.

„Scheint ein bisschen eng zu sein, ich weiß …“ Charlotte versuchte den Stoff über der Brust zu weiten.

„Ein bisschen? Ich kann sehen deine … du weißt schon.“

„Was?“ Charlotte drehte sich um und betrachtete sich im großen Spiegel. Das Kleid umschloss ihren großen schlanken Körper wie eine zweite Haut und hob ihre vollen Brüste üppig hervor.

Ihre Mutter zeigte errötend auf sie. „Da, die Spitzen. Sie stehen vor – wie Kleiderhaken!“

Charlotte lief rot an. Ihre Brustspitzen malten sich tatsächlich deutlich durch den Stoff ab. Sie zog die Schultern ein, doch das half nichts. Ihre Brüste ließen sich nicht verbergen. Charlotte seufzte. Warum musste sie so üppig ausgestattet sein? Der Busen war voll und die Taille schmal, eigentlich eine Traumfigur, um die sie von vielen beneidet wurde.

„Zieh was anderes an.“

„Ich habe nichts anderes, außer meinem Kirchenkleid. Und das alte braune Ding werde ich nicht zu einer fröhlichen Party tragen. Ich gehe nicht hin.“

„Du gehst. Eine Jacke vielleicht, um dich zu bedecken. Es ist Sünde zu provozieren.“

Provozieren war das Letzte, was sie wollte. Sobald sie eine schwarze Jacke über das anstößige Kleid gezogen hatte, entspannte sich ihre Mutter sichtlich und nickte zufrieden.

„Das geht. Du kannst gut Jacke tragen wie dein Vater.“

„Ich hoffe, er hatte nicht solche Brüste“, murmelte sie.

„Sprich nicht so von deinem Vater. Er war ein feiner Mann, ein feiner Mann“, wiederholte sie und strich sich den Pullover glatt wie gesträubtes Gefieder. „Er stammt aus einer vornehmen Familie in Warschau. Was für ein großes Haus sie hatten! Und Diener. Und seine Mutter, was für eine Lady. Diese Frau musste nie einen Finger rühren.“

Charlotte wandte sich ab und schlüpfte aus der Jacke. Sie passte nicht zum Kleid, aber wie immer würde sie sich damit begnügen. Sie hatte sonst nichts. Sie waren arm und waren es immer gewesen. Was hatte es für einen Wert, einer Familie zu entstammen, die mal reich gewesen war? Es war nur ein Märchen.

„Du ähnelst deinem Vater sehr“, fügte ihre Mutter wehmütig hinzu, glücklich in ihren Erinnerungen.

„Aber ich sehe nicht aus wie er.“

„Woher weißt du, wie er aussah?“

Charlotte zuckte die Achseln. Schon als Kind hatte sie es merkwürdig gefunden, dass es keine Fotos ihres Vaters gab. Alle Mitschüler hatten Alben mit Familienbildern. Sie hatte nichts.

„Du hast mir gesagt, er sah gut aus.“ Das war eine Herausforderung.

„Du bist so klug wie er“, lenkte ihre Mutter ein und zupfte sich den Pullover zurecht. „Und du hast seine Nase. Eine kräftige, noble Nase. Und du hast meine Augen, die Augen deiner Großmutter Sophie.“

Charlotte hörte zu und ließ den Blick im Spiegel von den vollen Brüsten über schmale Schultern und einen schlanken Hals zum Gesicht wandern. Sie litt oft unter ihrem Anblick und war einen Moment verblüfft. Sie hatte die großen, strahlend blauen Augen ihrer Mutter unter fein geschwungenen Brauen und die lange schmale Nase des Vaters. „Aber von wem“, fragte sie bitter, „habe ich dieses extrem fliehende Kinn und die hängenden Lippen? Wem darf ich für diese feinen Merkmale danken?“

„Schsch, Charlotte!“ flehte Helena mit fahlem Gesicht. „Du hast dein Aussehen von Gott.“

Charlotte schluckte ihre Erwiderung und senkte den Kopf, beschämt über ihren Zorn auf Gott. Außerdem wollte sie ihre Mutter nicht mit nutzlosem Ärger aufregen. Welche andere Wahl blieb ihr schon, als die Hässlichkeit der einzigen Tochter als gottgewollt hinzunehmen? Sie selbst betete jeden Tag darum, ihre Hässlichkeit akzeptieren zu können.

