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Das letzte Zeichen unserer Liebe

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. Vorspann
  9. Der Gebetsbaum
  10. Die Existenz von Liebe
  11. Letzte Bestellungen
  12. In Schwierigkeiten
  13. Die ersten zehn Tage
  14. »Koma-Junge«
  15. Tauziehen
  16. Fahren ohne die Gebotene Vorsicht und Aufmerksamkeit
  17. Eine lange, wahre, traurige Geschichte
  18. Sollte so gross der Staub nur dafür werden?
  19. Die Klapsmühle
  20. Fille unique
  21. Kopf hoch, Kleine
  22. Snaith Hall
  23. Kläger
  24. Betreff: M (ein Minderjähriger)
  25. Der Tod kommt als das Ende
  26. Der lange Sarg
  27. Nach der Beerdigung
  28. Die letzte Zuflucht der Ziellosen
  29. Neues Leben
  30. Gründe, sich schuldig zu fühlen
  31. Asche zu Asche
  32. Fliegen lernen
  33. Die Kiste der Verzweiflung
  34. Verlängerte Störungen des Bewusstseins
  35. Eine unvollkommene Welt
  36. Sperrstunde
  37. Nachwort
  38. Danksagung

Über dieses Buch

Ein unachtsamer Autofahrer, Jugendliche, die übermütig über die Straße laufen, ein tragischer Unfall und die entsetzlichen Folgen für einen hoffnungsvollen 16-Jährigen und seine Familie. Denn Matty fällt ins Koma, nur Maschinen halten ihn am Leben. Nach Jahren gibt es keine Hoffnung mehr, und die Familie muss sich entscheiden, ob sie abgestellt werden sollen... Cathy Rentzenbrink erzählt mit großer emotionaler Wucht vom unersetzlichen Verlust ihres Bruders. Ihr Buch ist ein unvergessliches Denkmal der besondersten Beziehung, die wir haben: der zu unseren Geschwistern.

Über die Autorin

Cathy Rentzenbrink wurde in Cornwall geboren, wuchs in Yorkshire auf und lebt heute in London.

Cathy Rentzenbrink

Das letzte Zeichen
unserer Liebe

Aus dem Englischen von
Veronika Dünninger

Cathy Rentzenbrink

DAS LETZTE ZEICHEN UNSERER LIEBE

Für meine Herkunftsfamilie:
meine Eltern und meinen lieben Bruder, den ich verloren habe

Oh, we ain’t got a barrel of money
Maybe we’re ragged and funny
But we’ll travel along, singin’ our song side by side.

Harry Woods

Eine Gehirn-Notoperation ist ganz einfach – sie beinhaltet, Löcher in den Schädel zu bohren und Blut abfließen zu lassen – und liegt durchaus im Kompetenzbereich der meisten Assistenzärzte. Die Frage, ob man operieren soll, um zu versuchen, das Leben des Patienten zu retten, ist hingegen weitaus schwieriger.

Henry Marsh

DER GEBETSBAUM

Die Kapelle ist nicht so, wie ich sie in Erinnerung habe. All die Jahre habe ich mir einen schlichten holzverkleideten Raum vorgestellt, tief verborgen im Krankenhaus. Stattdessen strahlt Licht durch ein prächtiges Buntglasfenster auf einen Altar mit einem bestickten Tuch und großen Messingleuchtern. Es fühlt sich an wie in einer Kirche.

Ich frage die Seelsorgerin, ob alles noch genauso aussieht, wie es damals gewesen sein muss, als ich vor über zwanzig Jahren hier war.

»Wir haben einen neuen Teppich bekommen«, erzählt sie mir, »und rosa Bezüge für die Sitze. Obwohl vom Dach Ruß herunterweht … Deshalb bin ich immer mit einem kleinen Staubsauger hier zugange.«

Ein kleiner Baum steht auf einer Seite des Raums, mit einem blau-weißen Plüschelefanten, der an seinem Stamm lehnt, und farbigen Zetteln, die zwischen seine Blätter geklemmt sind.

»Das hier ist neuer«, sagt die Seelsorgerin. »Ein Gebetsbaum. Der wird nicht hier gewesen sein, als Sie da waren.«

Ich gehe zu ihm hinüber und nehme eines der Blätter zwischen Daumen und Zeigefinger. Plastik, aber täuschend echt aus der Ferne. Ich lese die Botschaften, die auf die Zettel geschrieben sind. Das muss es den Atheisten erleichtern, nehme ich an. Weitaus leichter, als Atheist in extremis etwas aufzuschreiben und es an einem Baum zu befestigen, als sich vor einen Altar zu knien und zu überlegen, wie man eine Gottheit, an die man nicht glaubt, dazu bringen könnte, auf das zu hören, was man zu sagen hat. Manche der Botschaften sind an Gott gerichtet, manche an die Lebenden, manche an die Toten. Es gibt eine Reihe verschiedener Handschriften, unterschiedliche Niveaus von Grammatik und Rechtschreibung. Es sind die mit der schlechten Zeichensetzung, die ich am ergreifendsten finde: Ich stelle mir vor, dass sie am meisten Mühe erfordert haben. Manche sind in einer spindeldürren, altmodischen Handschrift zu Papier gebracht worden, andere in kindlichen, runden Buchstaben.

Ich hoffe, das Baby ist gesund, wenn du es bekommst.

15 Jahre, und ich vermisse dich, als wäre es erst gestern gewesen.

Lieber Gott, danke fürs Zuhören.

Bitte betet für meinen kleinen Bruder. Hab dich ganz doll lieb, kleiner Kumpel.

Für meine allerliebste, zutiefst vermisste Tochter. Sie ist am 25.10.83 gestorben. Ich bin nie darüber hinweggekommen.

Betet für uns alle.

Ich halte inne, verloren in diesen Andeutungen und Echos der Geschichten anderer Leute, der Liebe anderer Leute, und dann frage ich mich, was ich wohl geschrieben hätte, wenn es diesen Baum damals gegeben hätte, als ich hier hereinstolperte, auf dem Weg von der Intensivstation zum Übernachtungszimmer für Angehörige. Ich weiß, was ich mir damals wünschte, aber wie hätte ich die Worte dafür gefunden? An wen hätte ich mein Flehen gerichtet?

Bitte lass meinen Bruder nicht sterben.

