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Das verborgene Kind

Inhalt

  1. Cover
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Erster Teil
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 4. Kapitel
  10. 5. Kapitel
  11. 6. Kapitel
  12. 7. Kapitel
  13. 8. Kapitel
  14. 9. Kapitel
  15. 10. Kapitel
  16. 11. Kapitel
  17. 12. Kapitel
  18. 13. Kapitel
  19. 14. Kapitel
  20. 15. Kapitel
  21. 16. Kapitel
  22. 17. Kapitel
  23. 18. Kapitel
  24. 19. Kapitel
  25. 20. Kapitel
  26. 21. Kapitel
  27. 22. Kapitel
  1. Zweiter Teil
  2. 23. Kapitel
  3. 24. Kapitel
  4. 25. Kapitel
  5. 26. Kapitel
  6. 27. Kapitel
  7. 28. Kapitel
  8. 29. Kapitel
  9. 30. Kapitel
  10. 31. Kapitel
  11. 32. Kapitel
  12. 33. Kapitel
  13. 34. Kapitel
  14. 35. Kapitel
  15. 36. Kapitel
  16. 37. Kapitel
  17. 38. Kapitel
  1. Über die Autorin

1. Kapitel

Der Stapel mit den Fotos lag unten in der Rosenholzschatulle. Flüchtig blätterte er ihn durch, wobei er sich wunderte, dass jedes Foto ihn selbst zeigte – eine dreißig Jahre umfassende fotografische Chronik. Dann legte er die Bilder wieder hinein. Das massive Kästchen mit den hübschen goldenen Intarsien beherbergte nicht nur die kleinen Schätze seiner Mutter, sondern auch eine Menge Familiengeschichte. Es hatte einmal seiner Großmutter väterlicherseits gehört und stellte daher eine besondere Verbindung zu seinem Vater dar, an den er sich kaum erinnern konnte. Dabei hatte er die Erinnerungen an diese schattenhafte Gestalt wie seinen Augapfel gehütet und durch ein Dutzend winziger Details, die er in Gesprächen unter Freunden und Familienmitgliedern aufgeschnappt hatte, angereichert und aufgefrischt.

»Natürlich kannst du dich nicht an ihn erinnern«, pflegte er zu seiner kleinen Schwester Imogen zu sagen. »Als Daddy gestorben ist, warst du noch ein Baby.«

Imogen machte sich nichts daraus. Im, wie sie genannt wurde, war von Natur aus ein glücklicher, selbstsicherer Charakter, weshalb es ihm fast nie gelang, sich ihr überlegen zu fühlen. Bei solchen Gelegenheiten schüttelte sie fröhlich den Kopf, vollkommen versöhnt damit, dass er derjenige war, der Bescheid wusste. Auch die Schatulle war für sie nicht von Bedeutung. Die kleinen Schätze, die er – unter Aufsicht seiner Mutter – in das zart duftende Innere legen durfte, waren zu empfindlich für ihre kleinen, ungeschickten Finger: eine perfekte Muschel, ein empfindliches dunkelrotes Blatt, eine glänzende, makellose Kastanie.

»Sollen wir es in das Kästchen legen, Mummy?«, hatte er immer gerufen, wenn er zu seiner Mutter gerannt kam, um ihr diese Geschenke zu bringen, und dann schaute er zu, wie sie diese Zeremonie vollzog: Die Schatulle wurde vom Schrankbrett genommen, der Schlüssel hervorgeholt, in das goldene Schloss gesteckt und der Deckel geöffnet. Eifrig beugte er sich vor, um den vertrauten Inhalt zu betrachten. Wenn er saubere Hände hatte, durfte er das Seidentaschentuch auseinanderfalten, das von seiner Großmutter stammte und in einem bestickten, nach Lavendel duftenden Täschchen aus weichem Wildleder aufbewahrt wurde; oder er durfte den Brief herausnehmen, den sein Vater ihm aus dem fernen Afghanistan geschrieben hatte, und das Foto ansehen, das er geschickt hatte. Der Brief, den seine Mutter ihm dann vorlas, schenkte ihm stets ein Gefühl von Stolz und Stärke; darin bat sein Vater ihn, ein guter Junge zu sein und auf seine Mutter und seine kleine Schwester aufzupassen. Sie betrachteten gemeinsam das Foto, von dem sein Vater ihnen zulächelte, der in einer staubigen, ausgedörrten Landschaft stand. Aber sein größtes Vergnügen war es, mit der geschnitzten und bemalten Holzkatze zu spielen, die sich wie eine russische Matroschka-Puppe in zwei Hälften auseinandernehmen ließ, aus denen eine kleinere Katze zum Vorschein kam und dann noch eine, bis zur letzten Figur, die eine entzückende Überraschung barg: eine winzige Maus. Die Katzen hatten schelmische Mienen, und sogar die Maus schien mit ihrem Los zufrieden zu sein, denn ihre aufgemalten Schnurrhaare krausten sich munter, und sie zwinkerte mit einem Auge.

Als er älter wurde, verblasste der Zauber nach und nach, bis er die Schatulle vollkommen vergaß. Sie war nur noch einer der vertrauten Gegenstände, die mit ihnen aus dem kleinen Haus in Finchley in die große Erdgeschosswohnung in Blackheath umgezogen waren und ihre Mutter schließlich ins Pflegeheim begleitet hatten.

Nun gehörte die Schatulle mitsamt Inhalt ihm; auch der Stapel Fotos, der wahrscheinlich erst in letzter Zeit zusammengestellt und hineingelegt worden war. Seufzend schob Matt das Kästchen und die Bilder weg. Dass keine Aufnahme von Imogen dabei war, erschien ihm sonderbar. Es würde sie vielleicht verletzen. Aber seine Schwester musste es ja nicht erfahren. Sie hatten ihrer Mutter schon lange nicht mehr nahegestanden – zuerst bedingt durch deren langsamen Abstieg in die Depression und den Alkoholismus und schließlich durch deren Leberkrankheit –, sodass es Imogen vermutlich nicht treffen würde. Beide Geschwister hatten sich so sehr an die abrupten Stimmungswechsel und das irrationale Verhalten ihrer Mutter gewöhnt, dass deren Handlungen sie nicht mehr besonders berührten. Trotzdem würde er Im nichts davon erzählen.

Matt nahm den Fotostapel noch einmal aus der Schatulle und sah ihn durch. Irgendetwas daran war eigenartig, aber er wusste nicht zu sagen, was es war, und er war zu rastlos und besorgt, um sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Gedanke an sein nächstes, noch ungeschriebenes Buch, von dem er nicht einmal eine Vorstellung hatte, beschwerte sein Gewissen. Jede neue, anfangs vielversprechende Idee stellte sich als langweilig heraus, jeder mögliche Handlungsbogen als uninteressant. Und Imogens Anruf hatte ihn in eine seltsame Stimmung versetzt.

»Wir fühlen uns so wohl hier«, hatte sie gesagt. »Ich kann nicht glauben, dass wir endlich im Exmoor leben. Auch wenn das hier nur ein Ferienhaus ist und wir immer noch nicht wissen, wo wir ab Ostern hinsollen. Jules ist ein bisschen nervös, aber es ist absolut himmlisch, nur wenige Meilen von Milo und Lottie entfernt zu wohnen. Warum kommst du nicht für ein paar Tage vorbei? Die beiden würden sich so freuen, dich zu sehen, und wir auch.«

Matt stand auf, schlenderte zum Fenster und schaute in den trostlosen Spätwinternachmittag hinunter. Die innerstädtische Straße war nass vom Nieselregen, und die Dächer der geparkten Autos schimmerten feucht. Vor seinem inneren Auge sah er das Haus aus rosigem Sandstein, das unterhalb der hohen, kahlen Klippen von Hurlstone Point stand. Von dort aus schweifte der Blick über das Dorf Bossington nach Dunkery Hill und dann westlich über das Porlock-Tal bis zum Meer. Plötzlich spürte er die kindliche Sehnsucht, dort zu sein, bei ihnen allen.

»Was hätten wir nur ohne Milo und Lottie angefangen?«, hatte Im ihn einmal gefragt.

»Ja, das seltsame Paar«, hatte er leichthin geantwortet, weil er nicht zugeben wollte, wie wichtig diese beiden Menschen ihm waren.

»Die beiden sind eigentlich unsere richtige Familie, nicht wahr?«, hatte sie gemeint. »Sie haben uns das Leben gerettet und dafür gesorgt, dass wir normal geblieben sind.«

Jetzt warf Matt einen Blick auf seine Armbanduhr: zwanzig nach drei. Wenn er sich sputete, konnte er zum Abendessen dort sein. In der Einbauküche von High House würde sich Milo – groß, dünn, elegant – über einen Topf mit köstlicher Suppe oder über eine exotische Sauce beugen, die auf dem Herd köchelte. Durch den Bogengang würde er Lottie etwas zurufen, die im Esszimmer an dem langen, schmalen Tisch saß, auf dem immer Stapel von Büchern und Zeitungen lagen, und ihm laut aus einem Artikel oder Brief vorlas, und sie würden sich beide vor Lachen ausschütten.

Wieder spürte Matt, wie ihm die Sehnsucht nach der vertrauten Szene einen Stich versetzte. Er nahm sein Handy und scrollte die Namensliste hinunter, bis er bei Lottie ankam. Eine halbe Stunde später war er bereits unterwegs.

Lottie traf Milo im Wintergarten an, wo er in der warmen Februarsonne in einem alten Korbsessel saß. Sein stolzes Profil mit der Adlernase verriet Konzentration, während er seine Zeitung las. Die langen, dünnen Beine hatte er ausgestreckt und an den Knöcheln übereinandergeschlagen, sodass rote Socken hervorlugten. Unter seinen Knien hatte sich ein goldbrauner Spaniel zusammengerollt.

»Matt ist unterwegs«, erklärte sie. »Ist das nicht großartig? Er wird rechtzeitig zum Abendessen bei uns sein.«

Milo ließ die Zeitung sinken. »Na, das ist mal eine gute Nachricht. Wie geht es ihm?«

Lottie zog ein Gesicht und krauste die Nase. »Kann ich nicht sagen. Klang vielleicht ein wenig niedergeschlagen. Natürlich habe ich gar nicht gewagt, das neue Buch zu erwähnen.«

Milo schüttelte den Kopf. »Armer Kerl! Jetzt zahlt er den Preis für seinen frühen Erfolg. Wenn das erste Buch ein internationaler Bestseller und in Hollywood verfilmt wird, dann ist es sehr schwer, das nächste zu schreiben. Jeder lauert nur darauf zu erfahren, ob es ein Flop wird.«

»Er sagt, sein Kopf sei vor lauter Angst vollkommen leer; meint, das erste sei nur ein Glückstreffer gewesen und dass er nie wieder was schreiben werde. Wenigstens ist er finanziell abgesichert. Und ganz bestimmt wird er irgendwann wieder arbeiten können. Ich wollte gerade Tee kochen. Soll ich ihn herbringen? Nanu, wer kommt denn da?«

Sie trat ans Fenster, beschattete die Augen gegen die schräg einfallende Sonne und sah die lange Auffahrt hinunter, die sich vom Dorf her zwischen den nicht durch Zäune abgetrennten Feldern hier heraufschlängelte. Der Wagen wurde langsamer und ließ ein paar Mutterschafe über den Fahrweg zockeln. Dann hielt er weiter auf das Haus zu, rumpelte über das Viehgitter und verschwand um die Hausecke.

»Es ist Venetia«, sagte Lottie resigniert. »Ich gehe ihr entgegen.«

Milo zeigte keine besondere Freude über den Besuch seiner Geliebten. »Pass auf, dass sie den Kuchen nicht sieht!«, riet er. »Du kennst sie doch. Sonst bleibt kein Krümel übrig. Kenne keine Frau, die so viele Kohlenhydrate verputzen kann wie Venetia.«

»Und trotzdem gertenschlank bleibt«, meinte Lottie neidisch. »Grässlich, oder?«

Durch den Fuchsbau von Räumen ging sie in die Eingangshalle und traf auf Venetia, die das Haus über die kleine Hinterveranda betrat. Elegant und hager wie ein alter Windhund beugte sie sich vor, um Lottie zu umarmen, und berührte mit ihrer perfekt geschminkten Wange die der ungeschminkten Lottie.

»Die Schneeglöckchen sind einfach wunderbar, Lottie«, sagte sie. »Nicht nur hier am High House, sondern überall. Und die Narzissen kommen gerade heraus. Das ist herzerwärmend.«

Lottie lächelte. »Es wird Frühling«, pflichtete sie ihr bei. »Wir wollten gerade eine Tasse Tee trinken. Möchtest du auch eine? Milo ist im Wintergarten. Ich bringe ihn gleich.«

»Das wäre ganz nett von dir, Liebes. Kuchen gibt es wahrscheinlich nicht, oder? Oder einen Schokoriegel? Ich komme um vor Hunger. Warum machen gute Taten einen nur so hungrig? Gerade eben habe ich die arme Clara besucht. Ich fürchte, inzwischen ist sie einfach gaga, und es erschöpft mich ziemlich, immer wieder dieselbe Frage zu beantworten. Heute wusste sie nicht einmal mehr, wer ich bin. Dabei war sie einmal so ein hübsches Mädchen. Ach, Lottie, es ist alles so furchtbar deprimierend!«

Tief in Venetias immer noch schönen, stark geschminkten violetten Augen sah Lottie Furcht und Entsetzen aufflackern.

»Aber es wird Frühling«, rief sie der Älteren ins Gedächtnis, »und es gibt Kuchen zum Tee.«

»Ach, Liebes.« Venetias Stimme war voller Dankbarkeit. »Du munterst einen immer so auf. Ehrlich.«

»Geh schon zu Milo«, sagte Lottie. »Matt kommt für ein paar Tage zu Besuch, daher ist er sehr gut gelaunt.«

Venetia schlenderte davon, und Lottie hörte, wie sie den Spaniel begrüßte, der ihr entgegenlief. Kurz darauf tauchte der Hund in der Küche auf. Ein hübscher Kerl war er, eine Kreuzung aus Cocker und Sussex-Spaniel. Er hatte ein sehr sanftes Wesen, obwohl er dumm wie Brot war, wie Milo ungnädig zu bemerken pflegte. Sein Fell hatte die Farbe von Schokoladenbiskuit mit Toffeesauce, einem von Milos Lieblingsdesserts. Er hatte dem bezaubernden rundlichen Welpen den Namen »Pud« gegeben.

»All diese Neuzüchtungen«, hatte Milo zu ihr gemeint. »Labrapudel, Sprollies und Sprocker. Man hat den Eindruck, dass ihnen dabei das Hirn weggezüchtet wird. Was eine ganz zutreffende Beschreibung für Pud ist.«

Nun saß das Tier da und schaute Lottie hoffnungsvoll an, während sie Tee kochte.

»Du hast das Wort ›Kuchen‹ gehört«, sagte sie zu ihm, »aber du kriegst keinen.«

Sie dachte daran, dass Matt kommen würde, und spürte eine Mischung aus Freude und Beklemmung. Seit dem Tod seiner Mutter vor ein paar Wochen hatte sie das starke Gefühl, dass etwas Bedeutsames geschehen würde. Doch was könnte das sein? Imogen und Matt waren schon lange nicht mehr abhängig von Helen gewesen, und deren Tod war alles andere als plötzlich gekommen. Helen hatte ein trauriges Leben geführt, nachdem sie jung verwitwet war und zwei kleine Kinder großzuziehen hatte, obwohl dieses Schicksal keineswegs ungewöhnlich war. Auch andere Frauen hatten diese Situation bewältigt, ohne stark zu trinken. Natürlich hatte Toms Tod Helen am Boden zerstört. Ihr Mann war in Afghanistan als Kriegsberichterstatter zwischen die kämpfenden Parteien geraten, doch Helens Depressionen hatten schon vor seinem Tod begonnen.

Lottie konnte sich erinnern, wie sie einmal versucht hatte, mit Tom darüber zu reden, einige Zeit nachdem die kleine Familie von ihrem ersten Aufenthalt in Afghanistan zurückgekehrt war. Aber er war ihr ausgewichen. Er hatte etwas von einer Fehlgeburt gemurmelt, die Helen während seines Einsatzes in Kabul gehabt habe. Sie sei sehr bestürzt darüber gewesen und habe sich nie ganz davon erholt. Lottie hatte ihn nicht gedrängt, mehr zu erzählen. Schon damals hatte sie alle ins Herz geschlossen: Tom, Helen und die Kinder, aber vor allem Tom. Er hatte es nie erfahren. Während der unzähligen Stunden, in denen sie gemeinsam sein Buch über den Krieg in Belgisch-Kongo redigierten, hatte er niemals geahnt, wie sehr sie ihn liebte.

Lottie stellte Geschirr, Gabeln, die Teekanne und den Kuchen auf das Tablett und trug es in den Wintergarten. Pud folgte ihr auf dem Fuß. An der Tür zögerte sie. Venetia hatte ihren Stuhl nah an den von Milo herangezogen und saß so, dass ihre Knie seine berührten. Er barg ihre zarte, schmale Hand zwischen seinen warmen Pranken. Sie hatte die Augen geschlossen.

»Die arme alte Clara. Es ist alles so schrecklich hoffnungslos, nicht wahr, Milo?«, sagte sie gerade.

Er beobachtete sie. Seine Miene war zärtlich und nachdenklich, und Lottie wusste, dass er sich an die junge, schöne Venetia erinnerte, so wie er sie bei jener allerersten Begegnung gesehen hatte: als Frau seines vorgesetzten Offiziers Bernard – »Bunny« – Warren auf einem Ball in Sandhurst. Für einen Moment sah auch Lottie die beiden so vor sich: Venetia, die in ihrem Ballkleid glamourös und sexy wirkte, und Milo, hochgewachsen und hinreißend in seiner Gala-Uniform. Sie bemerkte, wie sie Hände schüttelten, den energiegeladenen Blick, den sie wechselten, und hörte das Lachen und Stimmengemurmel um sie herum, das Klirren der Gläser und den fernen Klang von Musik.

»Altwerden ist eben nichts für Feiglinge, Liebes«, sagte Milo jetzt und brach den Bann. Er schaute sich zu Lottie um und blinzelte ihr kaum merklich zu. »Da kommt der Tee.«

Venetia schlug die Augen auf, und Lottie stellte das Tablett auf den runden Tisch mit der Glasplatte. Sie fragte sich, ob Milo Venetia bitten würde, zum Abendessen zu bleiben. Lottie wusste, dass Matt nichts dagegen haben würde. Obwohl er seine Isolation und Privatsphäre schätzte und sie hütete, wenn er arbeitete, liebte er doch die offene, gastfreundliche Atmosphäre im High House, wenn er sich entspannte – und er mochte Venetia sehr. Lottie versuchte immer, Verständnis für die Ältere aufzubringen, wenn diese unter überwältigender Einsamkeit und Depressionen litt, die sie seit dem Tod ihres Mannes gelegentlich überfielen. Bei Milo dagegen lauerte hinter seiner aufrichtigen Zuneigung zu Venetia das instinktive Misstrauen des männlichen Geschlechts.

»Du darfst nicht zu weichherzig sein«, pflegte er zu sagen, wenn er argwöhnte, Lottie könne einem Wink von Venetia nachgeben. »Nun, nachdem der gute alte Bunny nicht mehr ist, musst du aufpassen, sonst zieht sie noch bei uns ein. Venetia ist hart im Nehmen. Sie weiß, was sie will, und sorgt dafür, dass sie es auch kriegt.«

»Dann kommt Matt also vorbei«, sagte Venetia gerade. »Ihr habt solches Glück, dass ihr die jüngere Generation in der Nähe habt. Imogen und Jules wohnen mit ihrem süßen Baby gleich auf der anderen Seite des Tals. Und Matt schaut so oft vorbei. Da sehen all diese schrecklichen Dinge schon nicht mehr ganz so übel aus, oder? Meine Kinder lassen sich gar nicht mehr blicken …«

Lottie, die den Tee einschenkte, fing Milos Blick auf. Er zog eine Augenbraue hoch, und sie nickte.

»Bleib doch zum Abendessen!«, schlug er vor. »Wie wäre das?«

Hoffnungsvoll schaute Venetia zu Lottie auf. »Würde ich denn nicht stören? Was meint ihr, ob es Matt etwas ausmacht?«

Lottie schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Wirklich, bleib doch!«

»Aaah.« Venetia stieß den Atem aus, als sei sie von einer Sorge oder Angst erlöst, und lehnte sich im Sessel entspannt zurück. »Sehr, sehr gern.«

Nach dem Tee ließ Lottie die beiden allein und ging hinaus in den Garten, um Schneeglöckchen zu pflücken. Die Abendsonne warf lange Schatten über den Rasen; und um die Wurzeln der alten Birken blühten Krokusse und bildeten Kreise aus leuchtendem Gold und dunklem Blauviolett. Eine Amsel schoss im Sturzflug herab, und ihr abgehackter Warnruf hallte durch die Stille. Geister wohnten in dem Garten; die Geister von Menschen und Hunden, aber Lottie fürchtete sich nicht vor ihnen. Sie kannte sie alle und spürte, wenn sie in der Nähe waren; manche von ihnen waren ihr so nahe wie die beiden Menschen, die sie im Wintergarten zurückgelassen hatte. Sie konnte sich an keine Zeit erinnern, in der sie sich nicht der Existenz anderer Welten neben der ihren bewusst gewesen wäre. Als Kind hatte sie sich bei dem Versuch, ihre Gabe zu rationalisieren, Geschichten ausgedacht, Vorspiegelungen der Phantasie, die sie mit tatsächlichen Ereignissen verwoben hatte. Damit unterhielt sie ihre Schulfreundinnen – und jagte ihnen sogar Angst ein. Einmal, als sie sieben war, hatte der Vater einer Schulfreundin ihr vorgeworfen, seiner Tochter Lügen aufzutischen. Lottie war schockiert und überrascht gewesen, hatte ihm aber nicht aufzeigen können, wo die feine Grenze zwischen der absoluten Wahrheit und der Realität der Phantasie verlief. Und noch etwas anderes kam hinzu: ein Quäntchen sechster Sinn. Später amüsierte und unterhielt sie ihre Freunde und Kollegen mit komischen oder dramatischen Ausschmückungen, die sie ziemlich gewöhnlichen Begegnungen verlieh, und lenkte so von ihrer Fähigkeit ab, »weiter durch eine Backsteinmauer zu sehen als die meisten Menschen«, wie Tom es einmal beschrieben hatte. Daraus erwuchs ihr ein gewisser Ruf, der andere Menschen auf Distanz hielt, wie die Dornenhecke das schlafende Schneewittchen abschirmte.

Nur Tom hatte diese Distanz überbrückt. Eigenartig, dass ausgerechnet er, der sich mit Fakten und der harten journalistischen Realität auseinandersetzte, sie wirklich verstanden hatte; aber Tom war auch ein schwarzhaariger Kelte gewesen, dessen Großmutter das zweite Gesicht besessen hatte. Es war, als hätte er Lottie auf einer zutiefst spirituellen Ebene erkannt, und für sie war es eine große Erleichterung gewesen, dass er sie so wahrnahm, als sei sie endlich sichtbar geworden. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie sich nicht einsam gefühlt. Sie hatte mit ihm an seinem Buch gearbeitet und es genossen, gelegentlich mit ihm zu Mittag zu essen. Die beiden hatten viele Gemeinsamkeiten entdeckt und rasch eine tiefe Verständnisebene erreicht, die Lottie glücklich gemacht und Tom Trost geschenkt hatte.

Milo dagegen hatte Lottie auf eine andere Art akzeptiert. Sie war einfach die kleine Charlotte, die weit jüngere Schwester seiner Exfrau Sara, und seine Haltung ihr gegenüber war brüderlich, unkompliziert und beruhigend. Er hatte ihr auch den Spitznamen »Lottie« verliehen.

Als Sara Milo nach Hause mitbrachte, um ihn ihrer Familie vorzustellen, liebte Lottie ihn vom ersten Moment an. Sara hatte sie ermahnt, bloß nicht lästig zu fallen, aber Milos Körpergröße und sein fröhliches, dröhnendes, ansteckendes Lachen faszinierten Lottie so sehr, dass sie nicht gehorchte. Milos Wärme zog sie an, und Saras warnende, finstere Miene verlor ihre Macht. Und Milo war trotz des Altersunterschieds von dreizehn Jahren, der ihn von Lottie trennte, nett zu ihr gewesen.

Sehr schnell hatte sie begriffen, dass die Atmosphäre zwischen Milo und Sara nicht stimmte.

»Warum willst du ihn heiraten?«, hatte sie ihre Schwester gefragt. Der Gegensatz zwischen den sichtbaren Zuneigungsbekundungen und den Spannungen, die lautlos in der Luft um die beiden vibrierten, hatte Lottie verwirrt.

Sara hatte ihre Schwester voller Zorn und Verachtung angestarrt. »Wie wär’s, wenn du dich um deine eigenen Angelegenheiten kümmerst?«, hatte sie von oben herab gefaucht.

Zwischen Sara und Lottie schien keine geschwisterliche Beziehung möglich zu sein. Sara war entschlossen, Lottie die Schuld am Tod ihrer Mutter zu geben, die sechs Monate nach der Geburt der Jüngeren gestorben war. »Nach deiner Geburt war sie nie wieder die Alte!«, pflegte sie zu sagen; und da war es nicht gerade hilfreich, dass Milos Eltern die entzückende kleine Schwester der reizbaren, besitzergreifenden und unverblümten älteren vorzogen. Milos Mutter »adoptierte« die zehnjährige Lottie; sie wurde in den Schulferien nach High House eingeladen und erhielt dort sehr bald ihr eigenes Zimmer. Ihr ältlicher und distanzierter Vater war erleichtert, aber Sara zeigte sich irritiert und verächtlich. Sie nannte Lotties Verhalten »Einschmeicheln«. Aber die ungewohnte Freude darüber, dass sie aufrichtige Liebe und ein Gefühl von Familienzugehörigkeit gefunden hatte, war so groß, dass Lottie es nicht aufgab, nur um die launische Sara zu beschwichtigen, die inzwischen mit Milo in einer Wohnung für verheiratete Militärs in der Nähe von Warminster lebte.

Als ihr Vater starb, erschien es ganz natürlich, dass Lottie in High House einzog. Sie war glücklich, wenn Milo, Sara und Nick, der damals noch ein Baby war, zu Besuch kamen, und – obwohl sie sich schämte, das zuzugeben – noch glücklicher, nachdem die unvermeidliche Scheidung erfolgt war und Milo allein oder mit Nick erschien. Als Milo High House erbte, gehörte Lottie schon zum Inventar, und es war ganz selbstverständlich, dass sie weiter zusammenlebten. Milo hatte seinen Posten als Brigadier aufgegeben und war in Pension gegangen, und Lottie, die bei einem Londoner Verlag arbeitete, kehrte nur am Wochenende nach High House zurück. Seit dieser Zeit waren auch Imogen und Matt regelmäßig bei ihnen zu Gast.

Lottie dachte über Matt nach, als sie jetzt mit einem Strauß Schneeglöckchen durch den Garten spazierte. Er ähnelte seinem Vater auf beinahe unheimliche Weise. Der Blick seiner schmalen braunen Augen; die Art, wie er sein dichtes schwarzes Haar mit nervösen Fingern knetete, bis es zu Berge stand – sein Anblick konnte Lottie dreißig Jahre zurückversetzen und an die seltsame Mischung aus Glücksgefühlen und Kummer erinnern, die sie mit Tom verband. Es war ihr unendlich schwergefallen, dass sie nach seinem Tod nicht offen trauern durfte. Stattdessen hatte man von ihr erwartet, Helen zu trösten und zu unterstützen. Als die Kinder größer wurden, bauten sie auf Lottie, während Helen immer tiefer in Verzweiflung, Leugnung und Schweigen versank. Sooft Lottie konnte, nahm sie die beiden mit nach High House, um Helen eine Ruhepause zu gönnen, in der niemand Ansprüche an sie stellte, und um Matt und Imogen die Freiheit zu schenken, laut zu toben und zu spielen; und sie war Milo zutiefst dankbar für die bedingungslose Zuneigung, die er den beiden kleinen Neuankömmlingen erwies. Sogar Nick hatte deren Besuche genossen, obwohl er gleichzeitig versucht hatte, die Warnungen seiner Mutter zu beherzigen, dass diese Usurpatoren ihn womöglich um sein Erbe bringen oder sich hinterlistig die Zuneigung seines Vaters erschleichen würden.

Lottie wandte sich wieder dem Haus zu. Sie machte sich Sorgen um Matt und hatte immer noch das Gefühl, dass etwas Verhängnisvolles geschehen werde; und doch hatte sie nicht die Vorahnung einer richtigen Katastrophe, nicht dieses reale Grauen, das sie empfunden hatte, als Tom nach Afghanistan zurückgekehrt war.

Matt war ein schwieriges Kind gewesen, das zu Albträumen neigte und furchtbare Angst vor dem Alleinsein hatte. Als sein Vater starb, hatten seine Beklemmungen noch zugenommen, und sie und Helen hatten sie nur gemeinsam überwinden können. Damals hatte Helen das Haus in Finchley verkauft und war in die Gartenwohnung in Blackheath gezogen, wo Lottie als Untermieterin bei ihnen lebte. Eine Zeit lang hatte das gut funktioniert, aber Lottie war nicht in der Lage gewesen, Helen Ausgeglichenheit zu schenken und sie vor quälender Verzweiflung zu bewahren. Doch zumindest hatte sie Matt trösten und dazu beitragen können, dass er sich an seiner ersten Schule einlebte. Und sie hatte dafür gesorgt, dass er Imogen nicht mit seiner überbordenden Phantasie ansteckte, die seinen Schlaf störte.

Als Matt älter wurde, bekämpfte er seine Dämonen mit einer stoischen Tapferkeit, die Lottie in der Seele wehtat. Zu seinen Strategien gehörte es, kleine Geschichten zu schreiben. Darin ging es im Allgemeinen um ein Kind, das sich verlaufen hatte oder verlassen worden war und sich gegen ein Ungeheuer, ein Tier oder einen bösen Zauberer wehren musste. Hinter dem Kind stand immer ein Alter Ego, ein Geisterkind, das den Helden beschützte. Diese Geschichten waren seltsam und aufwühlend, und Matts Lehrer waren abwechselnd beeindruckt und beunruhigt gewesen. Doch niemanden überraschte es, als Matt für seine Essays Preise gewann und später mit einem Stipendium nach Oxford ging. Anschließend trat er, was eigentlich unerhört war, sofort eine Stelle bei einem Verlag an, bevor er ein, zwei Jahre später mit der langwierigen Arbeit an dem Fantasy-Roman begann, der ihm solch große Anerkennung einbringen sollte. Eigentlich war es nicht erstaunlich, dass er nach diesem Riesenerfolg unter einer Schreibblockade litt, und Lottie wunderte sich, dass sie immer noch große Angst um ihn hatte, obwohl er bereits so viel erreicht hatte. Aber ihre Erfahrung verbot ihr, diese Empfindung einfach abzutun. Vielleicht würde sie verstehen, was dieses Gefühl auslöste, wenn sie Matt sah und mit ihm redete.

2. Kapitel

In Chiswick umrundete Matt den Kreisverkehr und fuhr auf der M4 weiter nach Westen. Auch er dachte an diese frühen Geschichten zurück und daran, dass seine Schriftstellerkarriere durch das Bedürfnis entstanden war, mit dem Tod des Vaters fertig zu werden und mit dem seltsamen, schmerzlichen Gefühl, unvollständig zu sein. Aber die innere Rastlosigkeit und eine furchtbare Einsamkeit verfolgten ihn noch immer.

»Wir werden aus einer inneren Leere heraus schöpferisch«, hatte ein Autorenkollege einmal zu ihm gesagt. »Wir müssen alternative Welten erschaffen, weil uns etwas Wesentliches fehlt.«

Während Matt Slough und Reading hinter sich ließ und froh war, dass der Berufsverkehr noch nicht eingesetzt hatte, fragte er sich, ob das für alle Autoren von fiktionalen Werken gelte. Er selbst fühlte sich nur wirklich lebendig, wenn er Wörter niederschrieb, arrangierte und wieder umstellte. Er brauchte die Hektik des Großstadtlebens, damit seine Ideen sprudelten; er musste die vorbeieilenden Menschen beobachten oder in Cafés oder Pubs sitzen. Im Gegensatz zu Imogen hatte Matt sich nie an das Landleben gewöhnt. Oh, er fuhr gern nach High House hinunter, aber selbst als Kind hatte er sich weder für Pferde, für die Jagd noch für Hunde begeistern können, Leidenschaften, die Im sich bereitwillig zu eigen gemacht hatte. Nach ihrem Schulabschluss hatte sie mit Pferden gearbeitet, und es passte vollkommen zu ihr, dass sie sich in einen Tierarzt verliebt und ihn geheiratet hatte.

Matt konnte Jules gut leiden. Er war ein offener, unkomplizierter Bursche, und es war klar, dass er und Im ideal zusammenpassten. Sogar ihr Baby war ein friedliches Kind. Dennoch beneidete Matt seine Schwester nicht um ihr häusliches Glück. Er fürchtete sich vor solch einer festen Bindung und war sich bewusst, dass seine Dämonen jemand anderem das Leben unerträglich machen könnten. Sofort dachte er an Annabel. Er hatte ihr eine SMS geschickt – eine feige Taktik – und ihr erklärt, er werde für ein paar Tage verreisen; er hatte die Enttäuschung in ihrer Stimme nicht hören wollen. Schließlich befand sich ihre Beziehung noch nicht in einem Stadium, in dem er Annabel in seine Pläne einbeziehen müsste. Die Freundschaft war immer noch ziemlich unverbindlich. Er wusste allerdings sehr gut, dass sie sich wünschte, es würde viel mehr daraus, und dass sie auf eine Konfrontation zusteuerten, die jederzeit stattfinden konnte.

Diese Tage werden mir Gelegenheit geben, alles sorgfältig zu überdenken, sagte er sich – und schnaubte verächtlich, weil er sich selbst etwas vormachte. Annabel war hübsch und lustig und kannte seinen Status, weil sie in der Marketingabteilung eines großen Verlags arbeitete. Sie zeigte sich auf ziemlich schmeichelhafte Art von seinem Erfolg beeindruckt. Trotzdem war das Problem, dass er nichts von der Leidenschaft und Sehnsucht empfand, die seiner Meinung nach zum Verliebtsein gehören sollten.

»Du bist zu abgehoben«, erklärten ihm seine männlichen Freunde. »Zu analytisch. Du denkst zu viel. Trink ein paar Gläser, und entspann dich, und den Rest übernimmt sie dann schon!«

Vielleicht hatten sie ja recht, und er erwartete zu viel. Vielleicht sollte er Annabel geben, was sie wollte, und vielleicht würde sich danach auch die Liebe einstellen. Nur, wenn das nicht geschähe … was dann?

In Leigh Delamere fuhr er ab, um bei Costa einen Kaffee zu trinken. Das Café war gut besucht, aber er fand einen Ecktisch, von dem aus er die anderen Gäste beobachten konnte. Ein Paar mittleren Alters unterhielt sich ernsthaft mit besorgter Miene. Eine junge Frau, die eine SMS abrief, warf ihm einen Blick zu, lächelte verhalten und schaute wieder weg. Hinter ihr saß ein Mann, der von der Zeitung, die er las, beinahe vollkommen verdeckt wurde. Matt hätte sich für jeden von ihnen eine kleine Geschichte ausdenken können, aber bevor er damit anfangen konnte, streckte die Frau mittleren Alters in einer dramatischen Verzweiflungsgeste die Hände aus.

»Was sollen wir nur tun?«, hörte er sie sagen. Ihr Begleiter rückte auf dem Stuhl nach hinten und biss sich auf die Lippen.