„Eines Tages“, begann ihre Mutter den Satz, der in diesem polnisch katholischen Haushalt geradezu ein Gebet war, „wirst du jemand kennen lernen. Einen netten Mann, der dich für all deine guten Eigenschaften liebt. Denn du bist ein gutes Mädchen, Charlotte.“

Charlotte presste die Lippen zusammen und wandte sich vom Spiegel ab. Diesen Jemand würde es nicht geben. Nicht für sie. „Die Jacke passt nicht unter meinen Mantel“, sagte sie mit bebender Stimme. „Ich nehme sie über den Arm.“

Ihre Mutter blickte müde auf die im Schoß gefalteten Hände. „Ja“, stimmte sie leise zu und spielte das Theater mit. „Mit der Jacke wird es gehen. Nette Mädchen brauchen sich nicht zur Schau zu stellen.“

Charlotte vergaß die Jacke. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sie auf der Bank neben der Eingangstür liegen. Wie konnte sie so vergesslich sein? Sie hätte sich ohrfeigen mögen. Eine Sekunde Nachlässigkeit bedeutete stundenlange Qual.

Sie wollte so schnell wie möglich nach Hause zurück. Sie würde sich kurz blicken lassen, damit ihr Boss sie sah, und sich dann entfernen. Charlotte blickte von der Tür in den Bankettsaal. Auf einer riesigen Drehbühne standen runde Tische, dekoriert mit künstlichen silbernen Weihnachtssternen und grünen und roten Bändern.

„Komm rein!“ rief jemand aus der Menge. Charlotte machte einen kleinen Schritt über die Schwelle und hielt sich den Mantel am Hals zusammen. Zur Melodie von „A Holly Jolly Christmas“ genossen die Feiernden dank langsamer 360-Grad-Drehung einen Rundumblick über Chicagos Skyline und Lake Michigan.

Alle waren da, von der Geschäftsleitung bis zum kleinsten Angestellten. McNally und Kopp war eine kleine Buchhaltungsfirma. Doch wenn man die Zahl der Angestellten mit zwei multiplizierte, brauchte man kein mathematisches Genie, um auf über hundert Leute zu kommen, die heute Abend hier Weihnachten feiern wollten. Und wie es klang, hatten die meisten bereits mehrere Gläser Alkohol intus.

In einer Ecke hatte sich eine Gruppe Männer in Anzügen an der Bar versammelt. Zwischen Lachen und Trinken suchten sie mit Blicken den Raum ab wie hungrige Tiere.

„Charley!“

Bei dem verhassten Namen zuckte Charlotte zusammen. Judy Riker, die Büroleiterin, kam auf sie zu. Ihr freizügiges rotes Paillettenkleid mit Spaghettiträgern hielt ihre Figur kaum zusammen. Mann, o Mann, dachte Charlotte schmunzelnd. Ihre Mutter wäre schockiert, so viel von Judys „du weißt schon“ zu sehen. Die Männer an der Bar bemerkten Judy auch, und Charlotte sah, wie sie sich einander zuneigten und über sie tuschelten.

„Ich wollte gerade gehen“, sagte Charlotte, als Judy sie erreichte.

„Gehen? Blödsinn. Du bist gerade erst gekommen. Komm schon, sei kein Mauerblümchen. Es wird Zeit, dass du dich ein bisschen amüsierst.“ Judy überredete die zögernde Charlotte, den Mantel abzulegen. „Junge, was für ein tolles Kleid“, sagte sie und konnte ihre Überraschung nicht verbergen. „Rot steht dir gut, Charley. Du solltest es häufiger tragen, nicht immer dieses fürchterliche Schwarz und Grau. Die Leute fragen schon, ob du in Trauer bist. Bei deinem langen blonden Haar ist Rot eindeutig deine Farbe.“

„Schließlich ist Weihnachten“, erwiderte sie errötend.

„Nun denn, fröhliche Weihnachten, Charley! Komm, holen wir uns etwas zu trinken. Getränke muss man bar bezahlen, diese Geizhälse. Man hätte meinen sollen, dass sie für Weihnachten was springen lassen. Ach, was soll’s, ich lade dich ein. Heben wir einen auf den guten alten Nikolaus.“

Judy spendierte Charlotte einen Weißwein und deutete in die Richtung des ihr zugewiesenen Platzes. Damit war ihr Job als Hostess getan, und sie verschwand in der Menge. Wieder allein, umklammerte Charlotte den Stiel ihres Weinglases wie einen Rettungsanker und suchte sich ihren Weg zum Tisch. Um dorthin zu gelangen, musste sie an der Bar vorbei. Ihr Mut sank.

