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Das siebte Opfer

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Über dieses Buch

Ein Mörder auf der Jagd nach seinem letzten Opfer.

Sieben Jahre ist es her, seit ein gefährlicher Serienmörder Seattle terrorisierte. Seine Opfer waren junge, hübsche Frauen. Ihre Leichen wurden stets in handgenähten weißen Kleidern aufgefunden. Doch eine Frau überlebte, kurz bevor der Mörder spurlos verschwand: Lara Church versucht nun, ihre Vergangenheit zu vergessen und ein normales Leben zu führen. Doch dann steht Ranger James Beck mit einer schrecklichen Botschaft vor ihrer Tür: Der Mann, der sie vor Jahren versucht hat zu töten, ist zurückgekehrt. Und er will seinen Fehler von damals korrigieren …

Über die Autorin

Mary Burton ist im Süden der USA aufgewachsen und hat an der Universität von Virginia Englisch studiert. Nach einer Karriere im Bereich Marketing begann sie äußerst erfolgreich Thriller zu schreiben. Burton lebt und arbeitet in Virginia. Weitere Informationen über die Autorin finden Sie unter: www.maryburton.com.

beTHRILLED

Prolog

Seattle

Sieben Jahre zuvor

Der Mann kauerte neben der bewusstlosen Frau, die auf dem taufeuchten Gras am Highway lag, und drehte ihr blasses regloses Gesicht zum Mond hin. Er legte die schwieligen Fingerspitzen auf den Puls an ihrer Kehle. Ihr gleichmäßiger Herzschlag pochte unter seiner Haut.

In seine Erleichterung mischte sich Erregung.

Gott sei Dank. Sie war nicht tot. Vor ein paar Stunden hatte er ihr ganz schön viel gegeben, sodass er schon Angst gehabt hatte, sie nicht mehr wach zu bekommen. Und er wollte, dass sie die Augen aufschlug. Sie musste sein Gesicht sehen.

Sanft strich der Mann ihr über das blonde Haar. Eine kühle, feuchte Brise wehte über die dicht bewachsene Landschaft. Sterne funkelten zwischen den dicken, regenfeuchten Wolken, die den abnehmenden Mond verbargen. Zwanzig Meter hinter ihm jagten auf der US-Route 10 die Autos vorbei.

»Wach auf!«

Mehrere Minuten vergingen, in denen er ihr zunehmend härtere Schläge auf die Wangen versetzte. »Mach die Augen auf. Schau mich an. Du sollst wissen, was gleich passieren wird.«

Er brauchte ihre Angst. Brauchte ihr Entsetzen.

Die Augen der Frau bewegten sich unter ihren Lidern, öffneten sich aber nicht. Verdammt. Er hatte ihr zu viel verabreicht.

In der Ferne brausten die Autos vorbei. Er musste sie tiefer in den Wald bringen, um nicht entdeckt zu werden, aber sie wach zu bekommen war ihm wichtiger als die Furcht vor der Entdeckung. Jemand hupte. Scheiße.

In seinem Ärger versetzte er der Frau einen weiteren heftigen Schlag ins Gesicht. Diesmal öffneten sich ihre Augen flatternd, und sie führte die zitternde Hand zu dem rotvioletten Bluterguss auf ihrer blassen Wange. Tiefblaue Augen starrten in blickloser Verstörung zu ihm hoch.

Sie sah ihn nicht. Er schlug ihr mit dem Handrücken ins Gesicht.

Ihr Blick wurde klar, und endlich breitete sich die ersehnte Furcht auf ihrem Gesicht aus.

»Wo bin ich?« Ihr Mund war trocken, die Stimme heiser.

»Bei mir«, flüsterte er. »Schau mich an.«

»Es tut weh.« Ihre Panik entfachte in ihm ein Feuer, das rasch hell und stark aufloderte. Ja, das war es, was er brauchte. Ihre Angst, ihren Schmerz. In seinen Mundwinkeln sammelte sich Speichel. Sein Herz hämmerte wild.

In einer einzigen, schnellen Bewegung setzte er sich rittlings auf sie und legte ihr die starken Hände um den schlanken Hals. Seine Erektion pulsierte schmerzhaft in der Jeans, die über das hauchdünne weiße Kleid schabte, das sich an ihren Bauch schmiegte. Schon zweimal hatte er sie genommen, und trotzdem gierte er immer noch nach Sex.

Er verstärkte den Griff um ihren schlanken Hals. »Weißt du, wer dich gleich umbringen wird?«

Die Frau konnte die Augen kaum offen halten, doch der Druck an ihrem Hals weckte ihre Überlebensinstinkte. Sie bohrte ihm die Fingernägel in die Hände und schrie, doch der Wind und der brausende Verkehr übertönten ihre Stimme.

Ja, genau das wollte er. Die nackte Angst. »Mach die Augen auf. Schau! Schau mich an!«

Als er sie vor Jahren das erste Mal gesehen hatte, hatte das Tier in ihm sie in die Wälder zerren wollen. Doch sein Verstand hatte ihm Vorsicht geboten. Und so hatte er jede ihrer Bewegungen verfolgt. Sie fotografiert. Ein genaues Protokoll geführt. Nichts Gewaltsames. Nichts, was Aufsehen erregte. Schlicht. Unauffällig. Erregend.

Jahrelang war das so gegangen, bis vor zwei Abenden, als er all seinen Mut zusammengenommen hatte, um seinen lange gehegten Plan auszuführen. Sie hatte zu viel getrunken. Gefeiert. War entspannt gewesen. Unvorsichtig. Und er hatte sie mit Leichtigkeit überwältigt.

In der Erinnerung erlebte er noch einmal, was er getan hatte. Er presste seine Oberschenkel gegen ihre Mitte, drückte dabei ihre Rippen zusammen und presste die Luft aus ihren Lungen heraus. Sie bog das Rückgrat durch, strampelte und verdrehte den Hals, während der Verkehr hinter ihnen dröhnte. Ein Blitz zuckte über den Himmel. Donner grollte. Doch er merkte es kaum, konzentrierte sich einzig auf das erotische Spiel, den Fluss der Energie zwischen Opfer und Meister.

»Schau mich an!«

Die Frau griff nach seinen Fingern, die sich um ihren Hals legten. Tränen sammelten sich in ihren blicklosen Augen und liefen über ihre Wangen auf den Boden. Seine Fingernägel gruben sich in ihre Haut, während die Verzweiflung ihr aus jeder Pore drang. Er drückte fest zu, und seine Erregung wuchs, je stärker sie ihre Fingernägel in seine Hände krallte.

»Siehst du mich?«, fragte er. Die ganze Planung würde vergebens sein, wenn sie nicht wusste, wer sie zu Tode gebracht hatte.

Anstatt zuzuhören, warf sie ihre ganze Energie in die letzten Augenblicke des Kampfes. Klammerte sich an ihr Leben.

Sie strampelte, bog das Rückgrat durch und drückte ihren Bauchnabel gegen seine Erektion. Ein erstickter Schrei drang über ihre Lippen, doch sie hatte nicht genug Luft in den Lungen, und nicht die Kraft, um seinen Griff zu lösen. Ihre Augen schlossen sich.

In nur wenigen Augenblicken würde alles vorbei sein. Sie würde sterben. Aber sie würde nie erfahren, wer sie in den letzten Momenten ihres Lebens beherrscht hatte.

Ein Auto hupte. Gleißende Scheinwerfer näherten sich, die wilden Rufe von Männern wurden lauter. Gleich würde man ihn schnappen; nur wenige Sekunden trennten ihn davon, ihr Leben zu beenden. Sekunden. Ticktack.

Sein Griff um ihren Hals lockerte sich. Welchen Sinn hatte ihr Tod, wenn sie das Gesicht ihres Mörders nicht sah? Wütend und frustriert ließ er los, stolperte von ihrem schlaffen Körper und lief in die Nacht hinein. Er war sich ganz sicher – eines Tages würde er sie wiedersehen.

1

Austin, Texas

Montag, 20. Mai, 6:45 Uhr

Nimm dir mal eine Auszeit.

So hatte der letzte, verlogene Satz des Captains gelautet, als er Texas Ranger James Beck vor drei Wochen beurlaubt hatte.

Die Worte ratterten in Becks Kopf, während er seinen schwarzen Bronco am Tatort parkte, der dreißig Kilometer südlich von Austin abseits des Zubringers zur Interstate 35 lag. Die Sonne des anbrechenden Tages glühte rot in der dunstigen Hitze und erhob sich langsam über dem hügeligen, staubigen Landstrich, über Felsen, Sträucher und kümmerliche Bäume. Auf dem Seitenstreifen standen ein Lastwagen mit Bauholz, ein halbes Dutzend Polizeiwagen von County-Sheriffs sowie ein Wagen der Spurensicherung. Die morgendlichen Pendler brachten mit ihrer Gafferei bereits den Verkehr zum Stocken.

Seltsamerweise besserte das kontrollierte Chaos die Anspannung, die Becks unterem Rücken zusetzte. Er saß jetzt ganz offiziell wieder im Sattel, die erzwungene Ruhe des »Urlaubs« war endlich vorbei.

Der Ursprung von Becks Schwierigkeiten lag sechs Monate zurück, als die zehnjährige Misty Gray verschwunden war. Der Letzte, der Misty gesehen hatte, war Matt Dial, der Freund ihrer Mutter, der mit den beiden zusammenlebte und der der Polizei berichtete, das Mädchen sei zu Freunden spielen gegangen und anschließend verschwunden.

Nachdem drei Tage ohne ein Lebenszeichen des Kindes vergangen waren, hatten die örtlichen Polizeibehörden die Texas Rangers hinzugezogen, und Beck hatte den Fall übernommen. Die Rangers, die viele Menschen nur aus Erzählungen über den Wilden Westen kannten, waren in Wirklichkeit eine moderne Eliteeinheit der texanischen Behörde für öffentliche Sicherheit, auch bekannt als DPS.

