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Das tiefe Blau des Meeres

Über die Autorin

Marie Lamballe wurde in Hannover geboren. Ihre Liebe zu Frankreich entdeckte sie bereits früh; sie studierte Französisch und begann schon kurz nach dem Studium mit dem Schreiben. Inzwischen lebt die Mutter zweier erwachsener Kinder in der Nähe von Frankfurt. Ihre Ideen kann sie am besten in ihrem Lieblingscafé entwickeln.

BASTEI ENTERTAINMENT

NOVEMBER 1939

Das Meer tobte und warf das kleine Boot auf den nachtschwarzen Wogen hin und her. Ein lärmendes, zischendes Inferno, düster, eiskalt und tödlich. Margot saß in der winzigen Kajüte des Fischerbootes, klammerte sich mit beiden Händen an der hölzernen Bank fest und starrte durch das Fenster in die dunkelgrauen Fluten der Nordsee. Die Sicht war verschwommen, weil das Fenster unablässig von schaumiger Gischt benetzt wurde. Umso mehr hörte man das Brüllen und Zischen der See und das Pfeifen des boshaften Nordostwindes. Hin und wieder glitt eine dunkle Gestalt vor dem Fenster vorbei, torkelnd, sich gegen den Wind stemmend, eine Hand an der Reling, um nicht über Bord gerissen zu werden. Das war Jean, der Skipper. Hinten am Steuer stand Claude; wenn er seine Befehle brüllte, drang seine tiefe, raue Stimme sogar durch das Toben der Elemente.

»Jersey!«, brüllte Claude.

»Nie im Leben!«

Das war Jean, er musste jetzt direkt neben dem Steuermann stehen. Seine Stimme war heller und ein wenig heiser. Er war noch jung, ein drahtiger, rothaariger Normanne.

»Was sonst?«, schrie Claude.

»Herpin!«

»Unmöglich!«

»Herpin! Und dahinter Grouin.«

»Hol’s der Teufel!«

»Backbord muss Cécembre liegen!«

Das junge Mädchen in der Kajüte begriff nur wenig von dem, was es hörte, auch hatten Wind und Wetter wohl etliche Worte davongerissen. Doch ihr wurde klar, dass man vom ursprünglichen Kurs abgekommen war. Lag die Insel Jersey nicht südlich von Cherbourg, wo sie in See gestochen waren? Portsmouth an der englischen Küste aber war im Norden. Auf der Karte hatte es so einfach ausgesehen, ein kleiner Sprung nur, mit einem Ruderboot leicht zu schaffen, man hätte sogar schwimmen können. In Wahrheit jedoch lag zwischen ihr und der rettenden englischen Küste ein graues Ungeheuer: ein wütendes, geiferndes Meer, das sich anschickte, sie allesamt zu verschlingen.

»Wegen einer Deutschen …«, vernahm sie wieder Claudes tiefe Stimme. Es klang voller Verachtung und tat weh. Früher war sie immer stolz darauf gewesen, eine Deutsche zu sein. Früher, als sie noch nicht wusste, dass es zwei Sorten Deutsche gab.

»Hättest es ja auch lassen können.«

»Aus reiner Gutmütigkeit …«

»Tatsächlich? Und das Geld?«

»Lohnt nicht, dafür zu ersaufen!«

Ein Brecher fuhr über das Deck des Fischkutters, klatschte gegen das Kajütfenster. Sie erstarrte, fürchtete, das Glas könne zerspringen, doch es hielt stand. Dann, als sich das Seewasser wieder verlaufen hatte, glaubte sie, oberhalb der Wellenkämme im diesigen Grau einen hellen Punkt zu sehen. Ein Stern? Oder ein Leuchtturm? Jean torkelte an der Kajüte vorbei zum Bug, verharrte dort einen Moment und machte kehrt. Als er die Tür der Kajüte aufriss, drangen Gischt und eisiger Wind zu Margot herein. Triefend stand der Fischer vor ihr, glich das Schwanken des Bootes mit wenigen Körperbewegungen aus, als wäre er mit dem Schiff verwachsen. Seine Gesichtszüge waren im Halbdunkel kaum zu erkennen, nur die Augen schimmerten hell.

»Wir müssen den Sturm abwarten, Mademoiselle. Keine Angst, wir sind nicht das erste Mal bei solchem Wetter draußen.«

Er sprach langsam, wie man zu einem Kind redet. Ohne Zweifel wollte er sie beruhigen, doch der durchdringende Blick seiner hellen Augen sprach eine andere Sprache. Schon als sie gestern Abend über das schmale Brett auf das Schiff balanciert war, hatte er sie so angestarrt. Sie fürchtete sich vor ihm.

»Wann … wann werden wir in Portsmouth sein?«

»In Portsmouth?«

Ihre Angst stieg hoch. Wieso fragte er? Es war doch abgesprochen, dass dieses Boot sie hinüber nach England bringen sollte.

»Ja, in Portsmouth. Oder irgendwo anders an der englischen Küste …«

Er wischte sich mit der Hand über das nasse Gesicht und zog die Nase hoch. Morgen würde man dort ankommen. Nach einem Zwischenstopp auf Jersey, sie müssten sich ausruhen.

»Da hinten klart es auf«, behauptete er. »Das Schlimmste haben wir hinter uns.«

Die hellen Augen ließen von ihr ab, für einen kurzen Moment verdoppelte sich das Brausen und Zischen der Elemente, dann hatte er die Tür hinter sich zugedrückt. Margot hockte verlassen auf ihrer Bank, vor Kälte zitternd, tausend Ängsten ausgeliefert. Ach, sie hatte sich alles selbst zuzuschreiben. Ihr dummer Stolz war schuld, ihr Dickschädel. Waren sie nicht alle vier herzlich in Paris aufgenommen worden? Hatten Tante Sybille und Marcel ihnen nicht großmütig zwei Zimmer ihrer Wohnung überlassen? Aber sie hatte Tante Sybille noch nie leiden können, und sie hasste es, ihr dankbar sein zu müssen. Dann lieber hinüber nach England zu Tante Florence.

Morgen, dachte sie und klammerte sich an diese Hoffnung. Nur einige Stunden Aufenthalt auf Jersey, sie würde sich hier in der Kajüte verstecken, sich zusammenkauern und versuchen zu schlafen. Morgen schon wäre sie an der englischen Küste. Der Sturm flaute ab, würde sich legen. Dann war die Überfahrt ein Kinderspiel. Die beiden hatten Geld bekommen, bei der Ankunft würde sie ihnen den Rest auszahlen. Sie würden Wort halten – schon wegen des Geldes. Morgen. Vielleicht erst am Abend. Wenn das Wetter es zuließ. Spätestens übermorgen saß sie bei Tante Florence auf dem Sofa, trank Tee und erzählte ihr von der abenteuerlichen Überfahrt …

Fröstelnd schlang sie die Arme um den Oberkörper und lehnte den Rücken gegen die Kajütwand. Jean hatte die Wahrheit gesagt: Das Boot schlingerte jetzt nicht mehr ganz so heftig, die See beruhigte sich, nur hin und wieder peitschte ein Brecher gegen das Fenster und ließ die Sicht nach draußen verschwimmen. Das graue Ungeheuer war müde geworden, wälzte sich noch ein paarmal hin und her und spuckte salzigen Schaum gegen das lästige Fischerboot auf seinem Rücken. Bald würde sich der Meeresdrache in sein Nest auf dem tiefen Grund zurückziehen, und sein Atem würde flach werden.

Sie entspannte die verkrampften Muskeln und blinzelte zu dem Licht hinüber, das über den brodelnden schwarzen Wellen größer und heller zu werden schien. Tatsächlich, ein Leuchtturm. Dort drüben war Land, vielleicht Jersey oder eine andere Kanalinsel. Ein paar Stunden ausruhen, hatten sie gesagt. Die Männer waren müde, das konnte sie verstehen. Auch sie selbst war vollkommen erschöpft, viel zu heftig war die Anspannung gewesen, die Angst, in den grauen Fluten ertrinken zu müssen, das krampfhafte Sich-Anklammern, um nicht hin- und hergeschleudert zu werden. Ihre Lider sanken herab, und trotz der unbequemen Haltung senkte sich erlösender Schlummer über sie. Es war kein Schlaf, nur ein leichter Dämmerzustand, der die Angst betäubte und schöne Bilder aufsteigen ließ. Sie sah sich als kleines Mädchen im Gartenhaus der Eltern, sprang die Treppenstufen hinunter auf den weichen Rasen, lief zu der Trauerweide, unter deren dicht herabhängenden Zweigen sie ein Haus für ihre Puppen eingerichtet hatte. Lulu, die dreifarbige Glückskatze, strich durch die Büsche, und drüben auf dem Wäscheplatz hatte Jette Papas weiße Hemden aufgehängt. Sie blähten sich im Sommerwind wie lebendige Wesen mit langen Armen …

»Verdammte Scheiße. Das ist kein Fischerboot …«

»Ruhig. Das ist die Küstenwache. Bretonen. Aus Dinard oder St-Malo …«

Sie fuhr aus ihren Träumen, schlug mit dem Kopf hart gegen die Kajütwand. Stöhnend setzte sie sich zurecht. Waren sie schon im Hafen? Sie musste blinzeln, denn die Fischer hatten am Bug eine helle Laterne entzündet.

»Das sind keine Bretonen, hol mich der Teufel. Das sind Deutsche …«

»Was haben die Dreckskerle hier zu suchen?«

»Die hat der Sturm abgetrieben. Genau wie uns.«

»Dass ich nicht lache …«

Mit einem Schlag hatte die Angst Margot wieder in ihrem kalten Griff. Zitternd stand sie auf, trat dicht an das Fensterchen heran und sah den schwarzen Leib eines Schiffes. Es war größer als das Fischerboot, auf dem sie sich befanden, von zwei Laternen beleuchtet, man konnte mehrere Seeleute auf Deck erkennen.

»Die schneiden uns den Weg ab …«

»Verflucht! Hart Steuerbord!«

»Wohin denn? Auf die Klippen?«

»Bleib ruhig. Was können sie schon wollen? Wir sind Fischer.«

Margot starrte fasziniert auf das beleuchtete Deck des deutschen Schiffes. Es war breit, die Aufbauten weiß, die Matrosen trugen helle Kleidung und liefen scheinbar aufgeregt durcheinander, in Wirklichkeit aber gehorchten sie den Befehlen des Offiziers. Für einen Augenblick war sie fast stolz auf dieses schöne Schiff, auf dem alles so klar und wohlgeordnet funktionierte. Es näherte sich, der Rumpf wuchs empor, groß, riesengroß, bedrohlich, man vernahm einen tiefen, durchdringenden Warnton.

O Gott, er wird uns rammen, dachte sie entsetzt. Die grausige Vorstellung, mit dem berstenden Fischkutter in die Tiefe gerissen zu werden, trieb sie zur Tür. Sie zerrte daran, riss sie schließlich auf und kämpfte sich nach draußen. Sturm und Regen beutelten sie, ein Brecher, der über das Deck fuhr, riss sie zu Boden. Sie keuchte, rang nach Luft, versuchte, sich an der Reling festzuklammern, doch das Wasser riss sie mit sich fort wie einen leichten Kork, schleuderte sie gegen die Kajütwand. Jemand brüllte etwas, was wie »verdammte Göre« klang, dann überdeckte der gewaltige Ton des Schiffshorns alle anderen Geräusche.

Der nächste Brecher stürzte sich auf sie, nahm sie in seine kalten Arme und trug sie über Bord. Erst als sie in das eiskalte Wasser tauchte und die nasse Dunkelheit sie verschlang, begriff sie. Für einen Moment war sie wie betäubt, ging unter, schluckte Seewasser, kam wieder hoch, und die Wellen schlugen erneut über ihr zusammen. Dann begann sie zu kämpfen, ein kleines Menschlein gegen das gewaltige graue Seeungeheuer – ein aussichtsloser Kampf …

MÄRZ 2010

»Findest du es eigentlich normal, als erwachsener Mann den ganzen Tag über zu spielen?«

Katharina hatte ihn schon im Treppenflur des Mietshauses hören können: Unablässig redete er mit lauter Stimme ins Mikro zu seinen Mitspielern, gab Anweisungen, lobte, tadelte, erklärte die neue Spieltaktik. Als sie jetzt ins Wohnzimmer trat, drehte er sich nicht einmal zu ihr um, so vertieft war er. Der Schreibtisch, auf dem der Laptop stand, war mit Bonbonpapierchen übersät, dazwischen Teller mit Essensresten, leere Zigarettenschachteln, ein überquellender Aschenbecher, eine offene Colaflasche.

»Hast du was gekocht?«

Die Frage war müßig, aber immerhin wendete er ihr jetzt sein Profil zu, grinste zur Begrüßung und teilte seinem unsichtbaren Gesprächspartner mit, er solle mal kurz warten. Er schob das Mikro an seinem Kopfhörer ein wenig zur Seite.

»Ist nichts eingekauft. Höchstens Nudeln mit Soße aus’m Glas. Magst du rüber zum Supermarkt fahren?«

»Ich bin müde!«

»Ist ja gut. Dann fahr ich eben nachher …«

Er drehte ihr wieder den Rücken zu, richtete das Mikro und fuhr fort, mit seinen Spielpartnern zu schwatzen. Auf dem Bildschirm bewegten sich Drachenwesen vor mittelalterlich anmutenden Gebäuden, dazwischen wuselten gepanzerte Ritter, edle Greise und halb bekleidete, kampflustige Jungfrauen. Auch Ratten, Affen und Fledermäuse glaubte Katharina zu erkennen, doch sie war sich nicht sicher.

»Das ist kein Spiel für Kinder«, hatte er ihr erklärt. »Das ist eine komplizierte künstliche Welt. Eine zweite Dimension. Ein Kampf, bei dem nur besteht, wer die beste Taktik fährt und sie den Mitspielern vermitteln kann …«

Bei erfolgreichen Aktionen konnte man im Rang aufsteigen – Patrik besaß inzwischen einen recht hohen Rang und musste daher täglich im Spiel präsent sein, sonst verlor er das Erreichte wieder.

Katharina trug ihre Büchertasche ins Schlafzimmer, wo sie sich am Fenster einen Arbeitsplatz eingerichtet hatte. Missmutig besah sie den Stapel rot eingebundener Hefte auf dem Regal – die Deutscharbeit musste bis übermorgen korrigiert sein, das bedeutete wieder einmal Nachtarbeit. Wenigstens hatte sie hier im Schlafzimmer ihre Ruhe, denn Patrik pflegte bis weit nach Mitternacht vor dem Computer zu hängen. Dafür stand er niemals vor Mittag auf und jammerte häufig, dass ihr Wecker, der um halb sieben klingelte, ihn um den besten Schlaf brächte.

Sie stellte das Fenster schräg, um wenigstens ein bisschen frische Luft hereinzulassen, und zog die verknäulten Bettdecken glatt. Nein, sie war nicht pedantisch, wie er behauptete, aber sie konnte dieses Chaos in einem Raum, in dem sie arbeitete, nicht leiden. Ihre Mutter hatte seinerzeit die Federbetten noch mithilfe eines Besenstils geglättet; die Paradekissen waren stets frisch gestärkt gewesen. Ein ungemachtes Bett war für Elli von Staden der Gipfel des Lasters, ein Zeichen von moralischem Verfall. Früher hatte Katharina Stunden gebraucht, um die kleine Wohnung vor dem Besuch ihrer Mutter in einen einigermaßen annehmbaren Zustand zu versetzen. Inzwischen war dies nicht mehr notwendig – ihre Mutter war dement, und bei ihren seltenen Besuchen hatte Papa ihr erklären müssen, dass sie sich in Bockenheim befand, in der Wohnung ihrer Tochter Katharina, und dass der dunkelhaarige junge Mann, der so charmant mit ihr redete und ihr Kuchen auf den Teller legte, ihr künftiger Schwiegersohn Patrik Sonnenweiler sei. Mama hatte auf der Couch gesessen und Apfelkuchen gemümmelt wie ein Kind – ein schrecklicher Anblick. Katharina tat vor allem der Vater leid, der sich hingebungsvoll um seine Frau kümmerte.

