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Das sinnliche Spiel des Scheichs

1. KAPITEL

Bahir Al-Qadir hasste es zu verlieren. Für einen Mann, der in der Hälfte aller Casinos auf der Welt Hausverbot hatte, weil er regelmäßig die Bank knackte, war Verlieren die Ausnahme. Und so stieg jetzt, während er mit grimmiger Miene zusah, wie seine Chips vom Roulettetisch gezogen wurden, ein bitterer Geschmack in seinen Mund.

Seit drei Tagen schon steckte er in dieser Pechsträhne fest, und kein Ende war in Sicht. Auch das Wissen, dass Roulette so ausgelegt war, dass grundsätzlich das Haus gewann, half nicht. Dazu war er zu sehr ans Gewinnen gewöhnt. Ironie des Schicksals, dass Fortuna ihn ausgerechnet jetzt verlassen hatte, wenn er darauf gebaut hatte, eine kleine Casinotour würde seine Stimmung aufhellen.

Mit einem schmalen Lächeln setzte er seinen letzten Chip-Stapel. Was machte es schon, wenn er heute Abend das Bruttosozialprodukt eines Zwergstaates verspielt hatte? Er war professioneller Spieler. Der Schweiß mochte ihm den Nacken hinunterlaufen, sein Magen mochte hart wie Stein sein, aber er würde keinen von den Geiern, die mit ihm am Spieltisch saßen, sehen lassen, wie er sich im Moment fühlte.

Der Croupier bat um die Einsätze, auch wenn längst ein Spieler nach dem anderen ausgeschieden war. Sie waren vollauf zufrieden damit, Zeuge des Unfassbaren zu werden – zu sehen, wie Bahir, der berüchtigte „Scheich des Rouletterads“, verlor.

Mit einem geübten Stoß aus dem Handgelenk setzte der Croupier das Rad in Bewegung, warf gekonnt den kleinen Ball in die entgegengesetzte Richtung.

„Rien ne va plus!“, verkündete er unnötigerweise, denn es gab niemanden, der noch etwas hätte setzen wollen.

In Bahir keimte gespannte Hoffnung auf. Dieses Mal würde es doch bestimmt klappen …? Beim letzten Einsatz würde sich doch sicher das Glück endlich für ihn wenden …? Nur um ihm zu beweisen, dass seine Gabe ihn nicht verlassen hatte …?

Sein Magen zog sich zusammen. Wie gebannt starrten alle auf die hüpfende Kugel, die in den nummerierten Taschen hin und her sprang, bis sie schließlich ihr Momentum verlor und in dem sich drehenden Rad liegen blieb.

Rot. Übelkeit stieg in Bahir auf. Die Zahl war jetzt unerheblich.

Es war vorbei. Er hatte verloren.

Wieder.

Er dankte dem Croupier lässig, als hätte er nicht mehr als den Preis für eine Tasse Kaffee verloren, und ignorierte das schockierte Geraune seines Publikums. Er würde mit hoch erhobenem Kopf hier herausgehen, auch wenn er sich am liebsten die Haare gerauft hätte. Was war nur los mit ihm?

Er verlor nicht. Nicht in dieser Höhe. Das letzte Mal, als er eine solche Pechsträhne gehabt hatte …

Jäh gebot er seinen Gedanken Einhalt. Das Letzte, an das er an einem Abend wie dem heutigen denken sollte, war sie.

Sie war schließlich der Grund, weshalb er überhaupt hier war.

„Monsieur, s’il vous plaît.“

Bahir wandte das Gesicht, als er die überhöfliche Stimme neben sich hörte. Marcel, der Betreuer, den das Casino ihm zur Seite gestellt hatte. Ein perfekter persönlicher Betreuer, der dafür gesorgt hatte, dass es Bahir an nichts mangelte, noch bevor dieser überhaupt ein Wort äußerte. Unauffällig, immer genügend Abstand und doch immer präsent – und nicht das geringste Anzeichen der spöttischen Zufriedenheit, die der Mann jetzt unter Garantie verspüren musste.

„Scheich Al-Qadir, der Abend muss nicht zu Ende sein. Das Casino stellt Ihnen gerne einen Kredit zur Verfügung, wenn Sie Ihr Vergnügen noch verlängern möchten.“

Die Miene des Mannes mochte ausdruckslos sein, aber in den grauen Augen lag ein Glühen, das Bahir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. So, man hoffte also darauf, dass seine Pechsträhne anhielt. Trotziger Ehrgeiz flammte in ihm auf, wurde jedoch von dem Wissen überstimmt, dass er in den drei Tagen, seit er hier war, nichts anderes getan hatte als verlieren. Ein sehr guter Grund aufzuhören.

Außerdem brauchte er kein Geld vom Casino. Über die Jahre hatte er genug gewonnen, um sich keine Sorgen zu machen, wenn er die eine oder andere Million verlor – oder auch zehn Millionen. Es ging ihm nicht um das Geld, es war das Verlieren, das ihn aufrieb. In seinem Kopf trommelte es im Stakkato: Verlierer, Verlierer, Verlierer …

Er lächelte trotzdem. „Danke, aber nein danke.“

Er hatte den Saal halb durchquert, bevor Marcel ihm nachkam. „Die Nacht ist noch jung …“

Bahir sah sich um. Hier konnte jeder leicht diesem Gedanken verfallen. Sicher eingeschlossen in fantastischem Luxus, unter dem Licht von schillernden Kristalllüstern, ohne Fenster, die die Tageszeit verrieten, verlor man hier jedes Zeitgefühl. Er sah auf seine Armbanduhr. Das Tageslicht würde kommen, noch bevor er im Bett war. „Vielleicht für andere.“

Sein Betreuer ließ sich nicht abschütteln. „Sehen wir Sie heute Abend wieder, Scheich Al-Qadir?“

„Möglicherweise.“ Oder auch nicht.

„Ich schicke Ihnen eine Limousine zum Hotel, die Sie abholen wird. Vielleicht haben Sie ja auch Zeit für ein Dinner und eine Show? Sagen wir, gegen acht?“

Bahir blieb stehen, drückte mit Daumen und Mittelfinger seine Nasenwurzel, um so viel Schmerz zu erzeugen, dass es das Donnern in seinem Schädel übertönen würde. Nicht zum ersten Mal war er dankbar, dass er das ach so großzügige Angebot einer Unterkunft im Casino abgelehnt hatte. Es hatte seine Vorteile, die Privilegien, die einem Spieler mit hohen Einsätzen offeriert wurden, nicht anzunehmen. Zum Beispiel, dass man kommen und gehen konnte, wann man wollte.

Er wollte Marcel gerade unmissverständlich wissen lassen, was er mit seiner Limousine, dem Dinner und der Show machen konnte, als ein Farbblitz im Raum seine Aufmerksamkeit anzog. Rot auf golden getönter Haut, schwarzes Haar, von einem Diamantkamm aufgesteckt gehalten. Einen Moment lang wurde er an eine andere Zeit, an ein anderes Casino erinnert.

Und an eine andere Frau. Eine Frau, deretwegen er hergekommen war, um sie zu vergessen. Er schüttelte den Kopf, wie um die Erinnerung abzuschütteln. Um die Schatten zu vertreiben, um das harte Pochen seines Herzens zu beruhigen.

„Scheich Al-Qadir?“

„Gehen Sie endlich, Marcel“, knurrte er, und dieses Mal verstand der Hai im Nadelstreifenanzug den Wink mit dem Zaunpfahl, tauchte mit einem Abschiedsgruß hastig in das Meer aus Smokings und Abendkleider zurück.

Sie war es nicht, wie Bahir nach einem zweiten Blick klar wurde. Das Gesicht war zu grob, das Make-up zu grell, die goldene Haut eher wie Leder. Wie hätte sie es auch sein können? Er hatte sie bei ihrer Schwester in Al-Jirad zurückgelassen, und sicherlich würde nicht einmal jemand, der so verantwortungslos war wie sie, ihrer Familie gleich wieder den Rücken kehren, nachdem sie gerade aus Mustafas Klauen gerettet worden war.

Obwohl, wie er Marina kannte …

Unter angehaltenem Atem fluchend, strebte er dem Ausgang zu. Was war nur heute Abend los mit ihm? Er konnte es nicht gebrauchen, ständig an sie zu denken.

Oder besser, ständig ihre goldene Haut vor sich zu sehen und daran zu denken, wie sie, trotz der Zeit, die vergangen war, und trotz der mit Abneigung gefüllten Kluft zwischen ihnen, ihn noch immer magnetisch anzog. Wie lange war das jetzt her? Drei, vier Jahre? Aber als sie da aus dem Zelt in der Wüste getreten war, hatte ein einziger Sirenenblick gereicht, um ihn hart werden zu lassen. Ihr Blick war jedoch sofort eisig kalt geworden, sobald sie erkannte, wer ihre Retter waren.

Sie bewegte sich noch immer so fließend wie Seide. Hatte sich geschmeidig auf das Pferd geschwungen, rank und schlank, wie er sie in Erinnerung hatte, obwohl sie zwei Kinder geboren hatte.

Er mochte von einer Pechsträhne verfolgt werden, aber er würde seinen letzten Cent verwetten, dass ihre Haut sich noch immer so seidig und weich anfühlte wie früher. Unter seinen Handflächen, wenn er sie gestreichelt hatte, oder wenn ihre Beine um seine Hüften gelegen hatten …

Verflucht sollte sie sein!

Er würde nicht mehr an ihre langen Beine oder ihre samtene Haut denken! Wozu auch? Die Frau brachte nur Probleme ein, ob in der Vergangenheit oder in der Gegenwart. Sie war das gefährlichste aller Glücksspiele, der Einsatz von vornherein verloren, noch bevor das Rad sich drehte.

Der Portier wünschte ihm eine gute Nacht, obwohl draußen am Himmel bereits der neue Tag dämmerte. Bahir hielt das Gesicht in die Morgenluft, hoffte darauf, die Frische würde seine überreizten Nerven und seine heiße Haut abkühlen.

Stattdessen verspürte er nur Frustration. Er lockerte die verspannten Schultern, ließ den Kopf kreisen, um die Nackenmuskeln zu entspannen. Wann hatte er sich je so verkrampft gefühlt? Wann war er je solch gedrückter Stimmung gewesen?

Er kannte die Antwort.

Er glitt auf den Rücksitz der bereitstehenden Limousine und ließ sich mit einem Seufzer in die Polster zurücksinken. Unendlich müde und gleichzeitig rastlos zog er sich die Smokingfliege vom Hals. Er hatte gehofft, dass das Casino seine Lebensgeister aufheitern würde. Stattdessen hatte das Glück ihn verlassen, und er war noch tiefer in den Morast gesunken.

Mit leerem Blick sah er zum Fenster hinaus, über die palmengesäumte Strandpromenade hin zum Meer mit seinen weißen Schaumkronen. Monaco war großartig und sicherlich zu Recht Anziehungspunkt für die Schönen und Reichen und jene, die es werden wollten. Doch im Moment erschien ihm Monaco und der gesamte Süden Frankreichs einfach nur öde, platt und unnütz.

Nein, hier gab es nichts für ihn.

Er musste weiter. Aber wohin? Las Vegas? Nein, die amerikanischen Casinos achteten noch strenger darauf, dass das Haus seinen Gewinn einzog. Und in Macau war er nach seiner letzten Glückssträhne leider noch immer persona non grata.

Ein unerwartetes Bild schob sich in seinen Kopf, eine frische Erinnerung an goldene Dünen und eine am grenzenlosen Horizont untergehende Sonne.

Die Wüste?

Er setzte sich gerader auf, sein Interesse war geweckt. Obwohl er sich im nächsten Moment fragte, ob er verrückt geworden war. Sein kürzlicher Besuch in Al-Jirad hatte ihn mit seinen drei Freunden zusammengeführt, Zoltan, Kadar und Rashid. Zwei Exkursionen in die Wüste hatten sich ebenfalls daraus ergeben, wenn auch nur kurz – zuerst, um Prinzessin Aisha aus Mustafas Klauen zu retten, und danach Marina, ihre Schwester.

Das erste Abenteuer hatte er als aufregend empfunden. Mit seinen drei Freunden gegen die Zeit über die Dünen zu reiten, unbemerkt in das Lager einzudringen, die Prinzessin zu retten. Die zweite Tour dagegen hatte ihm nicht solchen Spaß gebracht, auch wenn die Pferde genauso schnell, die Gesellschaft ebenso amüsant, Sonnenauf- und – untergänge gleich überwältigend gewesen waren. Es war Marina gewesen, die ihm das Abenteuer vergällt hatte.

Dass Zoltan von allen Frauen der Welt ausgerechnet ihre Schwester hatte heiraten müssen, die Schwester der Frau, die er sich geschworen hatte nie wiederzusehen. Umso schlimmer, weil sie noch immer diese Wirkung auf ihn ausübte.

Vielleicht würde die Wüste ihn kurieren. Vielleicht würde die Wüstensonne sie aus seinen Gedanken brennen und die kalten Nächte in der Wüste seinen Kopf endgültig von ihr klären.

Vielleicht wurde es Zeit, nach Hause zurückzukehren.

Nach Hause. Wie lange hatte er an die Wüste nicht mehr als sein Zuhause gedacht?

Warum sollte er nicht dorthin zurückkehren? Er musste nirgendwo anders sein, er hatte keine Pflichten zu erledigen, hatte sich um niemanden zu kümmern, außer um sich selbst. Dieses Mal konnte er sich Zeit nehmen, um die Farben und die Atmosphäre der Wüste in sich aufzunehmen und auf sich wirken zu lassen, die Macht der Natur zu absorbieren, die klare Luft und die Hitze einzuatmen.

Und in der Wüste würde es auch keine seltsamen Farbblitze geben, keine Blicke auf goldene getönte Haut, die ihn an andere Zeiten und eine andere Frau erinnerten, die er vergessen wollte.

Mit einem tiefen Atemzug merkte er, dass er zum ersten Mal seit Tagen zufrieden war. Sobald er geschlafen hatte, würde er sich den Flugplan ansehen. Er war erleichtert, dass die langen Nächte hinter ihm lagen. Sicher würde dann auch die Pechsträhne vorüber sein. Denn viel schlimmer als jetzt konnte es nicht mehr werden.

Sein Handy vibrierte in seiner Tasche. Wer rief ihn um diese Zeit an? Ein Blick auf das Display beantwortete die Frage. Er hielt das kleine Gerät ans Ohr.

„Zoltan, was kann ich für dich tun?“

Er hörte zu, während das Grau am Himmel sich in Pink verwandelte, und wusste, dass seine Pechsträhne noch lange nicht vorbei war.

2. KAPITEL

„Nein.“

„Bahir, hör mir einfach zu“, beharrte der Freund.

„Was immer es ist – ich brauche es nicht zu hören. Meine Antwort bleibt gleich.“

„Sie kann nicht ohne Begleitung nach Hause reisen. Das erlaube ich nicht.“

„Ich dachte, Mustafa sitzt hinter Gittern?“

„Tut er. Ich habe ihn schon einmal unterschätzt. Diesen Fehler mache ich nicht noch einmal. Solange die Möglichkeit besteht, dass es da draußen noch loyale Anhänger gibt, werde ich kein Risiko bei der Sicherheit von Aishas Schwester eingehen.“

Bahir fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Soll Kadar das übernehmen.“

„Er ist geschäftlich in Istanbul.“

Bahir schnaubte. „Wie praktisch. Dann Rashid.“

„Du kennst doch Rashid. Er ist verschwunden, niemand weiß, wo er ist. Irgendwann taucht er dann wieder auf.“

Bahir drückte seine Nasenwurzel, bis ihm Funken vor den geschlossenen Augen aufblitzten. Das musste ein Albtraum sein, nur wachte er nicht daraus auf. „Es muss doch keiner von uns sein, Zoltan. Eine von den Palastwachen kann Eskorte spielen.“

„Die sind alle beschäftigt.“ Eine Pause folgte. „Außerdem … Aisha hat darum gebeten, dass du es übernimmst. Weil du der Beste bist.“

Bahir zögerte. Er mochte Zoltans Braut, auch wenn er zuerst seine Zweifel gehabt hatte. Inzwischen konnte er sich keine bessere Partnerin für seinen Freund vorstellen. Normalerweise würde er ihr keine Bitte abschlagen, aber offensichtlich hatte Aisha keine Vorstellung davon, was sie von ihm verlangte. „Aisha irrt.“

„Aber du kennst Marina.“

„Genau das ist der Grund, weshalb ich Nein sage.“

„Bahir …“

„Nein. Reicht es nicht, dass ich mitgekommen bin, um sie zu retten? Dräng mich nicht, Zoltan. Warum begleitest du sie nicht selbst, wenn es dir so wichtig ist?“

„Bahir“, kam es zögernd vom anderen Ende, „ist alles in Ordnung?“

„Natürlich!“ Nichts war in Ordnung. „Hör zu, Zoltan. Es gibt Gründe, weshalb Marina und ich uns getrennt haben. Sie hasst mich, und ehrlich gesagt, begeistert bin ich auch nicht von ihr. Sie ist vielleicht jetzt deine Schwägerin, aber du kennst sie nicht, so wie ich sie kenne. Sie ist das typische Partygirl, verantwortungslos, egoistisch und verwöhnt. Zudem hat sie die Moralvorstellungen einer Straßenkatze, die Beweise dafür kann jeder sehen.“

„Mein Gott, Bahir, du sollst sie ja nicht heiraten! Sondern nur sicherstellen, dass sie gut nach Hause kommt.“

„Und ich sage dir, dass du dafür einen anderen finden musst.“

Am anderen Ende blieb es lange still. „Weißt du, Bahir“, kam es dann endlich, „wenn ich es nicht besser wüsste … Man könnte glatt meinen, du hast Angst davor, Zeit mit ihr zu verbringen.“

„So ein Unsinn. Du verstehst es einfach nicht. Selbst wenn ich zustimmen sollte … eher friert die Hölle zu, bevor sie sich von mir begleiten lässt. Sie hasst mich, hast du nicht zugehört? Hättest du dir die Mühe gemacht und sie gefragt, wüsstest du das bereits.“

Das Schweigen am anderen Ende ließ Hoffnung in Bahir aufsteigen, dass es doch noch einen Ausweg aus diesem Irrsinn gab.

„Geh nur, frag sie. Und du wirst die gleiche Antwort von ihr erhalten. Nein, Zoltan, du wirst einen anderen Babysitter für sie finden müssen.“

„Was, wenn sie zustimmt?“

Bahir lachte laut. „Nicht in einer Million Jahre!“

„Aber wenn sie zustimmt … machst du es dann?“

„Sie wird nicht zustimmen.“

„Na schön. Wenn sie ablehnt, finde ich jemand anderen. Und wenn sie Ja sagt, machst du es.“

„Zoltan, die Möglichkeit besteht einfach nicht.“

„Wetten wir?“

„Sie wird nicht zustimmen.“ Dessen war er absolut sicher. So, wie sie auseinandergegangen waren, wollte Marina ebenso wenig mit ihm zu tun haben wie er mit ihr.

„Na, dann brauchst du dir wegen der Wette ja keine Sorgen zu machen“, sagte Zoltan.

„Niemals!“ Marina sprang von der Liege auf.

Die Schwestern hatten zusammen im Garten gesessen, jetzt lief Aisha ihr nach. „Marina, so hör doch zu.“

„Wozu?“ Mit großen Schritten entfernte Marina sich. „Nicht, wenn du nur Unsinn redest.“

„Zoltan und ich werden dich nicht allein nach Hause reisen lassen, das verstehst du doch wohl, oder? Du brauchst eine Eskorte. Das ist das Mindeste, was wir für dich tun können.“

„Es wird schon nichts passieren. Schließlich ist es ja nicht weit.“

„So wie auf dem Weg hierher nichts passiert ist?“

Marina schüttelte den Kopf. „Mustafa sitzt im Gefängnis. Und dieses Mal werde ich auch nicht über Land reisen. Setze mich einfach in einen von euren Privatjets. Dann kann nichts schiefgehen.“

„Sicher fliegst du mit einem Privatjet. Trotzdem reist du nicht ohne Begleitung. Dieses Mal nicht.“

„Auch gut. Dann eskortiert mich eben ein Leibwächter. Aber nicht dieser Mann! Es war schlimm genug, als er vor Mustafas Zelt gestanden hat. Hätte ich nicht gewusst, dass sich jeder meinetwegen Sorgen macht, wäre ich wieder in das Zelt zurückgegangen.“ Und das hatte nichts mit dem Schauer zu tun, der sie überfallen hatte, als sie ihn inmitten ihrer Retter entdeckte. Nichts mit der jäh aufwallenden Hitze, die in seinen Augen geglüht hatte, bevor sein Blick frostig und kalt geworden war.

Aisha musterte ihre Schwester. „Als du im Palast ankamst, wirktest du gar nicht so aufgeregt. ‚Eine Jugendsünde‘, hast du gesagt. Mir schien es nicht so ernst zu sein.“

Nicht ernst. Marina schüttelte den Kopf und schlang die Arme um sich. „Ihr habt euch alle um mich gesorgt und wart so froh, dass ich wieder in Sicherheit war, da wollte ich keine große Szene machen. Außerdem hatte ich gedacht, dass es vorbei wäre, dass ich ihn nie wiedersehen müsste. Und er war offensichtlich genauso erleichtert.“

Sie sah die Fragen in Aishas Augen und fügte hinzu: „Außerdem … ist er nicht noch am gleichen Tag nach Monte Carlo abgereist? Er wollte vermeiden, dass wir uns über den Weg laufen.“

Aisha hakte sich bei der Schwester unter, drückte ihren Arm und zog sie zu einem Spaziergang durch den duftenden Garten. „Was genau ist eigentlich zwischen euch beiden passiert?“

Die bessere Frage wäre wohl, was zwischen ihnen beiden nicht passiert war. Marina ließ den Kopf sinken, als die Erinnerungen auf sie einstürzten. „Alles und nichts. Letztendlich blieb nichts davon übrig.“ Sie runzelte die Stirn. So stimmte das nicht. Sie hatte Chakir. „Ich war dumm und naiv. Ich kam dem Feuer zu nah und habe mich eben verbrannt.“

„Also … du hattest eine Affäre mit ihm, die böse ausgegangen ist?“

Dieses Mal strich Marina entschuldigend über den Arm der Schwester. „Tut mir leid, ich drücke mich wohl nicht unbedingt klar aus. Aber ja, du hast recht. Ich traf Bahir auf einer Party. Die Blicke, die sich über einem vollen Raum treffen. Das typisch langweilige Klischee.“ Sie sah Aisha durchdringend an, wollte, dass die Schwester begriff. „Die Anziehungskraft war enorm. Ich wusste sofort, dass wir die Nacht miteinander verbringen würden. Aus der einen Nacht wurde eine Woche, aus der Woche ein Monat. Und es ging weiter, so intensiv, dass es schien, es würde nie aufhören. Ich dachte wirklich, ich würde ihn lieben, und war fast überzeugt, dass er der Eine ist.“ Sie seufzte und starrte mit leerem Blick in die Ferne. „Ich hätte mich nicht mehr irren können.“

„Oh Marina, das tut mir leid! Davon wusste ich nichts!“

„Woher auch? Ich war ja nie zu Hause, und damals schienen wir auch nur sehr wenig gemein zu haben. Du warst zufrieden, im Kreis der Familie zu bleiben, während ich ständig rebellierte. Unsere Brüder haben bereits die nötigen Erben geliefert, unser Vater hat nie etwas gesagt. Ich hatte das Gefühl, dass ich nur unnötiger Überschuss bin, und deshalb dachte ich mir, da kann ich genauso gut mein Leben genießen.“

„Die überflüssige Prinzessin“, murmelte Aisha vor sich hin, als sie an ein anderes Gespräch zu einer anderen Zeit dachte.

„Was sagtest du?“

Aisha schüttelte lächelnd den Kopf. „Nichts. Ja, es ist schon auffällig, wie verschieden wir sind. Ich habe dich immer um deine Freiheit beneidet – und um die Tatsache, dass du dir deine Liebhaber aussuchen konntest. Es gab Momente, da wünschte ich mir, mehr wie du zu sein, rebellisch und unabhängig, anstatt ständig an die Pflicht zu denken. Aber vermutlich hat beides seine Vor- und Nachteile.“

„Amen.“ Marina seufzte. „Und jetzt bist du mit einem seiner besten Freunde verheiratet. Wie erschreckend klein die Welt doch ist … vor allem, wenn jemand, der dir gesagt hat, dass du aus seinem Leben verschwinden sollst, plötzlich wieder vor dir steht. Oh Aisha, ich kann nicht mit ihm gehen! Zwing mich nicht dazu!“ Tränen traten ihr in die Augen, Tränen über den Schmerz der Vergangenheit und die Angst vor der Zukunft.

„Er muss dich sehr verletzt haben.“

„Er hasst mich.“

„Bist du da sicher? Er war immerhin bei deiner Rettung dabei.“

„Bestimmt nicht, weil er es wollte, sondern weil die anderen es von ihm erwartet haben.“

Aisha nickte. „Ja, sie stehen sich wirklich sehr nah. Zoltan sagte einmal, sie seien die Brüder, die er nie hatte. Aber dich hassen? Im Eifer des Gefechts sagen Menschen manchmal Dinge, die sie nicht so meinen.“

Marina schüttelte den Kopf. Sie presste die Lippen zusammen, und plötzlich war die Last des Geheimnisses, das sie mit sich trug, zu schwer. „Oh doch, er hasst mich. Und sollte er vergessen haben, wie sehr, dann wird er es umso mehr tun, sobald er die Wahrheit erfährt.“

Aisha blieb stehen und sah ihre Schwester besorgt an. „Welche Wahrheit?“

Marina schluckte. „Die Wahrheit über seinen Sohn.“

Aisha stand vor Erschrecken der Mund offen. „Oh Marina! Ist Chakir etwa Bahirs Sohn?“

Ein stummes Nicken beantwortete die Frage.

„Aber du hast doch jedem erzählt, du wüsstest nicht, wer der Vater ist.“

„Ich weiß. Es war einfacher so. Und bei meinem Ruf als Partygirl hat niemand es angezweifelt.“

„Nicht einmal Bahir.“

„Nein, er ahnt nichts.“

Aisha blieb noch immer reglos stehen, und als sie ihrer Schwester in die Augen blickte, keimte Sorge in ihr auf vor dem, was sie dort las. „Ich denke, du solltest dich von Bahir auf dem Flug begleiten lassen.“

Marina zuckte zurück. „Ich werde nicht mit ihm gehen. Ich kann ihm nicht gegenübertreten.“

„Du musst es ihn wissen lassen.“

„Muss ich das?“

„Aber natürlich! Er hat ein Recht darauf zu erfahren, dass er Vater ist. Dass er einen Sohn hat. Du hast keine Wahl.“

„Er wird es nicht hören wollen. Er wollte nie ein Kind.“

„Das hätte er sich vielleicht früher überlegen sollen.“ Aisha legte der Schwester beruhigend die Hand auf die Schulter. „Ich werde Zoltan sagen, dass alles abgemacht ist.“

„Nein! Ich habe es dir nur gesagt, damit du verstehst, weshalb ich nichts mit ihm zu tun haben will. Sonst hätte ich es dir niemals verraten.“

Aisha lächelte milde. „Ich denke viel eher, du hast es mir erzählt, weil du längst selbst weißt, was du zu tun hast. Du musstest die Bestätigung nur noch einmal von einem anderen hören.“

Zu wissen, dass Aisha recht hatte, machte es nicht einfacher für Marina, das Privatflugzeug zu besteigen. Vor allem, da sie wusste, dass Bahir bereits in dem Jet wartete. Wie es Zoltan gelungen war, Bahir dazu zu überreden, war ihr schleierhaft. Besonders glücklich konnte er nicht sein, dessen war sie sicher.

„Das schaffst du.“ Aisha umarmte die ältere Schwester. „Ich weiß, dass du es schaffst.“

Marina lächelte schwach. Sie wünschte, sie könnte es glauben. Sie stieg die Bordtreppe hinauf, winkte ein letztes Mal und verschwand in der großen Kabine. Ihr Magen zog sich zusammen. Aber es musste getan werden.

Drei lange Jahre hatte sie mit der Frage gekämpft, ob sie Bahir von Chakirs Existenz berichten sollte oder nicht. Zuerst war es ihr schwergefallen, nichts zu sagen. Der Schmerz war noch zu frisch gewesen, seine vehemente Erklärung, nie Kinder haben zu wollen, wie eingebrannt in ihrem Kopf.

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