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Das sechzehnte Kind

 

 

 

Irene Vilar

Das sechzehnte Kind

 

Glück und Abgründe einer großen Liebe

 

 

Aus dem Englischen von Katharina

Förs und Gabriele Gockel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Böse ist leicht, und es gibt unendlich viel Formen des Bösen; das Gute ist beinahe einförmig. Aber eine bestimmte Art des Bösen ist ebenso schwer zu finden wie das, was man das Gute nennt, und oft gibt man dieses besondere Böse unter diesem Kennzeichen als das Gute aus. Man braucht sogar, um dieses Böse zu vollbringen, eine außerordentliche Seelengröße – ebenso wie um das Gute zu vollbringen.

 

Pascal, Gedanken

 

 

 

 

Prolog

 

Wenn ich mein Leben zusammenfassen sollte, würde ich sagen, es war von der extremen menschlichen Erfahrung der Abtreibung bestimmt. Jahrelang geriet ich jedes Mal, wenn ich von einer Abtreibung las oder hörte, in einen Strudel der Gefühle. Immer, wenn das Lied »A Horse with No Name« von America gespielt oder das Buch Der Letzte der Gerechten erwähnt wurde, das mich durch zehn erniedrigende Jahre meines Lebens begleitet hatte, war ich zutiefst aufgewühlt.

Meine Handlungen unter einem moralischen Aspekt zu betrachten ist alles andere als angenehm. Abtreibung ist moralisch gesehen ein schwieriges Thema, wie ich finde, weil es ungewöhnlich ist. Und ungewöhnlich ist es, weil der menschliche Fötus mit nichts und niemandem sonst vergleichbar ist und weil sich die einzigartige Beziehung zwischen einem Fötus und einer schwangeren Frau mit keiner anderen Beziehung vergleichen lässt.

Als ich 2001 mit der Arbeit an diesem Buch begann, sollte es, im Stil von Pygmalion/My Fair Lady, die Geschichte eines älteren Mannes und einer Jugendlichen werden, eines Lehrers und einer Studentin, und über den vorhersehbaren, aber nicht uninteressanten Zerfall ihrer gegenseitigen Faszination. Aber das blieb nicht so. Die Geschichte, die erzählt werden musste, war die einer Sucht. Obwohl ich dagegen ankämpfte, ergriff der Gedanke von mir Besitz. Diesem Buchprojekt sahen vor allem die mir nahestehenden Menschen mit Bangen entgegen. Man warnte mich, dass ich mir wahrscheinlich den Hass sowohl der Abtreibungsgegner als auch der Befürworter zuziehen würde. Was ich zu sagen hatte, musste zwangsläufig missverstanden werden.

Meine einzige Alternative wäre gewesen zu schweigen. Aber die Tatsache, dass meine persönlichen Erfahrungen mit Schwangerschaft und Abtreibung schwer nachzuvollziehen sind, war für mich nicht Grund genug, das Projekt aufzugeben. Und obgleich Abtreibungen in irgendwelchen Hinterzimmern der Vergangenheit angehören, sind legale Schwangerschaftsabbrüche noch keineswegs »normal«. Diejenigen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, dafür entscheiden, wahren gewöhnlich Stillschweigen, und der Schleier der Heimlichkeit lastet schwer. Ich selbst habe meine Gefühle, was Abtreibung und die Identität eines Embryos und eines Fötus angeht, bis zum heutigen Tag verdrängt.

Und doch ist mein Erfahrungsbericht keine Auseinandersetzung mit der politischen Diskussion rund um die Abtreibung, und es geht darin auch nicht um die illegalen, gefährlichen Abbrüche, die für Generationen von Frauen in der Geschichte ein wichtiges Thema waren. Nein, meine Geschichte geht einem Familientrauma auf den Grund, Wunden, die ich mir selbst beigebracht habe, Zwangsmustern und der moralischen Klarheit und den moralischen Konflikten, von denen meine Entscheidungen geprägt waren. Diese Geschichte passt nicht nahtlos zu dem Slogan »Mein Bauch gehört mir«. Um das Recht auf freie Entscheidung nicht zu gefährden, verzichten viele Frauen, die wie ich für das Recht auf Abtreibung eintreten, darauf, öffentlich über Erfahrungen, die meinen ähnlich sind, zu sprechen. Die Abtreibungsdiskussion für die existenzielle Erfahrung zu öffnen, die ein Abbruch für viele Frauen bedeutet, ist zwar im Sinne der Ehrlichkeit und eines breiteren Spektrums an Ausdrucksmöglichkeiten, birgt aber auch Risiken.

Abtreibung ist eine leidvolle Erfahrung, die am Ende einer Kette von Fehlentscheidungen steht. Die Vertreter der amerikanischen Pro-Life-Bewegung instrumentalisieren diese Erfahrung in sensationsheischender Weise und gehen dabei über die Ursachen hinweg. Einer dieser menschlichen »Fehler« ist der finanzielle Druck, der neben Unwissenheit der häufigste Grund für Abtreibungen ist. In der Pro-Life-Bewegung gibt es unübersehbar lebensfeindliche Tendenzen, denn sie fördert diese Unwissenheit, indem sie sich gegen Familienplanung, Sexualerziehung und den richtigen Gebrauch von Verhütungsmitteln stellt. Ein kürzlich in der New York Times erschienener Artikel legte die lateinamerikanischen Abtreibungsstatistiken offen und enthüllte die alarmierenden Folgen eines rigiden Fundamentalismus, gepaart mit Armut und Unwissenheit. Die Vereinten Nationen berichten, dass in Lateinamerika jährlich mehr als vier Millionen Abtreibungen vorgenommen werden, die meisten davon illegal, und dass jedes Jahr über fünftausend Frauen an Komplikationen nach dem Eingriff sterben. Vierzig von tausend lateinamerikanischen Frauen im gebärfähigen Alter haben eine Abtreibung, das ist der höchste Prozentsatz nach Osteuropa.

Diese Zahlen zeigen unter anderem, wie wenig effektiv es ist, als einzige Form der Verhütung Abstinenz zu predigen, wie es in lateinamerikanischen Kirchen und Schulen üblich ist. Die lateinamerikanischen Abtreibungsgesetze zählen zu den schärfsten der Welt, und doch ist die Abtreibungsrate hier eine der höchsten weltweit. In den Vereinigten Staaten hingegen, wo Abtreibung legal ist und mehr Aufklärung stattfindet, erreichte die Abtreibungsrate 1993 den niedrigsten Stand seit vierundzwanzig Jahren. Der Tiefststand war 2002 erreicht, als dem Alan Guttmacher Institute zufolge auf 1000 Frauen im Alter zwischen fünfzehn und vierundvierzig 20,9 Abtreibungen fielen. Allerdings ist bei westeuropäischen Jugendlichen, die sexuell ebenso aktiv sind wie amerikanische Mädchen, aber weit mehr Zugang zu Sexualerziehung haben und besser über Verhütungsmittel informiert werden, die Wahrscheinlichkeit einer Abtreibung sieben Mal geringer, Gonorrhöe-Erkrankungen gar siebzig Mal seltener als in Amerika. Sich in irgendeiner Form mit der Pro-Life-Bewegung zu identifizieren wird vollends abwegig, wenn man sich klarmacht, dass sie im Grunde fordert, zu den in Lateinamerika herrschenden, grauenhaften Abtreibungs- und Todeszahlen von Frauen zurückzukehren, und dabei die beeindruckend niedrigen Abtreibungszahlen in Westeuropa einfach ignoriert.

Sosehr ich auch entschlossen bin, über meine Abtreibungssucht zu berichten, ohne mich mit der politischen und philosophischen Debatte um die Entscheidung Roe v. Wade aufzuhalten, muss ich doch mindestens anmerken, dass dreiunddreißig Jahre nach der Verabschiedung der richtungweisenden Gesetze durch den Obersten Gerichtshof der USA Abtreibung in einzelnen Staaten zunehmend reglementiert wird. Der Schiedsspruch gestand Frauen das durch die Verfassung geschützte Recht zu, sich in den frühen Phasen der Schwangerschaft für eine Abtreibung zu entscheiden. Im Gegensatz zu den Überzeugungen der Pro-Life-Bewegung setzte sich das Gericht bewusst mit der Tatsache auseinander, dass menschliche Ursachen, die zu der schmerzvollen Realität einer Abtreibung führen, zum Beispiel psychische Gründe wie bei mir oder wirtschaftliche Schwierigkeiten, mit denen sich so viele konfrontiert sehen, sich jeder Kontrolle entziehen. Aus diesem Grund, so hieß es, müsse die Aufgabe des Staates, das Recht der Frau auf Leben und Gesundheit zu sichern, das durch Antiabtreibungsgesetze verletzt werde, Vorrang haben. Die in alarmierendem Maße zunehmende Verschärfung der Abtreibungsgesetze kann nur dazu führen, dass bei Schwangerschaftsabbrüchen mehr Fehler und Pfuschereien entstehen.

Meine Geschichte zeigt unter anderem, dass es mir bei der Ausübung meines Rechts auf Abtreibung zunächst an einem Verantwortungsgefühl mangelte, sie zeigt aber auch, dass ich mit der Zeit ein Bewusstsein für diese Verantwortung entwickelt habe. Ich möchte der Frage nachgehen, inwieweit Abtreibung, wenn sie wiederholt auftritt und selbstschädigende Formen annimmt, auf eine Sucht hindeuten kann. Außerdem hoffe ich, Fragen anzusprechen, die verdeutlichen, dass sowohl Gegner als auch Befürworter des Rechts auf Abtreibung gleichzeitig im Recht und im Unrecht sind, wie das bei vielen fundamentalen und extremen Positionen der Fall ist.

Jahrelang kam mir gar nicht in den Sinn, dass es über Abtreibung irgendetwas zu sagen geben könnte. Ganz im Gegenteil. Es ging viel zu sehr darum, zu vergessen. Doch ich habe festgestellt, dass viele Frauen sich nichts sehnlicher wünschen, als eine von Feigheit geprägte Vergangenheit und ihr Bedürfnis, sich im Schatten der Macht eines anderen Menschen zu verstecken, zu überwinden. Viele von ihnen hatten mehrere Abtreibungen hinter sich. Wie ich selbst waren sie bemüht, Worte für eine Erfahrung zu finden, über die sie selten gesprochen hatten. Mein Bericht ist nicht der einzige seiner Art. Abgesehen von der aseptischen, sachlichen Sprache der Familienplanungsstellen und den legalistischen oder moralistischen Ausführungen der Entscheidung Roe v. Wade und deren jeweiliger Anhänger in Gestalt der Abtreibungsbefürworter und -gegner, gibt es kaum Worte, um das individuelle, intime Erleben zu artikulieren. Etwa die Hälfte aller US-amerikanischen Frauen, die 2004 eine Abtreibung vornehmen ließen, hatten schon einen Schwangerschaftsabbruch hinter sich. Fast zwanzig Prozent hatten zuvor bereits mindestens zwei Abtreibungen, zehn Prozent drei oder mehr. Eine beträchtliche Anzahl dieser wiederholten Abtreibungen geschehen in Bevölkerungsschichten, in denen Verhütungsmittel weit verbreitet sind.

 

»Ich hatte zwölf Abtreibungen in elf Jahren, und es waren die glücklichsten Jahre meines Lebens.« (Fünfzehn in fünfzehn Jahren, wenn ich die drei mit einem anderen Mann dazu-zähle.) Diese Worte schrieb ich, bevor ich die Wahrheit zu begreifen begann, und das ist lange her. Ich weiß, dass man mich missverstehen wird, dass viele Menschen meinen Albtraum als die Geschichte eines Rechtsmissbrauchs sehen werden, als hätte ich die Abtreibung als Mittel zur Geburtenkontrolle benutzt. Das ist nicht der Fall. Mein Albtraum ist Teil des schrecklichen Geheimnisses, und die wahre Geschichte liegt hinter einem Schleier von Scham, Kolonialismus, Selbstzerstörung und einer Familiengeschichte verborgen, deren Protagonisten eine heldenhafte Großmutter, eine durch eigene Hand verstorbene Mutter und zwei heroinsüchtige Brüder sind.

Ich weiß, dass dieser Bericht das moralische Dilemma meines Handelns nicht lösen kann. Ja, ich wollte den Zauber verstehen, den ein schwangerer Körper auf mich ausübte, meine krankhafte Sehnsucht, jemand oder etwas anderes zu werden. Dabei ließ ich mich von den Tagebüchern leiten, die ich damals führte. Was ich dem Leser bieten kann, ist ein Bericht über meine Sucht, einen nicht versiegenden Unglücksstrom, der schonungslose Blick auf eine Illusion, und schließlich das erlösende Antlitz des Mutterseins.

Etwa auf der Hälfte dieses Buchs wurde ich zum sechzehnten Mal schwanger. Ich glaube nicht, dass ich ohne den Anspruch von Verantwortlichkeit und Selbstreflexion, den das Schreiben dieser Geschichte erforderte, fähig gewesen wäre, ein Kind zur Welt zu bringen. Meine Tochter, sie ist die Stimmigkeit, die aus der beschämenden Masse von fünfunddreißig Jahren hervorgegangen ist.

Ja, ich war abtreibungssüchtig, und ich suche nicht nach einem Sündenbock. Alles ist erklärbar, alles lässt sich rechtfertigen, so lehrt uns das vergangene Jahrhundert. Alles außer der Bürde unterbrochenen Lebens, die ich mit ins Grab nehmen werde.

 

 

 

 

»Der Körper ist kein Ding,

sondern eine Situation: Er ist unser Zugriff

auf die Welt und der erste Ansatz

zu unseren Entwürfen.«

 

Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht

 

 

 

 

Meine erste und meine letzte Erinnerung an meine Mutter ist die an einen Tanz. Bei der ersten sehe ich die grünen Zuckerrohrfelder, die unser Haus umgeben, und ihr langes schwarzes Haar, das im Wind flattert, während sie, sich an einer Palme festhaltend, Tanzschritte übt. Der umgestürzte Poincianabaum links von ihr und das von Kokosnüssen übersäte Gras deuten auf den Hurrikan Katrina und das Jahr 1973 hin. Von dem letzten Bild, das ich von meiner Mutter im Kopf habe, weiß ich das genaue Datum: Es war der 28. Februar 1977, der Tag der Hochzeit meines Bruders. Ich war acht Jahre alt. Im Tanzsaal drängten sich Körper zu einem Bolero aneinander. Mein Blick folgte dem meiner Mutter in eine Ecke des Raumes, in der sich die Schuhe meines Vaters rhythmisch um rote, hochhackige Sandalen drehten. Während sie einander umkreisten, verloren diese vier Schuhe kaum den Kontakt zum Boden. Meine Mutter packte mich am Arm und rauschte hinaus, rauchte am Wagen meines Vaters eine Zigarette, sprach mit sich selbst und bearbeitete dabei mehrmals mit ihrem Schuhabsatz einen Reifen.

Die letzten Worte meines Vaters, die meiner Mutter galten, waren an mich gerichtet: »Deine Mutter weiß nicht, was sie tut.« Dabei hob er ihren schlaffen Leichnam von der Straße. Ich folgte ihm dicht auf den Fersen bis zum Auto, wobei ich ihren nackten, leblosen Fuß mit der Hand umklammerte.

Scham ist der rote Faden, der sich bis zu den Ursprüngen meiner Heimat zurückverfolgen lässt. Auf den Karten von Lateinamerika ist meine Insel Puerto Rico entweder gar nicht vorhanden oder nur als gebietsmäßiges Anhängsel. Die Karten zeigen überdeutlich die Geschichte der puerto-ricanischen Abhängigkeit, zuerst von Spanien, dann von den Vereinigten Staaten. Fast alle Zeugnisse deuten auf einen Ausverkauf hin: Die Bereitschaft eines Volkes, seine nationale Identität um des ökonomischen Profits willen zu verschachern, hat an unserer Würde und an unseren Allmachtsgefühlen genagt.

Der Traum meines Urgroßvaters von einem besseren Leben zerbrach, als nordamerikanische Unternehmen die Insel in ein einziges Zuckerrohrfeld verwandelten. Lolita, seine Tochter, verkaufte sich an den neuen Besitzer der Kaffeeplantage, auf der er den größten Teil seines Lebens für die Pacht gearbeitet hatte. Sie war damals siebzehn. Die Geburt meiner Mutter war nur das Nachspiel einer Geschichte der Schande, die vor sehr langer Zeit begann.

Im Sommer 1940, zwei Monate nachdem sie meine Mutter zur Welt gebracht hat, steigt Lolita auf der Plaza in Lares in einen Bus und quetscht sich zwischen Fahrgästen und Koffern auf einen Platz. Sie ist eine Bäuerin aus dem Hochland, eine jíbara, und ihr Gesicht hat die für Leute vom Land typische wächserne Blässe. Die Pfunde, die sie während der Schwangerschaft zugelegt hat, ist sie noch nicht wieder los, dennoch ist sie eine hübsche Neunzehnjährige auf dem Weg hinaus in die Welt. Wenn sie jetzt nicht wegging, würde sie für immer hier festsitzen.

Wie viele vor und nach ihr besteigt sie in San Juan ein Boot nach New York, in das Land, das sie im Grunde aus ihrer Heimat vertrieben hat. Dort wird sie sehen, dass es den anderen puerto-ricanischen Auswanderern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht besser geht als früher in ihrer Heimat und dass die erzwungene Wanderschaft kolonisierter Völker nur eine andere Form der Unterjochung ist. Mehr als ein Leben als Bedienstete, nicht anders als das, das sie hinter sich gelassen hat, wird sie nicht erreichen.

Scham muss meine Großmutter aus Puerto Rico vertrieben und sie in den Straßen der Bronx und in den Textilfabriken der Lower East Side auf Schritt und Tritt begleitet haben. Scham entfachte wohl auch ihre glühende Leidenschaft für den Anführer der nationalistischen Bewegung Puerto Ricos, Don Pedro Albizu Campos, und besiegelte im Jahr 1954 ihr Martyrium, als sie mit einer Waffe und einer Nationalflagge in der Tasche die Stufen zum US-Kapitol hinaufstürmte. Für ihren Versuch, die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika zu stürzen, saß sie siebenundzwanzig Jahre lang im Gefängnis.

Ich vermute, dass die Geschichte meiner eigenen Scham und vielleicht auch der meiner Mutter mit jenem Tag begann, an dem meine Großmutter die Insel verließ. Meine Mutter verbrachte die ersten vierzehn Jahre ihres Lebens bei verschiedenen Onkeln. Sie zog mit ihrer Großmutter mehrmals um. Diese half zunächst Schwiegertöchtern mit ihren Neugeborenen und war am Ende, als ihre Tuberkulose schlimmer wurde, selbst auf Hilfe angewiesen. Als ihre Großmutter schließlich in einem Hospiz in San Juan lag, blieb meine Mutter bei einem der Onkel. Die Scham meiner Mutter kann ich nur erahnen, anhand der Geheimnisse, die man mir verriet: Männer aus Lares, zum Teil vom selben Blut wie sie, die ihre tastenden Hände unter ihr Kleid schoben, dicke Finger, die an ihrem Schenkel auf und ab glitten, während meine Mutter das ganze Schauspiel so distanziert verfolgte, als wäre es gar nicht sie, der all dies geschah. Und dann ist da der Onkel, bei dem sie wohnte, als ihre Großmutter ins Hospiz ging. Er betastet ihre Brüste, er, der Onkel, den sie liebt, umfasst ihre Brüste mit seinen Händen, in scheinbar väterlicher Zuneigung. Sie lächelt, lacht in derselben wissenden Unschuld, die sie darbot wie eine Maske und die jeder, der sie kennenlernt, ausnutzen wird, um sich an sie heranzumachen. Und nicht einmal wenn sie diesem einen Mann und den anderen ins Gesicht schaut, wird ihre Scham sichtbar, denn mit ihrem in Jahren des Waisendaseins geschärften Instinkt weiß sie genau, was sie zu tun hat, um zwischen den Vettern und Cousinen nicht zu stören, die, im Gegensatz zu ihr, zu der Familie gehören, in der sie leben.

Zwischen dem Onkel, der sie vergewaltigte, dem reichen Vater, den sie nie kennenlernte, der Mutter, die sie verlassen hatte, und der Stadt, die nur zusah, war sie das Geschenk, das bereitet wurde, noch bevor sie es begreifen konnte, das fast klischeehafte Opfer des Kolonialismus. Sie war die Opfergabe.

Aber sie war zu schnell, als dass die Dinge sie hätten beeinträchtigen können. Mein Vater schilderte häufig, wie forsch sie sich bewegt hatte, als er sie das erste Mal aus einem Bus steigen und einen Abhang hinuntergehen sah. Ihr Gang verriet eine kühne Aufgeschlossenheit, sie wirkte unbekümmert und auf eine Weise einladend, dass die Männer die Augen zusammenkniffen und die Herzen der Frauen weich wurden und alle sie in den Arm nehmen und beschützen wollten.

Meine Mutter heiratete meinen Vater, als sie kaum fünfzehn war, und kam gleichsam als sechstes Kind in den Haushalt Vilar. Die beiden Schwestern meines Vaters, obwohl nicht viel jünger als meine Mutter, blickten zu ihr auf. Seine Mutter, abuela Irene, nahm das magere, unterernährte Mädchen rasch als eigenes Kind auf, während sich der Vater meines Vaters für sie verantwortlich fühlte, war sie doch die Tochter einer Heldin. Großvater José Maria war ein Anhänger des Nationalistenführers Don Pedro Albizu Campos und hatte in dem Büro über der Kirche, der er vorstand, einmal mit ihm Kognak getrunken.

Die Familie Vilar bemerkte bald, dass meine Mutter sich gern unterwürfig gebärdete. Sie staunten über ihre Großzügigkeit und darüber, dass dieses Mädchen ihre Bedürfnisse erahnte, ehe sie ihnen selbst bewusst wurden. Teller wurden gespült, auch wenn sie gar nicht benutzt worden waren. Wenn ihr die Arbeit ausging, räumte sie die Küchenschränke aus, wusch alles, was ihr dabei in die Hände fiel, ab und polierte es blank. Deshalb schätzte sie jeder im Haus, und wenn mein Vater etwas sagte oder tat, was sie verstimmte oder ihr den Appetit verdarb, wurde er gescholten. Die Dienstbeflissenheit meiner Mutter glich einem Netz, das nicht nur sie mit den Jahren immer weiter einschnürte, sondern auch jene, denen sie zu Diensten war.

Ich beobachtete oft, wie gefällig sich meine Mutter in den Häusern bewegte, in denen wir zu Gast waren, und wie dankbar und demütig die Gastgeber sie aufnahmen. Bis heute kann ich dem Drang nicht widerstehen, mich in fremden Küchen nützlich zu machen und Geschirr zu spülen.

 

Es gibt nur ein einziges Foto meiner Mutter, auf dem ich deutlich ihre Augen erkennen kann. Sie sitzt auf einer niedrigen Betonmauer, die Hände im Schoß zusammengefaltet. Zwei lange Zöpfe fallen ihr über die Brust und ringeln sich in der Falte zwischen ihren Brüsten und ihrem Hochschwangerenbauch. In dem ich mich befinde.

Zwischen diesem Bild und ihrem Tod liegen acht Jahre.

An jenem letzten Abend bei der Hochzeit meines Bruders wollte ich meine Mutter daran erinnern, dass die Frau mit den roten Schuhen ihre eigene geliebte Cousine Teresa war. Doch wenn meine Mutter mit sich selbst redete, war sie nicht ansprechbar. Diese Augenblicke zählten zu den wenigen, in denen sie gelegentlich vergaß, wie lieb sie einen hatte. Sie war stets voller Hingabe, immer mit dem Gedanken beschäftigt, was sie tun könnte, um geliebt zu werden. Mit der Zeit hatte ich gelernt, in den Momenten, in denen es ihr schlecht ging, schweigend an ihrer Seite zu sein und mich mit irgendwelchen Dingen zu beschäftigen, während ich darauf wartete, dass sich die dunklen Wolken wieder verzogen. Dieses Mal aber sollten die Wolken nicht mehr verschwinden.

In der einen Stunde zwischen dem Augenblick, da ich merkte, dass meine Mutter tot war, und der Ankunft meines Vaters im Haus meines Onkels schloss ich mich in einem Zimmer ein, lief dort hin und her, rannte gegen die Möbel und probierte alle möglichen Verstecke aus. Ich kroch in einen Schrank und zog die hängende Garderobe über mir zu, bis ich nur noch ein Haufen Kleider war. Zusammengekrümmt drückte ich mich unter einem Bett gegen die Wand und weinte, das Gesicht in einer Ecke verborgen, jämmerlich. Dann hockte ich mich hinter einen Schreibtisch, meine Tränen waren versiegt, aber ich schlug mehrmals den Kopf gegen das Holz. Irgendwann bekam ich Angst, ich musste das Zimmer verlassen, um nach meiner Tante Ausschau zu halten. Als mein Vater schließlich kam, nahm er mich auf den Schoß, und noch bevor er den Mund aufmachen konnte, erklärte ich ihm, ich wüsste bereits, dass Mama gestorben sei. Dann sagte ich zu ihm, er solle sich keine Sorgen machen, alles werde gut. Ich könne Reis kochen, jeden Tag, gleich morgen würde ich damit beginnen. Ich war ein stoisches kleines Mädchen, das seinen Vater tröstete und seine Tante daran erinnerte, dass sie schwarze Kleidung für die Beerdigung benötigte.

Alle entschieden sich dafür zu glauben, dass meine Mutter im Schlaf aus dem Auto gefallen war, weil sich plötzlich die Tür geöffnet hatte. Sie müssen die Wahrheit geahnt haben, schließlich hatten sie die Hingabe meiner Mutter weidlich genossen und die Folgen gefürchtet, den Preis, den sie würde zahlen müssen, wenn ihr klar wurde, dass niemand auf der ganzen Welt diese Aufopferung mit Gleichem würde vergelten können. Dieser Verdacht sorgte wohl zusammen mit einem Gefühl von Komplizenschaft dafür, dass sich in meiner Familie Schweigen ausbreitete und man sich immer weiter voneinander entfernte.

 

An dem Tag, an dem sie beschloss, sich mit einem Sprung aus unserem Leben zu verabschieden, verließ meine Mutter ein achtjähriges Mädchen und einen vierzigjährigen Ehemann, der Angst vor Fragen hatte. Zurück blieben außerdem meine drei Brüder Miguel, fünfzehn, Cheo, neunzehn, und Fonso, zwanzig. Erst kürzlich habe ich überhaupt einmal darüber nachgedacht, was der Tod meiner Mutter für sie bedeutet haben mag. Was mich selbst betraf, so fragte mich niemand in der ganzen Familie jemals, wie es mir ging. Keiner sprach über das, was geschehen war. An dem Abend, als meine Mutter starb, fuhren mein Vater und ich schweigend zum Krankenhaus, und wir schweigen bis zum heutigen Tag über ihren Tod. Tage später saßen wir in einem Raum des Gerichtsgebäudes und wurden befragt. Wir sahen uns gegenseitig in die Augen, um einander etwas Trost zu spenden, und das war's. Vater war kein Mensch, der auf Antworten aus war, und gerade das machte seinen Charme aus. Dieses unbekümmerte Entrücktsein wurde besonders deutlich, wenn er auf die Tanzfläche ging und sich den Kopf freitanzte. Immer wieder beeindruckte er mit Cumbia, Salsa und Merengue, und er tanzte in der Küche weiter, sodass wir alle unsere Ängste vergaßen. Was auch immer er gerade tat, er summte, sang oder scherzte und sagte jedem, der mit Problemen zu ihm kam, er solle erst einmal etwas Gutes essen und einen Schluck trinken, dann werde man schon sehen. Ich erinnere mich, dass er in meiner Kindheit ständig jemandem einen randvollen Teller Reis mit Bohnen oder ein Gläschen Rum vorsetzte.

Wir riskierten nie, Fragen zu stellen. Das war Sache der Polizei. Unsere Aufgabe bestand darin, weiterzuleben, ohne noch mehr Leichen auf unserem Weg zu hinterlassen.

 

Etwa ein Jahr lang lebten wir allein zu Hause, mein Vater, Miguel, Fonsito und ich. Cheo wohnte in San Juan zusammen mit seiner frisch angetrauten Frau, die sich um seinen neunzehn Jahre alten zerstörten Körper kümmerte. Nach einem Unfall ein Jahr vor seiner Heirat konnte er nicht mehr laufen, er war von der Hüfte abwärts gelähmt, Blase, Harnröhre und Prostata waren kaputt. Wir besuchten ihn jedes Wochenende auf dem Weg zu Großmutter Irene. Dann hielt mein Vater immer erst bei einem Buchmacher in einem Winkel des Wohnkomplexes und schloss für seinen Sohn Pferdewetten ab. In Cheos kleiner Wohnung spielte ich mit der Frau meines Bruders Karten, während mein Vater mit seinen kräftigen Armen meinen Bruder zur Badewanne trug und ihn badete.

Durch die Abwesenheit meiner Mutter änderte sich wenig bei uns zu Hause, bloß, dass sie eben nicht mehr da war. Häufig streifte ich mit dem betäubenden, beinahe zwanghaften Wunsch durch die stillen Räume, irgendetwas zu tun: bei den Vettern und Cousinen übernachten, Seemuscheln suchen, Glanzleistungen in der Schule vollbringen, Comic-Hefte sammeln, Weihnachtslieder auswendig lernen, Flamenco tanzen, masturbieren, alles, was mich davon abhielt, etwas zu fühlen.

Ich beschäftigte mich, indem ich Krebse fing und Lieder auswendig lernte, die ich meinem Vater vor dem Schlafengehen vorsingen wollte. Ich sortierte die Wäsche für ihn, wenn er unsere Sachen wusch, und hielt die Flasche mit der Stärke, während er meine Schuluniformen bügelte. Ich saß im Flur und schluchzte, wenn er zwischen meinem Zimmer und dem Bad den Durchfall vom Boden aufwischte, während er mir unablässig versicherte, ich sei sein kleines Mädchen, und sein Lieblingslied von einem alten Pferd summte, das schneller laufen konnte als sein Junges. Ich hatte ständig Durchfall, bis ich mit elf meine Periode bekam. Ich weiß das noch, weil ich, nachdem ich den Badezimmerboden im Internat beschmutzt hatte, zur Toilette lief und dort entdeckte, dass meine Unterhose rot gefärbt war. Danach kann ich mich an keine Missgeschicke mehr erinnern.

Ich sehe meinen Vater vor mir, wie er in der Küche seines kleinen Restaurants am Strand einen Tintenfisch klopft. Das Restaurant war sein Hobby, er führte es nach der Arbeit und an den Wochenenden. Wahrscheinlich schützte er sich mit dem Lokal auch vor der unersättlichen, bedürftigen Liebe meiner Mutter. An Samstagen nahm er mich oft dorthin mit und ließ mich die Muschelschalen ausspülen, nachdem er das Fleisch herausgelöst hatte. Ich tauchte sie in einen Eimer mit Wasser und schrubbte dann die haarigen Algen und harten Seepocken ab. Jedes Mal suchte ich mir eine aus und nahm sie mit nach Hause, geriet aber immer an den Rand der Verzweiflung, wenn ich herauszufinden versuchte, mit welcher sich das Meeresrauschen am besten hören ließ. Sie klangen alle unterschiedlich und doch gleich, und häufig ließ ich, den Tränen nahe, meinen Vater entscheiden.

In gewisser Weise fühlte ich mich bei meinem Vater stets sicher und bei meiner Mutter in Gefahr. Ihre Liebe zu mir war genauso leidenschaftlich und hingebungsvoll wie die zu meinem Vater, offenbarte sich aber in Wellen und veränderte sich mit Zeiten quälenden Schweigens und der Vernachlässigung. Den einen Abend verteidigte sie mich auf der Treppe unseres Hauses unter Einsatz ihrer Zähne und Fingernägel gegen einen Dieb, bis der Kerl blutend davonlief, am nächsten ließ sie mich allein, ging mitten in der Nacht zu den Zuckerrohrfeldern oder suchte meinen Vater.

Sie konnte sonderbar und unberechenbar sein. Zu meinem siebten Geburtstag versprach sie mir, einen Kuchen zu backen, den ich mit in die Schule nehmen sollte. Es war ihre eigene Idee. Sie informierte den Lehrer, und ich beobachtete, wie sie sich lange über diesen Kuchen unterhielten. Als ich am Morgen meines Geburtstags ins Auto stieg, fragte ich, ob sie den Kuchen in den Kofferraum gestellt hätte. Es gebe keinen Kuchen, erwiderte sie. Ich weinte während der ganzen Fahrt zur Schule. Als wir dort ankamen, öffnete sie den Kofferraum und holte einen riesigen Schokoladenkuchen heraus. Er bestand aus drei Schichten und war mit einem kleinen Brunnen in der Mitte verziert, in dem ein Goldfisch schwamm. Dann nahm sie mein Gesicht in die Hände und fragte mich: »Wie konntest du nur glauben, ich würde nicht den besten Kuchen der Welt für dich backen?«

Es ist wohl überflüssig zu sagen, dass ich jeden Tag, wenn mein Vater nach Hause kam, Zuflucht in seinen sicheren Armen suchte, als bangte ich um mein Leben. Und doch wollte ich nur, dass meine Mutter glücklich war. Man sollte meinen, als sie starb, hätte ich mich elend gefühlt wie niemand sonst auf dieser Erde. Aber ich erinnere mich nicht, irgendetwas dieser Art empfunden zu haben.

 

 

 

 

Mein Vater stellte mir Blanquita als gute Freundin vor, die seiner Tochter einen schönen Geburtstag ausrichten wolle. Sie zog an Weihnachten zu uns, neun Monate nach dem Tod meiner Mutter. Unmittelbar darauf machte sie sich daran, das gesamte Haus neu einzurichten, vor allem das Schlafzimmer meiner Eltern. Ich weiß noch, dass ich ihr auf Schritt und Tritt folgte, fast verliebt und voller Sehnsucht, von ihr beachtet zu werden. Ich bewunderte ihr blondes, zu einem perfekten Knoten geschlungenes Haar und ihre kleinen Ohren, die eng an dem feingeschnittenen Kopf anlagen. Sie sprach häufig von ihren drei Töchtern, die sie bei der Scheidung dem reichen Vater hatte überlassen müssen. Sie durfte sie nicht sehen. Als sie mir Fotos von ihnen zeigte, war ich eifersüchtig, ich erinnere mich noch gut daran. Ich wollte die Tochter meiner Stiefmutter sein, und mit diesen verblassten Fotos erinnerte sie mich daran, dass ich das nicht war.

 

Seit dem Tod meiner Mutter übernachtete mein Bruder Miguel häufig bei Schulfreunden in der Stadt. Wenn er nach Hause kam, brachte er immer Kumpels mit und hatte keine Zeit mehr, mich auf der Schaukel anzuschubsen, mit mir auf Bäume zu klettern oder mir beim Singen zuzuhören. Einmal, als er allein im Palmenhain saß, fragte ich ihn, ob er mit mir auf dem Bett herumspringen wolle. Er sagte, Blanquita möge es nicht, wenn er sich im Haupthaus aufhalte. Ein anderes Mal kam er zum Haus, weil er sich aus seinem Studio ausgesperrt hatte, das an die Garage angebaut war. Ich rannte auf ihn zu, doch noch ehe ich bei ihm war, bat ihn Blanquita, draußen auf der Veranda zu warten. Seine Schuhe seien voller Dreck, sagte sie. Ich sah, wie er uns anblickte – ihr Arm lag auf meinen Schultern -, und schämte mich.

Dann verschwand er. Ich bekam mit, wie Blanquita zu meinem Vater sagte, sie hoffe, er bleibe für immer weg. Er nehme Drogen. Mein Vater entgegnete, er werde zurückkommen. Er war schon oft weggelaufen, allerdings noch nie für so lange Zeit, und jedes Mal hatte er etwas aus dem Haus, von einem Verwandten oder Freund gestohlen. Blanquita fand, es sei gefährlich für mich, mich mit ihm abzugeben. Jeden Tag nach der Schule ging ich in sein Zimmer und betrachtete seine Sachen. Ich vermisste ihn. Ich setzte mich auf den Badezimmerboden, sog den Geruch der halbgerauchten Joints und winzigen Kippen ein, die in einem gläsernen Coca-Cola-Aschenbecher neben der Badewanne lagen. Ich sang die Weihnachtslieder aus dem Büchlein, das er mir geschenkt hatte. Zwischen den Liedern stopfte ich mir Klopapier in den Mund, eine Angewohnheit, die ich beibehielt, bis ich ein paar Monate vor meinem zehnten Geburtstag aufs Internat kam.

Ich bat meinen Vater, bei Onkel José und Tante Betsy wohnen zu dürfen. Sie zogen mit meinen drei Cousins und Cousinen in eine Schule in den schneereichen Wäldern von New Hampshire, wo Rehkitze im Garten ein Nickerchen hielten und sich streicheln ließen. Mein Onkel sollte dort Griechisch und Latein unterrichten und dafür vom Schulgeld für seine Kinder befreit werden sowie freie Kost und Logis erhalten. Der Direktor der Schule, Mr Boynton, war Anfang der fünfziger Jahre an einer Privatschule der Episkopalkirche in San Juan Lehrer meines Onkels und meines Vaters gewesen.

An dem Morgen, an dem ich zum Flughafen aufbrach, fanden wir Miguel schlafend auf dem Boden der Garage. Vom Rücksitz des Wagens aus sah ich, wie er beim Geräusch des Motors aufwachte. Mein Vater wandte den Blick von meinem Bruder ab, als er aus der Garage fuhr. Blanquita war in Sorge, ich könnte mein Flugzeug verpassen. Ich kurbelte das Fenster herunter und rief den Namen meines Bruders. Da hielt mein Vater an und stieg aus. Ich sah, wie er Geld aus der Hosentasche zog und es meinem Bruder in die Hand drückte. Miguel starrte erst die Scheine an, dann blickte er auf und zu mir herüber. Er sah nicht aus wie mein Bruder.

 

In den Wäldern von New Hampshire wandte ich mich der Religion zu. Ich wollte eine Heilige sein, eine geschickte Tarnung für meine Sehnsucht nach meiner Mutter, meinem Vater, meiner Familie. Mit der Bibel in der Hand streifte ich durch die Landschaft. In den Ahornwäldern war ein Gott zu Hause, gegen den die Abwesenheit meiner Mutter, im Leben wie im Tod, und die Unnahbarkeit meines Vaters nicht mehr Bedeutung hatten als das Fällen eines Baumes für den Holzofen der Schule.

In den zwei Jahren, in denen ich das Internat besuchte, fuhr ich viermal nach Hause. Nichts und doch alles hatte sich verändert. Während ich meine ungestellten Fragen von Raum zu Raum schleppte, begleiteten mich die Traurigkeit und das Lachen meiner Mutter. Manchmal überkam mich der Impuls, meinen Vater nach den Dingen zu fragen, die mich beunruhigten. Ich beobachtete ihn und wartete auf den passenden Augenblick, aber der kam nie. Er war wie ein wichtiger und liebevoller Fremder, der keine Zeit erübrigen konnte. Und ich, ich hatte keine Worte für meine Fragen. Ich wanderte durch das Haus, wenn niemand da war, und warf einen Blick in die Zimmer, die von Blanquita neu ausgestattet worden waren. Nur ein Wandgemälde im Zimmer meines Vaters, das mein Bruder Cheo gemalt hatte, ein Regenbogen, der sich über die Namen meiner Eltern spannte, wies den Weg zurück.

 

Miguel war nie da, wenn ich nach Hause kam, zweimal befand er sich in Resozialisation, die anderen beiden Male saß er wegen Drogenbesitz im Gefängnis. Sonntags traf sich die ganze Familie bei meiner Großmutter Irene, und dann wurde aufgezählt, was ihnen mein Bruder alles geklaut hatte, Videorecorder, Fernsehgeräte, Kameras, Scheckhefte, Telefone, Bücher, einem Onkel fehlte eine Salvat-Enzyklopädie, dem anderen eine Encyclopedia Britannica. Auch aus den Kirchen, denen mein Onkel als Bischof vorstand, waren viele Gegenstände verschwunden. Kreuze, Kommunionpatenen, silberne Altarleuchter, Zingulums, der mit Blattgold versehene Rundfuß eines Taufbeckens und Predigtstolen. Meine Großmutter pflegte dann das Thema zu wechseln und ihre Kinder wegen solcher Gespräche zu tadeln: Ihr Enkel sei krank. Ich war stolz auf meinen Bruder, weil er nur Verwandte und Freunde beklaute, niemals aber Fremde.

Im Sommer vor meinem zwölften Geburtstag verlor mein ältester Bruder Fonso wegen seiner Drogenabhängigkeit seine Arbeit, seine Frau und seine beiden Kinder. Alle in der Familie waren fassungslos. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren hatte er charakterlich sehr gefestigt gewirkt. Im Juli 1981 saßen zwei meiner Brüder wegen Drogenbesitz im Gefängnis. Und Onkel José zog mit seiner Familie nach Baltimore, kehrte also nicht nach New Hampshire zurück. Ich fühlte mich daheim wie gestrandet und verließ nur selten mein Zimmer. Mittlerweile machte es mir Angst, dass Blanquita, außer sich, weil meinem Vater die Beziehung nicht mehr wichtig zu sein schien, mir nicht von der Seite wich. Sie sagte, ich sollte ihn bitten, sie zu heiraten, und erzählte mir von seinen anderen Frauen. Allerdings wusste sie, dass sie ihm nichts bedeuteten.

Ich wollte weg, wollte wieder in die Boynton-Schule oder bei meinen anderen Tanten, Vettern und Cousinen in San Juan wohnen. Als uns Anfang August der spanische Onkel meines Vaters mit seiner Familie besuchen kam, witterte ich meine Chance. Genauso wie Blanquita. Sie bot an, mit uns in Spanien Ferien zu machen. Einmal dort, bat ich, bleiben zu dürfen. Sie schrieb mich in einem katholischen Internat ein, ein paar Fahrtstunden von der Kleinstadt entfernt, in der meine Verwandten lebten.

 

Mit zwölf Jahren sitze ich einsam in einer spanischen Klosterschule für Mädchen auf dem Rand meines Bettes. Dabei fällt mein Blick auf ein schmales Buch, das auf dem Nachttisch meiner Zimmergenossin liegt. Auf dem Einband ein Mädchen in meinem Alter. In der Hoffnung, es sei ein Liebesroman, schlage ich es auf. Ich lese Tagebucheintrag um Tagebucheintrag und warte darauf, dass die Geschichte endlich anfängt, doch es gibt keinen Anfang, nur ein Ende, das Ende der sympathischen Protagonistin und ihrer gesamten Familie. Das Tagebuch der Anne Frank hinterließ Spuren in mir, eigentlich eher eine Narbe, mit der ich fertigzuwerden versuchte, indem ich selbst Tagebuch schrieb. Damit begann eine endlose Reihe vergeblicher Versuche, einen Zeitplan einzuhalten, den niemand anderes mir vorgab als ich selbst.

Die Narbe auf meiner Seele hatte wenig mit den Schrecken des Holocaust zu tun, von denen ich keine Vorstellung hatte, sondern eher mit dem Mädchen, das jeden Morgen in einer Dachkammer aufwacht, vor sich die Aufgabe, untertänigst um Erlaubnis zu bitten, in einem Mauseloch existieren zu dürfen. Nicht Hitler muss sie darum bitten, sondern die Gleichaltrigen, die den Dachboden mit ihr teilen. So sah mein Leben seit dem Tod meiner Mutter aus. Überall war ich nur Gast, fühlte mich nirgends willkommen, wachte immer wieder in einem anderen Zuhause auf, bei Tanten, Vettern und Cousinen, Freunden der Familie, und entlastete auf diese Weise meinen Vater. Ich musste meinen großzügigen Gastgebern mit strahlendem Lächeln entgegentreten und um die Erlaubnis bitten, ein wenig Platz auf der Welt in Anspruch nehmen zu dürfen. Jeden Morgen wachte ich mit dem Gedanken auf, was wohl die anderen über mich dachten oder welche Gefühle sie mir gegenüber hegten. War ich ihnen im Weg? Meinen nicht enden wollenden inneren Monolog, dieses ständige Interpretieren von Gedanken und Handlungen anderer, fand ich bei Anne Frank wieder.

 

Eineinhalb Jahre später flog ich zur Hochzeit meines Vaters wieder nach Puerto Rico und zog bei den frisch Vermählten ein. Nach fast vier Jahren auf Internaten in den Vereinigten Staaten und Spanien machte ich mit dreizehn die Aufnahmeprüfung für eine Highschool und wurde in die neunte Klasse aufgenommen. Myrna, die Frau meines Vaters, war in der Oberstufe und im dritten Monat schwanger. Er hatte sie in einem Café in der Nähe ihrer Schule gegenüber von seinem Büro kennengelernt. Sie hatte nicht nur denselben Namen wie meine Mutter, sondern auch dasselbe Sternzeichen. In den ersten Tagen nach der Hochzeit saß ich auf einem Hocker an der Küchentheke und sah ihr beim Kochen zu. Ich wusste nicht, ob ich Blanquita vermisste, aber ich fühlte mich unwohl, weil wir jeden Kontakt verloren hatten. Wenn ich, was selten vorkam, meinen Vater nach ihr fragte, bekam ich zur Antwort, er wisse nicht, wo sie wohne. Er habe gehört, sie sei zu einem anderen Mann gezogen. Dabei beschlich mich ein genauso flaues Gefühl wie bei dem Gedanken an die drei Jahre Altersunterschied zu meiner neuen Stiefmutter. Ich folgte ihren Schritten in der Küche mit wachsendem Zorn. Sie war schüchtern und unbeholfen, und kochen konnte sie auch nicht. Ich weigerte mich, die von ihr zubereiteten Speisen zu essen. Eines frühen Morgens fand ich sie weinend in der Küche. Mein Vater war nicht nach Hause gekommen. Doch schon bald wichen ihre Tränen einer Trauer und Bedürftigkeit, wie ich sie von meiner Mutter kannte. Von da an wandte ich mich ihr zu. Als mein Vater trotz ihrer Schwangerschaft weiterhin lange ausblieb, wurde sie wütend.

Als im Februar 1983 meine Schwester Diana zur Welt kam, war meine Stiefmutter die unglücklichste Frau, die ich jemals erlebt hatte. Nach ihrer Rückkehr aus dem Krankenhaus hielt ich Diana die ganze Nacht im Arm. Sie hatte Koliken, und meine Stiefmutter konnte wegen ihres Kaiserschnitts nicht auf und ab gehen, ohne sich vor Schmerzen zu krümmen. In ihrem ersten Lebensjahr rettete ich meine kleine Schwester oft vor der Traurigkeit ihrer Mutter. Ein paarmal sorgte ich dafür, dass sie nicht in der Nähe war, wenn meine Eltern stritten. Vater, der von seinen gewohnten Spielchen mit anderen Frauen nicht lassen konnte, kam weiterhin spät nach Hause, und meine Stiefmutter weinte. Eines Tages erhob sie die Hand gegen ihn, und ich fing das Baby auf. Wenn sie vor Eifersucht und Zorn zu toben begann, erinnerte sie mich mehr denn je an meine Mutter.

Fünfzehn Monate später kam eine weitere Tochter zur Welt, Merilde. Myrna war jetzt achtzehn und mit zwei Babys völlig überfordert. Jeden Morgen, wenn ich zur Schule ging, machte ich mir Sorgen um die Kleinen. Wenn ich zurückkam, kümmerte ich mich um sie, während meine Stiefmutter abends für ihren Schulabschluss lernte. Manchmal erschien sie mir glücklich. Wenn mein Vater da war, verwöhnte er sie und war lieb zu ihr. Aber genau wie einst meiner Mutter gab er ihr in der einen Minute das Gefühl, gebraucht zu werden und ihm wichtig zu sein, und zog ihr in der nächsten irgendetwas vor, Domino, Pferderennen, eine andere Frau, ein Baseballspiel, die Zeitung.

Mit der Zeit kamen mein Bruder Cheo, der inzwischen für meinen Vater arbeitete, und ich uns näher. Nach mehreren Operationen konnte er wieder ohne Katheter an Oberschenkel und Hüfte gehen. Oft holte er mich mit dem Auto von der Schule ab. Und wenn ich nach Miguel und Fonso fragte, lenkte er mich gern mit Geschichten von unserer Mutter ab, an die ich mich nicht erinnern konnte, weil ich zu jung war. Eines Tages war er ungewöhnlich schweigsam. Er bat mich, das Handschuhfach zu öffnen und mir ein rosafarbenes Papierstück anzusehen. Als ich daraus nicht schlau wurde, erklärte er mir, er habe Blasenkrebs und bereits im ganzen Körper Metastasen. Den Rest des Heimwegs weinte ich in seinem Schoß.

Während all das um mich herum geschah, entdeckte ich meine heldenmütige Großmutter für mich und machte sie zum Gegenstand meiner Liebe. Seitdem Präsident Carter sie begnadigt hatte und sie nach Puerto Rico zurückgekehrt war, besuchte ich sie oft, wenn ich auf der Insel war. Nach meiner endgültigen Rückkehr aus Spanien verbrachte ich viele Wochenenden bei ihr. Ich wollte Revolutionärin werden, meine Insel vom Kolonialismus »befreien« und Politikwissenschaft studieren. Wenn wir uns sahen, erinnerte sie mich stets daran, sie bei ihrem Namen zu nennen: Lolita. Und von meiner Mutter sprach sie stets als Tatita, nie von »meiner Tochter« oder »deiner Mutter«.

Einmal fragte ich sie, warum.

»Tatita gehört nur sich selbst. Nicht dir und nicht mir«, sagte sie, beide Zeigefinger zur Decke gerichtet.

Die schonungslose Missachtung meiner Gefühle, die meine Großmutter an den Tag legte, betrachtete ich als erhabene Aufrichtigkeit. Vielleicht zum Teil auch deshalb, weil es für mich wichtig war, dass sie genau das darstellte: Lolita, die Heldin.

 

Die ständige Drohung von Verlust war für mich der Normalzustand. Die dramatischen, tödlichen Machtkämpfe, die fast jeden in meiner Umgebung antrieben und im Falle meiner Mutter in einer Tragödie geendet hatten, zwängten mich in eine Ecke strengsten Gehorsams und Wohlverhaltens. Heute weiß ich, dass ich mit der Zeit lernte, jeden Konflikt – der Stoff, aus dem Wachstum und Entwicklung entstehen – als Bedrohung zu begreifen. Während dieser prägenden Entwicklungsjahre hatte ich außer meinen Onkeln und Tanten väterlicherseits keinerlei Vorbild, das mir gezeigt hätte, dass Machtkämpfe auch gut ausgehen können. Ich ging allen Konflikten aus dem Weg, rastlos, stets darauf bedacht, mein Pensum überzuerfüllen. So galt ich als das hingebungsvollste, stets gebende, gehorsamste kleine Mädchen, das je auf Erden wandelte. Ich war die Tochter meiner Mutter, obwohl mir versichert wurde, die Tochter meines Vaters zu sein. Während Vater kam und ging, wie Tag und Nacht kommen und gehen, vorhersehbar und regelmäßig, war meine Mutter zu mir gekommen wie herabfallende Sterne, durch eine glückliche Fügung, durch Zufall, reine Magie. So präsent sie gewesen war, so abwesend hatte sie sein können. Der ständige Wechsel zwischen tiefer Traurigkeit und manischer Liebe hatte mich stets im Alarmzustand gehalten. Noch Jahre später spürte ich beim Segeln auf dem Golfstrom ihre Gegenwart, wenn ich während der Nachtwachen am Steuer war. Zunächst glaubte ich, diese langen Stunden, in denen man die Gedanken schweifen lässt, seien prädestiniert dafür, die eigene Mutter heraufzubeschwören, doch inzwischen weiß ich es besser. Dort im Ruderstand war sie bei mir, weil ich allein und in Alarmbereitschaft war.

Irgendwann hörte ich auf, mich einsam zu fühlen. Ich verwandelte die Abwesenheit meiner Mutter in harmlose Unruhe, in die Sehnsucht nach einem Leben ohne Machtkämpfe, und schuf mir aus dieser Hoffnung und diesem Vergessen eine eigene Welt.

 

 

 

 

An dem Sommerabend des Jahres 1984, als ich meine Sachen für das College packte, saß meine kleine Schwester Diana in meinem Koffer und war nicht dazu zu bewegen, aufzustehen. Sie weinte, und schließlich hockte sie sich hin und pinkelte auf meine Klamotten. Im Schlaf hielt sie dann die Arme eng um meinen Hals geschlungen. Am nächsten Morgen riss sie die Wiege meiner jüngeren Schwester mit dem schlafenden Säugling darin zu Boden. Ich flog mit dem Gefühl nach New York, sie im Stich gelassen zu haben.

Ich war fünfzehn, und Verwandte und Freunde der Familie meinten, mein Vater entlasse mich zu schnell, zu früh in die Freiheit. In den Tagen, nachdem er mich im Wohnheim des Colleges abgeliefert hatte und nach Puerto Rico zurückgeflogen war, fühlte ich mich einsamer und hatte mehr Angst als je zuvor. Jeden Tag ging ich fast fünf Kilometer zu Fuß zu einer Englischlehrerin, die ich nicht verstand. Sie setzte mir perfekte, winzige Sandwichdreiecke mit Pfefferschinken und Eistee vor. Ich hörte ihr zu, wenn sie von einem Sohn erzählte, der in Vietnam gefallen war, und einem anderen, der auf Hawaii lebte ...

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