Lieber Gott, bitte lass meinen Bruder nicht sterben.

Bitte betet für meinen Bruder. Ich will nicht, dass er stirbt.

Stirb nicht, Matty, bitte stirb nicht.

Die Jahre stürzen in sich zusammen, und ich sehe mich selbst, kniend und weinend und flehend, die Hände zum Gebet gefaltet, während ich zu irgendeiner unbekannten Macht spreche.

Bitte lass ihn nicht sterben, bitte lass ihn nicht sterben, bitte, ich werde alles tun, nur bitte lass ihn nicht sterben.

Was mir jetzt auffällt, und zwar in einer Weise, wie es das bislang noch nie getan hat, ist, dass ich nicht behaupten kann, meine Gebete wären unerhört geblieben. Ich habe bekommen, worum ich bat. Mein Bruder starb nicht. Aber damals wusste ich nicht, dass ich um das Falsche betete. Damals wusste ich nicht, dass es eine Welt zwischen den Gewissheiten von Leben und Tod gibt, dass es nicht einfach das eine oder das andere sein muss und dass es viele verschiedene Schicksale gibt, die schlimmer sind als der Tod. Das ist es, was das Ich, das hier und jetzt neben dem Gebetsbaum steht, von dem jungen Mädchen trennt, das vor all den Jahren vor dem Altar kniete. Sie dachte, sie würde die schlimmste Nacht ihres Lebens durchleben, aber heute weiß ich, dass noch weitaus schlimmere kommen sollten. Was sie befürchtete, war, dass ihr Bruder sterben würde, aber heute weiß ich, dass es für alle besser gewesen wäre, wenn er es getan hätte. Es wäre für alle besser gewesen, wenn sein Herz, während sie hier kniete und um sein Leben flehte, aufgehört hätte zu schlagen, wenn sich die LED-Zacken auf den Monitoren in eine flache Linie verwandelt hätten, wenn der Tod verkündet, akzeptiert, verarbeitet worden wäre. Es wäre so viel besser gewesen, wenn Matty damals gestorben wäre.

Sie betete um das Falsche.

Ich betete um das Falsche.

DIE EXISTENZ VON LIEBE

Wir verbrachten einen langen, trägen Teenager-Sonntagnachmittag in der Garage hinter dem Pub unserer Familie. Es war vor der Zeit, wo ganztägig geöffnet wurde, daher war der Pub geschlossen, und es gab kein übliches Kommen und Gehen, keine Gäste, die auf ihrem fröhlichen Nachhauseweg anhielten, um zu plaudern, keine Musik, die aus der Jukebox zur Hintertür hinausdriftete. Es gab nur mich, meinen jüngeren Bruder Matty und unseren Hund. Pollys Abstammung war unbekannt, da sie als Welpe in einem Sack in den Fluss geworfen worden war, aber sie sah aus wie ein schwarzer Labrador, mit einem etwas lockigeren Fell. Sie wich nie weit von Mattys Seite, auch wenn sie angeleint werden musste, damit sich die Verlockung der Abfalleimer von dem chinesischen Take-away nebenan nicht als zu groß erwies. Ihre Liebe zu uns war niemals immun gegen die Versuchung von weggeworfenen Essensresten.

Die Garage war riesig, weit entfernt von der Einzelgarage, die wir in der Almond Tree Avenue gehabt hatten, der Straße ein Dorf weiter, wo wir gelebt hatten, bis wir ein Jahr zuvor in den Pub gezogen waren. In dieses Ungetüm hätten vier oder fünf Wagen gepasst, und es war eine Fundgrube an öligen Freuden. Die Vorbesitzer hatten sie nicht ausgeräumt, daher war sie vollgestopft mit seltsamen angebrochenen Farbdosen, die verschiedenfarbige Tropfspuren an den Seiten aufwiesen, mechanischen Teilen, alten Bierpumpen, Beleuchtungszubehör. Es sah aus, als ob alles, was im Pub je kaputtgegangen war, in diese Garage hineingestopft worden wäre, für den Fall, dass sich noch irgendein Verwendungszweck dafür finden ließe. Auch gab es eine Inspektionsgrube, ein großes Loch im Boden, das dazu gedacht war, dass Leute hineinstiegen, um sich einen Wagen von unten anzusehen. Matty hatte irgendeine Art wissenschaftliches Experiment am Laufen, das eine Schraubzwinge, Kupferdraht und Bremsflüssigkeit beinhaltete. Leere Gläser reihten sich ringsum auf den Regalen und dem Boden. Kürzlich hatte Matty einen Riesenärger mit Mum und Dad bekommen, weil er Öl in ein Pintglas gegossen hatte, das letztendlich im Geschirrspüler des Pubs gelandet war und ihn außer Betrieb gesetzt hatte, was an einem unserer geschäftigsten Abende für ziemliches Chaos gesorgt hatte. Selbst Carol, die Chef-Barfrau, die Matty anhimmelte, war nicht gerade begeistert gewesen.

»Er kommt immer davon, dieser Bursche«, hatte sie kopfschüttelnd gesagt.

An jenem Nachmittag diskutierten wir über das Wesen der Liebe. Oder vielmehr, Matty bastelte an zwei kaputten Motorrädern herum, schraubte Teile von einem ab, um sie in das andere einzubauen, und ich versuchte ihn dazu zu bewegen, mir recht zu geben, dass Liebe existiere.

»Das glaube ich nicht«, meinte er. »Sie ist eine Illusion. Ein Trick, damit die Leute sich fortpflanzen und sich dann um ihren Nachwuchs kümmern.«

»Aber ich weiß, dass Liebe existiert, weil ich sie fühle. Du etwa nicht?«

»Ich glaube, Liebe ist ein Schwindel. Es dreht sich alles nur um die Erhaltung der Art.«

»Na ja, ich liebe viele Leute.«

Matty schraubte einen Bolzen ab. »Wen liebst du denn?«

»Mum und Dad natürlich.« Ich rasselte eine lange Liste von Verwandten und Freunden herunter.

»Das sind aber eine Menge«, bemerkte Matty. »Und du liebst sie wirklich?«

»Ja, das tue ich. Und dich. Vielleicht liebe ich dich sogar am meisten von allen.«

Er grinste mich an, das Gesicht von Öl verschmiert. Er hatte einen beachtlichen Charme, mein gut aussehender Bruder: eine Tatsache, die ihm durchaus bewusst war.

