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Das stumme Kind

Inhalt

  1. Cover
  2. Über den Autor
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Prolog
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Kapitel 19
  26. Kapitel 20
  27. Kapitel 21
  28. Kapitel 22
  29. Kapitel 23
  30. Kapitel 24
  31. Kapitel 25
  32. Kapitel 26
  33. Kapitel 27
  34. Kapitel 28
  35. Kapitel 29
  36. Kapitel 30
  37. Kapitel 31
  38. Kapitel 32
  39. Kapitel 33
  40. Kapitel 34
  41. Kapitel 35
  42. Kapitel 36
  43. Kapitel 37
  44. Kapitel 38
  45. Kapitel 39
  46. Kapitel 40
  47. Nachbemerkungen
  48. Leseprobe – Möwenschrei

Über den Autor

Michael Thode, 1974 in Heide/Holstein geboren, studierte Jura und Fachjournalismus in Bayreuth, Göttingen, Kiel und Berlin. Er veröffentlichte zahlreiche Kurzkrimis, für die er mehrfach ausgezeichnet wurde. DAS STUMME KIND ist sein erster Roman. Michael Thode lebt mit Frau, Hund und zwei Pferden in der Lüneburger Heide.

Prolog

Autobahnraststätte südlich von Hamburg,
dreizehn Jahre zuvor

Vielleicht hätte Andreas Joost sein Schicksal an diesem Abend ein letztes Mal zum Guten wenden können. Dazu hätte er allerdings all seinen Mut zusammennehmen müssen.

Es war seit einigen Stunden dunkel, als er seinen Mercedes-Kombi südlich von Hamburg auf eine Raststätte an der A7 lenkte. Vor ihm spiegelte sich der Schein der Straßenlaternen auf dem nassen Asphalt und erzeugte so an wenigen Stellen etwas Helligkeit. Den Rest der Szenerie verbarg die Nacht.

In einem abgelegenen Winkel des Rastplatzes parkte Joost den Wagen, nestelte eine Zigarette aus seiner Hemdtasche und steckte sich mit leicht zitternder Hand das Mundstück zwischen die Lippen. Anschließend zog er ein Streichholz mehrmals über die Reibefläche der Pappschachtel, bis das dünne Stäbchen dem Druck seiner Finger nicht mehr standhielt und brach. Er nahm ein neues Streichholz und brauchte zwei weitere Versuche, dann erst flammte der Zündkopf auf. Endlich glomm der Tabak. Er inhalierte den Rauch tief in seine Lungen, schloss die Augen und konzentrierte sich darauf, die quälenden Grübeleien der letzten Tage aus seinem Kopf zu verbannen.

Sosehr Joost sich auch bemühte – die erzwungene Ruhe dauerte nur wenige Augenblicke. Noch bevor der Zigarettenqualm sich aufgelöst hatte, drängten sich die Gedanken an seine Frau Sarah wieder in den Vordergrund. Seit Tagen peinigten ihn dieselben Bilder: Sarah hatte sich in ihrem Krankenhausbett aufgesetzt und schmiegte ihre neugeborene Tochter an sich. Zärtlich strich seine Frau über die Wangen des Säuglings, dann strahlte sie mit einem Ausdruck vollkommenen Glücks.

Für ihn war dieser Anblick kaum zu ertragen.

Einige Male fuhr er mit den Fingern durch sein dichtes Haar und starrte auf das Glimmen des Tabaks. Schließlich bemühte er sich, seine Konzentration auf das bevorstehende Treffen mit der Frau zu lenken, die er den »Eis-Engel« nannte.

Joost hatte den Eis-Engel vor eineinhalb Jahren kennengelernt. Sie hatte zerbrechlich auf ihn gewirkt und seinen Beschützerinstinkt geweckt. Heute wünschte er sich, jemand würde ihn beschützen – vor ihr.

Joosts Gedanken schweiften erneut ab; unwillkürlich musste er an die vergangenen Jahre denken. Schon als Teenager war es sein Traum gewesen, Medizin zu studieren, eine Familie zu gründen und als Kinderarzt zu arbeiten. Spätestens ab dem 45. Geburtstag wollte er sein Leben genießen: mit Landhausvilla, Frau, Kindern, Porsche und ausgedehnten Reisen in die Südsee.

Zunächst verlief alles nach Plan: Er bestand den Medizinertest und das Abitur mit Bravour und erhielt prompt einen Studienplatz an der Medizinischen Hochschule Hannover. Wegen einer harmlosen Allergie musste er keinen Zivildienst leisten und konnte sich im Alter von neunzehn Jahren bereits an der Universität einschreiben.

In den ersten Wochen seines Studiums lernte er Sarah kennen. Sie war ebenfalls Medizinstudentin und entsprach ganz seinem Geschmack: Sie war schlank, sportlich und mit rund einem Meter sechzig nicht allzu groß. Dazu hatte sie dunkelbraune Augen und lange blonde Haare, die sie meist hochgesteckt trug.

Joosts Vater arbeitete als Pilot und seine Mutter als Journalistin: Sie besaßen genug Geld, um sein Studium sehr großzügig zu finanzieren.

Heute, mit vierundzwanzig Jahren, lagen das Physikum und das erste Staatsexamen hinter ihm. Beides hatte er ohne größere Probleme bestanden. Daher hatte er keinerlei Bauchschmerzen, wenn er an das zweite und an das dritte Staatsexamen dachte. Joost war sich im Klaren darüber, dass er zum privilegierten Teil der Gesellschaft gehörte. Er wusste, dass der Lebensstandard, den er genoss, nicht selbstverständlich war – dennoch hatte er nie damit gerechnet, dass seine Situation sich ändern könnte. Ein fataler Fehler.

Wieder führte er die Zigarette an den Mund, umschloss den Filter fahrig mit seinen Lippen und inhalierte den Rauch so tief er konnte. Er hielt den Atem an, bis ihm übel wurde, dann blies er den Rauch an den Plastikhimmel des Mercedes. Er spürte, wie eine ohnmächtige Wut in ihm aufstieg und ihn zu übermannen drohte. Mit beiden Armen holte er weit aus und schlug seine Handballen so heftig gegen das Lenkrad, dass die Asche des verglühten Tabaks auf das Armaturenbrett fiel. Es zogen Bilder durch seinen Kopf, die ihn wütend machten:

Er sah Sarah vor sich, wie sie ihm unaufhörlich vorschwärmte, dass ein Kind ihre Beziehung bereichern würde.

Er sah Sarah vor sich, wie sie ihm unablässig vorhielt, dass der Schwangerschaftstest schon wieder negativ ausgefallen war.

Er sah Sarah vor sich, wie sie ihn beharrlich davon zu überzeugen versuchte, dass auch er sich von einem Spezialisten untersuchen lassen müsste.

Er sah Sarah vor sich, wie sie das Gutachten endlos studierte und sich einredete, dass auch Fachleute sich irren konnten.

Er sah Sarah vor sich, wie sie ihm wieder und wieder vorwarf, dass seine Eltern die finanzielle Unterstützung reduziert hatten.

Er sah Sarah, Sarah, Sarah!

Als er damals dachte, dass seine Probleme nicht größer werden könnten, war der Eis-Engel in sein Leben getreten. Er hatte dies für eine glückliche Fügung des Schicksals gehalten. Er hatte nicht geahnt, dass von nun an alles noch schlimmer würde! Hätte er damals bloß Nein gesagt!

Doch der Eis-Engel hatte ihn in Versuchung geführt, und er hatte nicht widerstanden.

Joost drückte die Zigarette im Aschenbecher aus, legte beide Hände auf das Lenkrad und setzte sich aufrecht. Sein Blick fiel in den Rückspiegel, und er musterte sein Gesicht.

Plötzlich war er so entschlossen wie noch niemals zuvor in seinem Leben. Nur ein kleines Wort trennte ihn davon, zumindest einen Teil seines inneren Friedens wiederherzustellen!

Doch Joost bekam keine Gelegenheit mehr, sein neu gewonnenes Selbstbewusstsein zu nutzen und sich für das anstehende Gespräch eine Taktik zurechtzulegen. Unvermittelt öffnete sich die Beifahrertür, und der Eis-Engel glitt auf den Sitz neben ihm. Die Frau zog die Tür ins Schloss, legte einen Aluminiumkoffer auf ihren Knien ab und schaute ihn an.

Er drehte den Kopf und starrte auf das Lenkrad. Er brauchte einige Augenblicke, bis er endlich Worte fand: »Ich steige aus!«

Sie lachte kurz auf. »Sie können ruhig sitzen bleiben, Herr Joost!«

Ihre Finger strichen über das Aluminium des Koffers, dann hörte er ein schnelles »Klick-Klick«. Sie hob den Deckel des Koffers an und gab den Blick auf dessen Inhalt frei.

Er staunte.

»Wie besprochen«, sagte sie. »Die ersten zweihundertfünfzigtausend Mark bekommen Sie jetzt. Die restlichen zweihundertfünfzigtausend erhalten Sie, wenn alles abgeschlossen ist.«

Sie ließ den Deckel fallen und verriegelte die Schlösser wieder. Dann stellte sie den Koffer im Fußraum ab. »Ich melde mich, wenn wir so weit sind!«

Joost atmete schwer. Erst als die Hand des Eis-Engels sich um den Türgriff schloss, traute er sich zu fragen: »Wann … wann ist denn alles abgeschlossen?«

Sie wandte ihm das Gesicht wieder zu: »Wie ich Ihnen schon mehrmals gesagt habe: in etwa drei Jahren!«

Er schaute sie an und schwieg. Ihre türkisfarbenen Augen erinnerten ihn an die letzte Island-Reise. Gebannt hatte er damals auf den Gletscher Vatnajökull gestarrt. Dessen Eis wirkte kristallklar – und doch war es unergründlich.

Sie stieg aus und beugte sich noch einmal zu ihm hinunter. »Das ganze Team lässt übrigens herzliche Glückwünsche zur Geburt Ihrer wunderschönen Tochter ausrichten.«

Er zuckte zusammen und schaute sie verblüfft an. »Ach so. Ja … ja«, murmelte er schließlich und ärgerte sich darüber, dass ihm einfach keine passenden Worte einfallen wollten.

Kapitel 1

Döhle,
Wohnhaus der Familie Joost,
Mittwoch, 04. April, 17:05 Uhr

»Ja, ich komme schon!«, rief Andreas Joost, legte das ausgeblasene Ei vorsichtig zurück in die Pappschachtel und eilte zur Haustür. Das Osterwochenende stand vor der Tür, und morgen früh würde er Anna aus ihrem Wohnheim in Winsen abholen. Er hoffte, dass sie die Eier, die er gerade ausblies, gemeinsam anmalen würden.

Als er die Tür öffnete, erstarrte er. Ungläubig schaute er in ein türkisfarbenes Augenpaar, das das Bild des Gletschers Vatnajökull nach all den Jahren wieder in sein Gedächtnis rief.

Letztes Wochenende hatte er im Heide-Park Soltau in einer der schnellsten und höchsten Holzachterbahnen gesessen. Colossos. 143 Sekunden Fahrzeit, 1500 Meter Streckenlänge, 120 km/h Höchstgeschwindigkeit und bis zu 61 Grad Gefälle. Am Ende der Fahrt hatte er beschlossen, dass er das nie wieder erleben wollte.

»Was … was wollen Sie?«, stammelte er schließlich.

»Darf ich reinkommen?«

Seine Lippen öffneten sich, zitterten und schlossen sich wieder. Ohne seine Antwort abzuwarten, drängte sie sich an ihm vorbei in den Hausflur.

Als der Eis-Engel ihm schließlich am Wohnzimmertisch gegenübersaß, sprach sie den Grund ihres Besuches ohne Umschweife an: »Ich bin in eigener Sache hier.«

Er ahnte, dass Colossos in wenigen Augenblicken mit ihm ein weiteres Mal in die Tiefe stürzen würde. Seine Hände suchten verzweifelt nach Halt.

Während sie den Anlass für ihren Besuch so ruhig darlegte, als würden sie bei einem Glas Rotwein zusammensitzen und über die guten alten Zeiten plaudern, raste für ihn die Achterbahn mit 120 km/h ins Nichts hinab. Er befand sich im freien Fall, und sein Magen begann zu rebellieren.

»… Ich biete Ihnen hunderttausend Euro«, beendete sie ihre Ausführung schließlich.

Joost wünschte sich nichts sehnlicher, als sie aus seinem Wohnzimmer zu schreien, sie aus seinem Haus zu brüllen, sie aus seinem Leben auszulöschen.

Nein!, wollte er schreien.

»Bitte gehen Sie jetzt«, murmelte er.

Zu seiner Verwunderung stand sie tatsächlich auf und ging aus dem Wohnzimmer. Er folgte ihr. Plötzlich drehte sie sich im Flur noch einmal um.

»Herr Joost!« In einem Tonfall, der keinerlei Zweifel an ihrer Entschlossenheit zuließ, sagte sie drohend: »Sie werden mich nicht aufhalten!«

Als sie die Haustür hinter sich geschlossen hatte, stürzte er zur Toilette und übergab sich.

Die Fahrt mit Colossos hatte gerade erst begonnen.

Kapitel 2

SMS von Andreas Joost an Thomas Wilke,
Mittwoch, 04. April

***

»Hallo Thomas. Brauche dringend Deine Hilfe. Melde Dich bitte sofort, wenn Du nach Hause kommst!«

SMS von Thomas Wilke an Andreas Joost,
Karfreitag, 06. April

Hallo Andreas. Habe gestern alles wie besprochen erledigt. Gruß Thomas.

***

Holm-Seppensen,
Wohnhaus von Thomas Wilke,
Dienstag, 10. April, 21:05 Uhr

Nachdenklich musterte Rechtsanwalt Thomas Wilke sein Abbild im Spiegel des Badezimmers. Als er gerade ein Kosmetiktuch auf seine wulstigen Lippen presste, um damit die überschüssige Farbe des Lippenstifts zu entfernen, klingelte es an der Haustür. Das Geräusch riss ihn aus seinen Gedanken und beschleunigte seinen Herzschlag.

Wilkes Einstimmung auf diesen besonderen Abend hatte bereits heute Morgen im Gerichtssaal begonnen. Er war wie so häufig als Strafverteidiger eines Mannes aufgetreten, der wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht stand. Dieser Fall hatte ihm besonders viel Vergnügen bereitet, da es keine Tatzeugen gab, keine objektiven Beweise und keine aussagekräftigen Indizien. Somit stand die Aussage seines Mandanten gegen die des Opfers. In letzter Minute hatte Wilke seinen Mandanten davon abbringen können, ein Geständnis abzulegen. Eindringlich hatte er ihm bei einem Gespräch unter vier Augen erklärt, was man in einem solchen Fall vor Gericht aussagt und wie man sich dort verhalten sollte. Es war eine wirkliche Genugtuung für Wilke gewesen, als er seinen Mandanten im Rahmen der Vernehmung zur Sache hatte empört ausrufen hören: »Die lügt doch! Ich bin unschuldig!«

Durch diesen überzeugenden Auftritt vor Gericht hatte Wilke sein erstes Ziel erreicht: Nun war die junge Frau zu einer Aussage gezwungen und musste den genauen Ablauf der Tat wiedergeben.

Insgeheim verglich er seine Tätigkeit im Gerichtssaal mit dem Genuss eines kostbaren 1955er Graham’s Vintage Porto. Diesen Portwein schätzte er ganz besonders. Erst vor Kurzem hatte sich Wilke davon eine Kiste mit zwölf Flaschen für knapp dreitausendfünfhundert Euro von einem befreundeten Weinhändler aus England schicken lassen. Den kostbaren Tropfen trank er nur bei ganz besonderen Anlässen.

Heute war einer dieser Anlässe: Vor Gericht hatte sich Wilke wie die Spindel eines Korkenziehers mit seinen Fragen tief in die Seele der jungen Frau gebohrt. Ihren Kampf um Glaubwürdigkeit hatte er beglückt verfolgt. Als sie kurz vor Ende der Verhandlung weinend zusammengebrochen war, hatte ein Gefühl tiefer Befriedigung ihn durchströmt. In Gedanken hatte er bereits den Vintage Porto auf seiner Zunge gespürt.

Sein Mandant war freigesprochen worden – für ihn hatte dies nur noch eine nebensächliche Bedeutung. Ein Großteil der Kollegen und Richter, die beruflich mit ihm zu tun hatten, verachteten ihn mittlerweile für seine Auftritte vor Gericht. Hätte man diese Juristen aufgefordert, Wilke mit einem alkoholischen Getränk zu vergleichen, hätten sie wohl eher einen billigen Tafelwein genannt.

Wilkes Einstellung zu Frauen musste man, vorsichtig formuliert, als delikat beschreiben; und die Gründe dafür lagen auf der Hand: Sein Vater hatte früher – ebenfalls als Rechtsanwalt – meist bis tief in die Nacht gearbeitet und war deshalb so gut wie nie für ihn da gewesen, und so hatte seine launenhafte Mutter die Zügel zu Hause fest in ihren Händen gehalten. Hilflos war er ihren Stimmungsschwankungen ausgeliefert gewesen.

Wenn sie gute Laune hatte, ließ sie ihn in Ruhe. Hatte sie dagegen schlechte Laune, machte sie ihm das Leben zur Hölle: Regelmäßig schlug sie ihn und ließ dabei immer erst dann von ihm ab, wenn er seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Jedes Mal versuchte er zu verstehen, was er falsch gemacht hatte. Damals wie heute fand er keine Erklärungen.

Als er auf das Gymnasium wechselte, traf er eine weitreichende Entscheidung: keine Tränen mehr!

Als sie ihn das nächste Mal schlug, bemühte er sich eisern, weder zu schreien noch zu weinen. Während er seine Lippen aufeinanderpresste, raste sie vor Wut. Sie fummelte an seiner Gürtelschnalle, riss dabei auch die Knöpfe am Hosenschlitz auf und zerrte schließlich den Ledergürtel aus dem Bund. Die Hose rutschte bis auf den Boden und legte sich so um seine Knöchel, dass er seine Beine kaum bewegen konnte. Dann schlug sie mit dem Gürtel zu. Immer wieder. Zuerst auf den Rücken, dann tiefer. Sie schlug so lange auf ihn ein, bis er seine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. In diesem Moment war sein Zorn über sich selbst größer als die Wut auf seine Mutter.

Da er einsehen musste, dass er sich in seinem Alter noch nicht gegen sie wehren konnte, konzentrierte er sich auf etwas, das nur er alleine kontrollierte. Ungezügelt stopfte er alles in sich hinein, was essbar war. Stets aß er so lange, bis seine Mutter ihm sagte, es sei genug. Daraufhin sah er sie kurz stumm an und aß anschließend weiter: Er setzte damit ein Zeichen, er hatte die Kontrolle. Allerdings wuchs er dadurch nicht nur in die Höhe, sondern ebenso in die Breite.

Es dauerte ein weiteres Jahr, bis er endlich schaffte, wonach er so lange gestrebt hatte: Es war egal, wie sehr sie zuschlug, seine Tränen waren versiegt. An dem Tag, an dem er nicht mehr weinte, war sie zunächst irritiert – dann aber schlug sie wie von Sinnen auf ihn ein.

Unvermittelt geschah etwas, womit weder er noch seine Mutter hatte rechnen können: Wilke fühlte mit jedem Schlag eine Art Euphorie, die jede Faser seines Körpers erfasste. Die Schläge versetzten ihn in Ekstase und führten zu einer heftigen Erektion.

Sie zitterte vor Entsetzen, er vor Scham.

Seit diesem Tag schlug Wilkes Mutter ihn nicht mehr. Für ihn war dies aber keinesfalls positiv. Seltsamerweise vermisste er die Schläge, die für ihn in einer höchst befremdlichen Art und Weise auch eine Art von Beachtung darstellten. Stattdessen behandelte sie ihn wie Luft. Für sie existierte er offensichtlich nicht mehr.

Wilkes Mutter war außerordentlich konsequent. Sie bestrafte ihn mit ihrer Missachtung, bis sie etliche Jahre später starb.

Nach dem Abitur zog Wilke nach Hamburg und begann, Rechtswissenschaften zu studieren. Schon bald streifte er regelmäßig über die Reeperbahn und las einschlägige Zeitungsannoncen.

Als eine Domina ihn schließlich zum ersten Mal an ein Andreaskreuz fesselte und mit einer Bullenpeitsche tiefe Striemen auf die Haut seines Rückens schlug, schrie er den angestauten Druck heftig aus sich heraus. Er verspürte trotz der Schmerzen ein unbeschreibliches Wohlgefühl.

Doch je häufiger er sie besuchte, desto seltener fühlte er sich befriedigt. Sie bemerkte dies und herrschte ihn bei einem ihrer Termine an, Frauenkleider überzustreifen. Diese Erfahrung versetzte ihn in Ekstase – seine zitternden Hände waren kaum in der Lage, die Lederriemen der High Heels zu schließen.

Während des Studiums lernte Wilke eine Kommilitonin kennen, die sich in ihn verliebte. Auf ihre Annäherungsversuche reagierte er sehr schüchtern, und es dauerte Monate, bis sie miteinander ins Bett gingen. Es war ein Fiasko. Sie bemühte sich sehr um ihn, doch er bekam keine Erektion. Je länger sie ihn streichelte und küsste, desto wütender wurde er. Schließlich sprang er auf und schlug ihr so heftig ins Gesicht, dass sie rücklings vom Bett stürzte. Während sie benommen auf dem Boden lag, begann er sie zu würgen. Es war wie in einem Rauschzustand: Die Todesangst in ihren Augen führte bei ihm zu einer Erektion. Erst als einer ihrer panischen Fausthiebe ihn im Gesicht traf, realisierte er, was er tat. Schlagartig ließ er von ihr ab und blickte stumm auf seine Hände. Sie starrte ihn ungläubig an und war unfähig zu sprechen. Mit zitternden Händen raffte sie ihre Kleidung zusammen, streifte sie eilig über und verschwand. Er sah sie nie wieder.

Nach diesem Erlebnis vermied er es, sich mit Frauen anzufreunden; stattdessen besuchte er weiterhin in unregelmäßigen Abständen die Domina. Sein Studium beendete er erfolgreich, und im Anschluss an das Referendariat übernahm Wilke die Rechtsanwaltskanzlei, die sich seit Generationen im Familienbesitz befand. Als kurz nach dem Tod seiner Mutter auch sein Vater verstarb, zog er wieder nach Holm-Seppensen in sein Elternhaus.

Thomas Wilke hatte einige Monate vor dem heutigen Abend von seiner Domina erfahren, dass es ein geschlossenes Internetforum gab, in dem sich Gleichgesinnte mit sadistischen und masochistischen Neigungen austauschten. Sofort war er fasziniert davon. Er schaffte es, Teil dieser Gruppe zu werden, und surfte seitdem täglich unter dem Benutzernamen desperate-sadist durch die virtuelle Welt aus Demütigung und Unterdrückung.

Mit zunehmendem Interesse verfolgte desperate–sadist, dass in diesem Forum regelmäßig über eine Lady Pain geschrieben wurde – eine Domina, die ausschließlich Hausbesuche machte. Es gab von ihr keine Fotos, sondern nur vage Beschreibungen. Das Besondere an Lady Pain war, dass sie nicht nur die gestrenge Herrin spielte: Sie war ebenso bereit, in die passive Rolle zu schlüpfen.

Thomas Wilke hatte bei seiner Domina gelernt, dass das Prinzip der Freiwilligkeit eine wesentliche Voraussetzung für sadomasochistische Rollenspiele war. Es galt das ungeschriebene Gesetz, dass ein Rollenspieler seine Zustimmung durch ein sogenanntes Safeword, das vorher vereinbart worden war, jederzeit und bedingungslos widerrufen konnte. Mit der Äußerung dieses Wortes endete das Spiel sofort.

Im Forum wurde einstimmig berichtet, dass Lady Pain in der passiven Rolle bisher niemals das Safeword benutzt hatte.

Wilke war zunächst der Überzeugung, es wäre für ihn zu gefährlich, eine Domina direkt zu sich nach Hause kommen zu lassen. Er wusste nur zu gut, dass seine Karriere als Anwalt quasi mit einem Peitschenhieb beendet sein konnte, wenn die Leute von seiner sexuellen Veranlagung erfuhren. Doch nach einigen Wochen siegte sein Verlangen über die Vernunft, und er wandte sich über das Internet direkt an Lady Pain.

Es folgte ein kurzer E-Mail-Verkehr, bei dem alle Absprachen getroffen wurden. Er vereinbarte mit ihr, dass er zuerst die passive Rolle spielen würde. Erst danach wollte er den aktiven Part übernehmen.

Sie diktierte den Preis: Eine Sitzung kostete zweitausend Euro. Sollte sie sich länger als vereinbart bei ihm aufhalten, waren noch einmal zweitausend Euro fällig. Der Termin war für heute um 22:00 Uhr angesetzt; in seinem Haussafe lagerten viertausend Euro.

Thomas Wilke war erregt, als er am frühen Abend aus seiner Kanzlei nach Hause zurückkehrte und seine Verwandlung begann.

Zunächst begutachtete er sich intensiv in dem Spiegel, der sich im Bad oberhalb des Marmorwaschtisches über die gesamte Wandbreite erstreckte und von zwei Leuchtern in warmes Licht getaucht wurde. Er hatte lange nach passenden Leuchtern gesucht, die seinem Geschmack entsprachen und seiner Meinung nach optimal in das aus orangerotem italienischem Marmor gefertigte Bad passten. Schließlich hatte er zwei Einzelstücke in einem Hamburger Einrichtungshaus an der Alster gefunden: Sie hatten die Form von Engeln und waren mit Blattgold belegt. Die Engel waren zwar so dick, dass sie unförmig wirkten, aber genau so liebte er sie. Die Engel wurden häufig Zeugen von Wilkes Ritual. Heute war vieles jedoch anders; man könnte fast sagen – intensiver.

Er duschte sich, kämmte die Haare mit Gel streng zurück, zog eine schwarz-rote Leder-Corsage an und streifte einen Stringtanga über. Anschließend rasierte er sich sorgfältig das Gesicht, bis keinerlei Anzeichen von Bartwuchs mehr zu sehen waren.

Als er das Aftershave auftrug, begann er vor Erregung zu keuchen. Das Brennen auf seiner Haut war zwar nicht übermäßig stark, reichte aber aus, um zu einer Erektion zu führen. Der dreieckige Stoff des Strings, unter dem sich sein Penis befand, spannte sich, wodurch der Lederriemen des Tangas stärker in seine Gesäßspalte gezogen wurde. Er stöhnte leidenschaftlich auf und griff nach dem schweren Bilderrahmen, den er mit Bedacht am Rand des Waschtisches positioniert hatte. Hinter dem Glas war die vergilbte Schwarz-Weiß-Fotografie einer älteren Frau, deren harte Gesichtszüge, streng gekämmte Haare und bohrende Blicke ein beklemmendes Gefühl hinterließen.

Er stellte den Bilderrahmen vor sich auf den Waschtisch, streifte den Stringtanga ab, griff mit der rechten Hand fest um seinen Penis und begann zu masturbieren. Zunächst bewegte er die Hand hastig hoch und runter, dann schlug er seinen Penis immer wieder auf die Kante des Waschtisches. Er spannte seine Gesichtsmuskeln an und presste die Zähne aufeinander.

Seine immer heftiger werdende Atmung strengte ihn zusätzlich an, denn die eng geschnürte Leder-Corsage ließ nur wenig Freiheit für den voluminösen Brustkorb und das üppige Bauchfett. Es dauerte nicht lange, bis aus ihm die Worte herausplatzten: »Jetzt bekommst du Drecksau, was du verdienst!« Dann entlud er sich.

Keuchend stützte er sich auf dem Waschtisch ab, schloss die Augen und versuchte, sich auf seine Atmung zu konzentrieren. Noch während er nach Luft japste, trieb sein schlechtes Gewissen ihn dazu, den Bilderrahmen unverzüglich und mit großer Sorgfalt zu reinigen. Als er alle Spuren seines Spermas beseitigt hatte, nuschelte er verschämt: »Entschuldige bitte!«

Schließlich stellte er das Porträt der alten Frau zurück an seinen Platz und setzte seine Verwandlung mit Hilfe von Tages- und Grundierungscreme, Abdeck- und Kajalstift, Puder, Rouge, Lidschattencreme, Wimperntusche, Brauenpuder, Konturen- und Lippenstift fort.

Als Wilke das Ritual abgeschlossen hatte, begutachtete er im Spiegel das Ergebnis seiner Metamorphose.

Wie ein Schmetterling, dachte er.

Wie ein Frosch, hätte wohl ein neutraler Betrachter geurteilt.

Sie ist viel früher hier als verabredet, fuhr es Wilke durch den Kopf, als es zum zweiten Mal an der Haustür klingelte.

Er griff nach dem handbreiten Lederband mit den spitzen Stahlnieten, das neben ihm auf dem Waschtisch lag. Mit geübter Hand schnallte er es so eng um seinen Hals, dass er das Pulsieren des Blutes in der Halsschlagader spüren konnte. Noch einmal blickte er in den Spiegel und atmete so tief ein, wie die Leder-Corsage es zuließ. Danach streifte er einen Bademantel über und verließ das Zimmer.

Sein Weg führte aus dem linken Flügel seines Hauses durch einen kurzen Flur in die Empfangshalle. Auf deren Einrichtung hatte er ganz besonderen Wert gelegt, und so empfand er stets ein Gefühl der Zufriedenheit, wenn er den Raum betrat. Für ihn war der Marmorfußboden nicht einfach weiß-grau, sondern bianco arabescato vagli. Die Wände waren mit hellen Farbtönen – Weiß und Blassrosa – gestrichen und bildeten einen perfekten Hintergrund für die bunten Kunstdrucke der Surrealisten Salvador Dalí und Joan Miró. Über jedem der aufgehängten Bilder hatte Wilke zudem einen Halogenstrahler anbringen lassen, wodurch sie wirkungsvoll in Szene gesetzt wurden.

Als Wilke an der Haustür angekommen war, hielt er kurz inne und blickte auf den Bildschirm, der den Eingang zu seinem Grundstück zeigte. Schemenhaft konnte er eine Person erkennen, die sich mit einer tief ins Gesicht gezogenen Strickmütze und einem fast bis zur Nase um den Hals geschlungenen Schal vor der feuchten Kälte schützte. Er sah zu, wie sie ein weiteres Mal klingelte – er konnte ihre Ungeduld förmlich spüren.

Zögerlich nahm er den Telefonhörer der Gegensprechanlage in die Hand. »Ja … bitte?«

Sie antwortete nicht.

Er beobachtete, wie sich ihr Gesicht langsam in Richtung Videokamera drehte. Gebannt starrte er auf ihre Augen. Auch wenn sie beide sich nicht direkt gegenüberstanden, spürte er förmlich, wie ihr Blick ihn durchdrang und nicht wieder losließ. Als ob er unter Hypnose stünde, betätigte er die Taste des automatischen Türöffners. Er hörte dessen Summen im Telefonhörer, den er immer noch an sein Ohr gedrückt hielt. Einen Augenblick später verschwand seine Besucherin vom Bildschirm.

Thomas Wilke legte den Hörer auf, umfasste den Türgriff und hielt kurz inne. Er dachte noch einmal an das, was er sich in den letzten Tagen überlegt und immer wieder durchgespielt hatte.

Er wollte die Tür nicht zu schwungvoll öffnen, um das Gleichgewicht auf den High Heels nicht zu verlieren. Auf jeden Fall würde er ihr erhobenen Hauptes und mit aufrechter Körperhaltung entgegentreten. Schließlich stellte er als Rechtsanwalt etwas dar. Außerdem wollte er sich darauf konzentrieren, ihr fest in die Augen zu schauen. Auf gar keinen Fall durfte er ihrem Blick ausweichen. Auch hatte er sich lange über eine möglichst unverkrampfte Begrüßung Gedanken gemacht. Noch bis heute Nachmittag hatte er vorgehabt, sie relativ herausfordernd zu empfangen, denn sie sollte von Anfang an wissen, dass er sich nicht alles gefallen lassen würde.

Du bist also Lady Pain?, hatte er zur Begrüßung sagen wollen. Ich bin dein Sklave Thomas und kann es kaum erwarten, deine Peitsche zu spüren!

Er war dann aber zu dem Entschluss gelangt, sie auf eine weniger offensive Art zu begrüßen.

Hallo, ich bin Thomas. Schön, dich endlich kennenzulernen!

Das energische Klopfen an der Haustür holte ihn in die Realität zurück. Ein wenig erschrocken drückte er den Griff so weit wie möglich nach unten und riss die Tür schwungvoll auf. Er musste einen Ausfallschritt nach vorne machen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Er fing sich und streckte ihr seine Hand entgegen.

Sie verharrte einen winzigen Augenblick; dann trat sie einen Schritt zur Seite und drängte sich an ihm vorbei ins Haus. Seine dargebotene Hand ignorierte sie.

Plötzlich war er so nervös, dass ihm keiner der Sätze mehr einfiel, die er sich zuvor zurechtgelegt hatte. Dennoch hatte er den Eindruck, dass er zur Begrüßung etwas sagen sollte. »Ähm …«, begann er. »Ähm … ja …«

Wilke spürte eine unerträgliche Hitze in sich aufsteigen. Er schloss die Tür und drehte den Schlüssel so lange im Schloss herum, bis er den Anschlag erreicht hatte. Dann holte er tief Luft und versuchte noch einmal, das Gespräch zu eröffnen.

»Ähm … das ist mein erstes … Na ja, also … Das … das ist mein erstes Mal hier. Ein Freund hat … ähm … hat Sie empfohlen.«

»Sind wir alleine?«

»Ja, ich habe … ähm … ich habe keine Familie. Und meine … ähm … meine Haushaltshilfe … kommt erst am Freitag wieder.«

Sie nickte, verstaute ihre Mütze in einer Tasche ihres Lodenmantels, löste den Schal und fixierte Wilke ohne erkennbare Emotionen.

Er wich ihrem Blick zwar aus, dennoch konnte er seine Augen nicht von ihrem Gesicht lassen. Ihn erregten die hellblonden, streng zurückgekämmten und zu einem Knoten hochgesteckten Haare, das schmale Gesicht, die hohen Wangenknochen und die zarten Lippen.

Sie vergrub beide Hände in ihren Manteltaschen und hob die Augenbrauen.

Wilke spürte, wie die ersten Schweißtropfen von seiner Stirn rannen. »Wir … also … wir könnten dann erst einmal ins Wohnzimmer gehen und ein wenig plaudern. Oder … ähm … oder wir könnten auch gleich …«

»Gleich was?«

»Gleich … gleich … anfangen, meinte ich.«

»Wir fangen gleich an.«

Enttäuschung machte sich in ihm breit. Er hatte sich das erste Treffen mit Lady Pain ganz anders vorgestellt. »Gut, dann … ähm … dann besprechen wir alles Weitere in meinem Studio.«

Wilke ging mit kleinen, eiligen Schritten um sie herum in Richtung Treppe, die mit cremefarbenem Teppichboden ausgelegt war. Er führte seine Besucherin zur Galerie in die erste Etage, wo sie an vollgestopften Bücherregalen vorbeigingen. Sie blieben vor einer Tür stehen, die keinerlei Hinweise darauf gab, dass hinter ihr etwas Besonderes verborgen war.

Er drehte sich kurz zu seiner Besucherin um. »So, da … ähm … da wären wir«, sagte er, drückte die Klinke herunter und stieß die Tür auf. Dann trat er zur Seite, sodass sie direkt in das Zimmer blicken konnte. Ohne zu zögern schritt sie an ihm vorbei und betrat den Ort, der für Wilke eine ganz besondere Bedeutung hatte.

Das Studio war ebenso großzügig bemessen wie das gesamte Haus. Doch im Unterschied zu den übrigen Räumen wurde dieser hier von dunklen Farben beherrscht. Der Boden war mit tiefbraunem Walnussparkett ausgelegt, die Mauern waren in Karminrot gehalten. An jeder Wand befanden sich dimmbare Leuchter, deren Licht dem Raum eine Atmosphäre von Wärme und Geborgenheit verlieh.

Thomas Wilke folgte ihr in den Raum. Sie standen vor einer Vielzahl sadomasochistischer Geräte. An einer der Wände hingen Schlagwerkzeuge, deren Funktion auch für Laien keinerlei Erklärung bedurfte. Kenner der Sadomasochismus-Szene bezeichneten diese Spielzeuge als Rosshaar-Flogger, als Lederpeitschen mit geflochtenen Riemen, als Gummipeitschen mit Rund- oder Vierkantsträngen, als Reitgerten aus Fiberglas und als Bullenpeitschen. Des Weiteren gab es in dem Raum verschiedene Foltergeräte, die es erlaubten, jedes Körperteil zu fesseln, zu quetschen, zu stauchen, zu strecken, zu dehnen oder in anderer Weise zu malträtieren.

»Also«, setzte Wilke nach einer Weile an, »bisher habe ich immer alleine in meinem Studio gearbeitet. Ein Freund aus dem Chatroom hat Sie … Na ja … er hat Sie empfohlen. Das ist mal was anderes, habe ich mir gedacht.«

»Aha«, erwiderte sie, immer noch ohne eine Regung zu zeigen.

Wilke drehte sich auf seinen High Heels um und ging zu der Wand, an der die Schlagwerkzeuge hingen. Er nahm den Rosshaar-Flogger aus weißem Pferdeschweifhaar von der Wand, kehrte zu ihr zurück und streckte ihn ihr entgegen. »Wir sollten erst einmal langsam anfangen«, schlug er vor.

Nachdem sie ihm den Flogger aus der Hand genommen hatte, beugte er sich vor, sodass er ihr direkt in die Augen schauen konnte.

»Und MAYDAY ist unser Safeword. Wenn ich es sage, ist Schluss!«

Sie nickte.

»Ach ja«, fügte er hinzu, wühlte in den Taschen seines Bademantels und holte einen metallenen Gegenstand hervor. »Hier ist der Schlüssel für die … ähm … für die Handschellen. Ein Generalschlüssel, der zu allen Handschellen in meinem Studio passt.«

Sie nahm den Schlüssel an sich und verstaute ihn in ihrer Manteltasche.

Dann ging er in eine der Ecken neben den Peitschen und hängte seinen Bademantel an einem Kleiderhaken auf. »Ach … und noch was. Das Geld … ähm … das Geld gibt’s nachher.«

Sie nickte.

»Ich möchte mit dem Andreaskreuz anfangen. Alleine habe ich es bislang noch nie richtig benutzen können«, erklärte er und blickte in Richtung der Wand, an der zwei massive, x-förmig angebrachte Holzstämme hingen, die mit schwarzem Leder umwickelt und mit silbernen Ziernägeln beschlagen waren. Das Andreaskreuz hatte eine Höhe von zwei Metern fünfzig und eine Breite von einem Meter. An den beiden oberen Enden befanden sich Handschellen, an denen die Handgelenke eines sogenannten Sklaven gefesselt werden konnten. An den beiden unteren Enden waren Lederriemen befestigt, um auch die Fußgelenke fesseln zu können. In der Mitte des Andreaskreuzes gab es einen breiten ledernen Fesselgurt, durch den sich die Bewegungsfreiheit des Sklaven im Taillenbereich auf ein Minimum reduzieren ließ.

Wilke stellte sich mit dem Rücken an das Kreuz und schloss den Fesselgurt fest um seine Hüfte.

»Sie … sie müssten … ähm … können dann den Rest machen«, forderte er sie auf und versuchte, sie aufmunternd anzulächeln, doch er brachte nur ein unsicher wirkendes Grinsen zustande.

Sie reagierte weder auf seine Worte noch auf seine Mimik. Entschlossen ging sie auf ihn zu und warf den Rosshaar-Flogger neben dem Andreaskreuz auf den Boden. Obwohl sie ihre Lederhandschuhe anbehielt, fesselte sie Wilkes Fußgelenke geschickt und so fest, dass er sich nicht selbst hätte befreien können.

»O ja«, stöhnte er.

Dann fesselte sie Wilkes Handgelenke mit den Handschellen an die beiden oberen Enden des Andreaskreuzes. Sie musste sich strecken, um die Fesselung bewerkstelligen zu können. Zusätzlich hatte sie sich auf ihre Zehenspitzen gestellt.

»Das ist gut«, zischte er schwer atmend und schloss die Augen.

Sie zog ein längliches Etui aus der rechten Manteltasche und öffnete es. Dann nahm sie eine Einwegspritze und eine Kanüle heraus.

Wilke presste die Augenlider immer noch aufeinander und wartete gespannt auf den Einsatz des Rosshaar-Floggers. Er spürte die zunehmende Erregung mit jedem Herzschlag, der das Blut durch seinen Körper trieb. Als es ihm schließlich ungewöhnlich vorkam, dass immer noch nichts passiert war, öffnete er vorsichtig die Augen.

Er erstarrte.

»Was soll das?«, platzte es aus ihm heraus. »MAYDAY!«

Während sie die Kanüle in die transparente Durchstechflasche stieß und die Spritze sich mit einer wässrigen Flüssigkeit füllte, klärte ihn die Frau, die er für Lady Pain gehalten hatte, über den Grund ihres Besuchs auf.

»Wir werden uns jetzt über Andreas Joost unterhalten!«

Kapitel 3

Döhle,
Wohnhaus der Familie Joost,
Dienstag, 10. April, 23:15 Uhr

Noch vor wenigen Minuten hatten Hauptkommissar Rolf Degenhardt, Oberkommissar Jens Vorberg und Kommissaranwärterin Jana Liebisch im Nachtcafé in Buchholz in der Nordheide gesessen. Degenhardt und Vorberg arbeiteten für den Zentralen Kriminaldienst der Polizeiinspektion Nordheide. Rolf Degenhardt leitete das Erste Fachkommissariat, und Jens Vorberg war einer seiner fähigsten Kollegen. In ihre Zuständigkeit fielen die sogenannten »Delikte am Menschen«. Jana Liebisch absolvierte an der Polizeiakademie in Nienburg an der Weser den Bachelorstudiengang »Polizeivollzugsdienst« und war den beiden Kommissaren für ein dreimonatiges Ermittlungspraktikum zugeteilt.

Das Nachtcafé lag keine fünfhundert Meter vom Dienstgebäude der Polizeiinspektion Harburg entfernt. Heute war es wegen einer Fortbildungsveranstaltung spät geworden, und sie hatten sich entschlossen, den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen. Die Getränke waren gerade serviert worden, als Degenhardts Handy klingelte. Es war die Einsatzleitstelle der Polizeiinspektion Nordheide. Der diensthabende Beamte erklärte Degenhardt, womit sie sich den Rest der Nacht beschäftigen würden: eine männliche Leiche in Döhle -das Opfer eines Gewaltverbrechens.

Während sie zum Dienstwagen geeilt waren, hatte Degenhardt den Autoschlüssel Vorberg gegeben. Wie immer in solchen Fällen hatte er nicht selbst den Kombi steuern wollen, um sich während der Fahrt per Handy möglichst viele Informationen vorab zu beschaffen.

Nun saß Degenhardt auf dem Beifahrersitz und hörte aufmerksam dem zu, was man ihm zum Mordfall berichten konnte. Das Opfer hieß Andreas Joost, war Mitte dreißig und Kinderarzt von Beruf. Seine Frau hatte ihn tot aufgefunden. Eine Information ließ den Hauptkommissar besonders aufhorchen: Das Ehepaar Joost hatte eine Tochter namens Anna, die vermisst wurde. Fraglich war, ob es einen Zusammenhang mit dem Mord gab.

Degenhardt kannte das kleine Heide-Dorf Döhle nur zu gut, denn er war dort aufgewachsen und hatte bis zum Abitur dort gelebt. Auch als ihn seine Karriere bei der Polizei quer durch Niedersachsen geführt hatte, war er regelmäßig bei seinen Eltern zu Besuch gewesen. Der enge Kontakt zu dem Heide-Dorf hatte erst Anfang dieses Jahres ein abruptes Ende gefunden, als seine Mutter und sein Vater nach Hanstedt in eine Senioren-Residenz gezogen waren. Das Ehepaar Joost dagegen war ihm unbekannt.

Als Vorberg den Passat Variant schließlich in Döhle vor dem rot-weißen Absperrband stoppte, fielen den dreien zunächst die Schaulustigen ins Auge, die sich mit betroffenen Mienen unterhielten, sowie der Einsatzwagen des Notarztes. Der Mediziner war bereits damit beschäftigt, seine Koffer wieder im Wagen zu verstauen.

Degenhardt legte die Hand auf den Türgriff, um auszusteigen, hielt dann jedoch inne. Der Arzt war ihm in der Vergangenheit bereits häufiger an Tatorten begegnet. Angestrengt versuchte er, sich an den Namen des Mannes zu erinnern. Je mehr Degenhardt nachdachte, desto unwahrscheinlicher wurde es, dass der Name ihm jetzt einfallen würde.

»Ist was?«, fragte Vorberg schließlich.

»Weißt du noch, wie er heißt?«

»Wer?«, wollte Vorberg wissen.

»Der Notarzt.« Degenhardt rollte mit den Augen.

»Hast du seinen Namen schon wieder vergessen?« Vorberg schüttelte den Kopf.

»Würde ich sonst fragen?«, erwiderte Degenhardt barsch. Sein Gesichtsausdruck signalisierte, dass er umgehend eine Antwort erwartete.

Vorberg seufzte. »Markus Schröder.«

Wortlos öffnete Degenhardt die Beifahrertür, stieg aus und ging zum Notarztwagen: »Guten Abend, Herr Schröder; können Sie mir schon sagen, was passiert ist?«

Der Notarzt nickte. »Ich denke schon. So wie es aussieht, hat jemand mit einem Messer immer wieder auf ihn eingestochen. Auffällig viele Einstiche haben ihn im Genitalbereich getroffen. Ich gehe davon aus, dass die Oberschenkelarterie dabei verletzt wurde. Er ist höchstwahrscheinlich verblutet. Ihre Kollegen haben einen Rechtsmediziner angefordert. Der kann Ihnen dann später sicherlich mehr erzählen.«

»Danke«, erwiderte Degenhardt und kehrte zum Dienstwagen zurück. Dort standen Vorberg und Jana bereits am geöffneten Kofferraum und legten die für die Tatortarbeit vorgeschriebene Schutzbekleidung an.

»Und, was hat er gesagt?«, wollte Vorberg wissen.

»Er wurde erstochen und ist verblutet. Der Rechtsmediziner ist schon auf dem Weg.« Auch Degenhardt zog einen weißen Einweg-Overall, einen weißen Einweg-Mundschutz, hellblaue Einweg-Handschuhe und dunkelblaue Einweg-Schuhüberzieher an.

Als die drei endlich über das Absperrband stiegen, verstummte das Getuschel der Schaulustigen.

»Rolf, mien Jung, büst du dat?«, fragte eine ältere Dame erstaunt.

»Tante Annemarie!«, rief Degenhardt und schüttelte den Kopf. »Geht doch nach Hause, hier gibt es nichts zu sehen!«

Das Getuschel setzte wieder ein. »Dat is doch Rolf Degenhardt. De Jung vun Werner und Hertha. Dat de mol in Döhle ermitteln deit …«

Vorberg zog den Mundschutz über seine Nase – so konnte niemand sein Grinsen sehen.

In dem Moment, als die drei ihre Gesichter den Schaulustigen zuwandten, blitzte das grelle Licht eines Fotoapparates auf. Jana und Vorberg drehten sich instinktiv weg, um nicht geblendet zu werden. Degenhardt stockte kurz, dann hielt er sich die Hand vor die Augen und ging auf die Menschenmenge zu.

Als er direkt vor ihr stand, erkannte er ein Gesicht, das er in der letzten Zeit mehrmals an Tatorten gesehen hatte. »Sie arbeiten für die Harburger Kreiszeitung, nicht wahr?«

»Richtig; ich bin Redakteur«, antwortete der hagere Mann mit den schulterlangen grauen Haaren und der abgewetzten Jeans-Jacke. Sein Drei-Tage-Bart und die eingefallenen Wangen ließen ihn alt erscheinen.

»Ich habe bisher meist mit Ihrer Kollegin zu tun gehabt«, teilte Degenhardt ihm mit. »Sie hat immer sehr gut recherchiert, bevor sie ihre Artikel verfasst hat. Arbeitet sie nicht mehr für die Kreiszeitung?«

»Sie ist jetzt bei der Konkurrenz.«

»Aha«, murmelte Degenhardt. »Und woher kommen Sie jetzt?«

»Aus Buchholz.«

Degenhardt hob die Augenbrauen. »Ich nehme an, dass Sie rein zufällig vor uns am Tatort eingetroffen sind?«

»Ja, rein zufällig.« Der Redakteur nickte und zog einen Notizblock aus seiner Jackentasche. »Können Sie mir sagen, was hier los ist?«

»Wie heißen Sie?«

»Tom Wiese. Ist das von Interesse?«

»Für mich schon«, erwiderte Degenhardt.

»Dann haben wir das jetzt ja geklärt. Also: Was ist hier los?«

»Ich bin von Ihrem Blitzlicht beinahe blind, Herr Wiese«, entgegnete Degenhardt. »Das ist hier los! Für alle weiteren Informationen wenden Sie sich bitte an unsere Pressestelle!«

Während Wiese seinen Notizblock zurück in die Jackentasche steckte und entrüstet den Kopf schüttelte, rief Tante Annemarie verwundert: »O ha, so streng kenn ick em gor nich.«

Degenhardt wandte sich dem Haus der Familie Joost zu. Es war deutlich erkennbar. Während der gesamte Straßenzug von der Dunkelheit verschlungen wurde, tauchten Halogenstrahler die große, mit Reet eingedeckte Fachwerk-Villa in grelles Licht. Ein junger Polizist eilte ihnen entgegen und blieb schließlich nach Atem ringend vor ihnen stehen.

»Schmidt, Polizeikommissariat Winsen«, schnaufte er, während seine Gesichtsfarbe sich von einer fahlen Blässe in ein zartes Rot wandelte. »Sind Sie vom Zentralen Kriminaldienst in Buchholz?«

Degenhardt musterte den jungen Mann eingehend. Schließlich nickte er. »Ich würde mich gerne mit einem Kollegen unterhalten, der uns in den Tatort einweisen kann.«

»Ich bringe Sie zu Kommissar Körber«, erwiderte der junge Polizist. Ohne eine Reaktion abzuwarten, drehte er sich um und eilte los.

Degenhardt atmete auf: Er kannte Körber aus vorangegangenen Einsätzen und wusste, dass der Kollege eine hervorragende Tatortarbeit leistete.

Auf dem Weg zum Wohnhaus der Familie Joost hatte der junge Beamte Degenhardt, Vorberg und Jana schon nach wenigen Sekunden abgehängt. Einige Augenblicke lang murmelte Degenhardt etwas Unverständliches vor sich hin, dann schallte seine Stimme scharf durch die Dunkelheit: »Herr Schmidt!«

Prompt blieb der junge Beamte stehen, drehte sich um und schaute Degenhardt betroffen an. »Ja?«

Während Vorberg und Jana ein Stück zurückblieben, schloss Degenhardt zu ihm auf. »Sind Sie zum ersten Mal an einem Tatort?«

Schmidt nickte. »Mein erster Mord.«

»Dann merken Sie sich bitte eines«, erklärte Degenhardt ernst. »An einem Tatort verlange ich Ruhe. Hektik kann ich hier nicht gebrauchen. Hektik zerstört Spuren.«

Schmidt brauchte einen Moment, bis ihm die Bedeutung dieser Worte bewusst wurde. »Verstanden«, antwortete er verlegen.

Körber war bereits aus der Haustür getreten. Er zog seine Handschuhe aus, nahm den Mundschutz ab, gab Jana die Hand und stellte sich ihr vor. Dann begrüßte er Degenhardt und Vorberg ebenfalls mit Handschlag und kam ohne Umschweife zur Sache: »Um zweiundzwanzig Uhr fünfzehn ist der Notruf von Frau Joost in der Einsatzleitstelle der Polizeiinspektion Nordheide eingegangen. Wir wurden sofort alarmiert und waren als Erste am Tatort. Frau Joost hat uns in das Zimmer ihrer Tochter Anna im ersten Stock geführt. Dort haben wir die Leiche von Andreas Joost gefunden.«

Degenhardt nickte. »Haben Frau Joost oder der Notarzt die Lage der Leiche verändert?«

»Nein, haben sie nicht. Als die übrigen Kollegen dazukamen, haben wir angefangen, die Nachbarn zu befragen. Bisher ohne Ergebnis – niemand hat etwas beobachtet. Eine Kollegin kümmert sich um Frau Joost.«

»Haben Sie das Kriseninterventionsteam benachrichtigt?«

»Nein, Frau Joost wünscht keine psychologische Betreuung. Sie hat aber schon mit einer Freundin telefoniert. Sie wird bei ihr unterkommen, bis die Tatortarbeit abgeschlossen ist. Ich habe Frau Joost schon gesagt, dass Sie gleich noch einige Fragen an sie haben werden.«

»Wie geht’s ihr im Moment?«

Körber schwieg einige Augenblicke; offenbar bemühte er sich, die passenden Worte zu finden. Schließlich antwortete er: »Relativ gut, wenn man bedenkt, was sie gerade durchmacht. Ich kann nur sagen, dass ich Ihnen nachher viel Spaß mit ihr wünsche …«

Degenhardt runzelte die Stirn, ließ die etwas seltsame Bemerkung jedoch unkommentiert.

Körber fuhr fort: »In Rücksprache mit der Einsatzleitstelle habe ich einen Rechtsmediziner angefordert. Die Kollegen der Tatortgruppe werden in den nächsten Minuten ebenfalls eintreffen, um mit der Spurensicherung zu beginnen. Wir haben übrigens direkt neben der Leiche ein Messer gefunden, an dem sich sehr viel Blut befindet. Außerdem hat der Täter am Tatort Lederhandschuhe zurückgelassen.«

Degenhardt hob die Augenbrauen. »Aha.«

»Das war noch nicht alles! Andreas Joost hat kurz vor seinem Tod die Ziffernfolge ›0103‹ neben sich auf den Boden geschrieben.«

»Womit?«

»Mit seinem eigenen Blut.«

»Wissen Sie schon, was das bedeuten soll?«

»Ich habe Frau Joost danach gefragt, aber sie wusste es nicht.«

»Oder sie sagt es uns nicht. Gibt es ansonsten noch etwas, das wir wissen sollten?«

»Die Tochter der Familie Joost ist verschwunden. Anna heißt sie.«

»Das hat die Einsatzleitstelle mir auf der Herfahrt schon erzählt. Gibt es Hinweise auf eine Entführung?«

»Nein, keine. Aber wir haben im Café an der Straße zum Naturschutzgebiet Zeugen gefunden, die Anna Joost in der Dämmerung anscheinend noch gesehen haben. Das Mädchen soll in Richtung Naturschutzgebiet gelaufen sein. Wir haben über die Einsatzleitstelle eine Suche nach ihr eingeleitet.«

»Okay«, murmelte Degenhardt. »Wie alt ist das Mädchen?«

»Dreizehn. Und sie ist behindert.«

»Welche Art von Behinderung?«

»Sie ist Autistin. Ihre Mutter sagte, dass sie nicht redet.«

»Sie redet nicht?«

»Soweit ich Frau Joost richtig verstanden habe, hat Anna noch nie ein Wort gesprochen.«

»Seit dreizehn Jahren kein Wort?«

»Frau Joost kann Ihnen sicherlich mehr erzählen.«

»Wissen Sie, ob Anna ein Handy dabei hat, das wir orten könnten?«

»Sie hat kein Handy dabei.«

»Haben Sie schon ein Foto, das wir für die Fahndung nutzen können?«

»Wir haben von Frau Joost ein Familienfoto bekommen, auf dem das Mädchen abgebildet ist. Das Foto reicht, um Nachbarn und Anwohner zu befragen. Für die Fahndung brauchen wir ein besseres.«

»Haben Sie Einbruchspuren gefunden?«

»Nein, keine. Es ist nichts durchwühlt oder entwendet worden. Mit Sicherheit steht nur fest, dass es sich bei dem Toten um Andreas Joost handelt. Seine Frau hat ihn eindeutig identifiziert.«

»In Ordnung. Dann wollen wir uns mal den Tatort ansehen. Danach spreche ich mit Frau Joost.«

Degenhardt, Vorberg und Jana rückten ihren Mundschutz zurecht, anschließend folgten sie Körber in die Reetdach-Villa.

»Tolles Haus«, sagte Jana anerkennend. Sie bestaunte die großzügig bemessene, in bordeauxrot gehaltene Diele, die mit ihrem herrschaftlichen Kamin, den alten englischen Ledersesseln, mächtigen Fachwerkbalken und stilvollen Ölgemälden einen Besucher förmlich dazu einlud, bei einer Tasse Tee zu verweilen.

»Hier stirbt es sich auch nicht schöner als woanders«, meinte Degenhardt, während sie ins erste Stockwerk stiegen.

Oben angekommen, blieb Körber stehen und zeigte auf eine Tür, die weit offen stand. »Da drinnen liegt er.«

In dem Moment, als Degenhardt den Raum betrat und einen ersten Blick auf die Leiche warf, überfiel ihn augenblicklich ein Gefühl grenzenloser Ohnmacht. Es war die gleiche Hilflosigkeit, wie er sie vor vier Jahren schon einmal erlebt hatte.

Er taumelte kurz – seine rechte Schulter neigte sich zur Seite und wurde vom Holz des Türrahmens aufgefangen. Kalte Schweißtropfen bildeten sich auf seiner Stirn, und seine Beine schienen sich mehr und mehr in eine weiche Knetmasse zu verwandeln. Degenhardt riss den Mundschutz unter sein Kinn und schnappte nach Luft. Er wischte sich den Schweiß mit dem linken Ärmel seines weißen Einweg-Overalls von der Stirn und zog den Mundschutz wieder nach oben.

Vorberg, der sich im Raum umsah, erschrak beim Anblick seines Chefs. Ohne zu zögern legte er ihm eine Hand auf die Schulter.

»Rolf, ist alles in Ordnung?«

»Geht schon.«

Hinter ihnen balancierte Jana auf ihren Zehenspitzen und machte sich über die Schultern ihrer Kollegen hinweg ebenfalls ein Bild vom Tatort. Sie blickte in ein Kinderzimmer, das ungewöhnlich steril wirkte: Die Einrichtung bestand aus einem weißen Kleiderschrank mit Lamellentüren, einem Bettgestell aus weiß lackiertem Metall, einem Schreibtisch und einem Drehstuhl, beides ebenfalls weiß. Dieselbe Farbe hatte auch die Bettwäsche. Der Fußboden war mit weißem Laminat ausgelegt, Wände und Decke waren weiß getüncht. Gleißende Halogenstrahler, die die Kollegen zur Ausleuchtung des Raumes aufgestellt hatten, unterstrichen die irreale Atmosphäre des Raumes.

Gleichzeitig glich das Zimmer einem Schlachtfeld. Unzählige Blutspritzer waren über den Raum verteilt. Das meiste Blut befand sich in der Nähe des Toten, vor allem rund um die Körpermitte hatte sich auf dem Boden eine große Lache gebildet. Es gab zahllose Blutspritzer an der Wand neben der Leiche, auf der Bettwäsche und sogar oben an der Decke. Auf dem Laminatboden waren blutige Abdrücke von Schuhsohlen zu erkennen; die Profilspuren führten von der Leiche zum Eingang des Zimmers. Etwas weiter von der Leiche entfernt lagen schwarze Lederhandschuhe und ein Messer auf dem Boden. Es war rund dreißig Zentimeter lang, hatte einen schwarzen Griff und eine doppelseitig geschliffene Stahlklinge.

Der Tote selbst lag flach auf dem Bauch. Sein Kopf ruhte seitlich auf der rechten Wange, die Augen waren geschlossen. Trotz der Blutspuren, die quer über sein Gesicht verliefen, wirkte sein Ausdruck friedlich.

Der linke Arm war leicht angewinkelt und lag fast parallel zu seinem Rumpf. Die Hand, deren ebenfalls blutverschmierte Innenseite zu sehen war, befand sich auf Höhe des Oberschenkels.

Der andere Arm des Toten war über den Kopf gestreckt. Wenige Zentimeter neben der Hand waren auf dem Laminat blutige Wischspuren zu sehen, die bereits verkrustet waren. Innerhalb dieser Wischspuren war die Zahlenkombination 0103 erkennbar.

»Kein schöner Anblick«, stellte Vorberg fest.

»Ich habe noch kein Mordopfer gesehen, das schön anzusehen war«, erwiderte Degenhardt, dessen Hände noch immer zitterten. Er wandte sich an die junge Kommissaranwärterin und zeigte auf die Blutflecken an der Decke direkt über der Leiche.

»Schauen Sie«, sagte er, und seine Stimme klang atemlos. »Dort sehen Sie Schleuderspuren. Wenn ein Täter mit einem Messer mehrmals auf sein Opfer einsticht, werden bei den Ausholbewegungen Blutstropfen weggeschleudert, die sich an der Klinge befunden haben. Je nach Auftreffwinkel kommt es dabei zu sehr unterschiedlichen Blutspuren. Man kann grob sagen, dass die Blutspritzer eine kreisrunde Form haben, wenn sie im rechten Winkel auf eine Oberfläche treffen. Bei anderen Winkeln sind sie entweder länglich oder elliptisch. Dadurch können wir Rückschlüsse auf den wahrscheinlichen Standort des Mörders während der Tat schließen.«

Jana, die ihm aufmerksam zugehört hatte, nickte. »Okay.«

Degenhardt zeigte auf das Messer, das wenige Meter neben der Leiche lag. »Zu diesem Bild passt natürlich das Messer.«

»Die Tatwaffe?«

»Vermutlich.«

Dann wies er auf das Paar schwarze Lederhandschuhe, das nicht weit von dem Messer entfernt lag. »Ich verstehe allerdings nicht, warum der Täter seine Handschuhe am Tatort zurückgelassen hat – wenn es überhaupt die Handschuhe des Täters sind.«

»Das bedeutet, dass er beim Verlassen des Hauses Fingerabdrücke hinterlassen haben könnte?«

»Ja, genau. Und mithilfe von Hautschuppen in den Handschuhen können wir mit etwas Glück die DNA des Täters feststellen.«

»Wirklich merkwürdig«, schloss sich Jana an.

»So, den Rest können die Kollegen von der Tatortgruppe und die Rechtsmediziner erledigen«, erklärte Degenhardt und wandte sich an Vorberg. »Du klärst, ob die Suchaktion nach Anna Joost schon läuft. Ich brauche schnellstmöglich einen Sachstand.« Dann sah er Körber an. »Ich würde mich jetzt gerne mit Frau Joost unterhalten.«

Körber führte die Beamten aus Buchholz wieder ins Erdgeschoss. Er zeigte auf eine geschlossene Tür: »Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit Frau Joost!«

Degenhardt zog den Mundschutz unter sein Kinn, streifte die hellblauen Handschuhe ab und atmete tief durch. Trotz aller Erfahrung, die er im Laufe der Jahre bei der Polizei gesammelt hatte, war es für ihn immer noch sehr schwierig, mit den Emotionen der Angehörigen umzugehen. Schließlich klopfte er kurz an die Tür und trat ein, ohne auf eine Antwort zu warten.

Neben einer Polizeibeamtin saß eine sehr gefasst wirkende Frau, die ein zweiteiliges dunkelbraunes Kostüm trug. Der Farbton entsprach exakt dem ihrer Augen. Degenhardt grüßte die Polizistin mit einem kurzen Nicken und wandte sich dann Sarah Joost zu. Er streckte ihr seine Hand entgegen: »Ich bin Hauptkommissar Rolf Degenhardt. Sie sind Frau Joost?«

Sie stand auf und erwiderte stumm seinen Händedruck.

»Mein Beileid«, murmelte er und konzentrierte sich darauf, ihr in die Augen zu schauen.

Sarah Joost reagierte nicht.

»Sie haben Ihren Mann gefunden?«, fragte er und bemühte sich dabei um eine möglichst sanfte Stimme.

»Ja, habe ich.«

»Können Sie sich vorstellen, was passiert ist?«

»Ich denke, dass mein Mann ermordet wurde. Oder was meinen Sie?«

Degenhardt nickte. »Haben Sie in den letzten Tagen verdächtige Personen in Ihrer Umgebung oder sonst etwas Ungewöhnliches bemerkt?«

»Nein, habe ich nicht.«

»Können Sie sich vorstellen, was Ihr Mann mit ›0103‹ gemeint haben könnte?«

Sarah Joost antwortete schroff: »Keine Ahnung!«

»Wissen Sie, wo wir nach Ihrer Tochter suchen sollen?«

»Meine Güte! Natürlich nicht!«

Rolf Degenhardt überlegte kurz. »Ist Anna schon häufiger weggelaufen?«

»Nein! Vielleicht hat sie den Mord beobachtet und ist daraufhin weggelaufen? Sind Sie denn noch nicht auf diese Idee gekommen?«

»Doch, natürlich. Gibt es vielleicht irgendeinen Weg, den Ihre Tochter besonders mag?«

»Mein Mann ist häufig mit ihr durch die Heide nach Wilsede spazieren gegangen oder mit der Kutsche gefahren.«

Degenhardt nickte verständnisvoll. »Okay, ich brauche von Ihnen dann noch eine Personenbeschreibung und ein aktuelles Foto von Ihrer Tochter.«

»Das habe ich zusammen mit Ihrer Kollegin schon erledigt«, antwortete Sarah Joost verärgert und übergab Degenhardt einen handgeschriebenen Zettel mit der Beschreibung des Mädchens sowie ein Foto.

Als er das Bild des Mädchens betrachtete, zogen ihre türkisfarbenen Augen seine Aufmerksamkeit auf sich. Die Farbe erinnerte ihn an seinen letzten Urlaub in der Türkei. Am Strand von Antalya hatte er sich auf einer Luftmatratze durch das türkisfarbene Wasser treiben lassen. Es war sein letzter gemeinsamer Urlaub mit seiner Familie gewesen.

»Frau Joost, wo haben Sie sich heute Abend aufgehalten, bevor Sie Ihren Mann gefunden haben?«

»Auf einer Tagung.«

»Frau Joost«, bat Degenhardt eindringlich, »ich wünsche mir von Ihnen etwas detailliertere Informationen!«

Sie stöhnte gereizt. »Ich war auf einer Dermatologie-Tagung. Ich bin Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten und habe auf dieser Tagung einen Vortrag gehalten.«

Noch einmal bemühte sich Degenhardt, eine Verbindung zu Sarah Joost aufzubauen: »Sie sind also Fachärztin für Dermatologie.«

»Nein, ich bin Fachärztin für Dermatologie und Venerologie. Ich hatte mir schon gedacht, dass Sie davon keine Ahnung haben. Deswegen habe ich die Fachbegriffe nicht genannt.«

Beide schauten sich in die Augen, ohne dass einer dem Blick des anderen auswich.

Im nächsten Moment fuhr sie ihn an: »Ich habe keine Lust mehr, mit Ihnen über belangloses Zeug zu reden. Mein Mann ist ermordet worden, und meine Tochter ist verschwunden. Sie ist Autistin und dringend auf Hilfe angewiesen. Ich erwarte von Ihnen, dass Sie meine Tochter schnellstmöglich finden. Danach können wir uns gerne weiter unterhalten!«

Degenhardt schüttelte den Kopf. »Okay, dann habe ich abschließend noch zwei Dinge zu klären. Erstens muss ich Sie bitten, das Haus so lange nicht zu nutzen, bis unsere Tatortarbeit abgeschlossen ist. Schwer abzuschätzen, wie lange das noch dauern wird. Vielleicht schon morgen, vielleicht erst übermorgen. Ich habe bereits erfahren, dass Sie währenddessen bei einer Freundin unterkommen können. Bitte teilen Sie meiner Kollegin die Adresse und wie Sie zu erreichen sind mit.«

Sarah Joost holte tief Luft, dann fuhr sie Degenhardt an: »Das habe ich alles längst erledigt!«

Obwohl es ihm schwerfiel, blieb er ruhig. »Zweitens möchte ich Ihre Zeugenaussage offiziell dokumentieren. Könnten Sie es einrichten, zeitnah nach Buchholz in die Polizeiinspektion zu kommen?«

Ihre Augen verengten sich. »Nur, wenn Sie meine Tochter gefunden haben!«

»Gut, dann sehen wir uns in Buchholz. Die Kollegin wird Ihnen den Weg dorthin beschreiben und einen Termin mit Ihnen vereinbaren.«

Während sie sich mit einem knappen Händedruck voneinander verabschiedeten, stellte sie fest: »Ich werde bei der Suche nach meiner Tochter übrigens dabei sein!«

Degenhardt nickte bloß, öffnete den Reißverschluss seines Overalls, zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und überreichte ihr nach kurzem Suchen eine Visitenkarte. »Hier«, sagte er, »eine gute Firma für die Tatortreinigung.«

Ohne eine Reaktion von Sarah Joost abzuwarten, verließ er das Wohnzimmer, schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch. Nach ein paar Augenblicken holte er sein Handy hervor und suchte nach der Telefonnummer von Staatsanwalt Gerhard Hagemann.

Erst nach längerem Klingeln meldete sich die ihm vertraute Stimme des Staatsanwalts. »Hagemann?«

»Hauptkommissar Rolf Degenhardt von der Polizeiinspektion Nordheide hier. Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie so spät störe.«

»Schon gut. Sie rufen mich sicherlich nicht wegen einer Lappalie an. Was ist denn passiert?«

Degenhardt berichtete von dem Mordfall und der vermissten Tochter des Opfers.

Hagemann hörte zunächst aufmerksam zu, anschließend stellte er einige Fragen. Am Ende des Gespräches entschied er, noch in derselben Nacht nach Döhle zu fahren und sich einen eigenen Eindruck vom Tatort zu verschaffen.

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