Logo weiterlesen.de
Das traumhafte Café am Meer

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Kapitel 1
  7. Kapitel 2
  8. Kapitel 3
  9. Kapitel 4
  10. Kapitel 5
  11. Kapitel 6
  12. Kapitel 7
  13. Kapitel 8
  14. Kapitel 9
  15. Kapitel 10
  16. Kapitel 11
  17. Kapitel 12
  18. Kapitel 13
  19. Kapitel 14
  20. Kapitel 15
  21. Kapitel 16
  22. Kapitel 17
  23. Kapitel 18
  24. Kapitel 19
  25. Kapitel 20
  26. Kapitel 21
  27. Kapitel 22
  28. Kapitel 23
  29. Kapitel 24
  30. Kapitel 25
  31. Kapitel 26
  32. Kapitel 27
  33. Kapitel 28
  34. Kapitel 29
  35. Kapitel 30
  36. Kapitel 31
  37. Epilog
  38. Rezepte aus dem Pretty Delicious Café
  39. Danksagung

Über dieses Buch

Sommer in einem kleinen Café in Neuseeland …

In einem beschaulichen Ort am Meer arbeiten Lia und ihre Freundin Anna Tag und Nacht für den Erfolg ihres liebevoll restaurierten Cafés. Der Sommer steht kurz bevor: Annas Hochzeit will organisiert werden, und Lia muss ihren Exfreund überzeugen, dass er ohne sie glücklicher ist. Als ein überaus attraktiver Fremder an Lias Fenster klopft und sich nicht als Serienkiller entpuppt, hält sie dies nicht für das schlechteste Vorzeichen. Aber jeder hat eine Vorgeschichte, und seine bahnt sich ihren Weg in Form seines vierjährigen Sohnes. Gerade als Lia denkt, sie gibt dem attraktiven Fremden eine Chance, meldet sich ihre Vergangenheit lautstark zurück.

Ein zauberhafter Wohlfühlroman voll von Freude, die Familie, Freunde und gutes Essen bergen – aber auch darüber, dass anders sein nicht zwangsläufig etwas Schlechtes bedeutet.

Über die Autorin

Die neuseeländische Bestsellerautorin Danielle Hawkins lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern auf einer Farm. Sie arbeitet halbtags als Tierärztin und schreibt, wann immer sie neben Kindererziehung und Farmarbeit Zeit findet. Sie liebt ihren Garten, gutes Essen – und natürlich Lesen.

Facebook: DanielleHawkinsauthor

Kapitel 1

An einem Mittwoch im Oktober verdarb ich mir einen wundervollen Frühlingsabend, indem ich ein Buch mit ins Bett nahm, das den Titel »Lauf, Bobby, lauf« trug.

Hugh hatte mir das Buch am Nachmittag geborgt, als ich in seinem Feinkostladen war, um zwanzig Kilo Kaffeebohnen zu kaufen. Er hatte mir eine spannende, raffinierte Story versprochen, und nach gut zwei Wochen, in denen ich die Anne-Hepple-Romane meiner verstorbenen Großtante Sheila gelesen hatte, klang das nach einer willkommenen Abwechslung.

War es aber nicht.

Ich gab zu, dass man sich nach zwei Wochen mit Anne Hepple vorkam, als säße man in einer Badewanne voll warmem rosafarbenem zuckersüßem Sirup, aber es gab Schlimmeres. Beispielsweise spannende Thriller mit raffinierten Psychopathen, die junge Mädchen entführten und foltern, um sie hinterher zu Hackfleisch zu verarbeiten und an das nächste Opfer zu verfüttern.

Bis elf las ich in der blutrünstigen Story und konnte hinterher nicht schlafen. Ich dachte an Psychopathen, daran, dass mein Schlafzimmer alles andere als einbruchsicher war, und fragte mich, ob ich es barfuß über die Straße zu Monty schaffen würde, sollte ich verdächtige Geräusche am Fenster hören. Woraufhin mir einfiel, dass Monty zum Fischen nach Ninety Mile Beach gefahren war.

Und dann hörte ich wirklich Schritte draußen auf dem Schotter.

Wenn man vier Kilometer außerhalb der nächsten Ortschaft wohnte, fast ganz oben auf einem steilen Hügel, kamen Besucher für gewöhnlich mit dem Auto und nicht zu Fuß, und sie kamen auch nicht – ich warf einen Blick auf die Digitalanzeige des Weckers auf dem Nachttisch – siebenundfünfzig Minuten nach elf, also mitten in der Nacht. Das Herz schlug mir bis zum Hals, und zwar so schnell, dass ich das Blut in den Ohren rauschen hörte.

Als jemand an die Hintertür klopfte, war es vollends um mich geschehen. Ich fuhr hoch, saß stocksteif und kerzengerade im Bett und schrie wie eine Banshee. Erschrocken von meinem eigenen Kreischen verstummte ich wieder.

Draußen knacksten abbrechende Zweige, dann folgte ein dumpfer Aufprall.

»Mist«, fluchte jemand. »Hey, Entschuldigung, Sie brauchen keine Angst zu haben …«

Eine Hand an den Hals gelegt wie die Heldin in einem Melodram, stieg ich aus dem Bett und schlich auf wackligen Beinen ans offene Fenster. Es war ein altmodisches Fenster mit Scharnieren, aufgehalten von einer gelochten Messingstange, die man durch Einhaken am Fensterrahmen arretieren konnte. Das war praktisch, wenn es darum ging, zu verhindern, dass das Fenster bei Wind zuschlug, aber als Abwehrsystem für Gelegenheitsmörder absolut ungeeignet.

Draußen im Mondlicht rappelte sich ein junger Mann in Jeans und T-Shirt aus dem Beet neben der Hintertreppe auf. Er sah eigentlich nicht aus wie ein mordlüsterner Psychopath – aber das galt vermutlich für die meisten erfolgreichen Vertreter dieser Spezies.

»Tut mir echt leid«, sagte er. »Ich wollte Sie nicht erschrecken. Mein Wagen ist vor ihrem Haus liegen geblieben. Platter Reifen. Und ich habe keinen Wagenheber dabei.«

Ich starrte ihn wortlos an, immer noch gelähmt von dem Schreck. Hin- und hergerissen zwischen nachlassender Todesangst und aufsteigender Scham, brachte ich keinen Ton hervor.

»Entschuldigen Sie bitte«, sagte er noch einmal. »Ich gehe wieder.«

»Ich habe einen«, sagte ich leise. »Einen Wagenheber, meine ich.«

Eine Pause.

»Kann ich ihn ausleihen?«

»Oh. Äh, klar. Natürlich.«

Das Haus stammte aus einer Zeit, in der Autos noch nicht in Garagen nächtigten, und mein Wagen wohnte in einem alten Schuppen etwa dreißig Meter von der Hintertür entfernt. Dazwischen lag eine offene Fläche mit extrem spitzem Schotter.

Ich schaltete die Außenbeleuchtung ein, trat hinaus und blinzelte wegen des grellen Lichts. Im Elmo-Pyjama stakste ich barfuß hinüber zum Schuppen, und erst als ich beim Wagen war, merkte ich, dass ich den Schlüssel vergessen hatte.

»Entschuldigung, ich habe den Schlüssel im Haus liegen lassen«, sagte ich, machte kehrt und trat den schmerzhaften Rückweg an.

»Alles klar«, sagte mein mitternächtlicher Besucher. »Tut mir echt leid wegen der Umstände …« Er verstummte wieder. Vielleicht hatte er selbst gemerkt, dass er seine Entschuldigungen wiederholte, als hätte er einen Sprung in der Schallplatte.

Ich holte die Schlüssel und überquerte ein drittes Mal auf nackten Füßen den Schotter, als ein Fahrzeug in meine Einfahrt einbog. Mit aufheulendem Motor raste der Wagen den Hang herauf. Im Scheinwerferlicht sprangen bedrohliche scharfe Schatten umher.

Das ist sein Komplize. Panisch fummelte ich an meinem Schlüsselbund herum, um einen Schlüssel zwischen zwei Finger zu klemmen und mich notfalls damit verteidigen zu können.

Der Lieferwagen bog um die Hausecke und kam nur zwei Meter vor mir abrupt zum Stehen. Im grellen Scheinwerferlicht sah ich eine Gestalt mit einem Gewehr in der Hand aus dem Wagen springen, und ich sprintete wie ein Hase in Richtung Hintertür.