»Aber ich könnte dich von der Liste streichen, wenn keine Chance besteht, dass du meine Liebe erwiderst.«

»Keine Sorge.« Er nahm sich einen Lappen und wischte sich die Hände ab. »Ich nehme an, wenn ich irgendjemanden liebe, dann dich. Reicht dir das?«

»Es genügt.«

Ein paar Wochen später, an einem anderen Sonntagnachmittag, gingen wir zum Flussufer hinunter, um das gerettete Motorrad auf dem Feldweg dort auszuprobieren. Matty hatte es geschafft, aus den beiden Wracks eine funktionierende Maschine zusammenzubasteln, und er strahlte vor Stolz und Freude, während er sie neben sich herschob. Von Zeit zu Zeit tätschelte er sie. Ich hielt Pollys Leine. Ich interessierte mich nicht besonders für das Motorrad, aber ich war gern bereit, mitzukommen; es war ein schöner Tag, Bilderbuchwolken an einem blauen Himmel.

Sobald wir von der Hauptstraße abbogen, ließ ich Polly von der Leine, und sie stürmte davon, um nach toten Dingen zu suchen, die sie anschleppen könnte. Ich stand da und sah zu, wie Matty auf dem Feldweg auf und ab fuhr. Er sah riesig aus, völlig außer Proportion. Mit sechzehn durfte er von Gesetzes wegen nur ein Fünfzig-Kubikzentimeter-Motorrad fahren, aber er war einen Meter fünfundneunzig groß, daher wirkte es zu klein für ihn. Mit siebzehn würde er auf hundertfünfundzwanzig Kubik umsteigen können, aber meine Eltern versuchten ihn zu überreden, sich stattdessen einen Wagen zuzulegen, da sie das für sicherer hielten.

Matty hielt neben mir an, und Kies spritzte durch die Luft.

»Es ist fantastisch. Willst du’s mal versuchen? Du kannst auf dem Gras fahren, falls du runterfällst.«

Es war eine Ehre, gefragt zu werden, auch wenn ich die Vorstellung hasste. Ich konnte nicht einmal besonders gut Fahrrad fahren. Aber ich wollte ihn beeindrucken, wollte, dass er stolz auf mich war, daher erklärte ich mich einverstanden.

Er gab mir seine Handschuhe, die viel zu groß für mich waren, und ich setzte mich rittlings auf das Motorrad, hörte mir seine ganzen Anweisungen an und drückte mir den Helm auf den Kopf. Er roch nach Öl und Schweiß und saß zu eng. Ich hatte einen Riesen-Wasserkopf, genau wie mein Dad, wie einer unserer Gäste kürzlich belustigt zu mir gesagt hatte.

Als ich losfuhr, verspürte ich einen kurzen Moment des Hochgefühls, einen Windstoß, eine freudige Erregung. Ich wollte es laut herausschreien: »Ich fahre Motorrad! Ich tue es wirklich!« Aber dann vergaß ich alles, was ich tun sollte. Ich wollte abbremsen, doch das Motorrad fuhr immer schneller und schneller, und ich wusste nicht, wie ich es anhalten sollte. Ich sah keinen anderen Ausweg, als mich von ihm zu trennen: Ich ließ mich seitlich hinunterfallen und purzelte ins Gras. Das Motorrad fuhr ohne mich weiter, schoss in die andere Richtung davon, bevor es umkippte, und ich lag auf dem Rücken, schnappte nach Luft und sah zu den flaumigen weißen Wolken hoch. Ich hatte nicht das Gefühl, dass mir irgendetwas wehtat. Dann tauchte Polly auf und begann an dem Visier zu schnuppern, versuchte mit der Schnauze hineinzugelangen, um an meinem Gesicht zu lecken. Matty kniete über mir.

»Geht es dir gut?«

»Alles okay.« Ich setzte mich auf, fühlte mich ein wenig benommen. Matty half mir, den Helm abzunehmen. Ich aalte mich in der Besorgnis auf seiner Miene.

»Und du liebst mich doch«, sagte ich zu ihm.

»Was?«

»Du bist zu mir gerannt anstatt zu deinem Motorrad. Das nenne ich Liebe.«

Er lachte. »Vielleicht hast du recht. Aber bild dir bloß nichts darauf ein.«

Wir sammelten das Motorrad ein, das keinen Schaden davongetragen hatte, und gingen nach Hause. Ein Bruder und eine Schwester mit einem Motorrad und einem Hund.

Zwei Wochen später verbrachte ich den Sonntagnachmittag neben Mattys bewusstlosem Körper auf der Intensivstation im Allgemeinkrankenhaus von Leeds. Ob er mich liebte oder nicht, war bedeutungslos geworden, aber die Tatsache, dass ich ihn liebte, vermutlich am meisten von allen, hieß, dass sich mein Leben für immer verändert hatte.

LETZTE BESTELLUNGEN

Meinen letzten normalen Tag als Teenager verbrachte ich mit meinem Kumpel Chris in Selby. Wir lagen unter den Bäumen im Gras, in dem kleinen Park nahe dem Busbahnhof, und hörten Lou Reed auf dem Kassettenrekorder, den Chris immer mit sich herumtrug. Als »Walk on the Wild Side« kam, fragte mich Chris, was »blasen« bedeutete, und ich fühlte mich ein wenig überlegen, weil ich es wusste und ihm erklären konnte. Dann summten wir beide zu den ersten Akkorden von »Perfect Day« mit. Ich blickte durch die Zweige und Blätter zu dem blauen Himmel hinauf und war mir sicher, dass das Leben bald noch viel aufregender werden würde.

Ich hatte die Worte falsch verstanden. Ich dachte, Lou Reed würde singen: »Du wirst es weit bringen, pass nur auf dich auf.« Ich dachte, er verspräche mir, dass große Dinge vor mir lagen, während ich gut auf mich achtgeben sollte.

Chris hatte mir angeboten, eine Wand meines Zimmers zu bemalen. Im Moment war es eine schlecht gestrichene Stümperei in Grün und Violett. Meine Eltern hatten gesagt: »Streich es, wie du willst«, als wir einzogen, und ich hatte mir Dosen mit salbei- und fliederfarbener Farbe im Baumarkt in Selby ausgesucht, aber nach dem ersten Anstrich das Interesse verloren. Ich hatte die Idee gehabt, dass meine Freunde Gedichte an die Wände schrieben, aber derjenige, der damit begann, hatte Wordsworth falsch zitiert, und es sah irgendwie erbärmlich aus.

