Logo weiterlesen.de
Das unsichtbare Buch

Santiago García-Clairac



DAS UNSICHTBARE
BUCH

Aus dem Spanischen von
Hans-Joachim Hartstein

BASTEI ENTERTAINMENT

1

Ich heiße César. Heute fängt für mich das neue Schuljahr in einer neuen Schule an. Deswegen bin ich stinksauer.

Jedes Jahr ist es das Gleiche. Ich muss die Schule wechseln, die Freunde, die Lehrer, das Viertel und, was noch schlimmer ist, auch die Wohnung. Und schuld daran ist mein Vater.

Nicht dass mein Vater von der Polizei gesucht würde wie ein Verbrecher, der ständig in eine andere Stadt ziehen muss. Nein, das ist es nicht … Mein Vater ist Schriftsteller.

Er sagt, er sei ein unruhiger Geist und könne nicht lange am selben Ort bleiben. Deshalb bleiben wir gerade nur so lange in einer Stadt, bis er einen Roman zu Ende geschrieben hat, und dann … Adiós!

»Meine Fantasie hängt fest«, erklärte er eines Tages meinem Bruder Javier, Mama und mir, als wir in einem Flugzeug saßen. »Es ist mir unmöglich, zwei Bücher am selben Ort zu schreiben. Ich muss neue Gesichter sehen, eine andere Umgebung …«

Er schreibt Bücher für Kinder, aber bisher habe ich es noch nicht geschafft, auch nur eins davon zu Ende zu lesen. Ein paar Mal hab ich’s ja versucht, aber ich kriege dann so schlechte Laune, dass ich einfach nicht weiterlesen kann.

Ich bin so stinkig auf die Bücher meines Vaters, weil sie der Grund für unsere ständige Umzieherei sind. Und genau deswegen, wegen dieser Bücher, muss ich heute wieder in eine neue Schule gehen.

Wenigstens hatte ich diesmal Glück, die Schule liegt ganz in der Nähe unserer Wohnung. Besser gesagt, die neue Schule liegt in der Nähe unserer neuen Wohnung. Wir sind nämlich erst vor knapp einem Monat in diese Stadt gezogen. Ich habe noch keine neuen Freunde gefunden. Ich kenne nicht mal unsere neuen Nachbarn.

Die neue Schule ist sehr groß. Genauso wie das Klassenzimmer. Sieht aus wie ein Saal in einem dieser Paläste, die man manchmal im Fernsehen sieht.

Ich war früh da und bin als Erster hineingegangen. Aus Erfahrung weiß ich, dass man sich dann aussuchen kann, wo man sitzen will. Ich habe mich in die letzte Reihe gesetzt, direkt ans Fenster.

Ich habe inzwischen gelernt, dass die Lehrer normalerweise nicht auf diejenigen achten, die ganz hinten sitzen. Und ein Platz am Fenster hat den Vorteil, dass man seinen Gedanken nachhängen kann, während man in den Himmel blickt. Dann geht die Zeit schneller rum. So was lernt man, wenn man ständig die Schule wechseln muss und oft allein ist.

Nach und nach füllt sich die Klasse. Fast alle Schüler kennen und begrüßen sich, mich sehen sie seltsam an. Aber das kenne ich schon, es ist immer das Gleiche.

Ich glaube, der Lehrer und ich, wir werden keine Freunde. Neulich hat meine Mutter mich ihm vorgestellt. Er ist einer von denen, die wollen, dass man zu ihnen aufschaut und sie respektvoll behandelt. Als wären sie wichtiger als der Rest der Welt!

»Hallo!«

»Was?«, frage ich etwas erschrocken.

»Wie heißt du?«

»Wer? Ich? … César«, antworte ich.

»Ich heiße Lucía«, sagt das Mädchen, das sich soeben neben mich gesetzt hat.

Erst jetzt merke ich, dass es ein Doppeltisch ist und sich früher oder später ein anderer neben mich setzen musste. Aber dass ich ein so hässliches Mädchen abkriegen würde, damit habe ich nicht gerechnet.

Ich sehe sie von der Seite an. Ihr Gesicht macht mir direkt Angst. Das Schlimmste daran sind nicht die dunkelbraunen Sommersprossen, die fast ihr ganzes Gesicht bedecken; nein, das Schlimmste ist die riesengroße, runde Brille. Sieht aus wie eine Maske.

Das kann ja heiter werden!

»Du bist neu hier, stimmt’s?«

»Ja«, antworte ich und starre auf mein Heft. »Ich bin neu hier.«

»Zugezogen?«

»Ja, vor Kurzem.«

Sie ist nicht nur hässlich, sie nervt auch.

»Ich bin schon seit der ersten Klasse hier auf dieser Schule«, erklärt sie mir, »ein alter Hase sozusagen. Wenn du also Fragen hast, frag mich nur.«

Auch noch blöd. War ja zu befürchten.

»Ist schon okay …«, murmele ich, damit sie endlich die Klappe hält. »Wenn ich was wissen will, frag ich dich schon.«

»Du, hör mal, red nicht mit mir, als wär ich blöd, ja?«, sagt sie plötzlich, als hätte sie meine Gedanken gelesen. »Ich seh zwar vielleicht so aus, aber deshalb bin ich’s noch lange nicht.«

»Ich …«

»Was, du?«, fällt sie mir ins Wort. »Du behandelst mich wie eine blöde Ziege, aber da hast du dich geschnitten, merk dir das.«

»Ich hab doch gar nichts gesagt!«, protestiere ich.

»Aber gedacht, und das kommt auf dasselbe raus«, sagt sie.

»Und woher willst du wissen, was ich denke?«

»Ich bin Schriftstellerin, und wir Schriftsteller kennen uns mit Menschen aus.«

»Ach ja?«

»Ja!«

Dazu fällt mir nichts mehr ein. Schlimmer hätte es gar nicht kommen können. Noch ein Schriftsteller!

»Damit du’s weißt«, sage ich schließlich, »mein Vater, der ist Schriftsteller und veröffentlicht Bücher. Nicht so wie du! Von dir ist noch nie was veröffentlicht worden!«

»Und was schreibt dein Vater? Wie heißt er? Schreibt er gerade was? Für welchen Verlag? Wie viele Bücher …?«

»Sei still!«, zische ich sie an. »Siehst du nicht, dass der Lehrer schon zu uns rüberschaut?«

Sie blitzt mich böse an, sagt aber nichts mehr.

Der heutige Schultag war einer der schlimmsten in meinem Leben. Ich glaube, morgen werde ich versuchen, mich woanders hinzusetzen, denn diese Lucía … Nein, die ertrage ich einfach nicht. Was geht sie es an, was mein Vater schreibt? Glaubt sie vielleicht, er erzählt mir, was er gerade macht?

Vor der Schule wartet mein Bruder auf mich. Wir gehen zusammen nach Hause.

»Was hast du da auf der Wange?«, frage ich ihn und mustere die Kratzer in seinem Gesicht.

»Hab mich geprügelt«, antwortet er.

»Bist du okay?«

»Ja … glaub schon«, sagt er. »Und, wie war’s bei dir?«

»Das Mädchen, das neben mir sitzt, ist blöd«, erzähle ich. »Sie ist die hässlichste und dümmste Kuh, die ich je gesehen habe. Wenn du die siehst, kriegst du echt einen Schreck.«

Davon, dass mich ein paar Jungen geärgert haben, erzähle ich ihm lieber nichts. Die ganze Zeit haben sie mich mit Papierkügelchen beschossen. Das wird noch Ärger geben, glaub ich, auch wenn ich versucht habe, mir nichts anmerken zu lassen.

Zu Hause angekommen, setzen wir uns an unsere Hausaufgaben. Später kommt mein Vater, und wir essen zu Abend.

»Wie war euer erster Tag in der neuen Schule?«, erkundigt er sich, kaum dass wir am Tisch sitzen.

Ich antworte nicht, sehe ihn nur an.

»Ich hab mich mit einem aus der Klasse geprügelt. Er hat ›Neuling‹ zu mir gesagt«, berichtet Javier. »Aber ich hab’s ihm gegeben …«

»Javier! Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass du dich nicht mit deinen Klassenkameraden prügeln sollst!«, schimpft Mama mit ihm. »Wenn du so weitermachst, wirst du nie Freunde finden.«

»Wir werden sowieso nie Freunde finden«, bemerke ich.

»Ich hab mit einer neuen Geschichte begonnen«, sagt Papa, um das Thema zu wechseln.

»Wie schön!«, ruft Mama, ebenfalls um bessere Stimmung bemüht.

»Und für uns hat ein neues Schuljahr begonnen«, sage ich und löffle meine Suppe.

»Worum geht es in deinem neuen Buch?«, fragt mein Bruder Javier.

