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Das unbelehrbare Herz

Salka Viertel

Das
unbelehrbare
Herz

Erinnerungen
an ein Leben mit Künstlern
des 20. Jahrhunderts

Von der Autorin überarbeitete Übersetzung
aus dem Amerikanischen von Helmut Degner

Mit einem Nachwort von Michael Lentz

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Begründet von Hans Magnus Enzensberger

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ISBN 978-3-8477-5313-1

© für die deutschsprachige Ausgabe:

AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin www.die-andere-bibliothek.de

Die Originalausgabe erschien im Jahr 1969 unter dem Titel The Kindness of Strangers

Das unbelehrbare Herz von Salka Viertel ist Januar 2011 als dreihundertdreizehnter Band der Anderen Bibliothek erschienen und ist inzwischen in der limitierten Ausgabe vergriffen.

In gedruckter Form erhältlich im Abonnement www.ab-abo.de oder

als gedruckte Ausgabe unter:

https://www.die-andere-bibliothek.de/Extradrucke/Das-unbelehrbare-Herz::422.html

Übersetzung: Helmut Degner

Herausgabe: Christian Döring

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH,
www.le-tex.de

Umsetzung und Vertrieb des E-Book erfolgt über:

DIE ANDERE BIBLIOTHEK

Die Geschichte der 1984 von Hans Magnus Enzensberger und dem Verleger und Buchgestalter Franz Greno begründeten Buchreihe DIE ANDERE BIBLIOTHEK ist längst zum Bestandteil unserer deutschsprachigen Lesekultur geworden. Monat für Monat ist seit Januar 1985 ein Band erschienen: »Gepriesen und geliebt, zeitweilig zu wenig verkauft und … mitunter schon totgesagt«. (Frankfurter Allgemeine Zeitung) – an dem Anspruch, intellektuelles und visuelles Vergnügen zu verbinden, hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert.

DIE ANDERE BIBLIOTHEK soll die Schönste Buchreihe der Welt (Die Zeit) bleiben.

In der Geschichte der DIE ANDERE BIBLIOTHEK gab es Umzüge, Umstellungen und Personalwechsel. Und seit Januar 2011 wählt Christian Döring monatlich sein Buch aus und gibt es im neuen Verlag DIE ANDERE BIBLIOTHEK unter dem Dach des Aufbau Hauses am Berliner Moritzplatz heraus. Aber in Haltung, Gestaltung und Programm hat sich am Anspruch seit bald drei Jahrzehnten nichts geändert. Denn wir wissen: Wenn alles so bleiben soll, wie es ist, muss sich alles ändern ….

Das Programm DIE ANDERE BIBLIOTHEK folgt inhaltlich seit Anbeginn nur einem Maßstab: Genre-, epochen- und kulturraumübergreifend wird entdeckt und wiederentdeckt, die branchenübliche Einteilung in Sachbuch und Literatur hat nie interessiert, der Klassiker zählt so viel wie die Neuerscheinung. Wir folgen dem »Kanon der Kanonlosigkeit«, nur Originalität und Qualität sollen zählen.

– Jeden Monat erscheint ein neuer Band, von den besten Buchkünstlern gestaltet.

– Die Originalausgabe erscheint in einer Auflage von 4.444 Exemplaren – limitiert und nummeriert.

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Kindheit

1

Vor langer, langer Zeit, als ich ein ganz junges Mädchen war, sagte mir einmal eine Zigeunerin, dass ich von Leid und Kummer verschont bleiben würde, solange ich nahe am Wasser lebte. Ich weiß, es ist recht banal, eine Geschichte mit Prophezeiungen, besonders denen von Zigeunerinnen, zu beginnen, aber glücklicherweise hat diese Vorhersage sich nicht erfüllt. Ob ich nahe am Wasser lebte oder nicht, das hatte auf Glück oder Unglück in meinem Leben keinerlei Einfluss. Aber mancher innere Sturm legte sich, wenn ich auf die schaumgekrönten Wellen des Pazifiks blickte oder dem Gemurmel eines Alpenbaches lauschte. Und so vergaß ich nie die Zigeunerin und ihre Prophezeiung, die vor mir die Landschaft meiner Kindheit heraufbeschwor und das Haus am Fluss, in dem ich lebte und aufwuchs.

Der Name des Flusses war Dnjestr. Wo wir wohnten, war er jung und wild, er war nicht weit von seiner Quelle in den Karpaten, und er floss durch ein Kieselbett und nahm, an manchen Stellen seicht, an anderen plötzlich tief und reißend, seinen steten und unregulierten Lauf zum Schwarzen Meer.

Das Land, in dem ich geboren wurde, war Galizien, jener Teil Polens, der nach der Teilung von 1775 zu Österreich gehörte. Heute heißt es Karpato-Ukraine und ist ein Teil der Sowjetunion. Die Stadt Sambor hatte fünfundzwanzigtausend Einwohner, etwa viertausend Polen, achtzehntausend Ukrainer und dreitausend Juden. Sie war auch Garnisonsstadt, was für die jüngere weibliche Bevölkerung nicht ohne Bedeutung war.

Die Stadt lag zwei Kilometer östlich vom Fluss und von unserem Haus entfernt, das »Wychylowka« hieß. »Wychylac« bedeutet auf Polnisch »hinauslehnen«.

Die Rechtsanwaltskanzlei meines Vaters war in der Stadt. Er besaß auch dort ein Haus, wohnte aber lieber auf dem Land. Nachdem man ihn zum Bürgermeister von Sambor gewählt hatte, musste Wychylowka eingemeindet werden, denn es war schlechterdings unmöglich, dass der Bürgermeister seinen Wohnsitz außerhalb der Stadtgrenzen hatte.

Wychylowka blieb von alldem unberührt, und uns Kindern machte es nichts aus, ob wir in der Stadt oder auf dem Lande lebten. Zwischen dem Haus und dem Fluss lagen unsere Felder und eine Wiese; auf der anderen Seite des Flusses erstreckte sich weit das sanft hügelige, fast unbewohnte Land mit Weizenfeldern, Weiden und Wäldern.

Jenseits der Straße lag ein Gehölz. Wir nannten es das »Wäldchen«. Alte knorrige Bäume standen in kleinen Gruppen, und unter ihnen weidete das Vieh. Dahinter kam wieder weites bestelltes Land, und dann ragte die lange blaue Kette der Karpaten auf, fern, hell und verschwommen an sonnigen Tagen und dunkel, graugrün und schrecklich nahe, wenn Regen und Schneestürme drohten.

Ein großer, leerer Platz auf der Ostseite trennte unser Anwesen von dem einzigen Industrieunternehmen der Gegend: einer Likörfabrik, die einst Verwandten meines Vaters gehört hatte, sich jetzt aber (ebenso wie der leere Platz) im Besitz eines reichen Juden namens Pan Tiger befand. Mein Vater sprach nicht mit ihm.

Unser anderer Nachbar weiter unten an der Straße war der alte Lamet; ihm gehörte die »Kartschma«, das Wirtshaus am Wäldchen, eine uralte, primitive Hütte mit einer Holzveranda, wo die Bauern auf dem Weg zum Markt oder bei der Rückkehr aus der Stadt einkehrten, um Wodka zu trinken. Der alte Lamet war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er war groß und aufrecht, sein edles Gesicht umrahmte ein langer schneeweißer Bart. Er sprach ein schönes akzentfreies Polnisch. Am Sabbat trug er einen seidenen Kaftan und eine pelzbesetzte Kappe. Wenn ich vorn Wäldchen um das Wirtshaus herumschlich, konnte ich den alten Lamet am weiß gedeckten Tisch sitzen sehen, umgeben von Söhnen, Töchtern und Enkelkindern. Seine Frau, ein verschrumpeltes altes Weiblein, zündete die Kerzen an, dann sprach er den Segen. Da meine Eltern sich nie um irgendeine Religion gekümmert hatten und ihre eigene nicht praktizierten, war dies alles für mich seltsam geheimnisvoll und faszinierend.

Unser Haus war groß und voller Ecken und Winkel. Es war kein architektonisches Meisterwerk, aber auch nicht ausgesprochen hässlich.

Auf der Rückseite lag unter einer langen gedeckten Veranda der riesige Obst- und Gemüsegarten, aufgeteilt in rechteckige Beete, die durch Kieswege voneinander getrennt waren, an denen Himbeer-, Stachelbeer- und rote und weiße Johannisbeersträucher wuchsen. Der Obstgarten mit seinen Hunderten von Bäumen war im Frühling ein verheißungsvoll weißes und rosarotes Paradies. Die Erfüllung, die der Herbst brachte, war berauschend und von verheerender Wirkung auf den Magen – außer wir hatten einen regnerischen Sommer, was sehr oft der Fall war.

Wir waren vier Kinder. Ich, meine Schwester Ruzia und mein Bruder Edward waren jeweils nur ein Jahr auseinander. Der Jüngste, mein Bruder Zygmunt, den alle »Dusko« nannten, kam zur Welt, als ich neun Jahre alt war, und obwohl er von Mutter und Vater verwöhnt und angehimmelt wurde, spielte er damals in unserer Welt keine große Rolle. Wir drei, alle verschieden in Temperament und Charakter, waren eine sehr eng verbundene Gemeinschaft und hielten durch dick und dünn zusammen. So ist es unser ganzes Leben lang geblieben.

Da wir auf dem Lande lebten, schickte man uns nicht zur Schule. Wir hatten immer eine deutsche oder französische Gouvernante, und täglich kam ein polnischer Hauslehrer und unterrichtete uns in allen Fächern, die in der höheren Schule verlangt wurden. Einmal im Jahr brachte man uns zu den Prüfungen dorthin. Mit fünf Jahren lernte ich von einer älteren Spielgefährtin das polnische (lateinische) Alphabet lesen und schreiben. Mit sechs beherrschte ich das russische. In der zweiten Klasse wurde Ukrainisch unterrichtet (eine Konzession an den sonst schlecht behandelten Bevölkerungsteil), und in der dritten lernten wir, in spitzen gotischen Buchstaben unsere deutschen Sätze schreiben. Wir lasen gierig und voll Leidenschaft. Musik und Bücher waren das ständige Thema unserer Gespräche. Wir diskutierten darüber mit unseren Freunden und Freundinnen, die alle belesen waren. Ich werde nie die Begeisterung und Erregung vergessen, mit der ich die Lektüre von Schillers ›Maria Stuart‹ beendete. Ich lernte das Stück auswendig und spielte und rezitierte daraus mit Hingabe.

Da ich das Interesse an Puppen zu jener Zeit immer mehr verlor, baute ich mir in einer Ecke unseres Zimmers aus Stühlen, Büchern und Decken eine kleine Bühne. Meine Schauspieler waren hübsche Damen, die ich aus Modezeitschriften ausschnitt und auf Pappe klebte. Ich sprach ihre Rollen, einmal mit hoher, einmal mit tiefer Stimme. Die Stücke dauerten tagelang, wie im chinesischen Theater. Ruzia, Edward, Njanja, meine Amme, und die Dienstboten, manchmal sogar unsere jeweilige Gouvernante waren ein aufmerksames und interessiertes Publikum. Nur mit der Rollenbesetzung hatte ich Schwierigkeiten. In den Modejournalen meiner Mutter gab es keine Männer.

Ganz entgegen ihren Absichten förderte und nährte meine Mutter meine Leidenschaft für das Theater. In jener Zeit betrachtete man eine Schauspielerin als ein lockeres Frauenzimmer. Es gab nur eine Ausnahme – das Kaiserliche Burgtheater. Dort wurden großen Schauspielern Titel verliehen, und manche Schauspielerin hatte in die österreichische Aristokratie eingeheiratet. Doch ich war wohl nicht hübsch genug, um von solch einer Karriere träumen zu können. Meiner Schwester Ruzia, goldblond, zart und lieblich, hätten meine Eltern viel weniger Widerstand entgegengesetzt, wenn sie den Wunsch geäußert hätte, zum Theater zu gehen. Doch sie unterdrückte ihn klugerweise, während ich kein Hehl daraus machte.

Eine Opernsängerin, das war etwas ganz anderes – diesen Beruf hielt man für »viel respektabler«, und meine Mutter hatte sich selbst als junges Mädchen eine Weile auf diese Laufbahn vorbereitet. Ihr klarer, schöner Sopran und ihr großes musikalisches Talent – sie war außerdem eine sehr gute Pianistin – rechtfertigte diese Ambition. Sie wäre eine ideale Elsa, Sieglinde oder Senta gewesen. Ihr rötlichblondes Haar, ihre blauen Augen und ihr rosiger Teint hätten den besten Experten für Rassenfragen getäuscht: Diese nordische Schönheit entstammte einer reichen russisch-jüdischen Familie.

Für viele, die sich unter einem russischen Juden stets entweder einen Händler oder einen Violinvirtuosen vorstellen, mag es seltsam klingen, aber die Vorfahren meiner Mutter waren seit Generationen Landwirte. Mein Urgroßvater, Salomon Rafalowicz, besaß vier Landgüter, zwei in Podolien und zwei in Bessarabien. Er und seine Frau Rachel hatten drei Töchter. Eine von ihnen wurde meine Großmutter Deborah, schlank, dunkel und immerzu in einen französischen Roman vertieft.

Mein Urgroßvater Rafalowicz muss ein außergewöhnlicher Mann gewesen sein. Mama und meine Großmutter zitierten ihn bei jeder Gelegenheit. Er war hoch gebildet, sprach vierzehn Sprachen, war liberal in seiner politischen Einstellung, half den polnischen Rebellen beim Aufstand gegen Russland im Jahre 1863 und rettete, da er unter den russischen Aristokraten einflussreiche Freunde hatte, vielen das Leben. Auch die Polen respektierten und bewunderten ihn. Er half jedem, der in Not war, und seine Freigebigkeit und Gastfreundschaft kannte keine Grenzen.

Das Edikt, das den Juden in Russland verbot, Land zu besitzen, zwang meinen Großvater, eilends seine Güter zu verkaufen und sich mit seiner Familie – außer meiner Mutter hatte er noch zwei andere Töchter und einen Sohn – in der österreichischen Bukowina niederzulassen. Er pachtete einen großen Hof, um das Land zu bebauen und Vieh zu züchten. Meine Großmutter und die Kinder zogen nach Czernowitz, einer Stadt mit guten Schulen und einer Universität. In der Bukowina ging meinem Großvater alles schief. Die Kühe, die er importierte, gingen an der Maul- und Klauenseuche ein, die Ernte war schlecht, seine anderen Pläne schlugen ebenfalls fehl, und man schrieb meiner Mutter, die in Wien Gesang studierte, sie solle lieber heimkommen und heiraten.

Das Leben in der Familie wurde unerträglich. Meine Mutter war entschlossen, den ersten Mann zu heiraten, der um ihre Hand anhielt – nur um ihren Eltern keine Last mehr zu sein. Weder ihr noch irgendjemand anderem kam je der Gedanke, dass sie sich eine Arbeit hätte suchen können. Sie hatte das Glück, dass mein Vater sich gerade zu dieser Zeit nach einer Ehefrau umsah.

Mein Vater war damals vierzig Jahre alt, groß, ansehnlich und ein sehr gute Partie. Er genoss einen ausgezeichneten Ruf, seine Rechtsanwaltspraxis florierte, und er flößte Respekt und Vertrauen ein. Doch er war ungemein ernst und beinahe kahl. Nichtsdestoweniger fand meine Mutter ihn »nicht unsympathisch«. Sie wünschte sich nur, er hätte etwas mehr Sinn für Humor gehabt. Nach drei Tagen hielt er um ihre Hand an, wobei er darauf hinwies, dass er gegen ihr Singen und Klavierspiel nichts einzuwenden habe, solange es ihn nicht störe, und dass mein Mutter Polnisch lernen müsse. Er erhielt ihr Jawort und fuhr zurück nach Sambor. Während der sechsmonatigen Verlobungszeit sahen sie sich ein paarmal, wenn auch immer nur kurz, und im Juni heirateten sie.

Mein Vater hatte meinem Großvater großzügig geholfen, seine verfahrenen Angelegenheiten einigermaßen in Ordnung zu bringen, völlig entwirren konnte man sie bis zu seinem Tode nicht. Mein Großvater war erst zweiundfünfzig, vital und stattlich, als er plötzlich an einem Herzschlag starb, acht Monate nachdem sein neunzehnjähriger Sohn Emil Selbstmord begangen hatte.

Arabella, meine Tante, erzählte mir das Ganze: Es war an einem frühen Nachmittag, sie war vierzehn Jahre alt und machte im Speisezimmer ihre Hausaufgaben. Im Wohnzimmer spielten meine Großeltern ein Arrangement einer Mendelssohn-Sinfonie für vier Hände (die übliche Form von Verständigung, wenn sie nicht miteinander sprachen). Emil in seiner Uniform – er absolvierte gerade das obligatorische eine Jahr in der österreichischen Armee – ging durchs Speisezimmer, zupfte Arabella am Haar, trat ins Wohnzimmer, blieb vor einem großen Spiegel stehen, zog seinen Revolver, sagte ruhig: »Also, lebt wohl. Ich gehe jetzt«, und schoss sich ins Herz.

Ich glaube nicht, dass eines von uns Kindern unseren Vater wirklich kannte. Er war von einer Aura von Einsamkeit und Zurückhaltung umgeben, die wir nicht zu durchdringen wagten, nicht als Kinder und auch nicht, als wir erwachsen waren. Ich erinnere mich lebhaft, wie ich einmal in einem Ausbruch von Zärtlichkeit auf ihn zulief und plötzlich, erschrocken über seine starre, abwesende Miene, stehenblieb. Und doch hatte es eine Zeit gegeben, in der ich mit ihm machen konnte, was ich wollte. Meine Mutter und Njanja erzählten oft, wie sehr mein Vater mich in den ersten Jahren meines Lebens verwöhnt hatte. Er war offenbar in mich vernarrt, trug mich herum und ließ mich während der Mahlzeiten auf seinem Schoß sitzen und, wenn ich darauf bestand, mich mitten im Wohnzimmer auf das Töpfchen setzen, selbst wenn wir Gäste hatten. All das ist in meinem Gedächtnis völlig ausgelöscht, aber es muss so gewesen sein. Zu oft hörte ich bei allen möglichen, für mich unangenehmen Gelegenheiten: »Kein Wunder, dass sie so ein Fratz ist, sie wurde ja als Baby schrecklich verwöhnt« oder: »Als Baby hat Papa dich angehimmelt, aber jetzt komm ihm lieber nicht unter die Augen!« Ich kann nicht behaupten, dass ich über die veränderte Haltung, die Papa mir gegenüber nun einnahm, enttäuscht oder unglücklich gewesen wäre. Wie gesagt, ich erinnere mich nicht an meine glorreiche Zeit, und als sich später mein jüngster Bruder den ersten Platz im Herzen meines Vaters eroberte, war ich zwar manchmal wütend, doch den Vorteil, einer nicht allzu großen väterlichen Aufmerksamkeit ausgesetzt zu sein, schätzte ich andererseits ungemein.

Dr. Joseph Steuermann, Papa, wie wir ihn nannten, war in Sambor geboren worden, und er liebte diese Stadt, im Gegensatz zu meiner Mutter, die sie hasste. Ich kann mich nicht entsinnen, dass er sie jemals länger als für vier oder fünf Wochen verließ, und auch das nur zweimal. Das bedeutete nicht, dass er Sambor für einen besonders angenehmen oder schönen Ort gehalten hätte oder dass er sich nicht danach gesehnt hätte, die Welt zu sehen. Manchmal, wenn er abends nicht zu müde war, setzte er sich mit uns an den Tisch, breitete eine Karte von Italien oder der Schweiz aus und stellte mithilfe des Baedekers die wunderbarsten Reisen zusammen. Er sagte uns genau, welchen Zug wir nehmen würden, wo wir die Nacht verbringen, wo wir frühstücken und mittags essen würden und welche historischen Sehenswürdigkeiten er uns zeigen würde. Ein paar Minuten lang hörte meine Mutter zu, dann verließ sie mit einer ironischen oder bitteren Bemerkung das Zimmer. Sie wusste, dass die Reise reine Fantasie war, dass wir Sambor nicht verlassen würden. Ich aber war selig, und die imaginären Reisen, die wir mit Papa in unserem Wohnzimmer machten, waren schöner und bezaubernder als viele der wirklichen, die ich in späteren Jahren unternahm.

Er hat immer hart gearbeitet. Wir lebten in großem Stil, und er sorgte großzügig für uns. Als Sohn eines reichen Kaufmanns hatte er Jura studiert und war, nachdem er mit Auszeichnung sein Examen abgelegt hatte, in die Kanzlei eines alten, hervorragenden Rechtsanwalts eingetreten. Nach dessen Tod betrachtete man meinen Vater allgemein als den geistigen Erben, den einzigen Rechtsanwalt alter Tradition im ganzen Bezirk, der zwielichtige Fälle und zweifelhafte Geschäfte ablehnte und seine Klienten, hauptsächlich polnische Aristokraten und Gutsbesitzer aus der Umgebung, solide jüdische Geschäftsleute und streitsüchtige Bauern, loyal und mit Gerechtigkeitssinn, aber auch mit Härte beriet und vertrat. Er war Präsident der Anwaltskammer und sogar bei seinen jüngeren und skrupelloseren Kollegen sehr geachtet, wenn auch nicht eben beliebt.

Papa verlor seine Mutter, als er noch ganz jung war. Ich glaube, er hat sie sehr geliebt, denn er sprach nie von ihr, wie er eigentlich nie von den Dingen sprach, die ihm wirklich nahegingen.

Mein Vater war in religiösen Dingen nicht ganz so respektlos wie meine Mutter, denn einmal im Jahr, zu Jom Kippur, besuchte er, um das Andenken seiner Mutter zu ehren, die Totenfeier. Und obwohl er völlig in die polnisch-österreichische Gesellschaft integriert war, wies er entschieden eine hohe Position und eine Menge Geldes zurück, als er von der Regierung den diskreten Wink erhielt, sich und seine Familie taufen zu lassen. Meine Mutter bemerkte dazu voll Bedauern: »Vienne vaut une messe.«

Ich fragte mich oft, warum mein Vater so lange Junggeselle geblieben war. Eines Tages erfuhr ich den Grund. Ich saß auf der Veranda und tat, als ob ich läse, lauschte dabei aber einer Unterhaltung zwischen meiner Mutter und ihrer jüngsten Schwester Arabella, die bei uns zu Besuch war.

Tante Bella, wie wir sie nannten, war nicht hübsch, hatte aber eine bemerkenswerte Portion Sex-Appeal, obwohl sie zu dick war, ein kürzeres Bein hatte und deshalb hässliche orthopädische Schuhe trug. Ihre großen, träumerischen dunkelblauen Augen, ihr rötlichbraunes Haar und ihr voller, sinnlicher Mund machten sie trotzdem begehrenswert. Wie die ganze Familie meiner Mutter war sie sehr musikalisch. Mein Vater mochte sie nicht, weil sie ständig ihre Verlobten wechselte. Nach dem Tod meines Großvaters lebten sie und meine Großmutter in Drohobycz, wo beide Französisch und Klavier unterrichteten.

Ich weiß nicht mehr genau, wie die Unterhaltung begann, aber meine Mutter erzählte Bella, dass mein Vater vor seiner Heirat ein langjähriges Verhältnis mit einer verheirateten Frau gehabt hatte. Sie war Katholikin, Polin und die Frau eines Richters gewesen. Sie war sehr schön und liebte meinen Vater leidenschaftlich. Die beiden sahen einander nicht nur jeden Tag, sie schrieben einander auch täglich Briefe, die der Diener meines Vaters hin- und hertrug. Diese Briefe, erzählte meine Mutter, habe die ganze Stadt gelesen, bevor sie den Empfänger erreichten.

Tante Bella wollte wissen, ob es einen Skandal gegeben habe. Ob der Gatte dahintergekommen sei?

»Ich weiß nicht«, sagte Mutter. »Tout cela était très mystérieux.« Ich weiß nicht, warum sie es auf Französisch sagte. Der Ehemann wurde in eine andere Stadt versetzt, die Frau ging mit ihm, und mein Vater sah sich mit wenig Begeisterung nach einer Braut um.

Einige Jahre später – ich und meine Schwester waren inzwischen zur Welt gekommen – fuhr die ganze Familie mit Njanja und der Köchin zur Sommerzeit in einen Badeort in den Karpaten. Als Papa eines Tages stolz lächelnd mit Mama auf einer Bank saß und uns Kindern zusah, stand er plötzlich auf, wurde rot und dann ganz blass. Ein paar Schritte von der Bank entfernt stand eine Dame und starrte ihn an. Auch sie war weiß im Gesicht und zitterte. Papa nahm seinen Hut ab. Sie riss sich zusammen, nickte höflich und ging weiter. Eine Stunde später wurde er in ihr Hotel geholt. Sie hatte einen Herzanfall und wollte ihr Testament machen.

Es war ihr Mann, der meinen Vater holte. Papa ging mit ihm, und sie starb, während er mit ihr allein war. Da er nie darüber sprach, nicht einmal zu meiner Mutter, hat niemand je erfahren, was sie zu ihm sagte, was sie einander sagten. Sie hinterließ kein Testament. Das Ganze mag wie eine Novelle von Turgenjew erscheinen; es machte mich schrecklich traurig.

2

Ich weiß nicht, wie meine Kindheit ohne Njanjas Fürsorge und Einfluss gewesen wäre. Sie liebte mich, als wäre ich ihr eigen Fleisch und Blut, und ich liebte sie wie meine Mutter. Von ihr habe ich meine Liebe zum Landleben und meine Leidenschaft für Tiere.

Sie war eine kleine Frau, und aus dunklen, schrägen Augen betrachtete sie die Menschen mit Argwohn und amüsiertem Interesse. In ihrem bestickten Bauernhemd und den weiten Röcken sah sie hübsch und adrett aus. Wenn sie mit mir spazieren ging, trug sie den kunstvollen, turbanartigen Kopfputz der verheirateten Frauen ihres Dorfes. Nur eine Franse ihres schimmernden schwarzen Haares hing ihr in die Stirn. Sie war immer geschäftig, immer in Bewegung. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie, mit den nackten Füßen kaum den Boden berührend, die Röcke geschürzt, aufrecht und gerade, mit flinken Bewegungen vom Stall zum Geflügelhof, vom Gemüsegarten zur Wiese und über die Felder eilt. Wenn sie nicht auf den Beinen war, dann regten sich, nie rastend, niemals müßig, ihre Hände. Setzte sie sich, dann nur, um Obst oder Gemüse zu putzen, ein Huhn zu rupfen, einen Hasen abzuziehen (ein Anblick, der mich mit unbeschreiblichem Abscheu erfüllte), ein Loch in meinem Kleid zu stopfen oder Eiweiß für einen Kuchen zu schlagen. Dann sprang sie wieder auf und lief in den Keller oder in den Garten oder kletterte auf einen Baum, um die reifsten Früchte für die Tafel zu pflücken.

Njanja avancierte rasch von der Amme zur Zofe. Später, als mein jüngster Bruder geboren wurde und eine Amme für ihn engagiert wurde, entschied Njanja, dass sie jetzt Köchin spielen werde. Sie ging jeden Tag in die Stadt und sah einen berühmten Küchenchef, dem dicken Pan Wierczak, der früher bei einem reichen Aristokraten beschäftigt gewesen war, bei der Arbeit zu. Bald konnte sie sich in ihrer Kochkunst mit ihm messen, und sie übernahm das Kommando nicht nur über die Küche, sondern über unseren ganzen großen Haushalt.

Doch so sehr ihre häuslichen Pflichten sie in Anspruch nahmen, für mich hatte sie immer Zeit. Ich klammerte mich noch immer an sie, obwohl, seit ich vier Jahre alt war, ein Schwarm französischer »Bonnes« und »Mademoiselles« über uns hereingebrochen war. Der Grund für ihre oft überstürzte Entlassung waren weniger Njanjas Feindseligkeit und scharfe Kritik, als das intensive Interesse, das die Offiziere der Garnison für jedes neue Gesicht zeigten, das auf der Stadtpromenade auftauchte.

Da alle unsere Mademoisellen sich weigerten, uns im Garten umherstreifen zu lassen, absolvierten wir unsere Spaziergänge auf dem großen Platz um das Rathaus herum. An den vier Seiten des Platzes standen lange Reihen zweistöckiger Häuser. Am Hauptgehsteig, der die Linie A–B genannt wurde, waren die besseren Geschäfte und die Apotheke. An jedem Ende dieser Hauptpromenade gab es ein Café. Reihen alter Akazien beschatteten die Gehsteige. Im Sommer versammelte sich le monde élégant an den Kiosken, um Limonade zu schlürfen und vorzügliche Eiscreme und Kuchen zu essen. Den einen Kiosk hatten die Kavallerie-, den anderen am gegenüberliegenden Ende die Infanterieoffiziere okkupiert. Bei der Kavallerie dienten viele junge Männer aus der österreichischen und ungarischen Aristokratie, bei der Infanterie hauptsächlich Bürgerliche. Einige Offiziere jedoch gehörten dem neugeschaffenen Militäradel an; sie trugen martialische oder klangvolle Namen, wie etwa ein Freund unserer Eltern: »Brenner von Flammenberg«.

Sonntags kam der Landadel von den Gütern der Umgebung, es kamen die Frauen der höheren Offiziere und Beamten und füllten die Kioske und Cafés, in denen nach der Messe mehr oder weniger boshafter Klatsch ausgetauscht wurde und nicht selten tödliche Feindschaften und verbotene Liebschaften ihren Anfang nahmen.