Sie hatte früh gelernt, dass ein hässliches Gesicht ebenso viele Kommentare heraufbeschwor wie ein hübsches. Vielleicht sogar mehr. Die Schultern leicht eingezogen, ließ sie das Haar in geübter Tarnung nach vorn fallen. Sie stellte sich vor, auf der Bühne zu sein, suchte sich einen Punkt in der Ferne und ging zur Hintergrundmusik von „Babes in Toyland“ darauf zu.

Als sie an der Bar vorbeikam, verstummten die rowdyhaften Männer. Sie hielt den Atem an und flehte zum heiligen Antonius, sie vor Schweinen zu schützen. Das Weinglas umklammernd fand sie ihren Platz und schlüpfte rasch auf die Vinylpolsterung. Sie wollte soeben dem heiligen Antonius danken, als sie einen Mann auf sich zusteuern sah, und wandte das Gesicht ab.

„Entschuldigen Sie“, sagte er neben ihr, „sind wir uns schon begegnet?“

Es war ihr Boss, Lou Kopp. Fröstelnd drückte sie sich tiefer in den Sitz und legte eine Hand ans Gesicht. Von der Bar kamen Anfeuerungsrufe: „Nur zu, Lou!“

Sie fühlte sich wie ein Tier in der Falle. Jahre der Demütigung hatten sie jedoch gelehrt, nie Angst zu zeigen. Sie atmete tief durch und drehte ihm langsam das Gesicht zu. Ihr Haar fiel zurück. Lou Kopps Miene verriet Verwirrung, dann Fassungslosigkeit, und sein Lächeln erstarb.

„Was zum Teufel …“

Sie fühlte sich wie geohrfeigt. „Ich heiße Charlotte Godowski“, sagte sie scheinbar ungerührt. „Sie erinnern sich vielleicht an mich. Ich bin Buchhalterin in Ihrer Firma.“

Dröhnendes Gelächter von der Bar. „Mann, heute ist deine Glücksnacht! He, wir haben Weihnachten und nicht Halloween!“

Nach jeder Gemeinheit erklang wieder lautes, verletzendes Gelächter. Charlottes Verteidigung bestand darin, das ebenso zu ignorieren wie die mitfühlenden Kommentare der Frauen in Hörweite. Doch im Innern war sie tief gekränkt.

Als sie Lou Kopp an die Bar zurücktorkeln sah, wo er mit aufmunterndem Rückenklopfen empfangen wurde, wusste sie, dass dieser Abend so verlaufen würde wie viele andere. Die bösen Jungs hatten endlich ein Opfer, an dem sie ihre Frustrationen auslassen konnten, weil sie bei den hübschen Frauen nicht ankamen.

Charlotte stand auf und drängte sich an den Betrunkenen vorbei. Die stießen sich kichernd an. Judy Riker eilte ihr an der Tür entgegen.

„Charlotte, ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wenn wir vielleicht …“

„Bitte.“ Sie hob die Hand, um Judys Gestammel zu unterbinden. „Frohe Weihnachten, Judy. Gute Nacht.“

Zu einem Lächeln konnte sie sich nicht durchringen. Sie nahm rasch ihren Mantel, bedeckte damit das verhasste rote Kleid und drückte den Fahrstuhlknopf. Die Glocke ertönte prompt, und sie betrat die Kabine. Nachdem sie den Knopf für das Erdgeschoss betätigt hatte, schloss sie die Augen, erleichtert, allein zu sein. Die Türen wollten sich gerade schließen, als sich noch ein Mann hineindrängte. Die Türen prallten gegen seine Schultern und sprangen wieder auf.

Sie öffnete die Augen und sah Lou Kopp.

„Wollen Sie in die Garage?“ fragte er und drückte den G-Knopf.

Sie schwieg. Ihr Herz pochte wild, und sie atmete rascher. Jetzt saß sie wirklich in der Falle und begann ein stilles Gebet.

„Hören Sie, was da eben passiert ist …“

Sie betete weiter.

„Es tut mir Leid.“

Sie hielt im Gebet inne. Hatte er sich wirklich entschuldigt?