»Für meine Zeit werde ich nichts berechnen«, sagte Chris, »aber die Farbe müsstest du besorgen. Wäre das okay?«

Ich war einverstanden. Was für ein herrlich erwachsenes Gespräch, dachte ich. Ich ließ mir die Worte durch den Kopf gehen: Ich habe einen Künstler-Freund, der mir ein Wandgemälde malen wird. Ich werde für die Farbe bezahlen.

Wir nahmen den Bus zurück nach Snaith, und ich ging durch das Dorf zum Pub hoch. Ich platzte noch immer vor Stolz darüber, dass meinen Eltern der Bell and Crown gehörte und dass ich dort wohnte, in einem Gebäude, das in den Kirchenbüchern von 1633 erwähnt wurde. Der Keller war original, und ich ging oft hinunter, um auf Stimmen zu lauschen und mir Zeitreise-Geschichten auszudenken, in denen Barmädchen aus verschiedenen Jahrhunderten mitspielten.

Wenn ich aufsperrte, setzte ich mich jedes Mal auf einen Barhocker und wartete, bis der erste Gast hereinkam.

»Sieh dich an, immer die Nase in ein Buch gesteckt«, sagten unsere Gäste dann. »Mit Bücherlesen wirst du keinen Ehemann kriegen.« Aber es gefiel ihnen, dass ich bei den Bücherfragen in Kreuzworträtseln und Quizsendungen mithalten konnte.

Und mir gefiel es, mit all den unterschiedlichen Menschen zu reden, die in den Pub kamen. »Dein Verstand ist so scharf, dass du dich irgendwann noch dran schneiden wirst«, bemerkten sie oft, und: »Was ist denn mit dir passiert, hast du ein Wörterbuch verschluckt?« Aber sie brachten mir alle möglichen Dinge bei, die ich nicht wusste, zum Beispiel, wie die Namen von Rennpferden gebildet wurden und wie man Domino um Geld spielte. Ich lernte, das Motto des Yorkshire-Mannes mit dem richtigen Akzent zu sagen: »Ear all, see all, say nowt. Eyt all, sup all, pay nowt; and if ivver tha’ does owt for nowt, allus do it for thissen.« – »Alles hören, alles sehen, nichts sagen. Alles essen, alles trinken, nichts bezahlen; und wenn du je irgendetwas umsonst tust, tu es immer für dich.« Und: »Fuck ’em all, bar thee and me, and fuck thee, that’s me.«

Matty war die Freude des Darts-Teams der Damen, die über ihn gurrten und kicherten: »Ooh, dieser Junge könnte mich glatt in Schwierigkeiten bringen.«

»Er ist ein eingebildeter Scheißkerl, oder nicht?«, sagte irgendein Mann über den Tresen hinweg zu mir.

»Mag sein«, erwiderte ich. »Aber ehrlich gesagt hat er einen guten Grund, eingebildet zu sein.«

Wir genossen beide die neue Autorität und Position, die wir innehatten, seit wir im Herbst zuvor hierhergezogen waren. In unserem alten Dorf waren wir immer die Außenseiter gewesen, ein bisschen sonderbar und nicht so leicht einzuordnen. Dad war Ire, mit Tattoos übersät, sang auf der Straße und ging viel in den Pub. Wer Dad mochte, nannte ihn einen ungeschliffenen Diamanten, aber nicht jeder mochte ihn. Mum war im Staatsdienst tätig, und kaum eine Frau in unserem Dorf ging im Kostüm zur Arbeit. Daher gaben die beiden ein besonders seltsames Paar ab. Matty und ich wiederum galten im Allgemeinen als schlauer, als gut für uns wäre. Doch jetzt, in unserem neuen Ort, schien uns unsere exzentrische Art zugutezukommen. Alle wollten uns kennenlernen.

Das Leben fühlte sich prima an. Für meinen Dad war es nicht immer leicht gewesen, als Ire in England zu leben, aber bis 1990 hatte sich das geändert, und die Leute mochten seinen Akzent, den Gesang und die Tatsache, dass man mit ihm einen Riesenspaß haben konnte. Sie nannten ihn Popeye oder Forearms wegen seiner stark tätowierten Arme. »Du weißt aber schon, dass sie Forearms’ Tochter ist, oder?«, sagte ein Mann zu einem anderen, der mich anbaggern wollte, über mich. Einige unserer Stammgäste machten sich einen Witz daraus, sich Kombinationen von Bestellungen einfallen zu lassen, die sich auf 3,33 Pfund belaufen würden, nur um Dad »tree-tirty-tree« sagen zu hören.

Ich badete und machte mich für meine Schicht hinter der Bar bereit. Dann schlüpfte ich in ein cremefarbenes Hemd und eine grüne Wildlederweste, die ich mir in einem Wohlfahrtsladen gekauft hatte; dazu trug ich eine orangefarbene Dreiviertelhose mit blau-weiß gestreiften Taschen. Ich band mir ein paar grün und violett verwobene Schleifen, die ich das erste Mal ein paar Wochen zuvor bei einem Gig von The Wonder Stuff getragen hatte, in meine hennaroten Haare, schlüpfte in meine Docs ohne Schnürsenkel und ging die Hintertreppe hinunter.

Es war ein üblicher Samstagabend: viel Betrieb, drei oder vier Reihen von Leuten an der Bar. Matty und ich hatten jeder unseren eigenen Bereich zu bedienen, und wir hatten den Dreh heraus, der weit über das Bierzapfen hinausging. Wir wollten den Leuten in unserem jeweiligen Bereich das Gefühl geben, dass wir wussten, was wir taten, und ihren Platz in der chaotischen Schlange kannten.

»Du als Nächstes«, sagten wir immer, »dann du, dann du.« Wir brüllten über den Lärm der Unterhaltungen und der Jukebox hinweg und wiesen unsere Gäste auf die Reihenfolge hin, damit sie die Ruhe bewahrten und nicht in einen der anderen Pubs im Dorf gehen würden, weil bei uns zu viel los war.