Nachdem Beck Dial zwanzig Minuten lang verhört hatte, wusste er, dass der Bauarbeiter log. Doch je mehr Fragen Beck abfeuerte, desto schneller kamen Dials Dementis.

Die Suche nach Misty war für Beck eine persönliche Angelegenheit geworden, auch als in den Zeitungen schon lange nicht mehr von der Rettung des Mädchens, sondern nur noch von der Suche nach seiner Leiche die Rede war. Als Dial, der sich als das schwarze Schaf einer betuchten Familie entpuppte, sich wegen Becks verbissener Verfolgung beschwerte, hatte Becks Chef Zurückhaltung angeordnet, bis der politische Gegenwind sich legte. Beck hatte den Befehl missachtet und Dial in seiner Freizeit beschattet. Zwei Wochen waren vergangen, ehe der arbeitslose Bauarbeiter zu einem mitternächtlichen Ausflug auf eine abgelegene Farm aufgebrochen war. Beck, der ihm dicht auf den Fersen gewesen war, hatte Dial beobachtet, wie er einen alten Schuppen aufschloss und einen großen Plastiksack herauszerrte, groß genug für eine Kinderleiche. Mit gezogener Waffe hatte Beck Dial aufgefordert, stehen zu bleiben, worauf dieser eine 45er hob und abdrückte. Dials Kugel ging fehl, doch Becks Schüsse trafen ihn in die Brust und streckten ihn sofort nieder. In dem Sack hatte man Mistys verwesende Leiche gefunden.

Die Leute von der Spurensicherung hatten in die Schuppenwände eingeritzte kindliche Botschaften vorgefunden, außerdem herumliegende Lebensmittelpackungen und leere Wasserkanister. Nach ihren Erkenntnissen hatte das Mädchen in dem Schuppen drei Wochen überlebt, bevor es an Austrocknung gestorben war.

Als Dials Familienanwälte während der anschließenden Ermittlungen den Charakter des Kindes infrage stellten, war bei Beck die Sicherung durchgebrannt. Er hatte Dinge gesagt, die ein Mann mit etwas politischem Feingefühl nicht geäußert hätte, und am Ende hatte Becks Vorgesetzter eine Suspendierung bei fortlaufendem Gehalt angeordnet.

»Machen Sie sich drei schöne Wochen. Halten Sie sich bedeckt. Nehmen Sie sich eine Auszeit.«

Scheiße.

Beck hatte diese Zeit in der Werkstatt seines Großvaters verbracht und sich dort die Hände unter der Haube eines 67er Mustangs schmutzig gemacht. Seine Tat hatte er nie bereut, genauso wenig wie seine unverblümte Offenheit gegenüber den Anwälten. Als er während der obligatorischen psychologischen Sitzungen gefragt worden war, ob ihm die Schießerei noch zu schaffen mache, hatte er aufrichtig verneint. Sein Bedauern galt dem kleinen Mädchen, das während drei einsamer Wochen gelitten hatte. Dem kleinen Mädchen, das er nicht hatte retten können.

Beck massierte sich mit der schwieligen Hand die steifen Nackenmuskeln, während die Polizeilichter auf der frisch gewachsten Karosserie seines Wagens flackerten und das gelbe Plastikband über das spröde, braune Gras neben der Zufahrtsstraße strich. Er griff nach seinem weißen Stetson, der Standardausrüstung eines Texas Rangers, und stieg aus.

Sein Exil war offiziell beendet.

Der Kies knirschte unter seinen polierten Cowboystiefeln, und in seinem Hosensaum verfing sich staubtrockener Schmutz, als er neben der Zufahrtsstraße an dem Lastwagen und den aufgereihten Polizeiwagen vorbeiging.

Trotz seiner fünfunddreißig Jahre bewegte Beck sich mit der Energie eines jungen Mannes. Wenn er wegen seines raschen Schrittes aufgezogen wurde, witzelte er, die vielen Treffer in seiner Zeit als Highschool-Quarterback hätten ihn Wachsamkeit gelehrt, und er sei noch immer bereit, jederzeit in Deckung zu gehen.

Beck nickte zu den ortsansässigen Polizisten hinüber, blieb bei ein paar von ihnen stehen und schüttelte anderen die Hand. Bei allen erntete er die besten Wünsche und einen herzlichen Willkommensgruß.

Dreißig Meter abseits der Straße entdeckte er seinen Kollegen Rick Santos. Der große, hagere Texas Ranger nahm seinen eigenen Stetson ab und wischte sich mit einem roten Halstuch den Schweiß von der Stirn. Santos, der ebenfalls in den Dreißigern war, sah zum Morgenhimmel und fluchte lautlos über die Temperaturen, die heute auf nahezu vierzig Grad steigen sollten. Texaner pflegten zu sagen, dass es in diesem Staat nur zwei Jahreszeiten gab – Winter und Sommer.

Die Sonne hatte Linien in die Haut um Santos‘ Augen gegraben, seine Haut goldbraun gebrannt und Glanzlichter in seinem dunklen Haar hinterlassen. Sein Outfit ähnelte dem von Beck, allerdings bevorzugte Santos schmale Cowboy-Krawatten gegenüber den traditionellen, die sein Kollege trug.

Beck blickte zum Wagen der Spurensicherung hinüber, der den Blick auf die Leiche verdeckte. Bei seinem Anruf um fünf Uhr morgens hatte Becks Captain in Austin ihm nicht viel über den Fall gesagt: Weiblich, jung und in der Mitte des hundertzwanzig Kilometer langen Abschnitts zwischen Austin und San Antonio aufgefunden. Der Tatort lag mitten im Gebiet der größten Abteilung der Texas Rangers, der Company F, die sowohl Countys südlich von San Antonio als auch etliche nördlich von Austin umspannte.

Als Beck auf ihn zukam, hielt ihm Santos, der zu San Antonio gehörte, die Hand hin. »Anscheinend hat man uns beide zur Party eingeladen.« Santos hatte einen kräftigen Händedruck. »Wie ich höre, hat dich der Anruf des Captains heute Morgen unter einem Auto hervorgeholt. Arbeitest du immer noch an dieser Schrottmühle, die du einen Wagen nennst?«

Zu ruhelos, um zu schlafen, war Beck an seinem ersten Arbeitstag um drei Uhr morgens zur Werkstatt seines Großvaters gefahren und hatte an dem Mustang herumgeschraubt. »Bewahrt mich davor, in Schwierigkeiten zu geraten.«

Oberhalb von Santos‘ Kiefer zuckte ein Muskel. »Niemanden hat es gefreut, als sie dich aus dem Verkehr gezogen haben.«

Für einen Augenblick stieg Zorn in Beck auf, doch er zwang sich zur Ruhe. Ressentiments würden ihm nicht dabei helfen, das nächste Monster zu fangen. »Buße ist gut für die Seele.«

Santos sah aus, als wollte er noch etwas sagen, ließ es dann jedoch sein. »Du kennst doch Deputy Eli Stiles, nicht wahr?«

»Klar. Wir haben bei ein paar Autodiebstählen zusammengearbeitet.«

»Gut. Er wird dir die Einzelheiten erzählen.«

Sie fanden Eli gleich hinter dem Absperrband vor, wo er seinen Spezialisten bei der Arbeit zusah. Er war ein großer Mann mit sorgsam rasiertem Schädel und einem breiten, grau melierten Schnurrbart. In seiner Jugend war er gut in Form gewesen, doch dreißig Jahre im Streifenwagen hatten ihn einen Bauch ansetzen lassen.

Deputy Stiles umschloss Becks Hand mit eisernem Griff. »Schön, Sie wieder auf Achse zu sehen, Mann.«

Auf Fragen zu den letzten drei Wochen hatte Beck keine Lust, auch nicht, wenn sie gut gemeint waren. Es wurde Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. »Wir sind nicht zum Plaudern hier.«

Deputy Stiles zog seinen Hut ein Stück in die Stirn. »Nein, Sir, bestimmt nicht. Ich habe hier eine Tote, die Sie sich mal ansehen sollten.«

Beck nickte. »Was ist an ihr so besonders?«

»Das ganze Setting ist komisch. Deswegen habe ich die Rangers dazugeholt.«

Beck stemmte die Hände an die Hüften. »Wieso komisch?«

Der Deputy schüttelt den Kopf. »Sagen Sie es mir.«

»Mach dir selbst ein Bild, Beck«, sagte Santos. »Du wirst schon sehen.«

Das Trio duckte sich unter dem gelben Absperrband hindurch und tauchte hinter der Kriminaltechnikerin wieder auf, die für einen Augenblick den Blick auf die Leiche verdeckte. Als sie beiseitetrat, sah Beck das Opfer zum ersten Mal richtig.

Die Frau lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet. Das blonde Haar war auf dem Boden ausgebreitet, wie auch der weit ausgestellte Rock. Sie sah wie ein düsterer Engel aus.

»Als ich sie gesehen habe, musste ich gleich an die Tote denken, die sie vor drei Wochen in San Antonio gefunden haben«, sagte Deputy Stiles.

Da Beck zu jener Zeit auf der Ersatzbank gesessen hatte, hatte er über den Mord in San Antonio nur in der Zeitung gelesen. Es hatte drei Artikel über das dortige Opfer gegeben, aber seiner Erinnerung nach hatte die Polizei ihr Foto nicht preisgegeben. »Was meinst du?«

»War nicht mehr viel von ihr übrig, nachdem sie Wochen, vielleicht Monate draußen gelegen hat. Was nach Sonne und Regen geblieben ist, haben sich die Tiere geholt. Man hat keinen Ausweis gefunden, aber laut den örtlichen Behörden hat sie ein weißes Kleid getragen.«

»Ein weißes Kleid«, sagte Santos. »Nicht weiter ungewöhnlich, oder?«

Auf Stiles‘ Stirn und um seine Schläfen hatten sich tiefe Sorgenfalten gebildet. »Bei einem Opfer vielleicht. Bei zwei – na ja, nennt mich von mir aus paranoid, aber das glaube ich eher nicht.«

Der Anblick des Opfers weckte in Beck eine vage Erinnerung an etwas, das viel länger als einen Monat zurücklag. Doch je mehr er sich zu erinnern versuchte, desto mehr entglitt ihm der Gedanke.

Eine Weile standen die drei Männer in der flimmernden Hitze da und betrachteten die Leiche.

Santos brach schließlich das Schweigen. »Als Stiles den Mord in San Antonio erwähnt hat, habe ich meine Akte zu dem Fall rausgeholt.« Er wechselt das Standbein. »Dem Polizeibericht zufolge kam der dortige Sheriff durch den Gerichtsmediziner und seine ungefähre Beschreibung des Opfers auf eine Vermisstenmeldung. Um die Geschichte abzukürzen, sie hieß Lou Ellen Fisk, zweiundzwanzig Jahre alt. Hat gleich nördlich von San Antonio gelebt.«

Deputy Stiles hakte die Daumen in seinen Gürtel. »Ein paar Jungs von hier glauben, dass ihr Freund sie umgebracht hat. Fisk und ihr Kerl haben sich ziemlich oft gestritten.«

Santos nickte. »Die Vorstellung, dass sie ihren College-Abschluss machen und nach Chicago ziehen wollte, hat ihm nicht besonders gefallen. Man hat ihm den Mord zwar noch nicht nachweisen können, aber die Cops glauben, es sei nur eine Frage der Zeit.«

»Hat er ein Alibi?«, fragte Beck.

»Ein paar von seinen Kumpeln schwören Stein und Bein, er hätte fast den ganzen Abend mit ihnen gesoffen.«

»Und was hat Lou Ellen Fisk mit diesem Opfer zu tun?«

»Weißes Kleid, jung, blond«, sagte Stiles. »Zum Fall Fisk kann ich zwar nichts beitragen, aber wer dieses Mädchen umgebracht hat, hatte alles minutiös geplant.«

Beck zog Gummihandschuhe aus seiner Gesäßtasche und ging zu der Kriminaltechnikerin, die am Tatort beschäftigt war. Sie bemerkte seinen Schatten, stand auf und drehte sich um. Er erkannte sie sofort. »Melinda Ashburn.«

Sie hatte am Mordfall Misty Gray mitgearbeitet. Er hatte zugesehen, wie sie den Sack öffnete, ihn vorsichtig untersuchte und notierte, was von dem Leichnam des kleinen Mädchens noch übrig war. Melinda, die Ende zwanzig war, trug eine dunkle Sonnenbrille und einen breitkrempigen Hut, der ihren roten Haarschopf und die blasse, sommersprossige Haut schützte. »Schön, Sie wiederzusehen, Sergeant Beck.«

»Schön, wieder mit dabei zu sein. Was haben Sie gefunden, Ma’am?«

»Ich bin noch mit Fotografieren und Zeichnen beschäftigt. Wie Sie sehen können, hat sie eine ganze Menge Blutergüsse um den Hals. Ich tippe auf Erwürgen.«

»Ja, Ma’am, das sehe ich in der Tat.« Die zunehmende Hitze setzte Beck zu. Zwar hatte sich bei der Leiche noch kein Verwesungsgeruch entwickelt, doch das würde sich bald ändern. In der Nacht erreichten die Temperaturen immer noch fast sechsundzwanzig Grad, und die Wangen der Toten wiesen bereits dunkle Verfärbungen auf, die ersten Anzeichen der Zersetzung. Bald würde die Leiche sich blähen und dann aufreißen. Bis zum Sonnenuntergang würde sie kaum noch erkennbar sein. Nach ein paar Tagen hier draußen wäre sie bald so unkenntlich gewesen wie die Leiche von Lou Ellen Fisk.

Er ging in die Hocke und nahm die Details in Augenschein: sauber geschnittene Fingernägel, zarte Hände, die nicht so aussahen, als hätten sie harte Arbeit gekannt, und glatte Haut, die die texanische Sonne nicht gezeichnet hatte. »Sie kann nicht viel älter als zwanzig gewesen sein.«

»Davon gehe ich ebenfalls aus«, sagte Melinda.

»Irgendwelche Ausweise?«

»Ich hab keine gefunden. Aber sobald sie in der Gerichtsmedizin ist, nehmen wir ihre Fingerabdrücke.«

Fingerabdrücke waren keine Garantie auf eine Identifizierung. Wenn die Frau nicht in der AFIS-Datenbank zu finden war, würden sie die Vermisstenanzeigen durchgehen. »Irgendwelche Anzeichen von Blutergüssen oder Wunden auf Gesicht oder Armen?«

Ein warmer Wind strich durch das Gras und zupfte an dem weißen Rocksaum des Opfers. Die beinahe friedlichen Gesichtszüge der Frau täuschten über die Grausamkeit ihrer letzten Minuten hinweg.

Beck spreizte die behandschuhten Finger, während er die Frau betrachtete. »Hat sie da etwas in der rechten Hand?«

»Ich glaube ja«, sagte Melinda. »Dazu komme ich noch.«

»Ich will sie ja nicht drängen, aber lassen Sie mich wissen, was Sie in dieser Hand finden.« Wieder nagte eine vage Erinnerung an seinem Unterbewusstsein.

Beck richtete sich auf, bedankte sich bei Melinda und drehte sich zu Santos um. Einer seiner Nackenmuskeln war verspannt, wie immer, wenn er nicht an eine Erinnerung herankam. »Wieso kommt mir dieser Fall bekannt vor?«

»Macht mich auch ganz verrückt«, sagte Santos.

Beck stemmte die Hände in die Hüften und ging im Geist alte Fälle durch. Erwürgen. Weiße Kleider. Blonde Frauen. Und dann fiel es ihm ein. »Weißt du noch, die Seattle-Morde vor sechs oder sieben Jahren?«

Santos rieb sich das Kinn. »Ja. Ich war damals noch bei der DPS. In den Medien hieß er der … Würger von Seattle.«

Die Tür in Becks Geist öffnete sich, und die Erinnerungen überschwemmten ihn. »Sechs Frauen wurden erwürgt, und alle trugen weiße Kleider. Jede hatte einen Penny in der Hand.« Das Detail mit dem Penny war nie an die Öffentlichkeit gedrungen, aber Beck hatte innerhalb der Polizei davon gehört.

Santos nickte. »Gutes Gedächtnis.«

»Ganz Seattle war deswegen in Panik. Ich habe in einem Bericht darüber gelesen, aber irgendwann wurde der Fall als ungelöst zu den Akten gelegt.«

»Den Kerl hat man nie geschnappt?«

»Soweit ich mich erinnere, nein. Sein letztes Opfer hat überlebt. Der Täter verschwand von der Bildfläche, und ich habe alle möglichen Spekulationen gehört. Er würde im Knast sitzen. Wäre gestorben. Weggezogen. Hätte die Nerven verloren.«

»Was war denn mit dem letzten Opfer?«, fragte Santos.

»Der Angreifer wurde von einem vorbeifahrenden Fahrzeug unterbrochen.« Beck wühlte in seinen Erinnerungen. »Die Frau, die überlebte, sagte aus, sie könne sich nicht an den Tathergang erinnern.«

Santos sah zu der auf der Erde drapierten Toten hinüber. »Bei dem Opfer in San Antonio waren die Knochen ausgebleicht und von den Tieren durcheinandergeworfen worden. Wir wissen nicht, wie sie gestorben ist. Und es wurde kein Penny am Tatort gefunden.«

»Es hat ja keiner danach gesucht.«

»Stimmt. Und falls der Mörder einen Penny zurückgelassen hat – letzten Monat gab es ein furchtbares Gewitter, das ihn weggespült haben könnte.«

Als Santos sich umdrehte, um die Frage eines DPS-Officers zu beantworten, atmete Beck einmal tief durch und wandte sich wieder der Leiche zu. »Melinda, tun Sie mir bitte einen Gefallen und sehen Sie sich mal an, was dieses Mädchen in der Hand hat? Es ist wichtig.«

Sie nickte und ging neben der geballten Hand in die Hocke. Vorsichtig zog sie die Finger auseinander, die bereits steif waren. Sie hob die Kamera, um zu fotografieren, was sie entdeckt hatte. »Da ist ein Penny.«

Beck beugte sich vor. »Sind Sie sicher?«

»Vollkommen.« Sie schoss noch ein paar Dutzend Fotos.

Beck rief Santos herüber und deutete auf die Hand des Opfers.

Santos warf einen Blick auf den Penny und fluchte. »Dieser Wahnsinnige ist jetzt also in Texas?«

»Oder es handelt sich um einen Nachahmungstäter.« Beck massierte sich den Nacken. Er brauchte so schnell wie möglich alle Informationen, die San Antonio über das erste Opfer hatte, und das Opfer musste identifiziert werden.

»Wir könnten da auf eine richtig scheußliche Sache gestoßen sein«, sagte Santos.

»Da magst du recht haben.«

Melinda verstaute den Penny in einer kleinen Asservatentüte. »Beck, ich schicke das an die Gerichtsmedizin in Austin.«

»Danke dir, Melinda.« Beck drehte sich zu Santos um. »Ich muss im Büro Klarschiff machen, und dann schaue ich in der Gerichtsmedizin vorbei. Ich will bei der Autopsie dabei sein.« Er war seit drei Wochen nicht mehr am Schreibtisch gewesen, freute sich jedoch auf das Chaos, das ihn erwartete.

»Gute Idee, Sergeant.«

Beck drehte sich zur Straße um, und sein Blick fiel auf den massiven schwarzen Sattelschlepper, dessen Anhänger mit Bauholz beladen war. »Sie haben gesagt, ein Lkw-Fahrer habe die Leiche gefunden?«

»Ja.«

»Sitzt er noch im Führerhaus?«

»Ja, und er wird jede Minute stinkiger. Faselt irgendwas von seinem Zeitplan.«

»Lass mich mit ihm reden.« Beck ging zum Führerhaus und klopfte auf der Fahrerseite ans Fenster. Im Führerhaus saß niemand, aber diese großen Lkws hatten hinten immer ein Schlafabteil. Becks Großvater, Henry Beck, war früher, bevor er seine Werkstatt eröffnet hatte, als Trucker Langstrecken gefahren und sagte oft, dass er damals die Steaks und den Sex eines ganzen Jahres gegen zwölf Stunden richtigen Schlaf getauscht hätte.

Beck hämmerte mit der Faust gegen das Führerhaus. Schließlich kam ein unwirsches: »Augenblick, verdammt.«

Beck trat einen Schritt zurück und schaute mit zusammengekniffenen Augen über den Mittelstreifen zur Gegenfahrbahn der Interstate, wo der Verkehr jetzt immer langsamer wurde, weil die Fahrer versuchten, einen Blick auf den Tatort zu erhaschen. Schon bald würde es einen kräftigen Stau auf der I-35 geben.

Nach einigem Scharren, Fluchen und noch mehr Scharren ging die Fahrertür auf, und ein gewaltiger Bär von einem Mann tauchte dahinter auf. Er trug Jeans, ein schwarzes Dallas-Cowboys-T-Shirt und einen Gürtel mit einer Schnalle in der Form von Texas. Er griff ins Führerhaus nach seiner Mütze und strich sich das dichte graue Haar nach hinten, bevor er die Kappe aufsetzte. »Sind Sie hier, um mir zu sagen, dass ich endlich wegkann?«

»Gleich – ich möchte nur noch einmal alles mit Ihnen durchgehen.«

Der Lkw-Fahrer zog eine Tabaksdose aus der Hosentasche und schob sich ein Stück Kautabak in den Mund. »Ich habe alles schon den anderen Cops erzählt.«

Beck gab sich Mühe, freundlich zu bleiben. »Und dafür bin ich Ihnen dankbar. Wirklich. Aber würde es Ihnen etwas ausmachen, es mir noch mal zu erzählen, Mr …?«

»Raynor. Billy Raynor.«

Beck zog ein kleines Notizbuch und einen Kugelschreiber aus der Gesäßtasche. »Sie sind aus?«

»El Paso.«

»Wie haben Sie die Leiche gefunden? Von der Straße aus sieht man sie ja nicht.«

»Weil ich pissen musste wie ein verdammtes Rennpferd. Scheißprostata. Dachte, ich würde es noch bis zur nächsten Haltestelle schaffen, aber ich war kurz davor zu platzen, also bin ich rechts rangefahren. Wollte den Brunnen trockenlegen und mich dann vom Acker machen. Dann habe ich die Bussarde gesehen, die oben gekreist sind. Konnte zwar nicht sehen, was die gesehen haben, aber ich dachte, ich schau mir das mal an. Zwanzig Schritte, und da war sie. Zuerst dachte ich, sie wäre krank oder würde schlafen, aber als ich näher rangegangen bin, hab ich die Fliegen gesehen.« Er schauderte. »Hat ausgesehen, als wäre sie von oben bis unten mit Wachs bedeckt.«

»Haben Sie sonst noch etwas oder jemanden gesehen?«

»Nein. Nur die Frau und die Bussarde.« Er zeigte mit dem Daumen auf die Führerkabine. »Habe ihn hier geparkt und die Cops angerufen.«

»Danke Ihnen.«

Der Mann spuckte aus. »Reicht das jetzt und ich kann fahren? Dieser verdammte Deputy hat mich zwei Stunden aufgehalten.«

»Seien Sie lieber froh, dass er Sie nicht zur Vernehmung auf die Wache schleift.«

Der Blick des Truckers wurde hart. »Warum zur Hölle würdet ihr so was machen?«

Beck grinste. »Ist schon vorgekommen, dass Mörder ihr eigenes Werk bei der Polizei gemeldet haben.«

»Na, ich war’s jedenfalls nicht.« Er lupfte seine Kappe und fuhr sich mit der Hand über die feuchte Stirn, bevor er sie wieder aufsetzte. »Scheiße. Ich hätte einfach weiterfahren sollen.«

»Fahren Sie im ganzen Bundesstaat?«

»Ja, schon. Na und?«

»Waren Sie in letzter Zeit mal in San Antonio?«

2

Montag, 20. Mai, 10:00 Uhr

Beck wurde im dichten Verkehr der nördlichen Verbindung nach Austin aufgehalten und kam eine Stunde später im Büro an, als ihm lieb war. Er passierte den Eingangsbereich und blieb am Empfang stehen, um seine Marke vorzuzeigen.

Eine kugelrunde Frau mittleren Alters mit pechschwarzem Haar und einer dickrandigen Brille sah auf und lächelte ihn an. »Sieh mal an, was die verdammte Katze angeschleppt hat.«

Grinsend nahm er den Hut ab. »Susi. Du siehst heute aber verdammt gut aus.«

Eine leichte Röte erschien auf ihren Wangen. »Schön, dass du wieder da bist, Kleiner.«

»Bin froh, wieder hier zu sein, Süße.« Niemals würde er gegenüber Susi oder einer anderen lebendigen Seele zugeben, wie sehr er die Arbeit vermisst hatte.

»Und was hast du die letzten paar Wochen so gemacht?«

»Lauter schlimme Sachen, das kann ich dir flüstern.«

Sie lachte. Er zwinkerte ihr zu, ging zur Treppe und stieg in den dritten Stock hinauf. Er stieß die Tür auf und durchquerte die Abteile des Großraumbüros. Eine Geräuschkulisse aus klingelnden Telefonen, gedämpften Gesprächen und summenden Leuchtröhren empfing ihn, der Geruch nach dem schlechtesten Kaffee der Welt hieß ihn willkommen. Er brannte darauf, seine Arbeit als Ranger wieder aufzunehmen.

Er schaltete die Beleuchtung in seinem Büro an und blieb einen Augenblick in der Tür stehen, stumm, reglos, während er den Blick über das schweifen ließ, was ihm noch vor einundzwanzig Tagen so vertraut gewesen war.

Ein Schreibtisch, auf dem sich Unterlagen türmten. Regale voller Bücher, hier und da Auszeichnungen. An der Wand das Diplom der Texas A&M University. Ein Foto von Galveston Island bei Sonnenuntergang. Beck war darauf zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder zu sehen, vor der Werkstatt seines Großvaters.

Kaum zwei Stunden nach dem Ende seiner Beurlaubung betrachtete er das Bild seiner Familie und musste daran denken, dass nichts für die Ewigkeit war, egal, wie sehr ein Mann auch wünschen, hoffen oder lieben mochte. Das hatte er an dem Tag gelernt, als sein Vater sie verlassen hatte. Beck war drei gewesen. Sein Bruder zwei. Seine Mutter neunzehn.

Seine verzweifelte und verängstigte Mutter, Elaina Beck, hatte sich ausgerechnet an den Mann gewandt, der von Anfang an gegen die Ehe gewesen war – an ihren Schwiegervater Henry Beck. Beck konnte sich noch daran erinnern, wie er vor Furcht und Zorn gebebt hatte, als er in das tränenüberströmte Gesicht seiner Mutter und die stoischen Züge seines ergrauenden Großvaters gestarrt hatte. So gern er auch geweint hätte, er hatte die Hand seiner Mutter umklammert und sich eng an sie geschmiegt.

Beck schlüpfte aus seinem Jackett, hängte es sorgsam auf einen Bügel an seiner Bürotür und legte seinen Hut am Rand seines Schreibtisches ab.

Ein Blick auf seinen überquellenden Eingangskorb verriet ihm, dass die Arbeit eines Rangers weiterging, ganz egal, welche Probleme er oder die anderen hatten. Er ließ die Finger knacken, setzte sich an seinen Schreibtisch und schaltete den Computer ein.

»Dachte ich’s mir doch, dass Sie sich wie eine Klapperschlange hier reinschleichen würden.«

Der tiefe Bariton gehörte Captain Ryder Penn. Der Captain war Ende fünfzig und schon seit über fünfundzwanzig Jahren bei den Rangers. Groß, schlank und mit tiefbrauner, sonnengegerbter Haut sah Penn aus, als wäre er direkt aus dem Wilden Westen entsprungen. Bei der Feier zu seinem fünfundzwanzigjährigen Dienstjubiläum hatten Witze die Runde gemacht, Stephen F. Austin persönlich habe ihn eingestellt. Dessen ungeachtet war Penn ein ausgezeichneter Ermittler.

Beck erhob sich und wahrte einen gleichmütigen Tonfall. »Hab mir alle Mühe gegeben. Mit ein wenig Glück komme ich wieder in den Trott, ohne dass es jemand merkt.«

Penn streckte Beck die Hand hin. »Eher unwahrscheinlich.«

Beck nahm die Hand, schüttelte sie und legte damit den hitzigen Streit bei, der mit Becks Suspendierung geendet hatte. »Ich will einfach wieder an die Arbeit.«

Penn trat einen Schritt zurück und ließ den Blick über den Eingangskorb gleiten. »Ich hoffe, Sie sind bereit, gleich richtig loszulegen.«

»So schnell wie möglich.«

Penn schwieg, so als würde ihm etwas auf der Seele liegen. »Santos hat gesagt, Sie hätten den Tatort an der I-35 gesehen.«

»Das Opfer war eine Frau, weiß gekleidet, blond. Anscheinend wurde sie erwürgt und dort abgelegt. Deputy Stiles vermutet eine Verbindung zu der Toten, die man vor vier Wochen in San Antonio gefunden hat. Nach einem Monat im Freien war von dem ersten Opfer nicht mehr viel übrig, es ist also noch zu früh, um Genaueres zu sagen.«

Penns Augen verengten sich. »Wie ist das erste Opfer gestorben?«

»Die Todesursache war nicht eindeutig.«

»Wo ist dann die Verbindung?«

»Anscheinend hat das erste Opfer ein weißes Kleid getragen.«

»Ein weißes Kleid.« Penn schüttelte den Kopf. »Sehr dünn. Und Sie haben alle Hände voll zu tun, Beck.«

Der Fall hatte ihn bereits gepackt. »Ich schaufele mir die Zeit frei. Heute Nachmittag macht der Gerichtsmediziner die Autopsie. Ich wäre gern dabei.«

Penn sah ihn durchdringend an. »Okay. Ich gebe Ihnen den Fall. Aber bitte gehen Sie den Rückstand durch, bevor Sie loslegen. Und keine Alleingänge mehr.«

»Ist klar.«

Penn sah Beck noch einen Augenblick an und überließ ihn dann seinem überquellenden Eingangskorb und der nagenden Neugierde angesichts von zwei Morden, die etwas miteinander zu tun haben konnten oder auch nicht.

Den Vormittag verbrachte er größtenteils damit, sich durch die Eingänge zu arbeiten und sich einen Überblick über die Fälle zu verschaffen, die er hatte ruhen lassen müssen.

Einige Stunden vergingen, bevor er sich von seinen alten Akten losriss und eine Internetsuche startete. Als Suchworte gab er ein: erwürgt, weißes Kleid, Frau. Viele Treffer hatten keinen Bezug zu dem aktuellen Fall, aber etwas weiter unten in der Liste tauchte eine Erwähnung der Morde in Seattle auf. Er klickte den Link an und kam zu einem Artikel, der fünf Jahre nach dem letzten Überfall erschienen war. In dem Rückblick zum fünften Jahrestag wurde die Geschichte der sechs Mordopfer geschildert – alles junge Frauen, die erwürgt worden waren und weiße Kleider getragen hatten. Ein siebtes Opfer hatte den Angriff überlebt, doch die Polizei hatte die Identität der Frau nie bekannt gegeben. Der Artikel erwähnte außerdem, dass die Polizei den Würger von Seattle nie gefunden hatte.

Sein Stuhl quietschte, während er recherchierte und sich durch alte Internet-Links zu dem Fall arbeitete.

Sechs tote Frauen.

Eine Überlebende.

Ein Täter, der nicht geschnappt wurde.

Abwesend tippte Beck mit den Fingern auf die Computertastatur und blickte dann auf die Uhr. In Seattle war es jetzt zwei Stunden später, also etwa zwölf Uhr mittags.

Er nahm den Hörer und wählte die Nummer der Polizei von Seattle. Als er endlich mit dem Morddezernat verbunden war und einen Detective Steve Cannon an der Strippe hatte, stellte er sich vor und fuhr dann fort: »Also, Sir. Zwei Morde hier erinnern mich ein bisschen an Fälle, die Sie vor ein paar Jahren hatten.« Er fasste zusammen, was er über die beiden Opfer wusste.

Detective Cannon zögerte. »Im Lauf der Jahre hatte ich öfter Anrufe wie Ihren. Cops wie Sie, die glauben, eine erwürgte blonde Frau hätte eine Verbindung zum Würger von Seattle.«

»Hatten ihre Opfer einen Penny in der Hand?«

In der Leitung herrschte bleierne Stille. »Einen Penny hat keiner je erwähnt.« Cannon zögerte. »Das haben auch wir für uns behalten.«

Beck zeichnete ein Kästchen um das Wort Seattle auf seinem Schreibtischblock. »Der Kerl wurde nie geschnappt.«

»Nein.« In der Antwort schwang eine gewisse Schärfe mit.

Beck war klar, dass Cannon frustriert sein musste. Kein Cop mochte es, wenn ihm ein Verbrecher durch die Lappen ging. »Klingt, als wäre Ihnen der Fall ziemlich an die Nieren gegangen.«

»Ich habe mit meinem Partner endlose Stunden daran gearbeitet. Hat mir schon zugesetzt, dass wir ihn nicht knacken konnten.«

»Ihr Partner war wohl auch nicht gerade erfreut darüber.«

»Stinksauer, milde ausgedrückt. Mike war echt enttäuscht.«

»Mike?«

»Mike Raines. Er ist vor sechs Jahren ausgeschieden. Hat hier in Seattle seine eigene Detektei eröffnet. Die Suche nach dem Mörder hat Raines fast in den Wahnsinn getrieben, kann ich Ihnen sagen. Scheiße, uns allen ging es so.«

Beck verstand eine solche Besessenheit sehr gut. Auf einen gelben Notizblock schrieb er Detektei Raines und zog einen Kreis darum. »Was ist mit dem überlebenden Opfer? Lebt die Frau immer noch in Seattle?«

»Ich habe sie aus den Augen verloren, aber ich wette, Raines kennt ihren Aufenthaltsort. Wie gesagt, er war besessen von dem Fall. Er wollte den Kerl unbedingt schnappen.«

»Wieso ging ihm dieser Fall so nahe?«

Cannon seufzte. »Wollen Sie mir etwa erzählen, dass Sie noch keinen Fall hatten, der Ihnen unter die Haut ging?«

Bilder von Misty Grays Leiche tauchten in Becks Kopf auf, die er rasch beiseitedrängte. »Geschenkt. Wissen Sie noch den Namen der Überlebenden?«

Cannon atmete aus. »Den weiß ich noch. Lara Church. Um ihre Privatsphäre zu schützen, wurde der Name nie öffentlich genannt.«

Der Name sagte Beck nichts, als er ihn auf den Notizblock kritzelte. »Ich werde es mir merken.« Er blickte auf Raines‘ Namen, seinen Eingangskorb und dann auf die Uhr. »Danke.«

»Wenn der Penny nicht wäre, würde ich ja sagen, Ihr Kerl war nicht der Würger von Seattle. Scheiße, nicht zu fassen, dass er nach all dieser Zeit wieder aufgetaucht ist.« Cannon klang müde. »Halten Sie mich auf dem Laufenden?«

»Mach ich. Und kann ich Sie bei weiteren Fragen wieder anrufen?«

»Ich wäre sauer, wenn Sie’s nicht täten. Es ist zwar sieben Jahre her, aber ich will immer noch, dass der Kerl hinter Schloss und Riegel kommt. Mike würde bestimmt dasselbe sagen.«

»Ich melde mich.«

»Danke.«

Beck legte auf und blickte auf die Uhr. In zwei Stunden fand die Autopsie in der Gerichtsmedizin statt. Hoffentlich erfuhr er, ob es eine Verbindung mit Seattle gab.

Er blickte auf seinen Block, auf dem jetzt stand: Würger von Seattle … Lara Church.

Becks Spätnachmittag verging mit Akten, den Willkommensbekundungen seiner Kollegen, Meetings und Telefonaten. Er saß gerade an einem Haftbefehl, als Penn in seiner Tür erschien, in den Händen einen Becher Kaffee. »Ich dachte, Sie wären inzwischen in der Pathologie.«

Beck blickte auf die Uhr. »Es hat sich dort etwas verschoben. Der Gerichtsmediziner meinte, er fängt in etwa einer halben Stunde an.«

»Und Sie haben immer noch vor, dabei zu sein?«

»Sobald ich diesen Haftbefehl habe.«

»Ich erledige das für Sie. Fahren Sie zur Pathologie.« Das ungewöhnliche Angebot war vermutlich die einzige Entschuldigung, die Beck je von Penn wegen des Gray-Falles bekommen würde.

»Ich bin gleich so weit.«

»Ich weiß. Aber fahren Sie nur. Ich mach das schon.«

Beck erhob sich und spürte die Steifheit in seinem Rücken. »Ich halte Sie auf dem Laufenden.«

Eine Hitzewand schlug ihm entgegen, als er die klimatisierten Büros der Rangers verließ und über den Parkplatz zu seinem Wagen ging. Selbst zu dieser fortgeschrittenen Tageszeit ließ sich die Luft im Wageninneren förmlich schneiden, und die Ledersitze versengten ihm den Rücken, als er sich hinter das Steuer setzte und den Motor anließ. Bald summte die Klimaanlage, und er war unterwegs.

Der Asphalt dampfte vor Hitze, als er vor der Pathologie ausstieg. Im Gebäude begrüßte ihn der schwere Geruch nach Ammoniak und Tod. Er meldete sich an und ging zum Büro des Gerichtsmediziners.

Hinter einem Schreibtisch voller Aktenstapel, Zeitschriften und Unterlagen stand ein spindeldürrer Mann mit dunklem Schnurrbart. Er trug OP-Kleidung und eine Chirurgenkappe über dem dunklen Haar. »Hab schon gehört, dass Sie kommen würden.«

»Doc.«

Dr. Hank Watterson war Ende dreißig und gehörte erst seit ein paar Monaten zur Gerichtsmedizin. Er stammte aus Colorado und hatte nach seinem Studium in der Air Force gedient. »Beck. Santos hat angerufen. Er wird in zehn Minuten da sein. Verkehrsstau.«

Jeder Ranger verbrachte einen beträchtlichen Teil seiner Zeit im Auto, unterwegs in seinem Gebiet, und wusste, dass er von zähem Verkehr, Gewittern und einem Dutzend anderer Möglichkeiten ausgebremst werden konnte. Nach ein paar weiteren Floskeln zog Beck einen Chirurgenkittel und Handschuhe an und folgte Watterson in den Autopsiesaal. Die Tote lag auf einer fahrbaren Bahre aus Metall. Ein weißes Tuch bedeckte ihre schmale Gestalt, bis auf das blonde Haar, das neben ihrer Schulter hervorlugte.

»Ich habe heute Morgen einen kurzen Blick auf die Leiche geworfen. Die Male am Hals passen zum Tod durch Strangulieren, aber eine offizielle Aussage kann ich erst nach einer vollständigen Autopsie machen.«

Dr. Wattersons Assistentin Fran, eine zierliche Frau mit mausbraunem Haar, nickte Beck zu, während sie die Deckenbeleuchtung einschaltete und die Instrumente überprüfte. »Fertig, Doc«, sagte sie.

Die Tür ging auf, und Santos trat herein, sichtlich erpicht, sich an die Arbeit zu machen. »Geben Sie mir eine Minute, dann kann’s losgehen.« Er nahm den Hut ab und legte wie Beck Chirurgenkleidung an.

Santos stellte sich neben Beck, während der Gerichtsmediziner mit der äußerlichen Untersuchung der Leiche begann.

Sie war eine hübsche Frau gewesen: zierlich, feingliedrig, hohe Wangenknochen. Es gab keinerlei Anzeichen auf Drogenmissbrauch, und auf ihren rechten Knöchel war eine gelbe Rose tätowiert.

Der Arzt fertigte einen ganzen Satz Röntgenbilder an, darunter auch Aufnahmen ihres Halses, und heftete sie an den Schaukasten. Das Zungenbein, ein hufeisenförmiger Knochen in der Halsmitte, war eingedrückt.

»Sie wurde erwürgt«, sagte Dr. Watterson. »Dass eingedrückte Zungenbein passt zur Strangulation.«

Die Autopsie ergab keinerlei Schäden an inneren Organen. Diese Frau hatte ein mustergültiges Leben geführt. Was hatte den Killer zu ihr hingezogen? Möglicherweise hatten ihre Schönheit und Jugend eine Rolle gespielt. Und ihre Statur hatte sie zu einer leichten Zielscheibe gemacht.

Als Beck zwei Stunden später den Autopsiesaal verließ, zeigte die digitale Uhr zwei Minuten nach sieben. Sein Magen knurrte, und ihm wurde klar, dass er seit einem Bagel in der Werkstatt außer ein paar Crackern nichts mehr gegessen hatte. Kaffee und ein Steak würden seine Reserven wieder auffüllen und ihm mehrere Stunden lang Energie geben.

Dr. Watterson kam aus dem Untersuchungsraum. »Hier sind ihre persönlichen Sachen.«

Beck und Santos warfen ihre Kittel in den Wäschekorb und nahmen den Sack, der lediglich ein schlichtes Kleid aus weißer aufgerauter Baumwolle enthielt. Der runde Ausschnitt und der Saum, der ihr bis zu den Knöcheln gereicht hatte, hatten einen Spitzenbesatz.

»Kein Etikett«, sagte Beck, während er die Krageninnenseite inspizierte.

»Sieht handgenäht aus«, meinte Santos.

Beck befühlte ein Stück Spitze. »Ich habe heute Morgen in Seattle wegen des Würger-Falles angerufen.«

»Ziemlich voreilig.«

»Kann sein. Aber der Täter hat sich Zeit gelassen, und in Seattle wurde der Würger damals nie geschnappt.«

Santos hob die steifen Schultern. »Was weißt du von der Überlebenden?«

»Nur einen Namen. Lara Church. Der leitende Ermittler ist ausgeschieden, lebt aber immer noch in Seattle. Inzwischen ist er Privatdetektiv.«

»Dann rufst du ihn also an?«

»Erst will ich bei uns noch ein bisschen weiterforschen. Schauen, ob es noch weitere Verbindungen gibt.«

»Was ist das da in der Asservatentüte?«

Beck holte den kleinen Plastikbeutel hervor, der einen Penny enthielt. Forschend betrachtete er die Münze unter dem Kunststoff. »Der Penny ist von 1943. Der dicken Patina nach zu urteilen war er viel in Gebrauch, aber sonst ist nichts Besonderes daran.«

»Wozu ihr dann einen Penny in die Hand legen?«

»Wozu sie weiß anziehen und neben der Straße ablegen? Wahnsinnige haben ihre ganz eigenen Antworten.«

Beck musste nicht lange auf die Identifizierung seiner unbekannten Toten warten. Er saß erst eine Stunde wieder am Schreibtisch, als jemand aus der Vermisstenabteilung von Austin anrief.

»Jim Beck«, sagte er und klemmte sich das Telefon unter das Kinn.

»Detective Walter Cass von der Polizei Austin, Vermisstenabteilung.«

Beck beugte sich auf seinem Stuhl vor. »Detective Cass, was kann ich für Sie tun?«

»Ich habe möglicherweise jemanden, der auf Ihre Unbekannte passt.«

»Wirklich?«

»Gestern wurde hier eine Akte für Gretchen Hart, zweiundzwanzig Jahre alt, angelegt. Sie war Kellnerin in einem Lokal nahe der Universität. Als sie vor drei Tagen nicht zur Arbeit kam, begann ihr Chef, sich Sorgen zu machen. Er schickte eine der anderen Kellnerinnen zu ihrer Wohnung, und als sie nicht aufmachte, holte das Mädel den Manager, um ihn Harts Wohnung öffnen zu lassen. Nichts Auffälliges, aber kein Gretchen.«

»Vielleicht ist sie ja einfach abgehauen.«

»Ihrem Chef zufolge war das nicht ihr Stil. Pünktlich und fleißig. Sie hat an der Universität Englisch studiert und mit dem Kellnerinnenjob die Rechnungen bezahlt.« Es raschelte in der Leitung. »Ich sehe hier gerade Ihr Autopsiebild vor mir, und das passt zu den Bildern, die ich habe.«

Beck kritzelte den Namen der Frau auf einen Block. »Die Fingerabdrücke des Opfers sind nicht in der AFIS.«

»Ich bezweifle, dass dieses Mädchen in der Datenbank aufgeführt ist. Macht einen blitzsauberen Eindruck. Was ist Ihrem Opfer denn zugestoßen?«

»Erwürgt. Die Leiche wurde heute Morgen neben der I-35 gefunden.«

Cass stieß einen Seufzer aus. »Tut mir leid, das zu hören.«

»Was können Sie mir über sie erzählen?«

»Viel mehr als Geburtsdatum, Größe und Gewicht habe ich nicht. Aber ich kann Ihnen den Namen ihres Chefs sagen. Mack Rivers im River Diner.«

»Können Sie mir ihr Foto schicken?«

»Ich lade es sofort hoch.«

»Danke.« Beck legte auf und blickte auf die Uhr. Viertel nach zehn. Minuten später traf das Foto per E-Mail ein. Nach einem kurzen Blick darauf wusste er, dass er sein Opfer hatte. Das Bild zeigte ein junges Mädchen mit wachen Augen, die direkt in die Kamera blickten. Langes, dichtes blondes Haar umrahmte ein Gesicht mit einer porzellanzarten Haut. Seine Gedanken wanderten zum Tatort und dem, was der Mörder dieser jungen Frau angetan hatte. »Verdammt.«

Ein kurzer Anruf beim River Diner erbrachte, dass er noch zwei Stunden hatte, bis das Lokal schloss. Er stand auf, streckte sich einmal gründlich und ging zur Tür. Dort griff er nach Hut und Mantel und verließ das Gebäude.

Das Lokal war weniger als zehn Autominuten von seinem Büro entfernt, und zwanzig Minuten später saß er in einer Sitzecke und überflog die Speisekarte. Das Restaurant war gar nicht übel. Zwar ganz neu, aber einem klassischen Fünfzigerjahre-Diner nachempfunden. Alle Kellnerinnen waren jung und trugen rosa T-Shirts mit dem Aufdruck THE RIVER DINER.

Beck bestellte einen Burger, Pommes frites und eine Cola und fragte nach dem Inhaber. Die Kellnerin zögerte, musterte ihn einen Augenblick und ging dann.

Wenige Minuten später kam ein Mann auf ihn zu. Er war Anfang vierzig, hatte schwarzes Haar, olivenfarbene Haut und trug das gleiche T-Shirt wie die Kellnerinnen, nur dass seines voller Fett- und Mehlflecken war. »Sie wollen mich sprechen, habe ich gehört.«

Beck stand auf. »Sergeant Jim Beck von den Texas Rangers.«

»Mack Rivers.« Er wischte sich die Hände an der Küchenschürze ab. »Hat das etwas mit Gretchen zu tun?«

»Ja.« Beck nickte zu dem Stuhl, der ihm gegenüberstand, und wartete, bis Rivers sich gesetzt hatte.

»Haben Sie sie gefunden?«

»Ich glaube schon.«

Rivers stieß den Atem aus. »Das ist keine gute Nachricht.«

»Nein, Sir. Wir haben heute früh ihre Leiche gefunden.«

Rivers fiel in seinen Stuhl zurück, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt. »Was ist passiert?«

»Sie ist erwürgt worden.«

»Was?« Er schüttelte den Kopf. »Das ergibt keinen Sinn.«

»Nein, Sir, das tut es in solchen Fällen nie.« Er zog einen Notizblock aus der Brusttasche. »Wissen Sie von einem Freund oder irgendwelchen Familienmitgliedern?«

Macks Gesicht wurde blass, während er Becks Nachricht verdaute. »Nein. Sie meinte, sie hätte keine Zeit für einen Freund. Wenn sie nicht hier gearbeitet hat, war sie in der Uni.«

»Was ist mit Stammgästen oder irgendwelchen Typen, die ihr zugesetzt haben?«

»Alle mochten Gretchen. Süßes Mädel.« Mack rieb sich den Nacken, wie um sich von aufwallenden Gefühlen abzulenken.

»Auf welche Universität ging sie?«

»Auf die University of Texas, hier in Austin.«

»Hatte sie enge Freundinnen?«

Rivers massierte sich den Nasenrücken, er schien die Tränen zurückzudrängen. »Alle mochten Gretchen. Sie war ein nettes, fleißiges Mädchen. Sind Sie wirklich sicher, dass sie es ist?«

»Das Bild, das Sie an die Vermisstenabteilung von Austin geschickt haben, passt zu unserem Opfer im Leichenschauhaus. Wir werden die Fingerabdrücke und die zahnärztlichen Unterlagen vergleichen, um sicherzugehen, aber ich gehe nicht davon aus, dass wir eine Überraschung erleben.«

Mack fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Guter Gott.«

»Hatte sie Familie?«

»Sie war aus dem Osten. Die Familie lebt in Maryland, glaube ich. Sie lebte allein in Texas und verdiente sich ihren Lebensunterhalt selbst.«

Beck sah sich im Diner um, in dem es selbst zu dieser späten Stunde immer noch lebhaft zuging. »Gab es hier irgendjemanden, der vielleicht ein besonderes Interesse an Gretchen gezeigt hat?«

Mack räusperte sich, was Becks Aufmerksamkeit auf ein großes Schlangentattoo lenkte, das sich um den Hals des Mannes wand. »Wie schon gesagt, nicht dass ich wüsste.«

»Hätten Sie denn davon gewusst? Hier ist eine Menge los, da muss man sich sicher um vieles kümmern.«

Macks Blick wurde wieder klar. »Ich passe auf meine Mädchen auf. Wenn es ein Problem gibt, erfahre ich davon.« Er schüttelte den Kopf. »Scheiße.«

»Können Sie mir ihre Adresse geben?«

»Ja klar, ich muss nur eben nachsehen.« Rivers stand auf und ging mit hängenden Schultern davon.

Die Kellnerin kehrte zurück. »Ihre Bestellung ist fast fertig.«

»Können Sie das Essen einpacken lassen?«

»Natürlich.« Sie krampfte die kleinen, blassen Hände neben ihrem Körper zusammen. Auf ihrem Namensschild stand DANNI. »Es geht um Gretchen, nicht wahr?«

»Ja.« Der dicke Eyeliner vermochte die Jugend der blonden Kellnerin nicht zu verbergen. Sie konnte nicht älter als siebzehn sein.

»Ich bin die, die zu ihrer Wohnung gegangen ist und den Manager geholt hat. Sie ist nicht der Typ, der die Arbeit schwänzt.«

»Es überrascht mich, dass Ihr Chef Sie geschickt hat.«

Sie zog die dunklen Brauen hoch. »Wieso? Weil ich jung bin?«

»Genau.«

Sie zuckte mit den Schultern. »Keiner von uns hat damit gerechnet, dass wir auf etwas Schlimmes stoßen würden.«

»Aber es war so.«

»Vor ihrer Tür lagen ein paar Zeitungen und eine Nachricht von einem Zusteller. Sie hatte eine neue Fitness-DVD erwartet und hätte den Zettel nicht einfach an der Tür gelassen, ohne das Päckchen abzuholen.«

»Gibt es irgendjemanden, der Grund hatte, ihr wehzutun?«

»Sie war der reinste Engel. Sie gab nie jemandem einen Grund, auf sie sauer zu sein.«

»Danni, wie lange haben Sie sie gekannt?«

»Nicht so wahnsinnig lange. Ein paar Monate. Sie war nett.«

»Es gab niemanden, der ihr Ärger machte?«

»Niemanden. Die Gäste haben sie geliebt.«

»Haben Sie viele Stammgäste?«

»Achtzig Prozent der Leute hier kommen öfter. Unser Koch ist gut und das Essen ist billig, also kommen die Leute immer wieder.«

Rivers erschien mit einem Notizkärtchen. Seine Hand zitterte leicht, als er es Beck aushändigte. »Hier, bitte.«

»Danke.« Er blickte auf die Adresse. Eine Wohnanlage in der Nähe des Campus.

Es war schon spät, aber Beck wollte auf jeden Fall noch einen Blick in Harts Wohnung werfen. »Danke. Falls ich noch Fragen habe, rufe ich Sie an.«

Danni und Rivers sagten ihm zu, sämtliche Fragen zu beantworten, und nachdem er beiden seine Visitenkarte gegeben hatte, ging er. Er rief Santos an. »Hier ist Beck. Ich habe gerade mit dem Inhaber des River Diner gesprochen. Er hat mir Harts Adresse gegeben.« Er gab Santos die Adresse durch.

»Dann sehen wir uns dort.«

»Wie lange brauchst du bis Austin?«

»Ich bin schon halb da. In dreißig Minuten.« Ranger arbeiteten, bis die Arbeit getan war. Egal, wie lange es dauerte, sie machten weiter. »Hatte man im Lokal eine Vermutung, wer es gewesen sein könnte?«

»Es heißt, sie sei ein Engel gewesen.«

3

Montag, 20. Mai, 23:15 Uhr

Kurz nach elf parkte Beck vor dem großen Wohnkomplex. Er hatte vorab bei der Verwalterin angerufen, die jetzt in dem dreistöckigen Mietshaus auf ihn wartete. Als er aus dem Wagen stieg, fuhr Santos in seinem Bronco vor.

Mit einer Akte in der Hand öffnete Santos die Wagentür. »Das habe ich dir mitgebracht. Es ist die Fallakte von Lou Ellen Fisk.«

Beck nahm die dünne Mappe. »Hattest du schon Gelegenheit reinzuschauen?«

»Ja. Wenn du sie gelesen hast, vergleichen wir unsere Notizen.«

Beck schloss die Akte in seinem Wagen ein, und die beiden Männer gingen zum Empfang, wo sie auf die Wohnungsverwalterin trafen. Beck und Santos zeigten ihre Dienstmarken vor.

Gähnend nahm die Verwalterin, eine korpulente Frau Ende zwanzig, ihren Hauptschlüssel und ging zur Treppe. Über der verblichenen, tief sitzenden Jeans trug sie ein übergroßes orangefarbenes T-Shirt mit der Aufschrift Austin Music Festival.

Während sie zum dritten Stock hinaufstiegen, drangen Musik und Gelächter durch das Gebäude. Nach ein paar Schritten über den mit robustem Teppichboden ausgelegten Gang kamen sie zu Apartment 306. Als die Verwalterin die Tür öffnete, platzten zwei Mädchen aus der Nachbarwohnung, kichernd und für eine Party zurechtgemacht. Kaum hatten sie einen Blick auf Beck und Santos geworfen, war ihr Lächeln wie weggeblasen.

»Hey, ist etwas passiert?« Die Frage kam von der größeren der beiden. Sie hatte dunkles Haar, das ihr über die Schultern und die Träger eines roten Neckholders fiel. Kurze Jeansshorts und hohe Absätze vervollständigten ihren Look. »Ist mit Gretchen alles in Ordnung?«

Beck sah von der großen Brünetten zu ihrer Freundin, einer großen, kräftigen Blondine, die dunkelblauen Lidschatten und ein pinkfarbenes Sommerkleid trug. »Kannten Sie beide Gretchen?«

Die Mädchen nickten. »Ja«, sagte die Blonde. »Ich meine, nicht so wahnsinnig gut, aber wir haben sie im Gang und im Aufzug getroffen, und letzten Monat war sie bei der Kennenlernparty, die die Wohnungsverwaltung veranstaltet hat.«

»Und Ihre Namen?«, fragte Beck.

»Ich bin Janice Davis«, sagte die Brünette. »Und das ist Lindsay Michaels.«

»Wann haben Sie Gretchen zum letzten Mal gesehen?«, fragte Santos.

Die Mädchen sahen kurz einander an, als wären sie verblüfft über die Frage. »Bei der Party letzten Donnerstag«, sagte Lindsay. »Sie hat eine Margarita getrunken und mit Sam geredet.«

»Wer ist Sam?«, fragte Santos.

Die Verwalterin antwortete. »Sam Perkins. Er wohnt im dritten Stock. Bei Veranstaltungen hier im Gebäude haben sie sich oft miteinander unterhalten.«

Beck schrieb sich den Namen auf. »Waren sie ein Paar?«

Die Mädchen schüttelten die Köpfe. »Nein«, sagte Janice. »Sie haben nur ziemlich oft geflirtet. Sam weiß, dass Gretchen nach dem Abschluss nach New York zieht.«

»Sie wollte wegziehen«, sagte Beck.

»Ja«, sagte Lindsay. »Sie wollte bei irgendeiner PR-Firma arbeiten. Sie hat sich wahnsinnig darauf gefreut und konnte es kaum erwarten. Aber denken Sie ja nicht, Sam hätte ein Problem damit gehabt. Das war nämlich nicht so. Sie waren nur gute Freunde. Ich glaube, sie hatten nicht mal was miteinander.«

»Hatte sie einen Freund?«, fragte Beck.

»Nein. Bei ihr ging es immer nur um den Job und um New York«, sagte Janice. »Sie fing sogar an, viel Schwarz zu tragen, und sagte, in New York trügen alle Schwarz.«

»Sie hatte keinerlei Probleme? Und ich meine wirklich gar keine?«, fragte Beck.

»Nein.« Janice fingerte an einem silbernen Ohrring herum.

Lindsay kaute auf ihrer Unterlippe. »Sie kam mit allen gut aus.«

Nicht mit allen, dachte Beck. »Danke, Ladys. Nett, dass Sie sich die Zeit genommen haben.« Er notierte sich ihre Kontaktdaten, gab ihnen seine Karte und bat sie, ihn anzurufen, falls ihnen noch etwas einfiel.

Lindsey starrte auf Becks Karte. »Texas Rangers. Was ist mit Gretchen?«

»Im Moment stellen wir erst mal nur Fragen. Es gibt noch nichts zu berichten.«

Die Mädchen runzelten die Stirn, sichtlich beunruhigt von seiner Gegenwart. Doch sie sagten nichts mehr und eilten weiter den Gang entlang.

Als die Verwalterin die Tür geöffnet hatte, blieb sie stehen. Hatte sie gerade noch leicht verdrießlich gewirkt, schien sie nun nur noch neugierig und besorgt. »Was ist denn passiert?«

Beck lächelte. »Hatte sie eine Mitbewohnerin?«

»Alle Zimmer werden einzeln vermietet. Die andere Studentin in der Wohnung ist im Februar ausgezogen, als sie von der Uni abgegangen ist. Da es mitten im Semester war, musste sie weiter Miete zahlen, deswegen haben wir das Zimmer nicht neu vermietet. Ich habe gehört, dass sie es untervermieten wollte, aber dazu ist es nicht gekommen.«

»Dann lebte Gretchen also allein.«

»Seit etwa zehn Wochen, ja.«

»Ich werde Gretchens sämtliche Kontaktinformationen brauchen. Eltern, Familie, wer im Notfall zu benachrichtigen ist.«

Der Verwalterin missfiel es ganz offensichtlich, keine Antworten zu bekommen, doch sie nickte. »Natürlich. Kommen Sie am Empfang vorbei, bevor Sie gehen.«

»Danke«, sagte Beck.

Als die Verwalterin zum Aufzug ging, zogen die beiden Ranger sich Gummihandschuhe an. Beck schaltete die Beleuchtung im Eingang ein.

Das Apartment war schlicht, doch als Studentenwohnung ganz annehmbar. Der Eingangsbereich erweiterte sich zu einer kleinen Küche, die in ein kleines, mit einem Ledersofa und einem Stuhl möbliertes Wohnzimmer führte. Neben einem alten Fernseher türmte sich ein Stapel Umzugskisten.

»Sieht so aus, als hätte sie bald packen wollen«, sagte Santos.

Beck blickte auf einen aufgeschlagenen Kalender, der auf der Küchenarbeitsplatte lag. In die einunddreißig Kästchen des Mai war alles Mögliche hineingekritzelt. Er blätterte zum Juni um und sah, dass der vierte Juni eingekreist war. Mit einem dicken roten Stift hatte Gretchen Umzug! hineingeschrieben. In nur wenigen Wochen hätte sie einen neuen Lebensabschnitt begonnen.

Am Ende eines kurzen Ganges lagen links zwei Schlafzimmer und rechts ein Bad. Das erste Zimmer war kahl, nur das nackte Bett und ein zum Apartment gehöriger Schreibtisch standen darin. Das Zimmer daneben war dagegen farbenfroh ausgestattet, mit purpurroter Bettwäsche, jeder Menge Kissen und dünnen Vorhängen. In einem Wäschekorb neben einem Schreibtisch voller Bücher und Papiere lag ordentlich gebügelte und zusammengelegte Kleidung. Über dem Schreibtisch hing eine gerahmte Collage aus Schwarz-Weiß-Fotografien. Einige Aufnahmen waren offensichtlich in Austin entstanden, andere am Strand und wieder andere in New York. Auf allen lächelte Gretchen.

Beck massierte sich den Nacken, während er auf das ordentlich gemachte Bett und die daneben aufgereihten hochhackigen Schuhe blickte. »Sie war organisiert.«

»Sieht verteufelt viel besser aus als das Zimmer in meinem Studentenwohnheim.«

Als Beck auf die UT gegangen war, hatte er bei Henry gewohnt. Er hatte zwar nicht so viel Spaß gehabt wie viele seiner Freunde, aber die Miete in einem Studentenwohnheim hätte er sich nicht leisten können. Außerdem hatte er dadurch in seiner Freizeit in der Werkstatt arbeiten können. »Ich lasse ihre Finanzen überprüfen. Laut der Vermisstenabteilung hatte sie in Texas keine Polizeivermerke.«

Santos beugte sich zu einem Bild vor, auf dem Gretchen eine Frau umarmte, die wie ihre Mutter aussah. »Das Mädel scheint alles richtig gemacht zu haben. Hat sich an die Regeln gehalten.«

Beck öffnete ihren Kleiderschrank. Er war angefüllt mit Kleidung in sämtlichen Farben – außer Weiß. »Für Weiß scheint sie nichts übriggehabt zu haben.«

Santos warf einen Blick über die Schulter. »Das ganze Zimmer ist bunt.«

Beck nahm den Ärmel eines roten Mantels zwischen die Finger. »Hübscher Stoff. Das Kleid, in dem wir sie gefunden haben, war selbst genäht.«

»Dann hat der Täter es ihr angezogen?«

»Der Mörder in Seattle hat seine Opfer tatsächlich umgezogen.«

»Du glaubst wirklich, wir haben es mit dem Würger von Seattle zu tun?«

»Scheiße, ich weiß es nicht.« Die Erschöpfung setzte ihm zu. Letzte Nacht hatte er zwei Stunden Schlaf abbekommen, und das Adrenalin von heute Morgen war inzwischen verflogen.

Während der nächsten Stunde durchsuchten sie die Wohnung, durchkämmten Gretchens Post, ihre Notizen, ihre Studienbücher und sogar die Küchenschränke. Es gab keinerlei Hinweise darauf, dass sie bedroht, belästigt oder gestalkt worden war.

»Wie zum Teufel ist er auf sie gekommen?«, murmelte Beck. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, würden sie alle Schichten ihres Lebens freilegen müssen. Meistens waren es nicht die Rechtschaffenen, die ermordet wurden. Normalerweise erwischte es Leute, die zur dunklen Seite abdrifteten – hin zu Drogen, Alkohol oder Prostitution.

Aber es gab Ausnahmen. Und nach zwei Stunden, in denen er Informationen gesucht und nichts gefunden hatte, fragte Beck sich, ob Gretchen Hart schlicht ins Visier eines Wahnsinnigen geraten war, der seinen ganz eigenen kranken Plan verfolgte.

Behutsam klappte er Das Buch Gretchen zu und stellte es in das Regal in seinem Büro. Das dünne, rote Buch sah genauso aus wie mehrere andere, die dort standen, und wie die anderen enthielt es eine Sammlung von Notizen, Fotos, Gedanken, Überwachungsprotokollen und natürlich seine geheimen Pläne.

Die Bücher für seine Mädchen zu gestalten und zu bewahren, gehörte inzwischen so sehr zu seiner Vorgehensweise, dass er sich nicht vorstellen konnte, einfach jemanden zu töten, den er nicht kannte. Die Bücher schufen Intimität. Eine Verbindung. Ein persönliches Band.

Er hatte Gretchen schon seit Weihnachten beobachtet. Er hatte sie gesehen, als sie den Campus überquerte. Es war ein kühler, frischer Tag gewesen, und sie hatte einen schwarzen Rollkragenpullover, Jeans und Stiefel getragen. Sie war hereingekommen, um sich einen Kaffee zu holen – einen fettarmen Latte. Sie hatte sich mit einer Freundin unterhalten. Gelacht. Ihre Augen hatten vor Aufregung gefunkelt. Und sie hatte von dem Umzug nach New York gesprochen. »Ich zähle die Tage«, hatte sie gesagt.

Er hatte die ganze Zeit in die Zeitung geblickt, doch nachdem sie in den Laden gekommen war, hatte er kein Wort mehr lesen können, so sehr hatte sie ihn in ihren Bann gezogen. Und noch am selben Tag war er losgegangen und hatte ein leeres rotes, in Leder gebundenes Buch gekauft und ihren Namen in Goldschrift auf den Einband prägen lassen: Gretchen Hart.

Mit den Fingerspitzen strich er über die anderen Bücher und verharrte bei dem dicksten. Dem Buch Lara.

Dieses Buch besaß er seit zwölf Jahren. Zu Lara hatte er sich so viele Aufzeichnungen gemacht, dass er ein zweites Buch hatte kaufen müssen, das, wie ihm auffiel, jetzt beinahe voll war. Sie war diejenige, die entkommen war.

Nach Seattle hatte er sie aus den Augen verloren. Er hatte sich verlassen gefühlt. Leer. Doch dann hatte der Zufall sie zu ihm zurückgeführt. Gleich als er sie sah, hatte er begonnen, sich weitere Notizen zu ihr zu machen. Er hatte von ihr geträumt. Davon, wie sich seine Finger erneut um ihren Hals legten.

Es wäre einfach gewesen, sie gleich zu töten. Sie war reif. Aber wo war der Reiz bei dieser Eile? Sie ging schließlich nirgendwohin, und er hatte Zeit.

Behutsam nahm er das Buch aus dem Regal und blätterte durch die Seiten, die mit Bildern und noch mehr Notizen angefüllt waren. Er schlug eine der ersten Seiten auf, vom ersten Juni, vor zwölf Jahren.

Beinahe wäre ich über meine eigenen Füße gestolpert, als ich sie sah. Sie sah so süß aus, so reizend und so traurig. Ich fand nicht die richtigen Worte, als sie Hallo sagte, also brachte ich nur einen schnellen, unbeholfenen Gruß heraus. Es durchfuhr mich so heftig, dass ich mich unwillkürlich aufrichtete. Ich streckte die Arme aus, als würde ich aus einem Schlummer erwachen.

Als ich einschlief, war es kein erholsamer Schlaf. Ich träumte mehr als seit vielen Jahren, und sämtliche Träume drehten sich einzig um Lara.

Er ließ die Hand über die Seite gleiten. Er war nicht mehr der unbeholfene Dummkopf, der er vor zwölf Jahren gewesen war. Er war ein Mann, der sich unter Kontrolle hatte.

Lara war diejenige, nach der er sich gesehnt hatte, als er Lou Ellen und Gretchen erwürgte. Sie war die Eine, die Richtige. Und bald würde er das Tier in sich herauslassen, damit es mit Lara spielen konnte.

Vorerst genügte es ihm zu beobachten.

4

Dienstag, 21. Mai, 6:45 Uhr

Laras Schäferhund Lincoln schlug hinter dem Haus an – ganz offensichtlich hatte er wieder einmal ein Kaninchen aufgestöbert.

Während der Hund weiterbellte, betrachtete sie den Sonnenaufgang am Horizont, wie sie es in den letzten acht Monaten schon so oft getan hatte.

Der Tagesanbruch erfüllte sie stets mit Ruhe und Ehrfurcht. Ein neuer Sonnenaufgang. Ein neuer Tag. Ein Geschenk. Ein Sieg.

Die meisten Leute verpassten derartige Augenblicke. Sie hatten zu viel zu tun, schliefen noch, oder es interessierte sie einfach nicht. Viele Menschen nahmen sich nie die Zeit, um die Sonne aufgehen zu sehen. Lara war da anders. Sie sah jedes Mal zu, wenn das möglich war.

Lincoln bellte lauter, weshalb sie sich von ihrem Stuhl erhob und um das einstöckige Ranch-Style-Haus herum in den Garten ging. Der üppige, inzwischen zugewachsene Garten war der ganze Stolz ihrer Großmutter gewesen. In ihren letzten Lebensjahren war er wild gewuchert. Obwohl sie als Kind zusammen mit ihrer Großmutter im Garten gearbeitet hatte, hatte sie die Blumenbeete seither vernachlässigt.

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