„Was wir da eben abgezogen haben, war schrecklich. Ein paar von den Jungs waren betrunken. Nicht dass das eine Entschuldigung wäre“, räumte er schnell ein. „Als ihr Chef übernehme ich die volle Verantwortung. Bitte, Miss Goz… Nehmen Sie meine Entschuldigung an.“

Charlotte versuchte seine Miene zu deuten. Lou Kopp war kein gut aussehender Mann. Glatt war das Wort, das ihn am ehesten beschrieb. Seine Augen sprachen jedoch für ihn, himmelblau und strahlend, wenn er lächelte wie jetzt. Du bist die Letzte, die jemand nach dem Äußeren beurteilen sollte, schalt sie sich und akzeptierte seine Entschuldigung mit einem Nicken.

„Wie kann ich es wieder gutmachen?“

„Sie haben sich entschuldigt“, erwiderte sie und blickte geradeaus. „Das genügt.“

„Nein, tut es nicht. Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“

„Nein, danke.“

„Wie kommen Sie nach Haus?“

„Ich nehme ein Taxi. Es ist nicht weit.“ Sie hatte vor, die Bahn zu nehmen.

„Sie werden nie ein Taxi bekommen. Es ist Weihnachten, ein Freitagabend. Ausgeschlossen. He, ich sag Ihnen was. Ich fahre Sie heim. Was halten Sie davon? Es ist das Wenigste, was ich tun kann.“

„Das ist nicht nötig“, wehrte sie ab.

„Natürlich ist es das. Ich fahre Sie heim. Es ist keine große Sache. Außerdem bin ich Ihr Chef. Ich sollte mich um meine Angestellten kümmern.“

Sie hatte keine Zeit zu antworten. Im vierten Stock öffneten sich die Fahrstuhltüren, und ein großer Mann in einem konservativen blauen Wollmantel trat ein. Die Kabine schien zu schrumpfen. Sie musterte den Fremden verstohlen und fasziniert.

Er hatte einen wunderbar gebräunten Teint, hohe Wangenknochen und eine Maya-Nase, die ihm etwas Strenges verlieh. Das dichte schwarze Haar war relativ lang und berührte den weißen Hemdkragen. Das Fesselndste an ihm war jedoch diese Aura des Gentleman, die augenblicklich beruhigend auf Frauen wirkt, weil sie wissen, dass von ihm keine Gefahr droht. Ein Duft nach Sandelholz erfüllte die kleine Kabine.

Während sie weiter hinabfuhren, hielt er die schmalen, unberingten Hände vor sich gefaltet. Im Gegensatz dazu fingerte Lou Kopp in seiner Tasche an Münzen herum. Im Erdgeschoss angelangt, hielt der Fremde ihr in einer ritterlichen Geste die Tür auf. Geschmeichelt wollte sie an ihm vorbeigehen. Plötzlich spürte sie Lou Kopps Hand auf ihrem Arm und verharrte befangen. Der Blick des Mannes wanderte von Lous Hand auf ihrem Arm zu ihren Augen. „Wollten Sie hinaus?“ fragte er höflich mit tiefer Stimme und dem deutlichen Unterton, dass er ihr wenn nötig helfen würde.

„Ich sagte, ich fahre Sie heim“, beharrte Lou und griff fester zu. Er war ihr Chef, und sie fügte sich seiner Autorität.

„Danke“, antwortete sie dem Fremden. „Alles in Ordnung.“

Der Mann wirkte skeptisch, nickte aber wortlos und stieg aus. Die Türen glitten hinter ihm zu.

„Lausiger Latino!“ schimpfte Lou. „Für was hält der sich?“

Für einen Gentleman, dachte sie und blickte mit dem Gefühl, völlig verlassen zu sein, auf ihre Schuhspitzen.

Schweigend fuhren sie eine weitere Etage hinab. Wortlos führte Lou Kopp sie in die dämmerig beleuchtete Garage. Die schmutzigen Zementwände waren mit allerlei Schmierereien verunziert, und die kalte Luft war mit Abgasen gefüllt. In einer Ecke erreichten sie einen großen grauen Oldsmobile. Lou öffnete die Türen, und sie stiegen ein.