»Keine Bewegung, Arschloch!«, rief der bewaffnete Irre. »Lia, ruf die Polizei! Und du legst dich auf den Boden, sofort, oder ich knalle dich ab!«

»Rob«, krächzte ich und lehnte mich kraftlos an den Türrahmen, während sich der Fremde ungeachtet der spitzen Steine geschmeidig auf den Boden warf.

»Hat er dir etwas getan?«, fragte mein Bruder besorgt.

»Nein. Lass ihn aufstehen. Er wollte nur einen Wagenheber ausleihen. Er hat einen Platten.«

Nach einer kurzen spannungsgeladenen Stille fuhr mich Rob an: »Was zum Teufel war dann das Problem?«

»Tut mir leid! Ich hatte gerade ein Buch gelesen, in dem ein Serienmörder zwei Mädchen entführt und gefoltert hat. Als der Mann an die Hintertür geklopft hat, hat er mich fast zu Tode erschreckt!«

Ich ging auf den Mann zu, der immer noch vor Robs Van auf dem Boden lag.

»Stehen Sie auf, bitte. Hören Sie, es tut mir wirklich sehr leid. Wir sind nicht irre, ehrlich. Das ist nur so ein … Ding unter Zwillingen. Manchmal spürt man einfach, wenn der andere in Schwierigkeiten ist, oder glaubt zumindest, dass er in Schwierigkeiten ist.« Ich verstummte. Ich kam mir vor wie ein Vollidiot.

»Lia, halt einfach den Rand, ja?«, herrschte mich Rob an, langte in seinen Lieferwagen und schaltete die Scheinwerfer aus.

Jetzt, da ich nicht mehr vom grellen Scheinwerferlicht geblendet wurde, bemerkte ich, dass er nichts anhatte bis auf kurze Pyjamahosen aus rosafarbenem Satin. Vermutlich war es das Erste, was er zu fassen bekommen hatte, als er aus dem Bett gesprungen war. Die Shorts waren sehr eng und sehr knapp und sahen an ihm einfach verboten aus.

Der Mann mit der Panne rappelte sich auf.

»Tut mir echt leid«, sagte Rob und ließ das Gewehr sinken. »Ich komme mit und helfe Ihnen mit dem Reifen. Ist das Ihr Van weiter unten an der Straße?«

»Äh, ja …« Der Pannenmann klang etwas argwöhnisch, was durchaus verständlich war.

»Ich hole den Wagenheber«, sagte ich.

»Ich habe einen im Wagen«, entgegnete Rob. »Geh wieder ins Bett.«

Erst jetzt blickte er an sich herab und registrierte die Satinshorts, woraufhin sein Gesichtsausdruck von ärgerlich zu peinlich berührt überging.

»Willst du was zum Drüberziehen?«, fragte ich hilfsbereit.

Rob ignorierte mein Angebot, legte das Gewehr auf den Rücksitz seines Lieferwagens und setzte sich steif hinter das Steuer. Der andere Mann nahm auf dem Beifahrersitz Platz, woraufhin Rob in drei Zügen wendete und davonfuhr.

Ich atmete zittrig aus und ging ein weiteres Mal barfuß über den Schotter in Richtung Hintertür.

Zwischen mir und Rob hatte schon immer eine schwer definierbare telepathische Verbindung bestanden. Das ist wahrscheinlich bei vielen Zwillingen so. Aber dass er mitten in der Nacht aufwachte, um mir zu Hilfe zu eilen, war ein Novum.

Als ich die Tür erreichte, klingelte das Telefon. Ich lief den Flur hinunter in die Küche und nahm ab, bevor der Anrufbeantworter anspringen konnte. »Alles okay! Mach dir keine Sorgen.«

»Was war denn los, um Himmels willen?«, schrie Robs Verlobte.

»Gar nichts. Ich war einfach blöd. Ich habe dieses Buch mit dem Serienmörder gelesen, und als dann so ein armer Kerl, der einen Platten hatte, bei mir geklopft hat, habe ich überreagiert. Rob muss meine Panik gespürt haben. Tut mir sehr leid.«

»Scheiße, Lia«, sagte sie nach einer längeren Pause. »Echt jetzt? Und du wirst nicht mit vorgehaltener Waffe gezwungen, das zu sagen?«

»Nein. Ehrlich nicht. Rob müsste in zehn Minuten zu Hause sein. Er hilft noch dem Mann, den Reifen zu wechseln.«

»Okay«, sagte Anna langsam. »Dann bis morgen.«

Der Zeitanzeige der Mikrowelle auf der anderen Seite der Gastronomieküche zufolge war es schon morgen. Anna – mit der ich schon befreundet war, bevor sie und Rob ein Paar wurden – und ich besaßen ein Café, und ich wohnte im selben Haus.

Ich machte noch einen Rundgang und verriegelte alle Türen und Fenster, bevor ich ins Schlafzimmer zurückging, wo ich mit dem Zeh unglücklich gegen den Buchrücken von »Lauf, Bobby, lauf« stieß und den letzten Meter zum Bett fluchend und humpelnd zurücklegte.

***

Ich träumte von Einbrüchen und zerstückelten Teenagern, was das Aufwachen am Morgen sehr viel angenehmer machte als sonst. Unbeschreiblich erleichtert ging ich den Flur hinunter zur Küche, machte mir einen doppelten Espresso und setzte mich nach draußen auf die Verandatreppe.

Unser Café hieß Pretty Delicious (Bescheidenheit wird allgemein überbewertet) und befand sich auf einem Hügel oberhalb der kleinen neuseeländischen Küstenstadt Ratai in Northland. Ursprünglich war es mal eine ziemlich protzige Villa gewesen, die ein örtlicher Bauer und seine wohlhabende amerikanische Frau nach dem Zweiten Weltkrieg bauen lassen hatten.

In den siebziger Jahren waren sie nach Kalifornien gezogen, um dort ihren Ruhestand zu genießen. Das Haus, das von einer Reihe zunehmend zwielichtiger Gestalten angemietet worden war, verfiel langsam, aber sicher.

Als Anna und ich das Gebäude gekauft hatten, war durch die Holzbohlen der Veranda ein Kermesbeerenstrauch emporgewachsen, und jemand, dessen Frömmigkeit größer als seine Rechtschreibkenntnisse war, hatte quer über die Esszimmerwand die Worte gepinselt: JESUS IST FÜR DEINE SÜNDEN GESTOHRBEN.

Aber gerade der heruntergekommene Zustand der Immobilie war uns zugutegekommen. In den letzten zwanzig Jahren hatte sich Ratai von einem verschlafenen Küstennest voller gealterter Hippies und alleinerziehender Mütter in einen trendigen Ferienort verwandelt. Wenn sich das Haus in einem auch nur halbwegs bewohnbaren Zustand gewesen wäre, hätten wir es niemals bezahlen können.

Dank unserer gemeinsamen Ersparnisse und einer nicht unerheblichen Finanzspritze unserer Eltern war uns eine Hypothek bewilligt worden, sodass wir das Haus sanieren konnten. Nur zwei kleine Zimmer und ein grauenhaftes Badezimmer aus schwarzem Marmor und Plexiglas waren stehen geblieben.

Im vorderen Teil des Gebäudes hatten wir von den Innenwänden bis auf das, was nötig war, um das Dach zu tragen, alles abgerissen und eine offene Küche und einen Sitzbereich mit hohen Decken und Parkettboden gebaut. Schließlich hatten wir das Ganze mit bunt zusammengewürfelten gebrauchten Stühlen, Tischen und Bücherregalen eingerichtet – teils wegen des coolen Retrolooks, teils weil das deutlich billiger war – und waren schrecklich stolz auf unser Werk gewesen.

Es war ein wundervoller Morgen, ganz klar und friedlich. Der Rasen glitzerte silbern vom Morgentau, die Knospen der Kauri-Bäume schimmerten rosa im Licht des frühen Morgens. Zwei Wachteln stolzieren wichtigtuerisch auf der Hecke herum. Die Vögel und der Kaffee vertrieben die letzten Reste des Albtraums, und als Anna um halb sieben eintraf, stand schon der erste Zitronen-Joghurt-Kuchen im Backofen.

Ich würfelte gerade Zwiebeln, als sie die Verandastufen heraufkam, die Küche betrat und eine Schürze vom Haken hinter der Tür nahm.

»Morgen«, grüßte ich sie und blinzelte die Zwiebeltränen weg.

»Morgen.« Sie stellte Wasser auf und nahm einen Kamillenteebeutel aus ihrer persönlichen Teedose.

Es herrschte eine Stille, die so lange andauerte, dass ich mich unbehaglich fühlte, und so fragte ich: »Schlecht drauf?«

»Bisschen.«

»Ich auch.«

Wieder entstand eine Pause.

»Sorry«, sagte ich.

»Rob ist total ausgerastet.«

Ich verzog das Gesicht. »Vorher oder nachher?«

»Beides.«

»Glaubst du, dass er jemals wieder mit mir reden wird?«

»Vielleicht«, antwortete sie knapp, und ihre Bissigkeit ärgerte mich.

Das habe ich jetzt davon, dass ich mich entschuldigt habe, sagte ich mir und zerhackte die nächste Zwiebel mit mehr Kraft als nötig.

Wenn man sich für Dinge entschuldigte, für die man nichts konnte, sah es aus, als hätte man besagte Dinge sehr wohl verhindern können, wenn man nur gewollt hätte.

Anna und ich waren – abgesehen von geringfügigen Streitereien – beste Freundinnen geworden, als wir uns im ersten Studienjahr in Tierbiologie einen in Formalin konservierten Katzenhai geteilt hatten.

Wir hatten ein ganzes Semester jeden Donnerstagnachmittag damit verbracht, das Tier zu sezieren, um anschließend mit dem Geruch von Formalin und verfaulendem Katzenhai in der Nase in der Mensa Fisch mit Pommes zu essen. Ich hatte das immer bedauert, weil Fisch mit Pommes das kulinarische Highlight der Woche hätte sein müssen – und es ohne diesen widerlichen Gestank auch gewesen wäre.

Nach abgeschlossenem Studium war Anna eine Stelle als Wasserbeauftragte bei der Regionalverwaltung von Auckland angetreten, während ich ans südlichste Ende von South Island gezogen war, um Wiesel zu fangen. Wir waren aber in Kontakt geblieben.

Vor zwei Jahren, nachdem sie den Job geschmissen und ihren Investmentbanker verlassen hatte und ich mich fragte, ob ich – wie mein Vater sagte – tatsächlich unfähig war, erwachsen zu werden und Ordnung in mein Leben zu bringen, beschlossen wir, den Sprung ins kalte Wasser zu wagen und ein Café zu eröffnen.

Wir liebten beide gutes Essen und kochten leidenschaftlich gerne, und wir hatten beide das Gefühl, dass es an der Zeit wäre, mit unserem Leben etwas Konstruktives anzufangen.

Als wir das Café eröffneten, lebte mein Bruder Rob noch im vier Autostunden entfernten Tauranga. Während eines Besuchs entwarf er einen Außenbereich für uns und kam an den darauffolgenden drei Wochenenden wieder, um die Terrasse zu bauen – aber nicht etwa aus Liebe zu seiner Zwillingsschwester, sondern vielmehr, um deren hübsche Freundin zu beeindrucken.

Drei Monate später zog er wieder nach Ratai und machte sich ebenfalls selbstständig. Es dauerte gerade einmal drei Wochen, und die liebe Anna, die kurz zuvor noch im Brustton der Überzeugung verkündet hatte, das Thema Männer habe sich für sie endgültig erledigt, packte ihre Sachen und zog zu meinem Bruder.

Was mir damals etwas übereilt vorgekommen war, erwies sich im Nachhinein als eine weise Entscheidung. Die beiden ergänzten sich wunderbar. Er rüttelte sie wach, und sie brachte Ruhe in sein Leben. Und ich freute mich aufrichtig, dass sie heiraten wollten.

Noch mehr hätte ich mich aber gefreut, wenn sie einfach durchgebrannt wären. Anna war zwar ein Leckermaul, hatte aber schon immer lieber gekocht als gegessen, und der Stress in Verbindung mit den Hochzeitsvorbereitungen schien das Problem noch zu verschärfen.

***

An diesem Tag war für diese Jahreszeit ungewöhnlich viel los. Um zehn vor zwei hatte ich gerade eine Gruppe Frauen verabschiedet und räumte den Tisch ab, als ich eine Stimme hinter mir hörte.

»Hallo, Chaotin.«

Als ich mich umdrehte, stand ein Mann in den Vierzigern vor mir, das blonde Haar von grauen Strähnen durchzogen und mit sympathischen Lachfältchen um die Augen.

»Mike!«

»Wie geht’s?«, fragte mein Halbbruder.

»Gut. Bestens.« Ich ließ den Wischlappen fallen und umarmte ihn.

»Und bei dir?«

»Alles gut.«

»Was machst du hier?«

»Ich will mir in Pukekohe eine gebrauchte Ballenpresse ansehen«, erklärte er. »Und da dachte ich mir, wenn ich schon in der Nähe bin, komme ich auf einen Sprung vorbei.«

»Kannst du über das Wochenende bleiben?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich muss morgen Nachmittag zurück sein.«

»Schade. Warst du schon bei Mum?« Mit Mum meinte ich seine Exstiefmutter. Unser Familienstammbaum war etwas weiter verzweigt.

»Ich war dort, aber sie war nicht zu Hause.«

»Ach ja, stimmt. Sie und Carole machen gerade die Biege.«

»Hä? Wie jetzt? Was ist passiert?«, fragte Mike besorgt.

»Nein, nein, alles in Ordnung«, beruhigte ich ihn. »Ich meinte es wörtlich. Sie haben irgendwo einen Yogakurs für Fortgeschrittene gebucht und verbiegen sich gerade.«

»Ach so.«

»Carole hat sich mit diesem Sonderling angefreundet, der mit Lendenschurz herumläuft und den Leuten erzählt, sie müssten ihrem Leben eine spirituelle Ebene verleihen. Im Klartext bedeutet das, sie sollen ihm ihre weltlichen Güter überlassen, damit er sie an die Armen verteilen kann.«

»Oder sie gleich behalten.«

»Ich gebe zu, dass ich bei meiner Schilderung etwas übertrieben habe«, gestand ich. »Ich glaube, er ist harmlos.«

»Du? Übertreiben? Das wäre ja mal ganz was Neues«, spottete Mike.

Anna kam lachend auf uns zu. Meine Familie warf mir schon lange einen etwas zu sorglosen Umgang mit der Wahrheit vor. Eine ungerechte Unterstellung, die ich als sehr verletzend empfand. Die eine oder andere Übertreibung, um einer Geschichte etwas Würze zu verleihen, musste doch erlaubt sein. Wenn ich sagte, dass in meinem Schlafzimmer siebzehn Millionen Mücken waren, kam mir gar nicht in den Sinn, dass es jemand wörtlich nehmen könnte.

»Du klingst schon wie Dad«, entgegnete ich spitz.

»Autsch«, sagte Mike, bevor er sich an Anna wandte. »Hi, wie geht es dir?«

Er hatte noch nicht gegessen, da er zu dieser sonderbaren Spezies gehörte, für die das Auslassen von Mahlzeiten nichts Besonderes war.

Wir stopften ihn mit Speckbroten und Sahnebiskuits voll und schickten ihn dann zu Rob, der zehn Minuten landaufwärts auf den Klippen eine Designer-Steinmauer um das Anwesen eines Kunden herum errichtete.

»Er ist ja so süß«, sagte Anna, nachdem er gegangen war. »Warum hat er eigentlich noch keine Familie?«

Ich zog eine Haarklammer aus meinem Dutt und steckte eine widerspenstige Locke hoch. »Keine Ahnung. Er hatte viele Freundinnen, aber irgendwie halten seine Beziehungen nie länger als ein paar Monate.«

»Na ja, vielleicht braucht er seine Freiräume.«

»Vielleicht«, sagte ich skeptisch.

Als das Telefon klingelte, sah sie mich mit hochgezogener Braue fragend an.

»Mum«, sagte ich und griff nach dem schnurlosen Telefon.

Ich war ja nicht unfehlbar, aber meistens hatte ich recht. Diese Gabe, die Identität von Anrufern im Voraus zu ahnen, war im realen Leben nicht wirklich nützlich, und ich gab ganz sicher nicht damit an. Die Leute reagierten entweder viel zu beeindruckt, oder aber sie glaubten, ich dachte mir das nur aus – beides nicht erstrebenswert.

»Hallo.«

»Hallo, Liebes«, begrüßte mich meine Mutter.

»Wie ist dein Tag?«

»Alles bestens. Wie war der Yogakurs?«

»Grauenhaft«, entgegnete sie fröhlich. »Ich fürchte, ich komme morgen vor lauter Muskelkater nicht aus dem Bett.«

»Dann wäre vielleicht ein heißes Bad angesagt.«

»Ich liege schon in der Wanne.«

»Um Himmels willen, lass bloß nicht den Hörer ins Wasser fallen!«

Meine Mutter hatte schon ihre Telefone draußen im Regen vergessen, ins Meer fallen lassen und in Komposthaufen verbuddelt … Ihre bisherige größte Glanzleistung war aber, ein Telefon in den Trichter eines Schredders fallen zu lassen.

»Keine Angst, Liebes«, beruhigte sie mich geduldig.

»Mike ist in der Stadt«, sagte ich.

»Unser Mike?«

»Genau.«

»Wie schön!«, rief sie. »Ich habe ihn eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Bleibt er länger?«

»Nur diese Nacht.«

»Dann beziehe ich gleich das Gästebett. Kommt ihr alle zum Tee rüber?«

»Ich denke schon. Er ist gerade los, um Rob zu besuchen.«

»Dann rufe ich gleich Rob an und lade beide ein. Gegen sieben?«

»Okay. Was sollen wir mitbringen?«

»Gar nichts«, entgegnete Mum. »Ihr verbringt auch so schon genug Zeit am Herd. Das heißt, vielleicht … Ihr habt nicht zufällig fertigen Pizzateig da, Liebes?«

»Doch, natürlich.«

Wir bereiteten immer große Mengen auf Vorrat zu, die wir dann einfrieren.

»Dann vielleicht zwei Mal Pizzateig und etwas von diesem leckeren Knoblauch und Parmesan-Topping. Und einen grünen Salat. Nein, vergiss es … Aber vielleicht ein Stück von deinem leckeren Käsekuchen?«

Ich lachte auf.

»Ah, Schatz. Mach dir keine Mühe, ich zaubere uns was. Kommt einfach nur vorbei.«

»Nein, nein, Mum, ist schon okay. Bis sieben dann.«

»Du bist ein Schatz«, sagte Mum und legte auf.

»Sie hat dich reingelegt«, kommentierte Anna grinsend.

Ich seufzte tief. »Ja, ich weiß.«

Kapitel 2

Mein Bruder und ich wurden auf die Namen Robin und Aurelia getauft, aber im Alter von fünf Jahren hatten wir sehr nachdrücklich Protest eingelegt. Weil wir seitdem Rob und Lia genannt wurden, gingen die meisten Leute davon aus, dass ich »Leah« hieß und Rob die Kurzfassung von »Robert« war.

Wir sahen uns nicht besonders ähnlich, obwohl wir beide eher klein und schmal waren, was Rob auf zu viele Mungbohnen und zu wenig Steaks in der Wachstumsphase zurückführte.

Rob hatte Mums blondes Haar geerbt und eine Haut, die nach nur einer halben Stunde in der Sonne einen warmen Bronzeton annahm, während ich rotbraune Locken, haselnussbraune Augen und dazu Dads Sommersprossen hatte.

Ich war auf unspektakuläre Art recht hübsch, aber Rob war wirklich ein Bild von einem Mann. Es kam sogar regelmäßig vor, dass er beim Einkaufen von Model-Scouts angesprochen wurde.

Unser Vater, Grayson Leslie, besaß eine malerische, aber abgelegene Schaffarm mitten im neuseeländischen North Island, auf halbem Weg zwischen Taumarunui und Whangamomona.

Er und Mum hatten geheiratet, als sie zwanzig und er sechsunddreißig war, was vermutlich ihrem zarten Alter zu verdanken war und seiner quälenden Einsamkeit.

Dads erste Frau war mit einem Floristen durchgebrannt und hatte ihn mit zwei Kindern im Teenageralter sitzen gelassen. Mum war seinerzeit das Au-pair-Mädchen der Nachbarn.

Die Ehe war erwartungsgemäß von kurzer Dauer, und als Rob und ich achtzehn Monate alt gewesen waren, zog meine Mum nach Ratai, das damals bekannt für seine extrem hohe Dichte an mehr oder weniger exzentrischen alleinerziehenden Müttern war.

Und meine Mutter, Gott segne sie, war das Paradebeispiel einer exzentrischen alleinerziehenden Mutter. Sie trug das lange Haar zu einem Zopf geflochten, machte Yoga, goss Kerzen selbst, wurde Veganerin der ersten Stunde und studierte per Fernstudium Iridologie. Bis heute lehnten ihre Kinder Kichererbsen, Tofu und jegliche Art von Alternativmedizin kategorisch ab.

***

Anna ging um sechs erst nach Hause und von dort aus zur »Villa Kunterbunt«, im Gepäck zwei Pizzableche, einen Salat und einen Käsekuchen mit Boysenbeeren. Ich hantierte noch eine Weile in der leeren Küche herum, polierte die Kaffeemaschine und sortierte sinnlos Obstschalen, bis das schlechte Gewissen die Oberhand gewann. Ich schlüpfte also in meine Sportkleidung und lief in der Abendsonne los.

Laufen ist doch ein großartiger Sport, dachte ich, als ich die Einfahrt hinunterjoggte. Man tat etwas für die Figur und das Wohlbefinden, und es kostete nichts.

Ich überquerte die Straße und trabte einen steilen Trampelpfad entlang, der sich durch das Gebüsch bergauf wand. Es dauerte nicht lange, bis meine anfängliche Euphorie nachließ. Meine Muskeln dürften eigentlich nicht so brennen, wo ich diese Strecke doch zweimal wöchentlich lief.

Oben angekommen dehnte ich das Knie, an dem ich vor einigen Jahren operiert worden war und blickte hinab auf die weite, von Bäumen gesäumte Bucht von Ratai Beach. Das Meer war an diesem Abend tiefgrün mit vereinzelten Schaumkronen. Einsame Austernfischer trippelten am Strand auf und ab.

Der Pfad beschrieb eine Linkskurve und führte über eine Landspitze hinweg zur nächsten Bucht, aber ich schlitterte stattdessen den Hang hinunter, ruhte mich an den mächtigen Stamm eines halbtoten Puriri-Baumes gelehnt eine Weile aus, bevor ich über das überirdische Wurzelgeflecht hinaufkletterte und zu einer Sanddüne am nördlichen Strandende lief. Von dort aus waren es noch drei Kilometer am Strand entlang zurück.

An der Flussmündung ging es dann scharf rechts und weitere hundert Meter am Flussufer entlang bis zu Mums Garten. Ich verlangsamte mein Tempo, wischte mir mit dem Saum meines Tops den Schweiß vom Gesicht und betrat durch ein Tor in der Kamelienhecke das Grundstück meiner Mutter.

Der Garten war fast ein halbes Hektar groß und erstreckte sich vom Haus oben auf dem Hügel bis hinunter zum Fluss und wirkte noch größer, als er ohnehin schon war.

Mehrere Wege schlängelten sich zwischen den Bäumen hindurch, vorbei an sonnigen Rasenflächen und Beeten, und lenkten den Blick geschickt um die Ecke, sodass es so wirkte, als wäre es natürlich gewachsen und nicht mit Absicht so angelegt.

Der Garten war immer schön, aber jetzt, mitten im Frühling, mit zwanzig Zentimetern frischer Triebe an den Sträuchern und dem farbenfrohen Blütenmeer, war er geradezu atemberaubend.

Dahingegen war das Haus weit weniger prächtig. Es war ein großes heruntergekommenes Gebäude, das einmal einem pensionierten Farmer gehört hatte. Mangels Interesse an Angeln oder Golf hatte er seinen Ruhestand diversen Bauprojekten gewidmet, die er mit viel Begeisterung und wenig Ahnung realisiert hatte.

Er hatte vieles angefangen und nur wenig fertiggestellt, und das, was schon vorhanden war, hatte er nicht angerührt. So kam es, dass das Haus voller Stufen war, die nirgendwohin führten, die Diele unsinnig und unprofessionell erweitert worden war und Elektrokabel außen an den Fußbodenleisten entlangliefen.

Mum hatte das Haus von ihrer Scheidungsabfindung gekauft, aber da ihr einziges Einkommen aus dem bestand, was sie mit dem Säubern von Ferienhäusern verdiente, und alles (oder genauer das bisschen), was übrig blieb, in den Garten investierte, würde sie wohl nie in der Lage sein, die notwendigen Renovierungsarbeiten durchführen zu lassen.

Ich fand sie in der Küche, wo sie gerade auf dem Tisch stand und einen großen Steinkrug von dem Schrank herunterholte, in dem der Warmwassertank untergebracht war. In ihrem Wickelrock aus grüner Seide, der gelben Spitzenbluse und mit offenem Haar sah sie aus wie eine farbenfrohe Ausgabe von Stevie Nicks.

»Du siehst hübsch aus«, sagte ich und durchquerte den Raum, um mir ein Glas Leitungswasser zu holen. »Wie eine Mensch gewordene Osterglocke.«

»Danke, Liebes.« Mum reichte mir den Krug und stieg ungelenk vom Tisch. »Ich fühle mich nach diesem Yogakurs steinalt. Komm mit und hilf mir, einen Strauß Blumen für den Tisch zusammenzustellen.«

Sie durchsuchte eine Schublade nach der Blumenschere und ging in den Garten zu dem ausladenden Apfelbaum, der in voller Blüte stand. Um den Stamm herum blühten Schwertlilien in Weiß, Pastellblau und sattem Lila.

»Traumhaft«, sagte ich und warf mich der Länge nach auf den Rasen, um die Blumenpracht zu bewundern.

»Sie blühen nur vierzehn Tage im Jahr, aber dafür umso prachtvoller«, erklärte meine Mutter.

»Was gibt es zu essen? Ich sterbe vor Hunger.«

»Lammbraten«, antwortete sie und rückte ein paar Lilien mit der Schere zu Leibe.

»Mum, du bist die Beste.«

»Peter Marshall hat mir eine Lammschulter geschenkt. Wirklich nett von ihm. Es ist alles vorbereitet. Der Braten muss nur noch in den Ofen.«

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Fünf vor sieben. »Wunderbar! Dann ist er ja pünktlich um elf fertig.«

»Du übertreibst mal wieder, Aurelia«, entgegnete sie tadelnd. »Das Fleisch ist in anderthalb Stunden fertig, und in der Zwischenzeit trinken wir und essen etwas Kleines.«

Sie ging zurück in die Küche und nahm den Deckel von dem Bräter auf der Anrichte, um einen Blick auf das rohe, noch halb gefrorene Fleisch zu werfen. Der Braten war mit frischem Rosmarin und Knoblauchzehen gespickt, mit Senf eingerieben, gesalzen und gepfeffert, und wenn man ihn einen ganzen Tag lang bei Niedrigtemperatur garte, schmeckte er bestimmt ganz fantastisch.

»Mum, also wirklich …«, stöhnte ich.

Sie seufzte. »Der Braten wird nicht rechtzeitig fertig, richtig? Also gut, dann Plan B.«

»Und was ist Plan B?«

»Mir fällt bestimmt gleich was ein«, antwortete sie vage.

»Steak? Fisch? Was ist denn an Gemüse da? Was wolltest du denn als Beilage zu dem Braten machen?«

»Ich hatte mich noch nicht entschieden. Lass uns nachsehen und die Beete plündern. Vielleicht finden wir ein paar Kartoffeln. Ich stelle nur erst die Blumen ins Wasser.«

Bevor ich dazu kam, ihr den Hals umzudrehen, trafen die anderen ein, und Mum hastete zur Tür.

»Mike! Wie schön, dich zu sehen!«, rief sie fröhlich. »Kommt rein. Lia und ich haben gerade über das Abendessen gesprochen.«

»Es gibt kein Abendessen«, rief ich durch das Küchenfenster.

»Natürlich gibt es etwas zu essen. Für den Anfang schieben wir das Pizzabrot in den Ofen. Rob, mein Schatz, könntest du vielleicht ein paar Kartoffeln ausbuddeln?«

Meine Mutter war Weltmeisterin im Delegieren, wobei sie so charmant vorging, dass man sich nur selten wirklich ausgenutzt vorkam. Zehn Minuten später kratzte Rob am Spülbecken Erde von den Kartoffeln, während ich gefrorene Hähnchenschenkel würzte. Sie selbst hatte die Schwertlilien in eine Keramikvase gestellt, und das Ergebnis sah aus, als stamme es geradewegs aus einer Ausgabe von Haus und Garten.

Mum saß im Licht der Abendsonne am Küchentisch, und der schimmernde Seidenrock verlieh ihr eine hübsche orientalische Note. »Mike, es ist viel zu lange her, dass wir dich gesehen haben. Gibt es etwas Interessantes zu berichten?«

Mike überlegte. »Nein, ich glaube nicht.«

»Das ist eine schreckliche Frage, nicht wahr? Da hat man sofort einen Blackout. Was macht die Farm?«

»Läuft.«

»Und wie geht es deinem Vater?«

»Der ist fast wieder ganz der Alte.«

»Wann war er denn nicht mehr der Alte?«, hakte Mum nach.

»Na ja, der Herzinfarkt hat ihn schon für ein, zwei Monate lahmgelegt.«

»Was?!«, riefen wir anderen wie aus einem Mund.

»Es geht ihm gut. Ehrlich. Sie haben ihm ein paar Stents gelegt, und er fühlt sich wieder pudelwohl.«

»Wann war denn das? Der Herzinfarkt, meine ich?«

»Im Juni, glaube ich. Ja, das muss Juni gewesen sein. Wir haben damals gerade am Paddock-Zaun gearbeitet.«

»Man sollte meinen, er hätte das ganz nebenbei mal erwähnen können«, knurrte Rob.

»Ach, ihr kennt ihn doch«, sagte Mike achselzuckend.

»Hat er wenigstens mal einen Gang zurückgeschaltet und sich geschont?«, fragte Mum.

»Nicht dass ich wüsste.«

Sie seufzte. »Herzinfarkte kommen in seiner Familie häufiger vor. Grays Vater hatte einen, und seine beiden Onkel sind daran gestorben, als sie noch in den Fünfzigern waren.«

»Danke für diese erbauliche Information, Mum«, sagte ich trocken, während ich ihren Küchenschrank nach Kräutern und Gewürzen durchforstete.

»Liebes, das Vorkommen von Herzproblemen in einer Familie ist ja noch kein Todesurteil. Es sollte einen nur etwas vorsichtiger machen.«

»Wie wahr. Hast du Paprikapulver?«

»Ganz bestimmt«, entgegnete sie und strich eine Falte in ihrem Rock glatt. »Ich weiß nur nicht, wo.« Und sie machte auch keine Anstalten, sich selbst auf die Suche zu begeben.

»Dein Garten sieht wirklich klasse aus«, sagte Mike.

»Danke! Robin und Anna werden dort heiraten, weißt du? Ich führe dich vor dem Essen herum.« Mum stand auf und verzog prompt vor Schmerzen das Gesicht. »Meine Güte, mir tun Muskeln weh, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe.«

Während sie mit Mike nach draußen ging, setzte Rob die Kartoffeln auf und ging dann zum Kühlschrank. Er nahm einen großen Glaskrug mit einer dunkelbraunen Flüssigkeit heraus, schnupperte am Inhalt und trank einen vorsichtigen Schluck. Rob war schon immer besonders mutig, um nicht zu sagen leichtsinnig.

»Gott, das schmeckt ja widerlich. Ist bestimmt irgendein trendiges Superfood-Gebräu.« Er verzog das Gesicht, stellte den Krug zurück und setzte seine Suche fort.

»Ich glaube, das ist Regenwurmtee«, meinte ich.

»Mum würde niemals einem Wurm etwas zuleide tun.«

»Regenwurmurin. Die Tierchen kommen dabei nicht zu Schaden.«

»Aha.« Er nahm eine Flasche Wein heraus und schloss die Kühlschranktür wieder. »Perfekt!«

»Frag lieber vorher, nur für den Fall, dass deine Mutter den Wein für eine spezielle Gelegenheit gekauft hat«, sagte Anna, die gerade aus der Vorratskammer kam und mir ein Döschen Paprikapulver reichte.

»Ich denke, wir betrachten das als Entschädigung fürs Kochen. Trinkst du ein Glas mit, Lia?«

»Na klar«, entgegnete ich sofort.

»Nicht dass du das verdient hättest nach gestern Abend«, fügte er hinzu.

»Stimmt«, entgegnete ich und verrührte in einer Tasse Öl, Paprikapulver, Knoblauch und Salz.

»Aber sehen wir es mal von der positiven Seite: Wenn man sich schon zum Affen macht, ist es doch nett, wenn der einzige Zeuge jemand ist, den man nie wiedersehen wird.«

»Hm«, brummte Rob. Er reichte Anna ein Glas Wein und stellte ein weiteres neben mir ab.

»Vielen Dank übrigens für deinen heldenhaften Rettungseinsatz«, munterte ich ihn auf und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

»Erwähne es nur um Himmels willen nicht vor Mum.«

Mir wäre nie in den Sinn gekommen, meine Mutter in ihrem Glauben an übernatürliche Kräfte ihrer Kinder zu bestätigen, aber ich ließ ihm die Bemerkung durchgehen. Ich fand, dass er sich zumindest vorübergehend das Recht verdient hatte, ein wenig überheblich und herablassend zu tun, und so begnügte ich mich mit einem knappen »Ganz sicher nicht«.

***

Wir verbrachten einen netten Abend zusammen, und es war schon nach zehn, als mich Rob und Anna auf dem Heimweg zu Hause absetzten. Ich winkte den beiden zum Abschied und ging durch den Eingang im Hinterhaus hinein. Dann, als ich die Tür hinter mir schloss, hatte ich plötzlich eine dunkle Vorahnung.

Ich blieb im Flur stehen, ohne das beklemmende Gefühl in der Magengegend einordnen zu können, aber als gleich darauf das Telefon läutete, war mir alles klar.

Isaac.

Verdammt.

Isaac war mein letzter Exfreund, ein kräftiger junger Mann mit braunen Augen und Dackelblick. Ich gab mir alle Mühe, die Erinnerung an unsere gemeinsame Zeit zu verdrängen, und vielleicht wäre mir das sogar gelungen, wenn er mich nicht mehrmals die Woche anrief.

Ich überlegte ernsthaft, das Klingeln zu ignorieren. Immerhin hätte ich den Anruf wirklich verpasst, wenn ich nur eine Minute später heimgekommen wäre. Aber dann sagte ich mir, dass ich damit nur das Unausweichliche hinauszögerte. Ich konnte es also ebenso gut gleich hinter mich bringen.

Ruhig bleiben, ermahnte ich mich, als ich in die Küche ging, um abzunehmen.

»Hallo?«

»Hi, Lia«, sagte Isaac. »Wie geht es dir?«

»Gut, danke der Nachfrage.«

»Freut mich, das zu hören.«

Stille. Offensichtlich wartete er darauf, dass ich mich ebenfalls nach seinem Befinden erkundigte. Aber er wartete vergeblich.

Schließlich fragte er: »Was macht das Geschäft?«

»Läuft«, erwiderte ich knapp und tastete mich die Wand entlang zum Lichtschalter. »Was willst du?«

»Du fehlst mir.«

Ich schwieg. Eisern.

»Die ganze Zeit«, fügte er hinzu.

Ich ließ mich an der Wand hinabgleiten und setzte mich auf den Fußboden. »Isaac, nicht.«

Melodramatik war ansteckend, und ich hätte beinahe hinzugefügt: »Tu dir das nicht an.«

Aber es war schon schlimm genug, auch ohne dass wir beide wie Schauspieler in einer Seifenoper redeten, also verkniff ich mir den Zusatz.

»Ich kann nichts dafür. Ich kann an nichts anderes denken als an dich.«

»Das geht vorbei«, antwortete ich. »Die Zeit heilt alle Wunden.«

»Es tut mir so leid, Lia. Ich weiß, dass es dir am liebsten wäre, ich würde von einer Brücke springen …«

Wieder eine erwartungsvolle Pause.

»So ein Unsinn«, entgegnete ich lahm.

»Ich weiß echt nicht, wie ich die Trennung von dir jemals verkraften soll.«

Ich holte tief Luft. »Hör zu, es tut mir aufrichtig leid, dass du unglücklich bist. Aber wenn du mich anrufst, wird es auch nicht besser.«

»Ich kann mich ändern. Ich kann so sein, wie du mich haben willst. Ich tue alles, ich …«

»Hör auf damit!«, unterbrach ich ihn schroff.

Er fing an zu weinen.

»Hör auf!«, unterbrach ich ihn schroff.

»Gott, du bist so ein Miststück.«

Immerhin ein Fortschritt.

»Nein, nein, bist du nicht. Entschuldige, verzeih mir …«

»Isaac …« Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben. »Hör zu. Wir werden nicht wieder zusammenkommen. Es wird nicht passieren. Niemals. Ruf mich nicht mehr an. Du fühlst dich hinterher noch schlechter, und du kannst mich nicht umstimmen. Sorry. Gute Nacht.«

Ich legte auf und zog als Präventivmaßnahme den Stecker heraus. Dann ging ich zu Bett, starrte im Dunkeln an die Decke und fühlte mich elend. Allerdings weniger elend, als wenn Isaac bei mir gewesen wäre.

Man musste die Dinge immer im rechten Licht sehen.

Kapitel 3

Am nächsten Morgen stand ich an der Kücheninsel, schnitt ein schmales Stück von dem holländischen Apfelkuchen ab und teilte es penibel in zwei gleich große Hälften.

»So!«, sagte ich und reichte Anna mit dem Messer eine aufgespießte Hälfte. »Der Augenblick der Wahrheit.«

Sie biss ein kleines Stück ab. »Nicht schlecht.«

»In Anbetracht der sechs Eier und dreihundert Gramm Butter sollte er spektakulär schmecken.«

»Tut er aber nicht.«

Ich kostete ebenfalls und musste ihr zustimmen. »Hast recht. Ganz nett, aber langweilig.«

»Mit Sahne und Zitronenhonig wird es gehen«, meinte Anna, was aber nicht sehr glaubhaft klang in Anbetracht der Tatsache, dass sie den Rest ihres Kuchens, noch während sie sprach, in den Biomülleimer warf.

Ich fand diese Art der Diät schwer zu ertragen, verkniff mir aber wohlweislich eine entsprechende Bemerkung. Stattdessen nahm ich eine Schüssel aus dem Schrank und machte mich an die Zubereitung einer Marinade. Sojasoße, Worcestersoße, Tomatensoße, gepressten Knoblauch …

Richtige Gourmets behaupten ja, dass die »entscheidende Kopfnote« verloren geht, wenn man vorgepressten Knoblauch benutzt, aber wenn man Knoblauch nicht gerade pur verzehrt, kann ich ehrlich gesagt keinen Unterschied feststellen.

»Wir sollten ein neues Rezept auf Facebook veröffentlichen«, sagte Anna nach einer Weile.

»Okay.«

»Ich dachte an kleine Törtchen mit Vanillecreme. Die lassen sich gut fotografieren.«

»Das ist ein Rezept aus dem Backbuch von Edmonds«, gab ich zu bedenken. »Die werden uns verklagen.«

»Quatsch. Und überhaupt dekorierst du sie ganz anders.«

»Wie du meinst.«

»Was ist los?«, fragte sie und füllte Kaffeebohnen in den Behälter der Kaffeemaschine. »Du bist so ungewohnt wortkarg.«

»Isaac hat gestern Abend angerufen und am Telefon geheult.«

»Ach so. Ja, das ist schlimm.«

»Es war furchtbar.«

»Was hast du ihm gesagt?«

Ich gab einen Löffel Pflaumenmarmelade in die Marinade. »Dass er mich nicht mehr anrufen soll.«

»Und? Glaubst du, er hält sich daran?«

»Eher nicht. Ich werde einfach nicht mehr rangehen.«

»Ach ja?«

»Ja!«

Sie schnaubte.

»Ich werde es dir nachmachen und grausam und herzlos sein.«

»Ja, tu das«, entgegnete sie und griff nach dem Telefon.

Anna ist nicht wirklich grausam und herzlos, aber sie ist wirklich gut darin, Unglauben zu bekunden.

Sie drückte eine Taste und runzelte die Stirn. »Es tutet nicht.«

»Sorry. Ich habe gestern den Stecker rausgezogen, damit er nicht noch mal anruft.«

»Eine wirklich sinnvolle Maßnahme, wenn man ein Geschäft hat.« Sie stöpselte das Telefon wieder ein.