Eine unserer Gouvernanten – sie hieß Mlle. Berthe – mochten wir wirklich gern. Sie hatte blondes, sehr langes Haar und sanfte blaue Augen. Sie war fröhlich und charmant, und mein Bruder Edward war heftig in sie verliebt. Nach ein paar Tagen üblichen Flanierens stellte Mlle. Berthe fest, dass die Promenade langweilig sei, und ging mit uns zum Exerziergelände. Außerdem verlegten wir unsere Spaziergänge auf den Nachmittag. Das Gelände war dann leer, und es machte uns großen Spaß, herumzurennen und zu spielen, wie wir wollten. Auch Berthe machte es viel Spaß. Ein hübscher Leutnant leistete ihr Gesellschaft, und sie saßen plaudernd hinter einem Hügel verborgen, den die Infanterie sonst für Zielübungen benutzte. fantasievolle Kinder, wie wir waren, dachten wir uns Spiele aus, bei denen wir das versteckte Liebespaar einkreisten. Sie waren beide sehr nett zu uns. In schweigender Übereinkunft erzählten wir keinem Menschen von unseren Spaziergängen, nicht einmal Njanja. Trotzdem stieg im Herbst, als die Tage kürzer wurden und wir fast schon im Dunkeln heimkamen, in meiner Mutter ein Verdacht auf. Irgendjemand riet ihr außerdem, ein Auge auf Mlle. Berthe zu haben. Das Ergebnis war, dass Berthe gehen musste. Wir weinten bitterlich, als sie uns Lebewohl sagte. Viel später stellte es sich heraus, dass unsere herrlichen Nachmittage auf dem Exerziergelände nicht der einzige Grund für ihre Entlassung gewesen waren. Ein Kavalleriemajor, der oft zu uns zum Tee kam, hatte Berthe »halbnackt« durchs Fenster in der Wohnung des Leutnants gesehen, und das nicht einmal an ihrem freien Tag. Von da an waren unsere Gouvernanten unattraktiv und meist schon Ende Vierzig.

Die erste von ihnen war Mlle. Juliette: mager, groß, mit tiefliegenden, stechenden Augen und bleichem Teint. Sie sah wie ein weiblicher Torquemada aus und war ungemein fromm.

Als sie entdeckte, dass ich nicht so schnell einschlief wie mein Bruder und meine Schwester, nutzte Mlle. Juliette sofort meinen Hang zur Frömmigkeit aus und machte alle Anstalten, mich zum katholischen Glauben zu bekehren.

Auf dem Rand meines Bettes sitzend, erzählte sie mir schaurige Geschichten vom Märtyrertum der Heiligen: vom heiligen Dionysios, der mit seinem Kopf unterm Arm herumging, und von der heiligen Barbara, deren Brust – ich weiß nicht mehr, warum und von wem – mit rotglühenden Zangen gezwickt wurde. Am allerschrecklichsten war die Geschichte der Kreuzigung in Mlle. Juliettes fanatischer Version. Sie erzählte sie mit solch leidenschaftlichem Hass gegen die Juden, dass mich ein erdrückendes Schuldgefühl befiel. Ich wusste, dass wir Juden waren, doch identifizierte ich mich nie mit den Juden, die um uns lebten. Zweifellos hatten wir nichts mit diesen Männern im schwarzen Kaftan, mit Bart und Schläfenlocken, nichts mit diesen Frauen mit Perücke und lauter Stimme zu tun. Wir sprachen nicht ihre Sprache, ja, wir verstanden sie nicht einmal. Aber wir waren auch keine Christen, obwohl wir immer einen Weihnachtsbaum hatten und Weihnachtslieder sangen. Unsere Eltern gingen nie in die Kirche – aber auch nicht in die Synagoge. Manchmal hatte Njanja oder eine unserer Gouvernanten uns in die Kirche mitgenommen und sich nachher amüsiert, wenn wir zu Hause unter Psalmodieren und Kniebeugen Messe spielten. Edward stellte mit einem weißen Handtuch um die Schultern den Priester dar. Bis Juliette kam, hatte sich keiner von uns ernstlich um Religion gekümmert. Njanja war keine Kirchgängerin; sie wandte sich still und allein an Gott, ohne die Intervention von Priestern. Sie war von tiefem Misstrauen gegen sie erfüllt, wie gegen alle Männer (die einzige Ausnahme war mein Vater). Sie verstand nicht Französisch, doch eines abends hörte sie zufällig Juliette an meinem Bett flüstern und mich schluchzen. Sie spürte, dass mir etwas Schlimmes angetan wurde, und rief meine Mutter. Die beiden müssen eine Weile gelauscht haben, dann stürzte meine Mutter ins Zimmer, packte Juliettes dünne Arme und rief: »Packen Sie Ihre Sachen und gehen Sie, sofort!«

Ich hatte oft erlebt, dass meine Mutter heftig wurde, mit mir, mit Papa, mit den Dienstboten, aber ich habe sie nie so wütend gesehen wie in diesem Augenblick. Juliette streckte ihre mageren Arme nach mir aus und schluchzte hysterisch: »Dis que je t’ai pas fait du mal, dis-le à ta mère«, doch obwohl ich überzeugt war, dass meine Mutter Juliette zu Unrecht so schlecht behandelte, brachte ich keinen Laut hervor.

Die Wochen »zwischen den Gouvernanten« waren immer wie Ferien. Ich verbrachte fast den ganzen Tag im Stall. Ich mochte die Pferde, und ich war in Michael, unseren Kutscher, verliebt, einem stattlichen Mann mittleren Alters mit einem riesigen Schnurrbart. Ich hatte die Absicht, ihn zu heiraten, sobald die Michalova, seine Frau, starb. Obwohl ich ihr einen baldigen Tod wünschte, war ich ein warmherziges und gefühlvolles Kind.

Es gab Hunderte von Bettlern in der Gegend. Einmal in der Woche kamen sie ins Haus, um sich Almosen zu holen – die Christen am Donnerstag, der auch Markttag war, die Juden am Freitag. Die Zigeuner kamen unregelmäßig, wie es ihnen gefiel.

Donnerstags und freitags legte Njanja kleine Haufen von Kupfermünzen in die Küche aufs Fensterbrett und reichte sie den Bettlern hinaus. Man kann nicht sagen, dass sie dabei gerecht gewesen wäre. Manche bekamen einen Groschen, manche zwei, andere Lebensmittel. Wen sie nicht mochte, der bekam nur ein Stück Brot und obendrein ein paar derbe Schimpfworte, wenn er nach Wodka stank.

Es war eine Elendsprozession: verkrüppelte, jammernde alte Männer und Frauen, junge Gelähmte und Schwachsinnige, manche so verstümmelt und gebrechlich, dass sie wie Tiere auf allen vieren krochen. Ihre Knie waren mit schmutzigen Lumpen gepolstert. Am ärmsten waren die Kinder, die sie mitschleppten und die sie fluchend mit Stöcken schlugen.

Jeden Sommer, kurz nach der Ernte, wenn die Wallfahrten zu den Altären der Heiligen und der Muttergottes begannen, folgten Tausende von Bettlern den Prozessionen der Priester, Nonnen, Stadtleute und Bauern. Sie krochen, ein erbärmlicher, schändlicher Haufen, ganz am Ende und hielten sich von den privilegierten Frommen in respektvollem Abstand. Noch lange nachdem sie in Staubwolken verschwunden waren, hing ein Gestank von Schmutz, schwärenden Wunden, Verwesung und unbeschreiblichem Elend über dem Land.

Unsere nächste Gouvernante, Fräulein Charlotte von Schweighauser, war eine Deutsche. Sie war gebildeter als Mlle. Juliette und ein Musterexemplar von »alter Jungfer«. Ausgestattet mit einem Lehrerinnendiplom und ausgezeichneten Empfehlungen, war sie überzeugt, dass eine Stellung im fernen Polen der »Berufung« eines Missionars entsprach, der sich auf den Weg macht, um afrikanische Kannibalen zu bekehren. Sie war ziemlich enttäuscht, als sie feststellte, dass wir zivilisiert waren, wenn auch nicht so diszipliniert und gehorsam wie ihre früheren Schützlinge.

Stets, selbst an heißen Tagen, in ihr wollenes Tuch gehüllt – es war Juni, als sie eintraf –, misstraute sie dem Essen, und sie führte beim Auftauchen selbst des kleinsten Insekts einen grotesken Indianertanz auf.

Fräulein Charlotte verabscheute die freie Natur und frische Luft und verdarb uns den ganzen Sommer. Wenn sie uns nur allein gelassen hätte! Doch sie saß voll Pflichteifer stundenlang mit uns in ihrem Zimmer und ließ uns endlos französische Verben konjugieren und deutsche Substantive deklinieren. Es kann nicht geleugnet werden, dass wir mit dem Lernen schnell vorankamen, und sogar ich hatte die Prüfungen in der Schule sehr gut bestanden. Aber es kam die Zeit, da auch unsere Mutter von der preußischen Disziplin und dem preußischen Überlegenheitskomplex genug hatte.

Eines schönen Nachmittags – wie immer saßen wir in Charlottes ebenerdigem Zimmer, und ich erwog gerade, aus dem Fenster zu springen, wie ich es schon ein paarmal getan hatte –, erschien Mama in der Tür und sagte: »Schaut mich an, Kinder, gefällt euch mein Kleid?« Sie wollte zu einem Gartenfest gehen, und ich werde nie vergessen, wie unglaublich schön sie aussah. Das schwarze Chiffonkleid war ganz mit rosa Kleeblättern bestickt, und ihr überaus reizendes Gesicht lächelte uns erwartungsvoll unter einem großen rosa Hut an. Überzeugt von ihrer Schönheit, war sie begierig auf unseren Beifall, den wir ihr auch begeistert spendeten.

Fräulein Charlotte hatte sich nicht von ihrem Stuhl gerührt. Den Kneifer auf der Nase, blickte sie Mama eisig an und sagte dann mit scharfer Stimme: »Ja, ja. Heute rot, morgen tot.« Wir waren starr. Mama zuckte die Achseln, lachte und sagte: »Sie sind eine dumme Gans.« Charlotte saß mit offenem Mund da. Dann befahl uns Mama hinauszugehen und im Garten zu spielen. Es sei eine Schande, an einem so schönen Tag in der Stube zu hocken. Wir verschwanden, so schnell wir konnten.

Noch am gleichen Tag kündigte Fräulein Charlotte. Kein Mensch, sagte sie, habe sie je eine dumme Gans genannt, aber sie sei nicht beleidigt. Was könne man schon anderes von Barbaren erwarten?

Nach ihrer Abreise beschloss Mama, es mit einer jüngeren Dame zu versuchen, möglichst aus Österreich. Fräulein Marie, die an einem regnerischen Nachmittag ankam und sechs Jahre lang bei uns blieb, war Ende Zwanzig und stammte aus Graz.

3

Fräulein Maries Erscheinen in unserem Haus veränderte, wenn auch nur allmählich, mein Leben beträchtlich. Zuerst war ich durchaus bereit, sie als eine Verbesserung gegenüber den anderen Gouvernanten, die wir gehabt hatten, zu betrachten, doch nach einigen Zusammenstößen änderte ich meine Meinung radikal. Nachdem der Reiz des Neuen abgeflaut war, stellten wir drei Kinder fest, dass sie uns zu Tode langweilte. Wir waren desillusioniert. Marie war zwar nicht desillusioniert – sie kannte überhaupt keine Illusionen –, doch offenbar langweilten wir sie unsererseits ebenfalls. Kinder langweilten sie überhaupt. Sie interessierten sie nicht. Sie zog Erwachsene vor und verstand es ausgezeichnet, sich bei meiner Mutter und deren Freundinnen beliebt zu machen. Selbst mein Vater sprach – zwar selten – mit ihr, was die früheren Gouvernanten nie erlebt hatten.

Sie unterrichtete uns in ihrem Zimmer, das im obersten Stock des Hauses lag. Die Fenster und der große Balkon gingen straßenwärts. Fast jeden Tag marschierte eine Kompanie Soldaten an unserem Haus vorbei. Wenn das Hornsignal erklang, stürzten wir auf den Balkon und winkten den Offizieren zu, und Marie lächelte und erwiderte freundlich nickend ihren Gruß. Dann kehrten wir zu unserer Arbeit zurück und Marie an ihren Toilettentisch. Sie saß vor dem Spiegel und wandte uns den Rücken zu, konnte uns aber in einem begrenzten Winkel im Spiegel sehen und überwachen. Großmütig ließen Ruzia und Edward mich so sitzen, dass sie mich nicht sehen konnte. Sie hatten den strikten Befehl, sie sofort darauf aufmerksam zu machen, wenn ich zu »träumen« begänne, doch sie verpetzten mich nie.

Es war das letzte Jahr des 19. Jahrhunderts. Wir Kinder erwarteten vor seinem Ende einige außergewöhnliche Ereignisse, obwohl wir nicht glaubten, dass der von Zigeunerinnen und Wahrsagerinnen prophezeite Weltuntergang bevorstand. Die Ermordung Kaiserin Elisabeths im vergangenen Jahr hatte uns tief beeindruckt. Viel tiefer als der Fall Dreyfus, über den unsere Eltern mit ihren Freunden leidenschaftlich diskutierten.

In unserer Stadt gab es damals kaum Antisemitismus. Der Fall Dreyfus interessierte mich zu jener Zeit nicht, und wenn während des Essens Namen wie Clemenceau, Labori und Esterhazy fielen, so war dies nur ein Zeichen, dass die Mahlzeit endlos dauern würde. Ich weiß nicht einmal, ob meine Eltern an Dreyfus’ Unschuld glaubten oder ob sie auch hier verschiedener Meinung waren, doch ich verdanke dem Fall Dreyfus eine wichtige, ja grundlegende Erkenntnis.

Nach Zolas ›J’accuse‹ bestellte meine Mutter bei einer Wiener Buchhandlung alle seine Romane, und die gelb eingebundenen Bände kamen im Bücherschrank meines Vaters hinter Schloss und Riegel. Aber da meine Mutter ziemlich vergesslich und sorglos war, ließ sie das Buch, das sie gerade las, immer herumliegen, im Garten, im Speisezimmer, ja sogar in der Küche. Ich fand die Bücher und las sie, in den Unterrichtsstunden, versteckt unter meinen Schulbüchern, während Fräulein Marie sich mit ihrer komplizierten Frisur befasste.

Einen unvergesslichen Eindruck machte ›Une Page d’Amour‹ auf mich. Er ist keiner von Zolas besten Romanen, aber er enthüllte mir dennoch Dinge, die mir bis dahin ein unerschlossenes Mysterium geblieben waren.

In ›Une Page d’Amour‹ wurden geschlechtliche Dinge beschrieben, zwar auch sehr geheimnisvoll, doch äußerst attraktiv. Ich wurde bald zu ungeduldig, um es nur in Bruchstücken zu lesen. Es gelang mir, das Buch aus dem Bücherschrank zu entwenden. Ich versteckte es unter meinem Kopfkissen und versenkte mich nachts, trotz Ruzias Warnung, beim Licht einer gestohlenen Kerze in das Buch. Seine zwölf Jahre alte Heldin – ein faszinierendes Kind – war, soviel ich mich entsinne, herzkrank, und ihre Mutter, eine Witwe, hatte eine stürmische Liebesaffäre mit dem Arzt des Kindes. Natürlich identifizierte ich mich mit dem kleinen Mädchen so sehr, dass ich nicht mehr essen konnte, blass aussah und Ringe unter den Augen hatte. Ich musste meine heimliche Lektüre büßen. Man zwang mich, löffelweise scheußlich schmeckenden Lebertran zu schlucken.