Matt trank von seinem Kaffee, während er im Kopf verschiedene Szenarien entwarf: Vielleicht waren sie Liebende, die sich verstohlen trafen, und sie hatte genug von der Heimlichtuerei und hoffte, ihn zu einer Entscheidung zu bewegen. Wieder sah er die beiden an. Keiner von ihnen war schick gekleidet, und sie erweckten auch nicht den Eindruck, sich besondere Mühe mit ihrem Äußeren gegeben zu haben; also waren sie vielleicht doch kein Liebespaar. Vielleicht hatten sie ja ein erwachsenes Kind, das eine schwierige Phase durchmachte, zum Beispiel eine Scheidung, und sie sorgten sich um ihre Enkel. Oder die Sache hatte mit einem pflegebedürftigen Elternteil zu tun. Sofort dachte er an die eigene Mutter und die Trauer, die ihr das ganze Leben verleidet hatte. Es erschien unfassbar, dass sie tot war; ihre gesamte Existenz war von einer solchen Hoffnungslosigkeit erfüllt gewesen, dass sie gar nicht richtig gelebt hatte. Manchmal hatte er ein schlechtes Gewissen gehabt, weil er sich freuen und lachen konnte, während sie in Melancholie versank.

»Aber warum sollten wir uns schuldig fühlen?«, pflegte Imogen einzuwenden. »Als Daddy starb, war ich viel zu jung, um mich richtig an ihn zu erinnern, und du warst erst vier. Es wäre doch vollkommen unvernünftig, wenn wir unser ganzes Leben lang unglücklich wären. So, wie Lottie Daddy schildert, hätte er gewollt, dass wir jede Minute genießen. Würde Mum nur aufhören, ihren Schmerz mit Alkohol zu betäuben, könnte sie das auch verstehen.«

»Warum?«, hatte er Lottie als Junge einmal gefragt. »Warum spricht Mum nicht mehr? Ich meine, nicht richtig.«

Lottie hatte den Kopf geschüttelt, offensichtlich genauso verwirrt wie er darüber, dass sich Kummer als selbst auferlegtes Schweigen äußern konnte. Es war, als habe seine Mutter Angst zu sprechen, damit sie nichts sagen konnte, was sie bereuen würde. Irgendwann war Matt froh, dass er weggehen und seine Mutter Lottie überlassen konnte, obwohl er auch deswegen Schuldgefühle hatte. Wie er Imogen um ihre Unbeschwertheit beneidete!

»Lottie muss ja nicht bleiben«, pflegte sie zu sagen. »Sie hat die Wahl, und sie meint, dass sie so, wie die Dinge stehen, ziemlich glücklich ist. Außerdem kann sie immer zu Milo fahren. Hör auf, dir Gedanken zu machen, Matt!«

Matt trank seinen Kaffee aus und begab sich zurück zum Wagen. Der Nieselregen hatte aufgehört. Während des Rests der Fahrt ließ er das Radio laufen, um sich abzulenken und seinen Geist zu beschäftigen.

Es war fast acht Uhr, als er schließlich von der A39 nach Allerford abbog und über die lange, schmale Straße nach Bossington fuhr. Als er den kleinen Bach Aller Brook überquerte und über das Viehgitter am Fuß der Auffahrt polterte, sah er oben auf dem Hügel die hell erleuchteten Fenster von High House.

»Lottie hat angerufen, um zu sagen, dass Matt angekommen ist«, erklärte Imogen auf der Schwelle zum Wohnzimmer. »Jetzt bin ich froh, dass ich ihn angerufen habe. Ich hätte aber ehrlich nicht geglaubt, dass er sich einfach in den Wagen setzt und gleich losfährt. Er grübelt zu viel. Die Abwechslung wird ihm guttun. Lottie sagt, er sieht gut aus. Venetia bleibt zum Essen. Ach, ich wünschte, wir wären auch dort. Was meinst du?«

»Nein«, gab Julian zurück. Er stapelte Holzscheite in dem großen offenen Kamin, folgte ihr dann durch die schmale Diele in die Küche und wusch sich über dem Spülbecken die Hände. »Ich bin müde und hungrig und möchte im Fernsehen Life on Mars Gefangen in den 70ern anschauen. Klar, ich liebe sie alle, aber heute Abend kann ich ohne sie leben. Gott sei Dank habe ich heute keinen Bereitschaftsdienst und kann was trinken. Möchtest du auch was, Im?«

Er hielt die Weinflasche in die Höhe, und sie nickte. Julian reichte ihr ein Glas und schenkte sich selbst ebenfalls ein. »Nichts Neues an der Hausfront?«

»Nichts, was wir uns wirklich leisten könnten.« Sie gab Pasta auf vorgewärmte Teller und stellte sie auf die breite Theke aus Kiefernholz, die die Einbauküche von dem Rest des großen, hellen Raums abtrennte. »Ich kann mich nicht entscheiden, ob wir in Panik verfallen sollen oder nicht. Ich wünschte, wir könnten hierbleiben, aber Piers sagt, er hätte Reservierungen für Ostern. Um ehrlich zu sein, hätte ich gedacht, dass wir etwas mehr Geld von Mum erben würden. Ich hatte ja keine Ahnung, wie teuer die Pflege war. Es war ein kleiner Schock.«

»Ist nicht so tragisch.« Er trug die Teller zum Tisch. »Da ist noch das Cottage in Exford. Wenn wir wirklich in der Patsche sitzen, wäre das auch okay. Ich weiß, dass es nicht gerade unser Traumhaus ist, aber schließlich wollten wir ja vor allem ins Exmoor, oder? Das ist das Wichtigste. Manchmal muss man eben Kompromisse schließen. Und die Scheune in Goat Hill ist auch immer noch da. Alles kurze Wege: Bis in die Praxis nach Simonsbath sind es kaum zehn Minuten zu fahren, und du hättest die Dorfläden in Challacombe und Exford zum Einkaufen. Billy Webster meint, wir könnten die Scheune mieten, sobald das Haus seines Sohns bezugsfertig ist. Und so, wie es aussieht, ist es jeden Moment so weit. Der arme alte Billy ist die Feriengäste leid und hätte gern einen Langzeitmieter.«

»Ich weiß.« Sie setzte sich ihm gegenüber. »Ich muss sie mir mal ansehen, falls sein Sohn nichts dagegen hat. Aber ich würde lieber etwas Eigenes kaufen, wenn wir können.«

»Die Immobilienpreise fallen.« Julian bediente sich mit Pesto. »Vielleicht wäre es vernünftig, noch etwas zu warten. Ich möchte so nahe wie möglich an der Praxis wohnen. Hier ist es schon schlimm genug, vier Abende in der Woche Bereitschaftsdienst zu haben. Noch weiter weg möchte ich nicht ziehen.«

Imogen schob sich das blonde Haar hinter die Ohren und stützte das Kinn in die Hände. »Es wäre gut, näher an Simonsbath zu wohnen.« Sie grinste ihn an. »Wir haben so ein Glück! Und es war nett, dass Milo uns erlaubt hat, unseren überflüssigen Kram im High House einzulagern. Das nimmt etwas den Druck, findest du nicht?«

Die Liebe zu seiner Frau überwältigte Julian fast. Imogens Energie und Wärme schenkten ihm das Gefühl, dass alles möglich sei, solange sie nur bei ihm war. Sie sah ihn an und lächelte verhalten.

»Und was ist jetzt mit dem Hund?«

Er lachte. »Ist das wirklich dein Ernst? Sieh mal, wir leben in einer möblierten Mietwohnung, haben ein neun Monate altes Kind und keine Ahnung, wo wir in einigen Wochen sein werden …«

»Es gibt immer gute Gründe dafür, etwas nicht zu tun. Ich habe mit Piers darüber geredet, und er meint …«

»Du hast mit Piers gesprochen?«, unterbrach er sie. »Ehrlich, Im …«

»Na ja, das musste ich doch, oder? Es ist sein Cottage. Ich bin nicht vollkommen verantwortungslos, Jules. Er hat mir erzählt, dass er als kleiner Junge hier gewohnt hat, bevor sie nach Michaelgarth gezogen sind, und dann noch einmal, nachdem er geheiratet hatte. Er meint, es hätte hier immer Hunde gegeben, da käme es auf einen Welpen mehr oder weniger nicht an. Ich liebe Piers einfach. Er ist ein richtiger Schatz.«

Seufzend verdrehte Julian die Augen. »Dann ist das ja wohl entschieden.«

»Ich fürchte schon. Fragst du den Bauern, ob ich mir seine Welpen anschauen kann?«

»Sicher.«

»Du hast gesagt, sie wären richtig niedlich.«

»Ich weiß. Umso dümmer von mir. Denk daran, dass wir keine Ahnung haben, wer der Vater ist!«

»Das ist schon in Ordnung. Eine Kreuzung mit einem Collie ist ideal. Die Tiere sind intelligent, haben keinen empfindlichen Magen und sind nicht überzüchtet. Ich kann es kaum abwarten, den Wurf zu sehen. Rosie und ich könnten morgen hinfahren. Vielleicht will Matt ja auch mitkommen.«

»Okay. Ich rufe morgen früh von der Praxis aus an und sage dir Bescheid.«

Sie strahlte ihn an. »Möchtest du apple crumble?« Sie stand auf und stellte die Teller zusammen. »Ach, hab ich es dir schon gesagt? Ich liebe dich auch.«

Er lachte. »Ich weiß. Du betest mich an.«

»Nur ein bisschen. Ein ganz kleines bisschen.«

Als sie an seinem Stuhl vorbeiging, hielt er sie fest. »Es kommt doch alles in Ordnung, oder, Im?«

Verwirrt sah sie auf ihn hinunter. »Was meinst du? Den Welpen?«

»Nein. Also, ja. Eigentlich alles. Ein kleines Kind und einen jungen Hund und keine feste Wohnung zu haben. Schließlich sind es nur noch wenige Wochen bis Ostern.«

Sie stellte die Teller ab, legte die Arme um ihn und wiegte ihn, wie sie es bei Rosie getan hätte. »Wenn es ganz schlimm kommt, können wir immer noch nach High House ziehen. Deswegen gerate ich auch nicht in Panik. Für Milo und Lottie ist es in Ordnung. Dort gibt’s genug Platz. Nein, ich weiß schon, dass du das nicht willst, ich will es ja auch nicht. Ich liebe die beiden, aber ich weiß, dass es trotzdem schwierig werden könnte, mit ihnen unter einem Dach zu leben. Aber es bedeutet immerhin, dass wir nicht auf der Straße stehen werden. Wir würden doch klarkommen, wenn es nur für ein paar Wochen wäre, oder? Und dann ist da noch die Scheune. Irgendetwas wird sich schon auftun. Mach dir keine Sorgen!«

Julian holte tief Luft. Als Assistent in einer sehr kleinen, aber expandierenden Tierarztpraxis war er sehr eingespannt, und sein Beruf war ihm sehr wichtig. Er musste sich darauf konzentrieren können. Die Kleintierbesitzer und die Bauern waren gleichermaßen anspruchsvoll, und der Druck war hoch – genau wie die Selbstmordrate unter Tierärzten. Einer seiner Studienfreunde hatte sich erst vor wenigen Monaten mit einer Dosis Euthatal umgebracht.

Aber als Im die Arme um ihn schlang, kehrten Jules’ natürliche Zuversicht und sein Mut zurück.

Er küsste sie. »Ich weiß«, meinte er leichthin. »Wie spät ist es? Ich möchte Life on Mars nicht verpassen, und ich hätte auch gern von dem Crumble. Haben wir Vanillesauce?«

Sie hatte recht: Es würde sich schon etwas ergeben.

Imogen räumte die Spülmaschine ein und kochte Kaffee. Im Wohnzimmer hatte Julian das Feuer angezündet. Mit der Fernbedienung in der Hand stand er da und zappte durch die Kanäle.

»Kommst du nicht?«, fragte er und stellte seinen Kaffeebecher auf dem kleinen Beistelltisch neben dem großen, bequemen Sofa ab.

»Ich will nur eben nach Rosie sehen.«

Sie rannte die Treppe hinauf und blieb an der Tür des kleinsten Zimmers stehen. In dem Licht, das vom Treppenabsatz her einfiel, sah sie, dass Rosie friedlich und vollkommen entspannt schlief. Imogen stand ganz still da und spürte die vertraute Mischung aus Liebe und Angst, die sie beim Anblick ihrer Tochter immer ergriff. Dieser kleine Mensch war so zart und verletzlich. Diese Eigenschaften wurden jedoch mitunter von Rosies Dickkopf überlagert, wenn sie ihre Eltern mit ihrer Entschlossenheit, zu bekommen, was sie wollte, frustrierte und ermüdete. Aber im Allgemeinen war sie ein braves Kind. Imogen hoffte, dass die Kleine weder die Rastlosigkeit, die ihren Onkel Matt umtrieb und ihm Albträume bereitete, noch Jules’ Neigung, sich Sorgen zu machen, geerbt hatte, sondern gemeinsam mit dem blonden Haar und den blauen Augen der Mutter auch deren heiteren Charakter aufwies.

Seit ihrer Hochzeit und der Geburt ihres Babys wünschte Imogen sich, auch Matt könne diesen Reichtum erleben: die Freude, mit jemandem zusammen zu sein, dem man vertraute, die Freude, das Leben mit jemand Besonderem zu teilen. Das hatte sie einmal auch Lottie gegenüber erwähnt.

»Aber will Matt das wirklich?«, hatte Lottie gefragt. »Er hat vielleicht andere Vorstellungen davon, was Erfüllung ist, als du.«

Darüber hatte Imogen nachdenken müssen. »Aber nicht einmal sein toller Erfolg als Autor hat ihm inneren Frieden geschenkt, oder?«, hatte sie eingewandt. »Was also will er?«

Lottie hatte den Kopf geschüttelt. »Du weißt doch, wie komplex er ist und welche Albträume er hat. Er ist auf der Suche nach etwas, obwohl ich mir nicht sicher bin, was es ist. Aber ich habe so ein Gefühl, dass wir es vielleicht bald erfahren werden …«

Dann hatte sich ihr Blick geweitet und war abgeschweift, und Lotties Augen hatten sich auf etwas gerichtet, was allein sie sehen konnte. Es war, als sei sie in eine andere Dimension, in eine andere Welt, eingetreten – eine vertraute Gewohnheit bei Lottie, die bei Imogen jedoch selbst nach all den Jahren noch Beklommenheit auslöste.

»Was ist?«, hatte sie beinahe ängstlich gefragt.

Aber Lottie hatte nur beruhigend gelächelt und sich geweigert, ihr zu antworten.

Imogen ließ ihre schlafende Tochter allein und ging nach unten. Julian hatte es sich auf dem Sofa bequem gemacht, und sie setzte sich neben ihn, zog die Beine unter den Körper und legte die Wange an seine Schulter. Seine Stabilität und Wärme beruhigten sie und schenkten ihr Kraft.

»Okay?«, fragte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu nehmen.

»Ganz entschieden okay«, antwortete sie.

3. Kapitel

Am nächsten Morgen schlief Milo lange. Lottie machte Porridge und setzte sich an den Tisch, um das Kreuzworträtsel aus dem Telegraph vom Vortag zu lösen. Aber es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren. Da sie später zum Einkaufen nach Porlock fahren wollte, begann sie eine Liste auf dem Schreibblock anzulegen, der zu diesem Zweck neben einem kleinen Tontopf voller Kugelschreiber und Bleistifte auf dem Bücherregal neben dem Tisch lag. Imogen hatte ihn in der Schule getöpfert, als sie acht war. »Tee«, schrieb Lottie. »Hundefutter. Apotheke.«

Milo kam herein. Er zog die Augenbrauen hoch, lächelte leise, nickte – mehr Umgangsformen vermochte er erst aufzubringen, nachdem er zwei Tassen Kaffee getrunken hatte – und erwiderte Puds Begrüßung, indem er sich bückte und ihn ziemlich mechanisch tätschelte. Pud hockte sich wieder zu Lotties Füßen, und Milo ging durch den Bogengang in die Küche, setzte den Kessel auf die Kochplatte und warf einen fragenden Blick zurück in Lotties Richtung.

»Kaffee? Ja, bitte«, antwortete Lottie automatisch, schrieb aber weiter an ihrer Einkaufsliste. »Gemüse. Spülmittel. Metzger.« Milo würde ihr sicher noch Erläuterungen zum Fleisch geben wollen.

Er trat zu ihr und spähte über ihre Schulter. »Käse«, murmelte er. Sie setzte ihn auf die Liste.

»Sehr nettes Essen gestern Abend«, sagte sie.

Milo hob das Kinn und schürzte die Lippen, um das Kompliment zu würdigen, und Lottie lachte leise.

»Aber ehrlich«, sagte sie. »Die arme Venetia! Sie brannte darauf, dass du sie bittest, über Nacht zu bleiben. Matt fand es furchtbar unfreundlich von dir, sie im Dunkeln ganz allein loszuschicken.«

Milo, der den Kaffee aufbrühte, wandte ihr den Rücken zu, zog aber defensiv eine Schulter hoch, und Lottie lachte lauthals. Venetia hatte den Abend genossen. Sie betete Milo an, und nach dem Essen hatte sie herumgedruckst und ganz offensichtlich darauf gewartet, dass man sie zum Bleiben aufforderte.

»Wie viel Uhr haben wir eigentlich?«, hatte sie gefragt und auf ihre winzige Armbanduhr geschaut. »So ein schöner Abend! Herrje, ist es wirklich schon so spät?«

»So spät nun auch wieder nicht«, hatte Milo munter geantwortet, ihren Mantel geholt und ihren unwilligen Armen in die Ärmel geholfen. »Du bist zu Hause, ehe du dich versiehst.«

Dann hatte er sie zu ihrem Wagen begleitet. Matt hatte die kleine Szene beobachtet. Offensichtlich tat Venetia ihm leid.

»Kommt sie denn bestimmt gut nach Hause?«, hatte er zögernd gefragt. »Sie hat ziemlich viel getrunken, oder?«

»So viel war es gar nicht, und wir müssen ein wenig hart zu ihr sein«, hatte Lottie Milo verteidigt. »Seit Bunnys Tod ist Venetia ziemlich viel hier.«

Matt runzelte die Stirn. »Schon merkwürdig, wenn man bedenkt, dass sie … nun ja, sich mal so nahegestanden haben.« Amüsiert hatte sie bemerkt, dass er das Wort »Liebespaar« scheute. »Milo ist so gut zu uns allen. Er hat doch eigentlich einen weichen Kern.« Eine kleine Pause. »Hat er doch, oder?«, hatte er zweifelnd hinzugesetzt.

»Mit einem weichen Kern wird man kein Brigadier«, hatte sie leichthin geantwortet.

Jetzt stellte Milo ihr den Kaffee neben den Notizblock und setzte sich ans Kopfende des Tisches. Eine Weile herrschte Schweigen.

»Der Junge sieht gut aus«, meinte er.

Lottie, die sich wieder mit dem Kreuzworträtsel beschäftigt hatte, legte den Bleistift weg. Gestern Abend, bei Matts Ankunft, hatte sie den äußerst merkwürdigen Eindruck gehabt, er sei nicht allein. Das Gefühl war so stark gewesen, dass sie hinter Matt geschaut hatte, während sie einander umarmt hatten, über seine Schulter, sodass er ebenfalls einen Blick nach hinten geworfen hatte. »Was ist?«, hatte er gefragt, und sie hatte ihre Verwirrung durch eine törichte Bemerkung über Pud, der in den Garten hinausgelaufen war, überspielen müssen. Ihr war beinahe, als sei das geisterhafte Alter Ego, das Matt dem Protagonisten seines Romans an die Seite gestellt hatte, Wirklichkeit geworden.

»Er sieht tatsächlich gut aus«, antwortete sie. »Ich hatte schon fast damit gerechnet, er wäre ganz abgezehrt und nervös, aber er sieht großartig aus. Ich werde ihn fragen, ob er mit mir nach Porlock fahren will. Wir könnten Imogen und Rosie besuchen.«

»Lade sie doch zum Mittagessen ein«, schlug Milo vor. »Haben die beiden schon eine neue Bleibe gefunden?«

Lottie schüttelte den Kopf. »Sie würden gern in der Nähe von Simonsbath wohnen, aber im Nationalpark sind sogar sehr kleine Cottages ziemlich teuer. Im hätte wegen Rosie gern einen Garten, aber momentan ist nicht viel auf dem Markt. Natürlich würden sie in den Städten – Minehead oder Barnstaple – mehr für ihr Geld bekommen, aber Im hofft immer noch auf ein Wunder.«

»Ich habe über das Sommerhaus nachgedacht. Ich habe dir doch erzählt, dass die Moretons Ende März ausziehen. Sie gehen wieder in den Norden, um ihren Kindern und Enkeln näher zu sein.«

Lottie wirkte überrascht. »Du meinst, sie könnten es für eine Weile mieten? Ja, wahrscheinlich könnten sie das. Imogen wäre begeistert; sie hat das Sommerhaus immer geliebt. Es ist so ein hübsches kleines Haus; aber ich glaube, die beiden möchten etwas Eigenes kaufen.«

»Ich weiß. Aber warum sollten sie nicht das Sommerhaus kaufen?«

»Bist du verrückt? Erstens können sie sich das unmöglich leisten, und zweitens, selbst wenn, wäre Sara außer sich. Sie hat ja schon getobt, als du ihr gesagt hast, dass ich hier Wohnrecht habe, solltest du vor mir sterben.«

»Die Verfügung gilt immer noch. Nick hat kein Problem damit.«

»Ich weiß.« Sie lächelte ihm zu. »Reden wir nicht darüber!«

»Ich weiß, dass du nicht wirklich glücklich über diesen Plan bist. Deshalb habe ich daran gedacht, dass Im und Jules das Sommerhaus kaufen könnten. Vielleicht könntest du dann zu ihnen ziehen, wenn mir etwas passiert.«

»Mein lieber Milo, das wäre für uns alle die Hölle. Das Cottage ist zu klein. Außerdem möchte ich nicht zusammen mit Im und Jules leben. Und ich finde immer noch, dass es viel zu teuer für Im wäre, wenn sie es zu seinem richtigen Wert kauft. Und schenken kannst du es ihnen nicht so einfach. Hör mal, Matt kann jeden Moment kommen. Lass uns ein andermal darüber reden. Du darfst nichts überstürzen.

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