»Ich dachte, es macht uns noch exklusiver, wenn wir nicht erreichbar sind. Das ist mein neuestes Marketingkonzept.«

»Brillant.«

»Alternativ können wir auch zum anderen Extrem umschwenken und in Netzstrümpfen und Strapsen bedienen.«

»Meinst du nicht, damit würden wir einen falschen Eindruck erwecken hinsichtlich dessen, was wir verkaufen …?«

»Möglich«, räumte ich ein.

»Ich wäre dafür«, mischte sich Monty ein, der in dem Moment den Kopf zur Tür hereingesteckt hatte.

Monty wohnte gegenüber und hatte die nervige Angewohnheit, herüberzukommen und ohne Vorwarnung in der Küche aufzutauchen. Allerdings brachte er auch regelmäßig Krebse vorbei, sodass wir ihm das schlecht verbieten konnten.

Er war Inhaber der örtlichen Werkstatt, arbeitete aber nur sporadisch – und gar nicht, wenn ideales Angelwetter war. Er war ein Bär von einem Mann, eine richtige Frohnatur mit schütterem grauem Haar und einem Mondgesicht. Falls man es schaffte, ihn zu erwischen, konnte er fast alles reparieren.

»Hallo, Monty«, sagte ich.

»Wie war dein Angelwettbewerb?«

»So lala. Bisschen viel auflandiger Wind.« Er machte die Tür weiter auf, und hinter ihm kam Pannenmann zum Vorschein.

Bei dessen Anblick wurde ich schrecklich verlegen, auch wenn ich nicht wirklich überrascht war, ihn zu sehen. Man brauchte sich nur vor einem Fremden der Lächerlichkeit preiszugeben, um sicherzustellen, dass man ihm irgendwann wieder begegnete.

Nachts in den Büschen hatte er jünger ausgesehen, jetzt am Tage schätzte ich ihn auf Mitte bis Ende zwanzig. Er hatte kurzes blondes Haar und wunderschöne dunkelgraue Augen.

Er schmunzelte, was grundsätzlich ja sympathisch bei einer neuen Bekanntschaft war, es sei denn, man selbst war Gegenstand der Erheiterung.

»Mädels, das ist Jed Dixon«, verkündete Monty.

»Er wird mir in der Werkstatt etwas zur Hand gehen. Jed, das sind Anna und Lia. Die zwei machen die besten Roastbeef-Sandwiches weit und breit.«

»Schön, dich kennenzulernen, Jed«, begrüßte ihn Anna lächelnd.

»Ebenso«, entgegnete er und wandte sich dann mir zu. »Hi … Lee, richtig?«

»Lia«, stellte ich richtig.

»Lia. Tut mir leid.«

»Das sollte es auch. Ich hatte mich eigentlich über die Peinlichkeit letztens hinweggetröstet, indem ich mir gesagt habe, dass wir uns ja nie mehr wiedersehen.«

Er grinste breit. »Das höre ich öfter.«

»Ach? Habe ich was verpasst?«, fragte Monty, und ich blickte verwundert, jedoch dankbar zu Jed auf.

Hätte ein Mann in knappen rosa Satinshorts mich mit einem Gewehr bedroht, wäre das wochenlang mein Hauptgesprächsthema gewesen.

»Ich hatte vor dem Haus einen Platten«, erklärte Jed. »Ich habe geklopft, um mir einen Wagenheber zu borgen, und habe die arme Lia zu Tode erschreckt.«

»Er ist um Mitternacht zu Fuß hier aufgekreuzt, und ich habe ihn für einen Serienmörder gehalten und das ganze Haus zusammengeschrien«, klärte ich Monty auf und bot den Männern ein Stück Apfelkuchen an. Es war von Vorteil, einen Mann auf seiner Seite zu haben, der überall verbreiten könnte, dass er von einem telepathisch herbeigerufenen halbnackten Mann mit der Waffe bedroht wurde.

***

»Warum hat er Monty nicht erzählt, dass Rob ihn mit dem Gewehr bedroht hat«, sagte ich verwundert, nachdem die beiden Männer zehn Minuten später gegangen waren.

»Keine Ahnung«, entgegnete Anna achselzuckend. »Riechst du das?«

»Was genau soll ich riechen?«

»Es riecht irgendwie … vergammelt.« Sie schnupperte wie ein Bluthund, der eine Fährte aufgenommen hatte.

Anne war sehr pingelig, was Hygiene anbelangt – eine hervorragende Eigenschaft bei jemandem, der mit Lebensmitteln arbeitete, wenn auch zuweilen ein klein wenig anstrengend für uns Normalsterbliche mit einer etwas entspannteren Beziehung zu Schmutz.

Ich schnupperte ebenfalls und zuckte dann mit den Achseln. »Ich rieche nichts.«

»Ist das vielleicht der Abfluss unten im Kühlschrank?« Sie näherte sich der angeblichen Geruchsquelle und sog dabei weiter prüfend die Luft ein. Der Kühlschrank war es nicht.

Sie suchte weiter, öffnete nacheinander alle Schränke.

»Hey«, protestierte ich. »Nicht schnüffeln, kochen. Die Quiche wartet. Das Geschäft geht vor.«

»Sagt die Frau, die unseren Kuchen verschenkt.«

»Ich wollte damit sein Schweigen erkaufen. Außerdem war der Kuchen sowieso nicht besonders.«

»McDonald’s macht auch keine besonders guten Burger, trotzdem verschenken sie sie nicht«, erwiderte Anna lapidar.

Kapitel 4

Sylvia war ein elfenhaftes Wesen mit einer frechen Stupsnase und einem Mund, der etwas zu breit war, um dem Schönheitsideal zu entsprechen. Sie …

Ich klappte das Buch zu und warf es quer durch die Küche auf die Fensterbank. Alle hatten sie einen Mund, der zu breit war, um dem Schönheitsideal zu entsprechen, außer denjenigen mit den Stupsnasen oder den Sommersprossen.

Offenbar war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Romanheldinnen irgendeinen Schönheitsmakel haben mussten, um nicht abstoßend perfekt zu sein, allerdings handelte es sich nie um etwas, das ihr gute Aussehen ernsthaft beeinträchtigt hätte. Ich wartete immer noch auf eine Protagonistin mit fliehendem Kinn.

In den vierzehn Tagen seit ich in Hughs Psychothriller gelesen hatte, hatte ich meine Lesezeit aufgeteilt zwischen dem »The Patetonga Rural Women’s Institute Cookbook« (das mehrere Rezepte für gebratene Ringeltaube enthielt und dazu riet, Waldpapagei auf jeden Fall mit einer Füllung zuzubereiten) und einer Sammlung alter Romane mit Stoffeinband aus Großtante Sheilas Nachlass, garantiert frei von Serienmördern und dafür vollgepackt mit zierlichen Heldinnen und starken, schweigsamen Männern mit kantigem Kinn und geheimnisvoller Vergangenheit.

Woher rührte eigentlich diese Faszination für solche Männer?

Mein Vater war ebenso ein schweigsames Exemplar, ich hatte also reichlich Gelegenheit gehabt, die Spezies zu studieren. Ich persönlich zog einen Kerl vor, der ab und zu mal den Mund aufmachte und mit mir redete. Ich beschloss, später noch mal bei der Bücherei vorbeizuschauen.

Nun stieg ich von dem Barhocker und ging den Flur hinunter, um mich anzuziehen. Es war Montagmorgen (montags hatten wir Ruhetag, außer im Sommer, da machten wir nur zu, um ein paar Stunden zu schlafen), und Anne, unsere Mütter und ich wollten heute die Kleider für die Brautjungfern besorgen.

Punkt acht war ich bei meiner Mutter, die schon dreiundzwanzig Minuten später abfahrbereit war – ein vielversprechender Start. Wir holten dann die Braut ab und waren um zehn in Newmarket, wo wir mit Annas Mutter Deidre in einem Café verabredet waren. Selbstzufrieden stellten wir einhellig fest, dass der Kaffee nicht annähernd so gut war wie unserer, und machten uns dann auf den Weg zum Brautmodengeschäft.

In den darauffolgenden zwei Stunden probierte ich an die dreißig Kleider an, die allesamt von mindestens einer meiner Modeberaterinnen kategorisch abgelehnt wurden. Ich erfuhr, dass mir weder Neckholder noch V-Ausschnitt standen; ich darauf verzichten sollte, Petrol, Rosa, Grau oder Bordeauxrot zu tragen; dass knielange Röcke und Tops mit Spaghettiträgern nichts für mich waren … Bei Kleid Nummer dreißig war von meiner einstmals recht positiven Einstellung zu meinem Aussehen nichts mehr übrig.