In der winzigen Einbauküche roch es verbrannt, im Backofen fand sich der Rest einer verschmorten Fertigpizza, die Patrik offensichtlich im Eifer des Spiels vergessen hatte. Katharina knallte die Ofentür wieder zu und inspizierte kurz den Kühlschrank – zwei Flaschen Bier, eine Schachtel Margarine, ein vertrocknetes Stück Emmentaler, diverse geöffnete Dosen mit Fisch, Corned Beef und Mais, die alle nicht sehr vertrauenerweckend aussahen. Im Brotkasten waren noch zwei Scheiben Graubrot. Sie strich Margarine darauf, rieb Emmentaler darüber und verzog sich ins Schlafzimmer. Es schmeckte grässlich – aber sie hatte seit der zweiten Pause nichts mehr gegessen und starb fast vor Hunger.

Nach dem kärglichen Mahl war sie so müde, dass sie ernsthaft überlegte, ob sie sich nicht einfach in ihrem Bett verkriechen und ein wenig schlafen sollte. Sechs Stunden Unterricht, Pausenaufsicht und dann noch Konferenz – das ging an die Substanz. Jetzt war es fast fünf; wenn sie nur ein Stündchen schlief, würde sie danach …

Das Handy in ihrer Büchertasche summte, und sie sprang mechanisch auf, um den Anruf entgegenzunehmen. Es war Brigitte Gebauer, eine junge Kollegin, fast eine Freundin, wenngleich Katharina sehr sparsam mit diesem Titel umging. Gitti war eine befreundete Kollegin, das war wohl die korrekteste Bezeichnung.

»Hi, Kati! Stör ich dich bei was?«

»Nein, gar nicht. Ich wollte mich gerade hinlegen, war ein langer Tag …«

Leider hatte Gitti keine Antenne für feinere Andeutungen. Sie versicherte Katharina, dass auch sie »völlig fertig« sei, und fiel mit ihrem Anliegen über sie her. »Du, ich hab da einen Kandidaten in der Neun, der versaut mir die ganze Gruppe. Ich hab schon Günther gefragt, ob er ihn nimmt, aber er sagt, er habe schon genug Problemschüler, mehr könne er nicht verkraften.«

Natürlich ein Wiederholer. Er drehte eine Ehrenrunde in der Neun, nachdem er auch schon die Acht wiederholt hatte, war also mindestens zwei Jahre älter als die anderen. Dass er einen Migrationshintergrund hatte, war nichts Besonderes, in den meisten Klassen gab es nur ein oder zwei deutsche Schüler, der Rest kam aus aller Herren Länder. Dieser hier hieß Ahmed und war Kurde.

»Weißt du, ich halte nichts davon, einen schwierigen Schüler zwischen den Parallelklassen hin- und herzuschieben«, sagte Katharina gedehnt und schielte sehnsüchtig nach ihrem Bett. Aber sie hatte nicht mit Gittis Beharrlichkeit gerechnet. Es gäbe eine Erzfeindschaft zwischen Ahmed und drei türkischen Jungen in ihrer Klasse, gestern sei die Situation eskaliert und sie habe sich nur mit Müh und Not »über Wasser gehalten«. Sie sei vollkommen am Ende.

»Wenn er nicht provoziert wird, ist er ein richtig lieber Kerl«, versicherte sie. »Und gar nicht dumm, nur mit dem Deutsch hapert es, aber das kriegt der leicht drauf, wenn er mal in Ruhe gelassen wird. Du weißt ja, wie das ist – zu Hause reden sie nur kurdisch …«

Auf einmal war der Störenfried ein lernwilliger Knabe, einer, der Verantwortung übernahm, ein guter Rechner und überhaupt ein recht liebenswerter Junge. Es waren nur diese drei Türken, die ihn immer wieder provozierten … Katharina war erfahren genug, um die Sache richtig einschätzen zu können. Ahmed war einer dieser aggressiven Burschen, die bis über beide Ohren in Problemen stecken. Man konnte solchen Schülern nur schwer beikommen, als Frau schon gar nicht.

»Lass uns morgen nochmal drüber reden, Gitti. Ich bin jetzt zu müde …«

Brigitte war enttäuscht, man hörte es ihrer Stimme an. Morgen würde sie nur wenig Zeit haben – aber nun ja. Solidarität unter Kollegen sei so eine Sache …

»Hat dein Patrik dir was Schönes gekocht?«, fragte sie.

»Will er nachher machen …« Katharina kroch in ihr Bett, das Handy am Ohr.

»Nachher? Ach ja, ich vergaß. Der Herr muss zuerst das Universum erobern, ist es nicht so?«

Katharina gähnte.

»Hat er sich jetzt endlich zum Bachelor angemeldet?«

»Im Wintersemester …«

Warum ließ diese lästige Person sie nicht endlich in Ruhe? Sie sollte einfach das Handy ausschalten und sich hinterher darauf herausreden, dass der Akku den Geist aufgegeben hatte. Aber Katharina mochte solche Schwindeleien nicht.

»Ich versteh ja nicht, wie du es mit diesem Menschen so lange aushältst, Kati. Studiert mal dies, mal jenes und lässt sich von dir durchfüttern. Ist er wenigstens gut im Bett? Wenn er auch da nichts taugt, dann solltest du der Sache ein Ende setzen. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende …«

»Bitte, Gitti, lass uns ein anderes Mal darüber reden. Ich möchte jetzt schlafen, weil ich nachher noch Arbeit habe …«

»Schon gut, es geht mich ja nichts an«, sagte Gitti eingeschnappt. »Ich versteh dich ja so gut, Kati. Es ist immer schwer, sich von der ersten Liebe zu trennen. Er war doch der Erste – oder etwa nicht?«

»Wir sehen uns dann morgen …«

Sie drückte auf die rote Taste und fühlte sich erlöst. Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Ausgerechnet Gitti glaubte, ihr Ratschläge erteilen zu müssen. Brigitte, die seit dem Beginn ihrer Bekanntschaft vor vier Jahren schon den dritten »Lebensabschnittspartner« vor die Tür gesetzt hatte und momentan wieder solo war. Eine Partnerschaft hatte nun einmal Höhen und Tiefen, das musste durchgestanden werden, auch wenn es schwerfiel. Man lief nicht gleich beim ersten Streit auseinander, man hielt zusammen, bot dem Leben die Stirn, verwuchs zu einer Einheit. Schon um der Kinder willen. Woher stammten diese Weisheiten eigentlich? Von ihrer Mutter? Möglich.

Sie legte das Handy auf den Nachttisch, drehte sich auf die Seite und schob das Kopfkissen zurecht. Wie schön das war, endlich die Decke über den Kopf ziehen zu können, sich in der weichen Betthöhle vor allen Ärgernissen und Sorgen zu verkriechen und wegzudämmern.

Höhen und Tiefen … Tatsächlich hatte es in letzter Zeit mehr Tiefen in ihrer Beziehung gegeben und kaum Höhen. Eigentlich gar keine Höhen. Die waren nur am Anfang gewesen, vor sieben Jahren, als sie heiß verliebt war. Damals war sie achtzehn, hatte gerade ihr Abitur gemacht und wäre eigentlich gern Malerin geworden. Stattdessen begann sie, Kunst und Französisch zu studieren, und der erste Mensch, den sie an der Frankfurter Uni traf, war Patrik. Damals war sie schwer beeindruckt von ihm. Er kannte sich überall aus, nahm sie am Abend in die Kneipen mit und – ja, da hatte Brigitte ganz richtig geraten – führte sie auch in die Kunst der Liebe ein. Ausführlich tat er das, zu Anfang hatten sie mindestens zweimal am Tag Sex. Später nur noch einmal in der Woche, dann nur alle zwei Wochen und jetzt … Wann hatten sie das letzte Mal miteinander geschlafen? Vielleicht im vergangenen Monat. Aber schließlich war das nicht das Wichtigste in einer Beziehung. Viel wichtiger war das Menschliche … dass man einander respektierte … vertraute … zueinander pass…

»Kati? Hey, Schatz! Du schläfst ja wie ein Murmeltier.«

Er hatte sich auf den Rand ihres Bettes gesetzt und strich ihr übers Haar. Kitzelte ihre schlafheiße Wange, bohrte den Zeigefinger in ihr rechtes Ohr. Sie grunzte wohlig und drehte sich auf den Rücken, spürte für einen Augenblick seine Hände auf ihren Brüsten. Er versuchte, den BH hochzuschieben, gab aber rasch wieder auf.

»Ich dachte, du wolltest einkaufen«, murmelte er mit sanftem Vorwurf. »Ist schon nach sieben.«

»Ich? Hast du nicht gesagt, du würdest nachher einkaufen?«

Er zog die Stirn in Falten, als könnte er sich nicht erinnern. Seit einiger Zeit trug er das Haar in die Stirn gekämmt, um seine »Geheimratsecken« zu verbergen, und benutzte jede Menge Haarfestiger, damit die Tarnung nicht beim ersten Windhauch aufflog.

»Na schön«, gab er nach. »Ich den Einkauf, du die Küche.«

»Du den Mülleimer«, forderte sie.

Er rollte die Augen. Der sei noch gar nicht voll.

»Wirf den Müll von deinem Schreibtisch dazu, dann ist er voll!«

»Jawohl, Frau Oberlehrerin«, sagte er spöttisch. »Kommt jetzt gleich noch das Ding von wegen: ›Was tust du eigentlich den ganzen Tag über, wenn ich in der Schule bin? Wieso machst du nicht sauber? Putzt keine Fenster? Machst nicht die Betten?‹ Na los doch, Frau von Staden. Ich würde deine Gardinenpredigt gern mal wieder hören, auch wenn ich gestehen muss, dass ich sie bereits auswendig kann …«

Sie musste all ihre Energie aufbieten, um ruhig zu bleiben. Es hatte überhaupt keinen Zweck, sich von ihm provozieren zu lassen. Er liebte die Wortgefechte, brillierte mit Ironie und Eloquenz, außerdem schaffte er es jedes Mal, die Ausgangssituation komplett umzudrehen, sodass sie, Katharina, schließlich als die Schuldige dastand. Leider war das in diesem Fall besonders leicht, denn irgendwo tief in ihrem Denken steckte noch die überkommene Vorstellung, dass die Frau und nicht der Mann für den Haushalt zuständig war.

»Du musst doch sowieso runtergehen, also kannst du den Müll gleich mitnehmen.«

»Soll ich auch gleich die Treppe wischen und die Wände im Treppenhaus neu streichen? Wo ich sowieso runtergehen muss?«

»Sei nicht albern.«

»Du kannst einem wirklich auf die Nerven gehen mit deiner Pingeligkeit!«

Er ließ es dabei bewenden, erhob sich von der Bettkante und verkündete, der Einfachheit halber ihr Portemonnaie mitzunehmen. Er selbst verdiente nur sporadisch Geld, indem er Internetseiten für kleinere Firmen gestaltete. Katharina hatte wenig Überblick, welche Mittel ihm zur Verfügung standen; momentan schien er ziemlich blank zu sein.

Ihre Müdigkeit war verflogen, also stand sie auf und begann, die Küche aufzuräumen, stellte das benutzte Geschirr in die Spülmaschine, wusch zwei Töpfe und eine Pfanne sauber, wischte über die Arbeitsplatte. Befriedigt stellte sie fest, dass er die Mülltüte mitgenommen hatte. Na also. Patrik war wie ein dickköpfiges Kind; man musste nur ruhig und beharrlich bleiben, dann kam man irgendwann zum Ziel.

Schneller als gedacht war er zurück, packte die Einkäufe aus, und sie verstauten die Sachen gemeinsam im Kühlschrank. Natürlich hatte er wieder Steaks gekauft, dazu jede Menge Gelbwurst, die sie nicht mochte, und für morgen Schnitzel mit Pommes.

»Hab extra für dich einen Salat mitgebracht!«

Er kümmerte sich um die Steaks, die sie angeblich nicht richtig zubereiten konnte, dafür wusch sie den Salat und machte ein Dressing. Während sie miteinander in der Küche werkelten, empfand sie ein angenehmes Gefühl der Vertrautheit. Patrik summte vor sich hin, hantierte mit Gewürzdöschen und dem Bratenwender, sie selbst mischte Joghurt und Mayonnaise, fand noch eingefrorene Kräuter, deckte dann den Tisch. Wenn sie sich aneinander vorbeischoben, umfasste er manchmal ihre Taille, grub sein Kinn in ihre Schulter.

»Was hältst du von Nachtisch, Süße?«

»Viel!«

Sie kicherte albern. Mischte Salat, fand noch einen angebrochenen Riesling im Kühlschrank und lief ins Wohnzimmer, um die guten Gläser zu holen. Schaute in den Flurspiegel und kämmte sich rasch das Haar. Dunkelblond und glatt, meist am Hinterkopf mit einer Spange zusammengefasst. Ob sie nicht doch mal eine Dauerwelle versuchte? Oder rostrote Strähnchen? Sie hatte so wenig Mut zu Veränderungen. Auch in Bezug auf ihre Kleidung. Immer nur Hosen und Pullover, höchstens mal eine Bluse, einen Rock ganz selten, Mini niemals. Schon wegen der Schüler.

Vielleicht lag es ja an ihr, dass Patrik das Interesse verloren hatte. Sie machte nichts aus sich. Auch ihr Gesicht war streng geworden, hatte sie etwa schon Furchen in der Stirn? Wäre kein Wunder – die Arbeit in der Schule forderte ihre ganze Kraft, und die Erfolgserlebnisse waren mager.

Patrik war angesichts seines gewaltigen Steaks bester Laune. Sie erzählten sich, was sie den Tag über erlebt hatten, Patrik gab seine Kommentare zu ihren Schulberichten, sie versuchte zu begreifen, welche imaginären Gefahren er gemeinsam mit seinen Kumpanen bestanden hatte, welche Feinde sie ausgemerzt und in die Luft gesprengt hatten. Der Wein tat ein Übriges – es war auf einmal wieder wie früher, sie fühlte sich verstanden und geborgen, im Hintergrund wartete prickelndes Begehren. Sie lachten über die mollige Nachbarin, der heute Mittag auf der Treppe eine Flasche Limo zerschellt war und die dann alle Treppen bis ins Erdgeschoss hatte wischen müssen. Patrik berührte ihre Hand, hielt sie fest und küsste zart ihre Fingerspitzen. Sie erschauerte. Er wusste genau, dass diese Berührung sie verrückt machte.

»Gehen wir rüber?«

Er leerte die Neige aus seinem Weinglas und sah mit glänzenden Augen zu, wie sie aufstand und an ihm vorbei in den Flur ging. Vor der Pinnwand gleich neben der Tür zum Schlafzimmer hatte er sie eingeholt, umfasste sie von hinten und begann, sie mit festen, kreisenden Bewegungen zu massieren. Katharina gab sich der Berührung hin. Sie kannte sein Programm, das er niemals veränderte, doch sie liebte es und fand alles, was er tat, ganz wundervoll.

»Gefällt es dir? Es gibt noch mehr davon. Runter mit diesem verdammten Pullover, Frau Lehrerin …«

Die »Frau Lehrerin« war neu und es gefiel ihr nicht, riss sie aus der Stimmung. Ein roter Zettel an der Pinnwand bohrte sich in ihr Sichtfeld. Was stand da?

KATHARINENKRANKENHAUS STATION 3 HERZCHIRURGIE

»Was … was ist das für eine Notiz?«

Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, hob kurz den Kopf und fuhr dann in seinen Bemühungen fort. »Später«, murmelte er und küsste ihren Nacken.

Sein Atem roch nach Wein, was ihr plötzlich unangenehm war. Und er hätte sich ruhig die fettigen Hände waschen können.

»Die mit dem Krankenhaus.«

Er musste gespürt haben, dass sie nicht mehr bei der Sache war, denn er ließ von ihr ab, schnaufte tief durch und bemerkte dann, er wolle sowieso gleich die Sportnachrichten sehen. »Das hatte ich ganz vergessen. Dein Vater hat heute Morgen angerufen. Er sei im Katharinenkrankenhaus und würde wohl heute oder morgen operiert.«

»Was?«

Sie fuhr herum, vollkommen außer sich vor Entsetzen. Operiert? Wieso das denn? Er hatte doch niemals über Beschwerden geklagt. Operiert? Am Herzen etwa?

Patrik machte beschwichtigende Bewegungen mit beiden Händen und behauptete, es gäbe keinen Grund, sich Sorgen zu machen.

»Es wird ein Bypass gelegt, soweit ich verstanden habe. Eine Routinesache. In ein paar Tagen sei er aus der Klinik, hat er gemeint. Er wollte nur, dass wir Bescheid wüssten …«

Sie konnte es nicht fassen. Die OP war vielleicht längst vorbei, und man hatte ihr nichts davon gesagt. Heute Morgen. Wann denn genau? Wieso hatte er sie nicht in der Schule angerufen? Dann hätte sie die Konferenz sausen lassen, um ins Krankenhaus zu fahren … Sie fand es plötzlich unpassend, mit nacktem Oberkörper vor ihm zu stehen, hob den Pullover auf und zog ihn über.

»Du meine Güte – sonst bis du immer sauer, wenn ich dich in der Schule anrufe!«

»Und wieso hast du nichts gesagt, als ich nach Hause kam?«

»Hab’s halt vergessen. Kann doch mal vorkommen! Bist du vielleicht perfekt? Vergisst du nie was?«

Sie nahm sich zurück, begriff, dass es wenig half, ihm jetzt Vorwürfe zu machen. Doch die Verletzung saß tief. Er hatte ihren Vater niemals leiden können; das hatte seine Vergesslichkeit ganz sicher gefördert.

»Und was ist mit meiner Mutter? Wer kümmert sich um sie?«

Er zuckte mürrisch die Schultern und war schon auf dem Weg zum Wohnzimmer, wo der Fernseher stand.

»Er hat sie in das Heim gebracht. Da, wo sie schon einmal gewesen ist, als er in Kur war. Es ist alles in Ordnung, kein Grund, so ein Theater zu machen.«

Beleidigt verschwand er im Wohnzimmer, und gleich darauf vernahm sie die aufgeregte Stimme eines Fußballreporters vor dem Hintergrund des brodelnden Stadionlärms.

Auf dem Zettel war eine Telefonnummer. Aufgeregt suchte sie nach dem Mobilteil des Telefons, entdeckte es schließlich im Bad auf dem Wasserkasten der Toilette und stellte fest, dass der Akku leer war. Sie holte ihr Handy aus dem Schlafzimmer, verwählte sich zweimal, weil ihre Finger vor Aufregung zitterten. Sie verstand das alles nicht. Wieso hatte Vater nicht vorher davon erzählt? Da war etwas. Etwas Schlimmes. Etwas, was er ihr nicht hatte sagen können. Sie presste das Handy ans Ohr und vernahm den eigenen, laut dröhnenden Puls. Dann die Melodie der gewählten Tasten. Das Klingelzeichen. Das Knacken, als jemand den Anruf annahm.

»Katharinenkrankenhaus, Schwester Berta. Was kann ich für Sie tun?«

Sie erklärte stotternd, wer sie war. Dass ihr Vater – Peter von Staden – in der Herzchirurgie lag. Ob man ihr die Durchwahl geben könne.

»Wir haben mehrfach versucht, Sie zu erreichen, Frau von Staden …«

»Es tut mir leid, der Akku des Telefons war leer …«

»Es wäre gut, wenn Sie vorbeikämen …«

Sie verspürte eine eisige Kälte, ihr Hirn setzte für einen Augenblick aus. Vorbeikommen. Jetzt. Um neun Uhr abends.

»Geht es … geht es meinem Vater nicht gut?«

»Dr. Breimann wird mit Ihnen sprechen.«

Der Arzt würde mit ihr sprechen. Weshalb nicht ihr Vater? Konnte er vielleicht gar nicht mehr reden? War er ohne Bewusstsein? War er vielleicht …

»Frau von Staden? Hallo? Sind Sie noch am Apparat?«

»Ja … Ja, ich komme … In einer halben Stunde bin ich da.«

Patrik war ehrlich erschrocken, als sie totenbleich im Wohnzimmer erschien und ihm erklärte, sofort in die Klinik fahren zu müssen. Das habe er doch nicht ahnen können, murmelte er zerknirscht. Sie solle ruhig bleiben, wahrscheinlich würde sich alles als halb so schlimm erweisen. Nach einer OP sei man halt eine Weile außer Gefecht, das sei ganz normal.

»Ich fahre – du bist jetzt viel zu aufgeregt und baust am Ende noch einen Unfall!«, meinte er besorgt.

Gelegentlich konnte er durchaus fürsorglich sein, was sie ihm hoch anrechnete. Half ihr in die Jacke und legte dann die Arme um sie, presste sie an sich und flüsterte: »Nur Mut, mein Schatz. Was auch kommt, wir stehen es gemeinsam durch.« Er fuhr schnell, aber niemals riskant, vermied es, hart zu bremsen. Die Straßen waren um diese Zeit recht gut passierbar, Miquelallee, Adickesallee, Friedberger Landstraße, dann über Nebenstraßen rechts halten. Die Frauenstimme des Navis sagte mit sanfter Bestimmtheit die Richtung an, und Patrik folgte ihr heute gehorsam, moserte nicht wie gewöhnlich, dass dies die längere Strecke sei und er eine Abkürzung wisse. Wenn sie an einer Ampel hielten, schaute er mit sorgenvoller Miene zu ihr hinüber und nahm ihre Hand.

»Eiskalt … Wenn wir dort sind, besorge ich dir erst mal einen Kaffee, mein Schatz.«

Sie nickte und war auf einmal unendlich froh, dass er bei ihr war. Auch in der Klinik übernahm er die Regie, erkundigte sich an der Pforte nach Peter von Staden und erhielt die Auskunft, er befände sich im zweiten Stock. Die Pförtnerin war Inderin und ganz in Weiß gekleidet.

»Die Nachtschwester wird Ihnen Zimmernummer sagen.«

»Ach … Und der Arzt? Doktor … wie hieß er doch, Kati? Richtig. Doktor Breimann.«

»Ist unten bei Notaufnahme. Später er wird Zeit für Sie nehmen.«

»Na schön. Vielen Dank. Komm Schatz, dort drüben ist der Aufzug.«

Er legte den Arm um ihre Schultern und zog sie mit sich fort, betätigte die Knöpfe, um den Aufzug herbeizurufen, und fluchte, weil es ihm zu lange dauerte. Katharina ließ ihn gewähren. Etwas in ihrem Inneren war zu Stein geworden, fühlte sich hart und kalt an, sie konnte kaum schlucken, so presste es ihr die Kehle zu. Angst. Die Ahnung von etwas Schrecklichem. Etwas, das niemals wieder gut wurde. Als sie neben Patrik in der Aufzugskabine stand, schaffte sie es nur knapp, sein aufmunterndes Lächeln zu erwidern. Dann traten sie in den langen, hellgrün gestrichenen Flur, und der scheußliche Geruch warf sie fast um. Alle Krankenhäuser rochen nach irgendwelchen Desinfektionsmitteln, aber heute erspürte sie darunter die Ausdünstungen der Kranken, Schweiß und die Reste des Abendessens, Blut, Kamillentee, Urin und Eiter. Und noch etwas anderes, das sie nicht benennen konnte, das ihr aber unnennbare Furcht einjagte.

»Warte hier, Schatz. Setz dich. Bin gleich wieder bei dir …«

Er lief davon, um die Nachtschwester aufzutreiben, sie hörte seine Schritte durch den Flur hallen, und ihr wurde plötzlich bewusst, wie totenstill es hier war. Das Licht der Neonlampen an der Decke zitterte leicht bläulich, das helle Linoleum des Fußbodens verlor sich in der Ferne und endete an einem dunklen Fenster. Kunstdrucke hie und da an den Wänden in rahmenlosen Bildhaltern: Hundertwasser, Chagall, Franz Marc … Unvergängliche Kunst, die hier zur bunten Trostdekoration gebraucht wurde, Bilder, deren lebendige Kraft in diesem toten Flur erstarrte. Katharina saß steif auf einem mit Plastik bezogenen Stuhl und presste die Knie zusammen. Die Starre legte sich auch über sie, ließ ihren Atem flach werden und nahm ihr die Kraft zu denken.

Weit hinten, gleich neben dem dunklen Fenster, öffnete sich lautlos eine Tür, und eine weißgekleidete Schwester betrat den Flur. Die Nachtschwester? Patrik suchte sie auf der anderen Seite beim Büro. Die kleine weiße Erscheinung näherte sich rasch, der Schleier über ihrem Kopf flatterte, sodass sie ihn festhalten musste. Wie schaffte sie es nur, dass man ihre Schritte nicht hörte?

Auch sie war Inderin. Sie blieb vor Katharina stehen und sah sie mit dunklen, mitleidsvollen Augen an.

»Ich wollte … Mein Vater. Peter von Staden. Man sagte mir, ich solle vorbeikommen …«

Sie fand es peinlich, dass sie derart zusammenhangslos daherstammelte, doch in ihrem Kopf war Panik.

»Ihr Vater?«

»Ja. Peter von Staden ist mein Vater. Kann ich zu ihm?«

Der Blick der Inderin wurde noch um einige Nuancen mitfühlender. Sie ergriff Katharinas Hand und drückte sie. »Erst wenn gesprochen mit Doktor Breimann. Hier warten. Bitte.«

»Was ist mit meinem Vater? Warum darf ich nicht zu ihm?«

Die Schwester machte eine sanfte verneinende Gebärde und wiederholte, dass sie zuerst mit dem Doktor reden müsse. Hier warten. Nicht mehr lange. Dann griff sie in eine Tasche ihres langen, weißen Gewands und streckte Katharina einen Gegenstand entgegen, den sie in der gekrümmten Hand verbarg. Sie nahm Katharinas rechte Hand und ließ etwas Kleines, Kühles hineingleiten. Ein goldener Ring. Schmal und abgeschliffen in mehr als vierzig Jahren. Der Trauring ihres Vaters.

»Warten bitte. Doktor kommt gleich …«

Sie lächelte, legte die Hände flach gegeneinander und beugte den Kopf ein wenig vor, als wollte sie eine höfliche Verneigung machen. Dann schwebte sie lautlos davon wie eine nächtliche weiße Taube. Kurz darauf erschien Patrik, lärmend, die Glastür schlug knirschend hinter ihm zu.

»Die verdammte Nachtschwester ist nicht aufzutreiben. Aber der Arzt ist in seinem Zimmer und wartet auf dich …«

Er stockte, weil er erst jetzt bemerkte, dass Katharina weinte.

»Ach, Schatz … Wird schon nicht so schlimm sein … Was is’n das?«

Er besah verständnislos den goldenen Ring, nahm ihn in die Hand und drehte ihn hin und her.

»Der Trauring meines Vaters … Die … Schwester … hat ihn mir … gegeben …«

Er starrte sie an, sah dann wieder auf den Ring und begriff.

»Scheiße!«

Danach fiel ihm nichts mehr ein. Deprimiert drehte er den schmalen Reif zwischen den Fingern, wusste nicht recht, was er damit tun sollte, und reichte ihn ihr schließlich mit großer Bedachtsamkeit, wie eine wertvolle Antiquität. Dann atmete er tief durch und legte eine Hand auf ihre Schulter.

»Bringen wir’s hinter uns.«

Dr. Breimann sah sehr jung aus: ein smarter, blonder Mann, blauäugig, schmalgesichtig und vermutlich sehr sportlich. Der Bildschirm des Computers auf seinem Schreibtisch leuchtete hellblau, er drehte ihn weg und stand auf, um Katharina von Staden und ihrem Begleiter die Hand zu geben.

»Es tut mir unendlich leid, Frau von Staden … Mein tiefes Mitgefühl … Ich habe Ihren Vater zwar nicht operiert, doch wir hatten heute Nachmittag ein kurzes Gespräch …«

Er war gegen fünf Uhr am Nachmittag gestorben. Völlig überraschend, denn die Bypass-Operation am Morgen war ohne Komplikationen verlaufen. Man hatte ihn auf die Intensivstation gebracht, und dort hatte Dr. Breimann ihn noch gegen vier gesprochen.

»Hat er … nach mir gefragt?«

Der Arzt machte eine bejahende Geste. Er hätte diesen Umstand möglicherweise verschwiegen, um die junge Frau nicht in Gewissensnöte zu bringen, doch nun berichtete er wahrheitsgemäß, dass Peter von Staden ihn gebeten hatte, seine Tochter zu benachrichtigen. Leider war es jedoch nicht möglich gewesen, sie unter der angegebenen Telefonnummer zu erreichen.

»Ich hatte fast den Eindruck, dass er etwas geahnt hat. Er wollte Ihnen noch irgendetwas sagen …«

Patrik stöhnte auf, und sie fand die Seelenstärke, ihn zu trösten. Nein, es sei nicht allein seine Schuld gewesen. Ihr Vater habe Handys abgelehnt und deshalb auch ihre Handynummer nicht wissen wollen.

»Und Sie hatten keine Ahnung? Das ist seltsam. Er muss Atembeschwerden gehabt haben, auch das Treppensteigen war vermutlich ein Problem für ihn.«

Sie erfuhr, dass er schon gestern zur Vorbereitung der OP in der Klinik gewesen war. Auch das hatten sie nicht gewusst.

»Er war keiner, der jammerte«, sagte sie leise. »Er hat niemals viel Aufhebens um sich gemacht. Es war immer meine Mutter, die bestimmte und redete …«

»Das ist wahr«, bestätigte Patrik, der froh war, etwas sagen zu können. »Dein Vater war immer sehr still. Fällte einsame Entscheidungen. Ein sehr verschlossener Mensch.«

Sie schwieg. Eine tiefe Kluft tat sich plötzlich zwischen ihnen auf. Niemals würde Patrik verstehen, wie sehr sie ihren Vater geliebt hatte. Viel mehr als ihre Mutter, die sich in alles einmischte, alles bestimmen wollte, alles zerredete. Wäre ihre Mutter gestorben, dann wäre sie wohl traurig gewesen, doch sie hätte nicht dieses lähmende Gefühl eines unersetzlichen Verlusts empfunden. Sie und Vater hatten einander ohne viele Worte verstanden; in seiner stillen Art hatte er weit mehr von ihr gewusst, als die Mutter je geahnt hatte.

Eine Lampe leuchtete rot auf, zugleich ertönte ein lauter Summton. Dr. Breimann hob den Kopf, um festzustellen, aus welcher Abteilung der Notruf kam.

»Er hat nicht angedeutet, was er mir mitteilen wollte?«

»Nein. Leider. Wenn Sie Abschied nehmen möchten, bringe ich Sie jetzt zu ihm.«

»Ja …«, sagte sie leise. »Bitte …«

Sie hatte Angst davor, den Toten zu sehen. Vor einigen Jahren war ein Onkel gestorben, ein Bruder ihrer Mutter, den man nach altem Westerwälder Dorfbrauch im Haus aufgebahrt hatte. Der Anblick war nicht schön gewesen, das Gesicht in den blütenweißen Plastikspitzen gelblich, die Nase spitz, um die geschlossenen Augen dunkle Krater. Der Leichnam hatte keinerlei Ähnlichkeit mit Onkel Hans gehabt, so wie sie ihn in Erinnerung hatte.

Der junge Arzt hatte es eilig, sprach einige Sätze in ein Mobiltelefon, während sie durch den Flur hasteten. Zweimal öffnete er die falsche Tür, dann endlich ließ er sie in einen kleinen, weiß gestrichenen Raum eintreten, der von einer spanischen Wand in zwei Hälften geteilt wurde. Der Tür gegenüber stand ein Bett, das mit einem weißen Laken abgedeckt war, darunter erkannte man die Form eines menschlichen Körpers.

»Verzeihung«, sagte der Arzt. »Einen Augenblick …«

Das Mobiltelefon summte, wurde von ihm jedoch ignoriert. Er ging zum Kopfende des Bettes und hob sacht das Laken an, verharrte einen Moment, um sicher zu sein, dass es auch der Richtige war, dann schlug er das Tuch zurück.

Ihr Vater lag friedlich auf dem Rücken, die Augen geschlossen, die Gesichtszüge entspannt, als hielte er nur sein Nachmittagsschläfchen. Jemand musste ihm das dichte weiße Haar glatt gekämmt und die Hände über der Brust gefaltet haben – ohne Zweifel eine der indischen Schwestern.

»Ich muss jetzt leider zu einem Notfall – schließen Sie nachher einfach die Tür, ich sage der Nachtschwester Bescheid …«

Katharina trat vorsichtig einige Schritte näher zu dem Bett. Wie seltsam der große, kräftige Mann doch in diesem weißen Krankenhaushemd aussah. Und doch, wenn sie sein Gesicht betrachtete, hatte sie das Gefühl, ihn einfach nur rufen zu müssen, dann würde er die Augen aufschlagen und sie verlegen anlächeln. »Habe ich etwa geschlafen? Na so was, ich wollte nur ein wenig sitzen und ausruhen …«

»Was hält er denn da für ein Bild in den Händen?«, fragte Patrik, der ihr nach anfänglichem Zögern gefolgt war.

Katharina war das Bildchen bisher gar nicht aufgefallen. Es lag mit der Rückseite nach oben in seinen gefalteten Händen – hatten die frommen Schwestern ihm ein Heiligenbildchen verpasst? Der Gedanke gefiel ihr nicht, denn ihr Vater war schon vor Jahren aus der Kirche ausgetreten. Den Grund hatte sie nie erfahren, doch sie hatte seine Entscheidung stets respektiert.

»Ich glaube, es ist eine alte Fotografie«, meinte Patrik. »Ein Foto von deiner Mutter vielleicht?«

Eigentlich ging es sie nichts an. Ihr Vater hatte dieses Foto mit in die Klinik genommen, weil es ihm wichtig war. Sollte sie neugierig sein? Oder respektieren, dass dieses Foto nur ihn allein betraf? Es war vielleicht ein Kinderbild von ihr selbst. Ein Bild von ihrer Mutter aus guten Zeiten. Oder … oder hatte es noch eine andere Frau in seinem Leben gegeben? Was für ein absurder Gedanke. Und doch: Vielleicht hatte dieses Foto ja etwas mit dem zu tun, was er ihr noch hatte sagen wollen?

Sie berührte sacht seine rechte Hand. Sie war hart und sehr kühl. Dann hob sie eine Ecke des Bildchens an und versuchte, etwas zu erkennen. Ein altes Schwarz-Weiß-Foto. Das Gesicht einer dunkelhaarigen jungen Frau, die ihr völlig unbekannt war. Sie wich zurück, ärgerlich, dass sie dieses Geheimnis ihres Vaters aufgedeckt hatte.

»Na und?«, fragte Patrik neugierig. »Wer ist es?«

»Meine Mutter«, log sie.

»Da schau her«, murmelte er. »Möchtest du noch länger hierbleiben?«

Sie schüttelte den Kopf. Eigentlich hätte sie jetzt weinen müssen, doch sie fühlte sich nur unendlich müde und innerlich leer. Er war gegangen mit dem Bild einer fremden Frau in seinen Händen. Die Erklärung dazu hatte er ihr nicht mehr geben können. Es war gut so – sie wollte es im Grunde auch gar nicht wissen.

Sie schlossen die Tür hinter sich, und Patrik legte den Arm um sie, während sie den Flur entlang zum Aufzug gingen. Eine weiße Taubenschwester flatterte an ihnen vorüber, lächelte ihnen zu und verschwand. In einer Nische stand ein Krankenhausbett, in dem eine weißhaarige Frau schlief. Ein Plastikbehälter hing an einem Ständer neben dem Bett, daraus führte ein durchsichtiger Schlauch unter ihre Bettdecke.

Patrik atmete tief durch, als sie ins Freie traten. Es war kalt und dunkel, im Schein der Straßenlaternen konnte man die kleinen Regentropfen sehen, die ein sachter Wind ihnen entgegentrieb. Sie beugten sich vor und liefen dicht nebeneinander zum Auto, froh, eine Zuflucht vor Kälte, Dunkelheit und den beklemmenden Eindrücken zu finden. Als Patrik die Scheinwerfer einschaltete und der Motor lief, ging es Katharina ein wenig besser. Sie drehte die Heizung hoch und zog die Jacke eng um den Körper.

»Wenn du willst, helfe ich dir«, meinte Patrik, als sie schon wieder auf der Friedberger Landstraße waren. »Es wird eine Menge Verwaltungskram auf dich zukommen. Beerdigung, Rente, Versicherung … Und dann deine Mutter.«

Katharina war noch nicht so weit, über diese praktischen Dinge nachzudenken. Wann hatte sie zuletzt mit ihrem Vater gesprochen? Vor drei Tagen? Oder war es länger her? An irgendeinem Sonntag im Februar waren sie bei ihren Eltern zu Besuch gewesen … Damals schien alles wie immer.

»Und dann das Haus in diesem Taunuskaff«, fuhr Patrik fort. »Das kannst du nicht leer stehen lassen. Am besten wäre es, die Hütte zu verkaufen …«

»Das Haus gehört meiner Mutter …«

»Die musst du entmündigen lassen, damit du an das Geld herankommst. Hoffentlich haben deine Eltern was auf der hohen Kante, sonst musst du am Ende noch für deine Mutter aufkommen. Aber immerhin ist ja das Haus da. Ist es wenigstens schuldenfrei?«

»Bitte, Patrik, lass mich mit diesen Dingen jetzt in Ruhe!«

Er zuckte die Schultern und überfuhr eine Kreuzung bei Gelb. »Ich mein ja nur …«

Die Beerdigung fand auf dem kleinen Dorffriedhof bei Blitz und Donner statt. Mehrfach musste der Pfarrer die Ansprache unterbrechen, weil das Gewitter seine Stimme übertönte; auch der Frauenchor klang dünn zu den zitternden Tönen des elektrischen Harmoniums. Als die Trauergemeinde die Friedhofskapelle verließ, um den Sarg zum Grab zu geleiten, prasselten dicke Hagelkörner aus den schweren Wolken. In großer Eile löste sich die Versammlung auf. Die Steinbacher rannten davon, um ihre Autos und Gärten vor den Geschossen in Sicherheit zu bringen, die auswärtigen Trauergäste – zwei Schwestern des Verstorbenen mit Ehepartnern – zogen sich wieder in die schützende Kapelle zurück. Nur der Pfarrer und die sechs Sargträger trotzten dem Unwetter, und auch Katharina war entschlossen, den Vater bis zum Grab zu begleiten. Patrik folgte in einigem Abstand; er kämpfte mit seinem Regenschirm, der aufgrund des heftigen Beschusses immer wieder zuklappen wollte.

Was der Pfarrer am Grab sagte, ging im Hagelsturm vollkommen unter, aber es war nicht viel mehr als die üblichen Segensworte und das gewaltige und zugleich erlösende Wort: »Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.«

Die Sargträger waren Profis; sie hatten sich gegen Kälte und Wind mit mehreren Lagen des einheimischen Birnenschnapses gestärkt, bevor sie ans Werk gingen. Katharina sah den Sarg ihres Vaters samt dem Rosengesteck von Tante Alice langsam in der mit einer grünen Matte bespannten Graböffnung versinken, während ringsum die weißen Hagelkörner auf den polierten Grabsteinen tanzten. Eigentlich war es ein höchst feierlicher Augenblick, zu dem bei jeder Beerdigung reichlich Tränen flossen. Doch die skurrile Trommelbegleitung und die Donnerschläge aus den Gewitterwolken über ihnen ließen die Beteiligten nach getaner Arbeit mit hastigen Schritten zur Kapelle zurücklaufen, und Katharina fiel erst später auf, dass sie ihrem Vater nicht einmal die übliche Schippe Sand mit ins Grab gegeben hatte.

Später saß man in der Dorfhalle an langen Tischen, um Hefekuchen zu essen und Kaffee zu trinken, danach gab es Schnäpse und Liköre, sodass die zunächst gedrückte Stimmung nach einer knappen Stunde in Wohlbehagen umschlug. Katharina hatte sich um diese Feierlichkeit nicht kümmern müssen, die Frauen im Dorf übernahmen die Organisation. Kuchen, Kaffee und geistige Getränke waren schon im Voraus bezahlt worden – ihr Vater hatte alles geregelt.

Sie hätte es sich eigentlich denken können, dass er diese letzten Dinge nach seinen Vorstellungen geordnet hatte. Sein Testament war bei einem Notar hinterlegt, darin erklärte er seine Tochter Katharina zur Universalerbin, mit der einzigen Auflage, dass sie sich um ihre Mutter kümmern musste. Was sie sowieso getan hätte. Es gab einiges Barvermögen – ihr Vater war Beamter beim Straßenbauamt gewesen und hatte seine Ersparnisse durch geschickte Aktiengeschäfte vermehrt. Dieses Geld würde sie vorerst nicht antasten, es war für ihre Mutter bestimmt, die im Heim versorgt werden musste.

Am Abend fanden sich die Familienmitglieder in Katharinas Elternhaus zusammen. Tante Alice machte sich in der Küche zu schaffen, schmierte Schnittchen mit Leberwurst und Hausmacher Rotwurst, Katharina holte ein Glas mit Gewürzgürkchen aus der Speisekammer, die vermutlich ihre Mutter noch eingemacht hatte. Onkel Max und sein Schwager Wilhelm hatten den Weinkeller inspiziert und einige Flaschen mit heraufgebracht, die sie vorsichtshalber im Wohnzimmer testen wollten, damit sie den Damen nicht etwa verdorbenen Wein anboten. Patrik war mit Tante Gudrun in die Garage gegangen, um Vaters Audi in Augenschein zu nehmen.

»Die Bremsbeläge sind komplett durch, und das Getriebe macht’s auch nicht mehr lange«, hörte Katharina seine Stimme im Flur. Er sprach im lässigen Ton des Fachmannes, der sich gutmütig herablässt, einer Unkundigen guten Rat zu erteilen. Die Haustür schlug zu, ein Schirm wurde ausgeschüttelt. Tante Gudrun beklagte sich über das scheußliche Regenwetter.

»Ich versteh das nicht«, sagte sie, in die Küche eintretend. »Der Wagen ist doch erst drei Jahre alt. Und Peter hat meines Wissens in letzter Zeit keine längeren Fahrten mehr unternommen.«

»Kurzstrecken«, meinte Tante Alice und zog wissend die Augenbrauen in die Höhe. »Kurzstrecken ruinieren jedes Auto. Er hat die Elli doch immer zum Einkaufen fahren müssen, zu den Ärzten und was weiß ich, wohin noch. Für schöne Reisen ist ihm da keine Zeit mehr geblieben.«

»Ja, er war gutmütig ohne Ende. Habt ihr Salzstangen?«, fragte Tante Gudrun, die den Küchentisch gleich einer Feldherrin überblickte. »Zu Käseschnittchen passen nur Salzstangen.«

»Vielleicht im Wohnzimmerschrank. Er hat ja alles großartig in Ordnung gehalten. Und dabei die demente Frau betreut. Das wird ihn Jahre seines Lebens gekostet haben …«

»Ja, die Elli war keine einfache Person, auch früher nicht. Gib doch mal das Käsemesser, Kati. Emmentaler, den hat er immer so gern gegessen …«

»Wird deine Mutter einen Platz im Altenheim bekommen, Kati? Dort wäre sie ja wohl am besten aufgehoben …«

»Ich schau mal nach den Salzstangen …«, sagte Katharina.

Im Flur holte sie tief Luft. Wenn dieser Abend doch schon vorbei wäre! Das Geschwätz der Tanten war ihr schon immer lästig gewesen; heute hätte sie sich am liebsten die Ohren zugestopft.

Im Wohnzimmer hatten sich die beiden Onkel über Vaters Humidor hergemacht, den er von seinen Kollegen im Bauamt zu seiner Pensionierung geschenkt bekommen hatte. Ein Kasten aus Teakholz mit Glaseinsätzen und einem Befeuchter, ein edles Stück, über das sich Vater damals sehr gefreut hatte.

»Du hast doch sicher nichts dagegen, wenn wir uns eine genehmigen, Kati?«

Onkel Max hatte die Zigarre seiner Wahl bereits herausgenommen und drückte an der Spitze herum, Onkel Wilhelm spuckte Tabakbrösel, die er fachmännisch von der Havanna abgebissen hatte. Die Weingläser, die sie aus der Vitrine genommen hatten, waren noch halb gefüllt, eine der Flaschen bereits geleert. Sie schienen den Test sehr ernst zu nehmen.

»Natürlich nicht«, sagte sie höflich. »Ich werde sie gewiss nicht rauchen, und Patrik ist Zigarettenraucher.«

»Ach!«, meinte Onkel Max schnell, bevor Onkel Wilhelm den Mund auftun konnte. »Dann brauchst du das gute Stück wohl gar nicht?«

»Der Humidor ist ein Andenken an meinen Vater!«

Die Feststellung klang recht energisch, sodass Onkel Max rasch zurückruderte, während Onkel Wilhelm froh war, nicht zu Wort gekommen zu sein. Natürlich, es war nur allzu verständlich, dass sie daran hing. Wo der Verlust noch so frisch war. Aber vielleicht würde sie ja später einmal daran denken, sich von dem hübschen Teil zu trennen. Und dann wäre es doch schade, wenn ihr Freund es bei eBay verschleuderte …

Sie fand mehrere Tüten Salzbrezeln im Schrank, Vater hatte dort ein Depot angelegt, weil Mutter dieses Zeug seit ihrer Demenz pausenlos vor sich hin mümmelte. Patrik war inzwischen verschwunden, vermutlich beschäftigte er sich mit Vaters Modellbauten, die er fotografieren und bei eBay anbieten wollte. Katharinas Vater hatte eine Leidenschaft für historische Segelschiffe gehabt, die er minutiös gemäß den Abbildungen in einem Bildband in verkleinertem Maßstab nachbaute. Seine Schiffsmodelle waren so perfekt, dass man sie sogar im Gartenteich schwimmen lassen konnte, ohne dass sie Schlagseite bekamen und untergingen. Einige dieser Schifflein wollte Katharina auf jeden Fall behalten, vor allem diejenigen, die er gebaut hatte, als sie noch klein war. In ihrer Stadtwohnung war nicht viel Platz, sie würde überhaupt nur wenige Stücke aus ihrem Elternhaus mitnehmen können. Das Haus sollte leer geräumt und verkauft werden, so hatten Patrik und sie es beschlossen, denn beide waren an das Leben in der Großstadt gewöhnt. Hier in dem winzigen Steinbach zu wohnen war undenkbar.

»Patrik? Es gibt Schnittchen. Komm doch bitte herunter!«, rief sie die Treppe hinauf.

»Komme gleich …«

»Beeil dich, sonst bleibt nichts für dich übrig!«

Es war gelogen, denn die Tanten hatten Berge von Schnittchen hergestellt, garniert mit Salzstangen, Essiggürkchen und Zwiebelringen, die Onkel Wilhelm besonders gern zur Leberwurst aß. Aber Katharina war nicht wohl bei dem Gedanken, dass Patrik dort oben in Vaters Schubladen herumwühlte. Obgleich sie sich fast sicher war, dass Vater nichts hinterlassen hatte, was auf die fremde Frau hinwies. Schon weil Mutter in guten Zeiten jeden Winkel und jede Schublade beherrschte. Immerhin war das Foto ihrer Aufmerksamkeit entgangen – wo er es wohl versteckt gehalten hatte?

Während sie zwischen Onkel Max und Tante Gudrun auf dem Wohnzimmersofa saß und ein Käseschnittchen kaute, fühlte sie sich immerhin erleichtert, dass die Beerdigung vorbei war. Es war lächerlich gewesen, eine Situation zu fürchten, die es höchstens in schlechten Filmen gab. Doch sie hatte tatsächlich Angst gehabt, die Unbekannte könnte zu Vaters Beerdigung in der Friedhofskapelle erscheinen. Ihre Phantasie hatte ihr eine zierliche Frau in Schwarz vorgegaukelt, großstädtisch gekleidet mit Kostüm, Hut und dunklem Schleier, das Gesicht trotz ihres Alters schön und jugendlich … Meine Güte – sie hatte sich doch tatsächlich mindestens fünfmal umgedreht, um die Trauergäste in den hinteren Sitzreihen zu mustern. Was man wohl von ihr gedacht hatte? Natürlich war die Unbekannte nicht aufgetaucht, weshalb auch? Vermutlich wohnte sie weit entfernt in einer anderen Stadt und wusste gar nicht, dass Vater gestorben war. Wenn sie überhaupt noch am Leben war.

»Was ist denn jetzt mit dem Audi?«, wollte Tante Gudrun wissen. »Du hast doch ein Auto, Kati. Dann brauchst du den Wagen ja nicht. Kostet nur Versicherung und Steuer für nichts und wieder nichts …«

Sie bot tausend Euro für den Wagen, das sei ein guter Preis angesichts der Tatsache, dass sie und ihre Schwester ja vom Nachlass ihres Bruders ansonsten ausgeschlossen seien. Der liebe Peter hätte sich gewiss gefreut, seinen Wagen bei ihr in guten Händen zu wissen …

Patrik blinzelte schräg zu ihr hinüber. Katharina wusste, dass er scharf auf den Audi war, er suchte seit Monaten einen gebrauchten A3 im Internet, der Kauf war jedoch immer wieder an seiner geringen Barschaft gescheitert. Eigentlich passte es ihr nicht, dass Patrik, der kaum etwas anderes tat, als »World of Warcraft« zu spielen, nun Vaters Auto für sich beanspruchte. Er hatte es nicht verdient, und sie glaubte zu wissen, dass ihr Vater damit keineswegs einverstanden gewesen wäre. Vorsichtshalber erklärte sie Tante Gudrun, den Wagen selbst fahren zu wollen, worauf Onkel Wilhelm behauptete, nichts anderes erwartet zu haben.

»Wenn ihr vielleicht ein Möbelstück oder ein Bild haben möchtet. Ich meine, als Andenken an Vater …«

»Danke – wir sind selbst gut ausgestattet«, sagte Tante Gudrun beleidigt.

»Höchstens das Silber …«, ließ sich Tante Alice vernehmen.

Überraschenderweise erhob jetzt der sonst so fügsame Ehemann heftigen Widerspruch. Vom Rheinwein ermutigt, erklärte Onkel Max, er habe bereits jetzt ihre silbernen Gäbelchen, Obstmesserchen und Zuckerzangen bis oben hin satt. Der ganze Plunder, mit dem sie daheim ihre Schränke vollgestopft habe, Moccatässchen, Teekännchen, Sahnelöffelchen und Kristallväschen, sei zu nichts anderem nütze, als dumm herumzustehen.

»Du bist ja betrunken!«, zischte Tante Alice.

»Unsinn«, rief er und hob das Glas. »Aber wir trinken jetzt auf meinen Schwager Peter, das hat er verdient. Prost, Peter, wo immer du auch sein magst. Bist ein anständiger Bursche gewesen. Wenn auch mit … mit kleinen Fehlern …«

»Jawoll«, stimmte Onkel Wilhelm ein und hob solidarisch sein Weinglas. »Ein guter Kerl, das war er. Mit kleinen … kleinen Fehlern. Der größte … größte Fehler, das war die Elli!«

Tante Alice und Tante Gudrun wechselten besorgte Blicke, denn der Rheingauer Riesling hatte ganze Arbeit geleistet. Tante Gudrun bemerkte, man würde sich morgen beim Frühstück noch einmal in Ruhe unterhalten. Sie habe ihrem Bruder vor zwei Jahren einen Satz hellblau karierter Bettwäsche geschenkt, dazu auch Betttücher und zwei Bezüge für die Paradekissen. Diese Sachen würde sie eventuell für ihren Sohn Rolfie mitnehmen, der ja doch auch eine Erinnerung an seinen Onkel Peter haben wolle.

Onkel Max kämpfte mit einem Schluckauf, den er mit einem tiefen Zug aus seinem Weinglas verscheuchte. Tante Alice sah die Lage außer Kontrolle geraten, bewahrte jedoch energisch die Fassung.

»Weiß deine arme Mutter, dass sie nun Witwe ist?«, erkundigte sie sich bei Katharina. Sie musste mit erhobener Stimme sprechen, da der Lärm im Wohnzimmer zunahm.

»Elli, Elli – du entschwandest«, sang Onkel Wilhelm mit knödeligem Tenor. »Und mit dir mein Portemonnaie …«

Der Onkel war seit dreißig Jahren Mitglied im Männergesangverein »Sangeslust 1845«. Onkel Max bekam auf den Vortrag hin einen Lachanfall, der in einen Hustenanfall überging. Als er in beängstigender Weise zu keuchen begann, klopfte ihm Patrik auf den Rücken, damit er wieder Luft bekam.

»Wir haben es Mutter gesagt, aber ob sie es hat aufnehmen können, ist nicht sicher«, versuchte Katharina gegen den Lärm anzureden. »Wolltet ihr sie nicht im Heim besuchen?«

Sie schob die Weinflasche beiseite, aus der Onkel Wilhelm ihr schwungvoll eingießen wollte.

»Ich denke, wir werden das bei unserem nächsten Besuch tun, liebe Kati«, gab Tante Gudrun liebenswürdig zurück und riss ihrem Gatten die Flasche aus der Hand. »Wir sehen uns ja gewiss bald wieder. Und deine Mutter würde uns sowieso nicht erkennen …«

»Im tie-fen Ke-ller sitz ich hier …«, intonierte Onkel Wilhelm und tätschelte den Oberschenkel seiner Schwägerin Alice. Die schrie auf und schlug ihm auf die Finger, ein Weinglas ging zu Bruch, zwei leere Flaschen rollten über den Teppich.

»Jetzt reicht’s«, kreischte Tante Alice.

Tante Gudrun versuchte, ihren Gatten aus dem Sessel zu zerren, das gelang jedoch erst, als Patrik ihr zu Hilfe kam.

»… in a-hei-ne-hem Fass voller Re … ben … Hör auf, an mir herumzuzerren, Weib!«

»Du gehst jetzt ins Bett und schläfst deinen Rausch aus!«

»Rausch? Ich bin stocknüchtern!«

»Stockbesoffen bist du!«

»Mir … mir ist … schlecht!«, äußerte der Onkel, als er endlich leicht schwankend auf den Füßen stand.

»Das war zu erwarten«, sagte Tante Gudrun kühl. »Sei so lieb, Kati, und stell einen Plastikeimer ins Gästezimmer …«

Es dauerte ein Weilchen, bis die Tanten ihre Ehehälften die Treppe hinaufbugsiert hatten; danach rumorte es heftig im Badezimmer, und man vernahm Onkel Wilhelms Tenorstimme, die eine Arie von Mozart intonierte. Die Dusche machte dem Vortrag ein rasches Ende.

»Deine Verwandtschaft ist echt zirkusreif«, bemerkte Patrik grinsend. »Sieben Flaschen Wein haben sie vernichtet.«

Da Schlafzimmer und Gästezimmer besetzt waren, blieb für Katharina und Patrik nur das Wohnzimmer. Sie trugen die Reste der Schnittchen in die Küche, weil Katharina den Zwiebelgeruch nicht mehr ertrug, dann suchten sie sich Kissen und Wolldecken zusammen und lagerten sich, so gut es ging, auf den Polstermöbeln.

Morgen, dachte sie. Morgen fahren sie nach Hause, und wir sind sie endlich los. Der Gedanke erleichterte sie, und sie glitt sanft über die Schwelle des Bewusstseins hinüber in die unendlich weite Landschaft der Träume. Dort fuhr sie auf schwankenden Wogen über ein hellblau schimmerndes Meer, über ihr bauschten sich mächtige Segel, hölzerne Rahen und Masten knarrten. Sie befand sich auf einem Dreimaster, den ihr Vater vor Jahren gebaut hatte. »Seacloud« war sein Name gewesen, er hatte damals monatelang daran gearbeitet, und sie hatte zugeschaut, wie er die einzelnen Teile aus Holz zurechtsägte und ineinanderpasste.

»Wohin fahren wir?«

Er stand dicht neben ihr, sein weißes Haar wehte im Wind. Er schwieg zunächst, wie er es oft getan hatte, wenn sie Fragen stellte, dann aber sah er sie ernsthaft mit hellen, blauen Augen an. Mit den Augen eines Seemanns, der gewohnt ist, in die Weite zu schauen.

»Wohin der Wind uns trägt, Kati.«

Sie spürte das Schwanken und Schlingern, hörte das Knirschen der Taue, das Knattern der Segel im scharfen Wind.

»Aber wohin trägt er uns, Vater?«

Sie sah zu ihm auf, doch er war verschwunden. Ein tiefer Schmerz erfasste sie, und sie irrte über das Deck, hielt sich an der Reling fest, um nicht zu fallen, suchte hinter Taurollen und Aufbauten, schaute in die Kajüte, wo mehrere Männer an einem langen Tisch saßen. Sie hoben die Köpfe und musterten sie schweigend: bärtige Seeleute, einige noch jung, die meisten schon grau und wettergegerbt. Sie kannte keinen einzigen.

»Habt ihr meinen Vater gesehen?«

Einer der Männer erhob sich und deutete stumm mit der Hand zum Bug hinüber. Sie verließ die Kajüte, lief über das Deck nach vorn, bis die Sicht zum Bug frei war. Dort stand eine schwarzgekleidete Gestalt, zierlich, in Kostüm und Schleierhut. Während sie sie noch anstarrte, drehte sich die Erscheinung herum und schob den Schleier auseinander. Eine junge Frau, braune Augen, ein herzförmiges Gesicht, ein kleiner Mund mit vollen Lippen.

»Du bist es also!«, sagte Katharina im Traum.

Das Frühstück am folgenden Tag – es war ein Samstag – fand mit leichter Verspätung statt. Die Tanten hatten die Herrschaft in der Küche übernommen, Patrik wurde zum Brötchenkauf geschickt, Katharina blieb die Aufgabe, das Wohnzimmer in einen annehmbaren Zustand zu versetzen und den Frühstückstisch mit Mutters Rosenthal-Service zu decken.

Man plauderte über dies und das, wobei die Tanten es geflissentlich vermieden, ihren verstorbenen Bruder zu erwähnen. Katharina war nicht traurig darüber – das Verhältnis zwischen ihrem Vater und seinen beiden jüngeren Schwestern war niemals herzlich gewesen. Früher hatte sie geglaubt, ihre Mutter sei dafür verantwortlich, denn sie redete meist abfällig über Tante Gudrun und Tante Alice. Später war Katharina jedoch klar geworden, dass es diese Kluft schon gegeben haben musste, bevor ihre Eltern heirateten. Den Grund dafür hatte sie nie erfahren, aber er musste gravierend sein, denn ihr Vater hatte in seinem Testament extra vermerkt, dass seine beiden Schwestern von der Erbschaft ausgeschlossen seien. Ein vollkommen überflüssiger Passus, sie hatten ohnehin keine Erbansprüche.

»Die Tischdecken wirst du ja wohl nicht brauchen, oder? Ihr jungen Leute nehmt doch viel lieber diese bunten Sets …«

Vater hatte wohl gewusst, wie raffgierig sie waren. Tante Gudrun wollte das komplette Rosenthal-Service mitnehmen, dazu Bettwäsche, Tischdecken und Mutters Kamelhaarmantel. Tante Alice reflektierte auf die Römer, einige Kristallvasen und das silberne Besteck, das angeblich noch aus dem Haus ihres Vaters stammte und das Monogramm der Urgroßmutter trug. AvS – Alicia von Staden. Hier gerieten die Schwestern in heftigen Streit, da Tante Alice der Meinung war, alle Gegenstände, die dieses Monogramm trügen, also auch Tischdecken und Servietten aus gutem Leinen, habe Papachen damals für sie bestimmt. Wegen der Übereinstimmung der Initialen. Dem widersprach Tante Gudrun energisch. Papachen habe zwar Ähnliches einmal gesagt, aber mehr im Scherz und keinesfalls als ernst gemeintes Versprechen. Sie, Gudrun, habe die gleichen Ansprüche wie Alice.

»Ich lasse dir ja die silbernen Serviettenringe!«, meinte Tante Alice großmütig.

»Die will ich nicht. Nimm du sie ruhig!«

Das Erscheinen der beiden Ehemänner am Frühstückstisch ließ den Streit abflauen, und man ging dazu über, Pläne für die Abreise zu entwerfen. Katharina blickte erschöpft zu Patrik hinüber, der jedoch großes Vergnügen an dem Schauspiel zu haben schien. Er köpfte schwungvoll sein Frühstücksei und behauptete, wegen eines tückischen Rückenleidens leider keine schweren Gegenstände heben zu dürfen.

»Bandscheibenvorfall«, log er frech mit tragischer Miene.

Die Tanten seufzten, Tante Alice bemerkte, dass solche Erbdefekte gerade bei jungen Menschen immer häufiger in Erscheinung träten. Ob sie denn einmal Kinder haben wollten?

»Vorläufig nicht«, meinte Patrik, bevor Katharina etwas sagen konnte.

»Sehr weise!«, bemerkte Onkel Max.

Die beiden Onkel sahen recht blass aus, was ohne Zweifel mit dem gestrigen Rheinwein-Konsum zu tun hatte. Die leckeren Brötchen aus dem Supermarkt rührte keiner von ihnen an, sie tranken nur ein wenig Kaffee, und Onkel Max ermannte sich, an einem Croissant zu knabbern.

»So! Dann wollen wir mal …«, befahl Tante Alice und erhob sich, um hinüber ins Schlafzimmer zu gehen. Tante Gudrun, die um die Bettwäsche fürchtete, heftete sich an ihre Fersen. Gute zwei Stunden lang wurde gestritten und gekeift, eingepackt und wieder ausgepackt, Katharina schleppte Kartons und Zeitungen zum Einwickeln herbei, die unglücklichen Onkel trugen Kisten und Kasten in die entsprechenden Pkw und mussten sich später anhören, dass sie die Sachen völlig blödsinnig eingeräumt und jede Menge Platz vergeudet hätten. Die beiden Frauen waren in einen regelrechten Beuterausch verfallen, Tante Alice wollte allen Ernstes die Kühl-Gefrierkombination mitnehmen, und Tante Gudrun erklärte, Waschmaschine und Trockner zu benötigen. Hier war jedoch die Kapazität der Pkw am Ende, und Katharina weigerte sich, Tante Gudrun Vaters Anhänger zu »leihen«.

»Nun ja – dein Vater war schon immer vom Stamme Nimm«, bemerkte Tante Gudrun beim Abschied. »Und du bist ja nun fein raus, nachdem du alles geerbt hast.«

»Allein das Haus wird eine schöne Stange Geld bringen«, stimmte Tante Alice mit ein und fügte hinzu, dass es doch sehr problematisch sei, wenn ein junger Mensch solch große Summen in die Hände bekäme.

»Es wäre mir anders lieber gewesen«, sagte Katharina.

»Ja, natürlich … Wir alle hätten gewünscht, dass der arme Peter nicht so früh hätte gehen müssen … Hast du den Lederkasten mit den Auflegegabeln eingepackt, Wilhelm?«

Katharina zählte die Minuten, bis sie endlich eingestiegen waren und vom Grundstück fuhren. Niemand drehte sich noch einmal nach ihr um, kein Taschentuch flatterte zum Abschied, es hatte noch nicht einmal einen Handschlag, geschweige denn eine Umarmung gegeben. Bedankt hatte sich auch keiner, dabei schleppten sie den halben Haushalt davon. Was auch immer der Grund für Vaters Abneigung gegen seine Schwestern gewesen war – Katharina konnte seine Gefühle heute gut verstehen.

Aufseufzend kehrte sie ins Haus zurück und sah sich noch einmal in den chaotisch zugerichteten Räumen um. Jetzt erst, da die aufgeregten Stimmen, das Gerenne und Gelaufe verstummt waren, verspürte sie den Schmerz um die zerstörte Ordnung, die doch einmal die heile, sichere Umgebung ihrer Kindheit gewesen war. Gewiss – ihr Kinderzimmer war zum Gästezimmer umgewandelt worden, doch ihre Mutter hatte alle ihre Kuscheltiere, die Kinderbücher und andere Erinnerungen in den Regalen belassen. Die Tanten hatten den Wäscheschrank geöffnet und die Bettwäsche herausgenommen, was sie nicht brauchen konnten, lag auf Betten und Fußboden. Beklommen ließ Katharina den Blick über die Regale schweifen, entschloss sich dann, einen braunen Teddybären mitzunehmen, den sie zu ihrem zehnten Geburtstag bekommen hatte. Alles andere würde beim Entrümpler landen, sie konnte es nicht aufheben. Langsam ging sie weiter durch die zerwühlten Räume, machte sich klar, dass vor einer guten Woche hier noch ihre Eltern gewohnt hatten, und musste sich zusammennehmen, um nicht zu weinen. Was würde sie ihrer Mutter sagen? Sie hatten sie vorgestern im Altenheim besucht und bei dieser Gelegenheit alle Formalien geregelt. Ihre Mutter hatte mehrfach nach Peter gefragt. Peter solle sie holen. Nach Hause. Katharina hatte ihr gesagt, er käme später, morgen vielleicht. Später hatte Patrik sie gescholten, weil sie der dementen Frau nicht die Wahrheit erklärt hatte. Aber auch die Schwester im Heim war der Meinung gewesen, dass Frau von Staden nur schwer begreifen würde, was geschehen war. Man könne aber hoffen, dass sie es einfach vergaß und irgendwann nicht fragte.

Wie deprimierend das alles doch war! Wenn wenigstens Patrik hier wäre, aber er hatte sich gleich nach dem Frühstück zu einer Probefahrt mit dem Audi abgesetzt und war noch nicht zurückgekehrt. Katharina öffnete das Fenster im Elternschlafzimmer und atmete die kalte Vorfrühlingsluft ein. Unten auf den Beeten steckten schon die gelben und lilafarbenen Krokusse ihre Köpfe heraus, daneben gab es runde Kissen mit weißen Schneeglöckchen.

Es hat wenig Zweck, sich in diesem Chaos Depressionen einzuhandeln, dachte sie. Vater ist in meinem Herzen und nicht in diesem Haus zwischen all dem Krempel. Je rascher die Sachen fortkommen, desto besser.

Sie legte den Teddybären auf ihre Reisetasche, dazu zwei der Schiffchen und eines der Fotoalben aus dem Wohnzimmer. Mehr nicht. Alles Weitere wäre nur Ballast, der ihr das Leben schwer machte. Möglich, dass Patrik noch ein paar von Vaters Werkzeugen aus dem Keller mitnehmen wollte. Wo er nur blieb? Sie seufzte ungeduldig und sah aus dem Fenster. Auf der Straße spielten ein paar Jungen Fußball, ein Auto war nicht in Sicht. Sie trug ihr Gepäck hinunter und verstaute es im Kofferraum ihres Wagens, blickte dann noch einmal über den kleinen Garten, den eine Buchsbaumhecke umgab. Ob sie noch einmal drüben im Gartenhäuschen nachsehen sollte? Aber dort gab es nur Hacken, Spaten und einen Benzinmäher, all das brauchten sie nicht. Ein Schwarm grauer und weißer Tauben, der über dem Haus kreiste, nahm ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Ihre Mutter hatte sich oft über diese Vögel geärgert, weil sie sich auf dem Dachfirst niederließen und die Dachschindeln mit ätzendem Kot bekleckerten. Doch der Taubenzüchter war ein Nachbar, und so musste man wohl oder übel ein Auge zudrücken. So war das auf dem Dorf – man wusste nie, ob man einander nicht einmal brauchen würde.

Die Sonne kam heraus, und die frechen Tauben setzten sich tatsächlich auf den Dachfirst. Eigentlich ein hübscher Anblick, zwei graue, zwei weiße, eine graue, drei weiße – sie hockten dicht nebeneinander, aufgereiht wie auf einer Perlenkette und offensichtlich entschlossen, hier oben eine gemütliche Mittagspause einzulegen. Katharina beschattete die Augen gegen die noch tief stehende Frühjahrssonne, und plötzlich fiel ihr ein, dass sie ja den Dachboden gar nicht in Augenschein genommen hatte. Obgleich – dort würde gewiss nur Gerümpel stehen, alte Koffer, Kisten, kaputte Stühle …

Sie seufzte und sehnte sich nach ihrer hübschen, gemütlichen Stadtwohnung. Zumal sie bis Montag noch Hefte zu korrigieren und Unterricht vorzubereiten hatte. Vor Ostern sollten noch drei Tests geschrieben werden.

Aber da Patrik sich immer noch nicht blicken ließ, ging sie ins Haus zurück und suchte den Holzstab mit dem Haken, der die Dachbodenklappe öffnete. Sie scheiterte zweimal, fluchte über den blöden Mechanismus, der vermutlich auch noch verrostet war, dann öffnete sich die Klappe, und sie mühte sich, die hölzerne Leiter auszuhaken und herunterzuziehen. Oben schien die Sonne gleißend hell durch ein Dachfenster, Staub wirbelte auf, tanzte im Sonnenlicht, ein dichtes Gewirr gleißender Fünkchen. Katharina musste niesen. Wollte sie wirklich da hinauf zu Dreck und Spinnweben? Aber nun hatte sie die verflixte Treppe so mühevoll aufgestemmt, also würde sie auch hinaufsteigen.

Der Dachboden war recht niedrig, nur in der Mitte unter dem First konnte sie aufrecht stehen, ihr Vater hatte vermutlich gebückt herumlaufen müssen. Viel gab es nicht zu sehen. Rechts stand Mutters alte Nähmaschine, mit einem Tuch abgedeckt, aber dennoch gut zu erkennen. Daneben eine Kommode mit drei Schubladen, vermutlich ihre alte Wickelkommode. Darauf lagen verwelkte Türkränze, aus Trockenblumen hergestellt, in denen jetzt wohl die Spinnen hausten. Links standen tatsächlich drei Reisekoffer, altmodische Teile aus Pappe mit Lederoptik, die Ecken mit Metall verstärkt. Sie öffnete einen davon, erzeugte eine Staubwolke und stellte fest, dass er alte Bilderrahmen enthielt. Hustend schloss sie das gute Stück wieder und entdeckte einen weiteren Koffer, den man weit unter die Dachschräge geschoben hatte. Er war ohne Zweifel viel älter als die anderen, ein richtiger Überseekoffer, aus Holz gezimmert wie eine Truhe mit gewölbtem Deckel. Als sie näher herantrat und mit Todesverachtung die Spinnweben beiseitewischte, stellte sie fest, dass er mit einem Vorhängeschloss versehen und abgeschlossen war. Natürlich steckte der Schlüssel nicht im Schloss. So ein Pech …

»Kati?«, rief es von unten. »Wo steckst du?«

Patrik war zurück. Sie ging bis zum Rand der Luke und beugte sich vor. »Hier, auf dem Dachboden. Bring irgendetwas mit, um ein Schloss zu sprengen, ja?«

Sie hörte, wie er die Treppe in den ersten Stock hinaufstieg, dann sah sie sein entgeistertes Gesicht.

»Ein Schloss willst du sprengen? Mit Dynamit oder so?«

»Ein Vorhängeschloss! Bring einen kräftigen Schraubenzieher, den man als Hebel benutzen kann.«

Der Verschluss der Kiste erwies sich als äußerst widerstandsfähig. Der Bügel verbog sich, Patrik musste jedoch mehrfach ansetzen, um ihn aus dem Holz herauszusprengen. Fast tat es Katharina leid, das alte Teil so brutal behandelt zu haben.

»Da sind alte Mappen drin«, stellte Patrik fest. »Vielleicht die Steuerakten deiner Großeltern.«

Sie mussten den Koffer ein Stück vorziehen, um den Deckel aufklappen zu können. Patriks scharfe Augen hatten richtig gesehen, die Kiste war angefüllt mit handgebundenen Mappen von unterschiedlicher Dicke. Katharina nahm eine davon heraus, schlug sie auf – und traute ihren Augen kaum.

»Schau dir das an«, stammelte sie. »Ist das nicht wunderschön? Was für eine Entdeckung!«

Es waren Bilder: Aquarelle, in zarten Tönen aufs Papier geworfene Landschaften, Felsen, Buchten und immer wieder das Meer. Leuchtend blau, grünlich, dunkelgrau, tiefblau, taubenblau – wer konnte all diese Schattierungen benennen? Katharinas Hände zitterten vor Aufregung, während sie die Alben durchblätterte. Sie bestanden aus unzähligen bemalten Blättern, eines vollkommener als das andere. Rötlicher Fels, der sich zu Fabelwesen und Gesichtern formte, schlanke Leuchttürme in diesiger Ferne, düstere Wolkengebilde wie vorüberjagende Geisterschiffe …

»Wer mag das gemalt haben?«, murmelte sie.

Patrik hockte neben ihr und drehte den Schraubenzieher in den Händen. Ihre Begeisterung konnte er nicht so recht nachvollziehen. Nun ja – Bilder halt.

»Da ist doch eine Signatur. Da zwischen dem Geröll …«

Tatsächlich. Sie entzifferte die Buchstaben MdM.

»MdM – war das ein Verwandter von dir?«

»Nicht, dass ich wüsste …«

Sie schüttelte den Kopf, denn sie hatte zuerst vermutet, ihr Vater habe diese Bilder in jungen Jahren gemalt. Nun aber drängte sich ihr eine andere Vermutung auf. Sie gefiel ihr nicht besonders, aber angesichts dieser wundervollen Bilder war sie geneigt, großmütig über gewisse Dinge hinwegzusehen.

»Na ja«, meinte Patrik. »Nehmen wir das Zeug halt mit. Ich biete es bei eBay an.«

»Bei eBay? Vergiss es!«

Kein einziges würde sie freiwillig hergeben. Es war der Fund ihres Lebens. Sollte Patrik sie ruhig auslachen, sie war sicher, dass ihr Vater sie heute bei der Hand genommen hatte, um sie zu diesem Schatz zu führen. Jetzt fiel ihr auch wieder ein, dass sie in der Nacht von ihm geträumt hatte. Irgendetwas mit einem Schiff war es gewesen …

NOVEMBER 1939

Das Meer war ein schwarzes Ungeheuer, eine glitschige Echse mit breitem Rücken, deren Schwanz die Wellen peitschte. Sie konnte fühlen, wie es unter ihr atmete, sein Opfer mit einem bösen Lachen hin- und herwarf, es spielerisch zu sich hinabzog und dann wieder emporspülte. Aber sie kämpfte. Die Wellen griffen nach ihr mit riesigen, gekrümmten Händen, doch sie wehrte sich, schlug auf sie ein mit tauben Armen und geballten Fäusten. Sie stieß mit den Füßen gegen den Leib des Meeres, der unter ihr zurückwich, seine Beute zappeln ließ, um sie später, wenn sie müde war, desto leichter zu verschlingen. Mochte sie das salzige Seewasser ausspucken, keuchend immer wieder auf den Wellenkämmen Luft holen, Hoffnung schöpfen, die Lichter der beiden Schiffe im Blick: Sie gehörte schon längst dem Meer, war ein Teil seiner dunkelblauen Tiefe, aus der alles Leben gekommen war und wohin es zurückkehren musste.

Erst als die Lichter der Boote in der Ferne erloschen waren und sie mit dem Meer allein blieb, zeigte es ihr sein zweites Gesicht. Es war sanft, hüllte sie in kühle Seide und wiegte sie in den Schlaf. Es nahm sie auf in seinen weiten Schoß, und sie wurde zu einem Kind des Meeres, glitt wie ein Fisch durch die kristallene Tiefe, vorbei an den dahintreibenden Leibern der Brüder und Schwestern, in die Heimat, aus der sie gekommen war. Hier war alles leicht und schön, vorüber der mühsame Kampf, die Verzweiflung, die unselige Angst, ein Leben zu verlieren, das doch lange vergangen war. Hier waren Frieden und Stille, selige Dunkelheit, glückliches Vergessen …

Ein Schmerz wuchs in ihrem Körper, stieg an, peinigte sie, erreichte seinen Höhepunkt und verging. Sie sank wieder in den angenehmen Zustand des Unbewussten. Der Schmerz kehrte zurück, zog durch die Kehle in ihre Brust, füllte sie bis zum Bersten, machte, dass sie husten musste. Ließ sie endlich wieder frei. Sie hörte sich stöhnen. Das Meer, dem sie gehörte, hatte sie ganz und gar durchdrungen, sie schmeckte die salzige Flut.

Jemand redete auf sie ein. Die Stimme eines Mannes. Kein Wort war zu verstehen. Noch eine andere Stimme, genauso unverständlich. Man zerrte an ihr herum, tat ihr weh, presste ihre Brust, ihren Magen zusammen. Sie würgte das Meer heraus, rang nach Luft, quälte sich mit widerlicher Übelkeit, kotzte salziges Wasser in weißen Sand. Blinzelnd sah sie türkisfarbenes Licht, spürte harte Hände auf ihrem Leib, die nicht aufhören wollten, ihr Schmerz zuzufügen.

»Nein … Lasst mich … Ich will nicht …«

Die Hände hörten auf, sie zu malträtieren, hielten mitten in der Bewegung inne. Es wurde geredet, schnell und unverständlich. Sie atmete keuchend, ein Zittern stellte sich ein, das ihren ganzen Körper erfasste und nicht aufhören wollte. Wenn man sie doch nur endlich in Ruhe ließe! Doch zugleich wusste sie, dass ihr die Rückkehr in jenes sanfte Reich der Dunkelheit nun verschlossen war. Sie gehörte wieder der Welt des Lichts und der Schmerzen, ob sie wollte oder nicht.

»Eh! Alan!«, rief die Männerstimme.

Wo war sie? Was war das für eine Sprache? Sie drehte den Kopf und versuchte, etwas zu erkennen. Diesiges, blaugrünes Licht. Da war Sand, winzige Körnchen, rosige, weiße, auch schwarze. Kleine Schneckenmuscheln, zart, in allen Farben. Felsblöcke, braune und rosige, seltsam geformt, als wäre eine Herde Fabelwesen zu Stein erstarrt. Erschöpft schloss sie die Augen. War das der Grund des Meeres? Durfte sie endlich ausruhen, in dieser türkisfarbenen Dämmerung einschlafen wie ein großer Fisch, der sich auf den Meeresgrund bettet?

Schritte, dumpf im feinen Sand, aber doch hörbar. Braune Lederschuhe, Hosenbeine – eine weitere Männerstimme.

»Fräulein? Können Sie mich verstehen?«

Mühsam drehte sie den Kopf, sah ein Gesicht, eine blonde Mähne, an der der Wind zerrte. Blaue Augen, eine gefurchte Stirn. Er sprach deutsch.

»Wo … wo bin ich?«

Er ging in die Hocke, ließ den Blick neugierig über ihr Gesicht, ihren Körper wandern, grinste freundlich. Freute er sich, dass sie ihn verstanden hatte?

»Wo Sie sind? In Frankreich.«

»In … Frankreich?«

Es musste recht verzweifelt geklungen haben, denn seine Miene zeigte Mitgefühl.

»Haben Sie keine Sorge, Fräulein. Wir halten nicht viel von diesem dummen Krieg. Wir Bretonen schon gar nicht …«

»Bre…tonen …«

Ihr Hirn war zu müde, um den Sachverhalt zu begreifen. Bretonen, Briten, Bretagne, Großbritannien … War sie jetzt in England oder in Frankreich? Ein schwerer Schatten legte sich über ihr Denken, drang in ihr Hirn wie eine klebrige Flüssigkeit und machte sie dumpf und gleichgültig. Nur schlafen, dahindämmern, ausruhen … Wenn es nicht so schrecklich kalt wäre! Sie zitterte immer noch, ihre Zähne schlugen aufeinander.

Jemand zog ihren Oberkörper hoch, legte einen Arm um ihren Rücken, schob den anderen unter ihre Kniekehlen. Sie schrie vor Schmerz, als er sie emporhob. Jeder Muskel tat weh, ihr Rücken, ihre Brust, Arme und Beine – es fühlte sich an, als hätte sie mit dem Teufel gerungen.

»Nur ruhig, Fräulein … Es ist nicht weit … Ein paar Schritte …«, sagte die Stimme des blonden Mannes. Sie war sanft und ein wenig heiser. Sie konnte seine hastigen Atemzüge hören, während er sie trug, und sie begriff, dass er ihr nicht mit Absicht Schmerzen zufügte. Sie biss die Zähne aufeinander und versuchte verzweifelt, das Zittern zu unterdrücken. Es gelang nur für kurze Zeit, dann verlor sich ihre Wahrnehmung in matter Dämmerung.

Sie war wieder auf dem Fischkutter, spürte das Schwanken des Bootes, glaubte das Zischen zu vernehmen, wenn der Bug in die heranrollende Welle schnitt. Da war Jean, der laut mit seinem Kameraden redete, doch obgleich er französisch sprach, konnte sie seine Worte nicht verstehen. Das Boot schlingerte so heftig, dass sie auf dem Deck hin- und hergeschleudert wurde, sie prallte gegen den Mast, stieß gegen den Kajütenaufbau, rutschte zur Reling hinüber und hörte sich vor Schmerz leise stöhnen. Panik erfasste sie. Die Wellen schwappten über das Deck und wollten sie mit sich fortreißen.

»Wir müssen sie festbinden«, sagte Jean.

»Nimm das Tau«, befahl Claude. »Fessle sie an den Mast.«

Sie wehrte sich, versuchte, auf dem schwankenden Schiffsdeck zu entkommen, versteckte sich in der Kajüte, kroch zitternd vor Angst unter die Bank. Jean näherte sich unbarmherzig, er grinste, schwenkte das dicke Tau, streckte einen sehnigen Arm nach ihr aus. Auf der hellen Haut war eine Tätowierung. Eine dunkelblaue Seeschlange wand sich um Jeans Arm, ihr breiter Kopf glotzte Margot mit runden Fischaugen an.

»Du entkommst mir nicht …«, sagte die Schlange. »Du gehörst mir.«

»Nur ruhig«, sagte jemand aus weiter Ferne. »Wir sind gleich da. Dann können Sie sich ausruhen …«

Wer war das? Sie kannte diese Stimme, doch sie konnte sich nicht besinnen, wem sie gehörte. Immerhin hatten die wenigen Sätze die Schlange verscheucht, und auch Jean war verschwunden, nur das Schwanken und Schlingern des Fischkutters blieb. Wie laut die Wellen rauschten! Sie dröhnten in ihren Ohren, außerdem stellte sich ein lautes Pfeifen ein, zuerst sehr hoch, dann sank der Ton tiefer, wurde unerträglich und bewirkte, dass ihr die Sinne schwanden.

»Rasch! Sie ist ohnmächtig. Wir müssen Dr. Rieux holen.«

»Wer ist sie?«

»Eine Deutsche …«

»Eine Deutsche? Bist du verrückt, Alan?«

»Sei still, Maman. Alan hat recht, wir müssen ihr helfen.«

»Weil sie eine Deutsche ist? Ist es schon so weit mit dir gekommen, Marie-Anne …!«

»Bring sie in mein Zimmer, Alan. Ich hole Dr. Rieux.«

»Ich will keine Deutsche in meinem Haus, Alan!«

»Sie ist fast ertrunken, Maman. Willst du dich versündigen?«

»Herr Jesus, hilf uns! Er will uns alle unglücklich machen …«

Sie glitt durch schimmernde Sternenwirbel, sah Milliarden von glitzernden Pünktchen an sich vorüberziehen. Es war angenehm, wenn auch sehr kühl und ein wenig unheimlich, weil man fürchten musste, mit einem der vorbeirasenden Himmelskörper zu kollidieren. Das würde wehtun …

»Halt still«, sagte eine weibliche Stimme auf Französisch. »Ich muss dir die nassen Kleider ausziehen. Du bekommst einen Pyjama und eine Strickjacke von mir. Und warme Socken …«

Sie wehrte sich nicht mehr, obgleich die junge Frau sie grob anfasste und jede Bewegung schmerzte. Es war sogar mühsam, die Augenlider zu heben, die dick und schwer geworden waren. Die junge Frau hatte ein breites Gesicht und schmale Augen, das Haar war blond und kurz, es stand wie ein Strahlenkranz um ihr Gesicht, wenn sie sich zu ihr herunterbeugte.

»Ich bin Marie-Anne. Alans Schwester. Du hast hier nichts zu befürchten, wir sind keine Deutschenhasser …«

In ihrem Kopf verwirrte sich alles. Waren die Franzosen Deutschenhasser? Aber welche Deutschen hassten sie denn? Diejenigen, zu denen sie und ihre Familie gehörten? Oder die anderen? Die, vor denen sie hatten fliehen müssen? Die Deutschland für sich allein haben wollten?

»Trink! Das wärmt. Aber vorsichtig …«

Sie schluckte eine heiße Flüssigkeit, verbrannte sich Lippen und Zunge, hustete, trank weiter, bis sie ganz erschöpft war.

»Schlaf ein wenig. Der Doktor kommt bald …«

Sie fror immer noch, ihr ausgekühlter Körper wollte sich nicht erwärmen. Schlafen, nur schlafen. Nichts träumen, keine Wellen mehr, kein schwankendes Schiff, kein tosendes Meer. Ausruhen, loslassen, in die Dunkelheit abgleiten. Nur selten drängte sich ein Bild dazwischen: ein bekanntes Gesicht, ein Raum, der Garten ihres Elternhauses, die junge Trauerweide am Ufer des Teiches. Es waren schöne, zärtliche Bilder, sie erschreckten nicht, sie taten wohl, gaben ihr die Gewissheit, dass es einen Ort gab, an den sie gehörte, der ihr Sicherheit und Glück gegeben hatte. Auf der Terrasse hatte man die weiße Korbgarnitur unter dem Sonnendach aufgestellt; dort saß ihre Mutter, zierlich, das dunkle Haar kunstvoll aufgesteckt, trotz ihrer vierzig Jahre schlank wie ein junges Mädchen. Sie war in die Unterhaltung mit einem Bekannten vertieft, es war der rothaarige Rubin Meyer, ein Historiker, ein Freund ihres Vaters. Papa kroch auf allen vieren über die Wiese, auf seinem Rücken saß ihr kleiner Bruder Max, zappelte mit den dicken Beinchen und jubelte: »Mehr … mehr …!«

»Albert!«, rief ihre Mutter entsetzt. »Du ruinierst deine hellen Hosen. Die Grasflecke gehen nie wieder heraus …«

Sie hörte ihren Vater lachen. Er lachte gern und oft, nur wenn er seine Vorlesungen an der Universität hielt, war er ernst und würdig. Ihr Vater war Professor für Kunstgeschichte, er malte auch und schuf Skulpturen aus Marmor. Als sie Deutschland verließen, hatte er alle seine Bilder verbrannt und die Marmorstatuen mit einem Hammer zerschlagen. Mama hatte bitterlich geweint, doch er wollte nicht, dass seine Kunstwerke »denen« in die Hände fielen. Den anderen Deutschen. Denen, die behaupteten, sie seien die richtigen Deutschen. Sie aber, ihr kleiner Bruder Max und ihre Eltern waren angeblich keine echten Deutschen. Sie waren Juden.

»Was ist mit ihr? Wieso kommt sie nicht zu sich?«

»Sie muss schon ein paar Minuten unter Wasser gewesen sein. Ein Wunder, dass sie überlebt hat.«

»Wird sie Schäden zurückbehalten?«

»Schwer zu sagen. Sie hat keine Wunden, auch nichts gebrochen. Dennoch können Behinderungen auftreten. Geistig, aber auch körperlicher Art. Man wird sehen …«

»Sollen wir sie ansprechen?«

»Wenn Sie wollen, versuchen Sie es … Ansonsten lassen Sie sie schlafen.«

»Gut. Vielen Dank, Dr. Rieux.«

»Und Sie wissen nicht, wer sie ist?«

»Nein.«

Ihr Schlaf wurde leichter. Hin und wieder tauchte sie aus der Dämmerung auf, spürte ein Kopfkissen, ein Federbett, drehte sich auf die andere Seite und kuschelte sich ein. Die Kälte wich nur langsam, sie kauerte sich zusammen wie ein Säugling, um weniger zu frieren, manchmal rieb sie die Hände gegeneinander, bewegte die Finger.

»Guten Morgen, Fräulein. Haben Sie gut geschlafen?«

Sie blinzelte in graugrünes Morgenlicht. Sah einen Nachttisch aus braunem Holz, darauf standen ein blauer Keramikbecher, zwei Flaschen, ein Wecker aus Metall. Auch lagen dort ein Fieberthermometer und eine Tube mit irgendeiner Creme. Die Wand dahinter war mit hellblauer Tapete beklebt. Weiter rechts gab es ein Fenster, das mit Gardinen verhängt war.

»Fräulein? Hallo? Sind Sie wach?«

Sie drehte den Kopf, um herauszufinden, woher die Stimme kam. Der Sprecher stand am Fußende ihres Bettes, ein groß gewachsener blonder Mann. Sie kannte ihn. Vor allem seine Stimme, aber auch die leuchtend blauen Augen.

»Ja …«

Es klang fürchterlich. War das wirklich ihre eigene Stimme? Sie räusperte sich und versuchte es noch einmal.

»Ich … ich bin … wach. Zumindest … einigermaßen.«

Er lächelte breit und schien darüber ausgesprochen froh zu sein. Sein Lächeln wärmte sie mehr als die Strickjacke und die wollenen Socken.

»Was für ein Glück. Wir haben uns schon Sorgen um Sie gemacht. Von jetzt an geht es aufwärts, das müssen Sie mir versprechen!«

»Ich will es versuchen«, sagte sie und lächelte zurück.

Einen Moment lang schwiegen sie, wussten nicht recht, was sie sagen sollten, spürten beide, dass dies ein glücklicher Augenblick war.

»Ich … ich besorge Ihnen erst mal ein Frühstück«, sagte er dann und lief davon.

Sie richtete sich vorsichtig im Bett auf und war selbst erstaunt, wie leicht es ihr fiel. Die Schmerzen, die sie bisher bei jeder Bewegung gequält hatten, waren vergangen. Ihr war nur ein wenig schwindelig, aber das war nicht schlimm. Was hatte sie denn nur für seltsame Kleider an? Einen Pyjama aus hellblauer Baumwolle – ob der etwa dem blonden Mann gehörte? Möglich, denn er war viel zu groß für sie. Die dunkelgrauen Wollsocken hingegen passten wie angegossen. Die Strickjacke mit den Perlmuttknöpfen war von einer Könnerin in kompliziertem Muster gearbeitet, hatte sogar eingestrickte Taschen. Trotzdem kratzte sie fürchterlich. Margot schwitzte auf einmal unter dem Federbett in diesen dicken Kleidern, sie öffnete die Jackenknöpfe, wollte die Strickjacke ausziehen, dann hielt sie inne. Der Brustbeutel aus Wachstuch – er war nicht mehr da. Mama hatte ihn extra für sie gekauft, wasserdicht, hatte man ihr versichert. Damit ihre Papiere nicht nass wurden, falls die Überfahrt stürmisch würde. Nun – sie war tatsächlich stürmisch gewesen, und zu allem Überfluss hatte sie nun auch noch ihre persönlichen Dokumente eingebüßt.

»Mademoiselle? Wie schön, dass es Ihnen wieder besser geht. Das wird Ihnen schmecken!«

Ein Mädchen war an der Tür erschienen, ganz offensichtlich eine Angestellte, denn sie trug einen blauen Leinenrock und Holzschuhe. Sie hatte eine niedliche Stupsnase und einen herzförmigen Mund, die Zähne allerdings waren schrecklich unregelmäßig. Sie teilte Margot mit, dass ihr Name Swana sei.

»Ich habe eine Tarte gemacht, Mademoiselle, weil es jetzt so viele Äpfel gibt. Ich hoffe, Sie mögen Apfeltarte, sie ist noch warm, und ich habe ein Schälchen Sahne dazugestellt. Und dies hier ist Milchkaffee, davon gibt es noch mehr. Und dann ist hier frisches Brot und Butter, dazu gibt es Marmelade von Reineclauden …«

Sie stellte Margot das hölzerne Tablett auf den Bauch, machte einen hübschen Knicks und wünschte der fremden Mademoiselle »Guten Appetit«. Wenn Sie »Pipi« müsse – die Toilette sei gleich gegenüber, und um sich zu waschen, könne sie das Badezimmer benutzen. Die Tür mit dem goldfarbigen Schild. Dann lief sie mit klappernden Holzschuhen aus dem Zimmer eine Treppe hinunter. Unten schwatzte sie mit einer älteren Frau, doch sie benutzten eine Sprache, die Margot nicht verstehen konnte. War das Bretonisch? Hatte ihr nicht irgendjemand in Paris erzählt, die Bretonen seien ein rebellisches Pack, wollten sich von der République Française lösen und am liebsten wieder ihr eigenes Königreich errichten? Sie hätten sogar eine eigene Sprache bewahrt und gäben sie an ihre Kinder weiter, obgleich es ihnen verboten war. Der Duft der Apfeltarte ließ sie jetzt jedoch alles andere vergessen. Sie fühlte sich plötzlich völlig ausgehungert und fiel über die Speisen her. Sogar die Sahne, die sie normalerweise nicht mochte, leerte sie bis auf den letzten Tropfen, das Stück Apfeltarte verschwand, auch der Milchkaffee, sie verschmähte auch Brot, Butter und süße Marmelade nicht. Aufseufzend sank sie schließlich in die Kissen zurück, fühlte sich angenehm schwer und schlief auf der Stelle wieder ein. Als sie wieder zu sich kam, war das Tablett verschwunden. Der kleine Raum lag im weichen Licht einer Stehlampe, die man mit einem Seidentuch abgedeckt hatte. War es Nachmittag? Abend? Oder schon Nacht? Sie zog den Wecker auf ihrem Nachttisch zurate, musste jedoch feststellen, dass er nicht aufgezogen war. Vorsichtig stieg sie aus dem Bett, verschmähte die Holzpantinen, die jemand ihr bereitgestellt hatte, und lief auf Strümpfen zum Fenster, um die Gardine beiseitezuschieben. Ein ungewöhnlicher Anblick bot sich ihr: Trotz der späten Dämmerung konnte man weit über das Land blicken, sah dunkle Wälder und Wiesen in der Ferne, über denen weiße Nebel schwebten. Dann eine breite Hecke, wohl ein Schutz gegen den Wind, und so etwas wie einen Park. Was war das für ein seltsames Anwesen, in das man sie gebracht hatte? Es lag hoch auf einem felsigen Hügel, links vom Fenster war ein schmales Türmchen zu erkennen – eine Kirche? Dafür würde die Form des Fensters sprechen, das bis zum Fußboden reichte und oben in einen spitzen Bogen auslief. Aber in einer Kirche gab es weder Schlafzimmer noch Badezimmer. Also eine alte Villa? Oder gar ein Schloss?

Natürlich, dachte sie, ein Schloss. Sie haben ja auch Angestellte. Swana mit den Holzschuhen. Und dann die Frau, mit der Swana gesprochen hat. Vielleicht die Köchin? Sie schob die Gardine wieder zu und lief zur Tür. Wo war doch die Toilette gewesen? Aha, gleich gegenüber. Ein altmodisches Ding aus weißem Porzellan mit einem runden Holzdeckel, den man abnehmen und zur Seite legen musste, wenn man den Thron benutzte. Eine Wasserspülung war auch vorhanden – gleich neben der Toilette stand ein Eimer mit Wasser zum Nachgießen. Das Badezimmer allerdings war purer Luxus. Du liebe Güte – eine gewaltige Badewanne aus emailliertem Metall mit vier goldenen Löwenfüßen! Und goldfarbige Wasserhähne, auch am Waschbecken und am Bidet. Ein runder, hoher Badeofen, den man mit Holz von unten beheizen musste. Bodenkacheln im Schachbrettmuster und sogar Kacheln an den Wänden. Dies musste wirklich ein Schloss sein, auch wenn das Zimmer, in dem man sie untergebracht hatte, nicht gerade luxuriös eingerichtet war. Sie wusch sich Gesicht und Hände, zögerte ein wenig und benutzte dann einen der Kämme aus Schildpatt, die auf einer gläsernen Ablage über dem Waschbecken lagen. Ihr Haar war in einem fürchterlichen Zustand, der sich auch durch das Kämmen nicht wirklich verbesserte. Das Salzwasser hatte die Haare verklebt, sodass sie strähnig und glanzlos herunterhingen. Puh – wie gut, dass Mama sie jetzt nicht sehen konnte, sie war immer so stolz gewesen, dass Margot ihr seidenweiches Haar geerbt hatte.

Mama! O Himmel, sie musste ihrer Familie so schnell wie möglich Nachricht geben. Sonst glaubten sie am Ende noch, sie sei ertrunken. Oder von den Deutschen erwischt und in eines dieser Lager gesteckt worden. Sie zupfte unzufrieden an ihrem Haar herum, gab es schließlich auf, legte den Kamm wieder hin und lief ins Schlafzimmer.

An der Tür prallte sie zurück. Der blonde Mann stand im Zimmer, hatte wohl eben erst bemerkt, dass sie nicht da war, und schien nun ebenso erschrocken wie sie selbst.

»Verzeihung … Ich dachte … Es war sehr ungeschickt von mir …«, stotterte er.

Er gefiel ihr. Wie gut dem großen Burschen die Verlegenheit stand! Er war richtig rot geworden und wusste nicht recht, wohin er nun flüchten sollte, denn sie ging geradewegs auf ihn zu. Ungeschickt riss er fast die Stehlampe um, als er beiseitetrat, damit sie wieder in ihr Bett steigen konnte.

»Aber überhaupt nicht«, meinte sie lächelnd. »Ich habe mir nur das großartige Badezimmer angesehen. Was für eine Badewanne! Man muss sich darin wie eine Königin fühlen.«

Ihre fröhliche Art entspannte ihn, er lächelte und erklärte ihr, dass sein Großvater dieses Badezimmer vor über vierzig Jahren hatte einbauen lassen. Wenn sie baden wolle, würde Swana für sie den Ofen anheizen.

»Seinerzeit war es das Fortschrittlichste in seiner Art und wurde viel bewundert. Es wurde sogar fotografiert, und man berichtete in einer Zeitung darüber. Damals geriet mein Großvater in den Ruf eines heillosen Verschwenders.«

»Sind die Wasserhähne aus echtem Gold?«

»Aus Messing. Sie müssen täglich poliert werden, damit sie nicht anlaufen.«

Er stand unschlüssig am Fenster, sah zu, wie sie sich in ihre Kissen einkuschelte, und versuchte erfolglos, das herabgeglittene Seidentuch wieder über die Stehlampe zu hängen. Schließlich gab er es auf und warf es auf den einzigen Stuhl, den es im Zimmer gab. Dort erspähte Margot jetzt auch ihre Kleider, die man gewaschen und wohl auch gebügelt hatte.

»Ich lasse Sie dann wohl besser allein.«

»Aber nein! Bleiben Sie bitte hier!«

Er war schon fast aus der Tür gewesen, kehrte nun mit zögernden Schritten zurück, fast ängstlich, ihr zu nahe zu kommen. Waren alle Bretonen so prüde? Schließlich war sie bis zum Hals hinauf verhüllt.

»Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, Monsieur«, sagte sie und strahlte ihn an. »Sie haben mir das Leben gerettet. Und mich sogar bei sich aufgenommen …«

Prompt wurde er wieder verlegen, behauptete, dies sei eine Selbstverständlichkeit. Hier an der Küste lebe man mit dem Meer auf Du und Du, jeder hier habe ein Boot und wisse, was es bedeute, vom Sturm überrascht zu werden.

»Wir sind hier also an der Küste? Aber ich konnte das Meer gar nicht sehen.«

»Sie befinden sich südwestlich von Dinard auf Schloss Kerbourgh, Fräulein. Wie Sie bereits feststellen konnten, ein ziemlich altes Gemäuer, allerdings nicht ganz so alt, wie man vermuten könnte …«

Also wirklich ein Schloss, dachte sie. Ein Schloss in Frankreich. Wie schade, dass es nicht an der Loire steht, wo die Könige ihre Schlösser gebaut haben. Cousin Bernard hatte ihr begeistert davon erzählt, man hatte sogar eine Reise dorthin geplant. Das war gewesen, bevor die Deutschen in Frankreich einmarschiert waren …

»Es wurde Mitte des letzten Jahrhunderts von einem wohlhabenden britischen Fabrikanten erbaut. Später hat es mein Urgroßvater erworben, der durch den Flachshandel zu Wohlstand kam. Aber ich langweile Sie …«

»Überhaupt nicht«, sagte sie lächelnd. »Sind wir weit von der Küste entfernt?«

»Nur wenige Kilometer. Von dem Zimmer im großen Turm aus kann man das Meer sehen.«

Das beruhigte sie. Irgendwie würde es ihr gelingen, die Überfahrt ein zweites Mal zu wagen. Sie durfte nur nicht zu lange zögern, die Herbststürme waren tückisch, das hatte sie schon zu spüren bekommen. Hatte er ihre Gedanken erraten? Seine Miene drückte Besorgnis aus. Sie müsse sich Zeit nehmen, um in Ruhe wieder zu Kräften zu kommen. Der Arzt habe gesagt, dass sie einige Minuten unter der Wasseroberfläche gewesen sei, das sei nicht ganz ungefährlich.

»Ich sage das nicht etwa, um Ihnen Angst zu machen«, versicherte er ihr eifrig. »Aber Sie dürfen sich auf keinen Fall überfordern. Noch gestern haben wir gefürchtet, Sie könnten ernsthafte Schäden davongetragen haben …«

Seine Besorgnis erinnerte sie an ihren Vater, und sie hätte ihn jetzt gern ausgelacht. Das tat sie jedoch nicht, schließlich war er ihr Retter, und sie musste höflich zu ihm sein. Und dann war er wirklich ein ganz rührender Bursche.

»Wie heißen Sie eigentlich?«, fragte sie unverblümt.

»Verzeihung, ich vergaß, mich vorzustellen …«

Als er bemerkte, dass sie die Situation lustig fand, musste auch er schmunzeln. Er habe bisher noch nie mit einer hübschen jungen Frau im Schlafzimmer geplaudert, ohne ihr wenigstens seinen Vornamen zu nennen. Da schau her, dachte sie. Er kann ja witzig sein. Wie viele junge Frauen er wohl schon in ihren Schlafzimmern aufgesucht hat? Sie hätte es gern gewusst.

»Mein Name ist Alan«, sagte er mit einer kleinen Verbeugung.

»Alan?«

»Einige bretonische Herrscher trugen diesen Namen. Deshalb haben meine Eltern ihn wohl ausgewählt. Mit Familiennamen de Morand.«

»Ah«, rief sie vergnügt. »Alan de Morand von der Bretagne. Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen! Ich meinerseits trage nur einen bürgerlichen Namen. Ich heiße Margot Löwenstein und stamme aus …«

»Ich weiß«, unterbrach er sie.

Sie schwieg beklommen. Er kannte ihren Namen? Wusste, woher sie kam? Das konnte nur bedeuten, dass er …

»Wir haben Ihre Papiere trocknen müssen, Margot«, erklärte er ernst. »Das Wachstuch hat leider nicht ganz dicht gehalten.«

Er beugte sich vor und zog die Schublade des Nachttisches auf. Dort lagen die Dokumente, die Papa ihr mitgegeben hatte, und sogar die Geldscheine, die sie den beiden Fischern noch schuldete. Ihre Geburtsurkunde, das Taufzeugnis, die Urkunde, die man ihr zu ihrer Konfirmation ausgestellt hatte. Ihre Großeltern waren vor langer Zeit zum christlichen Glauben konvertiert. Die Abschrift der Heiratsurkunde ihrer Eltern. Ihr Reisepass mit dem großen roten »J«, das man im vergangenen Jahr hineingestempelt hatte. »J« wie Jude.

Er deutete ihr Schweigen richtig, begriff auch den forschenden Blick, mit dem sie zu ihm aufsah.

»Sie sind hier in Sicherheit, Margot«, sagte er leise. »Niemand wird Ihnen etwas tun.«

Sie nickte. Als sie die Schublade zuschieben wollte, berührten sich ihre Finger. Es war nur kurz, denn er zog seine Hand rasch weg, doch sie hatten es beide gespürt. Einen elektrischen Schlag, wie ein kleiner Blitz.

Margot bemühte sich, das ständige Frösteln zu unterdrücken, doch es gelang ihr nicht. Dieser große Raum mit den hohen Fenstern an drei Seiten mochte im Sommer traumhaft sein – jetzt aber, da der Herbstwind Regenschauer gegen die Scheiben trieb, erschien ihr alles kalt und feucht. So unwirtlich wie das Wetter draußen, so wenig entgegenkommend empfand sie die Tischgesellschaft, zu der man sie eingeladen hatte.

Man saß an einem langen, polierten Holztisch in der Mitte des Raumes, die Stühle waren aus dunklem Holz und hatten steile Rückenlehnen. Es war klar, dass sie nicht dafür gemacht waren, bequem darauf zu sitzen. Nur die Hälfte der Stühle war besetzt, die übrigen sechs standen leer, und man sah an den dunkelblauen Samtkissen, dass sie schon lange nicht mehr benutzt worden waren.

Nie in ihrem Leben hatte Margot eine solch steife Tischordnung erlebt. Das Kopfende nahm Alans Vater ein, ein groß gewachsener, kräftiger Mann mit rosiger Gesichtshaut und blondem Backenbart. Zu seiner Rechten thronte seine Ehefrau, Alans Mutter: eine Frau um die fünfzig, schlank, dunkelblond und ausgesprochen wortkarg. Zur Linken des Patriarchen saß eine kleine, weißhaarige Frau, Tante Hortense genannt, die keinen einzigen Zahn mehr im Mund hatte und daher nur in Milch getunkte Brotstückchen mümmelte. Sie tat es jedoch mit der Würde einer Herrscherin, und die arme Swana musste beständig herbeilaufen, um Tante Hortense den Wein zu reichen, die Milch nachzugießen oder das Brot zu schneiden. Neben der mümmelnden Tante hatte Marie-Anne, Alans Schwester, ihren Platz, die sich jedoch kein bisschen um die alte Frau kümmerte, sondern alles Swana überließ. Marie-Anne war groß und kräftig wie ihr Vater, sie trug das blonde Haar zu einem Bubikopf geschnitten und schminkte sich Augen und Mund. Zu Margot, die man ihr zur Seite gesetzt hatte, sprach sie kein einziges Wort. Wäre nicht Alan gewesen, der gegenüber saß und ihr hin und wieder aufmunternd oder auch mitfühlend zulächelte – Margot wäre aufgestanden und hinausgegangen. Später hätte sie sich auf starke Magenschmerzen herausgeredet, und das war noch nicht einmal gelogen: Jeder Bissen lag ihr wie Blei im Magen.

Es war nicht der Raum, auch nicht die dunklen Möbel oder die steife Sitzordnung – es war diese seltsam fremde, ablehnende Stimmung, die über allem lag. Man war höflich, sprach französisch, damit der Gast die Gespräche verstand. Aber gerade diese bemühte Höflichkeit machte ihr deutlich, wie lästig sie diesen Leute im Grunde fiel. Man hätte sich viel lieber auf Bretonisch unterhalten. Margot spürte nur allzu deutlich, was man dann über sie gesagt hätte. Eine Deutsche. Sitzt hier an unserem Tisch und isst unsere Lebensmittel. Wieso ist sie nicht in Deutschland geblieben? Liegt halbtot am Strand, sodass man als guter Christ gezwungen ist, ihr zu helfen. Sie zu pflegen. Zu füttern. Den Arzt zu zahlen. Und das, während unsere jungen Männer schon im Raum Saarbrücken bereitstehen, um die deutschen Soldaten im Falle eines Angriffs zurückzuschlagen.

»Sie stammen aus Frankfurt am Main?«, fragte Alans Vater.

»Ja. Mein Vater ist Professor für Kunstgeschichte.«

»Ein Professor? Schau einer an. Eine gebildete Familie.«

Sie wusste nicht, was sie antworten sollte, und bereute es, den Beruf ihres Vaters preisgegeben zu haben. Alans Vater schien von Bildung wenig beleckt; soweit sie begriffen hatte, verbrachte er die meiste Zeit mit der Jagd. Ob das Vermögen des Urgroßvaters sie alle noch immer ernährte? Möglich.

»Meine Familie hält sich zurzeit in Paris auf.«

»In Paris? Aus welchem Grund?«

Sie kam sich vor wie bei dem Verhör, das sie alle vor ihrer Ausreise hatten über sich ergehen lassen müssen. Es war schrecklich gewesen, besonders für ihre Eltern.

»Meine Familie hat die Absicht, Deutschland zu verlassen.«

Blicke wanderten zwischen dem Ehepaar de Morand hin und her. Beziehungsreich. Misstrauisch.

»Und Sie haben Verwandte in England?«, forschte er weiter, während er geschickt ein winziges Klümpchen aus einem Schneckenhaus herausstocherte. Margot schauderte, sie hatte niemals Schnecken oder Muscheln essen wollen.

»Eine Tante, die Cousine meiner Mutter.«

»So, so…«

Damit ließ er es vorerst bewenden. Im Grunde war er nicht übel, er schien es nur gewohnt, das Wort zu führen und die Gäste auszufragen, wie es ihm gerade gefiel. Das war immerhin angenehmer als die beständig bohrenden Blicke seiner Frau, die Margot ganz offensichtlich als Gefahr für ihren Sohn Alan betrachtete. Natürlich war Frau Mama nicht entgangen, dass Alan ganz besonders um seinen jungen Gast besorgt war, ihr immer wieder Speisen anbot und sich bemühte, sie zu unterhalten. Was nicht einfach war, denn nach einem unausgesprochenen Gesetz hatte er hinter seinem Vater zurückzustehen. Wenn der Patriarch redete, mussten alle anderen schweigen.

»Sie mögen wohl keine Meerestiere, wie?«

»Ich bin sie nicht gewohnt, Monsieur de Morand.«

»Wie schade! Es ist das Beste, was die Gegend zu bieten hat. Frisch und köstlich, Mademoiselle. Die Früchte des Meeres …«

Sie hatte noch den Geschmack des salzigen Meerwassers im Mund, in dem sie fast ertrunken wäre. Schon deshalb verabscheute sie diese Muscheln und Krebse. Aber auch, weil sie all diese Tiere glitschig und eklig fand – wie konnte man nur so etwas essen?

»Sie will nun einmal nicht, Papa«, sagte Marie-Anne neben ihr, ohne sie anzusehen. »Vielleicht sind Meerestiere nicht koscher und sie darf sie nicht essen?«

Ihre Worte trafen Margot wie ein unerwarteter Schlag. Daher also wehte der Wind! Marie-Anne hatte ihr die nassen Kleider ausgezogen, und vermutlich war sie es auch gewesen, die ihr den Brustbeutel aus Wachstuch abnahm, in dem ihre Papiere waren. Was hatte Alan doch gesagt? Hier würde ihr nichts geschehen. Nein, man tat ihr nichts. Man traktierte sie nur mit boshaften Anspielungen. Aber was war das schon? Dergleichen hatte sie in Frankfurt ständig zu hören bekommen. Sie hatte ein dickes Fell. Ohne das konnte man nicht überleben.

»Deine Bemerkung war absolut unnötig!«, sagte Alan zu seiner Schwester.

Er hatte die Brauen gesenkt und sah zornig aus. Marie-Anne ignorierte ihn; lächelnd bediente sie sich an der Fischplatte und warf dann ihrer Mutter einen vielsagenden Blick zu. Hast du das gehört, Mama?, sagte dieser Blick. Jetzt verteidigt er diese Person schon gegen seine eigene Schwester.

Tante Hortense warf ihre Milchschale um und begann, mit hoher Kinderstimme nach Swana zu rufen. Was sie zu der Bediensteten sagte, konnte Margot nicht verstehen. Lag es an den fehlenden Zähnen oder daran, dass sie als Einzige am Tisch bretonisch redete? Nun – wenigstens Tante Hortense ließ sich von dem deutschen Gast nicht in ihren Gewohnheiten stören. Während Swana mit einem Tuch die Milchfluten eindämmte und dann frische Milch in die Schale goss, zeterte die alte Frau mit ihr herum, fuchtelte mit den Armen wie ein ungezogenes Kind und hätte um ein Haar das Weinglas des Patriarchen umgestoßen. Alans Vater schien die Marotten der alten Frau zu kennen, denn er fasste geistesgegenwärtig zu und rettete seinen Rotwein. Die Szene war der Familie jedoch sichtlich unangenehm, besonders Alans Mutter warf der alten Frau vorwurfsvolle Blicke zu und befahl Swana, neben ihr stehen zu bleiben, um sie zu »bedienen«.

Margot empfand eine boshafte Genugtuung. Geschah ihnen recht, diesen hochnäsigen, eingebildeten Bretonen.

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