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Liebesreise auf die Balearen – Das spanische Erbe

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“Sie befinden sich auf einem Privatstrand.”

Die schlanke junge Frau sprang erschrocken auf. Schnell befestigte sie das Bikinioberteil, straffte sich dann und wandte sich dem Störenfried zu. “Es tut mir leid”, sagte sie unwillkürlich. Wo, zum Teufel, stand, dass man sich hier nicht sonnen durfte? Dieser wundervolle Flecken Erde war doch nicht nur den einheimischen Machos vorbehalten, oder? “Ich wollte nur …”

“Sparen Sie sich die Mühe. Ich weiß, was Sie hier gemacht haben”, unterbrach der Mann sie kurz angebunden.

“Woher sollte ich denn ahnen, dass dieser Strand nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist? Hier gibt es nirgends ein Verbotsschild”, sagte sie aufgebracht und betrachtete den Spanier mit der tiefen, aufregenden Stimme zum ersten Mal näher. Er war ungefähr Mitte dreißig, hatte ausgeprägte Gesichtszüge und schien gerade aus dem Wasser gekommen zu sein, denn seine enge schwarze Badehose war noch nass. Seine Haut war sonnengebräunt, sein Körper muskulös wie der eines Athleten, und er hatte die wundervollsten dunklen Augen, die sie je gesehen hatte. Schnell wandte sie den Blick ab.

“Haben Sie in Ihrem eigenen Garten vielleicht so ein Schild stehen?”, fragte der Adonis stirnrunzelnd und holte sie wieder in die Gegenwart zurück.

“Nein, aber dort gibt es eine große Hecke und, nicht zu vergessen, ein abgeschlossenes Tor.”

Er nickte anerkennend. “Eins zu null für Sie, Miss …?”

“Wilson. Annalisa Wilson.” Am liebsten hätte sie die Arme verschränkt, denn er blickte sie herausfordernd an. Obwohl er nicht versuchte, sie zu bedrängen, machte er sie dennoch nervös.

“Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Annalisa”, sagte er. “Sie haben einen interessanten und seltenen Vornamen.”

“Danke. Mein Vater war Spanier.”

“Tatsächlich? Ich heiße Ramon Crianza Perez.” Der Mann hielt ihr die Hand entgegen.

Sie nahm sie und spürte die unbändige Kraft, die er ausstrahlte. Schnell befreite sie sich aus seinem Griff und wich einen Schritt zurück. “Es tut mir leid, dass ich mich auf einem Privatgrundstück aufgehalten habe. Ich werde gleich ver…”

Er ließ sie wieder nicht ausreden. “Wie wollen Sie das machen?”

“Ganz einfach. Ich werde schwimmen, und zwar um die Landzunge dort hinten. So bin ich auch hergekommen.” Sie zeigte auf den großen Felsen, der weit ins Meer hinausragte und die beiden Strände voneinander trennte.

“Das ist nicht Ihr Ernst.”

“Warum nicht? Sie sind doch auch von der Yacht dort hinten hergeschwommen.” Sie blickte hinüber zu dem beeindruckenden weißen Schiff, das vor der Küste Anker geworfen hatte.

“Trainieren Sie etwa für die Olympischen Spiele?”, fragte er aufgebracht.

“Nein.”

“Mit dem Meer ist nicht zu spaßen, Annalisa.”

Er sprach ihren Namen so … anders aus, irgendwie aufreizend. Plötzlich erinnerte sie sich daran, dass sie nur einen knappen Bikini trug.

“Die Strömung kann sehr gefährlich sein”, sagte er. “Besonders die am Felsen.”

“Ich bin eine gute Schwimmerin.”

“Gerade deswegen sollten Sie mehr Respekt vor der See haben.”

“Ich bin heil hierhergekommen und werde es auch wieder zurückschaffen. Sie brauchen also keine Angst zu haben.” Annalisa versuchte, überzeugend zu klingen, doch der finstere Blick des Mannes verunsicherte sie mehr, als sie zugeben wollte.

“Anfängerglück”, sagte er kopfschüttelnd, und damit schien für ihn das Thema erledigt zu sein. “Jetzt habe ich die Verantwortung für Sie. Wir gehen jetzt erst einmal zu mir nach Hause, dann sehen wir weiter.”

Dann sind wir also Nachbarn, dachte Annalisa erstaunt. Als der Mann auf sie zukam, wich sie erschrocken zurück. “Nein, ich kann nicht. Ich muss zurück, denn ich habe keine trockenen Sachen hier.”

Er blieb stehen und betrachtete sie von oben bis unten. “Kein Problem. Es wird sich schon etwas Passendes für Sie finden.”

Vorsicht, Gefahr! Annalisa war aufs Äußerste alarmiert. Der Fremde besaß nicht nur die Frechheit, sie unverschämt zu mustern, sondern schien auch zu erwarten, dass sie seinen Befehlen gehorchte. Da waren ihr die tückischen Strudel des Mittelmeeres schon lieber! Also gab es nur eins: die Flucht. Aber als Annalisa versuchte, an dem Spanier vorbeizugehen, verstellte er ihr den Weg. “Mein Fahrer wird Sie später nach Hause bringen.”

“Hören Sie … Ich weiß, Sie wollen nur höflich sein …”

“Darum geht es nicht. Ich möchte nur nicht, dass Sie noch einen Fehler machen.”

Wieso noch einen, dachte Annalisa erstaunt und beobachtete, wie sich seine Miene immer mehr verfinsterte. Anscheinend war er es nicht gewohnt, dass ihm jemand widersprach. “Ich komme schon klar”, sagte sie energisch.

“Ich habe für diesen Unsinn keine Zeit”, erwiderte er ungeduldig und zeigte auf einen kleinen Pfad, der die Klippen hinaufführte. “Gehen wir.”

Sie hätte ihm gern gehörig die Meinung gesagt, doch das hätte auch nichts gebracht. Ein Mann wie Ramon Perez war es gewohnt, seinen Willen durchzusetzen. Sie hatte also keine andere Wahl: Sie musste ihm folgen.

Nur widerwillig lief sie auf dem Weg durch die Büsche hinter ihm her. Es dauerte nicht lange, und sie erreichten eine Treppe, die anscheinend erst vor Kurzem gefegt worden war. Das Geländer war frisch gestrichen und passte im Farbton genau zu der Umgebung. Oben wartete ein Mann in der gestärkten weißen Uniform eines Hausangestellten mit einem Stapel gelb-weißer Badetücher über dem Arm. Wahrscheinlich hält er schon seit Stunden Wache, dachte Annalisa unwillkürlich, und wartet auf seinen Herrn und Meister!

Ramon nickte dem Bediensteten kurz zu. “Bitte zeigen Sie Miss Wilson das Gästezimmer, Rodriguez. Und sorgen Sie dafür, dass man ihr eine Erfrischung bringt.” Er wandte sich wieder Annalisa zu. “Margarita wird sicher etwas für Sie zum Anziehen finden.” Er nahm ein Handtuch und legte es ihr um die Schultern. Dabei berührte er wie beiläufig ihre nackte Haut. Es kam ihr vor, als hätte sie einen Stromschlag bekommen.

“Danke”, erwiderte sie mit bebender Stimme und zog den flauschigen Stoff enger zusammen. Es war ihr nicht entgangen, wie liebevoll er von “Margarita” gesprochen hatte. Diese Frau scheint ihm sehr viel zu bedeuten, dachte sie beinahe enttäuscht. Er war zwar der unmöglichste Mann, der ihr je begegnet war, aber auch der aufregendste.

Ramon Perez nickte ihr kurz zu. “Adiós, Annalisa”, verabschiedete er sich und wandte sich zum Gehen.

Annalisa beschattete ihre Augen mit der Hand, um nicht von der hellen Sonne geblendet zu werden, und beobachtete schweigend, wie der Hausherr den Weg zu dem weißen, beeindruckenden Herrenhaus entlangging. Sein Gang war geschmeidig wie der eines Raubtiers, und wahrscheinlich war der Mann auch genauso gefährlich! Es war besser, die Finger von ihrem stolzen menorquinischen Nachbarn zu lassen, denn er spielte in der Liga der Reichen, das konnte man an der großen Yacht und dem riesigen Anwesen sofort sehen.

Sie folgte Rodriguez die breite Marmortreppe hinauf und betrat gleich darauf die große Diele. Verschüchtert sah sie sich um. Es war niemand zu sehen. Das war auch gut so, denn sie sah aus wie eine in einem Palast gestrandete Meerjungfrau.

Der Bedienstete führte sie in den ersten Stock, öffnete eine Tür und ließ Annalisa eintreten. Das Gästezimmer war groß und hatte einen wunderbaren Blick auf das strahlend blaue Mittelmeer. Auf dem Tisch standen ein Krug mit frisch gepresstem Orangensaft, ein Glas und ein Teller mit reifen Feigen. Anscheinend hatte sich Annalisas Ankunft wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Ramon Perez’ Angestellte waren wirklich schnell!

Auf der gepolsterten Liege, die antik und sehr teuer aussah, lagen eine seidene blaue Caprihose und ein farblich genau dazu passendes Top. Margarita schien beinahe die gleiche Figur zu haben wie sie. Andächtig hob sie die Hose hoch und betrachtete das Etikett. Du meine Güte! Sie hatte noch nie im Leben so teure Sachen getragen. Vor dem Sofa standen helle Lederpantöffelchen, und auf dem großen Bett lagen ein Hauch von einem BH und ein Tanga.

Margarita ist sicher eine Traumfrau, dachte Annalisa seufzend und wartete, bis Rodriguez die Tür geschlossen hatte. Dann zog sie den Bikini aus und die eleganten Sachen an. Die Seide fühlte sich so wunderbar an, es war beinahe wie im Märchen. Doch was jetzt, fragte Annalisa sich, als sie fertig war. Sollte sie nach unten gehen?

Die Entscheidung wurde ihr abgenommen. Es klopfte, und eine junge Frau kam herein. “Der Wagen steht bereit, Señorita Fuego Montoya”, sagte sie in gebrochenem Englisch.

“Ich heiße Wilson”, erwiderte Annalisa lächelnd. “Sie können mich aber auch gern Annalisa nennen.” Es war schon komisch, mit dem Namen ihres verstorbenen Vaters angeredet zu werden!

“Sí, Señorita Fuego Montoya.” Das Mädchen errötete. “Sind Sie fertig?”

“Ja, danke.” Sie musste unbedingt Spanischunterricht nehmen! “Ich werde die Sachen später zurückbringen …”

“Oh nein, Señorita”, rief die Bedienstete schnell und hob abwehrend die Hände. “Señora Margarita sagt, Sie sollen sie behalten.”

“Das kann ich nicht annehmen.”

Die jüngere Frau zuckte die Schultern. Es war fast, als würde sie solch teure Geschenke für normal halten. “Die Señora hat sehr viele Sachen.”

So reich zu sein war schwer vorstellbar! Annalisa hatte auf Menorca eine Finca mit einem nicht gerade kleinen Grundstück geerbt, doch im Vergleich zu Ramon Perez’ Herrenhaus war es nur eine bescheidene Hütte. “Ich würde der Señora gern danken …”

Doch das Mädchen hatte schon das Zimmer verlassen, und so blieb Annalisa nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Verdammt, dachte sie. Wenn doch ihr Spanisch wenigstens etwas besser gewesen wäre! Dann hätte sie die Frau bitten können, sie zu Señora Margarita zu führen. Man sollte sie nicht für undankbar halten!

Sie runzelte die Stirn. Das war wirklich ärgerlich, aber vielleicht besser so. Das Leben der Superreichen interessierte sie nicht. Sie hatte ganz andere Probleme. Eigentlich hatte sie nur ungern ihren Job als Rechtsanwältin in der kleinen Kanzlei in Nordengland an den Nagel gehängt und ein Sabbatjahr genommen, aber die Tatsache, dass ein spanischer Adliger ihr ein Stück Land auf Menorca vermacht hatte, ließ ihr keine Ruhe. Warum sollte er so etwas tun – wo er doch ihre Mutter einfach im Stich gelassen hatte, als sie schwanger gewesen war. Soweit Annalisa wusste, hatte er auch nie wieder etwas von sich hören lassen.

Ihre Mutter hatte sie nicht fragen können. Es war ein ungeschriebenes Gesetz in der Familie gewesen, die Vergangenheit nicht zu erwähnen. Aber ihre Mutter war kurz nach Señor Fuego Montoyas Tod gestorben, und als Annalisa von ihrem Erbe erfahren hatte, war sie entschlossen gewesen, alles über ihren Vater herauszufinden.

Und nun war sie hier und folgte dem Mädchen die Marmortreppe hinunter. Als die Bedienstete den Namen ihres Vaters erwähnt hatte, waren die Vergangenheit und die Gegenwart für einen kurzen Moment eins geworden. Ramon Perez war vielleicht genauso wie ihr Vater … ein stolzer, unbeugsamer Macho, dem Ehre über alles ging.

Wenigstens war vom Hausherrn nichts zu sehen – was bestimmt auch besser so war! Dieser Mann war gefährlich, und sie konnte es sich in ihrer jetzigen Situation nicht leisten, mit dem Feuer zu spielen.

Der mürrisch blickende Chauffeur hielt ihr die Tür der dunklen teuren Limousine auf, und Annalisa ließ sich in die weichen Polster sinken. Es dauerte nicht lange und sie hatten ihre Finca erreicht. Wahrscheinlich kam sie dem Mann wie eine primitive Hütte vor, doch wenn sie das Haus erst einmal renoviert hatte … “Vielen Dank, dass Sie mich zurückgefahren haben”, sagte sie und schwieg verlegen. Der Mann ignorierte sie jedoch völlig, glitt vom Sitz und öffnete ihr die Tür.

Annalisa stieg aus und blickte sich um. Sie musste wirklich noch sehr viel Arbeit und Geld in das Haus und das Grundstück stecken, wenn sie die Finca gewinnbringend verkaufen wollte. Allein die Auffahrt war voller Schlaglöcher. So etwas schreckte potenzielle Interessenten natürlich ab – und von denen sollte es schon einige geben, so hatte jedenfalls der Immobilienmakler gesagt, mit dem sie kurz nach ihrer Ankunft auf Menorca gesprochen hatte.

Der teure Wagen fuhr davon, und in Sekundenschnelle war Annalisa von Kopf bis Fuß mit Staub bedeckt. Sie wandte sich um und betrachtete nachdenklich das Anwesen. Der Putz bröckelte von den Wänden und das Dach war undicht. Wenn sie es nicht bis zum Ende des Sommers reparieren ließ, würde das Innere des Hauses bald völlig unter Wasser stehen. Aber trotz aller Probleme hatte die Finca aus honigfarbenem Stein Charme.

Lautes Bellen holte Annalisa aus ihren Gedanken und ließ die Sorgenfalten auf ihrer Stirn verschwinden. Sie hatte in den letzten Tagen viele Streuner quasi “adoptiert”. Fudge, den alten, treuen Hund, zum Beispiel, der sich über jede Sekunde freute, die sie mit ihm verbrachte. Dann gab es noch mehrere Katzen, Hühner, und eines Morgens hatte sich sogar ein herrenloser Esel eingefunden. Es war beinahe so, als merkten die Tiere, dass das Leben auf der Finca Fuego Montoya weitergehen würde.

Annalisa war zuerst nicht so optimistisch gewesen. Das Haupthaus und alle anderen Gebäude waren sträflich vernachlässigt worden, und der Staub und Verfall waren allgegenwärtig.

Sie hatte sich jedoch nicht abschrecken lassen. Die Möbel waren kostbar, und die von Spinnweben überzogenen Gemälde an den Wänden waren sicher auch einiges wert. Also hatte sie sich an die Arbeit gemacht und die meisten Zimmer von Grund auf gereinigt und lange gelüftet. Es lag aber noch viel Arbeit vor ihr. Sie schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Egal, dachte sie, was ich angefangen habe, bringe ich auch zu Ende. Dazu würde sie sogar lernen, mit Hammer und Meißel umzugehen! Immerhin war das Wetter hier viel besser als im Norden Englands. Der Winter war gerade vorüber, und doch war es schon schön warm.

Sie ging auf ihr Zimmer, zog sich Shorts und ein altes T-Shirt an und machte sich dann auf den Weg in die Küche. Dort setzte sie sich an den rustikalen Tisch und begann, einen Dankesbrief an Señor und Señora Ramon Crianza Perez zu verfassen. Aber sie konnte sich nicht richtig konzentrieren. Immer wieder sah sie den muskulösen, attraktiven Mann vor sich. Zum Teufel! Er war verheiratet und daher für sie unerreichbar.

Wieder musste sie an ihre Mutter denken. Diese war in ihrem Leben bitter enttäuscht worden, nur weil sie sich mit dem Falschen eingelassen hatte. Annalisa hatte nicht vor, es ihr gleichzutun! Seufzend widmete sie sich wieder der Aufgabe, die vor ihr lag. Eine Viertelstunde später schloss sie den Umschlag und legte ihn auf die Flurkommode. Sie würde ihn gleich morgen früh mit nach Mahon, der Inselhauptstadt, nehmen und zur Post bringen. Doch jetzt hatte sie wichtigere Dinge zu tun. Ihr Anwalt würde gleich kommen, und sie musste sich vorbereiten. Sie nahm ein Blatt Papier und notierte sich die Dinge, die sie mit ihm besprechen wollte. Schließlich lehnte sie sich zurück und betrachtete die Liste. Und plötzlich kam ihr eine Idee …

“Haben Sie sich das auch gut überlegt, Señorita Wilson? Sie haben doch gar kein Geld, um die Veränderungen an der Finca vorzunehmen, die Sie mir gerade genannt haben. Warum akzeptieren Sie nicht das großzügige Angebot, das Ihnen gemacht worden ist, und kaufen sich etwas anderes? Ein Haus am Strand zum Beispiel oder eine Wohnung?”

“Ich habe beschlossen, die Finca zu behalten.”

“Das kann nicht Ihr Ernst sein!”

Annalisa hätte beinahe gelacht. Sie hatte den ehrenwerten Anwalt mit dem weißen Haar völlig aus der Fassung gebracht. “Das ist mein letztes Wort”, sagte sie leise, aber bestimmt.

“Das kann ich nicht glauben!”, erwiderte der Mann kopfschüttelnd. “Wie wollen Sie denn …?”

So langsam verlor Annalisa die Geduld. “Hören Sie, Don Alfonso, ich weiß, was ich tue. Ich habe schon immer gearbeitet und werde auch jetzt für meinen Unterhalt aufkommen.”

“Das verstehe ich nicht, Señorita Wilson. Wenn Sie das Anwesen verkaufen, haben Sie ein Leben lang ausgesorgt.”

“Darum geht es mir nicht. Ich möchte auf der Finca Fuego Montoya bleiben. Glauben Sie mir, ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Ich werde das Haupthaus und die Nebengebäude renovieren und dann die Orangenhaine bewirtschaften.”

“Die Orangenhaine?”, rief der Anwalt erstaunt. “Aber Sie verstehen doch gar nichts vom Obstanbau.” Er zog ein Taschentuch hervor und trocknete sich die Stirn. Es war ihm deutlich anzumerken, wie besorgt er war. “Sie übernehmen sich, Señorita Wilson. Eine solche Aufgabe können Sie nicht allein bewältigen.”

“Warum nicht? Weil ich eine Frau bin?”

Er zögerte nur kurz, aber Annalisa wusste, dass sie ins Schwarze getroffen hatte.

“Sie haben nicht genug Geld”, erwiderte er schließlich.

“Ich kann vieles selbst erledigen und auch im Dorf um Hilfe bitten. Harte Arbeit hat mich noch nie abgeschreckt.”

“Es geht nicht um die Arbeit, sondern um die Finanzierung.”

“Ich werde das schon irgendwie regeln.”

Don Alfonso schien nicht überzeugt zu sein, denn er schüttelte den Kopf. “Wahrscheinlich könnten Sie es sogar schaffen, aber …”

“Was aber?”

“Sie stellen sich gegen eine sehr reiche und mächtige Familie, Señorita Wilson. Bitte denken Sie noch einmal darüber nach, bevor Sie ablehnen. Die Offerte ist sehr großzügig.”

“Nein, Don Alfonso, ich habe mich entschieden. Ich werde nicht verkaufen.”

“Überlegen Sie …”

“Nein! Warum will diese Familie eigentlich gerade jetzt das Land erwerben? Immerhin sind das Grundstück und das Haus seit Jahren vernachlässigt worden.”

“Man hat Ihrem Vater schon seit Jahren Angebote gemacht, doch er hat sie immer abgelehnt.”

“Und genauso werde ich es auch halten”, erwiderte sie und wusste selbst nicht, warum sie sich plötzlich mit ihrem Vater, der sie schmählich im Stich gelassen hatte, so verbunden fühlte.

“Ich kann Sie also nicht von Ihrem Entschluss abbringen?”

“Richtig.”

Don Alfonso seufzte leise. “Wenn Sie meinen …”

“Wissen Sie, was ich nicht verstehe?”, fragte Annalisa aufgebracht. “Sie sind doch mein Anwalt und sollten meine Interessen vertreten, oder? Wieso habe ich das Gefühl, dass Sie eher auf der Seite des potenziellen Käufers stehen?”

Der alte Mann beugte sich vor. “Wir sprechen hier von einer der einflussreichsten Familien Spaniens”, flüsterte er. “Mit ihr ist nicht zu spaßen, das sollten Sie sich immer vor Augen halten.”

Falls er sie damit abschrecken wollte, war es ihm nicht gelungen. So leicht ließ sich Annalisa nicht einschüchtern. “Ich denke nicht daran, mich vertreiben zu lassen. Dazu gehört mehr als Geld und Adel.”

“Sie haben ja keine Ahnung, worauf Sie sich da einlassen!”

“Dann sagen Sie es mir. Nennen Sie mir einen Namen. Ich gehe ja nicht davon aus, dass es sich um Geister handelt, oder?”

Der Anwalt senkte den Kopf, und es schien, als hätte er Bedenken, ihn laut auszusprechen. “Nein, Señorita Wilson. Sie sollten vor allem das Familienoberhaupt fürchten. Es handelt sich um einen Mann, der kalt ist wie Eis und der einen eisernen Willen hat. Ramon Crianza Perez ist ein Gegner, den man keinesfalls unterschätzen sollte.”

Annalisa glaubte, sich verhört zu haben. Sprach Don Alfonso wirklich von dem Mann, den sie am Strand getroffen hatte? Sie dachte wieder an seinen athletischen Körper und diese wundervollen, faszinierenden, dunklen Augen … “So gefährlich kommt er mir eigentlich gar nicht vor”, erwiderte sie stirnrunzelnd.

“Sie kennen ihn also?”

“Ja, und er schien äußerst zivilisiert zu sein.”

Der Anwalt schüttelte mitleidig den Kopf. “Vergeben Sie mir, Señorita Wilson, aber Sie sind eine junge Frau Mitte zwanzig und haben noch nicht sehr viel Erfahrung …”

“Das stimmt nicht. Ich bin Rechtsanwältin und kenne die Menschen”, unterbrach sie ihn verärgert.

“Ramon Perez ist eine Ausnahme. Seien Sie nicht zu vertrauensselig.”

“Das bin ich auch nicht. Ich werde ihn genauso behandeln wie jeden anderen. Als Erstes teilen Sie ihm bitte mit, dass die Finca Fuego Montoya nicht zum Verkauf steht. Ich wohne hier und habe vor, für immer zu bleiben.”

Seufzend hob der Anwalt die Hände. “In Ordnung, Señorita Wilson. Wenn Sie es so wünschen …”

Annalisa fegte gerade den Hof, als der schwarze Sportwagen die Auffahrt heraufkam und vor dem Haus hielt. Sie strich sich eine Strähne ihres langen dunklen Haars aus der Stirn und wartete darauf, dass sich die Staubwolke legte. Als sie sah, wer da aus dem Auto stieg, verspannte sie sich unwillkürlich. Was, zum Teufel, tat Ramon Perez hier? Und wieso hatte sie gerade heute beschlossen, wie die menorquinischen Frauen nur einen leichten Baumwollrock zu tragen, den sie so hochgebunden hatte, dass er ihre nackten Beine freigab?

“Buenos días, señorita!”, rief Ramon und kam auf sie zu. Dabei klopfte er sich den Staub von den engen Jeans.

Er blieb vor ihr stehen und betrachtete sie von oben bis unten. Dann lächelte er jungenhaft. “So gefallen Sie mir.”

Verdammt, dachte Annalisa und strich schnell den Rock glatt. Damit hatte sie nicht gerechnet! Sie hatte Don Alfonso gebeten, ein Treffen mit Ramon Perez zu vereinbaren, und zwar im Büro des Anwalts in Mahon. Dort hätte sie ihm vernünftig bekleidet entgegentreten können, aber hier auf der Finca hatte er das Überraschungsmoment für sich und damit einen unschätzbaren Vorteil, den er wahrscheinlich auch sofort erbarmungslos ausnutzen würde.

“Danke”, erwiderte sie und hoffte, dass sie genauso ruhig klang wie er. “Ich habe die Sachen im Dorf gekauft.”

“Darauf wäre ich nie gekommen”, erwiderte er spöttisch. Dann wandte er sich ab und betrachtete lange das Haupthaus und die Gebäude. Schließlich drehte er sich wieder zu Annalisa um. “Da haben Sie ja noch viel Arbeit vor sich. Die Ställe zum Beispiel sehen aus, als würden sie gleich einstürzen. Sie sollten also lieber kein Vieh halten.” Er schob seine schlanken Hände in die Hosentaschen.

Annalisa konnte nur schwer den Blick von ihm abwenden. “Das habe ich auch nicht vor.”

Er nickte. “Dann ist es ja gut.” Immer noch sah er Annalisa unverwandt an.

Sie beschloss, die Initiative zu ergreifen. “Warum sind Sie gekommen, Señor Perez?”

Er lächelte kühl. “Das ist doch wohl offensichtlich, oder? Ich wollte Sie wiedersehen.”

“Mich?” Selten hatte sie sich so unwohl gefühlt. Dieser Mann schien ihre Gedanken lesen zu können und fand es wohl auch noch lustig, sie zappeln zu lassen.

Er nickte. “Don Alfonso hat mich eben aufgesucht und um ein Treffen gebeten, damit wir über die Wasserrechte sprechen können.”

Annalisa verspannte sich. Das war ihre Achillesferse, und das wusste er genau. Wenn sie die Orangenhaine bewirtschaften wollte, brauchte sie Wasser …, und der nächste Brunnen befand sich auf Ramon Perez’ Land. “Das stimmt”, erwiderte sie mit bebender Stimme, “aber das Treffen sollte in Mahon in Don Alfonsos Büro stattfinden und nicht hier.”

“Warum nicht hier?”

Energisch straffte sie sich. Er sollte nicht denken, dass sie ohne ihren Anwalt mit ihm sprechen würde! “Ich frage Sie noch einmal: Was wollen Sie, Señor Perez?”

“Ich wollte Ihnen etwas zurückbringen.” Er öffnete die Faust und präsentierte ihr ihren Bikini.

Auch das noch! Sie stöhnte leise auf und ging auf ihren Nachbarn zu. Doch als sie nach dem hauchdünnen Stoff greifen wollte, packte der Spanier sie am Handgelenk und zog sie an sich. Einen Moment lang standen sie starr da. “Wollen Sie etwa Spielchen mit mir treiben, Annalisa?”, fragte er schließlich leise.

Sie war aufs Äußerste alarmiert. Was hatte er vor? Sprach er von den Wasserrechten? Oder meinte er etwas ganz anderes … viel Persönlicheres? Energisch schüttelte sie den Kopf und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. Seine Nähe machte sie nervöser, als sie sich eingestehen wollte. Die Glut, die von ihm ausging, war heißer als die mittägliche menorquinische Sonne. Sie machte Annalisa schwindelig und ließ ihr Herz schneller klopfen.

Plötzlich lachte Ramon und ließ sie los. Es schien, als hätte er die Antwort auf seine Frage erhalten.

Am ganzen Körper bebend, wich sie einige Schritte zurück. “Sie sind hier derjenige, der Spielchen treibt”, sagte sie und hoffte, dass ihre Stimme ruhig klang. Ramon Perez sollte nicht merken, wie sehr seine Anwesenheit sie aus dem Gleichgewicht brachte. “Ich danke Ihnen dafür, dass Sie mir …”

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