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Das unheilvolle Niesen

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© 2016 Monica Wegmann

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

Foto (Cover): Monica Wegmann

ISBN

978-3-7345-8101-4 (Paperback)

978-3-7345-8102-1 (Hardcover)

978-3-7345-8103-8 (e-Book)

Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänge.

Dieses Buch ist all denen gewidmet, die mich liebevoll mein Leben lang begleitet haben.

Allen voran meinen vier Kindern Henri-Salvatore, Valentino, Filippo und Cristina.

Licht aus dem Fenster

Die Sonne überflutet mit ihrem blassgelben Licht die ganze Stadt. Wie mit Messern schneidet ihr der Wind ins Gesicht. Sie kann sich nicht mehr erinnern, hat vergessen, wie sie heisst, wo sie wohnt. Auch kommt ihr beim besten Willen nicht in den Sinn, wo sie sich jetzt gerade befindet.

Gerda ist sechsundachtzig Jahre alt. Ein kleines zierliches Persönchen mit faltigem Gesicht und schelmischen Augen. Ein immer fortwährendes Lächeln erhellt ihr Gesicht. Sie schenkt es jedermann und bekommt so immer wieder eines geschenkt. Immer ist sie zu einem Scherz aufgelegt. Die paar Freunde, die ihr noch geblieben sind, das heisst, die wenigen die noch nicht gestorben sind, lieben Gerdas heiteres Wesen, ihre Spässe und die Liebe, die sie allzeit bereit ist zu verschenken. Keiner weiss heute mehr so genau, wann das mit der Vergesslichkeit begonnen hatte. Es kam so allmählich und geschah in letzter Zeit immer häufiger.

Sie steht jetzt in der Bahnhofstrasse in Zürich und schaut lächelnd dem bunten Treiben zu. Wie hat sie es bis hierher mit dem Bus und Tram geschafft? Sie hat keine Ahnung mehr. Doch das ist im Augenblick auch nicht wichtig. Viel zu viel gibt es hier zu sehen. Da sind zum Beispiel die bunten Trams mit den lustigen Buchstaben, die auf dem Tram tanzen, und mit Bildern, die zu leben scheinen, andere wieder nur bunt angemalt. Fasziniert schaut Gerda den Leuten zu, wie sie ins Tram ein- oder aussteigen. Junge Leute mit verwegenen Frisuren und nachlässiger Kleidung, Damen mit Einkaufstüten, vornehm gekleidete Herren in Anzügen und Aktentaschen und ältere Leute, die sich ganz einfach treiben lassen.

Da sie fröstelt, beschliesst sie, noch ein wenig weiterzugehen. Sie beginnt die Bahnhofstrasse hoch zu schlendern. Herrlich, all die unzähligen Menschen und die vielen verschiedenen Schaufenster! Sie ist begeistert von der Farbenpracht der Auslagen und entsetzt über die Preise, die hier ein Paar Schuhe oder ein Mantel kosten.

Manchmal wird sie gegrüsst und grüsst zurück. Nett, die Leute hier. Manchmal hält auch jemand an, um ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Doch irgendetwas stimmt nicht mit ihr, denn immer, wenn sie etwas über sich erzählen will, ist da bloss eine grosse Leere. Es gibt nur das Jetzt, nur diesen Augenblick. Leichte Panik kommt in ihr hoch, doch sie schiebt diese Gedanken beiseite. Sie will sich jetzt freuen und nicht belasten.

Sie ist jetzt am Paradeplatz angekommen. Da biegt sie links ab Richtung Gemüsebrücke, um von dort in die Altstadt zu gelangen. Es ist noch früh. Vier Uhr nachmittags. Es beginnt allerdings schon einzudunkeln. Gerda friert immer mehr. Sie möchte nach Hause. Aber wo ist das, ihr Zuhause? Sie bleibt auf der Brücke stehen und schaut hinab auf die Limmat. Das Wasser läuft ganz ruhig dahin. Gerda denkt bei sich: Gell, du bist wie ich: ein bisschen träge, aber kommst auch voran. Na, ich wird’s schon wieder auf die Reihe kriegen.

Sie kreuzt die Arme und rubbelt sich mit den Händen die Oberarme warm. Dann geht sie weiter, überquert beim Limmatquai die Strasse und wundert sich, warum die Autos hupen und Reifen quietschen. Sie läuft einfach weiter und kommt in die Altstadt, das Niederdorf, wie man hier sagt.

Kreuz und quer läuft sie durch die Gassen und Gässchen. Überall hängen historische Tafeln, die sie ganz genau liest. Wie viele wichtige Leute lebten einmal hier! Überall verströmen Kebab- und Wurststände ihren herrlichen Duft. Unglaublich viele Cafés es hier gibt! Und so viele Restaurants, die Spezialitäten aus aller Welt anpreisen. Gerade überlegt sie, wann sie eigentlich zuletzt etwas gegessen hat. Sie weiss es nicht, aber sie verspürt Hunger. Na, dann wird sie einfach beim nächsten Stand was kaufen.

Sie kommt zu einem runden Platz und entscheidet sich für die linke Gasse. Da steht ja ein Wurststand! Nun die Entscheidung: Bratwurst oder Cervelat? Sie entscheidet sich für einen Cervelat mit einem Büürli. So eine feine Wurst mit einem knusprigen Brötchen, darauf hat sie jetzt Appetit.

Ach so ja, irgendwo muss sie doch Geld haben. Erst jetzt bemerkt sie, dass sie gar keine Handtasche bei sich hat. Sie erschrickt und durchsucht aufgewühlt die beiden Manteltaschen – doch nichts! Vielleicht in der Hosentasche? Auch nichts. Jetzt fängt sie an, sich Sorgen zu machen: Wo bin ich? Wie bin ich hierhergekommen? Wo bin ich zu Hause? Frierend und wie gelähmt steht sie da. Tränen laufen ihr über die Wangen. In diesem Moment fühlt sie sich unendlich einsam und verloren.

Der Wursthändler beobachtet sie schon eine Weile. Er sah ihr freudiges Lächeln, ihre Bemühungen Geld zu finden, ihre Bestürzung und jetzt ihre Tränen. Er nimmt einen Cervelat und ein Büürli, tut noch etwas Senf auf den Pappteller und bringt das Ganze dem Mütterchen. Gerda sagt, dass sie kein Geld hat. «Ich weiss», brummt der Wursthändler, «da nimm!»

Ein Strahlen und Leuchten zieht über Gerdas Gesicht. Über der Freude vergisst sie ihre Sorgen. Der Wursthändler zeigt sich gerührt und macht sich brummend hinter seinem Stand zu schaffen. Gerda isst die Wurst und das Brot mit sichtlichem Appetit. Es schien ihr, dass sie noch nie so etwas Gutes gegessen hat. Als sie auch das letzte Krümelchen verzehrt hat, bringt sie dem Wursthändler den Pappteller zurück und schenkt ihm ihr schönstes Lächeln. Die Falten in ihrem Gesicht scheinen zu verschwinden, nur noch Dankbarkeit spricht daraus.

In der Zwischenzeit ist es dunkel geworden, und Gerda fühlt sich sehr müde. Sie will nach Hause. Will schlafen. Das dort drüben muss der richtige Weg sein, da er ihr bekannt vorkommt. Doch dann kennt sie ihn doch nicht. Immer wieder kommt sie an Orte, die ihr bekannt vorkommen, die sie aber letztlich nicht kennt.

Nach weiteren zwei Stunden ist sie völlig erschöpft und friert entsetzlich. Sie stellt sich in den Eingang eines Restaurants, um sich ein wenig aufzuwärmen. Als der Kellner jedoch von ihr wissen will, ob sie auf jemand warte oder ob sie jemand suche, schüttelt sie nur traurig den Kopf und geht wieder in die kalte Nacht hinaus. Die Gassen und Gässchen sind nun nicht mehr so belebt. Die Einkaufsläden und Boutiquen schliessen ihre Läden. Sie läuft und läuft, und die Füsse schmerzen. Trotz allem freut sie sich über die bunten Schaufenster, die Lichter und die freundlichen Menschen, die sie immer wieder grüssen.

Es sind jetzt andere Leute, die das Niederdorf bevölkern. Die Geschäftsleute und Einkaufsbummler sind abgelöst worden durch Feierabendbummler, Herren und Damen, die in einem der Restaurants dinieren wollen, und jungen Leuten, die plaudernd durch die Gassen ziehen, in Erwartung, dass etwas geschieht. Vor einem Kino stehen die Leute Schlange. Das muss ein guter Film sein. «Kevin allein zu Hause», liest sie auf der Neontafel, die über den Lampen prangt.

Langsam gehen die Lichter in den Cafés und Restaurant aus. Nur noch vereinzelt ertönt da und dort Musik, und nur noch einzelne Fenster schicken ihr rotes oder gelbes Licht auf die Strasse.

Gerda ist jetzt in einem Seitengässchen, wo es keine Cafés und Restaurants mehr gibt. Auch sieht sie keine Einkaufsläden mehr. Hier scheinen die Leute zu leben und zu wohnen. Hie und da stiehlt sich ein Licht aus den Stuben, und leise Musik klingt durch die verschlossenen Fenster. Sie ist so entsetzlich müde. Ihre Füsse schmerzen. Sie friert. Sie will nach Hause.

Erschöpft setzt sie sich auf die Stufen eines Hauseingangs. Von da kann sie direkt in eine Stube sehen. Eine Party scheint stattzufinden. Sie kann ausser der Musik nichts hören, doch sieht sie, wie die Leute da drinnen lachen und reden. Ihr scheint, als könne sie die Leute scherzen hören.

Die Kälte steigt ihr über die Füsse und Beine, über das Gesäss, den Rücken hoch, und sie schlägt mit den Armen um den Körper, um sich ein wenig zu erwärmen.

Aus der Stube ihr gegenüber fällt ein warmes Licht. Es fällt direkt dahin, wo sie sitzt. Fasziniert betrachtet sie den Lichtschein und taucht ein in das Gefühl der Wärme, das von diesem Licht ausgeht. Sie spürt die Kälte jetzt viel weniger. Sie ist sich ganz sicher, dass dort drinnen ihre Lieblingsmusik gespielt wird. Versonnen hört sie der Musik zu, und eine wohlige Wärme beginnt über die Beine in ihren Körper aufzusteigen. Immer intensiver wird das warme Licht, bis sie sich ganz darin eingehüllt fühlt. Weit weg – und doch nah – erklingen leise Glöckchen.

Wie sich das alles ergänzt. Das Licht, die Wärme, die Musik und die Glöckchen! Gerda verliert sich völlig in diesem Geschehen, und ein grosser Friede kommt über sie. Engel kommen und tragen sie hinauf in dieses Licht. Immer höher und höher. Gerda wird es immer leichter. Grosse Ruhe und tiefer Frieden überkommen sie.

Am nächsten Morgen findet sie der Hauswart. Eingeschlafen, aber immer noch mit ihrem schönen Lächeln auf ihrem jetzt entspannten und faltenlosen Gesicht.

Angst

Ich sehe die vermummten Männer vor meinem Bankschalter, ihre Gesichter sind mit schwarzen Schals bedeckt, und ich sehe nur ihre Augen. Ich versuche den Notknopf zu erreichen, werde aber vom dicken, vermummten Mann daran gehindert. Die Männer sagen irgendetwas, das ich nicht verstehen kann. Mein Gehirn spielt verrückt, und mein Denken setzt aus. Mir sitzt ein Kloss im Hals. Ich versuche zu sprechen, doch kein Laut kommt heraus.

«Hinlegen!», schreit der grosse maskierte Mann. Ich komme in die Realität zurück und sehe, wie sich die Kunden auf den Boden legen. Auch ich lege mich hin. Hitze durchflutet meinen Körper, der Magen krampft sich zusammen. Ich bin zu keiner Bewegung mehr fähig, mein Körper gehorcht mir nicht mehr. Wie im Film sehe ich die drohenden Bewegungen der drei Männer.

Ein Kind fängt an zu weinen. «Schau zu, dass dein Gör die Schnauze hält, oder ich erschiesse es!», schreit mit galliger Stimme der kleine, drahtige Maskierte. Wie auf Kommando drehen sich alle Gesichter zu ihm hin, alle bleich und fassungslos. Horrorbilder drängen sich mir auf: erschossene Menschen, Blut – überall. Wut steigt in mir hoch, verdrängt für einen kurzen Augenblick das Gefühl der Ohnmacht. Endlich kann ich wieder sprechen: «Ihr könnt doch nicht...»

«Schnauze!», zischt der Grosse. Es läuft mir kalt über den Rücken. Ich möchte mich in Luft auflösen, höre jedoch meinen eigenen Atem so laut wie das Rauschen eines Bachs. Ich bemühe mich, dies in den Griff zu bekommen, doch je mehr ich es versuche, desto lauter höre ich mich atmen. Wenn sie mich hören, werden sie mich erschiessen, geht es mir durch den Kopf. Am Fussboden liegend, platziere ich meine Arme über den Kopf und versuche, meinen Atem unter Kontrolle zu bekommen.

«Du, da! Steh auf!» Jemand versetzt mir einen Fusstritt in die Rippen. Mir flimmert vor den Augen. Ich bemühe mich schnell aufzustehen, doch ein zentnerschweres Gewicht scheint auf mir zu liegen, und ich brauche all meine Kraft, um mich zu erheben.

Ich schaue in das Gesicht des grossen Maskierten und sehe, dass er etwas sagt, verstehe jedoch kein Wort. Mein Körper wird von einer eisigen Hand umfasst, die das Denken einfriert. Der Grosse schlägt mir ins Gesicht. Jetzt verstehe ich: «Tu das ganze Geld hier in den Koffer.»

Ich stehe jetzt ausserhalb meines Körpers und sehe mir zu, wie ich ein Bündel Noten nach dem anderen in die Tasche gebe. Ich sage zu mir selbst, dass dies unrecht ist, dass ich etwas tun muss. Ich will dem allem Einhalt gebieten, schaue mir jedoch zu, wie ich, einer Marionette gleich, auf sämtliche Befehle reagiere.

Dann fällt plötzlich ein Schuss. Ich lasse mich zu Boden fallen, unfähig, mich zu kontrollieren. Mir ist eiskalt. Mein Herz hämmert wild, ich spüre es bis in den Hals. Das Zittern wird immer stärker, ich spüre wie meine Hände, meine Füsse auf dem Fussboden aufschlagen. Ein unverständlicher Befehl seitens der Maskierten – dann grosse Ruhe.

Plötzlich reden alle durcheinander. Nur langsam begreife ich, dass alles vorbei ist. Ich stehe auf, und erst jetzt realisiere ich die aufgeregten Leute, die alle durcheinander reden und gestikulieren. – Jetzt rufe ich die Polizei – kann endlich abgeben, bin nicht mehr verantwortlich.

Lieber, böser Freund

Sie ist hübsch. Nicht schön, aber hübsch. In ihrer Nähe fühlt man sich wohl, sie hat eine so warme Ausstrahlung. Heute allerdings sind ihre sonst schelmischen Augen voller Trauer. Ihr Gesicht ist blutunterlaufen und aufgedunsen. Es macht mich elend, sie so zu sehen.

Vor fünf Jahren sind wir uns zum ersten Mal begegnet. Auf dem Parkplatz vor dem Einkaufszentrum. Ihre prall gefüllte Einkaufstasche barst auseinander, und die Tomaten, Äpfel, Seife, Wurst, Reis und Brötchen kullerten bunt durcheinander, teilweise unter die parkierten Autos. Sie besah sich einen kurzen Moment das Malheur und lachte dann schallend los. Sie begann die Dinger wieder einzusammeln, und ich half ihr dabei. Als sie sich schliesslich bäuchlings auf den Boden legte, um eine Tomate unter einem Auto hervorzuholen, lachte auch ich.

Ich sehe sie an, betrachte ihr geschundenes Gesicht, und mir wird schlagartig bewusst, dass sie schon lange nicht mehr so gelacht hat. Ein Gefühl der Wärme durchströmt mich, und ich möchte sie in die Arme nehmen. Tue es aber nicht.

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