Es war harte Arbeit – viel Lauferei die steinerne Kellertreppe rauf und runter, um Fässer zu wechseln oder noch mehr Kästen mit Flaschenbier zu holen. Wir bedienten und bedienten, während wir stets die Zeiger der großen Uhr im Auge behielten, die sich langsam auf zehn vor elf schoben.

Wir rangelten immer darum, wer die große Messingglocke für die letzten Bestellungen läuten durfte, und an jenem Abend setzte sich Matty wie so oft dank seiner Größe und seiner langen Arme durch. Er hielt mich fest und drückte mich mit einem Arm an seine Seite, während er mit dem anderen die Glocke läutete und ich vergeblich versuchte, mich von ihm zu befreien. Nach dem letzten Ansturm, bei dem viele Leute doppelte Runden bestellten, rief Dad jedes Mal mit einem einmaligen Läuten der Glocke die Sperrstunde aus. Wir warfen weiße Geschirrtücher über alle Zapfhähne und verließen den Barbereich, um nicht dauernd Nein sagen zu müssen.

Nachdem wir mit unseren Aufgaben fertig waren, fuhr meine Mutter uns hinüber zum Rainbow, einem einstöckigen Snooker-Club auf Buschland, etwa eine Meile außerhalb des Dorfs, wo es jeden Freitag- und Samstagabend auch eine Disco gab.

»Viel Spaß, seid schön brav«, sagte sie, während wir aus dem Wagen stiegen.

Wir gingen an die Bar, und Matty gab uns Drinks aus. Er machte ein bezahltes Praktikum bei Fairclough Engineering im Kraftwerk Drax und schwamm in Geld. Sie zahlten ihm 120 Pfund die Woche, was ein Vermögen zu sein schien; außerdem wurde er, genau wie ich, für die Arbeit in unserem Pub bezahlt. Er bestellte ein Pint Lagerbier für sich selbst und eine Rote Hexe – Pernot, Cider und Schwarze Johannisbeere – für mich. Wir waren vor dem Gesetz minderjährig, aber das kümmerte niemanden. In unserer Gegend wurde allgemein akzeptiert, dass jeder über sechzehn in Pubs trinken konnte.

Ich wünschte, ich könnte mich an mehr erinnern – mit wem wir redeten, ob wir tanzten oder nicht. Die Musik, die mich auf die Tanzfläche gelockt hätte, wäre The Cure, Soft Cell, The Smiths, The Pogues gewesen. Wenn »Love Cats« oder »Tainted Love« lief, während wir dort waren, hätte ich wohl kaum widerstehen können. Vielleicht hätten wir zusammen getanzt. Matty wäre aufrecht dagestanden, fast ohne sich zu bewegen, und ich um ihn herumgewirbelt.

Wir blieben nicht die ganze Zeit zusammen. Wir kannten jeden der Anwesenden – viele von ihnen verkehrten in unserem Pub –, und wir lösten uns voneinander, um mit verschiedenen Freunden zu reden, bevor wir nach einer Weile wieder zusammenkamen. Vermutlich habe ich ihn geknuddelt, denn das habe ich ständig getan. Die Leute dachten oft, wir seien Freund und Freundin, was uns beide amüsierte. »Nein«, sagte ich dann lachend, »er ist mein Bruder.«

Irgendwann bot einer unserer Gäste mir eine Mitfahrgelegenheit nach Hause an. Ich fragte Matty, ob er mitkommen wolle. Er verneinte.

Das ist der Moment. Wenn ich die Uhr zurückdrehen und ihn zwingen könnte, mit mir mitzukommen, dann wäre alles anders geworden. Natürlich weiß ich, dass das unmöglich ist. Ich wünschte nur, ich könnte dem Mädchen mit den hennaroten Haaren in den Kleidern vom Wohlfahrtsladen sagen, dass es alles aufschreiben soll, was passiert ist.

Schreib es auf, würde ich sagen. Du wirst es nicht tun wollen – du wirst glauben, dass sich jedes Detail für immer in dein Gehirn eingebrannt hat. Du weißt es noch nicht, aber du wirst vergessen. Du wirst vergessen, worüber du geredet hast, mit wem du geplaudert hast, ob du getanzt hast. Ein paar Jahre lang wirst du dich noch erinnern, was Matty gesagt hat, als er diese Mitfahrgelegenheit ausschlug, du wirst sein schiefes Grinsen vor Augen haben – das letzte Mal, dass du sein attraktives Gesicht so lebhaft gesehen hast –, aber dann wirst du vergessen. Du wirst ihn nicht mehr sehen können. Du wirst dich nicht mehr an ihn erinnern können. Du wirst zu zweifeln beginnen, ob du wirklich hingegangen bist und ihm eine Mitfahrgelegenheit angeboten hast. Du wirst dir Gedanken darüber machen, dass seine Reaktion so typisch ironisch war, wirst dir nicht sicher sein, ob du sie dir nur eingebildet oder sie später geträumt hast, wirst dich fragen, ob du dir am Ende gar nicht die Mühe gemacht hast, ihn zu finden, um ihm diese Mitfahrgelegenheit anzubieten, oder nach ihm Ausschau gehalten, dich aber nicht allzu sehr bemüht hast. Das bedeutet, vielleicht war alles deine Schuld, und auch wenn du nicht wirklich glauben wirst, dass es so sein könnte, wird es dir im Laufe der Jahre Sorgen bereiten, dass du dich nicht daran erinnern kannst – oder vielmehr, dass du dich zu sehr daran erinnert und den Bogen so weit überspannt hast, bis es aus der Wirklichkeit herausgesprungen und zu einer Fiktion geworden ist.

Als Matty und ich klein waren, hatten wir eine Weihnachtsschallplatte, zu der wir tanzten und auf der die meisten Lieder einen Text hatten, nur »Frosty der Schneemann« war instrumental.

»Warum hat Frosty keine Worte?«, fragten wir unseren Vater. Der konnte sich nie einen Scherz verkneifen und sagte daher, das sei, weil wir die Schallplatte so oft gespielt hätten, dass wir die Worte abgerieben hätten. Jahrelang dachten wir, das sei wahr, und hatten Angst, die Worte in den anderen Liedern, die uns gefielen, könnten durch übermäßigen Gebrauch ebenfalls verschwinden. Wir spitzten die Ohren, um herauszuhören, ob sie allmählich schwächer wurden.

Heute weiß ich, dass Worte nicht durch übermäßigen Gebrauch von Liedern abgerieben werden, aber ich weiß auch, dass die Erinnerung tatsächlich bis zum Punkt der Zerstörung verändert wird, wenn man den Bogen überspannt.

Wir waren im Rainbow. Ich bekam eine Mitfahrgelegenheit angeboten. Ich machte mich auf die Suche nach Matty und fragte ihn, ob er mit uns mitkommen wolle. Er lehnte gegen den Billardtisch, die langen Finger um sein Pintglas gelegt. Er trug Jeans, eine braune Lederjacke und sein damaliges Lieblings-T-Shirt, weiß mit The The in großen roten Lettern darauf.

»Nein«, grinste er. »Ich werde noch ein bisschen hier abhängen. Vielleicht habe ich ja Glück.«

Und ich warf ihm ein halbes Lächeln zu, eine hochgezogene Augenbraue, ein schräges »Was bist du nur für ein arroganter Scheißkerl?«-Nicken, und dann verließ ich das Rainbow und stieg in den Wagen.

Als ich Matty das nächste Mal sah, lag er auf der Straße. Und er hatte nie wieder, in keinem Sinn des Wortes, irgendein Glück.

IN SCHWIERIGKEITEN

Es war etwa ein Uhr morgens, als ich vom Rainbow nach Hause kam. Der Pub war dunkel, meine Eltern waren schon zu Bett gegangen. Ich stieg die Hintertreppe hoch, ging an Mattys Zimmer vorbei und weiter zu meinem eigenen. Ich zog mich aus, nahm die Schleifen aus meinen Haaren und betrachtete die salbei- und fliederfarbenen Wände. Dann legte ich mich ins Bett.

Was tat ich wohl sonst noch? Worüber dachte ich nach, bevor die Ereignisse jener Nacht alles andere beiseiteschoben? Vielleicht hörte ich mir ein Mix-Tape an, oder ich legte eine Schallplatte auf meinem Plattenspieler auf, der schwarz mit grünen und violetten Knöpfen war. Matty hatte den gleichen, Geschenke von unseren Eltern im vergangenen Jahr zu Weihnachten. Las ich in einem Buch? Es ist anzunehmen. Ich las alles von Jane Austen bis Jilly Cooper. In letzter Zeit hatte ich auf dem College Julian Barnes entdeckt und beschlossen, Französisch zu studieren, damit ich auf einem Dachboden in Paris leben und Flaubert in seiner eigenen Sprache erkunden könnte. Ich liebte die Vorstellung, Romane auf Französisch zu lesen.

Damals war Lesen für mich noch ein Vergnügen und kein Selbstschutz. Es war die letzte Nacht, in der ich mich nicht davor fürchtete, die Augen zu schließen, voller Angst vor dem, was ich sehen könnte. Die letzte Nacht, in der mir nicht davor graute, was passiert sein könnte, bis ich wieder aufwachte.

Ich war gerade dabei, wegzudämmern, als ich draußen auf dem Parkplatz jemanden rufen hörte. Das war nichts Ungewöhnliches. Gäste tauchten oft mitten in der Nacht auf und suchten nach ihren Brieftaschen oder Schlüsseln oder Ehefrauen. Ich stand auf und öffnete mein Fenster, um zu sehen, was los war. Der Mann unten wirkte weder wütend noch betrunken. Er stand neben seinem Wagen. Die Scheinwerfer waren eingeschaltet, und ich konnte eine Frau auf dem Beifahrersitz erkennen.

»Wohnt hier Matthew Mintern?«

»Ja. Ich bin seine Schwester.«

»Dann kommen Sie besser runter, er steckt in Schwierigkeiten.«

Schwierigkeiten. Ein beunruhigendes Wort, aber nichts allzu Dramatisches. Ich schlüpfte in die Kleider, die ich eben erst ausgezogen hatte, während ich einen Adrenalinschwall verspürte, der nicht wirklich unangenehm war. Kein Grund, meine Eltern zu wecken. Ich konnte es klären, was immer es war. Irgendein dummer Scherz. Irgendein Schuljungenstreich. Nichts, was von einer verständnisvollen älteren Schwester nicht beigelegt werden könnte. Matty würde mir dankbar sein. Ich würde ein bisschen böse auf ihn sein, aber dann würden wir darüber lachen. Es vielleicht den Eltern erzählen, vielleicht auch nicht.

Ich griff nach meinen Schlüsseln, schnappte mir meine Handtasche und stürmte die Treppe hinunter und auf den Parkplatz hinaus. Der Mann fuhr los, sobald ich auf die Rückbank geklettert war. Er erklärte mir, dass Matty von einem Auto angefahren worden war, das nicht mal angehalten hatte. Er selbst und seine Freundin hatten in dem Wagen dahinter gesessen. Sie hatten gebremst, Mattys Namen von den Mädchen erfahren, mit denen er die Straße entlanggegangen war, von der Telefonzelle am Rand des Dorfs einen Rettungswagen gerufen und waren dann weiter zum Pub gefahren.

Mir war sofort klar, dass das hier schwerwiegender war als alles, was ich mir hätte vorstellen können. Ich wünschte, ich hätte meine Eltern geweckt, aber jetzt war es zu spät, um daran etwas zu ändern.

Als wir an der Straße hielten, sah ich Unmengen von Leuten im Licht der Scheinwerfer stehen, dieselben Leute, die im Rainbow gewesen waren und auf derselben Straße nach Hause gingen. Sie bildeten eine Gasse, und ich schwebte zwischen ihnen hindurch. Ich hörte sie sagen: »Das ist seine Schwester.«

Matty lag auf der Straße. Er sah so lang aus; sein Körper war mit Jacken zugedeckt. Ein Mädchen namens Vicky, das wir kannten, sagte mir, dass er bewusstlos sei und dass sie ihn in die stabile Seitenlage gebracht habe. Ich kniete mich neben ihn, berührte seine Stirn, strich mit den Fingerrücken über seine Wange. Er hatte die Augen geschlossen. Sein Gesicht schien unverletzt. Ich konnte kein Blut sehen. Ich fühlte nach seinem Puls. Fand ihn. Ließ die Finger um sein Handgelenk gelegt, um den Beweis dafür zu spüren, dass er lebte.

Eines der Mädchen, mit denen er unterwegs gewesen war, sagte mir, ein Wagen sei aus dem Nichts aufgetaucht. Sie waren zu dritt auf der Straße gegangen, Matty ganz außen, und auf einmal war er nicht mehr da gewesen. Dann war sein Körper vor ihnen auf die Straße gekracht, und der Wagen war davongeschossen.

»Er hat mir seine Jacke gegeben«, stieß sie unter Tränen hervor. »Er hat sie mir gegeben, weil mir kalt war.«

Viele Mädchen weinten. Ein Hauch betrunkener Hysterie lag in der Luft, und ich wusste, dass ich ruhig bleiben musste und mich nicht davon anstecken lassen durfte. Vicky und ich forderten die Leute auf, zurückzutreten, um Matty nicht einzuengen, und ein paar der Männer hatten in der anderen Richtung einen Kreis gebildet, um den entgegenkommenden Verkehr zu warnen.

Sirenen, Blinklichter. Als der Rettungswagen kam, konnte ich an dem Verhalten der Männer erkennen, wie ernst es war. Sie hoben Matty auf eine Tragbahre und schoben sie hinten hinein.

»Du bist seine Schwester? Steig ein, Mädchen.«

Sie waren so schnell, so geschickt. Einer von ihnen zerschnitt Mattys T-Shirt mit einer, wie es aussah, großen Schere. Die roten Buchstaben des The The waren nicht mehr zu erkennen, da das ganze T-Shirt blutdurchtränkt war.

»Aber ich kann gar keine Schnittwunden sehen«, sagte ich. »Warum ist da so viel Blut?«

»Das kommt von seinem Hinterkopf, Mädchen«, antwortete der Rettungssanitäter. Ich fühlte mich, als hätte er mir eine Faust in den Magen gerammt. Der Mann gab mir kleine Aufgaben, zeigte mir, wie ich die Pflaster auf Mattys Brust kleben und wie ich die Kabel festklemmen sollte.

Der Fahrer sprach über Funk. »Wir haben hier einen schweren Fall«, sagte er. »Ich denke, wir reden von Pinderfields.«

Ich wusste, dass Pinderfields ein großes Krankenhaus in der Nähe von Wakefield war.

Der andere Mann erklärte, dass wir sofort zum Pontefract Hospital fahren würden, damit Matty stabilisiert und sein Zustand eingeschätzt werden konnte, bevor er in irgendein größeres Krankenhaus verlegt werden würde.

»Red weiter mit ihm, Kleine«, sagte er. »Sorg dafür, dass er bei uns bleibt.«

Ich redete und redete und redete. Ich sagte Matt, dass alles gut werden würde. Ich erzählte ihm von dem Mann, der zu dem Parkplatz hinter dem Pub gekommen war.

»Wenn er an die Vordertür gekommen wäre, hätte er Mum und Dad erwischt. Ich hätte sie wecken sollen. Ich werde sie vom Krankenhaus aus anrufen.«

Ich hatte das Gefühl, dass Matty eine kleine Schwäche für Vicky hatte, und ich quasselte auf ihn ein, dass das hier wohl eine etwas extreme Art sei, ihre Aufmerksamkeit zu bekommen.

Ich redete noch immer, als wir das Pontefract erreichten und er von mir weggerollt wurde. Ich wollte mitkommen, aber sie ließen mich nicht.

»Sie müssen mir helfen, ein paar Formulare auszufüllen, Liebes«, sagte eine Schwester, während sie einen Arm um mich legte.

»Viel Glück, Mädchen«, sagte der Rettungssanitäter.

Ich setzte mich in ein Büro. Dort erzählte ich der Schwester, dass Matthew Peter Mintern sechzehn war und im Bell and Crown in Snaith lebte. Ich nannte ihr die Namen meiner Eltern als nächste Angehörige.

»Ich muss ihnen Bescheid geben«, sagte ich.

Die Schwester ließ mich ihr Bürotelefon benutzen. Ich nahm den klobigen Hörer in die Hand und begann die Nummer zu wählen. Vor der letzten Ziffer hielt ich einen Moment inne. Ich dachte, wie verblüfft meine Eltern sein würden, mich am Telefon zu hören, während sie davon ausgingen, dass ich auf der anderen Seite des Flurs in meinem Zimmer war. Ich dachte, dass ihnen nur noch Sekunden eines seligen Schlafs blieben, nicht ahnend, was mit Matty passiert war. Ich konnte es nicht länger aufschieben. Wir beide brauchten sie. Ich wählte die letzte Ziffer, eine Neun, während ich mir vorstellte, wie die Stille in ihrem Schlafzimmer erschüttert wurde.

»Ich bin mit Matty im Pontefract Hospital. Er wurde angefahren. Sie sagen, dass es sehr ernst ist.«

Meine Lippen bebten leicht bei dem »ernst«, aber es war ein ruhiges und effizientes Gespräch.

Ich ging zum Eingang der Notaufnahme, um auf ihre Ankunft zu warten. Mehrere Männer, die in eine Schlägerei geraten waren, schimpften, dass sie schon zu lange warteten, und eine Schwester wies sie zurecht. »Der Bruder dieses jungen Mädchens hier wurde angefahren, und das ist der Grund, weshalb wir keine Zeit für euch haben«, erklärte sie. Sie benahmen sich prompt anständig. Einer von ihnen kaufte mir einen Becher Tee aus dem Automaten, und sie versammelten sich um mich, die breiten, blutverschmierten Gesichter voller Freundlichkeit und Besorgnis.

Meine Gefasstheit schwand in dem Moment, in dem meine Eltern auftauchten. Wir setzten uns auf die festgeschraubten Plastikstühle, und ich schluchzte an der Schulter meiner Mutter, während mein Vater den Arm um sie legte. Wenige Minuten darauf wurden wir zu Matty gebracht. Er lag auf einem Bett, die Augen geschlossen, eine Krause um den Hals und eine Sauerstoffmaske über dem Gesicht. Flecken von getrocknetem Blut waren auf seinem oberen Brustbereich und seinem Gesicht, aber er sah beruhigend normal aus.

»Er ist ein großer Junge«, sagte Dad. »Einen solchen Schlag verkraftet er schon.«

Der Arzt erklärte uns, dass Matty eine ernste Kopfverletzung habe und ins Allgemeinkrankenhaus von Leeds verlegt werden würde. Dass dort ein Chirurg auf ihn wartete. Wir folgten dem Rettungswagen in unserem eigenen Auto, und ich legte mich auf die Rückbank und starrte zwischen meinen Tränen auf die Lichter der Autobahn, während ich an all die Male dachte, die wir nachts von Yorkshire nach Cornwall gefahren waren, um meine Großeltern zu besuchen. Matty und ich teilten uns die Rückbank, die Füße neben das Gesicht des jeweils anderen gelegt. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie wir die Knie anzogen, unsere Fußsohlen aneinanderlegten und so taten, als würden wir Rad fahren.

Matty wurde in aller Eile in den OP gebracht, sobald wir nach Leeds kamen, daher bekamen wir ihn nicht zu sehen. Ich war außer mir, aber Mum erklärte mir, dass wir nicht im Weg sein sollten, dass all die Zeit, die wir mit ihm verbrächten, die Operation hinauszögern würde … seine Heilung hinauszögern würde. Das beruhigte mich ein bisschen. Wir wurden in einen kleinen Raum mit einem Tisch und ein paar Stühlen, einem Wasserkocher und einem Aschenbecher geführt und tranken, wie es uns schien, Stunden über Stunden Tee. Ich bemerkte einen Guinness-Fleck am unteren Saum meines cremefarbenen Hemds, und ich wusste, dass es passiert sein musste, als ich mich vorhin bei der Arbeit über den Zapfhahn gebeugt hatte. Wie sehr sich die Welt in der Lebensspanne dieses kleinen Flecks verändert hat, dachte ich. Schließlich zündete ich mir eine Zigarette an. Ich hatte noch nie vor meinen Eltern geraucht, aber inzwischen gehörte diese kleine Heimlichkeit einem anderen Universum an. Auf meiner Handtasche prangte ein Blutfleck. Es war eine große braune Lackledertasche für alte Damen, die ich in einem Wohlfahrtsladen gefunden hatte. Ich nannte sie Gladys. Wie albern, dachte ich, einer Handtasche einen Namen zu geben, wie kindisch – ich werde sie nie wieder Gladys nennen. Und dann sah ich hinunter und bemerkte die Blutflecken auf meinen Händen. Ich wollte sie nicht abwaschen. Ich hatte in unserem Schultheaterstück die Lady Macbeth gespielt und ihre Monologe für meine Theaterprüfung bei meinem mittleren Schulabschluss gesprochen. Ich dachte an sie, außerstande, das Phantomblut von den Händen zu waschen.

Wenn Matty stirbt, dachte ich, dann werde ich mir nie wieder die Hände waschen.

Schließlich wurden wir in einen anderen Raum geführt, das Familienzimmer auf der Intensivstation. Der Chirurg erklärte uns, dass er einen Pfropf aus Mattys Gehirn und einen Teil seines Schädels entfernt habe, um eine Schwellung zuzulassen. Es war zu früh, um zu sagen, ob die Operation erfolgreich verlaufen sei und was die Zukunft für Matty bereithalten könnte.

»Ich habe Ihrem Sohn das Leben gerettet, Mr. Mintern«, sagte der Chirurg. »Wir wissen noch nicht, ob es das Richtige war.«

»Wird er laufen können?«, fragte ich.

Er sah mich erschöpft an. »Im Moment können wir noch gar nichts sagen.«

Er erklärte uns, dass Matty mindestens achtundvierzig Stunden lang sediert werden würde. Er musste sich ausruhen – sie wollten nicht, dass er schon aufwachte. Wir könnten bald zu ihm.

Wir warteten weiter in dem kleinen Raum, und ich rollte mich auf dem Sofa zu einer Kugel zusammen und weinte. Ich konnte noch immer nicht glauben, was passiert war. Eine andere Familie kam – die Eltern und die Freundin eines Mannes Mitte zwanzig namens Alex. Seine Freundin war von ihrer Nachtschicht als Krankenschwester nach Hause gekommen und hatte ihn zusammengebrochen neben ihrem Bett gefunden.

»Ich dachte, er sei betrunken«, erzählt sie. Ihr Gesicht war fleckig und verquollen von Tränen. Mir wurde bewusst, dass ich genauso aussehen musste wie sie, mit derselben fassungslosen Miene.

»Ich kann nicht glauben, dass ich dachte, er sei betrunken. ›Steh schon auf‹, habe ich gesagt und ihn geschüttelt. Und dann habe ich es begriffen.«

Schließlich brachte uns eine Krankenschwester zu Mattys Bett am anderen Ende der Intensivstation. Sein Kopf und seine Arme waren mit weißen Verbänden umwickelt, seine Brust war entblößt, und auf seiner Haut waren orangefarbene Flecken zu sehen, was, wie die Schwester uns sagte, Jod von der Operation war.

Ich sah zu, wie sich seine Brust hob und senkte. Ich sah zu, wie der Monitor das Schlagen seines Herzens anzeigte. Achtundvierzig Stunden, dachte ich. Zwei ganze Tage, in denen wir diese Unsicherheit ertragen müssen, ob er leben oder sterben wird.

Meine einzige Befürchtung an diesem Punkt war, dass er sterben könnte. Davor hatte ich schreckliche Angst, seit ich vor dem Pub zu dem Mann in den Wagen gestiegen war. Würde er sterben, bevor ich zu ihm kam, würde er im Rettungswagen sterben, würde er im Pontefract sterben, würde er im zweiten Rettungswagen sterben, würde er bei der Operation sterben? Ich kannte andere Jungen, andere junge Männer, die gestorben waren. Da gab es William, mit dem ich zur Schule gegangen war und der mit seinem Motorrad verunglückt war, oder den süßen, sanftmütigen Garry, einen unserer Gäste, der von einer Gang im verschlafenen Rawcliffe zu Tode getreten worden war; wie sich später herausgestellt hatte, hatten sie ihn mit jemandem verwechselt. Und Rory, einen anderen Gast und Freund der Familie, dessen Wagen nicht weit von Mattys Unfallstelle von der Straße abgekommen war. Ich war mit der Vorstellung vertraut, dass junge Männer auf plötzliche und tragische Weise zu Tode kamen. In der Woche zuvor hatte ich sogar geträumt, dass Matty bei einem Motorradunfall gestorben sei. Den Begriff »Kopfverletzung« aber hatte ich noch nie in diesem Zusammenhang gehört.

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