Lou ließ den Motor an, doch der keuchte, spuckte und erstarb in der bitteren Kälte. „Verdammt, ist das kalt. Man kann kaum das Metall anfassen.“

Charlotte antwortete nicht, sondern krümmte die Zehen in ihren Schuhen. Schließlich sprang der Motor an, lief jedoch so ungleichmäßig, dass der ganze Wagen vibrierte. „Guter alter amerikanischer Wagen“, triumphierte Lou und rieb sich die Hände. Sein Atem kondensierte zu Dampfwolken, und ein Geruch nach Brandy hing in der Luft. Charlotte drückte die Nase in ihren Mantelkragen und steckte die eisigen Finger unter die Arme. Heute war eine jener arktischen Chicagoer Nächte, wo einem die Nase zufror.

„Ja, saukalt ist das“, wiederholte er und sah sie mit einem Funkeln in den Augen an. „Und der Wind macht es noch eisiger.“

„Scheint so“, bestätigte sie scheu und zitterte. Die schwache Beleuchtung in der Garage ließ die Haut blass und kränklich erscheinen. „Vielleicht sollten wir warten, bis der Motor warm gelaufen ist.

Lou holte einen kleinen Flachmann aus seiner Westentasche, der silbern im Licht aufblitzte. „Immer vorbereitet sein“, sagte er und schraubte zwinkernd die Kappe ab. „Das wird uns ein bisschen wärmen, was?“

Charlotte schüttelte den Kopf, als er ihr davon anbot. Sie mochte jetzt keinen Alkohol.

Stirnrunzelnd setzte er die kleine Flasche an die Lippen und trank einen Schluck. Danach seufzte er behaglich und sah sie forschend an. „Sie denken doch nicht etwa, dass ich Sie betrunken machen will, oder?“

„Natürlich nicht, Mr. Kopp“, versicherte sie rasch, peinlich berührt, weil er sie für eine prüde Gans hielt.

„Ich wollte Sie nur ein wenig aufwärmen und etwas weihnachtliche Fröhlichkeit verbreiten.“ Er nahm den Flachmann wieder an die Lippen und trank. „Wie wäre es mit etwas Musik?“ Er langte hinüber und schaltete das Radio ein. Wieder erklang „A Holly Jolly Christmas“.

„Ist der Motor noch nicht so weit?“ fragte sie mit hoher, angespannter Stimme.

„Nein, der läuft noch nicht rund genug. Draußen ist es kälter als ‘ne Hexentitte.“ Sein Blick wanderte zu ihren Brüsten. „Wo wir gerade davon reden. Sie hatten heute Abend ein sehr schönes Kleid an. Sie sind ein richtiger Wolf im Schafspelz, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Charlotte drückte sich tiefer in den Sitz.

„Sie sind mir vorher nie aufgefallen“, fuhr er fort. „Sie sind ein richtig nettes Mädchen, richtig nett, wissen Sie? Wie heißen Sie noch mal?“

„Charlotte. Charlotte Godowski.“

„Charlotte …“ Er sagte den Namen langsam. „Charl…“ Er hielt inne und lächelte erstaunt. „Charley?“

Sie sah aus dem Fenster und erkannte ihr pferdeähnliches Spiegelbild in der Scheibe.

„Wie kommt es, dass Sie von allen Charley gerufen werden, wo Sie einen so schönen Namen haben? Charlotte klingt so, ich weiß nicht, elegant.“

„Der Name passt nicht richtig zum Gesicht“, erwiderte sie.

„He, was reden Sie denn da?“

Sie war verblüfft, dass er sie verteidigte, und sog sein unterschwelliges Kompliment begierig auf.

„Erzählen Sie, wie kam es zu dem Spitznamen?“

„Ein Junge gab ihn mir, und er blieb an mir haften.“ Fangt Charley, das Pferd! Sie erinnerte sich, wie oft sie, begleitet von Gekicher und Gelächter, den Pultdeckel gehoben und Karotten oder Zuckerstücke darunter gefunden hatte.

„Na ja, ich denke, Charley ist ein anständiger Name. Hier.“ Er schenkte eine Kappe Brandy ein und reichte sie ihr. „Frohe Weihnachten, Charley.“

Er lächelte sie an und war richtig nett. Sie begann sich zu fragen, ob sie ihn nicht falsch eingeschätzt hatte. Vielleicht litt er wie sie unter Spott und Mobbing und suchte nur eine freundliche Seele, seine Einsamkeit zu vertreiben. Wie sie wusste, war er nicht mehr verheiratet.

„Vielleicht sollte ich wirklich“, sagte sie in einem Anflug von Abenteuerlust und nahm ihm scheu lächelnd die kleine Kappe aus der Hand.

„Sie haben ein richtig nettes Lächeln, Charley.“

Das erste echte Kompliment ihres Lebens trieb ihr die Röte ins Gesicht. Sie führte die eisige Kappe an die Lippen und trank. Der Brandy war mild und erzeugte Wärme im Bauch und im ganzen Körper.

„Sehen Sie? Ich hatte Recht. Er wärmt das Blut.“ Lächelnd füllte er die Kappe wieder auf. „Bringt die Säfte in Wallung.“

Charlotte lächelte tapfer und schluckte noch einen Brandy mit geschlossenen Augen. Es gefiel ihr. Der feurige Geschmack nach fermentierten Pflaumen kitzelte Nase und Bauch. Als sie die Augen wieder öffnete, lächelte Lou sie immer noch an. Sie betrachtete sein unebenmäßiges Gesicht mit Nachsicht und suchte wohlwollend nach Hinweisen auf Integrität und Güte, die ihr bisher entgangen waren. Nein, ein gut aussehender Mann war er wirklich nicht. Aber die Aufmerksamkeit eines gut aussehenden Mannes hätte sie auch niemals erwartet. Reichte es nicht, wenn er ein gütiges Herz hatte?

„Wird Ihnen nicht langsam warm hier drin? Warum ziehen Sie den dicken Mantel nicht aus? Dann feiern wir hier eine kleine Party.“

„Nein!“ stieß sie hervor. „Mir ist immer noch kalt.“

„Ich wärme dich.“ Lou beugte sich hinüber und presste seinen Mund auf ihren.

Charlotte war so überrascht, dass sie einfach stillhielt. Dann dämmerte ihr: Mein Gott, ich werde tatsächlich geküsst! Jahrelang hatte sie es sich nur vorgestellt, und jetzt erlebte sie es entgegen aller Erwartung. Sie müsste ihn zurück- und zurechtweisen, doch wem schadete schon ein kleiner Kuss?

In der Kälte der Nacht analysierte sie distanziert, was sie empfand. Seine Lippen fühlten sich trocken und spröde an und schmeckten nach Brandy. Trotzdem war es nicht übel. Sie entspannte sich und spürte ein eigenartiges Kribbeln, das sich in ihr ausbreitete, wie die Wirkung des Alkohols. Eine kleine Flamme züngelte in ihrem Bauch und tiefer, an ihrem geheimsten Ort. Ihren ersten Kuss zu erleben, machte sie geradezu übermütig.

„Na bitte“, murmelte er zufrieden, schob ihr den Mantel von den Schultern, beugte sich über sie und lächelte lieb. Sie erwiderte das Lächeln zögernd. „Du solltest solche Kleider häufiger tragen, Charley. Sie stehen dir und zeigen die da.“ Sein Blick wanderte zu ihren Brüsten. Er umschloss sie mit den Händen, wog ihre Fülle und seufzte lustvoll. „Die sind groß, und alles echt. Wir waren nicht sicher, ob die echt sind.“

Er presste die Lippen wieder auf ihre, und sie wusste, warum er „flinke Hände“ genannt wurde. Während sie ein neuerliches Kribbeln durchströmte, fragte sie sich, ob sie das Ganze nicht lieber beenden sollte. Aber sicher war das alles harmlos. Sie hörte die Mädchen im Büro dauernd über Knutschereien reden. Warum sollte sie das nicht auch erleben?

Plötzlich wich Lou zurück und öffnete seinen Gürtel. Als sie ihn zum Hosenreißverschluss greifen sah, wusste sie, dass sie zu weit gegangen war. Sie wollte sich auf nichts einlassen, was mit geöffneten Hosen zu tun hatte.

„Ich denke, wir sollten aufhören.“ Sie stemmte sich mit den Ellbogen gegen ihn.

„Nein … noch nicht. Der Spaß fängt doch gerade erst an.“ Das Öffnen des Reißverschlusses klang laut in der Dunkelheit.

„Ich sagte, es reicht!“ Ihre Stimme war so klar und kalt wie die Nacht.

„He, Baby, nicht so schnell! Du bist eine ganz Wilde, was? Ich bin bereit für dich.“ Er schnappte sich ihre Hand und legte sie an seine Erektion. „Spürst du das? Was meinst du? Ich bin hart wie Stein, Baby. Ich gebe dir ein richtig schönes Weihnachtsgeschenk.“

Entsetzt riss sie die Hand zurück. Wo war der Funken Güte geblieben, den sie bei ihm entdeckt zu haben glaubte? Wie hatte sie sich entgegen besserem Wissen dazu verleiten lassen, ihm zu trauen? Ihre Illusion zerstob, und Lou Kopp verwandelte sich wieder in das gierige Monster, das er war. Angstvoll setzte sie sich gegen ihn zur Wehr. Doch er spreizte ihr die Beine, und als er eine Hand unter das Taillenband ihres Slips schob, fühlte sie sich verloren.

Sie schrie, aber er bedeckte ihren Mund mit der Hand. „Ich wette, ich bin der Erste.“ Als er das Entsetzen in ihren Augen las, lachte er auf. „Dachte ich mir. War mir klar, dass die Jungs nicht gerade Schlange stehen bei dir. Du hast einen tollen Körper, Kleines, aber ich schwöre, man sollte dir einen Sack über den Kopf stülpen.“

Tränen der Verzweiflung kamen ihr.

„Nicht weinen, Baby. Es wird dir gefallen.“ Er öffnete die Hose und zog sein hartes Glied heraus. Über ihr Entsetzen lachte er vulgär.

Charlotte biss ihm in die Hand, warf den Kopf zurück und schrie laut: „Nein!“

Er schlug sie, hart und unerwartet.

„Halt den Mund!“ knurrte er wütend. „Du spielst besser mit, oder du verlierst deinen Job. Außerdem bist du so hässlich, dass du mich dafür bezahlen müsstest.“

Sie lag da und spürte, wie ihr der Stoff über Hüften und Schenkel gezogen wurde. In hilflosem Entsetzen schien sie sich von ihrem Körper zu entfernen. Sie dachte an damals im Kindergarten, als ihr etwas Ähnliches zugestoßen war. Und jetzt lag sie hier, auf einem stinkenden Autositz, in einer schmutzigen Garage und ließ zu, dass Lou Kopp ihr das antat.

Ein Ruck durchfuhr sie. Der aufgestaute Zorn von fünfzehn Jahren, in denen sie sich gewünscht hatte, sich damals heftiger gewehrt zu haben, mobilisierte ungeahnte Kräfte.

Lou Kopp lehnte sich zurück und spuckte sich in die Hand. „Das macht es leichter.“

Wütend ballte sie entschlossen eine Hand zur Faust. „Nein!“ schrie sie und schlug ihm mit aller Kraft gegen das Kinn.

Lou schrie auf, fiel zurück und schlug sich die speichelbedeckte Hand gegen das Kinn. Sie nutzte ihre Chance, hob das rechte Bein und trat wie ein Pferd gegen das, worauf er eben noch so stolz gewesen war. Lou heulte auf vor Schmerz und klappte zusammen.

Sie vergeudete keine Sekunde, riss mit einer Hand die Tür auf, stieß sich ab, fiel rückwärts aus dem Wagen, verlor ihre Schuhe und landete auf dem harten kalten Boden. Sie rappelte sich auf, zog die Strumpfhose hoch, schnappte sich ihre Tasche und rannte barfuß zur Treppe. Ein kurzer Blick zurück zeigte ihr einen stöhnend und fluchend auf dem Vordersitz zusammengekauerten Lou Kopp. Ein verwundeter Wolf, der den Mond anheulte.

Ich habe mich gewehrt! triumphierte sie voller Rachegelüste und lief zur Treppe. Sie würde sich nie mehr ducken und nie mehr feige sein. Sie hatte sich lange genug in Selbstmitleid gesuhlt.

Draußen auf dem Bürgersteig sog sie die frische, kräftigende Luft ein. Die eisige Kälte brannte ihr in den Lungen, reinigte sie. Barfuß, Mantel und Tasche in den Händen, hob sie das Gesicht zum sternenklaren Himmel.

„Ich bin jemand!“ rief sie den Sternen zu und an Gott gerichtet: „Ich akzeptiere das Schicksal nicht, das du mir zugedacht hast. Ich schwöre bei allem, was mir heilig ist, ich werde es ändern. Und wenn du so etwas wie Gnade kennst, hältst du mich nicht davon ab.“ Sie holte tief Luft, leicht erschrocken über die plötzliche Stärke. „Und wenn du versuchst, mich aufzuhalten“, drohte sie Fäuste schwingend dem Himmel, „werde ich dir trotzen!“

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