»Wir könnten es bei Silverdale versuchen«, schlug Deirdre vor.

»Mir reicht’s«, stöhnte ich und ließ die Schultern hängen. »Erbarmen. Sonst fange ich an zu weinen.«

»Warum besorgen wir nicht hübschen Stoff und lassen dir etwas nähen?«, meinte Mum.

Meine Schultern sackten noch etwas tiefer. Ich habe kein Vertrauen in Schneiderinnen, ein Trauma, das von meinem Schulball in der zwölften Klasse herrührt. Eine gute Freundin der Familie, die das Kleid genäht hatte, ignorierte meine Wünsche und nähte stattdessen eine Kopie des Kleides, das ihre eigene Tochter 1987 getragen hatte. Ich hatte ausgesehen, als wäre ich geradewegs einer Folge von Dallas entstiegen.

»Oder was hältst du von meinem grünen Organzakleid?«, fuhr Mum fort. »Das ist wirklich hübsch und ließe sich ohne großen Aufwand ändern. Du würdest darin aussehen wie ein Waldgeist.«

»Ich bin nicht sicher, ob das das Richtige wäre für eine Hochzeit«, sagte Deidre skeptisch.

»Sie heiraten im Garten«, verteidigte Mum ihren Vorschlag.

»Das wäre eine Option, ja«, meinte Deidre.

Mum, die fast den ganzen Winter über winterharte Blumen gepflanzt hatte, um für ein Blütenmeer im März zu sorgen, versteifte sich. »Ich dachte, das wäre entschieden.«

»Ian und ich sind gerne bereit, für eine entsprechende Location zu sorgen.«

»Mum …«, sagte Anna unglücklich.

»Immerhin heiratet unser kleines Mädchen nicht jeden Tag.«

Anna und ich tauschten einen alarmierten Blick.

»Treffen wir uns in einer Stunde wieder hier?«, fragte meine Freundin.

»Okay.«

Wir hakten jeweils unsere Mutter unter und entfernten uns zügig in entgegengesetzte Richtungen.

»Was bildet diese Frau sich eigentlich ein?«, zischte Mum.

»Lass dich davon nicht aus der Ruhe bringen. Sie will nur ihre Autorität als Mutter der Braut deutlich machen.«

»Das sollte sie schleunigst wieder sein lassen. Ich möchte mal wissen, was für eine Location sie wohl passend fände. Vermutlich einen Konferenzsaal in einem Flughafen-Motel. Komm, lass uns hier reingehen.«

Sie bog abrupt ab und zog mich in einen Laden. Hinter dem Verkaufstresen stand eine spindeldürre Frau mit leuchtend rotem Lippenstift und platinblondem Dutt. Sie blickte auf, als wir eintraten.

»Kann ich den Damen irgendwie behilflich sein, oder möchten Sie sich nur umsehen?«, fragte sie.

»Wir suchen ein Kleid für meine Tochter«, sagte Mum. »Ein Brautjungfernkleid. Für eine Gartenhochzeit«, fügte sie grimmig hinzu.

Die Verkäuferin kam herüber und musterte mich abschätzig. Nachdem sie mich aus allen Blickwinkeln studiert hatte, wandte sie sich ab, trat an einen Kleiderständer, nahm ein Kleid herunter. Sie musterte mich, hängte das Kleid zurück und griff stattdessen nach dem, das danebenhing.

»Das hier«, sagte sie.

Tief beeindruckt von ihrer zur Schau gestellten kühlen Überlegenheit, folgte ich ihr zu einer Umkleide am Ende der Boutique und zog mich zum einunddreißigsten Mal an diesem Tag aus.

Das Kleid war aus graublauem Chiffon, mit Satin eingefasst und raschelte verführerisch, als ich es über den Kopf zog.

Ich warf einen Blick in den Spiegel und war entzückt. Wirklich hübsch. Das Kleid lag am Oberkörper an und fiel locker über die Hüften – ein willkommener Kontrast zu den schulterfreien knallengen Stretchmodellen des Vormittags. Mein hellbraunes Haar wirkte auf dem Taubenblau dunkelblond mit Kupferschimmer, und meine Haut schimmerte elfenbeinfarben, anstatt einfach nur blass zu wirken.

Wahrscheinlich kostet es ein Vermögen und das Versprechen, ihr mein Erstgeborenes zu überlassen, dachte ich, ganz verzaubert von meinem Spiegelbild. Und das wäre es sogar wert.

»Bist du angezogen, Liebes?«, rief Mum. Ich zog den Vorhang beiseite.

»Oh Lia. Du siehst wunderschön aus.«

Die platinblonde Dame gestattete sich den Hauch eines selbstzufriedenen Lächelns, das die Augen nicht erreichte.

»Was kostet das Kleid?«, fragte ich.

»Das spielt keine Rolle, Schatz«, winkte Mum großzügig ab.

»Zweihundertvierundfünfzig neunzig.«

»Wir nehmen es.«

»Ich rufe besser vorher Anna an und zeige es ihr.« Ich suchte den Boden der Umkleide nach meinem Handy ab.

»Umwerfend«, sagte Anna begeistert, als sie wenig später zu uns stieß. »Ich weiß allerdings nicht, ob ich dir erlauben kann, das auf meiner Hochzeit zu tragen. Du wirst hübscher aussehen als ich.«

»Das glaube ich kaum«, widersprach Deirdre entschieden. Womit sie zweifellos recht hatte, da Anna aussah wie eine Märchenprinzessin, was der Begeisterung meiner Mutter jedoch keinen Abbruch tat.

***

Später am Abend stand ich in der Küche und überlegte, ob ich das halbe Dutzend überreifer Bananen zu einem Kuchen verarbeiten oder sie im Tiefkühlschrank einfrieren sollte. Bisher hatte ich de facto noch kein einziges Mal auf den gefrorenen Vorrat zurückgegriffen und er wurde immer größer, aber es fühlte sich einfach besser an, als die übrig gebliebenen Bananen zu entsorgen. Ich hatte mich noch nicht entschieden, als ein Lieferwagen mit der Aufschrift »R. Leslie, Landschaftsgartenbau« in meine Einfahrt einbog und vor der Hibiskushecke zum Stehen kam.

Rob kam die Treppe hinaufgelaufen, entledigte sich seiner Stiefel und betrat die Küche. Seine Shorts und sein Shirt waren voller weißer Tonflecken, und das staubige Haar stand wirr vom Kopf ab.

»Sieht nach Arbeit aus«, bemerkte ich.

»Hm … schaffen gerade Felsbrocken weg. Der Minibagger kommt nicht in die Winkel rein, und wir mussten also mit Stemmeisen ran. Hast du was zu essen für mich?«

»Banane? Du kannst so viele haben, wie du willst.«

»Danke nein«, entgegnete Rob nach einem Blick auf die braunen Früchte auf der Arbeitsplatte.

Ich öffnete den großen Kühlschrank. »Kartoffelsalat? Schichttorte?«, bot ich ihm an.

»Torte klingt gut.«

Ich stellte die Platte auf die Kücheninsel. »Hast du schon gehört, dass der Typ, den du mit dem Gewehr bedroht hast, bei Monty in der Werkstatt arbeitet?«

»Hm«, brummte er unbeeindruckt und nahm einen Löffel aus der Besteckschublade.

»Hat dich schon jemand darauf angesprochen?«

»Nein.« Er zog sich einen Hocker heran und setzte sich an die Kücheninsel.

Ich erwog, telepathisch mit ihm zu kommunizieren, verwarf den Gedanken jedoch wieder als sinnlos. »Du kannst so viel von dem Kuchen essen, wie du magst«, sagte ich dann. »Bis morgen ist er sowieso matschig.«

»Danke. Wie war euer Shopping-Ausflug?«

»Erfolgreich. Möchtest du mein umwerfendes Brautjungfernkleid sehen?«

»Warum nicht?«, brummte er in bester Laune. Ihm gehörte ja auch die halbe Schichttorte allein.

Ich schlüpfte schnell in das Kleid und wühlte in meinem Kleiderschrank nach den High Heels, die ich irgendwann im Sonderangebot gekauft hatte und mangels Gelegenheit noch nie getragen hatte, als das Telefon klingelte.

»Nicht rangehen!«, rief ich.

»Wieso ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Das traumhafte Café am Meer" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen