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Das verlassene Kind

Dr. med. Daniel Dufour

 

Das verlassene Kind

 

Gefühlsverletzungen aus der Kindheit
erkennen und heilen

 

 

 

Aus dem Französischen von
Susanne Engelhardt

 

 

 

 

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Einleitung

Einleitung

arum sich mit dem Verlassenwerden in der Kindheit befassen, wo doch schon so viel über den Menschen und seine Leiden, aber auch über seine Schönheit und seine Fähigkeit zur Liebe zu sagen ist? Ganz einfach deshalb, weil mir während meiner zwanzig Berufsjahre als Arzt mit eigener Praxis die Erfahrung des frühen Verlassenwerdens als eine der häufigsten Ursachen für die seelischen Leiden meiner Patienten erschienen ist. Und bereits vor dieser Zeit wurde ich im Rahmen meiner Tätigkeit als Lazarettarzt für verschiedene Hilfsorganisationen mit den verheerenden Folgen von Kriegen und Intoleranz konfrontiert. Ich habe Menschen erlebt, die ihre Eltern oder Kinder verloren hatten oder vertrieben worden waren, solche, die aus politischen Gründen eingesperrt wurden, oder Leprakranke, die aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden sind, und natürlich Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten, die von den herrschenden Mächten verfolgt wurden. Dennoch habe ich sehr lange gebraucht, um bestimmte Reaktionen der meisten dieser Personen zu verstehen, Reaktionen, die ich zwar auffällig fand, die aber doch zutiefst menschlich waren. Ich habe sehr lange gebraucht, um zu verstehen, dass sie früh verlassen wurden und dass sie darunter auch noch in ihrem späteren Leben litten.

Es versteht sich von selbst, dass die Leiden anderer gewisse Saiten in einem selbst zum Schwingen bringen, und ich musste feststellen, dass auch ich an diesem Verlassenwerden litt, auch wenn bis dahin nichts in meinem Leben zu dieser Überzeugung Anlass gegeben hatte. Wahrscheinlich, weil ich mich damit begnügte, die Umstände und die Tatsachen von außen zu betrachten.

Einstellung, Verhalten und Reaktionen eines Gegenübers zu beobachten genügt bereits oft für die Erkenntnis, dass der- oder diejenige darunter leidet, verlassen worden zu sein. Die Häufigkeit dieses »Leidens« überrascht mich, genau wie seine multiplen Ursachen und die Erkenntnis mich überraschen, dass die betroffenen Personen sich dieser Ursachen meist gar nicht bewusst sind. Im Rahmen meiner eigenen Tätigkeit spreche ich nur sehr wenig vom Phänomen des Verlassenwerdens und nenne es auch selten beim Namen. Worte sind hier in der Tat nicht entscheidend. In meinen Augen ist es viel wichtiger, genau zuzuhören, einfühlsam und mitfühlend zu sein, offen zu bleiben und sich jeglichen Urteils in Bezug auf ein Leiden zu enthalten. So durfte ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre eine ganze Reihe von Patienten und Patientinnen erleben, welche die mit dem Verlassenwerden verbundenen Verletzungen überwanden und gesund wurden, ohne sich überhaupt bewusst gewesen zu sein, dass sie von diesem »Leiden« betroffen waren: Sie haben einfach erkannt, dass sie nicht so geliebt wurden, wie sie es in ihrem Leben gerne gehabt hätten. Und die Genesung war ihnen möglich, weil sie sich eine ganz bestimmte Daseins- und Handlungsweise angeeignet haben, um die es in diesem Buch gehen wird.

Diese Daseinsweise ist der wesentliche Grund dafür, warum ich das Bedürfnis hatte, dieses Buch zu schreiben und über das Thema zu sprechen – nicht etwa, um diejenigen als »krank« abzustempeln, die zwar Symptome des Verlassenwerdens zeigen, sich aber gar nicht bewusst sind, dass sie leiden und deshalb auch keinen Rat suchen (diese Personen werden das Buch ja sowieso nicht lesen!), sondern um all jenen beizustehen, die deutlich spüren, dass etwas in ihren Beziehungen oder in ihrem Sozialverhalten nicht rund läuft. Ja, beistehen möchte ich all jenen, die sich aufgrund dieses Leidens wiederholt mit den gleichen Ängsten und negativen Reaktionen konfrontiert sehen, sowohl im Privat- als auch im Berufsleben.

Das ist die wesentliche Aufgabe, die in diesem Buch vor uns liegt. Ich bitte Sie jedoch darum, nicht zu vergessen, dass allein der Betroffene in der Lage ist, die nötigen Schritte zu seiner Genesung zu machen, und dass der Weg, welcher ihm hierfür zur Verfügung steht, und der Grund all seiner Bemühungen für ihn genau wie für jeden anderen Menschen derselbe ist: Es ist die Liebe.

Kapitel 1: Die Ursprünge des Verlassenwerdens

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Kapitel 1:

Die Ursprünge
des Verlassenwerdens

Verlassenwerden, Verlassenheitsneurose, Zurückweisung: einige Orientierungshilfen

orte sind nie unschuldig, und bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass sie von entscheidender Bedeutung sind, wenn es darum geht, Lebewesen und Dinge zu definieren. Das französische Wort »abandon« ist germanischen Ursprungs und bedeutet »in der Macht von«; das daraus abgeleitete Verb »abandonner« verweist auf »laisser à bandon«, einen Ausdruck aus dem Altfranzösischen, der bedeutet, dass man einem anderen den Einfluss über etwas oder jemanden überlässt und ihm die Macht abtritt. Die Formulierung »jemandem etwas überlassen« trifft den Kern von »abandon« und verdeutlicht, wie es zum Beispiel dem Bauern im Mittelalter erging, wenn er seine Ernte abtreten musste, um dem allmächtigen Lehnsherrn, dessen Ländereien er bewirtschaftete, den Zehnten zu zahlen. Und von »überlassen« zu »verlassen« ist es nur ein Schritt. Das Verb »abandonner«, also »verlassen«, bedeutet aber auch im Stich lassen, vernachlässigen, aufgeben, ablehnen, ausgrenzen, zurückweisen. In einem französischen Wörterbuch findet sich folgende Definition für das Wort »abandon«: »vernachlässigt oder aufgegeben werden« 1.

Etwas aufzugeben bedeutet somit, etwas unversorgt zu lassen, unordentlich und ungeschützt; Ländereien, die man brachliegen lässt, sind aufgegebene Ländereien. Dieser Zustand ist dem Zustand vergleichbar, in dem sich ein verlassener, aufgegebener Mensch wiederfinden kann: unversorgt und vernachlässigt, weil andere sich nicht für ihn interessieren. Etymologisch gesehen findet sich im Wort »abandon« auch das Wort »ban«, das im Mittelalter jenes Gebiet bezeichnete, das der Gerichtsbarkeit eines Lehnsherrn unterstand. Dieser Ausdruck wird noch heute in Frankreich benutzt, vor allem im Elsass, wo man damit Ländereien bezeichnet, die auf dem Territorium einer Gemeinde liegen. Der Verlassene ist somit jemand, der sich außerhalb dieses »ban« wiederfindet, also außerhalb des Gemeindeterritoriums, und der nicht zur Gemeinschaft gehört oder von dieser nicht als Zugehöriger anerkannt wird. Anders gesagt, er wird mit einem »Bann« belegt, also von der Gesellschaft für unwürdig befunden; er wird »verbannt« und hat kein Aufenthaltsrecht. Und genau das empfindet auch ein verlassenes Kind: Es fühlt sich aus dem Familienkreis ausgeschlossen, verbannt, von der Gesellschaft mit einem Bann belegt.

Wenn wir uns nun noch dem Begriff »Banlieue« zuwenden, der im Französischen Vororte bzw. Vorstädte bezeichnet und in dem wir das Wort »ban« wiederfinden, können wir auch verstehen, was die Bewohner einer solchen Banlieue manchmal empfinden mögen: Sie haben das Gefühl, abseits zu stehen, auf Distanz gehalten zu werden, verbannt zu sein von dem anderen Teil der Gesellschaft, jener, die in der Stadt wohnt. Oft ist auch die Rede vom »Zustand der Vernachlässigung«, in dem sich so manche dieser Vorstädte befinden, und viele der Vorstadtbewohner sehen sich als Opfer einer kollektiven Ausgrenzung, die von der Gesellschaftsschicht ausgeht, welche Geld und Einfluss besitzt. Was in einigen Vorstädten in Frankreich und anderswo vor sich geht, in Randgebieten, die von der öffentlichen Hand ganz besonders vernachlässigt werden, entspricht auf kollektivem Niveau genau dem, was – wie wir sehen werden – auch für das Individuum zutrifft.

Das Gefühl des Verlassenseins

Sich von seinem Mann, seiner Frau, seinem Kind, der Mutter, dem Vater, der Gemeinschaft oder den Freunden verlassen zu fühlen bedeutet, sich isoliert zu fühlen, sich selbst überlassen zu sein. Es ist wichtig zu betonen, dass dieses Gefühl keine grundlegende Emotion (wie z. B. die Wut) ist und dass es je nach Person besser oder schlechter ertragen wird. Erträgt man es schlecht, dann äußert sich dieses Gefühl des Verlassenseins in einer Reihe körperlicher und seelischer Beschwerden, die von leichter Beklommenheit bis zu Ängsten, von Depressionen bis zu Aggressionen reichen können. Doch es sind die Selbstentsagung und der Rückzug in sich selbst, die am stärksten ausgeprägt sind. Ein Mensch, der sich verlassen fühlt, wird sich auch ausgegrenzt vorkommen, um nicht zu sagen unwürdig. Begriffe wie »Verbannter« oder »Bandit«, in denen auch wieder das Wort »Bann« (französisch »ban«) enthalten ist, sind Ausdruck für das, was der Verlassene häufig empfindet: Schuldgefühle und eine ausgeprägte Selbstabwertung. Aus dieser Abwertung leitet er ab, dass er es nicht wert ist, geliebt zu werden, auch wenn es sich dabei nur um eine Sichtweise handelt, die ein Resultat seiner »Denke« ist. Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass ich mit der »Denke« all jene Schutzwälle meine, die wir errichten, um uns vor den Leiden zu bewahren, die uns von der Außenwelt zugefügt werden. Zu diesen zählt auch das Leid, das mit dem Verlassenwerden einhergeht. Ich werde noch auf diesen Punkt zu sprechen kommen 2.

Die Verlassenheitsneurose

In der Psychiatrie versteht man unter Verlassenheitsneurose oder auch Verlassenheitssyndrom die Gesamtheit der Symptome, die ein Verlassener zeigt. Die Psychoanalytiker Jean Laplanche und J.-B. Pontalis schreiben: »Von Schweizer Psychoanalytikern (Charles Odier, Germaine Guex) eingeführter Terminus, um ein klinisches Bild zu bezeichnen, bei dem die Verlassenheitsangst und das Sicherheitsbedürfnis vorherrschen. Es handelt sich um eine Neurose, deren Ätiologie präödipal sein soll. Sie muss nicht notwendigerweise mit einem Verlassenwerden in der Kindheit verbunden sein. Die Patienten mit dieser Neurose werden »abandonniques« genannt.« 3 Diese Neurose wird an anderer Stelle wie folgt definiert: »Ein Gefühl und ein Zustand dauernder Verunsicherung, gekoppelt an die irrationale Furcht davor, von den Eltern oder Verwandten verlassen zu werden, ohne dass es wirklich einmal dazu gekommen ist.« 4 Demzufolge wären die Verlassenen im Grunde von einer affektiven »Gefräßigkeit« in Sachen Zuneigung besessen, die genetisch bedingt und somit angeboren sein soll. Aus dieser affektiven Gefräßigkeit entstünde dann eine Mischung aus Angst, aggressiven Reaktionen (überzogene Ansprüche, der Wunsch, sein Gegenüber auf die Probe zu stellen, um sich seiner Zuneigung zu versichern, sadomasochistische Tendenzen) und Selbstabwertung, die sich in solchen Sätzen wie »Ich werde nicht geliebt, weil ich nicht liebenswert bin« äußert. Und schlussendlich würde diese Gier dann zu einer »destruktiven Grundeinstellung« führen, wie manche es nennen. Ich benutze hier absichtlich den Konditional, denn die Meinungen der Autoren weichen so stark voneinander ab, dass ihre Definitionen sich gegenseitig widersprechen.

Wie so oft sind die wissenschaftlichen Definitionen verschwommen. Versuchen wir also, für Klarheit zu sorgen, indem wir auf einfachere Begriffe zurückgreifen. Grundsätzlich ist mit der Definition des Verlassenen gemeint, dass dieser aufgrund seines Wesens einer unstillbaren Gier nach Zuneigung ausgeliefert ist. Damit ist auch gemeint, dass seine Beschwerden angeblich von der Unmöglichkeit herrühren, dieses Verlangen zu stillen. Zu eben diesen Beschwerden zählen Ängste und aggressives Verhalten, welche ihrerseits die Selbstabwertung nach sich ziehen, die angeblich in die viel beschworene destruktive Einstellung mündet. Dieser letzte Begriff bezeichnet die »anormalen« und »pessimistischen« Neigungen, unter denen der Verlassene leidet: also zum Beispiel den Hang zur Schwarzmalerei oder den Zweifel am Guten im Menschen. Diese Definition greift eine grundlegende Vorstellung der Psychologie auf: Der leidende Mensch ist anormal, und weil er »abnorm« oder »außerhalb der Norm« ist, entwickelt er eine Reihe von Symptomen, die man als »Syndrom« bezeichnet und die der Beweis für seine Abnormität sind. Man muss also diese Symptome direkt angehen, um zu erreichen, dass die leidende Person wieder ins Schema passt und den Normen entspricht ...

So wird das Leiden zum Ausdruck dafür, dass wir nicht den Normen entsprechen, die von »der Gesellschaft« und »der Wissenschaft« definiert wurden. Es gilt nicht länger als Signal unseres Körpers, der unsere Aufmerksamkeit auf etwas lenken will, das wir unterdrücken, statt es auszuleben oder zu tun. Damit ist das Leiden kein Leiden mehr, sondern der krankhafte Ausdruck eines Menschen, der verhaltensauffällig ist. So wird durch einen faulen Trick ein leidender Mensch im Nu zu einem anormalen Menschen, was ja nur die bescheidene Meinung verstärken kann, die er bereits von sich hat! Eine weitere Definition veranschaulicht deutlich, was gerade ausgeführt wurde: Das Verlassenheitssyndrom sei »im Wesentlichen eine Folge fehlender mütterlicher Zuneigung, die sich entweder in Misshandlungen oder in Gleichgültigkeit äußert. Wobei das eine so schädlich ist wie das andere ... « 5, schreiben Serge Revel und Chantal Lacomme. Sie führen weiter aus, dass der »Abandonnisme« eine ernsthafte Depression nach sich ziehen kann. Da dies nicht meinem Menschenbild entspricht, werde ich versuchen, die Frage nach dem Leiden anders anzugehen. Ausgangspunkt ist dabei für mich die Überlegung, dass jedes Leiden das eines einzigartigen Menschen ist und dass der oder die Leidende nicht von vornherein »anormal« ist.

Die Zurückweisung

Noch ein in diesem Zusammenhang häufig verwendeter Begriff, den der eine oder andere sogar bevorzugt: die Zurückweisung. Für manche ist sie sogar gleichzusetzen mit dem Verlassenwerden. Auch hier ist keine grundlegende Emotion gemeint. Der Begriff Zurückweisung umfasst vielmehr eine ganze Palette von Gefühlen und Empfindungen, die ähnlich oder sogar identisch mit denen sind, welche das Verlassenwerden auslöst.

Einige Autoren halten die Zurückweisung für schwerer erträglich als das Verlassenwerden, denn es handelt sich angeblich um einen brutaleren Akt. Der oder die Zurückweisende geht aktiv vor, was beim Verlassenwerden nicht der Fall ist. Demzufolge wäre das Verlassenwerden passiver als das Zurückgewiesenwerden. Hier wird deutlich, dass sowohl das Verlassen als auch das Zurückweisen zwei Partner betrifft, die untrennbar miteinander verbunden sind und ohne die es weder das Verlassen noch das Zurückweisen geben würde: denjenigen, der einen anderen verlässt oder zurückweist, und denjenigen, der verlassen bzw. zurückgewiesen wird. So wie es kein Opfer ohne einen Täter geben kann, gibt es auch keinen verlassenen oder zurückgewiesenen Menschen ohne einen anderen Menschen, der ihn verlässt oder zurückweist. Ein Kind, das von der Mutter gleich nach der Geburt an die Fürsorge abgegeben wird – wird es von der Mutter verlassen oder zurückgewiesen? Meiner Meinung nach kommt es nicht darauf an, ob es verlassen oder zurückgewiesen wird – in beiden Fällen wird es sich verlassen oder zurückgewiesen fühlen und darunter leiden. Und auch wenn diese Unterscheidung, die einige Autoren machen, erwähnenswert ist, halte ich es für schwierig, sie als wesentlich zu erachten, wenn wir uns den Empfindungen der Betroffenen und den daraus entstehenden Konsequenzen zuwenden. In diesem Werk werde ich deshalb eher den Begriff des Verlassenwerdens statt des Begriffs Zurückweisung verwenden.

Ich habe bereits betont, dass das Gefühl des Verlassenwerdens oder der Zurückweisung auf keinen Fall eine grundlegende Emotion ist. Es gibt drei große Gruppen von Emotionen: Freude, Trauer und Wut. Ängste und Schuldgefühle sind keine Emotionen, auch wenn sie sich durch eine starke und körperlich spürbare Anspannung bemerkbar machen. Sie sind lediglich Ausgeburten unserer »Denke«, wie wir später noch sehen werden.

Eine Emotion ist weder normal noch anormal, weder gut noch schlecht. Sie ist unlogisch und entzieht sich jeder Klassifizierung. Sie löst für sich genommen keine Leiden aus. Sie darf von niemandem verurteilt werden, nicht von demjenigen, der sie empfindet, und noch weniger von Außenstehenden. Eine Emotion ist etwas Natürliches, sie IST da, und daran ist nicht zu rütteln; sie ist das Leben. Nicht die Emotion ist es, die das Leiden auslöst, sondern ihre durch die »Denke« erzwungene Unterdrückung. Unterdrückt werden kann das Erkennen dieser Emotion, was man aufgrund dieser Emotion verspürt oder wie man diese Emotion ausdrückt. Tatsächlich ist es unsere »Denke«, die allein für unsere seelischen Leiden verantwortlich ist, es sind nicht die Emotionen. Unsere Denke aber ist, wie wir noch sehen werden, die Frucht unserer Erziehung. Bezugspunkte der Denke sind die Normalität, die Gesellschaft, kurz: die Anderen. Bezugspunkte für die betroffene Person in ihrer Ganzheitlichkeit müssten aber die Natur des Seins, ihr angeborenes Wissen und ihr innerer Kern sein. Ein Baby, das gerade geboren ist, hat außer den genannten keine anderen Bezugspunkte. Es empfindet und äußert seine Freude ganz selbstverständlich durch fröhliches Gebrabbel, seine Trauer durch dicke, kullernde Tränen und seine Wut durch lautes Schreien, wozu es die kleinen Fäuste ballt. Es kennt keine Brutalität und es ist anderen gegenüber nicht brutal. In diesem Stadium existiert seine Denke noch nicht, sie hat sich noch nicht entwickelt. Ein Baby kann das Gute nicht vom Bösen unterscheiden, es begnügt sich damit, da zu sein, und lebt mit seinen Emotionen und seinem angeborenen Wissen ganz und gar im Augenblick. Jedes Kind hat Emotionen und lebt sie auf die natürlichste Weise aus, ohne Werturteile. Wenn es aber älter wird und eine Erziehung erhält, wird auch seine Denke geformt und nimmt an Bedeutung zu: Das Kind lernt zu urteilen, zu bewerten und die Realität, die es umgibt, mit den bestehenden Normen zu vergleichen. Dann entstehen auch Werturteile, und die Anspannung taucht auf: Das, was ich empfinde, oder das, was der Andere empfindet, ist anormal, schlecht, unlogisch ...

Wir wissen sehr wohl: Wenn sich eine Emotion in uns regt, mögen wir uns vielleicht wünschen, sie sei gar nicht da, aber das ändert nichts daran, dass diese Emotion real und lebendig ist! Wir können bedauern, sie zu verspüren, aber deshalb verschwindet sie noch lange nicht. Wir können von dem Tag träumen, an dem wir diese Art Emotion nicht mehr haben, aber wir müssen uns der Tatsache stellen, dass dieser Tag noch nicht gekommen ist. Wir können uns auch vornehmen, uns bei einem Seminar anzumelden, um nur noch schöne Empfindungen zu haben – ja, es gibt Seminare und Menschen, die fähig sind, solche Illusionen zu verkaufen! Aber in der Zwischenzeit sind wir unseren »fiesen Emotionen« nun einmal ausgeliefert.

Wir wissen nun, dass unsere Emotionen etwas Natürliches sind und sich jeglicher Logik entziehen. Sie zu unterdrücken hieße, Anspannung und Leid zu provozieren. Warum sich also das Leben schwer machen, indem man nach anderen Möglichkeiten sucht, statt sie einfach zuzulassen? Was nützt es uns zu verstehen, wenn wir nichts davon ausleben? Wenn wir uns gestatten, diese Emotionen auszuleben, gibt unser Körper uns sofort eine entscheidende Information: Eine deutlich fühlbare körperliche Entspannung breitet sich in uns aus, ein Zeichen dafür, dass wir auf dem besten Wege sind, uns selbst zu respektieren, und dass unsere Denke eine Zeitlang aufgehört hat, dazwischenzufunken. Das ist auch der Beweis dafür, dass das Gefühl des Verlassenwerdens oder der Zurückweisung keinesfalls eine Emotion ist, denn dieses Gefühl äußert sich ja in An- und nicht in Entspannung. Ausgelebte Emotionen hingegen zeigen sich immer in echter Entspannung.

Von der Verlassenheit zur frühen Erfahrung des Verlassenwerdens

Die Literatur zum Thema ist oft ungenau, worauf ich bereits hingewiesen habe: Unter die Definitionen mischen sich Werturteile, sodass man das wirklich durchgemachte Leid derjenigen aus den Augen verliert, die einmal verlassen wurden. Wir haben auch gezeigt, dass die aktuelle Definition nicht zufriedenstellend ist, denn sie beruht auf einer inakzeptablen, normativen Argumentation. Um dieser begrifflichen und argumentativen Ungenauigkeit entgegenzutreten, möchte ich hier den Begriff »Verlassenheit« einführen: eine Wortschöpfung, die sowohl das Gefühl des Verlassenwerdens umfasst als auch die vielen verschiedenen körperlichen und seelischen Beschwerden, unter denen leidet, wer verlassen, zurückgewiesen und ausgegrenzt wurde. Dieser Begriff schließt das Leiden derjenigen ein, die sich – zu Recht oder zu Unrecht – verlassen fühlen. Er hat keinerlei wertende Bedeutung, er ist weder negativ noch positiv. Es handelt sich allein um die Bezeichnung für etwas, das – wie wir sehen werden – vielgestaltig und breit gefächert ist. Dieser Begriff bezieht sich nicht auf irgendeine Norm (oder angebliche Normalität) des Daseins. Da jedes Wesen einzigartig ist, erscheint es mir illusorisch, eine Norm festlegen zu wollen, wie so viele andere es versuchen. Es kommt mir vor wie ein bedauernswerter Versuch, der darauf abzielt, den Menschen auf eine Reihe von Charakterzügen und Reaktionen festzulegen, die von einflussreichen Personen definiert werden – Ärzten und Therapeuten –, die so ihren Einfluss bewahren wollen ...

Ursache für die Verlassenheit ist immer eine reelle Erfahrung des Verlassenwerdens. Diese Erfahrung hat entweder während der fötalen Phase stattgefunden oder in der – oft frühen – Kindheit. Abgesehen von der Erfahrung des Verlassenwerdens in Folge von Exil, Krieg, Krankheit oder Alter, ist es sehr selten, dass man so etwas zum ersten Mal als Erwachsener durchmacht. Das hindert jedoch viele Erwachsene, die eine Trennung erleben, nicht daran, diese für den Grund ihres Leidens zu halten – bis zu dem Moment, in dem ihnen bewusst wird, dass ihre schweren, aktuellen Leiden darin begründet sind, dass sie bereits viel früher einmal verlassen wurden.

Häufig ist die Erinnerung an diese frühe Erfahrung den Betroffenen, die an Verlassenheit leiden, nicht mehr bewusst. Oft bringen sie diese traumatische Erfahrung auch gar nicht erst in Verbindung mit dem Verlassenwerden. Deshalb haben sie auch nichts Eiligeres zu tun, als dieses ursprüngliche Trauma zu verneinen, indem sie es kleinreden oder als normal erachten. Und ganz häufig findet ein dergestalt an Verlassenheit Leidender, dass das, was er empfindet, dem Erlebten gegenüber völlig überzogen ist.

Nehmen wir einmal das Beispiel von Virginie, die 24 Jahre alt ist. Sie lebt in der ständigen Angst, von ihrem aktuellen Freund verlassen zu werden. Die zurate gezogene Psychologin hat ihr gesagt, sie leide an »emotionaler Abhängigkeit«. Aber diese wundervolle Diagnose hilft Virginie kein bisschen, um sich trotz zahlreicher Therapiesitzungen wieder besser zu fühlen. Also fragt sie sich, was sie tun kann, damit es ihr wieder besser geht. Die psychologische oder medizinische Diagnose, die das Resultat einer intellektuellen Analyse ist, bringt ihr gar nichts, wenn es um das eigentliche Leiden geht: Virginie erkennt zwar, dass sie die Ängste, die sie hat, nicht haben sollte, doch es gelingt ihr nicht, Vernunft anzunehmen. Sie erkennt, dass sie eigentlich mehr Selbstvertrauen haben müsste, doch sie schafft es nicht. Positives Denken und andere verhaltenstherapeutische Maßnahmen, die ihre Therapeutin anpreist, helfen ihr kein bisschen weiter ...

Gleich zu Beginn ihres ersten Besuches erzählt Virginie mir alles über die Arbeit mit ihrer Therapeutin. Sie sind in die Vergangenheit zurückgekehrt, und dadurch hat Virginie erkannt, dass sie seit ihren ersten Kontakten mit dem anderen Geschlecht Angst vor dem Verlassenwerden hat – entweder ist der Andere wirklich gegangen oder sie war es, die sich getrennt hat, erzählt Virginie. Sie hat die Beziehung zu ihrem Vater analysiert, die hervorragend ist, weshalb sie ihm auch nichts vorzuwerfen hat. Und auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist harmonisch und friedlich. Warum hat sie mich also aufgesucht? Weil sie von dieser »krankhaften emotionalen Abhängigkeit« loskommen will, an der sie seit ihrer Pubertät leidet.

Indem wir uns ihren Emotionen zuwenden, gelingt es Virginie, sich an ihre heftige Wut zu erinnern, die durch folgendes Ereignis ausgelöst wurde: Nach ihrer Geburt hatte man sie von ihrer Mutter trennen müssen, da diese krank geworden war und sie hätte anstecken können. Deshalb war Virginie in den Brutkasten gekommen. Indem sie ihre Emotionen zurückverfolgt hat, statt sich auf ihre Denke zu verlassen, ist es Virginie gelungen, zu diesem traumatischen Ereignis und zu der Wut, die damit verbunden war, zurückzukehren. Wir werden die Bedeutsamkeit dieses Vorgehens noch genauer betrachten. Es ist überhaupt nicht mit dem psychologischen Vorgehen vergleichbar, das vorab erwähnt wurde, und es »leistet« sehr viel mehr als Letzteres.

Selbstverständlich hat Virginie, als sie diese heftige Wut erneut verspürte, sofort erklärt, dass sie unmöglich auf ihre Mutter und ihren Vater wütend sein dürfe, dass man ihre Eltern nicht für das Geschehene verantwortlich machen könne und dass all dies zwar bedauerlich, aber längst Vergangenheit sei, weshalb man es einfach vergessen sollte. Kurz: Virginies Denke, ihre »Krücke«, wie ich sie auch nenne, die ja in der Vergangenheit schon wunderbar funktioniert hatte, tat weiter ihren Dienst, um den Einfluss des unglückseligen Ereignisses abzumildern. Aber gerade weil es Virginie gelungen ist, die Emotion zu spüren und auszudrücken, die mit diesem Ereignis zusammenhängt, konnte sie ihre Beziehungen fortan auch wieder gelassener sehen und von der »Verlassenheit« genesen, an der sie litt. Ich habe diese Erzählung absichtlich kurz gehalten, doch man irrt, wenn man denkt, der Prozess bei Virginie habe nur wenige Stunden gedauert. Sie hat dafür mehrere Monate gebraucht.

Eine frühe Erfahrung des Verlassenwerdens wird von den an Verlassenheit Leidenden als harmlos erachtet. Sie halten diese sogar für so harmlos, dass sie sich meist nicht mehr bewusst daran erinnern. Wenn dieses Ereignis wieder ins Bewusstsein des- oder derjenigen tritt, die es durchgemacht haben, dann kommen sie sofort und fast unausweichlich immer zur selben Schlussfolgerung: Von einem rationalen Standpunkt aus betrachtet kann das, was geschehen ist, nie und nimmer der Grund einer solchen Wut oder einer anderen Emotion sein, egal welcher. Und selbst wenn man das Gegenteil zugibt, erscheint die Emotion auf jeden Fall als unangemessen, also als »anormal«, verglichen mit dem, was als Empfindung normal wäre. Tatsache ist: Solange jemand bei seiner Analyse rein intellektuell vorgeht, wird er nicht verstehen, welchen Einfluss dieses Ereignis auf ihn hatte.

Genau das trifft auch auf Virginie zu, wenn sie folgenden Gedankengang äußert: Man konnte ihre Mutter ja nicht dafür verantwortlich machen, an einem Infekt zu leiden, der ihr möglicherweise gefährlich werden konnte. Und es war nur richtig von den Medizinern, sie zu schützen, indem man sie von der Mutter trennte. Außerdem hatte man ihrer Mutter und ihrem Vater ja erlaubt, täglich Blickkontakt mit ihr aufzunehmen. Die Trennung hat auch nur einen Monat gedauert, anschließend war Virginie ja von ihren Eltern liebevoll umsorgt worden. Warum also sollte sie ihren Eltern böse sein? In der Tat hält jeder der genannten Punkte einer »objektiven« Analyse stand – aber genau darin liegt eben das größte Problem, dem sich jemand, der wie Virginie an Verlassenheit leidet, gegenübersieht. Es gibt keinen vernünftigen Grund für sie, ihren Eltern gegenüber Wut, Trauer oder eine anders geartete Emotion zu empfinden, denn diese Eltern haben ja alles getan, was sie konnten, und das mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln, insbesondere den Mitteln, die ihnen die Medizin an die Hand gab.

In dem Moment, wo es nicht mehr logisch ist, traurig oder wütend zu sein, bleibt einem nur, das Recht auf diese Emotionen zu leugnen. Genau das macht der Leidende, indem er zugibt, sich des auslösenden Ereignisses bewusst zu sein. Und dabei wird er von Familie und Freunden noch unterstützt: »Es bringt doch nichts, in der Vergangenheit zu wühlen und sich gegen sein Schicksal aufzulehnen«, wird er zu hören bekommen. Noch schlimmer ist, dass bestimmte Therapeuten die Betroffenen dazu ermutigen, die Bedeutung dieses »banalen« Ereignisses kleinzureden, denn »es lohnt sich ja kaum, darüber zu sprechen«. Unabhängig davon muss man jedoch wissen, dass ein Betroffener sich meist nicht mehr an das Ereignis erinnert, denn die Sperre, die seine Denke errichtet hat, liegt lange zurück, meist in der frühen Kindheit. Außerdem war es für ihn hilfreich und sogar überlebenswichtig, diese Sperre zu errichten, wie das der Fall bei jedem Neugeborenen oder Kind ist, das sich in dieser Situation befindet.

Man kann sich auch verlassen fühlen, ohne jemals wirklich verlassen worden zu sein. Das bedeutet, dass es gar nicht nötig ist, körperlich von seinen Eltern getrennt zu werden, um sich von ihnen verlassen zu fühlen. Ein Kind braucht nun einmal Liebe, um gedeihen zu können. Aber nur eine bedingungslose Liebe kann bei ihm das Gefühl verstärken, um seiner selbst willen da zu sein, und demzufolge auch das Gefühl, ein wichtiger Mensch zu sein, ein Mensch, der einen Wert hat. Das Kind braucht also nicht nur die aktive Unterstützung seiner Eltern, die sich um sein körperliches Wohl kümmern, denn es ist ...

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