Nachdem wir ein paar Monate auf der A–B promeniert waren, hatte Fräulein Marie eine Liebschaft, doch unser Leben und der Unterricht gingen wie gewöhnlich weiter. Er war Infanterieoffizier, ein Mohammedaner, worüber wir uns lustig machten. Sein Vorname war Murad, Fräulein Marie verriet uns, dass sie heimlich mit ihm verlobt sei. Aber Njanja erzählte uns, dass Murad noch ein anderes Mädchen hätte. Wir waren nicht überrascht – er war ja Türke! Marie wurde immer nervöser und bekam, wenn man sie nur im geringsten reizte, Wutanfälle. Als sie eines Tages entdeckte, dass unter meinen französischen Konjugationen ein Buch lag, war die Hölle los. Ich war so sehr in das Buch vertieft – diesmal war es ›Nana‹ –, dass ich gar nicht bemerkte, dass sie neben mir stand. Voller Zorn schlug sie mich ein paarmal ins Gesicht. Mein Hass war grenzenlos. Ich beschloss, sie zu ermorden. Sie muss es in meinen Augen gelesen haben, denn von da an behandelte sie mich mit zunehmender Härte. Sie versuchte nie, mit mir zu debattieren oder an mein Herz zu appellieren, das durch Güte immer so leicht zu gewinnen war. Ich hasste sie so sehr, dass ich oft nicht nur davon träumte, sie umzubringen, sondern mir auch ausmalte, wie ich ihr einen höchst qualvollen und grausamen Tod bereiten könnte.

Als wir eines Tages heimkamen, machte Marie mir eine Szene. Leutnant Murad, sagte sie, habe ihr erzählt, dass ich schamlos mit den Offizieren flirtete. Ich war noch keine elf Jahre alt. Sie sagte, ich sähe sie herausfordernd mit halbgeschlossenen Augen an. »Aber ich muss meine Augen zusammenkneifen, sonst kann ich nichts sehen!«, schrie ich zur Verteidigung. Ich war so empört, dass ich heulend zu Mama lief, um mich über Marie zu beschweren. Doch nicht einmal meine Mutter glaubte mir. Marie hatte ihr vor kurzem erzählt, ich versuchte sie, Mama, die kurzsichtig war, zu imitieren. Sie trug nur beim Notenlesen eine Brille und benutzte in der Öffentlichkeit eine Lorgnette. Marie nahm an, ich wolle auch eine Lorgnette haben. Meine Tränen und die Unterstützung durch Ruzia und Edward bewegten schließlich meine Mutter dazu, mit mir zum Arzt zu gehen, und ich bekam recht. Ich war nicht nur kurzsichtig, sondern es bestand auch die Gefahr, dass ich vom Hocken über meinen Büchern und Schulaufgaben ein krummes Rückgrat bekam. Meine Mutter hatte wohl die bucklige Gestalt von Großtante Nadine vor Augen, als sie eilends mit mir nach Lemberg fuhr, um von einem berühmten Orthopäden meinen Rücken untersuchen zu lassen.

4

Meine Eltern beschlossen, mich in einem Lemberger Pensionat unterzubringen. Die Tochter eines Kollegen meines Vaters war dort erzogen worden, und meine Mutter war von ihrer Bildung und ihrem guten Benehmen so begeistert, dass sie dieselbe Schule für mich wählte.

Das Urteil, das Dr. G., der berühmte Orthopäde, nach einer gründlichen Untersuchung fällte, war recht tröstlich. Die Schwäche meines Rückgrats sei nicht schlimm, und die leichte Krümmung werde durch Übungen in seinem orthopädischen Institut bald behoben sein. Ich sollte jeden Nachmittag zwei Stunden zu Streckübungen und Massagen kommen. Außerdem sollte ich ein Spezialkorsett tragen und auf einer harten Matratze schlafen. Das Korsett, eine scheußliche Stahlkonstruktion, bedeutete einen harten Schlag. Ich wehrte mich dagegen und flehte den Doktor an, es wenigstens nicht in der Schule tragen zu müssen, doch er sagte, ich solle froh sein, dass ich nicht einen Gipsverband tragen müsse wie das kleine Mädchen, das ich im Wartezimmer gesehen hätte, und dass der Erfolg der Behandlung vor allem davon abhänge, dass ich das Korsett auch bei meinen Schularbeiten trüge. Ich musste versprechen, es gewissenhaft zu tragen. Er sprach sanft und freundlich. Während er sich meinen erbitterten Protest anhörte, wandte er seine blauen, lächelnden Augen keinen Moment von den meinen ab.

Zwei Schwestern aus dem russischen Teil Polens hatten in Lemberg eine Schule eröffnet, in die, obwohl es kein richtiges Pensionat war, einige Kinder aufgenommen und wie Familienmitglieder behandelt wurden.

Sophie Czarnowska war fast fünfzig, sehr klein, dick und höchst unansehnlich. Ihre Wangen und ein Teil der Stirn waren von purpurnem Ausschlag bedeckt, der sie immer erhitzt und aufgeregt erscheinen ließ. Ihr mausgraues Haar war nachlässig zurückgekämmt, und beim Sprechen sah man ihre schlechten Zähne. Doch als sie mich mit ihren gütigen, prüfenden Augen ansah und ein warmes Lächeln ihr armes, fleckiges Gesicht erhellte, flog ihr mein Herz sofort zu. Als sie ihren Arm um mich legte, drückte ich mich an sie. Dann starrte ich mit offenem Mund ihre Schwester an, die bald darauf hereinkam.

Wanda Dalecka war auch nicht mehr jung, aber ungewöhnlich schön. Ihr feingeschnittenes, zartes Gesicht, von weichem silbrigem Haar umrahmt, ließ sie distanziert und zurückgezogen erscheinen, was ihr einen besonderen Reiz verlieh. Die Schwestern informierten meine Mutter, dass in das Pensionat nur Mädchen aufgenommen, in der Schule selbst aber Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet wurden – in der damaligen Zeit etwas völlig Unerhörtes. Meine Mutter zögerte deutlich, doch als Sophie ihr sagte, dass Religionsunterricht nur Kindern erteilt würde, deren Eltern es wünschten, beschloss sie, mich dort zu lassen. Es war kein Schlafzimmer für mich frei, und ich musste in einem Klassenzimmer auf einem Diwan schlafen. Ich hatte dort meinen Schrank und mein Pult, und außer in den Schulstunden hatte ich das Gefühl, ein eigenes Zimmer zu haben.

Im Speisezimmer schenkte die alte Pani Czarnowska, Sophies und Wandas Mutter, aus einem großen kupfernen Samowar Tee ein. Neben ihr saß ein Riese. Er war wohl über 1,90 Meter groß und hatte einen langen grauen Rübezahlbart und eine dröhnende Stimme. Es war Bronislaw Schwartze, einer der wenigen Überlebenden der Schlacht von Praga (einer Vorstadt von Warschau) beim Aufstand von 1863. Französischer Staatsbürger, doch polnischer Abstammung, hatte er sich aktiv an der Organisation des Aufstands beteiligt, war gefangengenommen und zum Tode verurteilt worden. Die persönliche Intervention der Kaiserin Eugenie rettete ihn im allerletzten Moment vor der Hinrichtung. Das Todesurteil wurde in lebenslange Haft auf der Festung Schlüsselburg umgewandelt.

Sieben Jahre lang hatte Schwartze ohne Bücher, ohne Zeitungen und ohne Nachrichten von der Außenwelt in Einzelhaft gesessen. Das einzige, was man ihm außer der Gefangenenkost zugestand, waren Zigaretten, und mit der unglaublichen Erfindungsgabe, mit der ein schöpferischer Geist Gefängnisgitter überwindet, benutzte er die langen Papiermundstücke der russischen »Papyros«, um mit abgebrannten Streichhölzern darauf zu schreiben: zahllose Gedichte, ein Tagebuch und ein politisches Testament, das, wie er hoffte, die Welt eines Tages zur Vernunft bringen würde.

Um mich aufzuheitern, fragte mich der Riese, ob ich Mazurka tanzen könne, und als ich ja sagte, sprang er erfreut auf, nahm mich bei der Hand und tanzte, laut mit seiner Bassstimme singend, mit mir im Zimmer herum. Der Samowar und die Gläser mit den Löffeln darin wackelten und klapperten, und alle lachten, während sie zusahen, wie der große, bärtige Mann mich herumschwenkte, sich galant verbeugte und vor mir niederkniete. Dann hob er mich, um auch den letzten Rest meines Heimwehs zu vertreiben, mit einem Schwung hoch empor – und stieß mich fast mit dem Kopf an die Decke. Wir hatten für immer Freundschaft geschlossen.

An diesem Nachmittag lernte ich noch ein älteres polnisches Ehepaar kennen, ebenfalls politische Emigranten aus Warschau. Herr Poznanski unterrichtete an der Lemberger Universität Literatur, seine Gattin, eine hübsche, melancholische Frau, half Fräulein Sophie in der Schule. Was mir sofort auffiel, waren die breiten schwarzen Samtbänder, die sie um ihre Handgelenke trug. Später erfuhr ich, dass sie hässliche rote Narben verbargen, die von der schweren Kette stammten, die sie hatte tragen müssen, als sie in einem Gefangenenkonvoi nach Sibirien marschierte. Sie und ihr Mann waren bei einem Aufenthalt im Ural getraut worden, er an einen Mörder gekettet, sie an eine syphilitische Dirne.

Die Poznanskis, Schwartze und Sophie Czarnowska waren Sozialisten und, obgleich polnische Patrioten, völlig unchauvinistisch. Sie hatten gegen die Regierung des Zaren gekämpft, liebten aber das russische Volk. Die Verbrechen, für die man sie so schwer bestraft hatte – Bronislaw Schwartze war eine Ausnahme, denn er hatte Waffen getragen und russische Soldaten getötet –, bestanden darin, dass sie Bauern das Lesen lehrten, ihnen aufklärende und bildende Bücher gaben und versuchten, ihre wirtschaftlichen Verhältnisse zu verbessern. Ihr Mut und ihr vorurteilsloser Idealismus hatten einen nachhaltigen und entscheidenden Einfluss auf mich.

Pani Wanda, wie wir Madame Dalecka nannten, unterrichtete Geschichte und polnische Literatur. Sie war keine geborene Lehrerin, sie war herrisch und ungeduldig, aber die Gestalten der Geschichte und der Literatur regten mich an. Ich begann Erzählungen und Gedichte zu schreiben. Sie waren meist traurig und sehr patriotisch, und meine Heldinnen ähnelten auffallend dem kleinen Mädchen in Zolas ›Une Page d’Amour‹.

Nachmittags ging ich immer in das orthopädische Institut. Es war nur ein paar Straßen von der Schule entfernt, und ich durfte allein hingehen.

Astrologisch bin ich ein Zwilling, und als solcher habe ich angeblich eine zwiespältige Natur. Deshalb werden jene, die daran glauben – ich selber gehöre nicht dazu –, nicht überrascht sein, dass ich zu der Zeit, da mein Herz von dem brennenden Verlangen erfüllt war, mich auf den Barrikaden zu opfern, von meinem edlen Ziel abwich, getrieben von einem anderen, nicht minder brennenden Verlangen. Ich verliebte mich.

Ich glaubte nicht, dass Dr. G. sich ebenso eindeutig vom »Nymphchen« angezogen fühlte, wie Mr. Humbert Humbert von Lolita, er zögerte jedenfalls nicht, mit meinen Gefühlen zu spielen. Zum Glück trat etwas sehr Wesentliches in mein Leben und bewahrte mich vor einer Neurose.

Zu jener Zeit war das Lemberger Theater eines der besten Europas. Als mein Vater einmal geschäftlich in Lemberg zu tun hatte, überraschte er mich mit einer Einladung zu ›Warszawianka‹ – einem Einakter des polnischen Dichters Wyspianski, der zu Ehren von Helena Modrzejewska gegeben wurde, die eben als alte Dame nach Polen zurückgekehrt war.

Ich saß in meinem besten Kleid neben meinem Vater, den ich noch nie so freundlich und glücklich gesehen hatte wie bei dieser Gelegenheit. Er ließ sich sogar auf eine befangene, zögernde Unterhaltung mit mir ein. Weder damals noch später gestand ich ihm, dass das Spiel der Modrzejewska mich ziemlich kalt ließ, weil mir ihr Deklamieren und ihre alte, brüchige Stimme nicht gefielen. Ihr Ausdruck klang nicht echt.

Das unvergessliche Erlebnis jenes Nachmittags war der Auftritt von Ludwig Solski, des großen polnischen Schauspielers, der erst vor Kurzem, im Alter von hundert Jahren, gestorben ist.

Der Modrzejewska zu Ehren hatten berühmte polnische Schauspieler Nebenrollen übernommen. Solski hatte die kleinste. Er war ein Soldat, der aus der Schlacht zurückkehrt – das Stück handelte von der Warschauer Revolution im Jahre 1830 –, und er hatte nichts anderes zu tun, als der Modrzejewska das Liebespfand ihres Verlobten, der in der Schlacht gefallen war, zu übergeben. Ich denke, dass er jedem unvergesslich geblieben ist, der ihn an jenem Nachmittag erlebt hat. Er verkörperte die ganze Sinnlosigkeit des Krieges, als er schmutzig, hoffnungslos und niedergeschlagen über die Bühne ging, salutierte und der Modrzejewska ein blutbeflecktes Taschentuch oder Band – ich weiß nicht mehr was – reichte, sich abwandte und in die Kulissen taumelte. Es war der Höhepunkt der Vorstellung. Einen Moment saß das Publikum schweigend und atemlos. Dann begann es wie wahnsinnig zu applaudieren. Mein Vater wischte sich die Augen, während ich in Tränen zerfloss. Am Ende wurde die Modrzejewska mit Rosen überschüttet und musste zahllose Male vor den Vorhang treten. Mein Vater befahl mir, kein Aufsehen zu erregen. Ich schrie immerzu: Solski!, so sehr war ich außer mir.

Trotz meines Verliebtseins verbrachte ich zwei recht glückliche Sommermonate in Wychylowka. Fräulein Marie war auf Urlaub, und wir hatten viele Gäste. Wir badeten im Dnjestr, aßen auf der schattigen Veranda und unternahmen nachmittags lange Spaziergänge durch die reifenden Weizenfelder zum Wald. Unterwegs pflückten wir große Sträuße Korn- und Mohnblumen, sammelten Pilze und wilde Beeren. Ich ritt auch mit den Offizieren unseres Kavallerieregiments aus. Sie zeigten allmählich Interesse für mich.

Am schönsten waren die Abende. Mama, Ruzia und ich versammelten uns um Edward, wenn er sich ans Klavier setzte, und wir sangen zu viert Opern, indem wir uns in die Rollen teilten. Wir sangen Mozart, Verdi, Wagner, Donizetti und sogar Richard Strauß. Wir sangen auch Choräle und Oratorien, Edward begleitete Mama, wenn sie Lieder von Schumann, Schubert, Hugo Wolf und Debussy vortrug. In diesem Sommer entdeckten wir auch Gustav Mahler.

Braun gebrannt und ausgeruht kehrte ich im September in Fräulein Czarnowskas Schule zurück.

Meine Leidenschaft für das Theater wurde nun größer denn je und ließ mich meinen Kummer um Dr. G. vergessen. Wenn ich zum orthopädischen Institut ging, machte ich einen weiten Umweg, um am Theater vorbeizukommen und die Schauspieler, die an der Bühnentür standen, anzugaffen. Manchmal gingen Sophie oder Wanda Dalecka mit mir und einigen anderen Kindern ins Theater. Aber meine Hauptbeschäftigung war Warten und Träumen. Voll Ungeduld und Inbrunst wartete ich darauf, erwachsen zu werden. Ich hatte es satt, ein Kind zu sein, satt all die Frustrationen, satt die Grammatik und Mathematik! Ich wollte mich kopfüber ins Leben stürzen. Im nächsten Juni würde ich vierzehn werden. Ich war groß für mein Alter und sah äußerlich reif aus. Wenn ich mein rotes Haar aufsteckte, war ich Maria Stuart. Wickelte ich fest ein schwarzes Tuch um mich und ließ die Brüste frei, so sah ich aus wie Kleopatra in der alten Shakespeare-Ausgabe meines Vaters. Ich war kein Kind mehr. Waren meine Eltern blind?

5

Meine Eltern waren nicht blind, aber sicherlich waren sie höchst unzufrieden mit mir. Da eine Behandlung im orthopädischen Institut nicht mehr notwendig war, kehrte ich wieder nach Hause zurück. Mein Vater beachtete kaum meinen geflüsterten Guten-Morgen-Gruß und überließ es Mama, mich zur Vernunft zu bringen. Fräulein Marie tat ihr Bestes, mein Selbstbewusstsein zu dämpfen, doch so unglücklich ich auch sein mochte – nichts konnte meine Überzeugung erschüttern, ich sei eine große Schauspielerin.

Sambor wurde von vielen polnischen und ukrainischen Schauspielertruppen besucht. Doch nur die ukrainischen hatten einen guten Ruf. Sie brachten Opern von Glinka, Komödien und volkstümliche Singspiele, hatten kleine, gute Orchester und hübsche Kostüme und wurden von ihren Landsleuten begeistert gefördert. Die polnische Intelligenz, die gegen alles Ukrainische eine snobistische Haltung einnahm, nahm von diesen Vorstellungen keine Notiz. Nahezu alle höheren Beamtenposten waren mit Polen besetzt, auch die Rechtsanwälte, Juden wie Nichtjuden, waren Polen, und natürlich sämtliche Gutsbesitzer. Die polnische Intelligenz fuhr lieber zwei Stunden mit der Bahn nach Lemberg, um sich dort bessere Aufführungen anzusehen. Mich erfüllt heute noch tiefe Dankbarkeit gegenüber diesen armen Schauspielern, die lächerlich, grotesk und oft herzlich schlecht waren, mochten auch einige der Frauen Spuren von Schönheit und Talent zeigen und alle eifrig bemüht sein zu gefallen. So elend es schien, hatte ihr Nomadendasein für mich doch eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

Ständig träumte und rezitierte ich und versetzte Fräulein Marie damit in helle Wut. »Salomé, sei nicht so exaltiert!«, schrie sie mich immer wieder an. »Exaltiert sein« war in den Augen meiner Eltern eine Todsünde, und Fräulein Marie nannte mich mindestens zwanzigmal am Tag »exaltiert«. Da wir meistens Deutsch oder Französisch sprachen, nannte sie mich stets bei meinem vollen Namen »Salomé« mit der Betonung auf dem e. Für Tante Bella, die sich der Gruppe meiner Widersacher angeschlossen hatte, war ich lange Zeit »Sarah der Narr«; Sarah ist mein zweiter Vorname, und sie machte sich damit über meine Überzeugung lustig, dass ich eine zweite Sarah Bernhardt werden würde. Ich hätte es viel leichter gehabt, wenn ich musikalisch begabt gewesen wäre. Edward erhielt von meinen Eltern jede Unterstützung. Aber er brauchte, um sein Talent zu beweisen, nur ein Klavier und einige Notenblätter. Mein Talent war auf einen viel größeren Apparat angewiesen.

Mama sagte mir mit aller Entschiedenheit, es bestünde nicht die mindeste Aussicht, dass man mich eine Schauspielschule besuchen lassen würde. Papa habe sich geweigert, sich etwas so Absurdes auch nur anzuhören. Ich solle lieber mit dem ganzen Unsinn aufhören und mich auf eine gute Heirat vorbereiten. »Aber du wolltest doch selber nicht heiraten, weißt du nicht mehr, wie verbittert du immer von deinen Eltern gesprochen hast?« – »Nun ja«, sagte meine Mutter leichthin, »ich war verbittert, aber heute bin ich es nicht.«

Ruzia und Edward hatten einen neuen Hauslehrer, einen jungen Jurastudenten. Ihm wurde außerdem die undankbare Aufgabe zuteil, meine Kenntnisse in Geschichte, Literatur und in den Naturwissenschaften zu mehren. Geschichte und Literatur interessierten mich sehr, dafür war ich in den Naturwissenschaften ein völliger Versager. Marie widmete sich unserem Deutsch- und Französischunterricht nach wie vor so wenig wie nur möglich. Ihre Romanze mit dem Türken hatte sich zu einer zähen, langwierigen Affäre entwickelt, und sie rannte dauernd in die Stadt, um ihn daran zu erinnern, dass auch sie zu seinem kleinen Harem gehörte.

Während der zwei Jahre, die ich im Pensionat verbrachte, hatte mein Vater endlich erreicht, dass die Stadt elektrifiziert und ein Telefonnetz verlegt wurde. Da unser Haus außerhalb der Stadt lag, besaßen wir nun im Keller einen eigenen Generator zur Wasserversorgung des Badezimmers und der Toilette. Vor dieser wunderbaren Neuerung hatten die Dienstboten Eimer und riesige Kannen mit heißem Wasser in die verschiedenen Schlafzimmer der Familie schleppen müssen.

Die elektrischen Straßenlaternen an der Promenade machten das Nachtleben in Sambor viel lebendiger. Der Stadtplatz war unter der Ägide meines Vaters in eine Grünanlage verwandelt worden; man hatte das alte Katzenkopfpflaster entfernt, einen gut gepflegten Rasen angelegt und Sträucher gepflanzt. Die Akazien sahen hübsch und frisch aus. Zweifellos war die Stadt jetzt schöner, und selbst die überheblichen Kavallerieoffiziere räumten ein, dass Sambor bei weitem nicht die übelste Garnison sei. Aber ich fühlte mich wie gefangen und vom Leben ausgesperrt. Auf dem Gartenzaun hockend, sah ich voller Fernweh den vorbeifahrenden Zügen nach.

Andererseits – um ehrlich zu sein – ging es mir nicht schlecht. Ich hatte ein eigenes Pferd und, da mein Vater mich nicht gern im Herrensitz reiten sah, einen Damensattel und ein Reitkostüm. Junge Kavallerieoffiziere, Habitués der nachmittäglichen Tees meiner Mutter, begleiteten mich bei meinen Ritten. Und obwohl ich immer noch Dr. G. liebte, begann ich mit mindestens drei Leutnants zugleich zu flirten.

Im Sommer hatten wir oft Gäste. Einer davon war Professor Balasicz von der Universität Lemberg, den wir Kinder anhimmelten. Er war ein charmanter und kultivierter Mann, dessen platonische Liebe zu Mama die tiefe Freundschaft und Ehrerbietung für meinen Vater nicht beeinträchtigte.

Professor Balasicz war der einzige, der Verständnis für mich zeigte, und er versprach mir, mit den Eltern über meinen zukünftigen Beruf zu sprechen. Papa weigerte sich natürlich, auch nur zuzuhören, und so schlug Professor Balasicz nach einem langen Gespräch mit meiner Mutter vor, ein Regisseur in Lemberg, den er kannte, solle erst einmal beurteilen, ob ich überhaupt talentiert sei. Davon sollten alle weiteren Entscheidungen abhängen.

Als Mama Edward das nächste Mal nach Lemberg brachte, fuhr ich also mit. Während Edward bei dem jovialen tschechischen Maestro Vilem Kurz Klavierstunde hatte, läuteten Mama und ich an der Türglocke im vierten Stock eines schäbigen Mietshauses in der Nähe des Theaters. Ein älterer Mann öffnete und führte uns in ein dunkles, armselig möbliertes Zimmer. Er forderte mich sofort auf, mit dem Vorsprechen anzufangen. Zögernd begann ich mit der berühmten Gartenszene aus ›Maria Stuart‹, doch unversehens – wahrscheinlich, weil ich ohnedies den Tränen nahe war – rissen mich Marias Worte vor Königin Elisabeth fort, und ich zeigte Temperament und echtes Gefühl. Als ich geendet hatte, wandte sich der Regisseur meiner Mutter zu und sagte mürrisch: »Gnädige Frau, ich kann nichts dafür, aber das Mädchen hat Talent. Es ist ihr und nicht mein Problem, sie davon abzuhalten, Schauspielerin zu werden. Ich kann nichts anderes tun, als ihr sagen, dass es kein leichtes und bequemes Leben ist. Sie ist keine Schönheit – das sind talentierte Mädchen selten –, aber sie könnte es schaffen. Allerdings, das Theater ist nichts für verhätschelte junge Damen.« Das Wort »Damen« spuckte er fast verächtlich aus. Dann fügte er hinzu: »In unserem Beruf gibt es wundervolle Frauen, aber ich glaube nicht, dass sie sich an die Schürzen ihrer Mütter hängten.« Er konnte nicht ahnen, wie sehr ich mir wünschte, nicht an der Schürze meiner Mutter zu hängen!

Ich war selig, aber die Reaktion meiner Mutter war typisch: »Na, hab ich’s dir nicht gesagt? Das ist kein Beruf für ein anständiges Mädchen.« Aufgeregt rief ich, das Wichtigste sei, dass der Regisseur gesagt hatte, ich hätte Talent! Und das hatte er gesagt, obwohl meine Mutter ihn brieflich gebeten hatte, das Gegenteil zu sagen. Wie immer, wenn sie unrecht hatte, wurde meine Mutter zornig und sagte, ich solle den Mund halten, und alle Diskussionen über eine Bühnenlaufbahn seien nun ein für allemal beendet.

Eine Stunde später diskutierte sie jedoch eingehend mit Dr. G. darüber, den wir zu einer letzten Konsultation aufsuchten. Dr. G. sah mich mit seinen blassblauen Augen an und meinte mit müder, sanfter Stimme, dass nach allem, was er selber gesehen habe, das polnische Theater eine unerfreuliche Sache sei, nichts als Intrigen und zu viel Not und Elend, zu viel negative Einflüsse. Man müsse sehr stark sein, um dabei nicht unter die Räder zu kommen.

Ich starrte ihn an und wunderte mich, dass ich ihn jemals geliebt hatte.

Die nächsten zwei Jahre meines Lebens waren trüb und schienen endlos. Ich wurde blass und blutarm, apathisch und melancholisch. Der Arzt fütterte mich mit Eisenpräparaten und Leberpillen, doch nichts half. Schließlich riet er zu einer Kur in Franzensbad, einem berühmten Bad in Böhmen. Man beschloss, dass ich mit einer Jugendfreundin meiner Mutter, Esther Mandl, die mit einem Wiener Rechtsanwalt verheiratet war, hinfahren sollte. Die Aussicht auf diese Reise erfüllte mich sofort mit neuem Optimismus. Endlich würde ich das Mekka meiner Träume sehen: das Wiener Burgtheater. Aber als wir unsere Reise antraten, hatte das Burgtheater Sommerferien, und meine Eindrücke von Wien blieben auf die Besichtigung von Sehenswürdigkeiten beschränkt, von denen ich mich am besten an den Prater erinnere. Das Riesenrad, die Karussells und Kasperletheater und vor allem die eleganten Herren und Damen in den berühmten Fiakern auf der Hauptallee mit ihren jahrhundertealten Kastanien stimmten mich fröhlich und übermütig. Die Mandls waren von meiner Begeisterung entzückt. Sie hatten keine Kinder und fanden mich einfach reizend.

Franzensbad erwies sich als äußerst langweilig. Ich war ständig mit Esther und deren Mutter, Frau Koffler, zusammen, was die stets schlechte Laune der letzteren ein wenig milderte. Trotzdem war das Ganze kein Spaß für mich. Sie erlaubte mir nicht einmal, im Restaurant selber zu bestellen, und ich kam mir gegenüber den Kellnern – die sie abscheulich behandelte – wie ein kleines Kind vor. Ich lernte keine jungen Leute kennen, trank widerwillig meinen Kurbrunnen, promenierte und nahm abscheuliche Schlammbäder. All das war meiner Meinung nach völlig unnötig. Doch Esther war so glücklich, mich bei sich zu haben, und Frau Koffler wurde so viel menschlicher, dass ich das erhebende Gefühl hatte, eine Mission zu erfüllen.

Nach unserer Rückkehr nach Wien blieb ich noch ein paar Tage bei den Mandls, weil ich auf Zdzislaw Zygulski, unseren Freund aus Sambor, wartete, der auf der Rückreise von Italien durch Wien kam und mit mir zusammen heimfahren sollte. Als Abschiedsgeschenk gab mir Dr. Mandl zwei Karten für die ›Kameliendame‹ mit Sarah Bernhardt. Sie gastierte mit ihrem Ensemble am Theater an der Wien und spielte als erstes bei einer Matinee die Marguerite Gautier. Am Abend sollte sie als Sardous Tosca auftreten.

Ich zog mein bestes Kleid an, Zdzislaw, mein junger Begleiter (er war sechzehn), seinen besten Anzug, und ein Einspänner brachte uns zum Theater. Wir hatten ausgezeichnete Plätze, ganz vorn im ersten Parkett. Ich fühlte mich sehr erwachsen und tat recht überlegen, doch trotz meiner neuen weißen Handschuhe waren meine Hände vor Aufregung feucht und eiskalt.

Nach dem feierlichen dreimaligen Klopfen verstummte das Publikum und der Vorhang hob sich. Die erste Szene vor Marguerites Auftritt ließ uns ziemlich kalt. Wir fanden das französische Ensemble nicht im mindesten besser als das polnische in Lemberg. Dann kam eine niederschmetternde Enttäuschung: der Auftritt der »göttlichen Sarah«. Alles, was ich sah, war eine hässliche alte Dame, die recht elegant, aber mit deutlicher Mühe sich bewegte, sich an Sesseln festhielt und an Tisch oder Kamin anlehnte, wie eine Mumie in kostbare Seide gewickelt, mit einem Wust grellroten Haars in der Stirn und einem zinnoberroten Mund, der vorstehende Zähne enthüllte. Ihre forcierte Fröhlichkeit, ihr Husten wirkten lächerlich. Sie war alt, schrecklich alt, und Zdzislaw und ich kicherten respektlos, worauf unsere Nachbarn empört zischten. Der Vorhang fiel unter starkem Applaus, dessen wir uns ostentativ und arrogant enthielten. Wir erwogen kurz, dass Theater zu verlassen und lieber ein wenig durch die Stadt zu bummeln, befürchteten aber, damit Dr. Mandl zu beleidigen, und blieben deshalb.

Der zweite Akt: In einem Sessel am Kamin sitzend, las Sarah Bernhardt schweigend einen Brief, zerriss ihn dann und sagte: »Es ist nichts. Dieser Brief erspart Ihnen dreißigtausend Francs.« Es war etwas in ihrer Stimme, ein seltsamer, gebrochener Ton, der mir Tränen in die Augen trieb. Ich konnte mein Schluchzen nicht unterdrücken, so sehr ich mich auch bemühte. Von diesem Moment an sah ich nicht mehr die weiße Schminke, das rot gefärbte Haar, das verhärmte Gesicht der alten Frau. Ich sah nur Marguerite Gautier, wie sie liebte und starb. Ich war völlig im Bann dieser unglaublichen Stimme, die an meinem Herzen zerrte.

Weder Zdzislaw noch ich rührten uns während der folgenden Pause von unseren Plätzen. Wie von einem Wunder verzaubert saßen wir da. Da war es wieder, das gleiche unerklärliche, aufwühlende Etwas wie damals bei Solski, da er als geschlagener Soldat über die Bühne wankte.

Es ist heute mehr als ein halbes Jahrhundert her, seit ich Sarahs berühmten Schrei gehört habe – das dreimal wiederholte »Armand!« im letzten Akt der ›Kameliendame‹ (der erste ein Fanfarenruf zu neuem Leben, zur Auferstehung, der zweite eine Sturmwoge der Liebe, der dritte ein verzweifeltes Sichanklammern) – ich habe ihn nie vergessen.

Vergeblich hofften Dr. Mandl und Esther, ich würde, nachdem ich eine wirklich große Schauspielerin gesehen hatte, den Mut verlieren, meinen Irrtum erkennen und meine Pläne aufgeben. Ich tat es nicht. Ich wusste, dass ich imstande war, auf meine eigene Weise etwas Einzigartiges auszudrücken, und dass die Begegnung mit Sarah Bernhardt nur die erste Tür zu meiner eigenen künstlerischen Gültigkeit geöffnet hatte. Wahrscheinlich haben alle jungen leidenschaftlichen und idealistischen Schauspieler Ähnliches erlebt.

Als ich wieder zu Hause war, gab es viele Tanzveranstaltungen und Gartenfeste, und im Winter gingen wir Schlittschuhlaufen und Rodeln. Ruzia und ich hatten eine Menge Verehrer und flirteten viel. Ruzia regte mehr zu romantischen Gefühlen an als ich. Sie war charmant, zart und schön. Ich, die zukünftige Schauspielerin, wurde oft in den Popo gezwickt. Trotzdem war es nett, mit den Offizieren zu tanzen und auszureiten, doch sonst waren sie nicht besonders interessant. Am schönsten waren immer noch die Stunden, in denen wir mit Edward allein waren und plauderten oder um das Klavier saßen. Dusko, unser jüngster Bruder, führte sein eigenes Leben. Er war immer irgendwo draußen und kommandierte die Bauernjungen, die die Kühe hüteten. Er ritt wie ein Zirkusakrobat, schwamm und spielte Tennis. Er war stark und schön und sah mit seinem kupferfarbenen Haar wie Jung-Siegfried aus. Meine Eltern hatte er völlig unterjocht. Papa kam nie nach Hause, ohne ihm ein Geschenk mitzubringen. Dusko war sich seiner Macht bewusst und nahm sich unglaubliche Freiheiten heraus. Wir drei Älteren waren empört, wie sehr man den »Kleinen« verwöhnte, und dass es Papa war, unser strenger, unnahbarer Papa, der darin am weitesten ging, das war uns allen unverständlich.

Zu jener Zeit besuchte uns häufig Amalia Kanarienvogel. Ihr Aussehen und ihre Stimme erinnerten weniger an den kleinen gelben Sänger von den Kanarischen Inseln als an einen alten Pelikan. Amalia Kanarienvogel hatte einen Laden an der Promenade, in dem sie Seide, Leinen, importierte Parfums, Strümpfe und alle Arten von Kurzwaren verkaufte. Klein, untersetzt, sehr hässlich, war sie unverheiratet geblieben und erhielt widerwillig eine große Familie – ihre Mutter, ihren Stiefvater und ihre Stiefschwestern und Stiefbrüder, die viel jünger waren als sie. Die Stiefschwestern arbeiteten in dem Laden als Verkäuferinnen und durften nicht heiraten, bevor Amalia für sich selbst einen passenden Mann gefunden hatte. Sie zweifelte nicht daran, dass es ihr eines Tages gelingen würde. Ich war fünfzehn, als Amalia Kanarienvogel meiner Mutter einredete, es sei höchste Zeit, an meine Aussteuer zu denken. Listig behauptete sie, wenn ich all die hübschen Sachen sähe, die zu einer Brautausstattung gehörten, würde ich meine verrückten Ideen vergessen. Sie machte sich auch voll Eifer daran, einen Mann für mich zu suchen.

Es schien mir unglaublich, dass eine so intelligente und begabte Frau wie meine Mutter, die ihren eigenen Eltern nie verziehen hatte, dass sie sie zu einer Verstandesheirat gezwungen hatten, offenbar bei ihrer Tochter die gleiche mittelalterliche Praxis wiederholen wollte: Ihre heimlichen Gespräche mit Amalia waren mir jedenfalls nicht geheuer. Mein Vater hielt sich ostentativ aus alldem heraus. Er mochte Amalia nicht und hielt mich, glaube ich, für viel zu jung zum Heiraten. Da er schon seit einigen Jahren gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe war, nahm er die Gewohnheit an, sich in sein Schlafzimmer zurückzuziehen, sobald der fette Kanarienvogel erschien, und sich sein Abendessen, zusammen mit seiner geliebten Neuen Freien Presse, auf einem Tablett dorthin bringen zu lassen.

Amalia war hocherfreut, als ein neuer Kavallerieleutnant in unsere Garnison versetzt wurde. Er hieß Schön, und man war allgemein der Ansicht, dass er diesen Namen vollauf verdiente. Er war groß und hatte blaue Augen, dunkles Haar und rosige Wangen. Mit seinem wohlgepflegten Schnurrbart und in der eleganten Kavallerieuniform wirkte er sehr männlich. In Amalias Augen hatte er außerdem noch den großen Vorzug, Jude zu sein. Edward, Ruzia und ich fanden ihn langweilig und lächerlich, doch nichtsdestoweniger kam er nicht nur zum Tee, sondern blieb oft auch noch zum Abendessen.

Mein Vater kehrte von einer Kur in Kissingen gut erholt zurück. Mama fröhlich und strahlend hübsch. Sie hatte wunderschöne Wochen verbracht, viele Freundschaften geschlossen und eine nette Engländerin zu einem Besuch in Sambor eingeladen. Vater zuckte die Achseln und meinte, Mama sei verrückt, wenn sie glaube, Mrs. Annesley habe die Einladung ernst genommen. Wie unrecht hatte er! Mrs. Annesley traf ein und rief mit ihrer exzentrischen Eleganz nicht nur auf der Promenade, sondern auch bei der Landbevölkerung eine Sensation hervor.

Sie war nicht mehr jung – mindestens fünfundvierzig –, benahm sich aber, als wäre sie noch nicht sechzehn. Sie musste vor noch gar nicht langer Zeit sehr schön gewesen sein. Ihr Haar war blond gefärbt, und sie hatte eine fein geschnittene, aristokratische Nase, aber ihr Mund und ihre Wangen waren stark geschminkt, was uns schockierte, denn Lippenstift und Rouge waren für uns tabu.

Mrs. Annesley war die erste Angelsächsin, die ich kennenlernte. Wenn ich heute zurückdenke, wird mir bewusst, wie lächerlich typisch sie für gewisse Angehörige der »oberen Klasse« war. Sie sprach Deutsch und Französisch mit einem fürchterlichen Akzent und einem sehr beschränkten Vokabular, und da keiner von uns Englisch verstand, begannen wir, sie alle nachzuahmen und eine neue Sprache zu erfinden, indem wir Französisch und Deutsch verstümmelten. An Exzentrizität übertraf Mrs. Annesley sogar unsere Gouvernanten. Marie hatte uns damals gerade verlassen, und Mrs. Annesley wohnte in ihrem Zimmer. Die Rituale ihrer Bäder und Mahlzeiten faszinierten unsere Dienstboten. Sie hatte viele Jahre in Afrika und Südamerika gelebt, und es überraschte sie, dass es in unserem Garten keine Schlangen gab. Sie erzählte uns eindrücklich, wie sie einmal unter einem Mangobaum gefrühstückt habe, von dem eine riesige Boa constrictor herabhing. Ihren Toast knabbernd, habe sie gelassen mit einer Pistole auf die Boa gezielt und sie auf der Stelle getötet.

Wir hatten zwar keine Boa, aber etwas ebenso Aufregendes, das Mrs. Annesley ihre Kaltblütigkeit verlieren ließ. »Ich habe Scharlach«, rief sie aus, »ich habe Scharlach! Wohin ich auch sehe, sehe ich rot. Rote Hosen! Oh, ich liebe rote Hosen!«

Die roten Hosen, die sie liebte, bedeckten die muskulösen Schenkel des Leutnants Schön und gehörten zur österreichischen Kavallerieoffiziersuniform. Mrs. Annesley verliebte sich rettungslos in die Hosen, in die Kavallerie und in Leutnant Schön. Eines Abends kam sie, das Gesicht dick mit Creme bedeckt, Lockenwickler im Haar, verzweifelt schluchzend in mein Zimmer und verlangte, ich solle ihn freigeben, da ich noch zu jung sei, um zu wissen, was wahre Liebe sei, und ihr biete Leutnant Schön die letzte Chance in ihrem Leben, glücklich zu werden. Ich versuchte über eine Stunde lang, sie zu überzeugen, dass ihrer Liebe zu Leutnant Schön nichts im Wege stehe, dass ich ihn nicht wolle und dass ich nur allzu froh sein würde, wenn sie ihn so bald wie möglich heirate. Sie glaubte mir nicht. »Sie sind stolz«, sagte sie, »aber Sie sind stärker als ich. Sie haben den Mut zu verzichten.« Ich bestritt das, doch es wurde mir klar, dass sie mir nicht glauben wollte, weil das Leutnant Schöns Wert gemindert hätte. Wie konnte ich wagen, nicht zu begehren, was sie, Rose Annesley, sich so leidenschaftlich wünschte! Sie sagte, sie werde mit meiner Mutter sprechen. An ihren Bruder in England habe sie bereits geschrieben. Der einzige Mensch, den sie noch nicht von ihren Gefühlen in Kenntnis gesetzt hatte, war Leutnant Schön.

Meine Mutter vergaß auf der Stelle, dass Leutnant Schön ihr Schwiegersohn hätte werden sollen, und machte sich mit Freuden daran, ihn für Mrs. Annesley zu kapern. Es war gewiss amüsanter, die beiden zu verkuppeln, als den langweiligen Mann in der eigenen Familie zu haben. Immerhin fühlte sie sich verpflichtet, Mrs. Annesley darauf aufmerksam zu machen, dass Schön Jude war und aus ganz anderen Kreisen stammte als sie. Mrs. Annesley war bereit, sich zum mosaischen Glauben zu bekehren – »Für eine Frau ist das nicht so schmerzlich wie für einen Mann, nicht wahr?« –, und aus welchen Kreisen Leutnant Schön stamme, kümmere sie nicht. Er war nicht reich, doch sie hatte genug Geld für beide. Taktvoll wies meine Mutter auf den Altersunterschied hin – er war sechsundzwanzig –, aber eine Freundin von Mrs. Annesley hatte auch einen zwanzig Jahre jüngeren Franzosen geheiratet und war sehr glücklich mit ihm. Alles, was sie von meiner Mutter verlangte, war, Schön zu sagen, dass ich zu jung für ihn sei, und nichts ihn daran hindere, seine ganze Aufmerksamkeit ihr zuzuwenden. Meine Mutter versprach es ihr. Nach mehreren langen Unterhaltungen bat Mrs. Annesley mich, Schön zu sagen, dass er keine Bedenken zu haben brauche. Er hätte eine große Chance, in die britische Aristokratie einzuheiraten.

Als ich am gleichen Nachmittag mit meinen üblichen Begleitern – zwei Kadetten und einem Unterleutnant – ausritt, trafen wir Schön. Er manövrierte mich auf einen schmalen Waldweg, und wir verloren die anderen. Er nahm die Zügel meines Pferdes, brachte es zum Stehen, legte seinen Arm um mich und versuchte, mich zu küssen. Auf der Stelle platzte ich heraus: »Mrs. Annesley ist in Sie verliebt!«

»Wer?«, fragte er verblüfft.

»Mrs. Annesley, die Freundin meiner Mutter, Sie kennen sie doch, die Engländerin …«

Schön murmelte etwas, was wie »die alte Schachtel« klang, und versuchte wieder, mich zu küssen. Aber ich sagte entschieden: »Nein! Mrs. Annesley will Sie heiraten, nicht ich.« Ich machte mich los und trabte zu den anderen zurück.

Zu meiner großen Überraschung waren Leutnant Schön und Mrs. Annesley bei dem Picknick, zu dem uns die Offiziere eingeladen hatten, unzertrennlich. Sie sprach in ihrem mageren Deutsch und in ihrem vornehmen Englisch auf ihn ein, und er hörte geschmeichelt, ein wenig verlegen und albern lächelnd zu. Sie blieb drei weitere Wochen bei uns, und dann verlobten sie sich endlich. Anschließend fuhren sie nach England, um sich im Schloss des Bruders trauen zu lassen.

Ein paar Jahre später, kurz vor dem Ersten Weltkrieg, erhielt meine Mutter einen Brief von Mrs. Schön, in dem sie schrieb: »Mein österreichischer Gatte ist wie ein aufgeplusterter Papagei, der auf einem Baum sitzt und dauernd schreit: ›Gib Geld, gib Geld!‹« Bald darauf ließ sie sich von ihm scheiden.

Amalia Kanarienvogel gab es auf, sich in militärischen Kreisen nach einem Mann für mich umzusehen. Es gab keinen, der sich für diese Rolle eignete, außer einen jungen Rechtsanwalt, der eben in der Stadt angekommen und in die Kanzlei eines Kollegen meines Vaters eingetreten war. Er hieß Stanislaw Höniger.

6

Es ist jetzt mehr als fünfzig Jahre her, dass Stas Höniger mir einen Heiratsantrag machte. Ich erinnere mich an das Wetter, an den Ort, an seine Augen und an seine Hände, doch ich bemühe mich vergeblich, den Klang seiner Stimme heraufzubeschwören. Dabei weiß ich, dass es seine Stimme war, was mir am besten an ihm gefiel, als ich ihn zum ersten Mal sah. Ich spüre immer noch seine großen dunkelblauen Augen, mit denen er mich zärtlich und belustigt und manchmal traurig ansah.

Vor einiger Zeit traf ich mich in Zürich mit meiner Schwester. Sie kam von Stockholm und ich von Klosters, und es war diesmal die kürzeste Entfernung, die wir überbrücken mussten, um einander zu sehen. In den vergangenen Jahrzehnten hatten uns Kontinente getrennt. Ich versuchte mich zu erinnern, wie Stas Höniger gewesen war, und ob die Vorstellung, die ich von ihm hatte, richtig war. Denn ich besitze nichts, was mir helfen könnte, ihn mir ins Gedächtnis zurückzurufen. Kein Foto, keinen Brief. Dabei hatte es einmal so viele gegeben.

Ich fragte meine Schwester: »Sag mal, was war eigentlich deine und Edwards Meinung über Stas Höniger? Erinnerst du dich an ihn?«

»Wir mochten ihn sehr, sehr gern. Er war ungeheuer intelligent und interessierte sich so sehr für Kunst. Er wusste sehr viel über Malerei und sprach sehr gut darüber.«

Ich war verblüfft. »Er interessierte sich für Malerei?« Daran erinnerte ich mich überhaupt nicht.

Dann sagte sie: »Er stand ziemlich links, glaube ich.« Oh, wie gut ich das noch wusste.

Ich liebte ihn zuerst nicht. Man ließ mir aber auch gar nicht viel Zeit, ihn richtig kennenzulernen. Alle hatten es darauf angelegt, uns zusammenzubringen. Seine Tante und meine Mutter und Amalia Kanarienvogel mit ihrem Geschwätz. Er mochte mich und fand mich anziehend. In Sambor gab es nicht viele Leute, die ihn interessierten. Er war ein Fremder, ein sensibler, weichherziger Mensch, der in eine solche provinzielle Garnisonstadt nicht recht passte. Er hatte in Wien studiert und in Westpolen gelebt, wo es mehr Leben und politische Aktivität gab. Wäre ich nicht gewesen, so wäre er nicht in Sambor geblieben. Er verliebte sich in meine ganze Familie, in meinen strengen Vater, meine Mutter, Edward und Ruzia und war von Duskos Schönheit entzückt. Als er mir seinen Heiratsantrag machte, lehnte ich voll Bestürzung ab. Dann brach ich in Tränen aus, weil es mir so schrecklich leid tat, ihn zu verlieren.

Auf väterlicher Seite war Stas mit Ferdinand Lasalle, dem deutschen Sozialistenführer, verwandt. Das ließ ihn mir sehr interessant erscheinen. Etwas von dieser Aura fiel auch auf Stas. Zur Zeit, da er um meine Hand anhielt, wusste mein Vater nichts von Stas’ politischer Einstellung. Er hätte nie geglaubt, dass ein junger Mann, der um seine Tochter warb, gewagt hätte, solche Ansichten zu vertreten.

Es war Zufall, dass Stas in mein Leben trat. Die Schwester seiner Mutter hatte einen Militärarzt, Dr. Eisenstein, geheiratet, der in unsere Garnison versetzt worden war. Diese Tante hatte Stas, für den sie eine tiefe Zuneigung hegte, überredet, mit ihnen nach Sambor zu kommen und dort sein letztes Praktikantenjahr zu absolvieren, bevor er eine eigene Kanzlei eröffnete.

Die Eisensteins hatten meinen Eltern gleich nach ihrer Ankunft in Sambor einen Besuch abgestattet. Es überraschte mich, dass meine Mutter sie zu ihren Sonntagnachmittagen einlud. Denn sie gehörten nicht zu der Art von Leuten, mit denen sie Freundschaft zu schließen pflegte. Als ich dann Stas kennengelernt und die verstärkte Aktivität bezüglich meiner Aussteuer bemerkt hatte, wurde mir ihr Motiv jedoch klar.

Der Herbst war, wie immer im Polen meiner Erinnerung, warm und schön. Wir machten unsere weiten Spaziergänge, und Stas schloss sich uns oft an. Ruzia und Edward gingen voraus, wir beide folgten. Dann trafen wir uns eines Tages in der Stadt und gingen zusammen nach Wychylowka hinaus. Wir machten einen großen Umweg über die Felder und Wiesen. Ich weiß nicht mehr, worüber wir zuerst sprachen, doch ich entsinne mich, dass er mich fragte: »Warum wollen Sie Schauspielerin werden?«

Ich konnte es nicht so prägnant ausdrücken, wie ich es gern gewollt hätte, doch ich erklärte ihm, dass Theaterspielen all meinen aufgestauten ungestümen Gefühlen ein Ventil schuf. Dass ich die Rollen, mit denen ich mich identifizierte, umso echter empfand, je leidenschaftlicher und überdimensionaler sie waren. Er meinte, ob man nicht vielleicht, wenn ich weniger rebellisch und ungeduldig gewesen wäre und man mich mit mehr Verständnis behandelt hätte, mein Ungestüm und mein Talent in andere Kanäle hätte leiten können. Ich leugnete das heftig. Es war mir völlig klar, in welche Kanäle Stas meine ungestümen Gefühle geleitet zu sehen wünschte.

Ich fühlte keinerlei Abneigung, als er mich in die Arme nahm, aber sein Kuss enttäuschte mich. Wahrscheinlich war er so zart, weil er annahm, es sei mein erster Kuss. »Ich liebe Sie nicht«, sagte ich niedergeschlagen.

Wir standen auf einem schmalen Weg zwischen zwei frisch gepflügten Feldern. Ich zitterte und war den Tränen nahe, er war blass und sehr ernst. Er sagte, er habe den Eindruck gehabt, dass ich ihn gern hätte, und meine Mutter habe ihn ermutigt. Sie habe ihm gesagt, dass er in unserer Familie willkommen sei. Natürlich wolle er sich mir nicht aufdrängen. Ihm bleibe jetzt nichts anderes übrig, als Sambor so schnell wie möglich zu verlassen.

Ich bekam schreckliche Angst. Was würden meine Eltern sagen? Mama würde außer sich sein. Aber auch der Gedanke, ihn nie mehr zu sehen, war mir unerträglich. Wenn ich ihn nur nicht heiraten müsste!

Ich bat ihn, niemandem zu sagen, dass er sich mir erklärt hatte, und mein Freund zu bleiben. Er sagte, das sei nicht mehr möglich; da ich noch so jung sei, habe er meine Eltern um die Erlaubnis gebeten, mit mir zu sprechen.

»Sie sind wohl sehr korrekt, wie?«, sagte ich entrüstet und wollte gehen. Da sah ich zwei dunkle Gestalten auf uns zukommen. Es war der alte Lamet mit einem seiner Söhne. Sie trugen ihre seidenen Kaftans und Feiertagskäppchen. Das Feld, auf dem wir standen, gehörte ihnen. Ich hatte sie hier ein paar Tage zuvor pflügen sehen. Um uns an ihnen vorüber zu lassen, traten sie beiseite auf die feuchte, weiche Erde und nahmen ihre Käppchen ab. Der Alte lächelte nicht wie sonst; sein Gesicht war ernst und vorwurfsvoll. Als sie weitergingen, sah ich, dass sie dicke Erdklumpen an ihren sorgfältig geputzten Schuhen hatten.

»Sie gehen zur Synagoge«, sagte Stas. »Heute ist Jom Kippur.« Ich war in Bezug auf diesen Tag immer abergläubisch gewesen. Ich hielt ihn für einen Unglückstag.

Die Sonne ging unter, ein grauer Herbstnebel stieg vom Boden auf.

Als wir heimkamen, erwartete uns meine Mutter mit Tee. Sie wusste sofort, dass Stas mit mir gesprochen hatte. Ich entschuldigte mich und ließ sie mit ihm allein. Sie sprachen lange, und es war spät, als sie endlich in mein Zimmer kam. Sie war wütend auf mich und verstand nicht, wie ich diesen wunderbaren Mann hatte zurückweisen können. Er sei nicht nur sehr intelligent, sondern auch höchst anständig und, obwohl sie es nicht verstehen könne, ehrlich in mich verliebt. Wofür ich mich eigentlich hielt? Ob ich auf einen Erzherzog warte? Mit meinen idiotischen Theaterplänen würde ich eine alte Jungfer werden oder eine unmoralische Frau wie Tante Bella. Ihr und Papa würde ein Stein vom Herzen fallen, wenn ich endlich gut verheiratet wäre. Und sie könnten sich keinen besseren Schwiegersohn wünschen als Stas. Er könne mit mir umgehen, und ich brauchte weiß Gott jemanden mit sehr viel Geduld.

Dass es meiner Mutter an Geduld mangelte, wusste ich nur zu gut. Je länger sie sprach, desto mehr schwanden meine Hoffnungen, in Wien studieren zu können. Der einzige Hoffnungsanker schien, trotz allem, Stas mit seiner Liebe und Großzügigkeit. Mich durchzuckte der Gedanke, ich könnte die Bedingung stellen, nach der Hochzeit nach Wien zu übersiedeln, doch im gleichen Moment schämte ich mich vor mir selber, dass mir so eine Idee überhaupt kommen konnte. Ich blieb störrisch, und schließlich ging meine Mutter.

Nach dem Abendessen, an dem ich nicht teilnahm, kam Ruzia. Wir sprachen endlos, und sie fand, dass ich recht hätte. So gern sie Stas auch mochte – auch sie würde ihn nicht heiraten, wenn sie ihn nicht liebte. Ich fragte sie, wie Papa auf die ganze Sache reagiert habe. Doch Papa hatte nur entrüstet gesagt: »Wie kann man an Jom Kippur einen Heiratsantrag machen?«

Ein paar Tage vergingen. Ich vermied es, in die Stadt zu gehen, um nicht Stas oder Frau Eisenstein zu begegnen. Aber eines Nachmittags ging Mama einkaufen und kam mit Stas zurück, der ihre Pakete trug. Er verhielt sich ganz normal, als sei nichts zwischen uns beiden geschehen. Ruzia und Edward trugen das Ihre dazu bei, dass es ein fröhlicher und netter Nachmittag wurde. Unser Verhältnis war wieder das gleiche wie zuvor. Allmählich gestand ich mir ein, dass ich darauf wartete, er möge seine Zurückhaltung ablegen. Warum hatte ich mich nur so verzweifelt gewehrt, ihn zu lieben?

Bald wurde unsere Verlobung offiziell bekannt gegeben. Meine Eltern gaben eine große Gesellschaft, und Njanja kochte ein fabelhaftes Diner. Stas’ Stiefmutter kam aus Wien, und obwohl sie etwas eher Gouvernantenhaftes hatte, mochte ich sie vom ersten Augenblick an. Sie schenkte mir ein hübsches Amethysthalsband, das Stas’ Mutter gehört hatte, und Stas steckte mir feierlich einen Saphirring an den Finger. Doch am schönsten fand ich mein erstes langes Kleid und den Champagner. Er machte mich beschwipst, und ich kam mir richtig erwachsen und geistreich vor.

Meine Verlobung sollte ein Jahr dauern. Papa wollte nicht, dass ich heiratete, bevor ich siebzehn war. Meine Mutter meinte, ich hätte dadurch Gelegenheit, Stas besser kennenzulernen. Sie erinnerte sich nur zu gut an die ersten Monate ihrer Ehe, in denen sie und Papa einander praktisch fremd gewesen waren.

Mein Vater hatte Stas vorgeschlagen, als Partner in seine Rechtsanwaltskanzlei einzutreten, und er hatte das Angebot akzeptiert. Meine Hoffnung, dass wir in Wien leben würden, schwand mehr und mehr. Doch damals liebte ich ihn so sehr, dass ich meine Ambitionen aufgegeben hatte, obwohl ich manchmal nicht anders konnte, als tief in meinem Innern um ein Wunder zu beten.

Sobald Papa und Stas täglich engen Kontakt hatten, geschah das Unvermeidliche. Sie waren ständig verschiedener Meinung. Es stellte sich heraus, dass Stas stark zum Sozialismus tendierte, den mein Vater verabscheute. Bevorzugtes Objekt seines Hasses war damals ein sozialistischer Abgeordneter des österreichischen Parlaments namens Diamant. Er war ein ungeheuer dicker Mann, der seine Gegner dadurch zu erzürnen pflegte, dass er im Hohen Haus aufstand, mit den Fäusten auf seinen vorstehenden Bauch klopfte und seine Reden mit den Worten begann: »Wir hungernden Proletarier …« Mein Vater hätte Diamant auch dann abgelehnt, wenn er mager wie ein Skelett gewesen wäre. Ich war von früher her durch Sophie Czarnowska beeinflusst und teilte Stas’ Ansichten. Trotzdem muss ich gerecht gegen Papa sein und zugeben, dass er, seit er die Geschicke der Stadt lenkte, viel zur Verbesserung der Wohnungs- und Arbeitsverhältnisse und der Löhne getan hatte. Ich missbilligte seine Weigerung, Verständnis für den Sozialismus aufzubringen, konnte ihm aber meinen Respekt nicht versagen. Wie Herr Diamant auch ausgesehen haben mag, er sagte die Wahrheit: Die Menschen hungerten. Polen hatte nur wenig Industrie, und die Zustände in den Fabriken waren entsetzlich. Diamant war einer der ersten, die die gefügigen und apathischen Arbeiter aufrüttelten und organisierten.

In einer nicht weit von uns entfernten Stadt wurde gestreikt. Es kam zu blutigen Zusammenstößen mit der Gendarmerie, und ein Kavalleriebataillon schoss in die Menge. Die Straßen waren mit Toten und Verwundeten übersät, und Hunderte von Streikenden wurden verhaftet und vor Gericht gebracht. Es sollte ein Monsterprozess stattfinden, und viele junge Rechtsanwälte stellten sich den mittellosen Angeklagten als Verteidiger zur Verfügung, darunter auch Stas. Papa stellte ihn vor die Alternative, die Verteidigung niederzulegen oder sich von ihm zu trennen. Als Stas sich für das letztere entschied, war Papa so beleidigt, dass er sich in sein Zimmer zurückzog und sich weigerte, mit Stas oder mir zu sprechen. Durch Mama ließ er mich wissen, er erwarte, dass ich sofort meine Verlobung löse. Ich war entschlossen, das Haus zu verlassen. Das einfachste, dachte ich, wäre, so bald wie möglich zu heiraten, doch das war ganz und gar ausgeschlossen: Ich war minderjährig, und Stas musste sich erst in Sanok einrichten, wo der Prozess stattfinden sollte. Er widmete seine ganze Kraft und Zeit der Vorbereitung auf diese Aufgabe. Zu unserer großen Erleichterung war Mama auf unserer Seite. Sie wollte nicht, dass ich ging, denn sie war überzeugt, dass sie nicht lange brauchen würde, um Papa umzustimmen. Es war natürlich besser, wenn ich in der Zwischenzeit nicht in seiner Nähe war. Wir beschlossen, dass ich zu Tante Wilhelmine nach Czernowitz fahren sollte. Noch am selben Abend packte ich und fuhr zum ersten Mal in meinem Leben allein mit der Bahn; ich kam mir ungeheuer wichtig vor. Am nächsten Tag fuhr Stas nach Sanok. Es war unsere erste Trennung.

Tante Mina versuchte mir meinen Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Sie und meine Cousinen Liese und Olga waren amüsant, und ich fühlte mich besser, als ich gedacht hatte. Etwas später konnte Stas sich für zwei Tage freimachen und nach Czernowitz kommen. Ich erschrak über sein schlechtes Aussehen. Er sagte, er habe noch nie in seinem Leben so schwer gearbeitet. In dem Prozess gab es mehr als hundert Angeklagte. Zahllose Zeugen mussten vernommen werden, und alles zog sich endlos in die Länge. Er war in Sanok nicht besonders gut untergebracht und musste im Restaurant essen, und sein Magen hatte begonnen, gegen die schlechte Behandlung, die ihm zuteil wurde, zu rebellieren. Meine Tante ließ uns viel allein. Stas lag meist auf der Chaiselongue, den Kopf in meinem Schoß, und ich fühlte eine grenzenlose melancholische Zärtlichkeit für ihn. Der Abschied war so unerträglich, dass ich ihm am nächsten Tag schrieb, ich hätte genug von dieser schrecklichen Verlobung, und es sei mir gleich, wenn Papa mich enterbe. Ich würde mich auch ohne den Segen eines alten Rabbiners als seine Frau betrachten und nach Sanok kommen, um mit ihm zusammenzuleben und für ihn zu sorgen.

Seine Antwort war mir in meiner rebellischen Stimmung zu vernünftig. Er erklärte mir, wir könnten es uns nicht leisten, der geltenden Moral zu trotzen. Er habe selber keinen größeren Wunsch, als mit mir zusammenzuleben, doch würde ihn dies beruflich ruinieren – wieder einmal wurde mir gesagt, dass ich alt genug war zu heiraten, doch nicht alt genug zu lieben – und es ihm unmöglich machen, seine Klienten zu verteidigen. Er bat mich eindringlich, Geduld zu haben und wieder nach Hause zu fahren. Alles würde sich ändern, wenn er mit seiner Verteidigung Erfolg hätte. In Sambor würde ich ihm viel näher sein, und wir könnten uns sonntags öfter heimlich treffen. Da auch Mama mich bedrängte heimzukommen, gehorchte ich.

Nach meiner Rückkehr konnte Stas einen Tag Urlaub nehmen, und wir trafen uns bei den Eisensteins. Er sah noch schlechter aus als das letzte Mal. Sein Gesicht war bleich und eingefallen, und er hatte tiefe Ringe um die Augen. Aber er war guter Laune und viel zuversichtlicher und optimistischer. Er war überzeugt, dass er einen Freispruch erreichen würde, nannte mich seine kleine Frau, weigerte sich aber, mit mir zu schlafen, bevor wir verheiratet waren. Am Abend fuhr er zurück nach Sanok. Ich brachte ihn zum Bahnhof. Als der Zug kam, hielt er mich fest, als wollte er mich nie mehr loslassen. Er drückte mich an sich und bedeckte meine Augen, meinen Mund mit Küssen. Als der Zug abfuhr, lief ich neben ihm her, bis sein weißes, trauriges Gesicht in der Dunkelheit verschwand. Es war das letzte Mal, dass ich ihn sah.

Das Leben zu Hause ging weiter wie immer. Papa war verschlossen, aber nicht unfreundlich, Mama, Edward und wir beiden Mädchen saßen viel am Klavier oder lasen. Edward hatte eben begonnen zu komponieren, und wir interessierten uns sehr dafür und bewunderten ihn.

Ich schrieb Stas jeden Tag einen langen Brief, berichtete ihm, was ich tat, und sagte ihm, dass ich auf ihn wartete. Er antwortete, wir müssten Geduld haben. Seine Briefe waren jetzt kürzer als früher. Dann schrieb er mir, dass er eine kurze Vertagung des Prozesses ausnutzen und nach Wien fahren wolle, um einen berühmten Arzt zu konsultieren, da ihn sein schlechter Gesundheitszustand ernstlich bei der Arbeit behindere. Der Arzt in Sanok habe ein Zwölffingerdarmgeschwür festgestellt. Es liege ihm aber nicht, sich zu schonen, und er würde sich lieber operieren lassen, als sich einer langwierigen Behandlung zu unterwerfen. Da es anscheinend die gleiche Krankheit wie bei meinem Vater war, machte ich mir keine besonderen Sorgen. Was Stas mir jedoch nicht schrieb, war, dass er in den letzten Tagen Blutungen gehabt hatte.

Es war Ende November, und das Wetter war schrecklich. Um drei Uhr nachmittags wurde es so finster, dass man Licht machen musste. Ich hatte seit drei Tagen von Stas keine Nachricht und wurde immer unruhiger. Am Nachmittag des 28. November hielt ich es nicht mehr aus und entschloss mich, obwohl es stürmte und regnete, in die Stadt zu gehen und nachzusehen, ob in Papas Büro nicht ein Brief auf mich wartete. Denn Papa war an diesem Nachmittag daheim geblieben. Ich war schon fast beim Rathaus, da holte unser Wagen mich ein; meine Mutter hatte ihn mir nachgeschickt. Der Kutscher bat mich, mit ihm zurückzufahren. Ich stieg ein. Wir hielten bei Papas Büro. Kein Brief. In strömendem Regen fuhren wir zurück.

Die Haustür stand offen, und Njanja erwartete mich; als sie mich erblickte, lief sie hinein. Ich stieg aus der Kutsche und rannte ihr nach. Eine schwarze Katze lief mir über den Weg. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen. Ich blieb stehen, mein Herz klopfte unregelmäßig. Dieses unregelmäßige Pochen machte mich schwindlig und nahm mir den Atem. Ich ging durch das halb dunkle Speisezimmer. Die Tür zum Salon stand offen, und ich sah Papa auf und ab gehen, ein Taschentuch vor dem Gesicht. Er weinte. Ich hatte Papa noch nie weinen gesehen, aber ich konnte keinen Schritt auf ihn zu machen. Ich merkte, dass Njanja mich in ihren Armen hielt und meine Mutter meine Hände küsste. Auch sie weinte. Ich wollte ihr sagen, sie solle nicht meine Hände küssen, aber ich konnte nicht sprechen. Mama sagte: »Ein Telegramm ist gekommen, mein Liebstes, ein Telegramm …«

Sie brauchte es nicht zu sagen. Ich wusste es. Stas war tot.

Seine Stiefmutter hatte telegrafiert, dass er operiert worden sei; zuerst schien alles in Ordnung zu sein, aber am Morgen habe er eine Blutung bekommen und sei gestorben.

Ich war nicht tapfer, und niemand erwartete das von mir. Es war meine erste Begegnung mit dem Tod, dem Tod eines Menschen, den ich liebte. Den Kopf in Njanjas Schoß vergraben, weinte ich fassungslos. Sie strich mit ihren trockenen, schwieligen Händen über mein Haar und sagte in einem fort: »Wein nur, wein nur, Kotek, weinen ist gut.« »Kotek« bedeutet Kätzchen. Es war der Kosename, bei dem auch meine Mutter mich immer rief.

Ich ging nicht mehr aus dem Haus und war nicht imstande zu lesen. Den ganzen Tag lag ich in meinem Zimmer auf dem Bett und weinte.

Schließlich wurde ich krank. Ich bekam eine schwere Influenza, und das Fieber war so hoch, dass der Arzt eine Lungenentzündung befürchtete. Die Krankheit weckte meinen Lebenswillen. Als das Fieber sank, begann ich zu essen und schlief so viel, dass Mama sich Sorgen machte. Ich wollte nicht aufwachen, aber ich wünschte mir nicht mehr zu sterben.

Es war Winter geworden, als ich aufstand. Meine Eltern brachten mich zur Erholung in ein wärmeres Klima. Diese Veränderung sollte auch Papa gut tun.

Wir fuhren nach Abbazia an der Adria. Die Zigeunerin, die mir geraten hatte, nahe am Wasser zu leben, behielt recht. Das Meer machte mich glücklicher und kräftiger. Ich hatte es noch nie zuvor gesehen, und ich liebte es vom ersten Augenblick an so sehr, dass ich mich nicht satt daran sehen konnte. Stundenlang wanderte ich am Strand entlang oder saß da und blickte auf die blaue, mit den ockerfarbenen Segeln der Fischer betupfte Adria.

Esther lud mich ein, bei ihr in Wien zu bleiben, und meinte, es sei zu früh für mich, nach Sambor zurückzukehren, wo ich ständig an Stas erinnert werden würde.

Die ungeheure Größe des Wiener Zentralfriedhofs erfüllte mich mit Grauen. Unfassbar, dass Stas einer von diesen Tausenden von Toten sein sollte. Esther und ich gingen lange zwischen Reihen und Reihen von Gräbern. Als wir endlich Stas’ Grab fanden, so kurz erst mit Erde bedeckt, empfand ich unversehens eine überwältigende Zärtlichkeit für diesen kleinen Platz; wäre ich allein gewesen, ich wäre niedergekniet und hätte die braune Erde gestreichelt und geküsst, so wie ich vor nicht langer Zeit sein dunkles, weiches Haar gestreichelt und geküsst hatte. Ich legte meine Blumen hin und dachte an all die zärtlichen Worte, die ich für ihn hatte, und einen Moment bildete ich mir ein, dass er mich hörte und wüsste, dass ich ihm nahe war. Ich schäme mich nicht, dies zu schreiben, auch nicht so viele Jahre danach, denn dies habe ich gefühlt, und dies fühle ich auch heute noch, wenn ich an den Gräbern von Menschen stehe, die ich geliebt habe.

Eines Tages, als ich vom Friedhof zurückkehrte und in der fast leeren Straßenbahn saß, spürte ich, dass mich jemand ansah. Ich blickte auf. Ein junges Mädchen starrte mich mit Stas’ Augen an. Sie beugte sich spontan vor und fragte: »Sie sind Salka, nicht wahr?«

Ich nickte, und sie kam zu mir, nahm meine Hand und sagte mit Tränen in den Augen: »Ich bin Stas’ Cousine, Erna. Er hat Ihnen bestimmt von mir erzählt.«

Ja, Stas hatte oft von seinen Wiener Cousinen, drei jungen Mädchen, und ihren Eltern gesprochen. Erna, die älteste, studierte an der Universität Medizin. Sie war ein bezauberndes Mädchen und sah Stas sehr ähnlich. Besonders ihre Augen erinnerten mich an ihn. Sie hatte mich nach dem Foto erkannt, das Stas im Krankenhaus neben seinem Bett stehen gehabt hatte. Das schwarze Kleid und der Umstand, dass die Straßenbahn vom Friedhof kam, hatten sie in ihrer Meinung bekräftigt, dass ich Salka sein musste. Es waren Ernas Wärme und Freundschaft, die mir halfen, in ein normales, aktives Leben zurückzufinden. Sie vermittelte mir eine Prüfung an der Kaiserlichen Akademie, doch die Professoren lehnten, obwohl sie von meiner Leistung beeindruckt waren, meine Aufnahme wegen meines starken slawischen Akzents ab. Der Direktor äußerte überzeugt, dass ich ihn niemals verlieren würde, denn das habe er noch nie erlebt. Ich war sehr enttäuscht, ließ mich aber nicht entmutigen.

Esther mit ihren zahlreichen unbegreiflichen Verbindungen hatte eine viel bessere Idee als die Akademie. Ihre Haushälterin kannte eine Näherin, die ihrerseits das Dienstmädchen der berühmten Schauspielerin Hedwig Bleibtreu kannte. Hedwig Bleibtreu war mit dem Burgtheaterregisseur Roempler verheiratet, der ein weit und breit gerühmter Lehrer gewesen war, diese Tätigkeit wegen seiner Verpflichtung als Regisseur jedoch aufgegeben hatte. Das war der Mann, der um Rat gefragt werden musste, und es gelang Esther, für mich eine Verabredung mit ihm zu arrangieren.

Am Tag zuvor traf meine Mutter in Wien ein; sie wollte mich unbedingt begleiten.

Roemplers Villa lag im elegantesten Viertel von Wien. Ein Mädchen mit weißer Schürze öffnete die Tür und führte uns zu einem großen Studierzimmer, in dem der Direktor uns erwartete. Er war ein gut aussehender Mann, ziemlich klein, aber mit einem imposanten Römerkopf. Seine Einfachheit und Freundlichkeit beruhigten mich sofort. Er machte einen Witz über meinen Begleitschutz, doch meine Mutter bezauberte ihn, wie sie jedermann bezauberte, und nachdem sie eine Weile geplaudert hatten, wandte er sich zu mir und sagte: »Nun?«

Ich erhob mich von meinem Sessel und fragte, was er hören wolle. Er sagte, wenn ich den Text parat habe, solle ich den Monolog der Eboli aus ›Don Carlos‹ sprechen. Natürlich kannte ich den Text auswendig. Er ist sehr dramatisch und Gott sei Dank kurz. Als ich fertig war, hatte ich das Gefühl, gut gewesen zu sein.

»Wie wäre es jetzt mit der Gartenszene aus ›Maria Stuart‹

Es war dieselbe Szene, die ich in Lemberg auf Polnisch vorgetragen hatte. Nun musste ich sie in der deutschen Originalfassung sprechen. Ich merkte Roempler an, dass er mit mir zufrieden war.

»Komm her«, sagte er, »und lass dich mal anschauen.«

Ich kniete vor seinem Lehnstuhl nieder, und er hob mein Gesicht, um mir in die Augen zu sehen. Ich brach in Tränen aus. Meine Mutter glaubte, eine Erklärung geben zu müssen, doch der große Mann sagte, es sei ganz natürlich, dass ich weinte. Es müsse eine Qual sein, einem alten Mann solch eine Szene vorzuspielen. Ich hätte es wirklich sehr gut gemacht, aber ihm bereite mein Akzent Kummer. Ob ich imstande sei, wirklich hart zu arbeiten? Dann würde er mich zu einem alten Drachen von Lehrerin schicken, einer Dame, die Sprechunterricht erteile und deren Spezialität Leute mit Sprachfehlern und ausländischem Akzent seien. Nach zwei Monaten Unterricht wolle er mich wiedersehen und eine Rolle mit mir einstudieren, denn er finde mich ungewöhnlich begabt.

Als meine Mutter fragte, was sie ihm schulde, lachte er und sagte, er unterrichte eigentlich nicht mehr, doch es würde ihm große Freude machen, mit mir zu arbeiten.

Werden

7

In diesem Februar fiel kein Schnee, und der Frühling lag schon in der Luft, als ich in das Zimmer zog, das Esther für mich ausfindig gemacht hatte. Es wurde von einer »höchst anständigen Familie« vermietet, die darauf bestand, dass ich die Mahlzeiten mit ihr gemeinsam einnahm. Ich mochte diesen Familienanschluss nicht und hätte viel lieber wie eine Studentin gelebt und in Cafés und netten kleinen Lokalen gesessen; aber ich musste schließlich nachgeben, und es stellte sich heraus, dass mit den Fröhlichs – so hießen die Leute – sehr gut auszukommen war. Sie waren ein freundliches altes Ehepaar, das eher wie Zwillinge als wie Mann und Frau aussah. Beide waren klein, rundlich und weißhaarig und hatten rosa Wangen und hellblaue Augen. Sie lächelten immerzu entschuldigend und erklärten, nur deshalb einen zahlenden Gast aufzunehmen, weil von ihren vier Töchtern zwei verheiratet seien und nur die älteste und die jüngste noch daheim wohnten. Sie könnten das leere Zimmer nicht ertragen. Der ältesten Tochter, einer verbitterten alten Jungfer über dreißig, war ich vom ersten Augenblick an unsympathisch; die jüngste, Camilla, war hübsch und lebhaft und studierte Klavier. Wir wurden gute Freundinnen.

D

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