»Es heißt Das unsichtbare Buch … Ich bin sehr zufrieden. Mehr kann ich euch noch nicht erzählen, ich fange ja gerade erst an.«

»Das unsichtbare Buch …?«, wiederholt mein Bruder erstaunt.

»Genau«, sagt mein Vater. »Es geht darin um ein Buch, das nicht jeder sehen kann und …«

»He! Sagst du nicht immer, dass es Unglück bringt, wenn man von den Geschichten erzählt, die man gerade schreibt?«, unterbricht ihn meine Mutter.

»Mama!«, stöhnt Javier.

»Sie hat recht«, sagt mein Vater. »Mehr verrate ich euch nicht. Ihr müsst warten, bis das Buch fertig ist.«

Ich sage nichts dazu. Die Geschichten meines Vaters sind mir egal. Seine Bücher sind schuld daran, dass wir unser Leben lang von Stadt zu Stadt ziehen, von Wohnung zu Wohnung … Und jetzt muss ich zu allem Übel auch noch diese Lucía ertragen!

»Also, ich werde mich wieder ans Schreiben machen«, sagt mein Vater, als wir zu Ende gegessen haben. »Gute Nacht alle zusammen.«

Er hat die Angewohnheit, auch nachts zu arbeiten. Tagsüber schreibt er mit der Hand in ein Heft, und nachts tippt er es dann in seinen Computer. Er schreibt also zweimal dasselbe! Ich sag’s doch, Schriftsteller sind ziemlich verrückt.

»Bis morgen, Papa!«, ruft Javier ihm hinterher.

»Viel Glück in der Schule«, wünscht uns Papa, und weg ist er.

Wir bleiben noch ein wenig auf und sehen fern. Heute Abend kommt ein Abenteuerfilm, und Mama hat uns erlaubt, ihn zu sehen.

2

Meine Laune wird jeden Tag schlechter. Die neue Schule gefällt mir nicht, und es stinkt mir, dass ich auch noch Lucía ertragen muss.

»Was hast du?«, fragt sie mich, sobald ich mich neben sie gesetzt habe. »Bist du sauer?«

Das fragt sie mich jeden Morgen. Manchmal glaube ich, sie macht das extra, nur um mich zu ärgern.

»Quatsch, ich hab nichts«, erwidere ich so abweisend wie möglich. Sie soll mich gefälligst in Ruhe lassen und für den Rest des Tages die Klappe halten.

»Ist ja gut, du brauchst dich nicht gleich aufzuregen«, sagt sie. Anscheinend hat sie die Botschaft verstanden. »Du bist wirklich unausstehlich!«

»Ich reg mich überhaupt nicht auf«, gifte ich sie an. »Kapiert?«

Endlich ist sie still.

Aber ich bin heute auf Krawall gebürstet.

»Mein Vater hat ein neues Buch begonnen«, sage ich nach ein paar Minuten.

»Ach ja?«, ruft sie interessiert. »Einen neuen Roman?«

»Ja«, antworte ich, ohne sie anzusehen. »Er hat schon viele Seiten geschrieben.«

»Wie cool! Wovon handelt er? Wann ist er damit fertig?«

Ich tue geheimnisvoll und warte eine Weile, bevor ich antworte.

»Na ja«, sage ich schließlich gedehnt, »du weißt ja, so was ist streng geheim.«

»Ist die Hauptperson ein Mädchen?«

»Darüber darf ich nicht sprechen«, flüstere ich. »Tut mir leid.«

Wie gesagt, ich bin heute schlecht drauf. Deswegen behandle ich sie so. Vielleicht wird meine Laune dadurch besser.

»Ich würde es so gerne lesen«, sagt sie beinahe flehend.

»Dann musst du warten, bis es rauskommt«, erkläre ich bestimmt. »Musst dich wohl noch ein wenig gedulden.«

»Ich würde es aber gerne gleich lesen …«

»Bist du verrückt? Man darf eine Geschichte nicht lesen, während sie geschrieben wird«, weise ich sie zurecht. »Das bringt Unglück.«

In diesem Augenblick trifft mich ein Papierkügelchen am Kopf.

»Au!«, schreie ich.

»Was ist da los?«, fragt der Lehrer und schaut zu mir herüber.

Ich bin aufgesprungen, ohne es zu merken.

»César … Hör bitte auf, deine Mitschüler vom Unterricht abzulenken.«

»I

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das unsichtbare Buch" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen