Logo weiterlesen.de
Das verführerische Angebot des Prinzen

image

PROLOG

Sechs Jahre zuvor

Vincenzo erstarrte, als er hörte, wie jemand die Tür öffnete.

Sie war da!

Alle Nerven zum Zerreißen gespannt, lauschte er. Die Tür fiel ins Schloss, dann hörte er hastige Schritte. Er fühlte sich, als müsste gleich ein Erdbeben über ihn hereinbrechen.

Seine Bodyguards hatten sich nicht gerührt. Kein Läuten hatte ihr Kommen angekündigt. Sie war die Einzige, die von ihm jemals bedingungslosen Zutritt und die Schlüssel zu seinem Penthouse erhalten hatte.

Aber er hatte ihr noch mehr gewährt als nur Zutritt zu seiner Privatsphäre – er hatte zugelassen, dass sie seine Gedanken und Gefühle beherrschte. Sie war die einzige Frau gewesen, der er jemals vollkommen vertraut hatte. Die er geliebt hatte.

Doch alles war eine Lüge gewesen.

Er war verletzt. Und wütend. Vor allem auf sich selbst. Denn auch nachdem ihm klar geworden war, dass sie ihn hintergangen hatte, klammerte er sich an die Hoffnung, dass sich alles irgendwie erklären ließe, dass es sich als Irrtum herausstellen würde. So viel Macht besaß sie über ihn.

Allein das hätte ihn schon warnen müssen, denn normalerweise war er aus Erfahrung misstrauisch. Nie zuvor hatte er zugelassen, dass ihm jemand so nahe kam. Als Prinz von Castaldinien war es ihm zur zweiten Natur geworden, hinter die Fassade von Menschen zu blicken, die sich seine Sympathie erschleichen wollten. Und nachdem seine Forschungen zu alternativen Energien ihn auch noch zu einem Superstar der Wissenschaft gemacht hatten, war er davon ausgegangen, dass er seine Hoffnungen auf eine echte Beziehung endgültig begraben konnte.

Bis Glory in seinem Leben aufgetaucht war.

Von Anfang an hatte sie ihn in ihren Bann gezogen. Hingerissen von ihrer Schönheit, war er begeistert gewesen, wie gut sie auch sonst harmonierten – wenn sie sich unterhielten, einfach Zeit miteinander verbrachten. Die magische Kraft, die sie zueinander hinzog, war ungewöhnlich stark. Glory weckte Gefühle in ihm, von denen er nicht gewusst hatte, dass er sie überhaupt fühlen konnte, und das Zusammensein mit ihr befriedigte all seine Sinne – körperlich, geistig und seelisch.

Doch er war nur ein Mittel zum Zweck gewesen. Und diesen Zweck hatte Glory schließlich erreicht.

Nachdem sich der erste Feuersturm aus Zorn, Enttäuschung und Hass ausgetobt hatte, war sein Rachedurst kühlen Überlegungen gewichen. Anstatt sie für ihren Verrat büßen zu lassen, hatte er geschwiegen und war ohne ein Wort gegangen.

Nicht, dass er ihr entkommen wäre.

Sie schrieb SMS, sprach auf seine Mailbox, schickte E-Mails. Nonstop. Zuerst vorsichtig fragend, dann besorgt, schließlich panisch. Er war hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, sie zu beruhigen, und Wut auf sich selbst, weil er schon wieder auf ihre Taktik hereinzufallen drohte. Dann war die letzte Nachricht gekommen. Der Aufschrei einer Frau, die um das Leben ihres Geliebten fürchtete.

Da begriff er, dass es nur einen Grund für ihre verzweifelten Versuche geben konnte, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Anscheinend hatte sie ihr Ziel noch nicht ganz erreicht. Selbst wenn sie durch sein Verhalten mittlerweile davon ausgehen musste, dass er sie verdächtigte, war sie offenbar bereit, alles zu riskieren, um ihn zu halten, ihn wieder in ihren Bann zu schlagen, um beenden zu können, was sie begonnen hatte.

Daher sorgte er dafür, dass sie von seiner Rückkehr erfuhr. Er wusste, dass sie sofort bei ihm auftauchen würde. Doch obwohl er die Begegnung geplant hatte, war er nicht wirklich darauf vorbereitet. Er hatte keine Ahnung, was passieren würde, wenn er Glory nun wiedersah.

Managgia! Verdammter Mist. Er hätte ihr keine Chance geben dürfen, noch einmal in sein Leben zu spazieren. Er war einfach nicht bereit …

„Vincenzo!“

Blass und schmal sah sie aus, als sie in sein Schlafzimmer stürmte, ganz anders als die vor Vitalität und Lebensfreude sprühende junge Frau, in die er sich Hals über Kopf verliebt hatte.

Abrupt blieb sie stehen, als sie ihn erblickte. Ihre Augen waren rot und geschwollen vom Weinen. Er wartete mit steinerner Miene neben dem Bett, in dem sie während der vergangenen sechs Monate so viele Momente höchster Lust genossen hatten.

Nur Sekunden später löste sich Glory aus ihrer Erstarrung, rannte auf ihn zu und schlang die Arme um seinen Hals. Sie klammerte sich an ihn wie eine Ertrinkende.

Unwillkürlich nahm er sie in die Arme. Wie er sie vermisst hatte! Ihren Duft, ihren Körper, einfach alles. Bis ans Ende seines Lebens würde er sich nach ihr sehnen – oder zumindest nach jener Frau, für die er sie gehalten hatte, ehe er ihren Betrug erkannte.

Obwohl er wusste, dass er sie von sich stoßen sollte, tat er nichts dergleichen. Zu groß war sein Bedürfnis, sie zu spüren, sie zu küssen – ein letztes Mal.

Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin nahm sie seinen Kopf in beide Hände und verteilte kleine, wilde Küsse auf seinem Mund, seinen Wangen.

Er konnte nicht widerstehen, konnte seine Hände nicht im Zaum halten, wollte sie streicheln, sie noch enger an sich ziehen …

Doch ehe ihn das Verlangen nach Glorys Nähe übermannen konnte, riss er sich zusammen und wappnete sich gegen ihre tränenerstickte Stimme, mit der sie immer wieder flüsterte: „Mein Liebster, mein Liebster.“

Schließlich packte er ihre Arme und schob sie ein Stück von sich weg. Sie ließ es geschehen und sah aus großen Augen glücklich zu ihm auf, ehe sie ihn erneut umarmte. „Es geht dir gut, Liebling“, seufzte sie. „Ich bin ja so froh. Als du auf meine Anrufe nicht reagiert hast, dachte ich, dir wäre etwas Entsetzliches zugestoßen.“

Das war also ihre Strategie: Sie wollte bis zuletzt die Unschuldige spielen.

„Es ist nichts passiert“, sagte er kalt.

Sie schien die eisige Ablehnung nicht zu bemerken. Stattdessen sah sie erschrocken zu ihm auf. Nichts verriet, dass sich hinter ihrer unschuldigen Fassade eine harte, rücksichtslose Betrügerin verbarg. „Gab es noch einen Vorfall? Wurde wieder etwas gestohlen? Hast du dich aus Sicherheitsgründen versteckt, damit deine Leute das Leck finden konnten?“

War sie tatsächlich so unverfroren? Oder glaubte sie, ihre Maske sei zu perfekt, als dass er ihr auf die Schliche kommen könnte? Wenn sie sicher war, dass er keinen Verdacht geschöpft hatte, dann würde sie natürlich annehmen, der einzige Grund für sein Verschwinden sei es gewesen, herauszufinden, warum seine Forschungsergebnisse trotz aller Sicherheitsmaßnahmen gestohlen worden waren.

Gut. Wenn sie das Spiel auf diese Weise spielen wollte, sollte es ihm recht sein. Umso leichter konnte er sie auf eine falsche Fährte locken. „Es gab kein Leck“, erklärte er. „Und zwar kein einziges.“

Zunächst wirkte Glory erleichtert, doch dann fragte sie verwirrt: „Aber du hast mir doch gesagt …“ Sie hielt inne, weil sie offenbar nicht weiter wusste.

Si, das immerhin nahm er ihr ab. Denn hatte er ihr nicht jedes Detail berichtet, als sein Lebenswerk geplündert worden war, weil jemand sich Zugang zu seinem Computer verschafft hatte? Glory hatte so verzweifelt getan, weil sie ihm angeblich nicht helfen konnte.

„Nichts von dem, was ich dir erzählt habe, stimmte“, fuhr er fort. „Die Forschungsergebnisse, die ich durchsickern ließ, waren gefälscht. Es hat mir großen Spaß gemacht, mir die dummen Gesichter der Datendiebe vorzustellen, als sie herausfanden, dass sie völlig wertlose Informationen gestohlen hatten. Die echten Ergebnisse kennt niemand. Sie bleiben geheim, bis ich sie zur Veröffentlichung freigebe.“

Jedes Wort war eine Lüge, aber er hoffte, dass sie diese Informationen an ihre Auftraggeber weiterleiten würde, damit diese die Daten als wertlos betrachteten, ehe sie sie testen und herausfinden konnten, dass es sich doch um die richtigen handelte.

Ihre Verstellungskünste kamen ihr auch jetzt zu Hilfe. Scheinbar erleichtert, gleichzeitig etwas verletzt, sagte Glory: „Das ist ja fantastisch. Aber … aber warum hast du mir nichts davon erzählt? Bist du sicher, dass du ausgespäht wurdest? Selbst … hier?“ Sie schlang die Arme um ihren Körper, als wolle sie sich schützen. „Ein einziges Wort hätte mir endlose Sorgen um dich erspart, und ich hätte meinen Part gespielt, um die Spione auf die falsche Fährte zu locken.“

„Jeder bekam die Informationen, die ich für nötig hielt, damit alles so glaubhaft war, dass auch meine Widersacher darauf hereinfielen. Nur die Menschen, denen ich wirklich vertraute, kannten die Wahrheit.“

Glory wurde noch blasser. „Und ich gehörte nicht dazu?“

Er war froh, dass sie ihm die Möglichkeit bot, seinen aufgestauten Ärger loszuwerden. „Wie denn? Du warst eine Gelegenheitsliebschaft, aber dann hast du geklammert, und ich hatte keine Zeit, um dir klarzumachen, dass ich dich loswerden wollte. Außerdem hatte ich noch keinen Ersatz für dich gefunden.“

Der Schock, den er in ihren Augen las, war so echt, dass er einen Moment lang unsicher wurde.

„Er…Ersatz?“

Er schürzte die Lippen. „Meine Zeitplanung erlaubt mir nur Sexpartnerinnen, die auf Kommando verfügbar sind. Das war mit dir sehr bequem, denn du hast perfekt funktioniert. So eine anpassungsfähige Geliebte findet man nicht überall. Ich hatte vor, dich auszutauschen, sobald eine neue Gespielin gefunden war. Dies ist nun der Fall.“

Ihre türkisblauen Augen füllten sich mit Tränen. „Es war zwischen uns ganz anders, Vincenzo …“

„Was bringt dich auf diese Idee? Dachtest du etwa, es wäre die große Liebe?“

Mit zitternden Lippen antwortete sie stockend: „Du … du hast … du hast gesagt, dass du mich liebst.“

„Ja, deine Art, mich zufriedenzustellen. Im Bett warst du ein Traum. Aber selbst eine Partnerin, die mir beim Sex alle erdenklichen Wünsche erfüllt, wird irgendwann langweilig.“

„War ich für dich wirklich nur eine … eine Sexpartnerin?“

„Nein, du hast recht. Eine Partnerin ist jemand, mit der man irgendeine Art von Beziehung führt. Was auf uns nicht zutrifft. Sag bloß nicht, dass dir das nicht vom ersten Tag an klar war.“

Er sah, dass seine Worte sie trafen wie Faustschläge, und wenn er es nicht besser gewusst hätte, wäre er schwach geworden und hätte ihr geglaubt, dass ihr Schmerz echt war. So aber machte ihn die Erkenntnis, wie gut sie schauspielerte, nur noch härter.

Statt auszuflippen und es ihm leichter zu machen, stand sie nur da und sah ihn an. Tränen liefen über ihre Wangen. „Wenn … wenn das ein Scherz sein soll, dann bitte, bitte, hör auf damit“, flüsterte sie.

„Wow. Dachtest du wirklich, du bedeutest mir mehr als ein Betthäschen?“

Sie zuckte zusammen, und es fiel ihm schwer, weiterzumachen. Wie lange konnte er seine Brutalität ihr gegenüber noch durchhalten?

Daher fuhr er rasch fort: „Ich hätte wissen müssen, dass du meinen Wink mit dem Zaunpfahl ignorieren würdest. Dumm, wie du bist, hast du mir jedes Wort geglaubt. Dabei hättest du doch erkennen müssen, dass ich dich nicht wegen deiner wissenschaftlichen Fähigkeiten als Projektmanagerin eingestellt habe. Es geht mir langsam auf die Nerven, dass du glaubst, ich schulde dir etwas. Ich habe deine Dienste großzügiger honoriert, als sie es wert waren.“

Sie schluchzte jetzt hemmungslos, doch er kannte kein Erbarmen.

„Wenn dich ein Mann das nächste Mal verlässt, lass ihn ziehen. Denn sonst erfährst du nur, dass du ihm nie etwas bedeutet hast.“

„Hör auf, bitte!“, rief sie und hob beide Hände, als müsse sie Schläge abwehren. „Wenn wir zusammen waren, habe ich doch gespürt, dass du sehr viel für mich empfindest. Wenn es nicht mehr so ist, lass mir doch wenigstens meine Erinnerungen.“

„Meine Güte, stell dich nicht so an. Hast du vergessen, wer ich bin? Kannst du dir nicht denken, dass ich eine andere Art von Gespielin gewöhnt bin? Sei doch realistisch! Deine Nachfolgerin kommt in ein paar Minuten. Willst du ihr wirklich begegnen?“

Glorys Blick verriet ihm, dass sie am Ende ihrer Kräfte war.

Endlich. Es war vorbei. Vincenzo wandte sich ab und hatte das Gefühl, ihm breche der Boden unter den Füßen weg.

Doch er hatte sich getäuscht, denn Glory gab noch nicht auf. „Ich … ich habe dich geliebt, Vincenzo. Ich habe an dich geglaubt. Du warst für mich ein einzigartiger Mensch. Aber es scheint, dass du in Wahrheit nichts weiter bist als ein widerlicher Egoist, der so perfekt lügen kann, dass man ihm alles glaubt. Ich wünschte, ich wäre dir nie begegnet, und hoffe nur, dass eine meiner Nachfolgerinnen dir antut, was du mir angetan hast.“

Mit zwei Schritten war er bei ihr. „Gut, du willst es nicht anders. Raus hier, oder ich sorge dafür, dass du dir wünschst, nicht geboren zu sein.“

Seine Drohung schien nicht bis zu ihr durchzudringen, denn sie starrte ihn einige Sekunden lang nur blicklos an. Dann drehte sie sich um, langsam, fast taumelnd, als könne sie sich kaum mehr auf den Beinen halten, und verließ ebenso langsam den Raum.

Er wartete, bis eine Tür ins Schloss fiel und ihm verriet, dass Glory gegangen war. Dann erst ließ er zu, dass der Schmerz ihn überwältigte.

1. KAPITEL

Heute

Vincenzo Arsenio D’Agostino schaute den König verblüfft an und kam zu dem einzig möglichen Schluss: Der Mann musste den Verstand verloren haben.

Wahrscheinlich war es einfach zu viel für ihn, gleichzeitig das Königreich Castaldinien zu regieren, ein Wirtschaftsimperium zu führen und sich liebevoll um seine Familie zu kümmern. Jeder, der diesen Ansprüchen gerecht werden wollte, würde irgendwann durchdrehen.

Anders konnte sich Vincenzo nicht erklären, was der König gerade zu ihm gesagt hatte.

Ferruccio Selvaggio-D’Agostino grinste. Königsbastard nannten ihn seine Gegner nicht ohne eine gewisse Berechtigung, denn er war tatsächlich ein unehelich geborener D’Agostino. „Krieg dich wieder ein, Vincenzo. Ich bin nicht verrückt geworden. Besorg dir eine Ehefrau. Und zwar so schnell wie möglich.“

Dio. Jetzt hatte er es schon wieder gesagt. „Ich soll mir eine Ehefrau besorgen?“, fragte Vincenzo ungläubig.

Ferruccio nickte. „So schnell wie möglich.“

„Hör auf damit.“

„Du bist selbst schuld“, bemerkte Ferruccio. „Seit Jahren möchte ich, dass du den Posten übernimmst, aber jedes Mal, wenn ich es dem Kronrat zur Entscheidung vorlege, kriegen sie die Krise. Selbst Leandro und Durante zucken zusammen, wenn ich deinen Namen auch nur erwähne. Du bist ein unbelehrbarer Playboy, und dein Ruf ist mittlerweile derart ruiniert, dass selbst die Klatschpresse sich kaum mehr mit dir befassen will. In der politischen Liga, in der du ab sofort spielen sollst, ist dieses Image absolut fehl am Platz.“

„Dir hat es doch auch nicht geschadet“, wandte Vincenzo ein. „Heute bist du König eines der konservativsten Reiche der Welt und verheiratet mit der sittsamsten aller Frauen.“

Ferruccio zuckte nur amüsiert die Achseln. „Mich haben sie zwar den Mann aus Stahl genannt – aber nur wegen meiner Art, Geschäfte zu machen. Meine Erfolge bei Frauen wurden immer maßlos übertrieben. Ich hatte überhaupt keine Zeit, mich zu amüsieren, während ich mich hochgearbeitet habe. In Clarissa war ich schon sechs Jahre lang verliebt, ehe sie endlich Ja gesagt hat. Aber dein Ruf als Frauenheld passt nicht zum Botschafter Castaldiniens bei den Vereinten Nationen. Daher solltest du umgehend seriös werden.“

„Falls mein Lebenswandel dich schlaflose Nächte kostet, bin ich gern bereit, zwei Gänge runterzuschalten“, meinte Vincenzo lässig. „Aber ich habe nicht vor, mir eine Ehefrau zuzulegen, nur damit ein paar stockkonservative Politiker in deinem Kronrat zufrieden sind. Die Vorstellung, als braver Familienvater zu enden, so wie du, Leandro und Durante, ist mir ein Gräuel. Ihr seid doch alle nur neidisch, weil ihr nicht mehr ungebunden seid wie ich.“

Ferruccio sah ihn nur mitleidig an, und Vincenzo juckte es in den Fäusten. Es war klar, dass der König nicht das geringste Interesse daran hatte, sein privates Glück wieder gegen die freie Wildbahn einzutauschen.

„Wenn du demnächst Castaldinien repräsentierst, sollen die Medien über deine Erfolge berichten, die du für das Königreich erzielst, Vincenzo, und nicht über die Schönheitsoperationen deiner Geliebten. Oder, noch schlimmer, die Geschichten bringen, die deine Ex-Geliebten über dich verbreiten. Deine Aufgabe bei den Vereinten Nationen wird sowohl diplomatischer als auch wirtschaftlicher Natur sein, und in dieser Position kannst du es dir nicht leisten, mit Sex und wilden Partys Schlagzeilen zu machen. Eine Ehefrau an deiner Seite wird der Welt beweisen, dass du solide geworden bist. Danach wirst du in den Medien nur noch auftauchen, wenn du Castaldinien wieder einen Schritt nach vorn gebracht hast.“

Vincenzo schüttelte ungläubig den Kopf. „Dio! Seit wann bist du ein solcher Spießer geworden, Ferruccio?“

„Wenn du damit meinst, seit wann ich ein Verfechter von Ehe und Familie bin, dann frage ich mich, wo du die vergangenen vier Jahre gewesen bist. Mein Leben ist die reinste Werbung für beides, und es wird Zeit, dass ich dir einen kleinen Schubs in dieselbe Richtung verpasse.“

„In dieselbe Richtung? Glückliche Zweisamkeit für immer und ewig? Du weißt genau, dass das für die meisten Menschen ein unerreichbares Ziel bleibt. Du hast das unwahrscheinliche Glück gehabt, Clarissa kennenzulernen, aber die Chancen für andere Männer stehen eins zu einer Million, dass sie eine Frau treffen, mit der sie eine perfekte Beziehung haben können.“

„Was die Trefferquote betrifft, habe ich keine Ahnung, Vincenzo“, meinte Ferruccio. „Immerhin hat Durante Gabrielle gefunden. Und Leandro Phoebe.“

„Zwei Glückspilze mehr, na und? Ihr alle habt eine schwere Kindheit und Jugend gehabt. All das Gute, was das Leben später für euch bereithielt, ist vielleicht eine Art Wiedergutmachung. Ich dagegen war immer vom Glück verwöhnt, und jetzt sieht es halt so aus, als müsste ich dafür büßen. Ich werde, anders als ihr, niemals die große Liebe finden.“

„Wenn du so weitermachst, bestimmt nicht“, gab Ferruccio zurück.

„Ich habe einfach nur mein Schicksal akzeptiert. Für mich gibt es kein Happy End.“

„Um so wichtiger, dass du heiratest. Ich will nicht, dass du dein Leben vergeudest, ohne die Wärme, die Geborgenheit und das Glück zu genießen, die eine gute Ehe mit sich bringen.“

„Danke für deine Fürsorge, aber es ist vergebliche Liebesmüh.“

„Weil du die wahre Liebe noch nicht gefunden hast? Liebe ist das i-Tüpfelchen auf einer Beziehung, aber nicht unbedingt die Voraussetzung dafür. Schau dir deine Eltern an. Es war eine arrangierte Ehe, doch dann haben sie herausgefunden, dass sie perfekt harmonieren. Such dir eine Frau, die dir passend erscheint, und sobald ihr verheiratet seid, wird das Band zwischen euch immer enger, bis es schließlich Liebe ist.“

„Das hört sich doch völlig verdreht an!“ Vincenzo stöhnte laut auf. Konnte Ferruccio nicht endlich Vernunft annehmen? „Außerdem war es zwischen dir und Clarissa auch von Anfang an Liebe.“

„Zumindest dachte ich das. Aber was ich zu Beginn für sie empfand, war nur ein Bruchteil dessen, was ich jetzt fühle“, entgegnete der König. „Wenn du deine zukünftige Frau also zunächst vielleicht nur respektierst, wirst du nach einem Jahr als Ehemann bereit sein, für sie durchs Feuer zu gehen.“

„Ach Ferruccio, gib doch einfach zu, dass du unverschämt viel Glück gehabt hast! Du bist mein König, und ich habe dir Treue geschworen, aber findest du es nicht unfair, vor mir mit deinem Familienglück anzugeben, wenn ich dir bereits gesagt habe, dass es so etwas für mich niemals geben wird?“

„Es gab eine Zeit, da habe ich auch geglaubt, es gäbe auf der Welt keinen Menschen, mit dem ich mein Leben teilen könnte. Denn die Frau, die ich liebte, war unerreichbar, und ich fand keine, die auch nur annähernd ihren Platz in meinem Herzen hätte einnehmen können.“

Vincenzo wurde misstrauisch. Ahnte Ferruccio etwas von dem Desaster, das sein Leben zerstört und ihm gezeigt hatte, dass Liebe für ihn unerreichbar war? Bitterkeit erfasste ihn – ein vertrautes Gefühl.

„Bald wirst du vierzig …“, wollte Ferruccio fortfahren, doch Vincenzo unterbrach ihn.

„Ich bin achtunddreißig!“

„… und du bist seit dem Tod deiner Eltern vor zwanzig Jahren allein.“ Ferruccio ließ sich nicht beirren.

„Ich bin nicht allein. Ich habe Freunde.“

„Für die du keine Zeit hast oder umgekehrt.“ Als Vincenzo auffahren wollte, hob Ferruccio die Hand und stoppte ihn. „Gründe eine Familie, Vincenzo. Etwas Besseres kannst du nicht tun. Weder für dich selbst noch für das Königreich.“

„Als Nächstes schreibst du mir vor, wen ich heiraten soll.“

„Wenn du nicht so bald wie möglich eine Entscheidung triffst, werde ich genau das tun.“

Vincenzo lachte ungläubig. „Drückt dir deine Krone zu sehr aufs Hirn? Oder haben dich deine Kinder um den Verstand gebracht?“

Doch Ferruccio lächelte nur.

Da Vincenzo genau wusste, weshalb man Ferruccio den Mann aus Stahl nannte, war ihm klar, dass jeder Widerspruch zwecklos war. Also konnte er ebenso gut sofort einlenken. Natürlich nicht, ohne Bedingungen zu stellen.

Er seufzte. „Wenn ich den Job annehme …“

„Das Wörtchen wenn klingt, als hättest du eine Alternative, Vincenzo. Aber die hast du nicht.“

„… dann nur für ein Jahr.“

„Ich bestimme die Dauer.“

„Ein Jahr“, beharrte Vincenzo. „Das ist meine Bedingung dafür, dass ich ab sofort keine Skandalgeschichten mehr liefere. Und damit erledigt sich wohl auch das Thema Ehefrau.“

Ferruccio gönnte ihm ein königliches Lächeln und signalisierte ihm, dass die Diskussion beendet war. „Keine Bedingungen, Vincenzo. Meine Aufforderung, dir eine Ehefrau zu suchen, war weder ein Vorschlag noch eine Bitte. Es handelt sich um ein königliches Dekret.“

Zuletzt hatte Ferruccio dann doch nachgegeben. Zumindest, was die Befristung auf ein Jahr anging. Seine Vorgabe war jedoch, dass Vincenzo den Nachfolger selbst auswählte und zufriedenstellend einarbeitete – nach Ferruccios Bedingungen.

Was die Ehefrau anging, blieb der König hart, und um seinen Willen zu unterstreichen, kündigte er sogar offiziell an, dass Vincenzo innerhalb von zwei Monaten eine passende Frau zu suchen und zu heiraten habe.

Vincenzo starrte entgeistert auf das königliche Dekret. Es war Zeit, Ferruccio in die Schranken zu weisen. Eine passende Frau in zwei Monaten zu finden, war unmöglich. Aber auch zwei Jahre hätten nicht gereicht. Denn es gab keine passende Frau für ihn. Genau wie Ferruccio war er ein Mann, der nur eine einzige Frau lieben konnte. Im Gegensatz zum König war es ihm jedoch nicht gelungen, seine große Liebe zu heiraten. Und seitdem hatte ihn keine Frau länger als ein paar Wochen interessiert.

Er hatte es aufgegeben. Obwohl das vielleicht nicht ganz stimmte, denn immer noch suchten ihn Erinnerungen heim, und dann kam die Sehnsucht, so wie jetzt …

Es dauerte einen Moment, bis Vincenzo den Schmerz niedergekämpft hatte. Plötzlich jedoch, wie aus dem Nichts, kam ihm eine Idee, und er begriff mit einem Mal, dass er in den vergangenen Jahren etwas grundlegend falsch gemacht hatte.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag: Anstatt gegen seine Gefühle anzukämpfen, hätte er die Geschichte mit Glory einfach laufen lassen müssen, bis sie von selbst zu Ende gegangen wäre. Denn dass sie irgendwann vorbei gewesen wäre, davon war er überzeugt.

Aber das konnte er ja nachholen! Und jetzt war genau der richtige Zeitpunkt dafür. Jetzt konnte er sein Verlangen stillen – und damit gleich mehrere Ziele erreichen.

Vincenzo lächelte, als er spürte, wie Erregung und Vorfreude von ihm Besitz ergriffen. So lebendig hatte er sich seit sechs Jahren nicht mehr gefühlt. Hier war eine Herausforderung, und er würde sie annehmen.

Was er brauchte, waren ein paar Informationen über Glory, um die Aufgabe, die vor ihm lag, zuverlässig durchführen zu können. Zwar verfügte er bereits über einige Details, aber für seine Art der Brautwerbung, die im Grunde mehr eine feindliche Übernahme war, konnten weitere Hintergrundinformationen nicht schaden.

Ihm würden sie jedenfalls nicht schaden.

Was Glory betraf … Nun, das war eine ganz andere Sache.

Glory Monaghan schaute verblüfft auf ihren Laptopbildschirm.

Das konnte nicht wahr sein. Eine E-Mail von ihm.

Mit zitternden Fingern strich sie über ihre Lippen. Sie war so aufgewühlt, dass sie einen Moment lang keinen klaren Gedanken fassen konnte.

Langsam, dachte sie. Eins nach dem anderen. Bestimmt ist es eine alte Mail …

Aber sie wusste genau, dass das nicht stimmte. Diese Mail hier war neu. Denn die alten hatte sie alle gelöscht. Allerdings erst vor zwei Monaten, und das auch nur aus Versehen.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das verführerische Angebot des Prinzen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen